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Full text of "Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen"

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HANDßoUND 
AT THE 



UNIVERSITY OF 
TORONTO PRESS 



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ARCHIV 



FÜR DAS 

STUDIUM DER NEUEREN SPRACHEN 
UND LITTERATUREN. 

BEGRÜNDET VON LUDWIG HERRIG. 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

ADOLF TOBLER UND JULIUS ZUPITZA. 



XLIX. JAHRGANG, 95. BAJ^D. 



BRAUNSCHWEIG. 

DRUCK UND VERLAG VON GEORGE WESTERMANN. 
1895. 



■As 



Inhalts-Verzeichnis des XOV. Bandes. 

Julius Zupitza f. 

Abhandlungen. 

Seite 
Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoflfe. IV. Von V. Ryssel . 1 
Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. Von A. L. Stiefel . 55 
Goethes satirisch-humoristische Dichtungen epischer, gemischt und rein lyri- 
scher Gattung. Von HermannHenkel 107 

Triomphe d'Argent Von G. Schmilinsky 131 

Julius Zupitza. Von Arthur Napier und Max Roediger 241 

Anmerkungen zu Jakob Rymans Gedichten. V. Teil. Von Julius Zu- 
pitza 259 

Die Abfassungszeit des 'Sommernaohtstraums'. Von G. Sarrazin . . . 291 
Job. Haselberg aus Reichenau und Jakob Schenk aus Speier. Ein Beitrag 
zur Volks- und Übersetzungslitteratur des 16. Jahrhunderts. Von 

F. W. E. Roth 301 

Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. 

Von Dr. A. Schmidt 353 

Anmerkungen zu Jakob Rymans Gedichten. VI. Teil. Von Julius Zu- 
pitza 385 

Beiträge zu Andre Chenier. Von Oscar Schultz 407 

Kleine Mitteilungen. 

Zum Andenken an Adelbert Hoppe. (Immanuel Schmidt) 153 

Eine weitere mittelenglische Übersetzung der Disticha Catonis. (A. S. Napier) 163 

Spensers 'Blatänt Beaat'. (Emil Koeppel) 164 

Zum Märchen vom Tanze des Mönches im Dornbusch. (J. Zupitza) . . 168 

Bruchstücke eines alten Druckes des Eglamour of Artois. (J. Hall) . . 308 

Sitzungen der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen 431 



IV 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Seite 

Abhandlungen, Herrn Prof. Dr. Adolf Tobler zur Feier seiner fünfund- 
zwanzigjährigen Thätigkeit als ordentlicher Professor an der Universität 
Berlin von dankbaren Schülern in Ehrerbietung dargebracht. (Adolf 
Tobler) 198 

The Woman who did. By Grant Allen. (J. Z.) 446 

Bahlsen, s. Becker, auch Schenck. 

Erckmann-Chatrian, Histoire d'un Conscrit de 1813. In Auszügen mit Anmer- 
kungen zum Schulgebrauch herausgegeben von Prof. Dr. K. Bandow. 
Ausgabe B. — Dasselbe. Mit 2 Karten. Für den Schulgebrauch er- 
klärt von Strien. 2. Auflage. — Erckmann-Chatrian, Vier Erzäh- 
lungen. Mit Anmerkungen herausgegeben von Prof Dr. K. Bandow. 
(Fafsbender) 467 

Questionnaire zu Ulbrichs Elementarbuch der französischen Sprache. Zu- 
sammengestellt von Dr. K. Becker und Dr. L. Bahlsen. (Fr. Speyer) 464 

A Eoman of Dijon. By M. Betham-E dwards. (J. Z.) 196 

Highland Cousins. A Novel. By William Black. (J. Z.) 444 

Henri de Kleist. Sa Vie et ses ffiuvres par Raymond Bonafous. (Richard 

Maria Werner) 181 

German Classics edited with Introduction, Notes and Index by C. A. Buch- 
heim. Vol. XII. Goethe's Dichtung und Wahrheit (The First Four 
Books). (Ad. Müller) 314 

Of Royall Educacion. A Fragmentary Treatise by Daniel Defoe. Edited 
for the First Time, with Introduction, Notes, and Index, by Karl D. 
Bülbring. (J. Z.) 442 

The Old, Old Story. A Novel. By Rosa Nouchette Carey. (J. Z.) . . 194 

Dante e la Calabria, Studio di S. de Chiara. Poiche la caritä del natio 

loco Mi strinse, raunai le fronde sparse, Dante, Inf. XIV. (H. Buchhollz) 470 

On English Life and Customs. Aufsätze aus verschiedenen englischen 
Schriften zusammengestellt und erläutert von Dr. Hermann Conrad. 
(Immanuel Schmidt) 190 

The Ralstons. By F. Marion Crawford. (J. Z.) 443 

L. C r o u s 1 e : Fenelon et Bossuet. (R. Mahrenholtz) 218 

Le Theätre Fran9ais sous Louis XIV par Eugene Despois. Im Auszug und 
für den Schulgebrauch herausgegeben und mit Anmerkungen versehen 
von Dr. Georg Erzgraeber. (Fr. Speyer) 223 

Gl au n in g, s. Münch. 

Lectures sur les Principales Inventions Industrielles et les Principales In- 
dustries par P. Maigne. Ausgewählt, für den Schulgebrauch heraus- 
gegeben und erklärt von Dr. Ew. Goerlich. (Fr. Speyer) .... 223 

Dr. Ew. Goerlich. Materialien für freie französische Arbeiten. Ein Hilfs- 



V 

Seite 
buch für den franz. Unterricht an sämtlichen höheren Lehranstalten. 

(E. Pariselle) 461 

The God in the Car. By Anthony Hope. (J. Z.) 445 

Edmond Huguet, Etüde sur la syntaxe de Kabelais comparee h celle des 

autres prosateurs de 1450 k 1550. (Albert Stimming) 207 

Emile Littre. Comment j'ai fait mon dictionnaire de la langue fran9aise. 
Causerie. Für den Schulgebrauch erklärt von J. Imelmann. (Adolf 
Tobler) 327 

Sketches of English Culture by Thomas Wright, herausgegeben von Dr. C. 

Klöpper, (Immanuel Schmidt) 456 

Der Versbau Robert Garniers. Von Dr. Paul Körner. (Felix Kalepky) 460 

Über die provcnzalischen Feliber und ihre Vorgänger. Rektoratsrede ge- 
halten von Eduard Koschwitz. (Oscar Schultz) 324 

Grammaire historique de la Langue des Fellbres par Edouard Koschwitz. 

(Oscar Schultz) 326 

Sammlung Englischer Gedichte. Zusammengestellt von A. Lepzien. (Imma- 
nuel Schmidt) 460 

F. Lindner, Henry Fieldings Dramatische Werke. Litterarische Studie. 

(0. Glöde) 186 

The Pi'ince and the Pauper by Mark Twain. Herausgegeben von Dr. E. 

Lobedan z. (Ad. Müller) 312 

Baker, History of the English People, im Auszuge herausgegeben und erklärt 

von Dr. Heinrich Loewe. (Immanuel Schmidt) 193 

E. Maddalena, Raccolta di prpse e poesie italiane annotate ad uso dei 

Tedeschi. (Adolf Tobler) 333 

Beside the Bonnie Brier Bush. By lan Maclaren. (J. Z.) 444 

Kensington Palace in the Days of Queen Mary IL A Story. By Emma 

Marshall. (J. Z.) 448 

Goethe. Von Richard M. Meyer. (R. M. Werner) 178 

Neues Taschen- Wörterbuch der italienischen und deutschen Sprache für den 

Schul- und' Handgebrauch von H. Michaelis. (H. Buchholtz) . . . 472 

Colonel Norton. A Novel. By Florence Montgomery. (J. Z.) . . . 451 

Tales of Mean Streets. By Arthur Morrison. (J. Z.) 449 

Didaktik und Methodik des französischen und englischen Unterrichts von 

Dr. Wilhelm Münch und Dr. Friedrich Glauning. (Adolf Tobler) 328 

La Navigation Transatiantique et les Navires ä Vapeur par Maurice De- • 
moulin. Im Auszuge mit Anmerkungen zum Schulgebrauch heraus- 
gegeben und mit einem alphabetischen Verzeichnis aller Fachausdrücke 
versehen von Dr. G. van Muyden. (Fr. Speyer) 223 

Der kleine Toussaint-Langenscheidt. Französisch. Unter Mitwirkung von 

Professor G. Langenscheidt von Dr. G. van Muyden. (A. T.) . . 463 

Nachtrag zu Archiv XCV, 189. (G. Opitz) 474 



Seite 
A Victim of Good Luck. A Novel. By W. E. Norris. (J. Z.) ... 443 

The Beauties of Nature by Sir John Lubbock. In gekürzter Fassung zum 

Schulgebrauch herausgeg. von Oberlehrer G. Opitz. (Immanuel Schmidt) 459 

A Study in Prejudices. By George Pas ton. (J. Z.) 449 

Rime antiche italiane seeondo la lezione del codice vaticano 3214 e del 

codice casanatense d. v. 5 pubblicate per cura del dott. Mario Pelaez. 

(Adolf Tobler) 225 

The Impregnable City. A Romance. By Max Pemb ertön. (J. Z.) . . 452 

Mrs. Bouverie. By F. C. Philips. (J. Z.) 195 

A Question of Colour and other Stories. By F. C. Philips. (J. Z.) . . 448 

Programmschau. (L. Kölscher) 225. 335 

Chapters from Some Memoirs. By Anne Thackeray Ritchie. (J. Z.) . . 197 
F. W. Gesenius, Englische Sprachlehre. Völlig neu bearbeitet von Dr. Ei-nst 
Regel. II. Teil. Lese- und Übungsbuch nebst kurzer Synonymik. 

(Ad. Müller) 313 

A Daughter of Judas. A Tale of New York City Fin-de-Siecle-Life. By 

Richard Henry Sa vage. (J. Z.) 196 

Newton by Sir David Brewster. Im Auszuge und mit Anmerkungen zum 
Schulgebrauch herausgeg. von Dr. L. Schenck und Dr. L. Bahlsen. 

(Immanuel Schmidt) , 452 

Georg Schlaeger, Studien über das Tagelied. (E. Freymond) .... 320 
Merimee, Colomba. In gekürzter Fassung herausgegeben und erklärt von 

O. Seh mag er. 2. Auflage. (Fr. Speyer) 4G6 

Übungsstücke zum Übersetzen aus dem Deutschen ins Fi-anzösische. Für 
den Schul- und Privatgebrauch bearbeitet von J. Schul thefs. Vier- 
zehnte durchgesehene Auflage. (PV. Speyer) 465 

Suchier und Wagner, Ratschläge für die Studierenden des Französischen 

und des Englischen an der Universität Halle. (Carl Friesland) . . , 334 

Über die Chronologie von Jean Rotrous dramatischen Werken von A. L. 

Stiefel. (Oscar Schultz) 323 

Strien, s. Bandow. 

Deutsches Geistesleben. Vorträge von Rudolf Thimm. Herausgegeben von 
seiner Witwe. Mit einer biographischen Einleitung von J. H. Zweite 
Auflage. (Ludwig Fränkel) 441 

Adolf Tobler, Vermischte Beiträge zur französischen Grammatik. Zweite 

Reihe. (A. Risop) 315 

Die vier Jahreszeiten für die englische Konversationsstunde, nach Hölzeis 
Bildertafeln bearbeitet von E. Towers-Clark. Zweite, vermehrte und 
verbesserte Auflage. — Übungen für die englische Konversationsstunde, 
nach Hölzeis Bildertafeln bearbeitet von E. Towers-Clark. Heft 5 — 8. 
(Ad. Müller) 312 

Dr. H. Th. Traut, Französische Aufsatz- und Briefschule. Eine Sammlung 



VII 

Seite 

von Musteraufsätzen, Briefen und Eutwürfen. Mit Einleitungen und 
Präparationen. Für die Oberklassen höherer Schulen und zum Privat- 
studium. 2. Auflage. (E. Pariselle) : . . . . 462 

Wagner, s. Suchier. 

Erwin Walther, Wissenschaftliche Fortbildungsblätter für Lehrende und 

Lernende der französischen Sprache. (Adolf Tobler) 217 

Anschauungsunterricht im Englischen mit Benutzung von Hölzeis Bildern 

von Dr. Edmund Wilke. (G. Opitz) 188 

New Eiiglish Reading-Book for the Use of Middle Forms in Germau High- 
Schools by Dr. Hubert H. Wingerath. (G. Opitz) 189 

Goethes Leben und Werke. Mit besonderer Rücksicht auf Goethes Bedeu- 
tung für die Gegenwart. Von Eugen Wolff. (R. M. Werner) . . . 178 

The Honour of Savelli. A Romance. By S. Levett Yeats. (J. Z.) . . 445 

Verzeichnis der vom 20. April bis zum 15. Juli 1895 bei der Redaktion 

eingelaufenen Druckschriften 237 

Verzeichnis der vom 16. Juli bis zum 21. September 1895 bei der Redaktion 

eingelaufenen Druckschriften 342 

Verzeichnis der vom 22. September bis zum 30. November 1895 bei der Re- 
daktion eingelaufenen Druckschriften 475 



Syrische Quellen abeiidliiiidisclier Erzähluiigsstoffe. 



IV. Die Silvesterlegende. 

Zu den im Mittelalter allgemein beliebten und weit verbrei- 
teten Erzähl ungsstoifen gehört auch die Legende vom römischen 
Bischof Silvester (314—335), in welcher die Taufe und die Hei- 
lung des Kaisers Konstantin den Mittel- und Höhepunkt bilden. 
Der gesamte Umfang ihres Inhaltes ist in den sogenannten Acta 
Silvestri aufgezeichnet, welche in griechischer, in lateinischer 
und in syrischer Sprache ' existieren. Welche Bedeutung man 



' Von den verschiedenen Texten der griechischen Silvesterlegende, die 
übrigens in einigen Handschriften dem Eusebius von Cäsarea beigelegt 
wird (vgl. Fabricius-Harles, Bibliotheca Qrceca VII, p. 407, und Harnack- 
Preuschen, Geschichte der altchristl. Litteratur bis Eusebius, I. Teil, 1898, 
S. 585) ist bis jetzt einer gedruckt: in Combefis' Illustrium Christi Mar- 
tyrum lecti triumphi, Paris 1659, und zwar am Ende des Bandes, unter 
dem Titel Sancti Silvestri Romani Antistitis Acta Antiqua probatiora. 
Dieser griechische Text stand mir nicht zur Verfügung; er stimmt, wie 
Nestle, De sancta cruce S. 79—81 zeigt, nicht wörtlich mit dem syrischen 
Texte der Anecdota Syriaca überein. Von diesem Texte unterscheidet 
Duchesne in der Einleitung zum ersten Bande seiner Ausgabe des TAber 
Pontificalis (s. Anm. 2) den griechischen Text, nach welchem die sogleich 
zu nennende Übersetzung bei Lipomanus und Surius angefertigt ist, und 
als dritten einen ungedruckten, in gewissen Handschriften der Pariser 
Bibliothek sich findenden ganz abweichenden Text; sonach gäbe es (min- 
destens) drei griechische Texte, die alle ungenügend bekannt seien. — 
Der lateinische Text, den ich zur Vergleichung herangezogen habe, findet 
sich in den Vitm Sanctorum des Lipomanus (Rom 1551 — 60, 8 Bde.) und 
hieraus abgedruckt in dem sechsten, die Monate November und Dezember 
umfassenden Bande von des Surius Werke De probatis Sanctorum Historiis 
Archiv f. n. Sprachen. XCV. 1 



2 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

aber dieser Legende beimafs, ergiebt sich aus der weiten Ver- 
breitung, die sie innerhalb der lateinischen, der griechischen und 
der orientalischen Litteratur gefunden hat. Spuren einer all- 
gemeinen Bekanntschaft mit ihr finden sich innerhalb der latei- 
nischen Litteratur des Abendlandes nicht blofs in den nahe ver- 
wandten Texten, wie in den symmachianischen Fälschungen und 
dem Liher Pontificalis ,^ sondern auch bei Venantius Fortunatus, 
Gregor von Tours, Beda Venerabilis und in anderen Litteratur- 
werken des Abendlandes, wie in den Schriften des Bischofs Ald- 
helm, von denen noch besonders die Rede sein soll. Innerhalb 
der griechischen und byzantinischen Litteratur stehen die Be- 
richte des Zosimus und des Sozomenus an Alter und Bedeutung 
obenan. Ein noch älterer Zeuge für die weite Verbreitung der 
Silvesterlegende bis in den Orient hinein ist der armenische Ge- 
schichtschreiber Moses von Chorene, der um 450 schrieb. Von 
ganz besonderer Bedeutung sind aber innerhalb der orientalischen 
Litteratur, wie wir sehen werden, die syrischen Behandlungen 
der Silvestersage: der Text der eigentlichen Silvesterlegende in 
der von Land im dritten Bande seiner Anecdota Syriaca her- 



(erste Ausgabe Köln 1575, S. 1052 — 1065; vgl. noch Acta Sanct., Dez. 
S. 368 ff.) mit der Überschrift Vita sancti patris nostri Sylvestri papcB 
Romani. Authore Simeone Metaphraste (auf welchen nach Adelb. Lipsius, 
Die apokryphen Apostelgeschichten II, 1, 396, auch der Text bei Combefis 
zurückzuführen ist); doch findet sich in der Ausgabe der Schriften des 
Simeon Metaphr. in Mignes Patrologia Qrcßca Tom. 114 — 116 nicht der 
griechische Text dieser Legende (nach Duchesne auch nicht in den Pariser 
Handschriften). Über einen alten lateinischen Strafsburger Druck, etwa 
vom Jahre 1470, berichtet Land, Anecdota Syriaca III, p. XVIII (s. unten 
S. 17). Von verschiedenen Abweichungen dieser Texte wird weiter unten 
(S. 8, spec. Anm. 9) die Eede sein. — Über die beiden Versionen des 
syrischen Textes, von denen wir den der Anecdota Syriaca Lands immer 
mit A, den von mir aus cod. Brit. Mus. syr. add. 12174 kopierten mit B 
bezeichnen, s. unten S. 18 ff. — Zum Stoffe der Silvesterlegende vgl. noch 
J. Döllinger, Papstfabeln des Mittelalters, 1863, S. 52 ff. 

^ Vgl. Duchesne, Etüde sur le Liber Pontificalis, Paris 1877, und den 
ersten Band seiner grofsen Ausgabe des Diber Pontificalis, Paris 1884/85, 
welche Werke mir nicht direkt zugänglich waren. Nach ihm hat ent- 
weder Armenien {Etüde S. 165 ff.) oder am wahrscheinlichsten die Gegend 
um Edessa und Nisibis {Lib. Pont. I, § 57 der Einleitung) als die Heimat 
der Acta Süvestri zu gelten (vgl. S. 7 f.). 



Syrische Quellen abendländischer Erzähluugsstoffe. 3 

ausgegebenen Geschichtskompilation, den wir hier zum erstenmal 
in deutscher Übersetzung veröffentlichen, und die Homilie des 
bekannten syrischen Homiliendichters Jacob von Sarug, welche 
A. Frothingham dem syrischen Wortlaute nach und in italienischer 
Übersetzung herausgegeben hat.^ In der Einleitung zu dieser 
Edition giebt der Herausgeber zugleich einen Überblick über die 
gesamte Litteratur der Silvesterlegende und behandelt auch in 
einem besonderen interessanten Abschnitte ihre Verwendung in 
den Monumenten und in der Kunst. 

Es sei in diesem Zusammenhang nur noch auf die weniger 
bekannte Thatsache hingewiesen, dafs in dem berühmten Kon- 
stantinssaale des Vatikans nach dem Plane Raphaels auf dem 
vierten Hauptbilde die Scene unserer Legende veranschaulicht 
werden sollte, wie Papst Silvester das Abschlachten unschuldiger 
Kinder vereitelte, in deren Blute Konstantin sich zu baden be- 
absichtigte, um sich von seinem Leiden zu heilen. Erst später 
wurden dann für dieses und das dritte Hauptbild zwei andere 
Gegenstände gewählt: die Taufe Konstantins — was sich wieder 
mit dem Stoffe der Legende Silvesters berührt — und die Schen- 
kung Roms. Doch gehen auf Raphael nur die Darstellungen der 
Erscheinung des Kreuzes und der Schlacht gegen Maxentius zu- 
rück; und auch hierfür sind nur die Entwürfe Raphaels durch 
Schülerhände zur Ausführung gekommen.* 

Von der Entstehung und allmählichen Weiterbildung der 



^ A. L. Frothingham, Uomelia di Qiacomo di Sarüg sul battesimo di 
Costantino imperatore, piihhlicata, tradotta ed annotata da A. L. Fr. Reale 
Aceademia dei Lincei. Anno CCLXXIX. 1881—82. Roma, 1882. Serie 5«. 
Memorie della Classe di scienxe morale, storiche et fdologiche. Vol. VIII. 
78 Seiten. Nach einem Überblick über die Litteratur und den Stoff" 
S. 4—8 behandelt Frothingham S. 8—14 die lateinische, S. 14—18 die 
griechische und byzantinische und S. 18 — 23 die orientalische Litteratur 
der S.-L. und S. 23—27 ihre Verwendung in den Monumenten und der 
Kunst. Sodann giebt er nach einer Beschreibung der Handschriften 
S. 28—31 und der arabischen Version S. 31 f. auf S. 33—52 eine italienische 
Übersetzung der Homilie. Der syrische Text, im ganzen 832 Zeilen (nicht 
Verse), umfafst 25 Seiten. 

"* Vgl. Sebastiano del Piombos Brief in Gottis Vita di Michelangelo 
I, S. 138, nach A. Woltmann und K. Woermann, Geschichte der Malerei 
Bd. 2, S. 653 f. 

1* 



4 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

Silvesterlegende giebt Frothingham im Anschlüsse an Duchesnes 
Etüde über den Liher Pontificalis (s. oben Anm. 2) folgendes 
anschauliche Bild. Da der erste christliche Kaiser Konstantin sich 
von Eusebius, dem arianischen Bischof der Stadt Nicomedien, 
am Ende seines Lebens taufen lieis (Eus., Vita Const. IV, 61), 
nachdem er schon nach dem Siege über Maxentius sich zum 
Christentum bekehrt hatte, so nahmen die Orthodoxen später an 
dieser Hinneigung zu den Arianern Anstofs und erfanden darum 
eine neue Überlieferung, nach welcher Konstantin wegen seiner 
Christenverfolgung vom Aussatze befallen und durch Silvester, 
den Bischof von Rom, von diesem durch die Taufe geheilt wird. 
Der Aussatz ist in dieser Legendenform wahrscheinlich sekundär, 
ein Wiederspiel der moralischen Mängel, von denen der erste 
christliche Kaiser behaftet war. Diese älteste Gestalt der Legende 
findet sich, wie bei Zosimus und Sozomenus, so auch im syrischen 
Texte, in welchem sogar die Heilung vom Aussatz ausdrücklich 
als ein äufseres Abbild der Reinigung von der inneren Unrein- 
heit durch die Sünde bezeichnet wird. Erst später fafste man 
dann den Aussatz als eine Folge der heidnischen Geburt, schil- 
derte ihn also, wie z. B. Jacob von Sarug, als eine angeborene 
Krankheit, während schliefslich nur noch von physischem Aus- 
satz die Rede war. 

Diese verschiedenen Gestaltungen der Legende treten nun 
aber innerhalb der Litteratur in sehr verschiedener Weise zu 
Tage. Bei den griechischen Schriftstellern findet sich bis ins 
achte Jahrhundert hin nur die ältere Form, wonach die physische 
Unreinheit des Aussatzes einen symbolischen Sinn hat, weshalb 
eben mit der Taufe zugleich der Aussatz und die Sünden aus- 
gerottet werden, während in der gewissermafsen vorlegendarischen 
Überlieferung, die der reinen Geschichtserzählung noch ganz nahe 
stand, doch bereits die Taufe als eine Reinigung von den Sün- 
den angesehen wurde. 

Aber auch abgesehen von den verschiedenen Formen der Le- 
gende ist ihre Verbreitung eine sehr verschiedene. In der grie- 
chischen Litteratur, wo schon im fünften Jahrhundert Zosimus und 
Sozomenus sie benutzen, tritt sie im sechsten Jahrhundert mehr 
und mehr zurück und verschwindet vorläufig fast ganz, so dafs 
im siebenten nur noch wenige Spuren von ihr bei den griechischen 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 5 

Schriftstellern nachzuweisen sind. Die Occidentalen adoptieren 
sie langsamer als die Griechen, legen ihr aber eine gröfsere Be- 
deutung bei, weil durch sie das Ansehen des römischen Stuhles 
ganz besonders herausgehoben und verklärt wird, was wiederum 
die Folge gehabt hat, dafs man lange Zeit lateinischen Ursprung 
der Legende für erwiesen hielt. In der orientalischen Litteratur 
kommen aufser dem Armenier Moses von Chorene besonders die 
Syrer in Betracht. Von dem syrischen Texte der Legende selber 
wird weiter unten noch ausführlich die Rede sein; auf Jacob 
von Sarug (f 521), der sie in der von Frothingham edierten und 
übersetzten, 832 Zeilen langen Homilie poetisch behandelte, folgt 
im achten Jahrhundert Dionysius von Tellmahre, sodann tritt sie 
erst im 13. Jahrhundert bei dem bekannten vielseitigen Schrift- 
steller Gregorius Barhebräus wieder auf. 

Als charakteristisches Beispiel für die Benutzung der Sil- 
vesterlegende in der abendländischen Litteratur des Mittelalters 
heben wir ihre Verwertung in den Schriften des bedeutenden 
altenglischen Schriftstellers Aldhelm, Bischofs von Sherborne 
(t 709), 5 heraus. Er erzählt in groiser Ausführlichkeit und dabei 
im Anschlüsse an die Legende die Thaten des Silvester in seiner 
Prosaschrift De laudihus virginitatis sive de virginitate sanc- 
torum, indem er ihn als ^ExempeP der JungfräuUchkeit schildert. 
Während er hier Silvesters Besiegung des die Pest aushauchen- 
den Drachen in Rom, seine Heilung des Konstantin vom Aus- 
satz, seine Disputation mit zwölf Magistern der Juden und seine 
Erscheinung im Traume Konstantins, dem er den Bau von Kon- 
stantinopel vorschreibt (letzteres ein der Legende fremdes Mo- 
ment), erzählt, fügt er in seinem Gedichte De laudihus virginum 
noch die Erzählung von dem Magier ^Zambrus', einem der zwölf 
^Magister^ (d. i. Rabbinen) bei. Da wir wissen, dafs die gelehrte 
Bildung Altenglands zum grofsen Teile auf die Sendung des zum 
Erzbischof von Canterbury geweihten tarsischen Mönches Theodor 
und seines Genossen Hadrian am Ende der sechziger Jahre des 



^ Vgl. jetzt auch Leo Bönhoff, Aldhelm von Malmesbury. Ein Bei- 
trag zur angelsächsischen Kirchengeschichte. Leipziger Doktordissertation. 
1894 (s. spec. S. 8 f. 49 ff. 71 f. 79. 109 ff.). Der oben mitgeteilte Stoff 
ist aus Eberts Allgemeiner Geschichte der Litteratur des Mittelalters im 
Abendlande, 2. Aufl., 1889, Bd. I, S. 622 ff., entnommen. 



6 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

siebenten Jahrhunderts zurückgeht, so könnten diese der grie- 
chischen wie der lateinischen Sprache kundigen Geistlichen die 
Silvesterlegende aus ihrer Heimat, ebenso wie Aldhelm selber 
von seiner Romfahrt, mitgebracht haben. Kamen aber einmal 
Orientalen zum Zwecke des Unterrichts nach England, so könnte 
recht gut auch einer oder der andere des Syrischen mächtig ge- 
wesen sein. 

Die Unechtheit der Akten kann als sicher gelten. Schon 
deshalb, weil sie in vollem Gegensatze zu den historischen That- 
sachen stehen. Von Interesse ist es, die verschiedenen Weiter- 
wucherungen zu verfolgen. So werden z. B. aufser Konstantin 
dem Grofsen auch Konstans, sein Sohn, und noch später sein 
Neffe, der Sohn des Konstans, des Bruders Konstantins, als der 
Held der Legende genannt, der durch die Taufe vom Aussatz 
gereinigt wird. Manches Schwanken kam auch dadurch in die 
Überlieferung, dafs in der Kreuzauffindungslegende es Eusebius, 
der Bischof von Rom, ist, der die Taufe vollzieht (vgl. Anmer- 
kung 8).^' 

Wie schon erwähnt, nahm man früher an, dafs die Akten 
des Silvester ursprünglich lateinisch geschrieben sein müfsten. 
Duchesne hat dann {Etüde S. 168) zuerst nachgewiesen, dafs die 
topographischen Angaben über Rom und seine Umgebung, deren 
scheinbare Genauigkeit man früher für abendländische Abfassung 
geltend machte, da solche genauen Angaben in allen römischen 
Apokryphen häufig vorkommen, in Wirklichkeit gar nicht so 
genau sind, sondern im Gegenteil so vag und auf allerorten Be- 
kanntes sich beschränkend, dafs dies eher für Entstehung im 
fernen Osten, also in griechischer Sprache, spreche. Frothingham 



*"' So findet sich z. B. im Leabhar Breac zu der Erzählung von der 
Taufe Konstantins durch Eusebius sogleich im Texte die Notiz: 'Nicht 
Eusebius hat Konstantin getauft, sondern Papst Sylvester, wie sich später 
zeigen wird'; und diese Taufe des Konstantin, der die Kinder nicht hat 
töten lassen, durch Silvester wird dann in der Einleitung zur zweiten 
Kreuzauffindung kurz erwähnt. An dieser letzteren Stelle findet sich 
übrigens unmittelbar vorher in der Überschrift die Notiz, dafs diese Kreuz- 
auffindung 'aus dem 10. Buche der Geschichte des Eusebius' entnommen 
sei, was auf (wohl kaum direkte) Bekanntschaft mit dem ursprünglichen 
Texte hinweist (s. unten S. 22). Vgl. hierzu G. Schirmer, Die Kreuzes- 
legenden im Leabhar Breac, St. Gallen 1886, S. 33. 44. 65. 67. 



Syrische Quellen abendländischer Erzähhingsstoffe. 7 

hat sich dieser Annahme durchaus angeschlossen und sie durch 
Hinweis darauf, dafs die ersten Zeugen der Legende dem Orient 
angehören, zu verstärken gesucht. Es sei schon in diesem Zu- 
sammenhange betont, dafs dieselben Gründe, welche für nicht- 
lateinische, sondern griechische Abfassung geltend gemacht wor- 
den sind, auch für Entstehung der Legende in einer der orien- 
talischen Sprachen, wie im Syrischen, geltend gemacht werden 
können. Interesse für Rom und die römische Kirche läfst sich 
auch in anderen genuin orientalischen Erzählungen nachweisen, 
wie in der den syrischen Akten des Scharbil angehängten Schlufs- 
notiz von Begebenheiten in Rom zur Zeit des Bischofs Fabianus, 
wo also eine römische Lokaltradition in edessenische Märtyrer- 
akten verschlagen worden ist. "^ 

So dürfen wir uns nicht wundern, wenn Lipsius die Ab- 
fassung der Acta Silvestri ebenso wie die der Acta Cyriaci, 
der ausgebildetsten Gestalt der Legende von der Kreuzauffindung 
durch Helena,^ in den Orient verlegt und als wahrscheinlich für 



^ Vgl. hierzu Adelb. Lipsius, Die edessenische Abgarsage. Braun- 
schweig 1880, S. 46 ff. Zu dem folgenden Abschnitte vgl. S. 81 ff. der- 
selben Schrift. Lipsius verlegt u. a. die Abfassung der Doctrina Addai 
in die Kreise des berühmten edessenischen Kirchenlehrers Ephräm, wel- 
cher in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts eine ausgebreitete 
schriftstellerische Thätigkeit entfaltete (S. 51). Zu dieser Zeit mufs ein 
reger Verkehr der syrischen und der römischen Kirche, speciell ein leb- 
haftes Interesse der Syrer an der römischen Kirche bestanden haben; 
vermutlich haben die dogmatischen Streitigkeiten über das Nicänum, in 
welchen die edessenische Kirche, wie die Theologie Ephräms zeigt, auf 
Seiten der römischen gegen die griechische stand, wesentlich dazu bei- 
getragen, diese engere Beziehung anzuknüpfen (ebd. S. 91 f.). 

** Wenn man mit Lipsius (a. a. O. S. 71 ff. und S. 88), um die ver- 
schiedenen Stufen der Entwickelung dieser zweiten Kreuzauffiudungs- 
erzählung auseinanderzuhalten, den Namen 'Helenalegende' nur für die 
der Geschichte noch nahestehende erste Ausprägung der Erzählung von 
der Auffindung des Kreuzes durch Helena, den Namen 'Cyriacuslegende' 
aber für die ausgeprägteste Gestalt verwendet, so müfste man die von 
mir in dem ersten der Aufsätze in deutscher Übersetzung mitgeteilte 
Kreuzauffindungserzählung genauer als 'Cyriacuslegende' (vgl. über ihren 
Inhalt den Auszug bei Lipsius a. a. O. S. 77—79) bezeichnen, wie sich 
denn z. B. darin die für die ausgebildetste Gestalt der Sage charakte- 
ristische Erzählung von der Auferweckung eines Jünglings (anstatt 
der früheren Erzählung von der Heilung einer sterbenden Frau) vor- 



8 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

beide edessenischen Ursprung vermutet. Zum Erweise dieser 
Behauptung weist Lipsius zunächst auf den nahen Zusammen- 
hang hin, in welchem beide Legenden zueinander stehen,^ ferner 

findet. Wir haben dort den Namen 'Helenalegende' schon um deswillen 
dafür setzen müssen, um diese Erzählung der zweiten Auffindung durch 
einen adäquaten Namen von der ersten, der 'Protonikelegende', zu unter- 
scheiden. Weiter ist aber auch darauf aufmerksam zu machen, dafs die 
syrischen Acta Cyriaci von den lateinischen Akten sich dadurch unter- 
scheiden, dafs in den ersteren die (jedenfalls sekundäre) Erzählung von 
den greulichen Martern und dem schliefslichen Märtyrertode des Bischofs 
Cyriacus und seiner Mutter Anna unter Julian, die den zweiten Teil der 
lateinischen Acta Cyriaci bildet, fehlt. Auf weitere Unterschiede zwischen 
den syrischen und lateinischen Akten hat schon Lipsius (a. a. O. S. 80) 
hingewiesen ; jetzt kann dies auf Grund der Übersetzung, die Nestle und 
ich von den syrischen Relationen veröffentlicht haben (s. die Litteratur- 
angaben Archiv XCIII, S. 1 ff.), jeder selbst kontrollieren. Für die Ver- 
gleichung mit den Acta Silvestri ist es von Interesse, sich zu vergegenwär- 
tigen, dafs der römische Bischof Eusebius, der in den Acta Cyriaci auf- 
tritt, seine Existenz nur einer Verwechselung mit dem Bischöfe Eusebius 
von Nikomedien verdankt, welcher nach sicherer geschichtlicher Über- 
lieferung den Konstantin getauft hat (s. oben S. 4) ; der historische Bischof 
Eusebius von Rom safs nur wenige Monate (309 aer. Dion.) auf dem 
päpstlichen Stuhle. In den Acta Silvestri, die ja nach Lipsius und Ti- 
xeront noch etwas später als die Acta Cyriaci sind (letztere etwas nach 
400), ist dann eben weiter an Stelle des unbekannteren römischen Bischofs 
(Eusebius) der bekanntere (Silvester) substituiert worden, der übrigens 
auch aus chronologischen Gründen sich besser zum Bekehrer des Kaisers 
zu eignen schien. 

'■^ Auch hier wie bei den Acta Cyriaci (vgl. Anm. 8) weichen die ver- 
schiedenen Relationen der Legende voneinander ab. Nach Lipsius (a. a. 0. 
S. 81 — 83) beginnen die Acta Silvestri mit dem Siege, den Konstantin an 
der Donau über die Barbaren erficht mit Hilfe des am Himmel erschauten 
Kreuzes, welche Bemerkung allerdings für die von mir benutzte latei- 
nische Bearbeitung (s. Anm. 1) nicht zutrifft, also wohl sich auf den grie- 
chischen Text des Combefis bezieht. Diese Einführung der Silvester- 
legende findet sich aber nicht in der Relation der syrischen Texte, die 
nach einer kurzen Einleitung über ihr Fehlen bei Eusebius direkt zur 
Jugendgeschichte des Silvester übergeht. Ferner findet sich nach Lipsius 
am Schlüsse der Acta Silvestri die Notiz, dafs 'die seligste Helena ge- 
tauft wird und nach Jerusalem reist, um das Kreuz des Herrn aufzu- 
suchen'. Auch hiervon ist in dem syrischen Texte der Attecdota Syriaca 
(der andere reicht nicht so weit) nicht die Rede, wohl aber heifst es an 
der betreffenden Stelle, dafs der Erzähler 'das, was Helena that (d. h. wohl 
ihre Reise samt der Kreuzauffindung), weil es zu viel ist, weglasse, zumal 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 9 

darauf, dals beide Legenden sehr früh im Orient verbreitet waren. 
Da sie nun schon um die Mitte des fünften Jahrhunderts in 
der syrischen Kirche bekannt waren, so wird auch für die Acta 
Silvestri syrische Abfassung wahrscheinlich, insofern als sie für 
die Acta Cyriaci durch die auf die syrische Protonikeerzählung 
zurückgehende Notiz, dafs das Kreuz in zwanzig Ellen Tiefe 
aufgefunden wird — weil es unter Kaiser Trajan von den Juden 
so tief vergraben worden war — , gesichert ist.^^ Für die Acta 

da es in einer anderen Relation der Kircheugeschichte aufgezeichnet sei'. 
Hier am Schlüsse findet sich auch in dem von mir benutzten lateinischen 
Texte ein suinmarischer Bericht über die Reise und Kreuzauffindung der 
Helena (vgl. noch S. 17). Wenngleich wir somit die Berührung der Acta 
Silvestri mit den Acta Cyriaci im Stoffe gegenüber Lipsius erheblich 
einschränken müssen, so bleibt doch dies bestehen, dafs beide in enger 
Verbindung zueinander stehen, da sie unmittelbar hintereinander aufge- 
zählt werden (im decretum Oelasii) und in der syrischen Kirche auch schon 
von Anfang an als zusammengehörig auftreten. — Ein ähnliches Ver- 
hältnis, wie es rücksichtlich der oben erwähnten Notizen zwischen den 
verschiedenen Relationen der Acta Silvestri sich findet, herrscht auch be- 
treffs der in den lateinischen Acta Silvestri nach dem Bericht von der 
Taufe sich findenden Notiz, dafs der Kaiser Konstantin auf Bitte Sil- 
vesters die Kirchen des Paulus und Petrus an der Strafse nach Ostia 
und auf dem Vatikan erbaut habe (s. Lipsius, Die apokryphen Apostel- 
geschichten II, I, 396). Diese Angabe (die auch in dem Texte des Ldher 
Pofitifiealis vom Jahre 530 und in dem cononianischen Excerpte fehlt) 
ist nach Lipsius sekundär und vielleicht 'einer eigenen, die päpstlichen 
Fundationen und Donationen verzeichnenden Quelle' entlehnt, was jetzt 
bestätigt wird durch ihr Fehlen in dem syrischen Texte. Überhaupt 
unterscheidet Lipsius a. a. O. selber den kirchlich approbierten Original- 
text der Acta Silvestri (zweite Hälfte des fünften Jahrhunderts) von dem 
Texte der Vita Silvestri innerhalb des Liber Pontißcalis. Da beide von 
uns angeführten Stellen in dem Texte bei Surius fehlen, so stellt dieser 
eben eine ältere Recension dar. 

^^ Mit den syrischen Acta Cyriaci hängt wiederum die Stephanus- 
legende zusammen, die ich Briegers Ztschr. f. Kirchengeschichte B. XV, 
S. 222 — 243 zum erstenmal in deutscher Übersetzung veröffentlicht habe. 
Denn in den syr. Acta Cyriaci erscheint Stephan us als der Bruder des 
Simeon, des Vaters des Judas-Cyriacus, indem Stephanus und Simeon 
als Söhne des Zachäus, der wieder mit Nikodemus identifiziert wird, be- 
zeichnet werden (s. Archiv XCIII, S. 13 — 15; vgl. noch betreffs anderer 
Fassungen des Verwandtschaftsverhältnisses Lipsius, Edess. Abgarsage 
S. 80, und Schirmer, Die Kreuzeslegenden im Leabhar Breac S. 68). In 
der Stephan uslegende, in welcher von der Auffindung der Gebeine des 



10 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

Silvestri kommt aber als ein Moment, das für syrische AVjfassung 
zeugt, noch hinzu, dafs Helena darin zuerst als Jüdin erscheint, 
die sich erst durch die römische Disputation zum Christentum 
bekehrt. Lipsius sieht nämlich darin eine Erinnerung an die alte 
Erzählung von der Königin Helena von Adiabene, der Mutter 



Gamaliel, des Stephanus, des Nikodemus und des jüngeren Sohnes des 
Gamaliel Namens Chabib berichtet wird, wird wiederum Nikodemus als 
Verwandter des Gamaliel bezeichnet. In dem jüngst {Studia Sinaitica 
No. I. Gatalogue of the Syriac Mss. in the Gonvent of S. Catharine on Mount 
Sinai, London 1894, S. 8 ff.) veröffentlichten syrischen Verzeichnisse der 
70 Jünger des Herrn werden Zachäus und Gamaliel am Schlüsse erwähnt; 
man darf wohl annehmen, dafs sie erst später, nach der Entstehung der 
genannten Legenden, in dieses Verzeichnis Aufnahme fanden. — Diese 
Stephanuslegende, welche sich als das Werk eines Priesters Lucianus 
giebt, findet sich auch lateinisch bei Surius, Vitm Sanctorum IV, 502 ff. 
(zum 3. August), bei Baronius, Annal. ad. ann. 415, und in der Benedik- 
tiner-Ausgabe des Augustinus B. VII, Anhang. Aus ihr schöpfte der 
Presbyter Eustratius von Konstantinopel (6. Jahrh.) in seinem Buche über 
den Zustand der Verstorbenen, Kap. 23 (griechisch herausgegeben von 
Leo Allatius 1655), und aus diesem wieder giebt Photius Excerpte in 
seiner Bibl. cod. 171. Vgl. noch Fabricius, Bibl. gr. ed. Harles X, 327. 
725. XI, 623, Thilo, Cod. apocr. p. 501 und Nilles, Calendarium Manuale, 
1879, p. 232. — Wir haben in London auch den Text der Stephanus- 
legende, der in die mehrfach erwähnte Geschichtskompilation aufgenom- 
men ist, mit der Ausgabe von Land im dritten Bande seiner Anecdota 
Syriaea p. 76 — 84 kollationiert; dabei hat sich ergeben, dafs der Text 
Lands (abgesehen von Kleinigkeiten) an folgenden Stellen nach der Hand- 
schrift verbessert werden mufs — da wir teils schon selbst so konjizierten 
und demgemäfs übersetzten, teils mit den Lesarten keine Abweichung des 
Sinnes verbunden war, so wird die deutsche Übersetzung dadurch nicht 
modifiziert (dagegen ist in meiner Übersetzung S. 237, Z. 10 statt 'Altar' 
zu lesen 'Osten', weil dort eine Konjektur nicht nötig ist) — : 76, 11. 12. 
77, 7. 19. 20. 21 bis. 22 ter. 78, 3. 12. 81, 22. 82, 3. 20. 26. 83, 8. 17. 19. 84, 
4. 8 (78, 12 ist 'Bruder' sekundär, das ursprüngliche 'Verwandter' aber 
trotz der Rasur noch heute deutlich zu lesen, vgl. a. a. O. S. 224, wo 
auch 82, 12 in 81, 22 zu verbessern ist). — In diesem Zusammenhange 
sei noch darauf aufmerksam gemacht, dafs betreffs eines Namens sich 
auch eine Berührung mit der Siebenschläferlegende findet, die freilich 
nur sekundär zu sein scheint, da sie sich erst im Leabhar Breac aufzeigen 
läfst. Dort heifst der von den Märtyrern, der die Hauptrolle spielt, mit 
seinem vorchristlichen Namen Cyriacus, was schon um deswillen abge- 
leitet sein mufs, weil Cyriacus (= xvotaxog) doch wie in den Acta Cyriaci 
als christlicher Name zu gelten hat. 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 11 

des Köaigs Izates, welche (nach Josephus, Äi^t. XX, 2 — 5) 
ebenso wie ihr Sohn zum jüdischen Glauben übertrat. Da auch 
Moses von Chorene jener Helena von Adiabene gedenkt und sie 
mit der syrischen Abgarsage in Verbindung bringt, so ergiebt 
sich, wenn man von der Möglichkeit absieht, dafs es auf Rech- 
nung des armenischen Historikers kommen könnte, als wahr- 
scheinlichste Annahme dies, dafs diese Verbindung auf edes- 
senischen Ursprung hinweist (S. 92; vgl. noch S. 89).^' 

Von dem Interesse, das sich auch in anderen syrischen, 
in Edessa entstandenen Erzählungsstoffen an Rom und seiner 
Kirche kundgiebt, ist schon oben (S. 7) die Rede gewesen. Es 
fällt damit der Einwand hinweg, dafs sich nicht begreifen lasse, 
wie ein syrischer Schriftsteller dazu gekommen sein sollte, Be- 
gebenheiten in aller Ausführlichkeit zu schildern, welche nach 
seiner eigenen Angabe in und um Rom sich zugetragen haben. 
Ein anderer Einwand gegen ursprünglich syrische Abfassung 
könnte in dem eigentümlichen Verhältnisse gesehen werden, in 
welchem die beiden Relationen der ersten Hälfte der Acta 8il- 
vestri (bis zur Taufe und dem Edikt des Konstantin) zueinander 
stehen, die im Nachstehenden von uns in deutscher Übersetzung 
veröffentlicht werden (weiteres s. u. S. 18 ff.). In der That liefse 
sich das eigentümliche Auseinandergehen der gebrauchten syri- 
schen Wendungen und Satzbildungen am einfachsten so erklären, 
dafs die Verfasser beider Relationen einen und denselben grie- 
chischen Text vor sich gehabt und diesen ganz nach Gutdünken, 
mehr oder weniger frei, ins Syrische übertragen hätten, wie 
W. Wright (bei Frothingham a. a. O. S. 20) thatsächlich ange- 
nommen hat, freilich zu einer Zeit, wo man noch nichts davon 
wufste, dafs derartige Stoffe vielfach nicht auf ein griechisches, 
sondern auf ein syrisches Original zurückgehen. Aber es giebt 
doch auch noch andere Erklärungen hierfür. Die eine wäre die, 
dafs der jüngere Text, dessen sachliche Abweichungen wir in 
den Anmerkungen zur Vergleichung beifügen, nicht eine blofse 



" Vgl. betreffs der Quellen des Moses von Chorene über die Bekeh- 
rung Edessas die Darlegung Baumgartners in seinem Aufsatze 'Über das 
Buch "Die Chrie"' in der Zeitschr. der deutschen Morgenländischen Ge- 
sellschaft Bd. 40, 1886, S. 510 f. 



12 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

stilistische Redaktion des ursprünglichen syrischen Textes dar- 
stellt; sondern die Rückübertragung einer griechischen Übersetzung 
desselben ist. Da damals, wie die Kreuzauffindungslegenden 
zeigen, solche syrische Texte bald ins Griechische übersetzt wur- 
den, so wäre es nicht unnatürlich, zu denken, dafs ein syrischer 
Übersetzer die Legende zuerst in griechischem Texte kennen 
lernte und, weil er von dem Vorhandensein des syrischen Ori- 
ginaltextes keine Kenntnis hatte — dies das einzig Unwahr- 
scheinliche dieser Annahme — , den griechischen Text ins Syrische 
übersetzte. '2 Die andere Erklärung für die starke Abweichung 
beider syrischen Texte, die über die bei syrischen Texten ja so 
häufige Freiheit in der Überlieferung des Wortlautes weit hinaus- 
geht, wäre die, dafs man den jüngeren Text — natürlich mit 
Ausschluls aller Textfehler und sekundären Zusätze (s. u. S. 20, 
Anm. 14) — als die im wesentlichen treue AViedergabe des sy- 
rischen Originals ansähe, den Text der Anecdota Syriaca aber 
als das Produkt einer eingehenden Neustilisierung von selten des 
Kompilators (s. Archiv XCIII, S. 246), der die Erzählung in sein 
Geschichtswerk aufnahm. Hiergegen läfst sich aber wieder gel- 
tend machen, dafs wir bei der Siebenschläferlegende noch heute 
kontrollieren können, worin die stilisierende Thätigkeit des Kom- 
pilators bestand, nämhch in einer Verkürzung, die zwar einzelne 
Wörter und ganze Sätze, wo immer es angänglich schien, weg- 
hefs, dagegen an dem Tenor der Erzählung und selbst an den 
einzelnen Wendungen nichts änderte. Für die Richtigkeit dieser 
Hypothese läfst sich geltend machen, dafs überall da, wo wir 



'^ Hierfür liefse sich auch noch dies geltend machen, dafs sich diese 
Erzählung der Taufe Konstantins durch Silvester in der Handschrift, die 
sie uns überliefert hat, mitten unter anderen Geschichten, die gleichfalls 
aus dem Griechischen übersetzt sind, findet, wie denn unmittelbar vorher 
vier Geschichten aus der Historia Lausiaea des Palladius stehen. Auch 
das Alter der Handschrift wäre dieser Annahme nicht im Wege; sie 
stammt aus dem Jahre 1197, während die Handschrift, welche die Kom- 
pilation des monophysitischen Geschichtschreibers enthält, viel älter ist 
('nicht jünger als Anfang des 7. Jahrh.') und diese selbst auf einen Text 
der Silvesterlegende aus dem sechsten Jahrhundert zurückgehen mufs, 
da sie noch in diesem Jahrhundert ('nicht vor 567 und sogar später') 
entstanden ist (vgl. Wright, A Short History of Syriac lAterature, 1894, 
S. 107). 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 13 

deü Wortlaut alter Relationen der Silvesterlegende mit den syri- 
schen Texten vergleichen können, Übereinstimmung nicht mit 
dem Texte der Anecdota Syriaca^ sondern mit dem der anderen 
Textüberlieferung vorliegt ; so nicht nur in dem lateinischen Texte, 
betreffs dessen die Anmerkungen zur Übersetzung zu vergleichen 
sind, sondern auch z. B. in dem von Aringhi (Roma suhterranea 
lib. III, cap. 6) aus einem cod. Vatic. mitgeteilten Berichte, dafs 
Theone den Leichnam des Timotheus in ihrem Garten beigesetzt 
und damit den Christen eine grolse Freude bereitet habe, ut 
huius nominis martyrem vicinum exciperent, gut Paido apostolo 
ut quondam Timotheus adhcereret, und in dem von Florentini 
(in seiner Ausgabe des Martyr. Hieron. S. 768) aus einem alten 
Hagiologium mitgeteilten Berichte, dafs der Bischof Miltiades 
mit seinen Presbytern und Diakonen im Hause des Silvester, 
wohin dieser den Leichnam des Timotheus gebracht hatte, die 
ganze Nacht über unter Lobpreisungen Gottes verweilt habe 
(vgl. unten S. 23, Anm. c)J3 

Ein weiterer Einwand gegen ursprünglich syrische Abfassung 
der Silvesterlegende könnte, freilich nur bei flüchtiger Betrach- 
tung, von dem Ausdrucke puschaqa hergeleitet werden, mit wel- 
chem der Kompilator in der Überschrift die Legende bezeichnet. 
Dieses syrische Nennwort kann nämlich ebensowohl ^Erläuterung', 
^[erläuternde] Darlegung' bedeuten als auch 'Übersetzung'. Man 
könnte darum meinen, dafs es dort in diesem letzteren Sinne zu 
verstehen sei. Aber dem gegenüber ist vor allem darauf hin- 
zuweisen, dafs der Verfasser betreffs der Erzählung von Joseph 
und Aseneth, die er aus dem Griechischen ins Syrische übersetzt 
hat, diese Thatsache immer wieder nachdrücklich erwähnt (vgl. 
2, 6. 16, 3. 5 f. 12. 18, 10 f. und zuletzt in der Unterschrift 46, 
20 f.); es ist also anzunehmen, dafs er dies auch betreffs der 



" Bei der wörtlichen Übereinstimmung dieser lateinischen Texte mit 
dem syrischen ist man versucht, direkte Abhängigkeit, d. h. ohne Ver- 
mittelung einer griechischen Übersetzung, anzunehmen. Ein Analogon 
hierzu würde u. a. in einer erst jüngst gemachten Beobachtung vorliegen, 
dafs nämlich der lateinische Text der 'Beschreibung des Antichrists', den 
Robinson, Texts and Sttcdies II, 3. Äpocryphal Anecdota, 1894, veröffent- 
licht hat, nach einer Bemerkung des Herausgebers (S. 187) auf eine Über- 
setzung nach dem syrischen Urtexte zurückzugehen scheint. 



14 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

Silvesterlegende gethan hätte, wenn sie wirklich von ihm aus 
dem Griechischen übersetzt worden wäre. Ferner gebraucht er 
das Zeitwort pascheq nicht blofs im Sinne von 'übersetzen^ (so 
11, 21. 22. 16, 5. 46, 21), sondern ebensowohl im Sinne von 
'erklären^, 'erläutern^ (6, 7. 12, 24) oder 'klar darlegend Gerade 
in diesem letzteren Sinne verwendet er es einigemal innerhalb 
der Silvesterlegende selber (50, 21. 64, 14), und zwar in einem 
Zusammenhange, der deutlich zeigt, dafs auch das Nennwort 
jpuscliäqa der Überschrift in diesem Sinne zu verstehen ist, also 
= 'klare Darlegung\ Schliefslich ist auch noch die Stelle 5, 
14 — 19 bemerkenswert, weil der Verfasser hier sicher es er- 
wähnt haben würde, wenn er die Erzählung einer griechischen 
Quelle entnommen und ins Syrische übersetzt hätte; dieselbe 
lautet: 'und darnach (d. h. nach der Schrift von Joseph und 
Aseneth) die Schrift von Silvestros und dem [christlichen] Unter- 
richte (syr. xaT7]/T^Gig) des Königs Konstantiuos und seiner Taufe, 
deren genaue Darstellung Eusebios weggelassen hat [in der Hist. 
Eccl.], ebenso wie Sokrates [I, 39] den wirklichen Vorgang, indem 
der König nicht, wie er schreibt, erst zuletzt sich taufen liels, 
weil ja auch die Erzählung von seiner Unterweisung durch Sil- 
vestros in Schrift und Bild in Rom aufbewahrt wird an meh- 
reren (resp. bekannten) Orten, wie es dort gesehen und dann 
weitererzählt haben die, welche [dort] waren und [dann] zu uns 
herkamen.^ Wenn man aber nun fragt, worin wohl die 'Erläute- 
rung^ bestanden hat, die der Kompilator seinem Texte hat ange- 
deihen lassen, so könnte hier eine stilistische Umschreibung aus 
irgend einem Grunde (z. B. Mifsfallen des Verfassers an der 
ursprünglichen Art der Darstellung, Mangel historischer An- 
knüpfung, teilweise unleserliche Handschrift oder dergl.) gemeint 
sein, wofür man angesichts der weit geringeren Veränderungen, 
die er mit dem Siebenschläfertexte vorgenommen hat, darauf hin- 
weisen könnte, dafs er eben nur unseren Text als eine 'Erläute- 
rung^ oder 'erläuternde Darstellung^ l)ezeichnet hat. 

Positive Beweise für die Ursprünglichkeit des syrischen 
Textes gegenüber den anderen können aufser den meist im Stoffe 
liegenden Indicien, die aber mehr nur die Wahrscheinlichkeit der 
Annahme darthun, nicht gegeben werden. Hierher gehört z. B. 
das Fehlen der Namen der Geistlichen, die den Silvester nach 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 15 

der Drachenhöhle begleiteteo, im lateinischen Texte (auch in den 
griechischen?), während man aus den Worten ii, quos vocabat 
nominatim entnehmen kann, dafs diese Namen in der Vor- 
lage standen, sowie überhaupt das Fehlen der meisten Namen. 
Ein durchschlagender Beweis für Ursprünglichkeit des syrischen 
Textes würde sich allerdings ergeben, wenn es gelänge, die drei 
als Bibelcitate nicht nachweisbaren Citate (S. 40 f.) als Stellen 
syrischer Apokryphen oder abweichender syrischer Bibelüber- 
setzungen nachzuweisen. 

Zum Stoffe der Silvesterlegende sind noch einige Parallelen 
zu erwähnen. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dafs der Timo- 
theus, dessen am Anfange der Silvesterlegende gedacht wird, 
eine historische Persönlichkeit ist. Es ist der Märtyrer, dessen 
Gedenktag der 22. August ist; er wurde während des Pontifi- 
kates des Miltiades von Rom unter Kaiser Maxentius im Jahre 
306 enthauptet. Die jüngeren Martyrologien des Beda und Ado 
berufen sich zum Beweise der Geschichtlichkeit dieses Märtyrers 
Timotheus zugleich auf die Acta Silvestri, die nun freilich un- 
echt sind. Bisweilen wird er sogar irrtümlich als Paulusschüler 
bezeichnet, augenscheinlich auf Grund der (falsch verstandenen) 
Notiz, dafs er iiixta beatvm apostolum Paulum (so bei Beda 
und Ado) bestattet worden sei. Ebenso geht die Notiz in ver- 
schiedenen Texten, dais dieser Timotheus unter Nero als Mär- 
tyrer geendet habe, auf das Streben zurück, ihn zu den Aposteln 
in Beziehung zu bringen, was sich eben dadurch als sekundäre 
Zuthat erweist. Eine Hinweisung auf die Grabeskirche des Timo- 
theus (s. Lipsius, Apokr. Apostelgesch. II, 2, S. 395) könnte ent- 
halten sein in dem Berichte in B, dafs der Papst Miltiades 
^seinen Tempel weihte^ (s. unten S. 23). 

In diesen Akten des Timotheus wird auch das Weib er- 
wähnt, die den Heiligen in ihrem Garten bestatten liefs; sie 
heilst dort Theogneia (resp. in einem britischen Codex Theognesia, 
was aber auch dort in Theogneia korrigiert ist), in den syrischen 
Texten Theone und Theonike (s. unten S. 23). — Gleichfalls wird 
erwähnt der Stadtpräfekt, der den Silvester einkerkern läfst, 
aber zur Strafe an einer Fischgräte, die er beim Abendessen 
(statt beim Frühstück, wie in den syrischen Texten) verschluckt, 
eines elenden Todes stirbt; er heifst in den Timotheus-Akten 



16 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

meist Tranquilianus^ aber daneben auch Tarquinianus und Tar- 
quinius (so bei den Syrern). Nach Baronius (zum Martyrol. 
Roman. S. 353, ed. Rosweyde) wäre nun zwar ein Tarquinius 
Perpenna im ersten Jahre des Papstes Miltiades Stadtpräfekt ge- 
wesen; doch ist die Herkunft dieser Notiz nicht bekannt, diese 
selbst also zweifelhaft. Nach den kontrollierbaren Angaben läfst 
sich ein Stadtpräfekt dieses Namens in dieser ganzen Zeit nicht 
nachweisen — man mülste denn annehmen, dals der Name Tar- 
quinius verstümmelt sei aus dem Namen Septimius Aquindinus 
(oder Acindinus), dessen Träger aber in den Jahren 293 und 294, 
also ein Decennium vor der diocletianischen Verfolgung, Stadt- 
präfekt von Rom war. — Der Papst Miltiades oder Melchiades 
(im lat. Texte Milciades) war römischer Bischof vom 2. Juli 310 
bis zum 10. oder 11. Januar 314; also fällt in seine Zeit wohl 
die Einnahme Roms durch Konstantin (s. Ad. Harnack in der 
Prot. Real-Encykl. B. 9, S. 525), nicht aber der Märtyrertod des 
Timotheus im Jahre 314. In diesem Zusammenhange sei auch 
noch der auf die Donatisten zurückgehenden und auch im feli- 
cianischen Papstkataloge berichteten, dagegen von Augustin {De 
unico haptismo contra Petilianum cap. XVI) bestrittenen Nach- 
richt gedacht, dafs der Papst Marcellinus, der vom 30. Juni 296 
an Bischof von Rom war (wogegen der 25. Oktober 304 als 
Todestag unsicher ist), in der Christenverfolgung der Jahre 303 
bis 311 samt seinen Presbytern Melchiades, Marcellus und Syl- 
vester, die auch seine Nachfolger in der römischen Bischofswürde 
wurden, vorübergehend Christum verläugnet und den Göttern ge- 
opfert hätte. — Ferner ist darauf hinzuweisen, dafs die Erzäh- 
lung von der Wiederbelebung des durch den jüdischen Magier 
Zambres infolge der Einflüsterung des Gottesnamens getöteten 
Stieres in den katholischen uQu^eig tmv uyicov änoGrohov ebenso 
auch von dem Wettkampfe des Apostels Petrus mit dem Magier 
Simon berichtet wird (vgl. Lipsius, Petrussage S. 157, und Die 
apokr. Apostelgesch. u. s. w. II, 1, S. 216). Dafs es ein Stier ist, 
der zum Experimente dient, ist nach Lipsius sekundär; er ist an 
Stelle eines Knaben, den in der ursprünglichen Erzählung der 
Präfekt Agrippa dazu hergiebt — wahrscheinlich erst unter dem 
Einflüsse der Acta Silvestri — , eingesetzt worden, weil es an- 
stöfsig schien, zuerst ein Menschenleben zu opfern. Eine ahn- 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 17 

liehe Gesehiehte enthält auch die Passio Georgii, in welcher der 
Zauberer Athanasius seine Zauberkraft dem Könige dadurch be- 
weist, dais er einen Stier, indem er ihm ins Ohr spuckt, in zwei 
Teile bersten läfst und dann durch Anblasen aus diesen zwei 
Stücken zwei Stiere herstellt (s. A. Dillmann, Über die apokryphen 
Märtyrergeschichten des Cyriakus mit Julitta und des Georgius, 
in den Sitzungsberichten der Kgl. Preufs. Akademie der Wissen- 
schaften zu Berlin, 1887, Sitzung vom 28. April). So viel über 
die Beziehungen der Silvesterlegende zu anderen Stoffen und 
zur geschichtlichen Wirklichkeit. 

Innerhalb der verschiedenen Texte der Silvesterlegeude selber 
begegnen uns folgende Namensformen: statt Quirinus (dafür im 
lat. Texte Curio) auch Kyrinos, statt Soracte auch Syraptis (bei 
Moses von Chorene Syraptim) oder Serapte (betreffs der Wort- 
formen der syr. Texte s. unten S. 28 f.) ; und die Mutter Silvesters, 
die aulserhalb der syrischen Texte erwähnt wird, heifst Justa. 
Ferner besiegt Silvester nach der Fassung der Akten, die Lipsius 
benutzt hat (s. hierüber oben Aum. 9), aufser den Rabbinen noch 
den Häretiker Marcus oder Marciou (vgl. Ijipsius, Edessenische 
Abgarsage S. 82, Anm. 1). — Am Schlüsse der Erzählung wird 
in dem lateinischen Texte des Surius von 1575 noch ganz kurz 
die Reise des Silvester mit Helena nach Rom und die Kreuz- 
auffindung erwähnt (quum . . . et deinde cum imjperatrice pro- 
fectus esset Hierusalem et ad qucerendam salutarem Christi 
crucem ei collaborasset et propter inventionem eius esset collce- 
tatus). Diese Notiz, die höchst wahrscheinlich nur aus den Acta 
Cyriaci, wo dasselbe von Cyriacus berichtet wird, herübergenom- 
men und auf Silvester übertragen worden ist, scheint in dem 
griechischen Texte zu fehlen. Wenigstens berichtet J. P. N. Land 
in der Einleitung zum dritten Bande seiner Anecdota Syriaca 
(S. XVni), dafs das, was im syrischen Texte (s. S. 53, Z. 39) 
und vom Griechen weggelassen worden sei, in der lateinischen 
Ausgabe erhalten sei. Mit dem Griechen meint er den Verfasser 
der von Combefis herausgegebenen griechischen Legendengestalt, 
mit der lateinischen Ausgabe aber einen alten Strafsburger Druck 
ungefähr vom Jahre 1470, so dafs wir nicht wissen können, ob 
der Text unserer lateinischen Relation bei Surius damit überein- 
stimmt; was Land sonst noch anführt, dafs das Werk beim La- 

Archiv f. n. Spracheu. XCV. , 2 



18 Syrische Quellen abendländischer Erzähl ungsstofFe. 

teioer in zwei Teile geteilt sei, und dafs als Schiedsrichter des 
Wettkampfes der Philosoph Kraton und Zenophilus, ein prcefec- 
torius vir, fungieren, stimmt nicht. — Einer Bemerkung bedarf 
noch die Erzählung von der Verwendung des Kolobiums als 
liturgischen Gewandes. Die Bedenken, welche man gegenüber 
dem Berichte der Vita Silvestri ausgesprochen hat, erledigen 
sich zum Teil durch den Wortlaut des syrischen Originaltextes 
nach A (B hier unklar), wo ausdrücklich erwähnt ist, dafs man 
das Colohium eben deshalb nicht allein getragen habe, weil es 
die Arme nackt lief's, sondern immer nur zugleich mit der Dalma- 
tica, die lange Ärmel hat, was zu den sonstigen Nachrichten 
stimmt, wonach unter dem Colohium immer die Tunica talaris 
getragen wurde. Vgl. hierzu Wetzer und Weites Kirchenlexikon, 
2. Aufl., Bd. 2, 1884, col. 142—144, und den Artikel ^Kleidung, 
liturgische^, in Kraus^ Eeal-Encykl. der christl. Altertümer, Bd. 2, 
1886, S. 175-215 und spec. S. 207 ff. 

Zum Schlüsse haben wir noch Bericht zu erstatten über die 
syrischen Texte, die wir im Nachstehenden — nach demselben 
Princip und in derselben äufseren Einrichtung, wie die frü- 
heren — ins Deutsche übertragen haben. Zu Grunde gelegt 
haben wir den Text in Lands Anecdota Syriaca Bd. III, S. 46, 
21 — 76, 10. Da wir oben gezeigt haben, dals dieser Text (A) 
höchst wahrscheinlich von dem Verfasser der Geschichtskompi- 
lation, der er einverleibt ist, verändert worden ist, so liegt die 
Frage nahe, warum ich dann nicht den anderen Text bei der 
Zusammenstellung beider Texte in meiner Übersetzung zu Grunde 
gelegt habe. Hiervon war aber um deswillen abzusehen, weil 
nur der Text des Kompilators die ganze Erzählung, einschliefs- 
lich der Disputation des Silvester mit dem Juden vor Konstantin, 
bietet, während dieser zweite, umfangreichere Teil in dem an- 
deren Texte ganz fehlt. Da der Text bei Land ziemlich fehler- 
haft ist, so mufste an nicht wenigen Stellen versucht werden, 
den ursprünglichen Text zu eruieren; eine Kollation mit der 
Handschrift ergab dann, dafs sie an vielen dieser Stellen den 
von uns vermuteten Wortlaut wirklich bietet. Wir haben alle 
diese Stellen durch ein Sternchen bezeichnet, in derselben Weise 
aber der Einfachheit halber auch die Stellen, wo ohne Kenntnis 
des Wortlautes der Handschrift weder ein Textfehler vermutet. 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoife. 19 

noch die Verbesseruog geahnt werden konnte. Es ist also (ab- 
gesehen von Stellen, wo ich Buchstaben lesen zu können glaubte, 
die Land ganz verblichen schienen, wie 48, 5. 65, 6 f.) an folgenden 
Stellen, deren blolse Angabe zumeist für den Kenner des Syri- 
schen genügen wird, eine andere Lesart der Übersetzinig zu 
Grunde gelegt: 47, 1. 2. 4. 12. 26. 48, 15. 16*. 26*. 49, 22 u. 
25. 24*. 50, 2. 5*. 6—8. 13. 14. 16. 51, 4*. 7*. 9. 12*. 52, 7. 
8*. 14 u. 18. 53, 9*. 10*. 54, 11*. 14. 28. 55, 1. 3*. 16*. 56, 
5. 6*, 9. 10*. 16. 24. 57, 15. 17. 23. 28. 58, 8*. 13. 16*. 21?. 
22. 26. 59, 19. 60, 4. 6*. 7. 15. 26, 61, 4*. 6*. 21. 25. 63, 
3 bis *. 4*. 20*. 63, 1*. 27. 64, 1*. 20*. 65, 2. 8*. 10. 13. 27*. 
66, 9?. 67, 3. 8*. 10. U. 18. 26*. 68, 3 bis. 6. 7. 18*. 22. 69, 
9. 10*. 12. 14. 25. 70, 4*. 16*. 71, 3. 16*. 17. 18*. 22*. 72, 7*. 
10 bis. 14*. 19?. 27. 73, 2*. 5. 6*. 8*. 12?. 74, 10. 12. 21. 75, 
12*. 14. 17. 25. 76, 6*. Einige von diesen Konjekturen fanden 
auch durch den lateinischen Text (L) nachträgliche Bestätigung 
(so z. B. die 72, 10, wo L hat: sequemur und commum con- 
sensu)f und 47, 2 konnte nach B das unbedingt nötige 'alle' ein- 
gefügt werden. Auch ist es nicht unmöglich, dafs noch ver- 
schiedene andere Konjekturen als die oben genannten in der 
Handschrift Bestätigung finden könnten, indem wegen des un- 
günstigen Lichtes, das ich bisweilen bei meiner Arbeit hatte, 
wahrscheinlich nicht alle Abweichungen vom Texte Lands von 
mir bemerkt wurden. 

Der zweite Text (B), dessen Abweichungen ich in den An- 
merkungen mitteile, ist dem Cod. Mus. Brit. Syr. Add. 12174 
vom Jahre 1197, welcher 78 Lebensgeschichten von Heiligen und 
Kirchenvätern enthält, entnommen (s. Wrights Katalog S. 1128). 
Die Veröffentlichung des syrischen Textes ist von Frothingham 
zu erwarten, der sich (a. a. O. S. 20, Anm. 1) 'die Veröffent- 
lichung des syrischen Textes bei anderer Gelegenheit reserviert 
hat\ Für den Zweck unserer Publikation genügte der deutsche 
Wortlaut. Das Verhältnis dieses Textes zu dem bei Land hat 
W. Wright treffend so charakterisiert: Questa versione e tutto 
independente da quella puhhlicata da Land . . .; a parola non 
si corrisjjondono, ma non differiscono in quanto al senso ; 
quella del cod. 12174 alquanto pm diffusa e completa . . . (bei 
Frothinghaui S. 20). Bei dem eigenartigen Verhältnisse beider 



20 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

Texte zueinander (s. oben S. 11) haben wir davon absehen müssen, 
alle Abweichungen zu notieren. Wir lassen alle nur stilistischen 
Abweichungen beiseite, einschliefslich der Hinzufügung von mehr 
oder weniger ausdruckslosen Attributen und der anderen Reihen- 
folge von Synonymen zur Bezeichnung derselben Sache, ^'* und 
teilen nur das wirkliche Plus und die sachlichen Abweichungen 
mit. Wo es wünschenswert schien, haben wir auch den latei- 
nischen Text mit zur Vergleichung herangezogen, besonders da, 
wo er mit dem einen syrischen Texte, meist mit B, gegen den 
anderen zusammenstimmt. Die Einleitung geben Avir im Wort- 
laute, weil sie ein besonders charakteristisches Beispiel für die 
trotz sachlicher Übereinstimmung grofse formelle Abweichung, 
die übrigens im syrischen W^ortlaute noch viel merkbarer ist. 



i^ Wir geben noch einige Beispiele für diese Charakteristik des syri- 
schen Textes B. Die kleineren Zusätze betreffen zumeist die Attribute; 
so wenn z. B. zu Timotheus hinzugefügt wird: 'ein frommer Mann', fast 
immer von dem 'seligen' Silvester geredet wird und dem Drachen, der 
im Texte A als grofs bezeichnet ist, noch 'und stark' beigefügt ist. Eein 
stilistische Änderungen liegen z. B. vor, wenn die Anknüpfung innerhalb 
der Erzählung vielfach durch 'nun' statt 'aber' erfolgt, oder wenn die 
Hinterlassenschaft des Timotheus, die in A durch 'etwas Gold' bezeichnet 
ist, in 'vielen Reichtum' verwandelt wird. Dafs diese Änderungen auf 
den Schreiber von B zurückgehen, ergiebt sich daraus, dafs es meist durch 
die Vergleichung mit A ersichtlich ist, dafs sie sekundär sein müssen ; 
zum Teil auch deshalb, weil sie keinen rechten Sinn geben; z. B. wenn 
es heifst, dafs der Präfekt den Timotheus 'lange Zeit' in Gewahrsam ge- 
halten habe, während er im Sinne der ursprünglichen Erzählung rasch 
hingerichtet wird. Ein Beispiel für andere Reihenfolge der Synonyma 
bietet z. B. 49, 21 ff., wo bei A sich folgen: unblutiges Hostienopfer, das 
Mysterium, bei B dagegen : das Mysterium Christi, die Opfergabe, das 
[Schlachtjopfer. Alle Zusätze des Textes B sind in den Anmerkungen 
mitgeteilt (mit add, wenn in dem Texte A sich gar nichts Entsprechendes 
findet); dagegen haben wir es nicht bezeichnet, wenn etwas bei B fehlt, 
deshalb, weil wir solche Stellen bei der durchgehenden Neigung von A, zu 
kürzen, nicht als Zusätze des A, sondern als von B weggelassene Partien 
des ursprünglichen Textes anzusehen haben und darum ihre Bezeichnung 
keinen Wert hat. Dafs übrigens manches in B einfach auf Abschreiber- 
fehl er zurückgeht, beweist u. a. die Stelle 48, 14, wo das Wort l'^büsa 
sicher verschrieben ist aus hihasa, da man doch nicht mit Kleidstückchen 
eine Gräte aus der Kehle zu ziehen sucht, weshalb (auch im Sinne der 
Erzählung) die Zaubersprüche ursprünglich sein müssen. 



Syrische Quellen abendländischer Erzähl ungsstofFe. 21 

darbietet; ebenso mufsten, zunächst aus anderen Gründen, die 
letzten Partien im Wortlaute wiedergegeben werden. 

Wie schon erwähnt, haben wir auch den lateinischen Text 
mit berücksichtigt, dessen Einleitung gar nicht mit der des 
syrischen Textes übereinstimmt und deshalb wohl von Simeon 
Met^phrastes stammt (d. h. wenn sie sich gleichlautend im grie- 
chischen Texte vorfindet). Derselbe ist meist wortreicher als die 
syrische Erzählung, und manches von seinen Zusätzen ist cha- 
rakteristisch für die spätere Zeit, wie die erhöhte Wertschätzung 
des römischen Bischofsstuhls und dogmatische Formulierungen. 
Andererseits mag manches auf den Urtext zurückgehen : so dort, 
wo unsere heutigen syrischen Texte eine Lücke haben (s. z. B. 
S. 37 den Bericht über den Anfang der Disputation). Manches 
andere ist dagegen im lateinischen Texte stark gekürzt, wie z. B. 
der Brief Konstantins an Helena (58, 8 ff.) und die grolse Rede 
Konstantins in der Basilica Ulpia (55, 25 ff.). *•'» 



*^ Eine Eigentümlichkeit dieses lateinischen Textes besteht vor allem 
auch darin, dafs er mit wenigen Ausnahmen alle Eigennamen wegläfst, 
also Theone, Euphrosynus, Soracte, Lateran, ja sogar den Namen der 
Stadt Rom da, wo von den Verheerungen die Rede ist, die der Drache 
anrichtet. Ebenso fehlen die Namen der Juden, die an der Disputation 
sich beteiligen, sowie die der Geistlichen, welche den Silvester nach dem 
Berge Sorakte begleiten. An der letztgenannten Stelle können wir wohl 
aber den Schlufs ziehen, dafs in der Vorlage des lateinischen (event. auch 
des ihm zu Grunde liegenden griechischen) Textes die Namen standen, 
weil es da heilst iis, quos vocabat nominatim. Gegenüber diesen Weg- 
lassungen verdient die Notiz besondere Erwähnung, dafs Helena in Bi- 
thynien weilte, weil sie von dort stammte {Bithynia, imde orta erat). 



' Darlegung von Silvester, dem Patriarchen von Rom, welche lehrt 
den [christlichen] Unterricht und die Taufe Konstantins, des ersten gläu- 
bigen Königs, und auch die Genesung von dem Ausschlag, der an seinem 



' Weiter die Geschichte vom grofsen König Konstantinos, dem Gläubigen 
und Siegreichen, wie er gewürdigt wurde der heiligen Taufe von seilen des 
Patriarchen Silvester der Hauptstadt Rom, und dafs er König wurde und anfing, 
allerorten heilige Kirchen zu bauen. — Eusebius von Cäsarea hat, als er den Text 
der Kirchengeschichte schrieb, das, was in anderen Schriftwerken [steht], zu er- 
zählen unterlassen ; denn er hat ja in zehn Büchern so zu sagen alle Leiden der 



2ä Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

Leibe war, und die Disputation, welche die Lehrer der Juden, die von 
judäa hingesandt worden und mit Helena zusammengekommen waren, 
vor dem Könige und dem Senate in Rom hatten. 

Der Sohn des Pamphilus, Eusebius [47] von Cäsarea, der doch in 
den zehn Büchern der Kirchengeschichte — so zu sagen — alle Leiden 
der Märtyrer und auch der Bischöfe und der Bekenner und der tapferen 
Weiber und der unschuldigen Jungfrauen, welche mutvoll den Kampf im 
Bekenntnisse um Christi, unseres Gottes, willen kämpften, beschrieben und 
der Reihe nach auch die Thaten der Bischöfe (eig. Oberpriester), die in 
ununterbrochener Folge nacheinander kamen, erzählt hat — d. h. derer 
von Rom und auch von Alexandrien und von Antiochien und von Jeru- 
salem und von Ephesus, von dem Apostel Petrus an bis zu den Zeiten 
des Eusebius — , hat einzig die Geschichte des Silvester weggelassen — 
welche ich, wie du mir vorschreibst, unser heiliger Vater, niederzuschrei- 
ben bereit bin. Und ich bitte, dafs du zu Christus, unserem Herrn, 
betest, dafs er uns beistehe, 10 damit ich weder ungehorsam zu sein 
brauche, noch auch in Verlegenheit gerate, indem, wenn ich irgend einen 
Tadel verdiene, nämlich [wegen eines Versehens] in dieser Arbeit, es mei- 
ner Thorheit zur Last gelegt wird, zugleich aber, wenn die Darstellung 
gefällt (Text: mifsrät), auch eurer Einsicht (weil ihr mich damit beauf- 
tragt habt). 

Silvester aber war während seiner Jugend um den Priester Quirinus 
und bediente ihn, und so gewöhnte er sich an die Redeweise und an das 
Verhalten dieses Mannes, indem er eifrigst auch die Besorgung seines 
Hauswesens erledigte. Als aber gerade damals, zur Zeit der Verfolgung, 
ein Mann Namens Timotheus von Antiochien nach Rom gelangte und 
trotzdem mit Freimut unseren Herrn Christus predigte, da wurde er 
freudig von Silvester ohne Furcht in sein Haus aufgenommen, was auch 



Märtyrer und der Bischöfe und der Bekenner und auch ihre Kämpfe in allen 
Provinzen aufgezeichnet, und weiter hat er die der Weiber und der Jungfrauen, 
welche in männlicher Gesinnung um unseren Herrn Jesus Christus in den Kampf 
gingen, aufgezeichnet; und ebenso hat er noch besonders von der Wirksamkeit 
der Bischöfe vom Apostel Petrus an der Reihe nach erzählt, und speciell von den 
[Bischöfen der] Städte mit apostolischen Bischofsstühlen, welche [von den Aposteln] 
die hohepriesterliche (d. i. bischöfliche) Würde herleiten — als da sind die hoch- 
angesehenen und berühmten der Städte Rom und Alexandrien und Antiochien und 
Jerusalem und Ephesus. Und, wenn ich nun jetzt aus dieser Zahl, nämlich aus 
der Zahl der Bischöfe, die der von uns [am Anfange] Genannte bis auf seine 
eigene Zeit herab in griechischer Sprache aufgezeichnet hat, den einzigen [, den 
er weggelassen hat], einen von den [Bischöfen] der Hauptstadt Rom, in deinem 
Auftrage schildern soll, d. i. den heiligen Silvester, den heiligen und hochseligen 
Herrn, so bitte ich euch, dafs ihr zu Gott, dem Herrn Christus, betet, dafs er mir 
ein Beistand sei, damit ich nicht, indem ich der üngehorsamkeit entgehen will, 
in die Gefahr komme der Geschwätzigkeit [geziehen zu werden]. Ich weifs wohl, 
dafs, wenn etwas in dem, was ich unternehme, vorkommt, was zu allerlei Tadel 
Anlafs giebt — dafs dies alsdann meiner Unverfrorenheit zur Last gelegt wird, 
dafs aber, wenn jedweder Vorwurf fernbleibt, dies natürlich eurem Gebete zu 
gute gerechnet werden mufs. 



Syrische Quellen abeDdläüdischer Erzählungsstoffe. 23 

die Priester zu thun sich gescheut hatten. ^ Und er erzählte vielen von dön 
Lebensgewohnheiten und der Predigt und den Kasteiungen des Mannes; 
und er pries 20 den Timotheus, dafs er durch seinen Eifer viele Heiden 
vom Irrglauben abbrachte, indem er sie belehrte und ihnen von der 
Wahrheit Christi ^ mehrere Monate lang predigte. Schliefslich aber liefs 
Tarquinius, der Präfekt der Stadt, den Timotheus ergreifen und im Ge- 
fängnisse verwahren; und mau nötigte ihn gar sehr, zu opfern, und er 
wurde dreimal gegeifselt und zu verschiedenen Martern verurteilt, und 
schliefslich wurde ihm der Kopf abgeschlagen. Und sogleich stahl er um 
Mitternacht seinen Leichnam und brachte ihn in sein Haus und zeigte 
ihn dem Miltiades, der zu jener Zeit Bischof war, indem er ihn bat, er 
möge ihn glänzend einsargen und beerdigen. ^ Und dieser versammelte 
die übrigen Priester und Diakonen bei der Nacht, und er bestattete ihn 
mit geistlichen Gesängen in dem Garten eines gläubigen Weibes [48] 
Namens Theone, der an den Tempel stiefs, in welchem der Apostel Paulus 
beigesetzt war, indem sie auf ihre Kosten über ihm ein Bethaus erbaute. 
Und viele Einsichtige wunderten sich über die Fügung Gottes, die es so 
einzurichten wufste, dafs dieser Timotheus, der des Namens des Schülers 
des Apostels Paulus würdig war, an seiner Seite beigesetzt wurde. * Und 
dies vollzog sich auf die angegebene Weise. 

Weil aber der Präfekt Tarquinius vermutete, dafs Timotheus etwas 
Gold gehabt haben müsse, so liefs er den Silvester ergreifen und sprach 
zu ihm: 'Wenn du mir nicht alles das giebst, was Timotheus hinterlassen 
hat<i, so bringe ich dich durch die Leiden, die zur Strafe über dich ver- 
hängt werden sollen, um!' Und es entgegnete ihm Silvester und sprach: 
'Vernimm das Wort des Evangeliums: "In dieser Nacht wird man deine 
Seele von dir nehmen" (Luc. 12, 20), damit du erkennest, o 10 dafs du un- 
rechtmäfsigerweise Timotheus, den Diener Christi, verurteilt hast.'* Und, 
als der Präfekt dies hörte, wurde er heftig und befahl, dafs er mit ^ zwei 
Ketten gebunden und eingekerkert werde. Und, während Silvester im 
Gefängnis verwahrt wurde und Tarquinius u auf dem Landgute vor der 



a add Silvester nun freute sich niclit allein, dafs er denselben aufgenommen 
hatte, sondern er warf auch seine ganze Furcht von sich und erzählte — b add 
in einem Jahre (L mit 'und': anno tino et paulo ampliiis) — ^ welcher [dann] mit 
allen seinen Presbytern und Diakonen die ganze Nacht unter heiligen Lobprei- 
sungen wachte und seinen Tempel (d. i. seinen Leib, nach 1 Kor. 6, 19, oder 
'das Haus des Timotheus', s. oben S. 15) weihte. Ein vornehmes (eig. freigeborenes 
= adliges) Weib aber, eine Christin und Gottesfürchtige Namens Theonike, hatte 
einen Garten, der dem heiligen Paulus nahe lag; und sie bat den genannten 
Bischof, dafs auf ihre Kosten eine Märtyrerkirche (eig. Haus der M.) in ihrem 
Garten für die Heiligen gebaut würde, und dafs [dort] auch der Leib des heiligen 
Timotheus beigesetzt werde; und, indem dies geschah, erfreute es auch die Christen 
sehr (eig. hinlänglich), dieweil er bei dem, dessen Schüler sein Namensvetter ge- 
wesen war, beigesetzt wurde. — d add und den Göttern opferst (so auch L) — 
e dafs der Timotheus, den du getötet hast, nicht ein Unreiner war (im Sinne von: 
'unrecht Gut besafs'V), wie du denkst (wörtl. sagst), sondern ein Märtyrer Christi. 
— f harten (L ferreis) — g an einem Orte, der Syngma (?) heifst 



24 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

Stadt, das Sigmatis heifst, frühstückte, da ereilte ihn das göttliche Ge- 
richt: h und es blieb eine Fischgräte in seiner Kehle stecken. Und nicht 
halfen ihm die Zauberformeln und nicht die Kunst der Arzte;* vielmehr 
quälte er sich ruhelos vom Frühstück an bis um Mitternacht und starb 
dann, so wie es Silvester gesagt hatte. Und zu derselben Stunde, wo 
der Leichnam des Tarquinius unter schmerzlicher Klage zum Grabe ge- 
leitet wurde, ward Silvester unter Freude aus dem Kerker entlassen ; 
indem er von den Gläubigen laut erhoben und gepriesen wurde, brachten 
sie ihn zum Papste 20 Miltiades. So ward dies die Veranlassung zu 
einem herrlichen Beispiele und zu einer freieren Stellung (syr. nnoorioia) 
für die Christen, für die Heiden aber zu Schimpf und Schande; und die, 
welche ihn auf Befehl des Präfekten verunglimpft hatten, umfafsten seine 
Füfse und flehten ihn an, i damit sie nicht auch ein schrecklicher Tod 
seinem Worte entsprechend treffe, wie den Präfekten. Und es wurde ihn 
die Gnade zu teil, dafs er bei den Gläubigen und bei den Heiden beliebt 
war; und ^ nach drei Jahren* wurde er von Miltiades i zum Diakon ge- 
weiht. Und er hatte mehr Erfolg [in seiner Amtsthätigkeit] als die an- 
deren Kleriker ; und er war nicht hoffärtig in seinem Verhalten, und nicht 
stolz war er, [49] sondern sehr schüchtern und bescheiden, und er war 
voranleuchtend in den geistlichen und himmlischen Gepflogenheiten,* und 
hell erstrahlte sein Gesicht wie das eines Engels, und beredt war er in 
seiner Rede, und heilig war er in seinem Thun, und gesund an seinem 
Leibe und tugendsam in seinem Betragen, und er war "^ zuverlässig* und 
reich an gutem Rate, und war ausdauernd in seinem Hoffen, und war 
nicht wetterwendisch in seiner Zuneigung — und, weil ich nicht im stände 
bin, alle seine Tugenden zu schildern, so wende ich meine Darstellung 
dem zu, " dafs sie etwas von seinen Thaten erzähle. 

Als nun der heilige Miltiades [aus dieser Welt] geschieden und zu 
unserem Herrn gegangen war, da riefen alle zusammen, Kleriker und 
Laien, mit lauter Stimme: 'Würdig ist Silvester, Bischof zu werden!' 
Und er 10 lehnte es ab und wies selbst darauf hin, dafs er noch ein 
Jüngling sei und nicht würdig; und, je mehr er ablehnte, desto mehr 
schrien sie. Und — um nicht weitschweifig zu werden — so ward er mit 
dem Willen Gottes Bischof. 



^ denn als er die Speise zu sich nahm, setzte sich eine Fischgräte in seinem 
Gaumen fest; und weder durch Kleider (d. h. einen Zeugstreifen?; lies dafür: 
Zauberkünste, wie A und L prcestigice incaniatorurn) noch durch etwas anderes 
konnte er sie herausbringen; — i add er möge für sie beten, — k im Alter von 
dreifsig Jahren (so auch L) — 1 durch Handauflegung des heiligen Amtes (syr. 
td^cg) des Diakonatcs gewürdigt. Und es ward ihm die ganze Gnade Christi 
in vollem Mafse zu teil; denn Stolz und Ruhmredigkeit fand Zeit seines Lebens 
bei ihm keinen Platz, sondern er war sanft und hatte seine Freude am tugend- 
haften Leben und war bescheiden, und er zeigte, dafs seine Person mit himm- 
lischen Gepflogenheiten geschmückt war, — m rechtgläubig (der Ausdruck in A 
kann sowohl 'zuverlässig' [eig. glaubenswert], als auch, wie hier, aufs religiöse 
Gebiet bezogen, 'gläubig' bezeichnen) — » was von ihm eins nach dem anderen 
(eig. y.ara ueQos) vollbracht worden ist. 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 25 

Und mit solchem Nachdruck ermahnte er das Volk allezeit, dafs 
viele die Verehrung* der Götzen aufgaben und zu Christus ihre Zu- 
flucht nahmen. Zu dieser Zeit war es, wo der Bischof von Pamphylien 
Euphrosynus nach Rom gelangte, einzig zu dem Zwecke, um vor der Be- 
gräbnisstätte (eig. den Särgen) der heiligen Apostel zu beten und [so] ein 
Gelübde seiner Knabenzeit, nachdem er ein Greis und Bischof geworden 
war, zu erfüllen. Und es ward ihm die Gnade Gottes zu teil, so dafs 
jeder, der von einer Krankheit p geplagt war und sich ihm im Glauben 
näherte, <i geheilt wurde; und die Dämonen trieb er aus im Namen 20 un- 
seres Herrn Jesus Christus, weil er ein gottesfürchtiger Mann war und 
viel um dieses seines Namens willen gelitten hatte. Wenn er aber das 
unblutige Hostienopfer >■ darbrachte, war er mit einem ärmellosen Kleide 
angethan, von welchem er sagte, dafs es ^^ dem Apostel Jakobus * angehört 
habe; es gezieme sich nämlich, dafs der, der herantrete, um das Mysterium 
darzubringen, nicht blofs geistlich, sondern auch am Leibe strahlend und 
rein und mit weifsen Gewändern bekleidet sei. Und dementsprechend be- 
dienen sich die römischen Priester bis heutigen Tages dieses ärmellosen 
Gewandes (syr. y.olößiof) ; aber, t weil sie darin nackte Arme haben, so 
waren sie um so mehr darauf bedacht, die Dalmatika sich anzuziehen.* 
Und er belehrte den Silvester, dafs es sich für die Priester gezieme, " sich 
aller [50] weltlichen Geschäfte zu entäufsern* und beständig im Gebete 
zu verweilen, indem sie nämlich eingedenk seien des Wortes des Pro- 
pheten, der da sagt (Ps. 46, 11): 'Seid beständig und wisset, dafs ich Gott 
bin !' und das des Apostels, dafs der, der [als Soldat] dient, nicht in welt- 
liche Geschäfte verflochten sein solle, damit er dem, den er erwählt hat, 
wohlgefalle (2 Tim. 2, A). 

V Und, weil die Schriftkundigen die Benennung der sieben Tage der 
Woche tadelten, die von den Heiden herstammte, welche Sonne und Mond 
und Mars (eig. Ares) und Merkur (Hermes) und Jupiter (Zeus) und 
Venus (Aphrodite) und Saturn (Kronos) dafür sagten, so benannte sie 
Silvester [in folgender Weise]: anstatt Mond zweiter Wochentag und an- 
statt Ares dritter und anstatt Hermes vierter und für Zeus fünfter und 
für Aphrodite Rüsttag (eig. Vorabend) und für Kronos Sabbat,* und den 
Tag der Sonne benannte er ersten Wochentag, weil an ihm die Auf- 



den Irrwahn — P add oder Schmerz oder Leiden — q add blofs durch 
seinen Anblick — r add in der Versammlung der Gläubigen — s den Aposteln 
— t weil die Entblöfstheit der Arme getadelt wurde, nannten sie sie Dalmatiken 
und nicht Kolobien. — u sich fern zu halten von allem Warenhandel (L merca- 
tur(B) in der Welt — v Und dabei passierte es ihm, von den Schriftkundigen ge- 
tadelt zu werden, dieweil er die Wochentage mit Namen benannte. Denn bei 
den Heiden sagt man, wenn man die Tage benennt, dafs es der [Tagj der Sonne 
und des Mondes und des Mars (Ares) . . . und schliefslich des Saturn (Kronos) 
sei ; der heilige Silvester aber nannte den zweiten Tag, [den] des Mondes, zweiten 
[Wochenjtag, den des Mars dritten Wochentag u. s. w. (vgl. zum Anfang dieses 
Abschnittes L: Hinc in eum sunt exortce apud Romanos calumnice, ut qui patrios 
eorum riius iolleret). 



26 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

erstehung stattfand 1^ und weil er ausgezeichnet ist durch den allerersten 
Wochenanfang und das Werden des Lichts, weil an ihm Gott sprach: 
'Es werde Licht und es ward Licht' [Gen. 1, 3]. Und, weil ein Streit ent- 
stand zwischen den Occidentalen und den Orientalen, weil die Orientalen 
am Sabbat essen w und die Occidentalen fasten, so setzte Silvester fest, 
dafs es recht sei, am Sabbat zu fasten und auch am fünften Wochentag: 
am Sabbat, dieweil [an ihm] unser Herr im Grabe war und [deshalb] die 
Apostel fasteten, am ersten Wochentag [d. i. Sonntag] aber, an welchem 
er auferstand, sollen wir uns freuen und frohlocken und lobpreisen, x 
am fünften Wochentage [d. i. Donnerstag] aber geziemt es sich gleichfalls 
zu fasten, weil an ihm das Ol der Salbung geweiht und an ihm neu dar- 
gereicht wird die frohe Botschaft des Leibes Christi, der uns der Ver- 
gebung der Sünden würdigt und uns aus dem Kerker herausführt.* 

Dies habe ich in Kürze hier von seiner Lehre aufgezeichnet, be- 
treffs des übrigen 20 aber will ich nun einzelnes von seinen Wunder- 
thaten, y die er im Namen unseres Herrn Jesus Christus gethan hat, 
darlegen. 

Es war ein grofser Drache in einer tiefen Höhle des Berges Tarpeius, 
auf welchem das Capitolium erbaut ist; zu diesem stiegen einmal im 
Monat Zauberer und Magierjungfrauen, die ihnen folgten, auf dreihundert 
und sechzig (B: 365) Stufen hinab, gewissermafsen, i- um die Erde (das 
Erdinnere) zu beschauen, und brachten ihm Speise hinunter und voll- 
führten ihre Zauberkünste. Und von Zeit zu Zeit stieg der Drache 
herauf; doch kam er nicht aus der Höhle heraus, sondern er hauchte 
[51] Gift aus, und [dadurch] gingen in Rom viele zu Grunde und starben, 
die in seine Nähe kamen und diese verderbenbringende Luft einatmeten,* 
insbesondere die Kinder. 

LTnd, als Silvester mit den Heiden disputierte und ihnen Beweise und 
Wegleitung gab betreffs des wahren Glaubens an unseren Herrn Jesus 
Christus, da sprachen a sie ihm gegenüber:* 'Wenn Christus, den du 



w add nach dem Brauche der Juden zur Mittagszeit — x um so mehr, da 
den Sabbattag Traurigkeit umgab (eig. erfafste); und deswegen zieme es sich zu 
fasten für jeden, der es in seiner Macht hat (resp. dazu die Kraft hat), — Gott 
aber verlangt nicht, dafs jemand über Vermögen faste; am fünften Wochentage 
aber, weil er durch die Auffahrt unseres Herrn verklärt ist und wir ihn als den 
Genossen (wörtl. Compagnon) des [Tages] der Auferstehung bezeichnen sollen, und 
zudem wird auch das heilige Ol der Salbung (vgl. zur Bedeutung des Subst. mtli- 
huia meine Schrift 'Georgs des Araberbischofs Gedichte und Briefe' S. 152) an 
diesem Tage geweiht, und an ihm lösen sich die Bande der Eingekerkerten, und 
an ihm fangen wir auch an, den Leib unseres Herrn [uns] zu kommunizieren. 
— y die Gott durch seine Hände zum Preise seines Namens gethan hat — ^ in 
den Abgrund (fehlt in L); und sie bedienten sich auch bei ihrem Hinabsteigen 
unsauberer Verrichtungen (L mysteria in quibus nuUa insignis deerat aborninatio). 
Der Drache aber stieg sogleich herauf, und er ging nicht nach aufsen hinaus 
(ebenso L foras quidem non egrediebatur); alle aber, die um ihn herum waren, 
brachte er durch den todbringenden Hauch um, und über ganz Rom verbreitete 
sich der Odem der verderblichen Luft, imd infolgedessen ergriff tödliche Krank- 
heit alle Leute in ihr — a die von der entgegengesetzten Partei: 



Syrische Quellen abendländischer Eizählungsstoffe. 27 

predigst, wahrer Gott ist und grofs und stark seine Macht, so steige 
in seinem Namen hinunter und banne den Drachen in seinem Neste auf 
ein Jahr nur, dafs er nicht heraufkommen und die Leute hier in klei- 
nerer oder gröfserer Zahl umbringen kann ; und wir wollen an ihn glauben !' 
Und es sprach zu ihnen Silvester: ^ 'Unser Herr Christus erweist auch 
durch so etwas seine Macht, eure Unterweisung aber kann [geradezu] dies 
und anderes nötig machen, was zwar für ihn 10 leicht ist, was aber, wenn 
es bestehen bleibt (d. h. wenn nicht durch einen solchen unmittelbaren 
Machterweis das Bestehende — hier die verderbliche Thätigkeit des 
Drachen — beseitigt wird), euch hindert, umzukehren und die Wahrheit 
zu erkennen und [so] zu leben.'* Da versammelte Silvester die Ange- 
hörigen der heiligen Kirche, die geistlichen und gottesfürchtigen Männer, 
und er sagte ein dreitägiges Fasten an, und sie verweilten beständig im 
Gebete und flehten zu unserem Herrn Jesus Christus, dafs er, wie zu 
aller Zeit, ein Retter der Menschheit sein solle von dieser verderben- 
bringenden Bestie, und dafs er [so] die Kraft seines heiligen Namens er- 
weisen solle. 

c Und, als die drei Tage zu Ende waren, erschien der Apostel Petrus 
dem Silvester im Gesichte und sprach zu ihm: 'Nimm mit dir die Pres- 
byter Theodorus und Dionysius und Felicissimus und die Diakonen 
«1 Hieromathes (resp. Andromachos) und Romanus, und « bringet an der 
Öffnung der Höhle ein Opfer dar (d. h. feiert die Messe); und alsdann, 
wenn du in die Höhle hinabsteigst, so findest du darin eiserne Thore; 
wirf sie zu angesichts 20 des Drachens und verschliefs sie mit einem 
Schlosse, das du dort liegen findest, und vergrab die Schlüssel daselbst, 
wo du gerade willst; und, indem du betest zu unserem Herrn Jesus 
Christus, sollst du sagen:* "So hat der Apostel Petrus gesagt, dafs diese 



t Christus, mein Gott, ist in vollstem Malse in Kraft, und er wird durch Für- 
sprache [bei Gott] und auch durch diese That seine Kraft zeigen. Euer Unglaube 
aber vermag anderes, was [jedoch] gegenüber seiner Gottheit ganz und gar nicht 
bestehen kann ; für euer Heil aber kämpfe ich. Vgl. hierzu L A deo, qui a me prw- 
clicafur, nihil est omnino, quod non possit ßeri. Quocirca faciliime hanc nostram implebit 
precationem. Ex vobis autem plurimi ne sie qtiidem absiinebunt ab impietate (wie wenn 
der syrische Wortlaut so aufgefalst wäre: 'aber selbst wenn dies eintritt, so wird 
es doch nur euch hindern' u. s. w.), sed rursits retinebiint et amplectentur impiefafem. 
— c Als nun die drei Tage, die festgesetzt worden waren, zu Ende waren und 
das Fasten an ihnen zu Ende gebracht worden war (vgl. L peracto, quod prcesti- 
iutum fuerat, ieiunio) — (l Contatos? (diese arge Verstümmelung des Namens be- 
weist, dals das ursprüngliche Wort nicht mehr bekannt war) — e am Eingange, 
bevor du hineingehst zu dem Drachen, bringe dar den Leih und das Blut des 
Erlösers, das Opfer[lamm] Christi (vgl. L incruentum offerret cultum); und nachher 
nimm dir eine Kette und ein Schlols. Und siehe! du findest eine Höhle, den 
Aufenthaltsort des Drachen: daran sind eiserne Thore und an ihnen sind Ringe; 
nachdem du nun hinabgestiegen bist, rufe den Namen unseres Herrn Jesus Christus 
an, und hänge dich an die Thore, [ziehe sie so] an dich heran und stecke die 
Kette samt dem Schlois durch die Ringe, die an ihnen sind, durch (vgl. L ad se 
portas Iraheret et in adaptafos annidos clavem iniiceret); und, nachdem du sie (die 
Thore) so verschlossen hast, sprich : 



28 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

Thore nicht wieder aufgethan werden sollen (Matth. 16, 18 f.) bis an den 
furchtbaren Tag des Gerichts.'" Während aber Silvester nun hinabstieg, 
hofften die Heiden, dafs ihn Furcht packen werde; er aber stieg ver- 
trauensvoll ohne Furcht hinab und vollzog alles, was ihm vom Apostel 
Petrus befohlen worden war. Und so wurde von diesem Tage an f die 
Stadt von dem verderbenbringenden Gifte jenes Drachen befreit. 

Und es verging ein Monat und zwei, und er wurde nicht wieder ge- 
sehen, auch stieg er nicht herauf; und es erkannten nun die, welche den 
Drachen bedient hatten, dafs er durch [52] das Gebet des Heiligen be- 
siegt worden war. Und sie kamen und fielen ihm zu Füfsen und wurden 
gläubig und liefsen sich taufen auf Christus. 

Zu jener Zeit ging ein Befehl aus vom Könige, dafs allerorten die 
Christen verfolgt werden und die Götzen anbeten sollten. Und Silvester 
ging weg nach dem Berge s Sarapion und verbarg sich dort mit seinen 
Klerikern. Konstantinus aber, der die Maximina, die Tochter des Dio- 
cletianus, geheiratet hatte, wurde, während er die Christen verfolgte und 
viele tötete, von einem räudigen und schuppigen Ausschlag an seinem 
Körper befallen. ^^ Und viele Arzte und Zauberer und Kräutersammler und 
Magier, die aus dem Perserreiche hergesandt worden waren, machten sich 
mit ihm zu schaffen und* konnten ihm nichts helfen. Da traten die 
Heidenpriester des Kapitolstempels an ihn heran und sprachen: 10 'Es 
sollen sich Kinder aus allen Ländern versammeln, die unschuldig (eig. 
noch nicht verderbt) sind, und es soll eine Wanne im Tempel bereit 
stehen, während die in Bereitschaft sind, die sie opfern sollen; und, so- 
bald ihr Blut zu wallen anfängt, so steig hinein und bade dich darin, 
o König, und du wirst rein und gesund werden.' Und, als sich die Kin- 
der versammelt hatten, die man dafür bestimmt hatte, und der König 
[aus dem Palaste] herauskam, um nach dem Kapitolstempel hinzugehen, 
da kamen ihm die Mütter der Knaben entgegen, wie sie unter Wehklagen 
jammerten und mit aufgelösten Haaren und > mit zerrissenen Kleidern * 
und wie sie weinend um ihre Söhne zum Könige schrien und [sogar] die 
Erde erbeben machten und die Luft mit dem Aschen staube, den sie [über 
sich] warfen, erfüllten, k Und, als sich der König erkundigte, was denn 
die Weiber, die da eben erst sich versammelt hatten, schrien und jämmer- 
lich weinten, da wurde ihm gesagt : * 'Es sind die Mütter der Knaben, die 



f bis in die fernste Zeit — S Sorapantos (vgl. griech. JSco^nTilvov und ^ao- 
nach Nestle S. 79) — '^ Und es versammelten sich bei ihm die Magier und die 
Zauberer, welche die illyrischen (?) heifsen ; und die Zauberer und auch die mari- 
sischen (?) Arzte (d. i. die aus der oberägyptischen Landschaft Maris, d. i. event. 
Meroe, stammen), und mit ihnen auch die, welche aus Persien gekommen waren, 
die Verächter der Heilkunst waren — i mit entblöfsten Brüsten (bei L beides: 
vestesque discerpebant et ubera ostendehant, quibus lactabant infantes) — ^ Und grofses 
Entsetzen und Furcht überkam den König und auch seinen Senat. Als nun der 
König sich erkundigte, welches die Ursache sei, die diese ganze Vei^sammlung zu 
den Klagelauten gebracht hatte und sie genötigt, sich ganz der Trauer hinzugeben, 
da benachrichtigten sie ihn: 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 29 

getötet werden sollen, welche um ihre Söhne weinen.' i Und auch der 
König wurde weich gestimmt ^0 und erklärte sich für besiegt und 
weinte; und er rief aus und sagte: 'Das Reich und die Herrschaft des 
Königtums der Römer ist eine Quelle des Erbarmens und der Liebe ; und 
ich will sie euch zeigen, da auch ich dazu geneigt und gewillt bin. Ich 
ziehe für mich die Rettung der Kinder und die Freude ihrer Mütter der 
Genesung vor, die mir zu teil werden soll — oder, wenn sich's trifft, 
auch nicht. So sollen denn sogleich die Knaben ihren Müttern zurück- 
gegeben werden ! Denn es ist richtiger, zu sterben für diese geliebten 
und reinen Knaben, und nicht dadurch, dafs jemand sie tötet, zur Ge- 
nesung und zum Leben befähigt zu werden, was nicht einmal sicher ist. 
Denn, wenn sie der Liebe ihrer Mütter zurückgegeben werden, so werden 
diese aufhören zu jammern ; und ihre Thränen um sie werden ein Anlafs 
zur Freude für die, die darum wissen. Es sollen [53] ihnen aber auch 
die Reisekosten, die für eine jede von ihnen je nach der Entfernung ihres 
Landes nötig sind, und Kleider gegeben werden.' Und, als er dies ange- 
ordnet hatte, kehrte er nach dem Palaste zurück. * 

Und in der Nacht erschienen ihm im Traumgesichte Petrus und 
Paulus; und sie sprachen zu ihm: 'Uns hat unser Herr gesandt, um 
dir die Freudenbotschaft deiner Lebensrettung zu verkündigen. Darum 
so sende hin und lafs mit allen Ehren hierherholen den Bischof Silvester, 
der auf der Flucht vor dir auf dem Berge '" Saraption sich verborgen 
hält. Wenn du diesen sehen und hören und seinen Rat befolgen wirst, 
" so zeigt er dir und läfst dich baden im lebendigen Wasser, das deinen 



1 Zum Staunen kam er da wegen der ganz unnatüi-lichen Erbarm ungslosig- 
keit und wegen der Gröfse dieser [sittlichen] Unsauberkeit ; und er fing an, 
Thränen zu vergiefsen und mit lauter Stimme auszurufen: 'Das Königtum der 
Römer hat eine Quelle und Wurzel, die der Gottesfurcht entspricht; und dieweil 
ich nicht auf Grund davon [zu einem gesunden Menschen] umgestaltet werden 
will, so thue ich jedermann kund, dafs mir die Rettung der unschuldigen 
Knaben mehr wert ist als meine eigene Gesundheit.' Und, indem diesem ganz 
erbarmungslosen Befehle Einhalt gethan wurde, befahl er, dafs die geliebten 
Knaben auf Grund der Gottesfurcht der Römer ihren Müttern wiedergegeben 
werden sollten, indem er sagte: 'Es ist eher meine Pflicht, dafs ich zu gunsten 
der Rettung der Unschuldigen sterbe, als dafs ich ein mitleidloses Leben erneuere ; 
d. h. es ist auch nicht einmal sicher (eig. bekannt), ob mein Leben erneuert 
werden würde, die Erbarmungslosigkeit ist aber deutlich erkennbar (vgl. L aclionis 
quidem impietas est evidens et vianifesia, inceriuvi est auiem, an sit evenfurum . . .). Es 
sollen also ihren Müttern die geliebten Knaben zurückgegeben werden; indem die 
Süfsigkeit der Kinder den Müttern zurückgegeben wird, wird sich die Bitterkeit 
der Thränen zur Freude wenden (vgl. hier zum syrischen Ausdruck in A: 'die 
die darum wissen' in L, wenngleich etwas weiter oben, 'ii qui videbant'). Und, 
nachdem er dies gesagt hatte, schlug er den Weg zum Palatium hin ein; und er 
liefs nun nicht die Knaben blofs ihren Müttern zurückgeben, sondern er gab auch 
Auftrag, dafs ihnen der Proviant und auch die Kosten für die Rückkehr in ihre 
Heimat gegeben werden sollten, damit sie, die in Trauer und unter Thränen ge- 
kommen waren, in Freude und unter Frohlocken in ihre Heimat heimkehren sollten. 
— ™ Sarap^ina — » so kann er dir die Wanne der Gottesfurcht zeigen (ebenso 
weiter unten, s. Anm. s auf S. 31), — wenn du dich in ihr badest, wirst du die 



30 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

Körper und deine Seele wieder gesund macht, und das dich befähigt zum 
Leben und zur Gesundheit auf immer, dieweil du die Knaben verschont 
hast und hast sie am Leben gelassen und nicht umgebracht.' * 

» Und, als sie dies im Traumgesicht zu ihm gesagt hatten, 10 da 
staunte er und wurde aus seinem Schlafe aufgeschreckt; und er sah den 
Arzt stehen, der nach seiner Gewohnheit bereit war, ein linderndes Pflaster 
auf seine Beulen zulegen, und er sprach zu ihm: 'Von jetzt an ziehe ich 
nicht mehr von diesen menschlichen Heilmitteln Nutzen, sondern ich 
glaube, dafs mir die Hand Christi hilft.' 

Nachdem er dies gesagt hatte, sandte er sogleich nach dem Berge 
Saraption hin und liefs unter hohen Ehren den Silvester herbeiholen ; 
und, als er hereintrat, stand der König vor ihm auf und begrüfste ihn 
und sprach: 'Ich freue mich sehr, dafs du, wie ich sehe, wohlbehalten 
hierhergekommen bist.' Und es antwortete Silvester und sprach zu ihm: 
'Es möge dir Frieden und Sieg vom Himmel her verliehen werden!' Und 
es sprach der König: 'Ich beschwöre dich bei Gott, dafs du mir sagest, 
ob das eure Götter sind, [nämlich] Petrus und Paulus!' Und Silvester 
gab ihm zur Antwort und sprach: p 'Wir haben einen Gott, 20 den wir 
verehren und anbeten, ihn, * der die Welt aus nichts gemacht hat, d. h. 
den Himmel und die Erde und alles, was auf ihnen ist. Petrus aber und 
Paulus sind nicht Götter, sondern die Diener Gottes, <i die sein Wohl- 
gefallen erwarben und im Glauben grofse Erfolge hatten * und die ersten 
in der Verkündigung des Evangeliums waren und von Gott zu Aposteln 
gemacht wurden; und sie haben zuerst den Völkern gepredigt von der 
Gottheit des Sohnes Gottes, unseres Herrn Jesu Christi, so dafs die ganze 
Kirche durch ihre Vermittelung ihren Anfang nahm. Und, als sie den 
Dienst ihres Apostelamtes zu Ende geführt hatten, gelangten sie zum 
Martyrium, und [jetzt] sind sie die Gäste des Allmächtigen.' Und, als 
der König dies gehört hatte, freute er sich und sprach: 'Ich bitte dich, 
wenn du Bilder von ihrer äufseren Erscheinung hast, [54] sie mir zu 
zeigen, dafs ich ihr Aussehen kennen lerne und sehen kann, ob es die 
sind, die zu mir sagten, dafs sie von dem erhabenen Gotte zu mir ge- 
sandt worden seien.' 

Da befahl Silvester einem von den Diakonen, dafs er ihre Bilder 
herbeiholen solle; und, als der Augustus sie sah, fing er an auszurufen 
und zu sägen : r 'Nicht ist an ihnen ein Unterschied [zu bemerken] gegen- 



ganze Unreinigkeit deiner Beulen (eig. Wunden) abwaschen und gesund werden 
und zu dem [neuen] Leben befähigt werden, das d u den unschuldigen Knaben ge- 
schenkt hast' (vgl. L nie tibi osteiidet piscinam, quce et carnis purgahit vitia et animce 
sordes eluet). — » Als er aber durch diese Hede aus seinem Schlafe erwacht war, 
sah er . . . [Nach L recesserunt ab oculis imperatoris könnte man für 'da staunte 
er' koujizieren: 'da kehrten sie zurück' (was graphisch nahe steht); doch kann 
für ürsprünglichkeit der Lesart das bei L folgende visitm adiniranie geltend ge- 
macht werden.] — P Der, den Avir verehren und anbeten, ist Jesus Gott (dagegen L 
wie A Unus a nobis deus cognosdtur) — ^1 die durch ihren Glauben es sich verdient 
haben, dafs sie die obere Stadt der Heiligkeit erlangten — i" Es giebt nichts, was so 



Syrische Quellen abendländischer ErzählnngsstoflTe. 31 

über dem Aussehen jener, die ich gesehen habe und die zu mir sprachen:* 
''Sende hin zu dem Bischof Silvester, und der wird dir zeigen den Lebens- 
quell, durch den du, wenn du dich in ihm badest, der Heilung von dei- 
nem Ausschlage gewürdigt werden wirst." ' Und Silvester sprach zu ihm : 
'Wisse, « dafs dies die Taufe des Lebens ist, dafs * du von ganzem Herzen 
an Christus, unseren Herrn, glaubest!' Und es sprach der Augustus: 
'Wenn ich nicht geglaubt hätte, hätte ich auch nicht nach dir geschickt.' ^' 
Und, als er ihn anflehte, er möge ihn taufen, 1^^ sprach zu ihm Silvester: 
'Faste diese Woche und lege ab von dir deine königlichen Gewänder und 
gehe in dein Gemach und demütige dich ^i auf einem Sacke vor Gott 
unter Thränen und bekenne, dafs du im Irrwahne seine heiligen Diener 
getötet hast; und die Tempel der Heiden sollen geschlossen werden in 
dieser Woche, damit die schändlichen Opfer in ihnen aufhören. Und er- 
lafs denen, die ^' Geld schuldig sind und nicht haben, um zahlen zu 
können; w lafs die Gefangenen frei und bring heim die, welche ins Exil 
gestofsen worden sind, und die, welche an irgend einem Orte in Gewahr- 
sam gehalten und schlecht behandelt werden, und gieb den Bedürftigen 
Almosen;* gieb Geschenke denen, die dich in geziemender Weise darum 
bitten. ^ Und wenn dies von dir regelrecht erfüllt sein wird und ich 
davon Kunde habe, so werde ich dir alsdann als Vermittler zwischen dir 
und unserem Herrn dienen.' * 

Und der König versprach, dies alles y gutwillig 20 und mit Eifer zu 
thun; und so legte Silvester die Hand auf ihn und segnete ihn und 
machte ihn zum Katechumenen (eig. Hörer), damit er [christlich] unter- 
richtet werde. Und er ging fort und berief die Priester und ^^ die 
Schwestern der Kirche,* und er sagte ein Fasten an und sprach: 'Wenn 
die Niniviter wegen » des Fastens* des Jonas ein Fasten ^ anordneten 
und so den wohlverdienten Todesandrohungen und dem Zorne über sie 
entgingen, um wie viel mehr c wird jetzt, wenn wir uns nur um das 



wahr ist, wie diese Bilder; denn von ihnen sind es die Nachbildungen und Ge- 
stalten. Denn die Erscheinungen, die ich gesehen habe, s i e haben zu mir ge- 
sagt: — s dafd dir die Wanne der Gottesfurcht gezeigt wird, wenn (vgl. L rogavit, 
ut ei ostemhreL piscinam) — * add Nun aber lafs mich wissen, was mir zu thun 
obliegt. — u auf der Erde im Sacke (vgl. L in sacco et cinere humi iacens) — - 
V add der Staatskasse (syr. Srj/uooiov) — w und lasse frei die, welche im Kerker 
sind; und denen, welche im Exile und in Bergwerken (syr. f/sraXlov, vgl. L et 
ad metalla dainnati) sind und mit allen Qualen gepeinigt werden, schenke Kühe; 
und befiehl, dafs man Gnade und Erbarmen jedermann angedeihen lasse; — 
X Und, damit dies richtig und so, wie es die Pflicht erfordert, ausgeführt 
werde, so stelle besondere Leute an, die für dieses Amt tauglich sind. — y add 
und dem Ähuliches — z die Kleriker — a der Predigt — b add von vierzig 
Tagen — c werden wir von der Predigt unseres Herrn Jesu Christi, der unsere 
Seelen von der Verfolgung befreit hat, Vorteil und Hilfe haben. Und wir wollen 
der Kirche Gottes den Frieden geben und der Verehrung der Götzen ein Ende 
machen; dies erreichen wir aber, wenn wir durch das Fasten und durch das 
Gebet und durch das Flehen Gott versöhnen können.' So setzte er nun unter 
allgemeiner Einwilligung und Zustimmung das lang andauernde Fasten fest; 
und alle thaten, ein jeder nach seinem Vermögen, Gutes und gaben Almosen. 



32 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

Seelenheil unserer Brüder bemühen, die Verfolgung von dem Erbfeinde 
her uns hinfort erspart bleiben können, so dafs Friede sein wird für die 
Kirchen des Erdkreises, für die Götzen Verehrer aber Schimpf und Schande. 
Es wird also unter Zustimmung aller, die es gehört haben, ein Fasten 
und ein allgemeines Gebet und Almosen nach dem Vermögen eines jeden 
angeordnet werden' — nämlich während der sieben Tage, die er dafür 
festgesetzt hatte. Und, als diese zu Ende waren, da kamen sie zusammen 
vor dem Könige [55] und sprachen:* *Höre, o König! Diese Wasser 
bekommen infolge der Anrufung der Namen der anbetungswürdigen Gott- 
heit ihre göttliche Kraft und machen rein von dem Schmutze des ganzen 
Leibes draufsen, der mit den Augen wahrgenommen wird, und [reinigen] 
die Seele drinnen von der Sünde, so dafs du dann strahlen und leuchten 
wdrst mehr als die Sonne, Darum, o König, lafs dich taufen in dem hei- 
ligen Namen und werde gereinigt von deinen Sünden, o Konstantinus!' 
Und, als er dies gesagt hatte, salbte er ihn mit dem lieblichen Salböl 
der Heiligkeit, und er weihte das Wasser und betete, und nach der Ord- 
nung der Kirche taufte er ihn. Und es ward eine Stimme gehört und 
ti ein grofses Licht ward gesehen, und die Wasser wallten auf wie in einem 
Kessel ; und es fielen durch sie von dem Körper des Königs die Schuppen 
ab, so viele, wie von dem Fleische eines Fisches. Und, als 10 der König 
aus ihnen heraufstieg, da war sein Leib rein wie der eines Kindes. Und 
er erzählte, dafs er, während er im Wasser war, eine Hand gespürt habe, 
die wie vom Himmel herab kam und ihn berührte. Und er zog weifse 
Kleider an. 

Und am ersten Tage erliefs er ein Gesetz, des Inhalts, dafs jeder, 
der es wagen sollte, in seinem Reiche Christus zu schmähen und einem 
von den Gläubigen ein Unrecht anzuthun, die Hälfte seiner Güter ver- 
lieren solle, e Und er selbst nahm in seine Hände eine kleine Palme, 
damit jedermann sich überzeugen könne, dafs er von ganzem Herzen ein 
Christ sei. Und an seinem Palaste, der der Lateranensische heifst, zeich- 
nete er grabend den Grundrifs * und verordnete, dafs eine Kirche dem 
Namen unseres Herrn Christus gebaut werden solle. Und nachher f gab 
er Anordnungen, dafs jeder, der gewillt sei, von ganzem Gemüte gläubig 
zu werden, aus dem Staatsschatze Almosen und Kleider erhalten sollte. 



Und am Sabbattage, wo das Fasten seinen Abschlufs fand, zur Zeit des Abends, 
da sprach er zum Könige: — ^ sogleich leuchtete der Schein (syr. Xaf.iiiäs) eines 
unermefslichen Lichtes und ein Geräusch erscholl, wie von einem siedenden Kessel ; 
— e Und damit von jedermann erkannt werden könne, dafs er von ganzer Seele 
glaubte, so nahm er in seinem Palaste, der der Lateranensische heifst, eine Palme, 
und er fing mit seinen Händen als der erste an zu graben und [so] den Grund- 
rifs der Kirche zu zeichnen — f liefs er Verordnungen auf den Märkten prokla- 
mieren, in denen er versprach, dafs jeder Arme, der gewillt sei, Christ zu wei-den, 
aus den Staatsgeldern die Kosten [für die Taufe] und die [dazu nötigen] Kleider 
erhalten solle ; damit aber nicht den Heuchlern zur Sünde die Hand geboten wer- 
den solle, erhielten [es] nur die, welche nicht mit doppeltem Herzen (d. h. in 
zweideutiger Haltung) sich unserem Herrn Jesus Christus nahten, sondern auch 
mit einem Zeugnisse von Seiten unbescholtener Männer und Christen. 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 33 

wenn er dessen bedürftig sei; und es wurden 20 darüber eifrige Leute ge- 
setzt, welche die einzelnen prüfen sollten. * Und es war die Zahl derer, 
die sich dort in jenem Jahre von den Heiden taufen liefsen, zwölftausend 
Männer, ohne die Weiber und die Kinder, s Und es wuchs und mehrte 
sich die Partei der Gläubigen; und es verringerte sich die Partei der 
Ungläubigen. 

Und an den Senat (syr. [^] avyy.lrjros), der zu dem Könige hinzutrat 
in der Basilika, welche Ulpia (syr. Olympia) heifst, um gläubig zu werden, 
richtete er solche Worte: 'Die unreinen Gedanken der Seelen der Heiden 
können nicht die leuchtenden und göttlichen Strahlen aufnehmen, zumal 
da sie an die Dunkelheit der Verehrung der Götzen gewöhnt und darin 
befangen sind; denn von diesen werden sie verdunkelt und verfinstert. 
Und es ziemt sich für sie, dafs sie, wenn sie sich dem Lichte nähern, 
verachten [56] diese Finsternis der Verehrung der Dämonen und der 
Götzenbilder, die von den Menschen herstammen. Denn nicht Götter 
sind diese, die von den Menschen herstammen, und die bewacht werden 
müssen, um nicht gestohlen zu werden; und so mache ich mich selbst 
wie zu einem Beispiele für viele, dafs sie nämlich den Gott fürchten 
sollen, der uns erschaffen und der uns zu einem neuen Menschen gemacht 
hat, und nicht durch einen anderen ist mir die Gesundheit zu teil ge- 
worden oder neu geschenkt worden. Und darum soll ausgerottet werden 
der Irrwahn der Götzen Verehrung, welche die Thorheit geboren, der Wahn- 

S Und ebenso unterlag die Partei der Götzendiener und die Gottlosigkeit wurde 
zu schänden ; an die aber vom Senate, welche zum Glauben an unseren Herrn Jesus 
Christus berufen wurden, wandte er sich in der Basilika, die Ulpia heifst, mit fol- 
gender Ansprache: 'Die Gesinnungen eurer Seelen sind verunreinigt; und darum 
können sie auf keinerlei Weise den Heilsratschlufs [in ihren Sinn] aufnehmen, die- 
weil sie die Wolken und die Dunkelheit des Irrwahnes in sich bergen; und nicht 
vermögen sie das Licht der Gottesfurcht in sich hineinzubringen. Öffnet nun die 
Augen der Herzen und die Sehkraft der Gedanken: und prüft eifrigst und fällt 
das Urteil, dafs jetzt nicht [mehr] die als Götter bezeichnet oder anerkannt wer- 
den sollen, welche von Menschen gemacht worden sind. Denn nicht waren sie 
(d. h. die in den Götterstatuen Dargestellten) schon vorher Götter, sondern es 
waren ihre Mitmenschen; und ganz besonders sind [alsdann] Götter die Menschen, 
die sie gemacht haben, während sie doch vorher nicht da waren, und die durch 
[Kunst]eifer es dahin brachten, dafs sie sie zu [solchen] Gestalten bildeten (eig. 
brachten). Und siehe, ich mache mich selbst zu einem Vorbilde für jedermann, 
dafs man den wahren Gott anbeten und verehren soll! Denn wenn er es nicht 
wäre, der uns von Anfang an geschaffen hat, wie hätte er mich, falls ich von 
einem anderen gemacht worden wäre, erneuern können?! So möge denn nun 
dieser ganze Irrwahn ein Ende nehmen : es möge sich verstecken die Unreinheit 
und die Unsauberkeit der Vielgötterei (eig. der Vielheit der Dämonen), welche 
der Unverstand geboren, die Dummheit aber hat wachsen und grofs werden lassen. 
Und es soll ein wahrer Gott angebetet werden, der ewig existiert und im Himmel 
herrscht. So wollen wir davon absehen, die zu verehren, durch deren Hände 
wir nicht gerettet zu werden vermögen, die wir aber retten müssen, indem wir 
die schmähen, die sie hassen, und von denen wir nicht bewacht werden können, 
die wir aber bewachen müssen, wenn es nicht unser Wille ist, dafs sie gestohlen 
werden, und es wäre wohl am Platze, wenn man sogar so weit ginge, zu den 
Götzen zu sagen: 'Ihr Tauben, höret!' und: 'Ihr Blinden, sehet!' 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. 3 



34 Syrische Quellen abendländischer ErzählungsstofFe. 

sinn aber grofsgezogen hat; und nur ein Gott soll [fortan] angebetet und 
geehrt werden, er, der da lebt und herrscht im Himmel. Ist es uns wohl 
angemessen, dafs wir die ehren, die uns nicht helfen können, die, welche 
wir bewachen müssen, dafs sie nicht Schaden leiden, und bei denen wir 
uns hüten müssen, dafs sie nicht gestohlen werden ? Ist es uns wohl an- 
gemessen, 10 dafs wir zu den Tauben sagen sollen: Höret, und zu den 
Blinden: Sehet!* Freuet euch aber und frohlocket mit mir ihr alle, dafs 
Christus, den ich verläugnet hatte, mir die Gesundheit wie ehedem ge- 
schenkt hat. Darum soll unsere, der Römer, Einsicht und Weisheit nicht 
ferner Christum verachten, sondern ihn anerkennen (eig. aufnehmen) und 
ihn anbeten, da er der Gott ist, von welchem her ihr [der Weisheit] Hilfe 
wird, und den nicht sie bewachen mufs, und damit von der ganzen Welt 
erkannt werde, dafs ich an den Gott der Wahrheit gläubig geworden bin. 
Ich habe aber geziemendermafsen dazu die Anregung gegeben, dafs an 
meinem Palaste eine Kirche gebaut werde, auf dafs alle Einsichtigen 
gleicherweise wahrnehmen sollen, dafs nichts in meinem Herzen übrig 
geblieben ist von dem früheren Irrwahne.' 

Da riefen das Volk und der Senat vierzigmal: 'Christus ist Gott!' 
und zehnmal riefen sie: 'Die Kirchen sollen geöffnet werden!' und zehn- 
mal riefen sie: 'Die, welche Christum nicht fürchten, sind die Feinde 
des Augustus!' 20 Dreifsigmal riefen sie: 'Er, der den Augustus ii gesund 
gemacht* hat, ist der wahre Gott!' Zwanzigmal riefen sie: 'Der, wel- 
cher Christum fürchtet, bleibt zu aller Zeit Sieger!' Vierzigmal i riefen 
sie:* 'Die, welche Christum nicht anbeten, sollen aus der Stadt vertrieben 
werden !' 

Und, als sie stille geworden waren, sprach der König: ^ 'Zwischen 
Gott und der Menschheit besteht folgender Unterschied: die Menschheit 
ist unterworfen und bedürftig, und die Gottheit schaltet unumschränkt 
ihrem Wesen nach und ist nicht bedürftig und herrscht über alles, und 
sie will auch, dafs sie unter Zustimmung der Willensfreiheit der Men- 
schen von ihr angebetet und geehrt werde. * Darum [57] wollen wir 
nicht, dafs die Menschen gezwungen, sondern dafs sie freiwillig Christen 
werden sollen ; und nicht aus Menschenfurcht, sondern aufrichtigen Sinnes 



^ gerettet — i aber wurde auch dies festgestellt: — ^ 'Zwischen der mensch- 
lichen und der göttlichen Knechtschaft findet dieser Unterschied statt: die mensch- 
liche Knechtschaft nämlich (syr. aber) ist eine gezwungene, die Gottes aber eine 
freiwillige und [selbst]crwählte [von seilen] dessen, der an ihr Wohlgefallen hat 
(vgl. L Dominum velle sua voluntate ipsum confiterl eos, qui ad eum- accedunf, et sua 
sponte sacrificare: non mitem vi eis et metu intentato). Denn Gott will mit reinem 
Herzen und mit dem Bewufstsein der ganzen Seele von den Menschen angebetet 
werden; und darum will er nicht gezwungenermafsen, sondern von denen, die 
sich ihm freiwillig nähern, als der Heilige anerkannt werden. [Hieran schliefst 
sich — sicher nur durch ein Versehen des Abschreibers, zumal da L hier aus- 
nahmsweise mit A statt mit B übereinstimmt — unmittelbar (also noch als Rede 
Konstantins) das an, was im obigen Texte weiter unten als Brief der Helena an 
Konstantin hinter der Überschrift folgt; betreffs des Wortlautes von B vgl. die 
Anmerkungen zum Texte (S. 35 f).] 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 35 

sollen sie die Bitte aussprechen, dafs sie, wenn sie sich bekehren, der 
grofsen Gemeinschaft der Christen beigemengt werden sollen.' Und, nach- 
dem wieder verschiedenartige Zurufe erschollen waren, trat aufs neue 
Stille ein; und der König kehrte zu dem Palaste mit Lampen und Kerzen 
unter Lobeserhebungen zurück, und die ganze Stadt war geschmückt. Und 
dies Gesetz wurde gegeben, dafs niemand gezwungen von seiner Religion 
übertreten solle, und dafs niemand genötigt werden solle, eine Religion, 
die er nicht wolle, zu verehren. Und es entstand Freude und Frohlocken 
in allen Kirchen, und die Tempel der Begräbnisstätten (eig. über den 
Särgen) der Heiligen wurden festlich geschmückt; und alle verfolgten 
Gläubigen erhielten den Ruf, dafs sie zurückkehren sollten in ihre Hei- 
mat, und wurden 10 die Freunde und Vertrauten des Königs. Das Übrige 
aber, was [noch] gethan und gesagt wurde, verschweige ich und erzähle 
es nicht, um nicht den Leser zu langweilen; weil du aber die Geschichte 
von Helena, der Mutter des Königs, wünschest, so sollst du diese Er- 
eignisse erfahren. 



Dieselbe war in Bithynien mit ihren zwei Enkeln, den Augusti Kou- 
stans und Konstantins, indem sie dort wohnten. Und, als die Juden 
hörten, dafs der König sich hatte [christlich] unterweisen lassen und ge- 
sund geworden und ein Christ geworden war, da näherten sie sich ihr 
und teilten ihr mit, dafs er nicht von Christus her gesund geworden sei, 
indem er sich taufen liefs, sondern vom Vater her, den sie anbeten. 
Und sie bestachen die Gläubigen, die in ihrer Begleitung waren, und 
brachten sie dahin, dafs sie an den König Konstantinus, ihren Sohn, 
folgen dermafsen schrieb: 'Du machtvoller Besieger unserer Feinde und 
Augustus, mein Sohn Konstantinus! Von deiner Mutter Helena einen 
Grufs! 1 Die 20 wahre Überlegung stöfst nicht leichtfertig die Wahrheit 
von sich, * und nicht erleidet der wahre Glaube jemals irgend eine Ein- 
bufse. n» Darum [sage ich dir] : von Gott rührt es her, mein Sohn, dafs 



1 Es stöfst aber die weise Überlegung nicht die Wahrheit von sich (vgl. 
betreffs des Zusammenhanges oben S. 34, Anm. k). — '" Das Erbarmen Gottes 
also müssen wir preisen, dafs ich (denn in B ist es noch Rede Konstantins) ge- 
würdigt worden bin, dafs ich mich von der Nichtigkeit der Götzen lossagte. Das 
Ende ist aber für den Irrwahn dadurch eingetreten, dafs ich geglaubt habe, dafs 
Jesus der Nazaräer Gott ist und dafs derselbe als Sohn Gottes im Himmel ist; 
denn er, der in menschlicher Gestalt und unter dem Gesetze der Juden war und 
auf Grund richterlichen Urteiles infolge der Anklage am Kreuze starb, der ist 
auch auferstanden von den Toten und herrscht im Himmel. So ist nun (syr. aber) 
durch deine Barmherzigkeit [resp. 'deiner Liebe' sc. zu Gott, indem der Abschreiber 
hier nicht mehr daran denkt, dafs und wie er seine Vorlage abzuändern hat] die 
Genesung geschenkt worden.' Der heilige Silvester aber sprach: 'Weil du als 
erster unter den Königen die Götzen verläugnet hast, so hat dir nämlich der 
wahre Gott der Juden, sofern er zeigen wollte, dafs die, welche du verläugnet 
hast, nicht Götter waren, die Gesundheit [wieder]geschenkt, damit du alle Götzen- 
furcht von dir werfest und erkennen solltest, dafs sie nicht, wenn sie geehrt 



36 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

du gewürdigt worden bist, ihn zu erkennen und gesund zu werden, indem 
du nämlich von dem Irrwahne der Götzen dich trennst. Dafs du aber 
glauben willst, Jesus der Nazarener sei Gott im Himmel und der Sohn 
des Gebenedeiten, das ist ein Irrtum — da er doch, aus Judäa stammend, 
zu einem Manne emporwuchs und deshalb, weil er [das Volk] irreleitete, 
ergriffen wurde und die Kreuzesstrafe erleiden mufste und gestorben ist. 
Deinem Glauben mufs aber in dem Sinne deine Genesung zugeschrieben 
werden, dieweil du nämlich als erster König die Religion der Götzen ver- 
läugnetest; und der wahre Gott, der der Juden, wollte zeigen, dafs es 
keinen Gott giebt aufser ihm, und so schenkte er dir die Gesundheit 
[wieder], damit du als [Gesundgewordener] nicht mehr [58] die Götzen 
fürchten solltest, sondern dich von ihrer Verehrung abwenden, da sie 
nicht zu helfen im stände sind, wenn sie angebetet werden, und nicht 
Übles zuzufügen, wenn sie geschmäht werden. Es hat dich also die 
Krankheit verlassen, indem du sie [die Götzen] verliefsest. Und nun, 
mein Sohn, wenn du dich hinwenden wirst zu dem allmächtigen Gott, so 
wirst du von ihm empfangen Kraft und Stärke, die nicht unterliegt und 
besiegt wird; und du wirst ein Held werden wie David, und du wirst 
weise werden wie Salomo, und es werden dir helfend zur Seite stehen 
die Propheten, mit denen Gott geredet hat, und alles, was du von ihm 
erbitten wirst, wirst du durch ihre Vermittelung hinnehmen. Gehab dich 
wohl zu aller Zeit, und mögest du glücklich sein (eig. Erfolg haben), 
o Augustus in alle Ewigkeit!' 

Und er schrieb ihr in entsprechender Weise also: 'Meine Herrin, die 
in alle Ewigkeit Königin ist, meine Mutter Helena! Von Konstantinus 
Augustus [einen Grufs] ! Er, der alles erschaffen hat und W die Welten 
umfafst, und der die Geschöpfe beherrscht und leitet und am Leben er- 
hält, und der durch seine Kraft allem, dafs es lebe, den Lebensodem 
giebt, und der der Menschheit befiehlt, dafs sie den Königen die ihnen zu- 
kommende Ehre erweisen soll, und der, ebenso wie unsere Herrschaft hoch 
und erhaben ist unter den Menschen, so auch über unseren Anordnungen 
waltet — und darum sollen die Augen eines jeden Menschen, die Augen 
wie die Gedanken, mit dem, was uns genehm ist, übereinstimmen, und 



werden, Gesundheit zu schenken vermögen, und dafd sie, wenn sie verachtet 
werden, nicht im stände sind, Krankheit zu bewirken. Indem du dich nun von 
diesem Irrwahn der Götzen infolge der Liebe zu Gott, die in dir ist, losgesagt 
hast, hat dich auch deine Krankheit verlassen. Jetzt aber, wo du dich zu dem 
Allmächtigen hingewandt hast, hast du eine Kraft erhalten, die nicht besiegt zu 
werden vermag, und, indem du ihn anzubeten anfängst, wirst du im Besitze des 
Königtums Gottes [nach der Weise Davids] und des weisheitsreichen Salomon 
sein; denn es werden mit dir sein die Propheten, mit denen Gott geredet hat, 
und alles, was du erbitten wirst, werden sie dir durch ihre Hände geben. Gehab 
dich wohl, Augustus in alle Ewigkeit; hochgeehrter Sohn, erfreue dich der 
schönsten Segnungen [NB. Schlufs des Briefes, obwohl der Inhalt zuletzt als Rede 
Silvesters ausgegeben wurde]. — Zu Ende ist die Erzählung von der Bekehrung 
des grofaen Königs Konstantin und von seiner Taufe durch den heiligen Silvester, 
den Patriarchen der Hauptstadt Rom. Sein Gebet sei mit uns! 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 37 

das, was wir nicht begünstigen, das sollen auch sie verwerfen. Also war 
auch, o meine erlauchte Mutter, das, was wir gethan und begünstigt 
haben, nicht nur nicht verwerflich; sondern vielmehr recht und lobens- 
wert ist unser Wille, und das, was wir nicht wollen, ist verwerflich und 
nicht annehmbar. Und das, wovon du gesprochen hast, kommt unserem 
Regimente zu. Dafs wir aber Gott erkennen könnten, [dies zu meinen] 
liegt unserer Anschauung durchaus fern; darum soll sie auch eine der- 
artige Anmafsung (als ob wir über den Glauben entscheiden wollten) 
von uns fernhalten und unmöglich machen. Und es sollen sich die Leh- 
rer der Juden und der Christen allesamt versammeln, indem 20 sie in 
unserer Gegenwart eine Sitzung abhalten, und sie sollen vor uns dispu- 
tieren und ihre Fragen vor unseren Augen darlegen, damit wir die Wahr- 
heit und die Glaubwürdigkeit der Streitfrage durch [ihre] Beweise [selber] 
finden können. Denn ebenso wie (d. h. wenn) sie uns aus den heiligen 
Schriften überzeugen können, uns und die ganze Welt, sollen sie dann 
auch durch unsere Hände den wahren Glauben leiten (d. h. ihr Glaube 
soll zur Staatsreligion werden). Gehab dich wohl, du meine Mutter und 
du Tugendreiche!' 

Da versammelten sich die Lehrer der Juden und wählten [unter sich] 
wohlunterrichtete Männer aus, dafs sie sich mit Helena nach Rom hinauf- 
begeben sollten, indem sie ihr folgten. Und ihr Hoherpriester war zu 
dieser Zeit Issakhar; und er beschwerte sich [gegen die Zumutung] und 
weigerte sich, mitzureisen. Und er sandte zwölf Schriftgelehrte der Phari- 
säer, die [59] der lateinischen Sprache und der griechischen und der 
hebräischen in hervorragendem Mafse kundig waren, und die in der Dis- 
putation Erfolg hätten haben müssen. Und im Monat Ab (August) im 
vierten Konsulat fand die Versammlung der Juden und der Christen in 
Rom statt; und es kamen aus ihren Städten vierundzwanzig Bischöfe 
zusammen, und von den Juden versammelten sich hundertundzwanzig 
Priester, über die zwölf Obere die Verfügung hatten, und deren Namen 
so lauten: Abjathar und Jonan die Lehrer (Rabbinen), Gedalja und Onan 
die Schriftgelehrten, Doeg und Kusa, Benjamin und Ariel die Gesetzes- 
kundigen, Jubal und Terach die Häupter der Pharisäer, Silon und Zam- 
bres die Ältesten der Juden. Und Zambres (syr. Zambrä, meist -i) war 
ein Zauberer und Magier, wie sich schliefslich herausstellte; und sie ver- 
trauten fest auf ihn, dafs sie durch seine Vermittelung l^ siegen würden. 
Doch ist Hoffnung auf Menschen eitel ! Silvester aber vertraute auf Gott, 
und er trug das Siegeszeichen in diesem Kampfe davon und ward [als 
Sieger] gekrönt (vgl. Phil. 3, 14; 2 Tim. 2, 5). 

Und, indem sie sagten, es sollten zwölf von den Christen ausgewählt 
werden, die zur Disputation mit den zwölf Lehrern der Juden schreiten 
sollten,* da sprach Silvester: 'Nicht auf die grofse Zahl der Leute ver- 



* Hier ist höchst wahrscheinlich eine Lücke anzunehmen. Man vermifst eine 
Ankündigung des Beginnes der Disputation, wie sich solche bei L. findet : Cum 
adesset autem dies prcesüiutus, venu et ipse Sylvester in regiam et quidam episcopi et 



38 Syrische Quellen abendländischer ErzählungsstofFe. 

trauen wir, sondern allein zu der Kraft Gottes nehmen wir unsere Zu- 
flucht, indem wir sagen: "Steh auf, o Gott, und verhilf deinem Rechte 
zur Geltung (eig. streit deinen Streit; Ps. 74, 22)!" Und, je mehr wir 
uns der Hilfe von Menschen entäufsern, desto mehr werden wir durch 
die Kraft Gottes gekräftigt.' Und Abjathar hob an und sprach: 'Dieses 
Wort hat unser Prophet gesagt; deshalb darfst du, wenn du für Jesus 
die Sache führst und disputierst, nicht auf Grund des Unserigen [etwas] 
aussagen, sondern auf Grund des Eurigen sollst du 20 die Antwort geben!' 
Und es antwortete Silvester und sprach: 'Alles, was hier heute geredet 
wird, das reden wir gegen euch auf Grund eurer Schrift, und nicht auf 
Grund unserer. Es soll der Sieg durch unseren Herrn Jesus gerade da- 
durch um so unbestreitbarer zur Erscheinung kommen (eig. durchdringen), 
dafs ihr unterliegt, indem man in der Disputation von eurem [Stand- 
punkte] ausgeht.' Und es sprach der König: 'Recht und billig ist das 
Urteil, wenn es sich herausstellt, dafs jemand durch seine eigene Sache 
(resp. seine Aussagen) unterliegt.' 

Und es sprach Abjathar: 'Wenn Gott gesagt hat: "Sehet und er- 
kennet, dafs ich es bin und nicht ist ein Gott aufser mir" (Deut. 32, 39), 
wie könnt ihr da sagen, dafs man die Dreiheit anbeten müsse — ich 
meine nämlich: unseren Gott und Jesum, den ihr vorbringt, und den 
heiligen Geist. Wenn ihr nun die Dreiheit anbetet, betet ihr da den, der 
gesagt hat: "Nicht ist ein anderer aufser [60] mir", so, wie es nötig ist, 
an?' (resp. so betet ihr ihn nur gezwungen mit an). Und Silvester sprach: 
'Wir bekennen einen Gott, und ihn fürchten wir; freilich meinen 
wir nicht, dafs seine Gottheit unfähig (eig. leer) sei, sich über einen 
Sohn von ihr zu freuen und zu frohlocken. Mit dem Sohn aber meinen 
wir den, von dem es wiederum bei eurem Propheten heifst: "Durch das 
Wort des Herrn sind die Himmel geschaffen" (Ps. 33, 6a); und vom 
Geiste, an den wir [auch] glauben, hat der Prophet gesagt: "Durch den 
Geist seines Mundes sind alle seine Heere" (ebd. 6b). Mit dem Sohne 
meinen wir den, von dem es wiederum beim Propheten heifst : "Mein Sohn 
bist du, und heute habe ich dich gezeugt" (Ps. 2, 7). Bei Gott aber, 
weil er die Ursache von allem und vor aller Zeit ist, giebt es nicht gestern 
und heute; und, gleichwie er vor 10 dem Schöpfungsbeginn ohne Anfang 
ist, so ist Gott Vater und hat gezeugt. Wenn aber nicht, zu wem hätte 
er denn gesagt: "Lasset uns einen Menschen machen nach unserem Bilde 
und nach unserer Ähnlichkeit" (Gen. 1, 26); denn wenn er gesagt hätte: 
"Ich will einen Menschen machen nach meinem Bilde und nach meiner 
Ähnlichkeit", so müfste es als richtig anerkannt werden, dafs es sich um 
eine Person und Wesenheit handelt; also ist es, da er gesagt hat: "nach 
unserem Bilde und nach unserer Ähnlichkeit", klar und deutlich, dafs er 
auf seinen Sohn, unseren Herrn, hingewiesen hat. Denn nicht sind wir 

multitudo ludceorum: certaminis autem auditores et diiudicalores, et ipse plus prcesi- 
delat Constantinm, et prceclarus senafus. Eins autem mater imperatrix sedehat inira 
velum (vgl. S, 53, wo auch im syrischen Texte von den Vorhängen die Rede ist). 



Syrische Quellen abendländischer Eizählungsstoffe. 39 

im Stande, zu denken, dafs es etwas gäbe, was erhabener wäre als er, so 
dafs es ihm helfen könnte, und nicht acceptabel ist die [Annahme einer] 
UnVollständigkeit des Vollkommenen und nicht die [einer] Ergänzung 
des Absoluten.' Und es sprach Rabbi Jonan: 'Nicht annehmbar ist 
der Glaube auf Grund einer [blofsen] menschlichen Überlegung (resp. 
Schlufsfolgerung). Denn an welchen Gott sollen wir denn glauben, dem 
entsprechend, was du von uns verlangst, o Mann, der du den Vater, den 
Sohn und den Geist bekennst?' Und Silvester sprach: 'Wenn du in der 
Schrift liest, so findest du, dafs der Vater 20 vom Sohne gesagt hat: 
"Mein Sohn bist du" (Ps. 2, 7) ; alsdann mufst du [auch] einsehen — das, 
was behauptet wird — , dafs bei unserem Bekenntnis das mit der Dreiheit 
nichts Fremdartiges (= Auffallendes) ist, da du auch betreffs des Geistes 
hörst, dafs der Prophet gesagt hat, indem er betet: "Den heiligen Geist 
nimm nicht von mir!" (Ps. 51, 13), und weiter ein anderer Prophet, dafs 
er von dem Geiste weggegangen ist (Ps. 139, 7 ?), und weiter ein anderer 
Prophet, der da sagt: "Durch den Geist seines Mundes sind alle Heere 
des Himmels."' Und es sprach Koustantinus : 'Ich wundere mich über 
die Juden, dafs sie, während sie doch auf Grund ihrer Schriften unter- 
liegen, in immer neuen Beziehungen es wagen, die Streitfrage aufzustellen 
und [so] die Wahrheit zu verhüllen. Darum ist das vom Vater und 
Sohne und Geiste [bereits] hinlänglich als Wort der Wahrheit auf Grund 
der Schriften erkannt worden. Wenn ihnen noch etwas Annehmbares 
(d. h. Beweiskräftiges) übrig geblieben ist, so mögen es eben die Juden 
kund tliun!' 

Und Gedalja sprach: [61] 'Wir behaupten es (d. h. dafs wir etwas 
Stichhaltiges vorbringen können) betreffs dessen, von dem ihr Evangelium 
schreibt, dafs er geboren wurde und zunahm an Alter und an Weisheit 
und vom Teufel versucht wurde und von seinem Jünger verraten ward und 
verkauft wurde und gefangen genommen wurde und gereizt wurde und 
geschlagen wurde, und dafs sie ihn verlachten und auch Essig gemischt 
mit Galle* ihm zu trinken gaben und auch eine Dornenkrone ihm auf 
sein Haupt setzten, und dafs ihm seine Kleider ausgezogen und durch 
Würfelspiel verteilt wurden, und dafs er ans Kreuz geheftet wurde und 
starb und begraben wurde.' Und es antwortete Silvester und sprach: 
'Dies alles ist vorher verkündigt worden über Christus, unseren Gott, 
damit es erfüllt werde, von den Schriften der Propheten, wie wir sogleich 
beweisen wollen. Denn über seine Geburt hat der Prophet Jesaja gesagt 
(7,14): "Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und gebiert einen Sohn, und 
1^ sein Name soll Immanuel heifsen';^ und darüber, dafs er mit den Men- 



* Der syrische Ausdruck hier und Z. 25 bedeutet 'Bitterkeiten' (=: Bitteres?); 
doch wird mit geringer Veränderung dafür nach Matth. 27, 34 'Galle' zu lesen sein. 

2 Bei L findet sich eine weitere Ausführung, dafs schon um deswillen der 
Prophet von einer Jungfrau gesagt haben müsse, dafs sie schwanger werden 
würde, weil ja sonst nicht von einem Wunderzeichen die Rede sein könne (s. Jes. 
7, 14). Im Folgenden wird dann ausgeführt, dafs der Messias schliefslich den 



40 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoflfe. 

sehen verkehrte, höre weiter den Propheten, der da sagt (Baruch 8, 86—38): 
"Siehe, unser Gott, dem gleich es keinen anderen giebt, hat den Weg der 
(resp. zur) Wahrheit gefunden und sie dem Jakob, seinem Knechte, ge- 
geben, und dem Israel, seinem Freunde, und schliefslich erschien er auf 
der Erde und verkehrte mit den Menschen"; und darüber, dafs er versucht 
wurde vom Teufel, der von ihm besiegt wurde, sagt der Prophet Sacharja 
(3, 1 f.) : "Ich sah den Hohenpriester Jesus (eig. Josua), der dastand, und 
den Satan, der zu seiner Rechten stand, um ihn zu schädigen ; er spricht 
zu ihm : Es schelte dich der Herr, der Jerusalem erwählt hat" ; und, dafs 
er gefangen genommen wurde, das sagt die Weisheit Salomos (2, 12) : "Es 
sprachen die Gottlosen: Wir wollen den Gerechten binden, der uns nicht 
pafst"; und dafs ihn weiter sein Jünger verriet, sagt der Psalter (41, 10): 
"Der mein Brot ifst, hat gegen mich die Ferse erhoben"; dafs aber 20 
seine Kleider ihm ausgezogen und dann verteilt wurden, das hat der 
Prophet gesagt (Ps. 22, 19): "Sie haben meine Kleider unter sich verteilt 
und über mein Gewand gewürfelt" ; und dies, dafs er von den lügnerischen 
Zeugen verraten wurde, das hat wiederum der Prophet gesagt (Ps. 35, 11; 
vgl. 27, 12): "Sie haben gegen mich falsche Zeugen aufgestellt"; und, 
dafs die Dornenkrone ihm aufgesetzt wurde, sagt Jeremia: "Diese Leute 
haben auf mich die Dornen ihrer Sünden gelegt" ; * und darüber, dafs er 
Galle afs und Essig trank, sagt der Prophet: "Sie haben meine Speise 
zu Galle gemacht und für meinen Durst haben sie mir Essig zu trinken 
gegeben" (Ps. 69, 22) ; und darüber, dafs sie ihn verlachten, sagt Jeremia 
(22, 7 f.): "Ich bin zum Gelächter für dieses Volk geworden und zum 
Spotte"; und, dafs er gebunden [62] und an das [Kreuzesjholz gehängt 

Namen Jesus trug, damit durch seinen Namen auf die zukünftige Ausübung seines 
Berufs hingewiesen werde; denn Jesus bedeute populi mlus. Theologisch inter- 
essant ist auch die folgende (wahrscheinlich gleichfalls sekundäre) lange und durch 
Beispiele erläuterte Ausführung bei L (a. a. O. S. 1060 f.) über die Eigenheit 
der prophetischen Diktion des Alten Testaments : quod scepe mos sit prophetis futura 
prcedicere perinde ac si iam facta essent, propterea quod omnino futura sit i)rophetia 
et non possit excidere. 

* Diese Stelle kann nicht nachgewiesen werden; bei L findet sich dafür 
Ps. 87, 7 : Posuerunt me in lacu inferiori (bemerkt sei, dafs in demselben Psalme 
in V. 18 sich die Anfangsworte dieses Citates hier: 'sie haben auf mich gelegt...', 
finden). Ebensowenig läfst sich die bald folgende Stelle, die dem Esra zugeschrie- 
ben wird, noch auch die dieser folgende, die dem Jeremia zugeschrieben wird, 
nachweisen. Die letztere erinnert etwas an den Sinn von Jes. 26, 19. Von allen 
drei Stellen hat der lateinische Text nur die Esra-Stelle in folgender Fassung: 
Alligavistis me, clamantes super tribunal iudicis, me humiliavistis : ut supra lignum pen- 
derem, me tradidistis. Da eine Stelle dieses Wortlautes in der lateinischen Bibel 
sich nicht findet, wie auch der Herausgeber des lateinischen Textes sie nicht 
nachzuweisen vermocht hat, so wird sie wohl dem syrischen Texte, der ebendarum 
der Urtext sein mufs, entnommen sein und aus einem syrischen Apokryphon, 
resp. aus einer vom hebräischen Urtexte resp. der LXX abweichenden Bibelstelle 
einer der syrischen Übersetzungen, stammen, ebenso wie auch die beiden anderen 
Stellen, die man bei der Übersetzung des syrischen Textes wegliefs. Freilich 
weifs ich nicht, ob im griechischen Texte sich diese Stellen — und damit zugleich 
Handhaben für die Bestimmung ihrer Herkunft — vorfinden. 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 41 

wurde von den Juden, das sagt auch Esra: "Ihr habt mich gebunden, 
als ob ich nicht euer Vater wäre, der euch aus Ägypten errettet hat, 
indem ihr vor dem Eichterstuhle schreit, dem ihr mich preisgegeben habt, 
und habt mich arm gemacht, so dafs ich ans Kreuzesholz gehängt wurde" ; 
und darüber, dafs er begraben wurde, sagt Jeremia: "Durch sein (resp. 
bei seinem) Begräbnis sollen die Toten leben"; denn an dem Tage, an 
welchem unser Herr Jesus, indem er litt, seinen Geist aufgab, da wurden 
die Grabstätten aufgethan, und viele Leiber der Heiligen standen auf, und 
die Sonne verdunkelte sich [mitten] am Tage, und es ward Nacht, und 
der Vorhang des Tempels zerrifs, und die Erde schwankte allerorten 
(Matth. 27, 51 f.). Und, wenn du im stände bist, o Jude, zu beweisen, 
dafs alles dies nicht in deinen Büchern durch die Propheten aufgezeichnet 
steht, und du mich der Lüge überführen kannst, so siegst du; 10 wenn 
aber in Wahrheit dies von den Propheten gesagt wird und in den Büchern 
aufgezeichnet steht, so mufst du dich von deinen Propheten überzeugen 
lassen und es als wahr entgegennehmen (= acceptieren), und wenn du 
noch so sehr meinen Worten entgegentrittst. Und, wenn du von ihnen 
(d. h. den Propheten) sagst, dafs sie gelogen haben mit dem, was sie 
niedergeschrieben haben, dann löst sich [von selbst] deine Religion und 
dein Glaube auf. Wenn du aber bekennst, dafs es wahr ist, so erweisest 
du sie als Zeugen der Wahrheit und bist dann verpflichtet, Christus [als] 
unseren Gott, auch wenn du es nicht willst, mit Fug und Recht anzu- 
beten.' Und Konstantinus sagt: 'Wenn dies in euren Schriften aufge- 
zeichnet steht, so seid ihr Juden mehr als genug genötigt, betreffs des 
Leidens Christi für das einzustehen, was durch ihn als Verkündigung 
über ihn bei den Propheten überliefert worden ist. Und darum mögen 
sie, wenn sie etwas anderes [zur Hand] haben, es darlegen, weil dies 
sich doch richtig [den Weissagungen] entsprechend 20 zugetragen hat.' 

Spricht Onan: *Was über [irgend] einen von den Heiligen nieder- 
geschrieben worden ist, bezieht Silvester auf Jesum, indem er ihn darunter 
versteht; aber er möge doch beweisen, dafs das, dafs er geboren wurde 
und versucht und gefangen genommen und geschmäht und verhöhnt und 
gekreuzigt, und dafs er starb und begraben wurde, [wirklich] alles auf 
ihn [allein] pafst.' Und Silvester sprach : 'Danach wäre es nötig, dafs wir 
dir alle Bücher, indem wir [ihren Inhalt] nacherzählen, erläuterten. Aber 
bekenne doch vorerst, dafs es eure Bücher sind, und dafs sich in ihnen 
keine Lüge findet.' Und Onan sprach: 'Dafs alles, was von den Pro- 
pheten gesagt worden ist, wahr ist, behaupten wir alle; aber du behaup- 
test, dafs das, was über andere gesagt wird, auf einen anderen zu be- 
ziehen sei.' Und Silvester sprach: [63] 'Nun, so zeige mir doch den 
anderen, der von der Jungfrau geboren worden ist, und der, als er 
empfangen worden war, die Völker dem (syr. deinem?) Gesetze zuwandte, ^ 



* Zum Ausdruck vgl. z. B. Luc. 1, 16. Doch scheint eine Anspielung auf Ps. 2, 1 
(oder der Rest eines Citates dieser Stelle) vorzuliegen, weil bei L mehrfach gerade 
diese Stelle für die Beweisführung verwertet wird (s. S. 1058, 1060 und 1061). 



42 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

und der Galle afs und Essig trank, und dem die Dornenkrone auf sein 
Haupt gesetzt wurde, und der gekreuzigt wurde und starb und begraben 
wurde!' Und Konstantin spricht: 'Wenn Onan nicht den anderen, der 
dies erduldet hat, aufzuzeigen vermag, so mufs er einsehen, dafs er offen- 
bar als besiegt zu gelten hat.' 

Doeg wiederum spricht: 'Silvester hat versprochen, die Dinge, die 
[nur auf ihn] passen, anzugeben betreffs seiner Geburt und seiner Ver- 
suchung und seines Leidens; und es ist recht und billig, dafs er seine 
Versprechungen erfülle.' Silvester spricht : 'Weil ihr gesagt habt, dafs die 
Prophetie wahr ist, so bekennet vorerst, dafs die Jungfrau schwanger ge- 
worden ist und den Immanuel — das ist verdolmetscht "unser Gott mit 
uns" — geboren hat!'^ Und es schwieg Doeg. Und Konstantin spricht: 
l() 'Doeg würde nicht so ohne weiteres geschwiegen haben, wenn er im 
stände gewesen wäre, Beweise aufzustellen. Und es ist seine Pflicht, dafs 
er einsieht, dafs das wahr ist, was über Christus niedergeschrieben wor- 
den ist.' Und weiter sprach Silvester: 'Wenn sie anderes [zur Verfügung] 
haben, so sollen sie es kund thun!' 

Und es sprach Kusak, der Lehrer : 'Du hast allerdings nicht die Sache 
mit der Geburt uns klar dargelegt!' Silvester spricht: 'Habt ihr nicht 
in der Schrift gelesen, dafs Gott von dem Lehm der Erde nahm und den 
ersten Menschen bildete (Gen. 2, 7)?' Und es sprach Kusak: 'Jeder, der 
es gelesen hat, besinnt sich darauf, dafs dies [so] geschrieben steht.' Und 
es sprach Silvester: 'Und dies, dafs der Mensch durch den Rat der 
Schlange dem Tode verfiel und des Paradieses verlustig ging, und dafs 
dann festgesetzt wurde, dafs er unter Mühsal und Schmerzen das Brot 
essen müsse (Gen. 3, 17 — 19. 23) — ?' Und es sprach Kusak: 'So ist es!' 
Und Silvester spricht : 'Also wurde er um seiner Übertretung des Gebotes 
willen aus 20 dem wonnereichen Eden verstofsen.' Und Kusak sprach: 
'So ist es!' Und Silvester spricht: 'Die Erde, von welcher Adam [ge- 
nommen] war — war sie verderbt oder nicht?' Und Kusak spricht: 'Un- 
verderbt war sie, jungfräulich, um so zu sagen.' Und Silvester spricht: 
'Mit Recht hast du gesagt, dafs die Erde vorher unverderbt war, jung- 
fräulich, weil sie [noch] nicht den Fluch empfangen hatte, dafs sie Dor- 
nen und Disteln hervorbringen solle, und [noch] niemand in ihr begraben 
war^ und [noch] nicht das [unreine] Gewürm von ihr ernährt wurde.' 
Und Kusak sprach: 'So verhält sich dies!' Und es sprach Silvester: 'Mit 
Recht hast du diesen [Thatsachen] zugestimmt, die Wahrheit sind, des- 
halb [nämlich], weil von der Jungfrau Maria uns ein neuer Adam geboren 
werden mufste, der im stände sei, die versuchende Schlange [64] wegzu- 
jagen — ich meine die, welche den ersten Menschen besiegt hat — und 



* Dagegen tritt L von einem etwas anderen Gesichtspunkt an diese Frage 
lieran ; dort sagen die Juden von Silvester : Et iam dicaf, qnanam de causa Jes?is, 
cum esset Deus, ut ipse dicif, natus est ex inrgine, et carnem suscepit (vgl. unten S. 44). 

^ L hat dafür (S. 1062) neque polluta sanguine frotris, auf ca?dibus aliorum 
animaUum, neque morluorum corporum, nt postea vocatn esset sepidcrum etc. Dagegen 
fehlt der Inhalt des folgenden Satzes ganz. 



Syrische Quelleu abendländischer Erzählungsstoffe. 43 

ihn aus der Gefangenschaft zu erretten. Denn der, welcher den Men- 
schen in Eden besiegt hat, der hat unseren Herrn in der Wüste versucht. 
Und, weil dadurch, dafs Adam auf den Rat der Schlange hin afs, alle 
seine Nachkommen dem Tode unterworfen waren, so können nun ebenso 
um des Fastens unseres Herrn willen alle auch das Leben erlangen ; und 
ebenso, wie nur die dem Tode unterworfen sind, welche von den Gebeinen 
und dem Fleische und dem Blute Adams herstammen, so können auch 
nur die das ewige Leben im Lichte erlangen, welche aus dem Wasser und 
Geiste [wiederjgeboren werden und den Leib und das Blut unseres Herrn 
Jesus Christus [in der Kommunion] geniefsen. Und darum hat der, wel- 
cher in der Versuchung den Teufel besiegt hat, uns 1*^> das Paradies zu- 
rückerworben und hat uns das ewige Thor des Lebens [wieder] geöffnet.' 
Da priesen Konstantin und der Senat, indem sie sich wunderten, laut 
den Silvester. 

Und es stand Benjamin auf und sprach: 'Es ist [noch] nicht die [rechte] 
Zeit, dafs Silvester gepriesen werde, weil wir noch viel mit ihm zu reden 
haben ; und, wenn er ausreichend über alles das uns Aufschlufs giebt und 
geziemendermafsen sich verteidigt, alsdann werden auch wir den, der 
schliefslich als Sieger in der Disputation sich herausstellt, zugleich mit 
euch preisen.' Und es sprach Silvester: 'Nichts Ungewöhnliches ist dies, 
dafs die, welche an einem Unrecht beteiligt sind, die Rechtlichen [an 
der Geltendmachung ihrer Rechte] hindern wollen; haben sie doch auch 
den Vorteil davon, dafs sie, da sie doch auf Grund der Wahrheit über- 
wunden werden würden, das gerechte Gericht [zum Austrag der Sache] 
zwischen ihnen hinausschieben. Doch rede, sintemal doch auch du, o Ben- 
jamin, gewillt bist einzusehen, dafs der heilige Geist, der in unserem Her- 
zen ist, bereit ist, dir Antwort zu geben.' Und es sprach 20 Benjamin: 
'Indem du betreffs der Geburt Christi und seiner Versuchung und seines 
Verrates und betreffs seines Leidens und seines Todes von uns gefragt 
worden bist, hast du nur über seine Geburt ein wenig Auskunft gegeben ; 
und es ist weiter nötig, dafs du uns über dies alles den Nachweis lieferst. 
Und darum habe ich gesagt, dafs [noch] nicht die [rechte] Zeit ist, dafs 
du als Sieger gepriesen werdest, weil erst dann jemand gefeiert werden 
darf, wenn er vollständig gesiegt hat.' Und es sprach zu ihm Silvester: 
'Bekenne nun, dafs es sich so, wie meine Rede es auf Grund der Pro- 
pheten über seine Geburt richtig nachgewiesen hat und [wie] ich es danach 
weifs, zugetragen hat. Und ebenso würdest du es auch betreffs seiner 
übrigen Leiden im Streite mit irgend jemand wahrnehmen können.' Und 
Konstantin sprach: 'Berechtigt ist die Forderung des Priesters Silvester; 
und dir kommt es zu, das, was von ihm über seine Geburt gesagt worden 
ist, zuzugeben, damit er, wenn es [nun einmal] richtig [65] gesagt wor- 
den ist, nicht immer wieder durch dieselben [Einwendungen] aufgehalten 
werde.' Und Benjamin sprach: 'Alsdann ist das, was gesagt wird, an- 
nehmbar, wenn es sich nicht dem Sichtbaren (d. h. wohl: der deutlichen 
Wahrnehmung) entzieht.' Und Silvester sprach: 'Sage doch das, was 
damit zusammenhängt (resp. sich als Folgerung daraus ergiebt)!' Und 



44 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

Benjamin sprach: 'Ist es möglich, dafs der Sohn Gottes vom Bösen ver- 
sucht werde und hungere und genötigt werde, aus Steinen Brot zu 
machen, und dafs er dazu gebracht werde, sich von der Zinne des 
Tempels, die er bestiegen hat, in die Tiefe zu stürzen, und dafs er, 
indem er die Eeiche und ihre Herrlichkeit sieht, nämlich falls er nach 
ihnen begehren sollte, den Versucher anbete?' Und es sprach Silvester: 
'Du hast aus Versehen vergessen, dafs ich vorhin zu euch gesagt habe, 
dafs der, welcher den Adam dadurch, dafs dieser von dem Baum afs, 
durch seinen Eat besiegte, verachtet und besiegt wurde von Christus, 
der hungerte. Und höre! 10 Müssen wir nicht sagen, dafs Christus in 
der Natur seiner über alle Bedürfnisse und Leiden erhabenen Gott- 
heit nur deshalb versucht werden konnte, weil er freiwillig sich mit 
dem Körper bekleidete und in allem unserer Art und uns gleich wurde, 
ausgenommen die Sünde, und sich selbst zur Kettung für viele hingab. 
Und, dieweil es nicht möglich war, dafs der Sohn des Gebenedeiten rein 
in seiner Gottheit versucht wurde, darum ist er von der Jungfrau als 
unser Anverwandter geboren worden und hat die Gestalt unserer Mensch- 
heit mit sich vereint und ward vollkommen ein Mensch, indem er doch 
vollkommener Gott war, und so vollführte er in unserer Menschheit (d. i. 
menschlichen Natur) als Mensch den Kampf mit dem Versucher und 
fastete und siegte;^ und beachte, dafs nicht ein einfacher Mensch den 
Sieg im Zweikampf der Unterlegenheit des Adam (d. i. der unterworfenen 
Menschheit) zuwenden konnte, und dafs [andererseits] auch der Versucher 
nicht mit Gott 20 in Wirklichkeit kämpfen konnte, da doch die Kreatur 
nur ein Schemel unter seinen Füfsen ist (Jes. 60, 1. Matth. 5, 35). Und 
ebenso, wie der Versucher den ersten Menschen, den Sohn der Jungfrau, 
der unverderbten Erde, besiegte, und wir von ihm her für (resp. in) den 
Tod geboren wurden, so wurde er von dem zweiten Menschen, dem Sohne 
der Jungfrau Maria, Christus, in welchem alle Fülle der Gottheit ver- 
körpert wohnte, wie es heifst (Col. 2, 9), besiegt und wandte das Leben 
den übrigen Nachkommen Adams zu, auch wenn sie es nicht wollen, 
weshalb unser Herr Jesus Christus gesagt hat (Joh. 3, 5): "Wer nicht 
geboren wird aus Wasser und dem heiligen Geist, hat nicht das ewige 
Leben." Und, wie ein Mensch fleischlich geboren wird und beanlagt ist 
zu sterben, so wird ein anderes Kind geboren im Geiste und ist befähigt 
[66] für das ewige Leben, und diese [letztere] Geburt hat uns zu jener 
Zeit unser Herr geschenkt. Und beachte, dafs der Böse besiegt worden 
ist; und, während er einmal den ersten Adam besiegte, ward er drei- 
mal von Christus besiegt. Und es hätte zwar für den, der einmal den 
Adam besiegt hat, genügt, einmal zu unterliegen; [thatsächlich] ist er 
aber ein erstes, zweites und drittes Mal besiegt worden. Denn damals. 



* Jesus siegte durch sein Fasten und durch die Zurückweisung des Angebots 
der Weltherrschaft gegen die Verlockungen gulte und dominandi desiderii (s. unten 
S. 45: 66, 19), ebenso wie Adam unterlegen war per intemperantiam et glorice 
cupiditatem (s. lat. Text S. 1062). Vgl. S. 43. 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 45 

als Christus auf der Zinne des Tempels nach dem Fasten und Hungern 
dastand und ihm der Böse die Keiche der Erde zeigte, damit er nach 
eitlem Kuhme begehren sollte (Matth. 4, 1 ff.), da hat er, der [schon] 
durch das Fasten gesiegt hatte und nicht aus Steinen Brot gemacht 
hatte, auch nicht die Engel gerufen, dafs sie ihn nun auf ihren Armen 
tragen sollten, damit er sich nicht au seinen Fufs stofse, [indem er 
sich dadurch] als Sieger [erwiesen hat], damit er uns die gute Lebens- 
weise zeige, 10 dafs wir in seinen Fufsstapfen wandeln sollten, und 
dafs uns nicht der Böse anstachele und wir uns erhaben dünken oder 
uns brüsten wegen irgend einer einmaligen oder zweimaligen Ausübung 
der Tugend, die sich einzig und allein bei uns vorfinde, und er dann 
wieder seinen Sklaven (eig. Unterlegenen) am Gängelbande führt [durch 
die Sünde des Hochmuts]. Denn bei den Menschen ist es Brauch, 
dafs einer dann, wenn er in der Askese des Fastens sich bethätigt, von 
ihnen geehrt wird, d. h. von den Königen und den Grofsen der Erde, 
indem sie ihm goldene Geschenke und Ehrengaben versprechen; aber es 
ist ihm gut, dafs er nicht [danach] begehre und sich nicht erhaben 
dünke, sondern dafs er die einen zurechtweise, die anderen aber warne, 
und wieder anderen zurede und vor denen, die [ihm] schaden können 
(resp. vor dem, was schadet), sich hüte, und zwar, indem er darauf auf- 
merksam sei, dafs er nicht wiederum falle. Und darum hat unser Herr 
Christus auch zu dieser Zeit offenkundig im Zweikampfe gesiegt, indem 
ihm von dem Versucher Besitz und Schmeichelei entgegengebracht wurde 
und dieser ihn bat, 20 er möge ein Feind der Wahrheit werden, und ihm 
die ganze Welt versprach, wenn er niederfallen werde, um ihn anzubeten. 
Doch höre [ihn sagen]: "Gehe hinweg von mir, Satan; es steht geschrie- 
ben: Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen 
(Matth. 4, 10)." Siehe, den ganzen Gegenstand des Leidens habe ich dir 
dargelegt in dem, wovon früher (?; eig. unten) die Eede war; aber glaube 
jetzt, o Jude, dafs auch du im stände bist, den Versucher zu besiegen 
und dich mit uns zu ergötzen an dem Siege Christi, wenn du nämlich 
glaubst und durch deine Werke dich rechtfertigst.' Und wiederum priesen 
ihn das Volk und der König und die Grofsen gewaltig und feierten ihn 
[67] darum, und dann schwiegen sie erfreut still. 

Und Ariel rief aus und sprach: 'Auf Grund seiner Schriften hat er 
versprochen mit uns zu disputieren, und siehe, er besiegt uns auf Grund 
der unserigen in der Disputation!' Und es sprach Silvester: 'Es erinnert 
sich der Augustus und die, die hier zugegen sind, dafs ich von vorn- 
herein versprochen habe, unsere ganze Disputation, sowohl bezüglich der 
Leiden Christi wie seiner Geburt, auf Grund eurer Bücher zu führen, die 
über Christus vorher niedergeschrieben worden sind.' Und es sprach der 
Augustus: 'Ariel befand sich im Irrtum betreffs dessen, was geredet wor- 
den ist, und er wollte den Gang der Disputation uns umkehren und 
wieder von vorn anfangen lassen. Darum möge er schweigen, damit er 
nicht als Intrigant Strafe bekomme oder als Irrender Tadel.' 

Und Jobab, der Pharisäer, sprach: 'Ich wundere mich darüber, dafs, 



46 Syrische Quellen abendländischer ErzählungsstofFe. 

obwohl Silvester [bisher] nur 10 über die Versuchung Christi uns ge- 
antwortet hat, doch eure Weisheit ihn jetzt preist, als ob er über alles 
gesprochen und gesiegt hätte. Denn wir haben an ihn [noch] eine wich- 
tige Frage zu richten, und er mufs sie prüfen, ich meine nämlich betreffs 
dessen, dafs er von seinem Jünger verkauft und verraten wurde, und 
betreffs seiner Verhöhnung und betreffs dessen, dafs sie ihn nackt hin- 
stellten, und betreffs der Dornenkrone, die er bekam, und betreffs seiner 
Kreuzigung und seines Todes und seines Begräbnisses.' Und es sprach 
Silvester: 'Es ist deine Pflicht, dafs du dich darauf besinnst, o Jude, 
dafs ich gesagt habe, bei der Natur der Gottheit sei es nur dadurch für 
Christus zu leiden möglich gewesen, dafs er von der Jungfrau Maria als 
Mensch geboren (eig. verkörpert) wurde; wie es in der Schrift heifst, dafs 
Gott dem Abraham verheifsen hat: "In deinem Samen sollen alle Völker 
gesegnet werden" [Gen. 22, 18], und dem David : "Einen von den Früchten 
20 deines Leibes will ich auf deinem Throne sitzen lassen" [1 Kön. 5, 19]. 
Mit diesem vollkommenen Menschen also, den er annahm, sagen wir, dafs 
er gelitten hat und verraten worden ist und dafs er versucht wurde, um 
den Teufel zu besiegen und die Leiden durch seine Leiden im Fleische 
zu unterjochen, und dafs er starb, um den Tod aufzuheben und unwirk- 
sam zu machen.' Und es sprach Jobab : 'Sonach giebt es zwei Söhne 
Gottes, den einen von der Jungfrau, und den anderen, der vom allmäch- 
tigen Vater gezeugt worden ist.' Und Silvester sprach: 'Christus ist ein 
Sohn (resp. einer als Sohn). Denn ebenso, wie der Sohn Gottes unsicht- 
bar ist, in gleicher Weise wurde der Sohn Gottes in Wahrheit sichtbarer 
Mensch, ohne [seine Natur] zu verändern, damit er uns Menschen das 
vollkommene Heil verschaffen könne.' Und Jobab sprach: 'Wie ist es 
möglich, [68] dafs er in dem Menschen, den er annahm, litt?' Und Sil- 
vester sprach zu ihm : 'An einem Beispiele, dessen du dich erinnern magst, 
sollst du erkennen, dafs, während er aus zwei Naturen eine [gemein- 
same] geworden ist, doch die eine dem Schimpfe verfällt und die andere 
über ihn erhaben ist.' Und es sprach Jobab : 'Auf keine Weise vermagst 
du mich hiervon, indem du mich aufklären willst, zu überzeugen.' Sil- 
vester spricht: 'Das hast du nach jüdischer Art gesagt, dafs du, bevor 
du noch darüber etwas hören konntest, schon mir erwidert hast, ich sei 
nicht im stände, meine Versprechungen aufrecht zu halten.' Und es 
sprach Jobab: 'Es ist nicht möglich, dafs mich jemand an einem Bei- 
spiele lehren könnte, dafs von zweien, wenn sie in einem sein sollten 
und wenn sie zusammen geboren und zusammen gekreuzigt werden soll- 
ten, doch nur der eine (resp. die eine sc. Natur) von ihnen den Schimpf 
erleiden sollte.' Silvester 10 spricht: 'Also, wenn ich dir an einem von 
[verschiedenen] Beispielen den Beweis liefern kann, dann wirst du zu- 
geben vor diesen Grofsen [der Erde], dafs du besiegt worden bist?' Kon- 
stantin spricht : 'Zu unserer Befriedigung und nach unserem Wunsche ist 
er [alsdann] verpflichtet, beizustimmen, wenn du den Beweis lieferst, dafs 
von zwei Naturen, wenn sie in einem geeint sind, die eine gelitten hat 
und die andere über die Leiden erhaben ist.' 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 47 

Und es sprach Silvester : 'Sieh ! Indem ich mich des Beispiels der 
königlichen Purpurkleider bediene — so ist dies Wolle gewesen, die mit 
dem Blute der Schnecken vermischt worden ist und von ihm diese Pur- 
purfarbe bekommen hat. Wenn sie (d. i. die Wolle) nun gekrempelt wurde, 
entweder um [als Kette] aufgezogen oder um als Einschlag verwendet zu 
werden, indem [nämlich] sie zu Fäden gesponnen wurde, was war das 
Empfangende? — das Gespinst in gleicher Weise wie der königliche Pur- 
pur, in den es getaucht worden ist, öder die frühere Wolle allein, die 
einst ^0 da war, und zwar, ehe sie hineingetaucht wurde?' Und es ist 
danach klar, dafs es (d. i. das empfangende Element) nicht die der Königs- 
würde entsprechende Pracht ist, sondern die Wolle, die geringwertig war, 
und zwar [die Wolle, wie sie war,] bevor jene (die Pracht, d. i. der präch- 
tige Mantel) entstand und geboren wurde. Indem man sich dies aber in 
dieser Weise klar macht, so müssen wir den Menschen der Wolle ver- 
gleichen und die Purpurfarbe dem Gott-Logos, der [aus beiden] einer ge- 
worden war und im Fleische und in der Seele bestand, sowohl bei der 
Geburt als bei dem Leiden und bei der Kreuzigung, indem er in seiner 
göttlichen Natur nicht geschädigt werden konnte oder überhaupt den 
Leiden unterworfen war.' 

Und, als der König und sie alle ausriefen: 'Wahrheit sind diese Be- 
weise,' spricht Terach, der Pharisäer: 'Dieser Beweis genügt mir nicht, 
weil die Farbe in der Wolle gleichzeitig mit gekrempelt und mit gewebt 
worden ist (so dafs also nicht blofs die Wolle, sondern auch die Farbe 
dies mit leidet).' [69] Und, indem sie ihm alle verständlich zu machen 
suchten, dafs, während die Farbe alles gleichzeitig mit annimmt (= erfährt), 
sie doch über alles dies erhaben ist (d. h. nicht dadurch leidet) und nur 
die Wolle dem Krempeln und dem Spinnen und dem Übrigen unterworfen 
und dienstbar ist, da spricht Silvester: 'Ich bitte euch, meine geliebten 
Söhne, schweiget ein wenig still; denn ich will ein anderes Beispiel, das 
am Platze ist, vorbringen, welches dieser Jude nicht zu tadeln und zu 
schmähen vermag.' Und er fuhr fort und sprach: 'Höre, o Terach! Kann 
wohl ein Baum, wenn auf ihm ein Sonnenstrahl liegt, abgehauen werden ?' 
Und Terach sprach: 'Das kann geschehen!' Silvester spricht: 'Siehst du 
nicht, dafs, wenn er abgehauen wird, die Sonne, die auf dem Baume aus- 
gebreitet ist, zuerst den Schlag des Beiles empfängt? Aber der Sonnen- 
strahl, auch wenn er an und 10 mit ihm (dem Baume) ist, kann doch 
nicht zerhauen und zerschnitten werden — in gleicher Weise würde auch 
die Gottheit nicht weggegangen sein (= hätte nicht wegzugehen brauchen) 
und wäre [doch] nicht zerschnitten worden oder hätte [nicht] gelitten — , 
sondern das Holz verfällt und unterliegt dem Leiden wie der, der ergriffen 
und getötet werden kann. Und diese beweise habe ich vorgebracht als 



* Vgl. Li ulrum erat id, quod nebalur, aut secabalur, aut Ugabahir, fila serlca, 
an id quod ea coloravif, color inquam purpvrce (dafür auch purpura tuoi potenfice), 
und betreflfs des Entscheides : . . . quomodo neque purpiira, dum fila secabantur serica^ 
oMt qttce ex eis contexta -fuerant, fuit concisa. 



48 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffie. 

ein schwacher Mensch, o du Jude; denn das, was als etwas Schwaches 
von einem Schwachen dadurch ausgedrückt wird, ist zwar gegenüber 
der göttlichen Seinsweise dunkel und geringwertig; aber es macht doch 
den Gläubigen das, was sich in Wirklichkeit vollzogen hat, so viel als 
möglich klar. Und, indem ich diese Seinsweise [mit den Worten meiner 
Darlegung] umfasse, habe ich dies nicht in erschöpfender Weise zum 
Ausdruck gebracht; denn nicht vermag die Natur der Geschaffenen mit 
dem Verstände die ungeschaffene 'Natur zu umfassen. Denn darum hat 
er es auf sich genommen, Fleisch von unserem Fleische (eig. von uns her) 
zu werden, damit er uns der Natur seiner Gottheit durch 20 Adoption 
wert und teilhaftig mache, und [so] hat er unsere Natur sich geeint — 
ich meine aber eine unvermischbare und unveränderliche und unvergäng- 
liche Einigung, die er allein kennt.' Da spendete [auch] das ganze Volk 
der Juden laut rufend Beifall. * 

Und, als der Augustus dem Kampfe der Disputation ein Ende machen 
wollte, da sprach Silvester: 'Silon und Zambres sind allein übrig; und, 
wenn wir es ablehnen würden, auch mit ihnen zu disputieren, ohne dafs 
sie es abgelehnt haben, mitzureden, so würden allerdings die, welche es 
wollen und darauf absehen, über uns das Gerücht verbreiten, entweder 
dafs wir sie mifsachtet hätten, oder dafs wir uns nicht mit ihnen ein- 
gelassen hätten.' [70] Und Silon sprach: 'Du thust wohl daran, dafs du 
an einen Einwand von uns her gedacht hast, der gegen dich erhoben wor- 
den wäre — ein Zeichen, dafs es also nur der nämliche ist, den [auch] 
ich zu macheu habe : ob von dem Messias, von dem du sagst, dafs er ge- 
kommen ist (d. i. Christus), die Propheten diese schriftlich aufgezeichneten 
Stellen (Aussagen) vorher geweissagt haben, welche die Beschimpfung und 
die Erniedrigung und die Leiden des Todes eins nach dem anderen uns 
kund thun, so dafs auch wir bekennen müfsten, dafs er der ist, von dem 
Mose gesagt hat: "Einen Propheten gleich mir wird Gott euch erwecken; 
ihn sollt ihr hören" (Deut. 18, 15), und Daniel, dafs der Messias kommen 
werde und getötet werden werde (Dan. 9, 25 f.).' Und es sprach Sil- 
vester: 'Den Sinn (resp. die Tragweite) dessen, was jetzt gesagt werden 
soll, müssen unbedingt die Zuhörer [selber] prüfen. Also bitte ich euch, 
geliebte Söhne, dafs ihr auf meine Worte aufmerkt ; denn ich will [damit] 
nicht blofs auf die Frage jenes 10 Antwort geben, sondern [ich thue 
es auch] um des Vorteils und des [Seelen]heils der Gläubigen willen. 
Von Anfang an, als die Welt entstand und der erste Mensch geschaffen 
wurde und aus dem Paradiese Edens herauskam und in das niedrige 
[Jammer]thal der Erde der Schmerzen und der Mühsal und des Leidens 
hinausgestofsen wurde, da wurde als Sprecher (hier =: Weiterverkündiger) 
aus der Mitte der menschlichen Kreatur der gläubige Abraham erfunden, 
und er wurde der Verheifsung Gottes gewürdigt, der zu ihm sprach : "In 
deinem Samen sollen gesegnet werden alle Völker," wie geschrieben steht 

* So kann der syrische Wortlaut ungefähr übersetzt werden; aber es ist wohl 
zwischen den Worten 'das ganze Volk' und 'der Juden' eine Lücke anzunehmen. 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 49 

in dem Buche des Gesetzes [Deut. 32, 8 f.]: "Als der Erhabene die Völ- 
ker, die durch die Söhne Adams ausgesäet worden waren, verteilte, 
setzte er den Völkern eine Grenze nach der Zahl der Engel Gottes; und 
es wurde das Eigentum des Herrn sein Volk, die Söhne Jakobs der An- 
teil des Erbteils Israels."' Und Silon fuhr fort und sprach: *So 20 lautet 
es!' Und Silvester spricht: 'Also wurde Abraham ausgewählt, dieweil er 
den Glauben angenommen hatte, und er zeugte auf Grund der Verheifsung 
den Isaak und Isaak den Jakob ; und diese drei, die glaubten, erschienen 
Gott untadelig recht, und es verhiefs ihnen der allwaltende Herr, dafs er 
seinen Namen nach ihnen und nach ihrem Samen nennen werde, indem 
er sprach: "Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der 
Gott Jakobs ; dies ist mein Name in Ewigkeit, und dies mein Gedächtnis 
für alle Zeiten" (Ex. 3, 15). Und es geschahen [nun] die [bekannten] Dinge, 
die zu zahlreich und zu lang sind, als dafs ich sie alle erzählen könnte. 
Hier nur dies: es stiegen die Söhne Abrahams in das Land Ägypten 
hinab und wurden Unterthanen des Pharao, und Gott erinnerte sich seines 
Bundes mit ihnen [71] und führte sie aus Ägypten heraus mit starker 
Hand und hochgehaltenem Arme, und sie zogen zu Fufs mitten durch 
das Kote Meer hindurch, und Pharao und sein Heer versanken und er- 
tranken vor ihren Augen in dem Wasser des Meeres, und es gab ihnen 
Mose das Gesetz, dafs sie opfern sollten Stiere und Kälber und Lämmer 
und Ziegenböcke und Turteln und junge Tauben, mit denen [auch schon] 
vorher die Menschen hier und da infolge der Einwirkung des Bösen den 
Götzen zu opfern pflegten. Und darum war es nötig, dafs Christus von 
der Jungfrau auf heilige Weise geboren würde, er, der das Lamm ohne 
Fehl genannt wurde, er, der geopfert werden sollte für das Heil der ganzen 
Welt, aller Menschen (vgl. Joh. 1,29). Es wurde also lo dieser geboren von 
der Jungfrau, damit wir aus dem Mutterschofse der Kirche von neuem 
geboren werden könnten; und er wurde versucht, damit wir gerettet 
würden; und er wurde gebunden, damit er uns loslöse aus den Fesseln 
der fluchwürdigen Sünde; und er wurde geschmäht, damit er mich be- 
freie von dem Schimpfe der Dämonen; und er wurde verkauft, damit er 
uns loskaufen könne; und er demütigte sich selbst, um mich empor- 
zuheben; und er wurde von den Leuten ergrifien, damit er mich befreie 
aus der Gefangenschaft ; und er stand nackt da, um die Nacktheit Adams, 
durch welche der Tod [in die Welt] hereingekommen war, zu bedecken; 
und sie setzten ihm die Dornenkrone auf, damit er die Disteln und 
Dornen des Fluches, den die Erde empfing wegen der Verbotsübertretung 
des Adam, ausrode; und er afs Galle und trank Essig, damit er mich 
hineinführen könne in das Land, das von Milch und Honig überfliefst; 
und schliefslich wurde er gekreuzigt auf Golgatha und ward [so] ge- 
opfert, um die Sünden der ganzen Welt wegzuwischen und wegzuschaffen, 
und dadurch wurden alle Leiden des Bösen (d. h. alle vom Teufel ge- 
schickten Leiden) aufgehoben — denn es wurde [zur Zeit des alten Bun- 
des] Kalb 20 um Kalb und Widder um Widder hingetragen, so dafs es 
der Feind vorgefunden hatte, aber ein Lamm ohne Fehl hatte er nicht 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. 4 



50 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

vorgefunden — ; und er starb, um die Herrschaft des Todes aufzulösen; 
und er wurde begraben, um die Gräber der Gerechten zu segnen und 
die Toten auf zuerwecken, dieweil er auferstanden war aus der Grabstätte ; 
und er fuhr gen Himmel, um nicht blofs das Paradies, das der Mensch 
verloren hatte, ihm [wieder] zuzuwenden, sondern auch Erhabenheit und 
Wohnen im Himmel; er sitzt jetzt zur Rechten des Vaters, damit er, 
während er [gegenwärtig] die Gebete der Gläubigen entgegennimmt, [einst] 
komme, um zu richten die Toten und die Lebenden und einem jeden nach 
seinen Werken vergelte. [72] Dies ist unser Glaube und unsere Pre- 
digt. Das habe ich mifsbilligt, was nach deiner Meinung nicht mit der 
Wahrheit übereinstimmt. Und von wem ist denn gesagt worden, dafs er 
noch wieder gefragt hat, o Jude?' Und Silon sprach: 'Ich gestehe aber 
[auch] zu, dafs du vollständig alles von dem ersten bis zum letzten 
Punkt für Punkt in deiner Darlegung erwähnt und mich [so] vollständig 
befriedigt hast. Und recht und billig ist es [nun] für uns, dafs wir 
durch die vielen [Gründe] zum Glauben an Christus gebracht werden; 
doch ist das nicht etwas Neues, was unsere Schlauheit ausführt (nur um 
neue Ränke zu versuchen), sie, die zu aller Zeit, [nur] uns [selbst] zum 
Schaden, alles durchsetzen und erreichen will.' 

Da entbrannte Zambres über ihn in Zorn, und er spuckte ihm viele- 
mal ins Gesicht und sprach: 'Wenn du menschlicher Erwägungen und 
Beweise dich bedienst, o Silvester, und [dadurch] siegst, nun, so müssen 
wir freilich das Gesetz unserer Väter im Stiche lassen lO und dem Zauber- 
manne folgen, der unter Zustimmung unserer Väter ergriffen und hin- 
gerichtet wurde. Aber höre mich, mein Herr König, und befiehl, dafs 
ein starker Stier aus der Viehherde* hierhergebracht werde, damit ich 
durch ihn heute vor dir die grofse Kraft Gottes und seines Namens auf- 
zeige. Denn ich will nicht eine Disputation mit Worten anstellen, son- 
dern ich bin bereit, durch Thaten zu siegen.' Und sie fingen an, nach 
einem Stiere zu suchen; und es sprach Irenäus, einer vom Senate: 'Ich 
habe einen Stier bei der Viehherde, die nicht sehr weit von der Stadt 
entfernt ist, welcher stark und kräftig ist, so dafs kaum hundert Männer 
ihn hierherbringen können.' Und da fing Silvester an, den König und 
die Grofsen zu bitten, dafs der Stier hergebracht werden möge; und er 
befahl, dafs er ergriffen und hergebracht werden solle. 

Und dieweil (resp. während der Zeit, wo) er hergebracht wurde, dis- 
putierten Silvester und Zambres miteinander: 20 'Wozu ist dir der Stier 
erforderlich?' Und es sprach Zambres: 'Es existierte einst ein Zauber: 
weil auch nicht ein Wesen den Namen unseres Gottes auszuhalten im 
Stande ist, so haben unsere Väter ehedem, wenn sie starke Stiere opferten, 
seinen Namen in ihre Ohren gezischelt, und da fielen sie nieder und 



* Statt des syrischen Attributs zu Stier, das armentariiis bedeuten mufs, hat 
L beim ersten Male agrestis, beim zweiten immansuetus ; da nun die syrischen 
Adjectiva für 'auf dem Felde resp. im Walde befindlich' wie für 'wild' (barraja 
und bcirirja) jenem Attribut (baqraj'd) sehr ähnlich sind, ist vielleicht so dafiir 
zu lesen. 



Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 51 

konnten zum Opfern getötet werden, dieweil nicht eines von den Lebe- 
wesen ihn hören und am Leben bleiben kann.' Und es sprach Silvester: 
'Und du, wie hast du diesen Namen, ohne daTs du ihn gehört hättest, 
erfahren?" Und Zambres sprach: 'Weder ein Blatt Papier, noch eine 
Pergamentrolle, noch Holz und Steine sind stark genug, dafs er auf ihnen 
aufgezeichnet werden könnte, sondern schnell vergehen sie und werden 
zu Asche.' Und, als der König dem Zambres in zutraulicher (eig. fried- 
fertiger) Weise schmeichelte: *Und wie hast du ihn [denn] [73] erfahren?' 
— da sprach Zambres: 'Sieben Tage habe ich gefastet und war ganz 
mit mir allein ; und dann gols ich in eine neue silberne Schale rasch- 
fliefsendes (d. i. klares, vgl. L: fontana) Wasser und segnete es. Und 
ich sah, und siehe, ein Finger schrieb und zeichnete oben darauf diesen 
Namen vom Morgen bis zum Abend; und so erfuhr ich ihn nur ver- 
mittelst meines Gedächtnisses und meiner Überlegung. Und wozu sind 
[noch] nichtssagende Worte erforderlich?' 

Und, während dies gesprochen wurde, ward der Stier von starken 
Männern herangeführt mit Seilen, die um seine Hörner und seinen 
Nacken geworfen waren, hin vor den königlichen Palast. Und, als ihn 
Zambres sah, ward er verschmitzt und gesprächig, und er reizte den Sil- 
vester und sprach : 'Jetzt wird an den Tag kommen, was an deinen starken 
Worten ist, und was deine elegante Diktion für Beweiskraft hat, i^ und 
durch Thaten werden wir sie (Christus und den Gott der Juden) ange- 
sichts des Königs und der Grofsen kennen lernen ! Wenn du den Namen 
deines Gottes dem Stier ins Ohr sagen wirst, und er stürzt, alsdann 
wollen wir an ihn glauben, wir und der König und seine Hofleute; 
wenn aber nicht — ich meine: wenn es geschieht und er wird besiegt — , 
so sollst du auch und der König und die, die zugegen sind, glauben.' 
Und es erschraken gewissermafsen viele von unseren Anhängern und 
Glaubensgenossen über diese Aufserung des Zambres. Silvester aber 
stand beherzt da und sprach frohlockend: 'Auch gewaltige Kämpfe mit 
den Dämonen sind notwendig, indem Gott dabei hilft, und zwar haben 
am Anfange des Glaubens die Gläubigen nicht wenige Versuchungen und 
Kämpfe zu bestehen, damit sie durch die Prüfung erprobt werden.' 

Es waren aber alle, die zugegen waren, damit einverstanden, dafs 
Zambres den Namen seines Gottes dem Stier ins Ohr sagen sollte, wie 
er zugesagt hatte. 20 Und so trat er [an ihn] heran und flüsterte, und 
der Stier brüllte und wankte und verendete, und seine Augen traten 
weit heraus. Da traten die Juden herzu und zankten heftig mit Sil- 
vester und reizten ihn und schmähten ihn; und die Menge der Gläubigen 
hatte sich geteilt, und der eine half dem und der andere jenem bei dem. 



* Nach dem lateinischen Texte (a. a. O. S. 1064) weigert sich nun Zambres 
erst, dies dem Silvester zu oflfenbaren, bis ihm Konstantin es zur Pflicht macht. 
Dies könnte ursprünglich sein. Dagegen ist der nach der Erzählung des Zambres 
von Silvester vorgebrachte Einwand, dafs er doch, wenn er den Namen jemandem 
ins Ohr flüstere, ihn selber auch höre, also gleichfalls sterben müsse, wohl eine 
sekundäre Zuthat. 



52 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

was sich zugetragen hatte. Und es ward ein Geschrei und eine Aufregung 
bei zwei Stunden (vgl. Act. 19, 34). Und während derselben verweilte 
Silvester kniend im Gebet, und er flehte Gott Christus an und bat ihn 
um Hilfe; und schliefslich stand er auf und bat den König um die Er- 
laubnis, das Volk ermahnen zu dürfen, damit es mit der Unruhe des 
Geschreies aufhören möchte. Und, als [74] sie aufgehört hatten, stieg 
er nach einem erhöhten Platze hinauf und schrie und sprach: 'Höret, 
ihr Fürsten und Grofsen und das Volk, das hier zugegen ist ! Ich predige 
unseren Herrn Jesus Christus, der den Blinden verliehen hat, dafs sie 
sehen, und den Tauben, dafs sie hören, und den Stummen, dafs sie reden, 
und den Hinkenden und Gelähmten, dafs sie gehen, und den Aussätzigen, 
dafs sie rein werden, und den Paralytischen, dafs sie stehen können, und 
den Toten, dafs sie leben — damit nämlich von euch erkannt wird, dafs 
dieser Name, der getötet hat und tötet, der des Bösen ist und nicht der 
Gottes. Und wenn es Gottes [Name] wäre, so würde er den Stier nicht 
getötet, sondern lebendig gemacht haben; und der Feind ist der, der 
wohl alle Wesen, die leben, töten, aber nicht lebendig machen kann, weil 
er nicht Leben seinem Wesen nach hat.' 

Und Zambres zerrifs seine Tunica, und er 10 sprach zum Könige: 
'O Herr! Nicht mit Worten habe ich den Silvester besiegt und auch 
nicht meine Genossen, die vor mir mit ihm disputiert haben, sondern mit 
Thaten ; und es kommt deiner Majestät zu, dafs sie ihm nicht die Frei- 
heit zugestehe, es wegzuläugnen, weil er allerlei, was fremdartig und un- 
erhört ist, rasch herspricht und gegen uns losredet und nicht aufhört, 
indem er [dadurch zugleich] deiner Hoheit (eig. Herrschaft) lästig fällt.' 

Und es sprach Silvester: 'Höre doch auf deine Schriften, o du Jude, 
welche sagen: "Sehet und erkennet, dafs ich der Herr bin, und nicht ist 
ein anderer aufser mir; und ich töte und ich mache lebendig, ich 
schlage und ich heile" (Deut. 32, 39); und darum tötet er bald, bald 
macht er lebendig. Sprich also seinen Namen ihm in das andere Ohr, 
damit der Stier, wenn du hineinflüsterst, [wieder] lebendig werde; und 
alsdann wollen wir alle glauben.' Und es sprach Zambres: 'Habe ich 
nicht gesagt, o Herr König, dafs den Silvester niemand durch Worte 
20 besiegt? Befiehl ihm, dafs er nicht durch Worte, sondern auch durch 
Thaten uns etwas wunderbar Neues im Namen seines Gottes zeige.' Und 
Silvester sprach: 'Willst du, o Zambres, dafs ich den Namen unseres 
Herrn Jesus Christus anrufen und den Stier wieder aufrichten soll, so 
dafs er wieder lebendig wird?' Und Zambres sprach: 'Dies kannst du 
nicht ausführen, ebensowenig wie du mit Flügeln fliegen kannst wie ein 
Adler.' Und es sprach der König: 'Ich wundere mich über deine Ge- 
riebenheit, die [darin liegt], dafs du [selbst] vorher gesagt hast, es sollten 
die Worte aufgegeben werden, und Thaten sollten nun sichtbar werden; 
und dieser verspricht jetzt, dafs er durch Thaten etwas ausführen will, 
wovon du behauptest, dafs es nicht geschehen könne. Darum ist es 
recht und billig, dafs wir, und auch du, den [75] als den wahren Gott 
bekennen, der die Toten aufrichten und lebendig machen kann; dafs wir 



Syrische Quellen abendländischer Erzähliingsstoffe. 53 

aber [auch] konsequenterweise den als Feind ansehen, der tötet und 
nicht lebendig machen kann.' Und Zambres fing an, sich selbst zu ver- 
dammen, indem er bei dem Diadem und der Sieghaftigkeit des Königs 
schwur: 'Wenn Silvester dies thun kann, dafs er den Stier lebendig 
macht und zum Aufstehen bringt durch den Namen Christi, so wollen 
wir alle sogleich die Gebräuche des Gesetzes aufgeben und an ihn glau- 
ben, dafs er Gott ist, und so wollen wir Christen werden.' 

Da hob Silvester seine Hände eine nicht unbeträchtliche Zeit zum 
Himmel empor, und er kniete auch nieder und weinte, indem er unseren 
Herrn anflehte; und dann stand er auf und schaute gen Himmel und 
sprach: 'Ich werde mit lauter Stimme den Namen Jesu Christi anrufen, 
damit dieses Volk, 10 das hier zugegen ist und zuhört, es erkenne, dafs 
der Stier durch den Namen des Bösen gestorben ist, jetzt aber durch die 
Anrufung des heiligen Namens unseres Herrn Jesu Christi leben wird! 
Sei also gewillt, o unser Herr, deinen Knecht zu erhören ; denn es verlangt 
auch der [gegenwärtige] Zeitpunkt, dafs er (d. h. ich) allen Gläubigen die 
grofse Kraft deines hochgepriesenen Namens zeigen könne. Und ich flehe 
und bete inständig zu deiner Gnade, dafs dieser Stier aufstehen möge. 
Mit deiner Rechten vermagst du alles zu thun!' Und, als er dies gesagt 
hatte, trat er an den Stier heran und rief: 'Im Namen unseres Herrn 
Jesus Christus, der gekreuzigt worden ist in den Tagen des Pontius 
Pilatus, stehe auf und stelle dich ruhig (eig. friedlich) hin!' Und die 
Seele kehrte zurück in den Stier und er schüttelte sich mit seinem ganzen 
Körper. Und er (Silvester) stand eilends auf und trat heran; und er 
löste alle Knoten und Fesseln der Stricke, die an ihm waren, und sprach 
zu ihm: 'Geh 20 ruhig nach deiner Herde hin und thue niemandem 
etwas zu leide, indem auch dir niemand etwas zu leide thut oder dich 
tötet; sondern auf den Tag, wo unser Herr es will, sollst du von selbst 
sterben.' Und, als er dies gesagt hatte, machte er ihm Platz und liefs 
ihn fortgehen ; und der Stier ging ganz ordentlich, bescheiden seine Frei- 
heit gebrauchend, fort. 

Da warfen sich alle Juden vor seinen Füfsen nieder und baten ihn, 
er möge für sie beten, damit ihnen nicht etwas zustofse, was sie um ihrer 
Arglist willen verdient hätten. Und die Königin Helena befahl, dafs 
alle Vorhänge weggezogen wurden, so dafs sie vor den Augen des ganzen 
Volkes hinausging und die Knie Silvesters erfafste, indem sie ihn bat, 
es möchte ihr Zeit zur Bekehrung (resp. Bufse) gegeben werden.* 

Und, weil das, was sie that, zu viel ist, als dafs wir es erzählen 
könnten, so lassen [76] wir es weg, weil dies [aufserdem] in einer an- 
deren Relation der Kirchengeschichte aufgezeichnet ist; wohl aber [sei 
erwähnt, dafs] sogleich viele gereinigt wurden von den Dämonen durch 

* Entsprechend L td divinum haplismum consequeretur wird hier die 'Bufse' 
als Vorbereitung zur Taufe zu verstehen sein (vgl. noch den Ausdruck 'Taufe der 
Bufse' z. B. in der Passio Quirici et Julitfce, s. a. a. O. S. 6). Dafs im Folgenden 
der lateinische Text eine kurze Schilderung dessen, was Helena (resp. Silvester 
mit ihr) that, enthält, ist schon oben (S. 17) erwähnt worden. 



54 Syrische Quellen abendländischer Erzählungsstoffe. 

den Namen Christi, unseres Herrn, indem sie riefen und sprachen: 'Ge- 
siegt hat Silvester!' Und, weil sich alles dies am Anfang des Adar 
(März) zugetragen hatte, so wurden viele zu Ostern dort zu Koni zur 
Taufe herzugebracht. 

Und seit jener Zeit nahm das Christentum zu durch die Hilfe Gottes 
mit der Erlaubnis des Königs in der Stadt Rom im Namen unseres 
Herrn Jesus Christus, welchem ebenso wie seinem Vater und dem hei- 
ligen Geiste Preis und Ehre und Anbetung und Ruhm sei in Ewigkeit 
der Ewigkeiten. Amen ! 

Zu Ende ist diese Geschichte vom heiligen Silvester. 

Zürich. V. Ryssel. 



über das Schwankbuch 

^Schertz mit der Warheyt', 



Kein Schwankbuch des 16. Jahrhunderts erfreute sich einer 
gröfseren Verbreitung als die Sammlung ^Schimpf und Ernst^ 
des getauften Juden und Barfülsermönchs Johannes Pauli. Keines 
verdiente sie aber auch in höherem Grade. Während die meisten 
übrigen Schwankbücher sowohl vor ihm, wie nach ihm, vorzugs- 
weise lustige Anekdoten, Schnurren ohne tieferen Gehalt und in 
sehr vielen Fällen abstofsende Zoten bieten, entspringen seine 
längeren oder kürzeren Erzählungen, so derb sie auch oft ge- 
halten sein mögen, so wenig sie sich auch scheuen, die Dinge 
beim wahren Namen zu nennen, durchaus einem sittlich ernsten 
Geiste und atmen eine gesunde Moral. Dazu kommt noch eines: 
Pauli ist ein vortreffhcher Erzähler. Er trifft, obwohl gelehrt 
vom Hause aus, vorzüglich den Volkston und fesselt durch 
ungekünstelte, frische Darstellung. Gewaltig war daher auch die . 
Wirkung seines Buches, die von keiner späteren ähnlichen Samm- 
lung erreicht wurde. Das bezeugen zunächst die zahllosen Auf- 
lagen. Ferner nahmen es sich jüngere Schwänkesammler in der 
Form und sehr oft im Inhalt zum Vorbilde. Meistersänger und 
andere Dichter — vor allen Hans Sachs — beuteten es zu ge- 
reimten Schwänken oder zu Fastnachtspielen aus, und selbst die 
gelehrten Verfasser der Humanistendramen verschmähten es nicht, 
die ergiebige Quelle aufzusuchen. Ja, die Wirkung des Buches 
ging weit über die Grenzen Deutschlands hinaus: Pauli wurde 
in Dänemark übersetzt, in den Niederlanden und in Frankreich 
nachgeahmt oder geplündert, imd man begegnet Spuren von ihm 



56 Über das Schwankbiich 'Schertz mit der Warheyt'. 

in Italien, Spanien und England. So war es gerechtfertigt, dals 
schon vor 29 Jahren (1866) eine Neuausgabe des wichtigen 
Schwankbuches veranstaltet wurde. Hermann Oesterley, dem wir 
den vortreiflichen Neudruck verdanken, hat nicht nur durch eine 
reiche Fülle von Nachweisungen — wozu ihm Goedekes wert- 
volle Kollektaneen zur Verfügung standen — , sondern auch durch 
bibliographische Bemerkungen, sowie durch vergleichende Zu- 
sammenstellungen des Inhalts der einzelnen untereinander sehr 
verschiedenen ältesten Ausgaben ihr einen erhöhten Wert ver- 
liehen und wichtige Beiträge zur Geschichte des Buches gegeben. 
Allein erschöpfend sind seine Angaben nicht. Nicht nur ver- 
zichtete er darauf, Ausgaben des Buches, die nach 1550 ei- 
schienen sind, zu berücksichtigen; er hat auch einige frühere 
unbeachtet gelassen. Besonders unzulänglich ist, was er über 
die unserem Schwankbuche nahestehende Sammlung *Schertz 
mit der Warheyt^ vorträgt. Da nun auch andere Litterar- 
historiker, wie Lappenberg, Goedeke, uns nur dürftig über letz- 
tere belehren, so beabsichtige ich im Folgenden, mich mit dieser 
noch wenig bekannten Schwanksammlung eingehend zu beschäf- 
tigen, und behalte es mir für eine andere Gelegenheit vor, die 
Geschichte des Paulischen Buches zusammenhängend zu be- 
trachten. 

Im Jahre 1550 erschien zu Frankfurt a. M. ein Buch in 
Folioformat mit folgendem Titel : ^ 

Schertz mit der 
Warheyt 
Vonn guttem Gespräche/ 
In Schimpff vnd Ernst Reden / Vil HöfF- 
licher / weiser Spruch / lieblicher Historien / vnd Lehren. Zu Vnder- 
weisung vnd Ermanung/ in allem thun vnd Leben/ der Mensch- 
en/ Auch ehrlichen Kurtzweilen/ Schertz vnd Freuden zeiten/ zu erfrew 
ung des gemüts / zusamen bracht. Jetzund New / vnnd vor- 
mals dermassen nie aufsgangen 
[Titelbild von Hans Schäuffeleinj 
Cum Priuilegio Imp. Franckfurt. Bei Christian Egenolff. 



* Exemplare befinden sich in der Kgl. bayer. Hof- und Staatsbiblio- 
thek zu München (zwei Exemplare) P. O. gall. 11/1, 2«, u. A. lat. a 165/2, 
eines besitze ich selbst. 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 57 

Die Rückseite des Titelblattes enthält oben drei Sprüche Salo- 
monis, den übrigen Teil der Seite füllt ein Holzschnitt von Hans 
Burgkmair, drei Liebespaare in einem Garten darstellend. Hier- 
auf folgen fünf Seiten Index (^Register vnnd Inhalt), auf der 
sechsten Seite wiederum mehrere Sprüche Salomonis und ein 
Holzschnitt von Hans Schäuffelein, dann achtzig foliierte Blätter 
(I — LXXX), das letzte Blatt ist auf der Rückseite leer, auf der 
ersten Seite schliefst es unten mit den Worten: 

Getruckt zu Franckfurt am Meyn/ Bei Christian 

Egenolff/ Im Mertz. Des Jars nach der Geburt Christi 

vnsers erlösers. MDL. 

Falsch foliiert ist dreimal: 4 statt 5, 33 statt 32, und 81 statt 79. 
Im Texte befinden sich 42 Holzschnitte, augenscheinlich von allen 
Seiten hergeholt, darunter sind mehrere Doppelbilder, und ein- 
zelne Holzschnitte wiederholen sich. Eigens für das Buch dürften 
wohl keine angefertigt worden sein. 

Oesterley äufsert sich in der Vorrede seiner Ausgabe von 
^Schimpff und Ernst' über die Sammlung ^Schertz mit der War- 
heyt' mit den nachstehenden Worten (S. 6 ff.): ^Durch die Zu- 
sammenstellung der Nummern nach ganz neuen Rubriken und 
die fortwährende Neigung, ältere Stücke auszuscheiden, neue ein- 
zuschieben und jedem einen moralisierenden Schlufs anzuhängen, 
sowie Sprache und Orthographie dem Gebrauche der Zeit anzu- 
passen, erhalten die nach der ersten Hälfte des Jahrhunderts er- 
scheinenden Ausgaben ein immer fremdartigeres Ansehen und 
müssen endlich als ganz neue Werke betrachtet werden, die wie 
so viele andere Schwankbücher, Paulis Sammlung benutzt oder 
ausgezogen haben. Zu diesen gehört die Sammlung, die unter 
dem Titel erschienen ist: Scherz mit der Warheyt u. s. w. (folgt 
eine nicht genaue Beschreibung des Buches in der ersten sowie 
zweiten Ausgabe, dann heifst es :) ... beide Ausgaben enthalten 
etwa 240 bis 250 Nummern, die letzte etwa sechs mehr. Unge- 
fähr fünfzig derselben sind unzweifelhaft einer Ausgabe der 
Paulischen Sammlung entnommen, ein Hundert stimmt mit Er- 
zählungen derselben überein, ist aber anderen Quellen entnommen 
(die klassischen z. B. sind meistens aus den Originalen über- 
tragen), und das andere Hundert enthält Stücke, die bei Pauli 
nicht vorkommen.' 



58 über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

Diese Angaben Oesterleys werden sich weiter unten im 
ganzen wie im einzelnen entweder als unrichtig oder ungenau 
erweisen. 

Hinfällig ist auch die Vermutung Goedekes (Grundrifs^ ü, 
S. 465): Vielleicht ist die Ausgabe von Schimpf und Ernst 
Frankf. Cyr. Jacob. 1544, welcher als zweiter Teil Reiueke Fuchs 
von Beuther angehängt wurde, ein früherer Druck dieses gröfsten- 
teils aus Pauli geschöpften, aber mit viel fremdartigen Geschichten 
versetzten Buches.' Schon die Worte auf dem Titelblatte von 
^Schertz mit der Warheyt': Vormals dermassen nie aufs- 
gangen', lassen dies wenig glaublich erscheinen. Dann irrte 
sich Goedeke, wenn er glaubte, dals das ^Ander Teyl des 
Buchs Schimpff vn Ernst etc.' (. . . Frkf. Cyriacus Jacob 1544) 
— unter welchem Titel jener Reineke Fuchs erschien — als 
Fortsetzung eines im gleichen Verlag erschienenen ersten Teils, 
das Buch ^Schimpf und Ernst' enthaltend, gedruckt worden sei. 
Mir liegt diese Ausgabe des ^Ander Teyl' vor. Es ist ein ganz 
selbständiges Buch, das nur in den Worten des Titels auf Schimpf 
und Ernst Bezug nimmt, weil es eben als Fortsetzung des viel- 
verbreiteten Volksbuches gedacht ist, nicht, dafs es wirklich 
mit ihm zusammen erschienen wäre. In den zwanzig Ausgaben, 
die Julius Zacher (Die deutschen Sprichwörtersammlungen, Leipzig 
1852, S. 37/38) vom 'Ander Teil' anführt, sowie in einer mir 
vorliegenden einundzwanzigsten, erscheint das Buch immer allein 
und gleichwohl als 'Ander Teil'. Mir ist keine Ausgabe von 
'Schimpf und Ernst' bekannt, die gleichzeitig mit dem 'Ander 
Teil' im gleichen Format und beim gleichen Verleger ans Licht 
gekommen wäre. Bei Cyriacus Jacob erschien 1550 eine Aus- 
gabe von 'Schimpff und Ernst' zusammen mit den Übersetzungen 
des A. V. Eyb, aber ohne den 'Ander Teil'. Der Schlufs, 
dafs es eine Ausgabe von Schimpf und Ernst Frkf. Cyr. Jacob 
1544 geben müsse, weil in diesem Jahre der 'Ander Teyl' 
herauskam, ist also falsch. Nirgends habe ich eine Spur von 
einer solchen entdecken können, denn Lappenberg, der (Ulen- 
spiegel S. 374) dieselbe anführt, schlofs, wie seine Angaben 
beweisen, nur gleich Goedeke von dem 'Ander Teyl' auf die 
Existenz eines ersten Teils. Die oben beschriebene Ausgabe 
von 'Schertz mit der Warheyt' ist also wirklich die editio prin- 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt. 59 

cepsj und ihr folgte bekaüntlich nur eine weitere Ausgabe im 
Jahre 1563. 

Werfen wir einen Blick in das Buch 'Schertz mit der War- 
heyt^, so fällt uns zunächst die geringe Zahl von Erzählungen 
auf: die älteste Ausgabe von 'Schimpf und Ernst'* enthielt 700 
Nummern, hier haben wir noch nicht 300. Das Buch böte also, 
selbst wenn alle Erzählungen aus Pauli entnommen wären, nur 
eine Auswahl, die sich indes noch erheblich vermindert, weil viele 
Erzählungen in der That aus anderen Quellen zugeflossen sind. 
Ferner ist die Rubrizierung der Geschichten wesentlich verschie- 
den, nicht nur von der editio princeps, sondern von allen bei 
Lappenberg und Oesterley näher beschriebenen Ausgaben. 

Wie haben wir uns nun die Entstehung des Buches zu 
denken? Hat der Verleger Christian Egenolff — der uns be- 
reits als Verleger der in Strafsburg bei Grüninger 1538 gedruckten 
Ausgabe von 'Schimpf und Ernst' bekannt ist — irgend eine 
ältere der uns erhaltenen Ausgaben, etwa die eben erwähnte, 
vor sich gehabt, daraus seine Auswahl getroffen und das übrige 
aus anderen Quellen hinzugefügt, oder hatte er eine bereits sehr 
verkürzte und mit fremden Zusätzen entstellte Ausgabe vor sich? 
Um hierauf antworten zu können, gilt es die früheren Ausgaben 
zu durchmustern. 

Es ist von Lappenberg und Oesterley richtig bemerkt wor- 
den, dafs die Ausgaben von 'Schimpf und Ernst', welche nach 
der editio princeps ans Licht kamen, in der Zahl der Geschichten 
und natürlich auch im Umfang mehr oder weniger hinter der 
letzteren zurückblieben. Teils um zahlreiche Holzschnitte im 



* Goedeke giebt (Grundrifs^ I, 404) als Fundstätte für die editio prin- 
ceps Berlin, Dresden und München an. Da man unter München ge- 
wöhnlich die Kgl. Hof- und Staatsbibliothek versteht, so bemerke ich, 
dafs diese nur ein defektes Exemplar der editio princeps besitzt, dagegen 
findet sich ein sehr schön erhaltenes in der Kgl. Universitätsbiblio- 
thek daselbst (Signatur: Bibl. 2» 324/2). Aufserdem hat diese noch an 
Ausgaben: Bern Apiarius 1543 (defekt), Augsb. 1544, Augsb. 1546, Frkf. 
Gülfferich 1549 8», Ausg. ohne Titelbl. 8" (227 gez., 12 ungez. Blätter), 
wahrscheinlich Zimmermann Augsb. 1549, Frkf. Eebarth u. W. Han Erben 
1567 8". — Die Kgl. Hof- u. Staatsbibl. daselbst besitzt aufser der ed. 
prino., Augsb. 1534, 1536, 1537, 1542, 1546, Frkf. Cyriacus Jakob 1550, 
s. 1. (Frkf.?) 1569 8«, Frkf. 1583 2o, s. 1. 1597 8^ und (Strafsb.) 1654. 



60 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

Texte anzubringen — In der editio princeps fehlen diese — , teils 
um das allzu umfangreiche Buch zu reduzieren, hatte man eine 
grofse Anzahl von Erzählungen — hier mehr, dort weniger — 
ausgeschieden, allerdings auch neue eingeschoben, doch im ganzen 
nur wenige. Allein alle diese vor 1550 erschienenen Ausgaben, 
wie sie Oesterley (S. 439 — 463 seiner Ausgabe) inhaltlich ver- 
gleichend zusammengestellt hat, sind — von den Auslassungen 
und den zwei bis drei Dutzend Zusätzen abgesehen — im grofsen 
und ganzen inhaltlich und textlich gleich. Unter 500 Nummern 
geht keine herunter. Auch die Anordnung hat nicht sehr ge- 
litten. Anders hier, wo alles durcheinander geworfen und auch 
der Text Pauli gegenüber vielfach wesentlich verändert erscheint. 
Nur eine von Oesterley vernachlässigte, von Lappenberg (S. 375) 
näher beschriebene Ausgabe von ^Sch. u. E.^ (Frkf . 1 546 8^) bietet 
einige Ähnlichkeit mit ^Sch. m. d. W.', aber nur insofern, als auch 
darin die Zahl der Rubriken sehr zusammengeschmolzen ist — 
hier sogar noch mehr als dort: 13 : 20 — , und als die erste 
Rubrik Von Keysern etc.^, die letzte von ^Tod und Sterben' han- 
delt. In der sonstigen Anordnung, die auch hier umgestürzt ist, 
in der Auswahl, sowie im Texte bietet sich keine weitere Über- 
einstimmung. Auch ist die Zahl der Geschichten noch verhältnis- 
mäfsig grofs: 455. Die Vorlage für ^Sch. m. d. W.' schien sie 
mir daher auch nicht zu sein. Aber sie führte mich auf die 
richtige Spur. In ihrer Vorrede wird der Leser gewarnt Vor 
den Büchlin / so vnder diesem Namen aufsgehen / welche aufs 
diesem gestümplet / vnnd gehümplet sein ! vnd doch nicht die 
halb meinung Frater Johannis Pauli ist\ Diese Worte lassen 
auf die Existenz einer ganz verstümmelten und etwa auf die 
Hälfte verminderten Ausgabe Paulis schliefsen. Diese Ausgabe 
liegt mir vor und ist in der That die direkte Quelle von *Sch. 
m. d. W.\ Merkwürdigerweise beschreibt und charakterisiert 
Oesterley das Buch (S. 5/6), ohne indes sein nahes Verhältnis 
zu ^Sch. m. d. W.' zu erkennen. 

Ich lasse hier die genaue Beschreibung des Buches ' folgen: 



* Die Kgl. Hof- und Staatsbibliothek zu München besitzt ein Exem- 
plar des seltenen Buches (L. eleg. m. 4^ 190 m), ein anderes ist in der 
Kgl. Bibliothek zu Berlin. 



über das Schwankbiich 'Schertz mit der Warheyt'. 61 

VOn SchimpfF/ 

vnnd Ernst / vil weiser 

Höflicher Spruch / Historie / 

Exempel / vnd Lehren / Zu Vnder- 

weisung vnnd Manung / in allem 
thun vnd leben der menschen. Auch 

zu Kurtzweil / Schertz vnnd Frö- 

lichkeit des gmüts / zesamen bracht. 

Jetzund New / vnd vormals der 

massen nie aufsgangenn. 

Cum Priuilegio. 

Titel in Holzschnitteinfassung (mythologische und allegorische 
Scenen darstellend). Auf der Rückseite des Titelblattes beginnt 
das Register, das sieben Seiten einnimmt. Diesen vier ungezählten 
Blättern folgen, den Text enthaltend — eine Vorrede fehlt — , 
88 gezählte. Die letzte Seite des Buches (88 b) ist frei. Zu den 
88 Stücken sind Signaturen A^"* bis Y*. Auf Seite 88 a steht 
unten die Jahrzahl M. D. xlv. (= 1545). Format 4^. Druckort 
und Drucker sind nicht angegeben, und auch ein Herausgeber 
ist nirgends genannt, selbst der Name Pauli fehlt, wie man sieht, 
auf dem Titel, desgleichen im Texte. Im Buche befinden sich 
18 Holzschnitte (auf Blatt la, 10a, 21a, 21b, 23a, 26a, 28b, 
42a, 46b, 47b, 53b, 63b, 66a, 72a, 74a, 77b, 80a und 87b). 

Diese anonyme Ausgabe von ^Schimpf und Ernst' bildet nun 
den Grundstock zu ^Schertz mit der Warheyt\ Bevor wir daher 
ihr Verhältnis zu der letzteren Sammlung klarlegen, verdient sie 
selbst in ihrem Verhältnis zu den älteren Ausgaben von ^Schimpf 
und Ernst' und den etwaigen anderen Quellen gewürdigt zu wer- 
den. Dies um so mehr, als dadurch ja auch für das Verhältnis 
ihrer späteren Umarbeitung — als solche werden wir weiter 
unten ^Schertz mit der Warheyt' zu charakterisieren haben — zu 
der früheren Schwankdichtung vorgearbeitet wird, um so mehr, 
als solche Quellangaben nicht nur für die Geschichte der beiden 
Schwankbücher, sondern überhaupt für unsere Kenntnis der 
Schwanklitteratur im 16. Jahrhundert von Wichtigkeit sind. 

Oesterley äufsert sich f olgendermafsen über das Buch : 'Unter 
den etwa 218 Stücken (oft sind mehrere unter einer Nummer 
zusammengestellt) befinden sich 72 neue; und die aus sämtlichen 
Ausgaben, auch der ältesten, ausgewählten Erzählungen sind häufig 



62 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

zu blofsen Anekdoten und Vafredikten zusammengezogen/ Auch 
diese Angaben entbehren der Genauigkeit; richtig ist aber, dafs 
viele Erzählungen Paulis in unserem Buche in bedeutend ver- 
kürzter Form auftreten und dafs mehrere Anekdoten zu einer 
Nummer zusammengezogen sind. Es wird daher bei der nun 
folgenden Inhaltsangabe nötig sein, die Erzählungen und Aus- 
sprüche nicht nach den Überschriften — eine Zählung fehlt 
überhaupt in dem Buche — , sondern nach der wirklichen An- 
zahl von Stücken zu numerieren. Da es indes auch von Wert 
ist, dafs die Überschriften, schon des leichteren Findens wegen, 
fortlaufend numeriert seien, so will ich die entsprechende Ziffer 
in Klammern beifügen. 

I. Von grossen Herrn / Keysern vnd Königen. 

Bl. la, Nr, 1 Von Romulo. (Über das Wein trinken). Quelle 
Erasmus Apophthegmata (Ausgabe Lugduni 1573, S. 682). Unge- 
schickterweise liefs der Bearbeiter des Buches die zum Verständnis 
nötigen Schlufsworte seiner Vorlage nam ego hihi quantum volui weg. 
Die Erzählung findet sich auch bei J. Gast, Gonvivales Sermones 
I, 241 (hier citiert nach der Ausg. Basel 1554), bei L. D. Brusonius, 
Facetiarum Exemplorurtique Lihri VII, Ausg. Basel (1559) S. 52 
und anderswo. 

Bl. Ib, Nr. 2 (Ib) (Augustus Tyrann gescholten) Quelle Mensa 
Philosophica^ (schon 1489, nach Panzer sogar 1481 gedruckt, hier 

i Ich möchte bei dieser Gelegenheit die Aufmerksamkeit der Forscher 
auf dieses Büchlein lenken, das, offenbar in der Zeit der letzten Hohen- 
staufen geschrieben, trotz seiner Wichtigkeit für die Geschichte der 
Schwanke, trotz seiner vielen Auflagen und obwohl schon die Menagiana 
(Ausg. Amst. 1716, IV, S. 50) und in neuerer Zeit Brunet (s. v. Mensa 
philos.) darauf hinwiesen, von den gröfsten Kennern der Novellen- und 
Schwanklitteratur, von F. Liebrecht, von der Hagen, Benfey, E. Köhler, 
Oesterley, Goedeke, Bolte u. a. übersehen worden ist. Die Frage nach 
seinem Verfasser und überhaupt eine erschöpfende Betrachtung des In- 
halts gedenke ich bei anderer Gelegenheit zu geben. Ich begnüge mich 
mit einigen Andeutungen über den Inhalt. 

Von den vier Büchern des am kürzesten als Tischreden charak- 
terisierten Werkes ist das zweite und vierte in der Hauptsache erzählen- 
den Inhalts. Aber während jenes meist Exempla aus antiken Autoren 
(Val. Maximus, Macrobius, Frontius, Orosius u. s. w.) bringt, enthält das 
letztere in 45 Kapiteln eine Anzahl von Anekdoten, Schwänken und Denk- 
ßprüchen aus dem Erzählungsschatze der Zeit des Verfassers. Die viel- 
fachen Berufungen auf arabische Schriftsteller, die sich im ersten Buche 
befinden, lassen es als wahrscheinlich bezeichnen, dafs der Verfasser auch 
arabischen Quellen einzelne Schwanke entnommen. So treffen wir auf 
S. 203 die im Conde Lucanor (sub Nr. 11) erzählte Novelle vom Schwarz- 
künstler, S. 223 die Geschichte von der Frau des Einäugigen, S. 233 die 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 63 

citiert nach der Ausg. Mensa Philos. seu E^ichiridion etc., Lipsise 
1603, worin Michael Scotus als Verfasser genannt ist). S. 202. 

Bl. Ib, Nr. 3 (Ic) (Kaiser Friedrich u. Mailand) Quelle Mensa 
Philos. S. 203. 

Bl. Ib, Nr. 4 (Id) (Alexander u. Müller mit dem Esel) Quelle 
Valerius Maximus VII, 3, ext. 1. Pauli 507 (ed. Oest. S. 293), 
welcher die gleiche Anekdote enthält, steht dem Wortlaute nach 
ferner, ebenso die Vigiliussche Übersetzung von Petrarcas De rebus 
memcyi'ayidis (gedr. 1541) III, 28. Dagegen könnte der Bearbeiter 
aus der Mensa Philos. geschöpft haben, woselbst sich die Anekdote 
(S. 204), aus Val. Max. entnonmien, befindet. 

Bl. Ib, Nr. 5 (le) (Jüngling küfst eines Fürsten Tochter) Quelle 
Val. Max. V, 1, ext. 2. Auch hier ist Pauli, der (sub Nr. 120) die 

vom weinenden Hündlein, beide auch in der Disciplina Glericalis vor- 
kommend, und man weifs, dafs sowohl der Conde Lucanar wie die Discipl. 
Cleric. gröfstenteils aus arabischen Schriften geschöpft haben. Wir finden 
in der Mensa philos. nicht selten die ältesten der erhaltenen, oder wenig- 
stens sehr alte Versionen von Schwanken und Anekdoten, die bis in un- 
sere Tage fortgelebt haben, und die wir bisher nur bis ins 16. Jahrhundert 
zu rück verfolgen konnten. So erzählt z. B. Kap. 11 (S. 214) die Geschichte 
vom Gerichtsverwalter, der vom Bauern ins Wasser geworfen wird, da er 
nicht mehr im Amte ist = Pauli 582, Kap. 12 (S. 217) die Geschichte 
von dem der Untreue überführten Wirt = Pauli Anh. 30, und (S. 218) 
die von einem Ehepaar, das sich täglich einen Weinkauf bereitet = Pauli 
306. Interessante rarallelen zu Pauli bilden noch: S. 213 = Pauli 169, 
S. 215 = P. 127, S. 219 = P. 193, S. 224 = P. 389, S. 267/8 = P. 474, 
S. 279/80 = P. 61 (vgl. auch meine H. Sachs - Forsch. S. 183). S. 235 
finden wir eine Version, welche vielleicht die Quelle, aber jedenfalls eine 
ältere Version zu dem altdeutschen Gedichte Nr. 38 der Gesamtabenteuer 
ist, für welches von der Hagen keine Parallelen auftrieb ; S. 256 liest man 
eine Parallele zum Pfaffen Amis V. 805 — 932, S. 260 die Umrisse zum 
Pathelin, S. 234 zeigt uns schon den Teufel voller Furcht gegenüber einem 
alten Weib, dem er das versprochene Geschenk an einer langen Stange 
reicht u. dgl. m. Das Interesse für das Büchlein erhöht sich natürlich, 
wenn sich nachweisen läfst, dafs es Quelle für spätere berühmte Erzähler 
geworden. Dies vermute ich, zunächst noch mit Vorbehalt, für Boc- 
caccio: Decamerone IX, 2 (Nonne und Äbtissin) hat eine Parallele auf 
S. 284/5, die um so mehr Aufmerksamkeit verdient, als Boccaccio bisher 
als die älteste Version dieser verbreiteten Erzählung galt. Bebel 
scheint die Mensa philos. gekannt und mehrfach benützt zu haben, es 
entspricht z. B. Facetice (Ausg. 1514) Sign. li 4a De qaodam mendico etc. 
der Mensa philos. S. 205, nur ist dort dem Kaiser Friedrich III. zuge- 
schrieben, was hier Regi summo Philippo (Philipp von Schwaben) begegnet 
sein soll, ferner Sign. Cc la De quodam equum emente = M. ph. S. 218 
(hier ist die Übereinstimmung fast wörtlich), Sign. Cc Ib De quodam in 
tempestate maris deprehenso = M.ph. S. 229, Sign. Eela De quodam aduo- 
cato =: M. ph. S. 260, Sign. Dd 4 b De patientia monachorum = M. ph. 
S. 267 u. s. w. Poggio mochte seine Clitella S. 289 finden, Sebastian 
Brant eine Erzählung S. 284; Agricolas Erzählung zu seinem 623. 
Sprichwort [Traum von der Regensburger Brücke] liest man S. 287. Ich 
glaube, das Angeführte genügt, um die Wichtigkeit der Mensa philoso- 
phica zu beweisen. 



64 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

gleiche Erzählung enthält, nicht benützt. Die Mensa Philos. enthält, 
aus Val. Max. geschöpft, auch diese Erzählung (S. 206). 

Bl. Ib, Nr. 6 (2) Von Juden. Quelle Mensa Philos. S. 208. 

Bl. Ib, Nr. 7 (3) Von eynes grossen geschlecht. Quelle 
Mensa Philos. S. 209. 

Bl. 2a, Nr. 8 (4) Hoher standt hat hohe gef erligkeyt. 
Von Democle. Unter den vielen mir bekannten Darstellungen 
dieser Erzählung ist nicht eine, die dem Bearbeiter zur Vorlage ge- 
dient haben könnte. Vielleicht schrieb er nach dem Gedächtnis. Die 
Entstellung des Namens Democle (statt Damokles) spricht dafür. 

Bl. 2 a, Nr. 9 (Ausspruch König Alphonsi : Esel besseres Leben 
als Fürsten). Quelle Erasmus, Äpophthegmata (Ausg. Lugd. 1573, 
S. 955, 17). Dieser und alle anderen Denksprüche aus Erasmus 
kommen auch in Plutarch-Eppendorff vor, der ja nur eine Über- 
setzung von des Erasmus Äpophth. ist, nach dem Wortlaut zu schlie- 
fsen ist jedoch Eppendorff nicht benützt. 

Bl. 2a, Nr. 10 (5). Schuldt eyn schwere last. Es läfst 
sich schwer sagen, woher der Bearbeiter die vielverbreitete Anekdote 
von dem durch Augustus angekauften Bette eines überschuldeten 
Ritters nahm. Am nächsten kommt er noch Petrarca, De rebus memo- 
randis, aber nicht nach der Übersetzung des Vigilius (Ausg. 1541, 
Buch II, Kap. 37), sondern nach dem lat. Original; ferner steht er 
Pauli 502, Erasmus, Macrobius u. a. Aus der unrichtigen Darstel- 
lung möchte man schliefsen, dafs der Bearbeiter die Erzählung aus 
dem Gedächtnis niedergeschrieben. ^ 

Bl. 2a, Nr. 11 (6). Was recht sei. Antigonus. Quelle 
Erasmus, Äpophth. (Lugd. 1573, S. 385). 

Bl. 2a, Nr. IIb (6b) (Diogenes über den Adel). Quelle Eras- 
mus, Äpophth. (S. 343, 7). 

Bl. 2 b, Nr. 11c (6 c) (Caligula über seine Unterthanen). Ähn- 
lich Erasmus, Äpophth. S. 618 {oderint dum metuunt). 

Bl. 2b, Nr. 12 (7). Ehr nach dem tode. Agesilaus. 
Quelle Erasmus, Äpophth. S. 60. 

Bl. 2 b, Nr. 13 (7 b) (Herrschen wie ein Vater über die Kinder). 
Quelle Erasmus, Äpophth. S. 22. 

Bl. 2b, Nr. 14 (8). Lieb der Kinder Agesilai. Quelle 
Erasmus, Äpophth. S. 54. 

Bl. 2b, Nr. 15 (9). Von gutem raht. Quelle Pauli 442 (ed. 
Oest. S. 263). Der Anfang ist etwas verändert, vielleicht um die 
Spur der Quelle zu verwischen. 

Bl. 3a, Nr. 16(10). Alte Räthe nit zuuerwehlen. Quelle 
Pauli 538 (zweite Hälfte) (Oesterleys2 Ausg. S. 307). 

^ Vgl. jedoch die gedrängte Darstellung bei Brusonius (Ausg. Basel 
1559, S. 362). 

^ Oesterleys Text bedarf an einer Stelle der Berichtigung, diese Stelle 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt*. 65 

Bl. 3a, Nr. 17 (11). Von Hannibale. Quelle Pauli 539 
(Oest S. 307/8). Der Anfang, der in der Quelle lautet 'Ein weiser 
Hauptman luogt wie er möcht ein arckwon ... machen' etc., ist hier 
entstellt: *Es war eyn weiser Hauptman' etc. 

Bl. 3 b, Nr. 18(12). Guter name. Quelle Pauli 259 (Oest. S. 172). 

Bl. 4 a, Nr. 19 (13). Kriegs rhat. Quelle Pauli 541 (Oest. S. 308). 

IL Von Schmeychlern. 

Bl. 4 a, Nr. 20 (14) (Agesilaus über das Loben). Quelle wahr- 
scheinlich Erasmus, Apophth. S. 186. Der Übersetzer hat allerdings, 
wie auch sonst, gekürzt und hier nicht gut übersetzt. 

Bl. 4a, Nr. 21 (14b) (Socrates über schädliche Tiere: Tyrann 
und Schmeichler). In den Apophth. des Erasmus wird Bias als Ur- 
heber des Spruches bezeichnet (s. Ausg. Lugd. 1573, S. 780), ebenso 
Brusonius S. 434 und Plutarch im Anfang von '^Eutu aorptny ov/li- 
noGiov. Vielleicht schrieb der Bearbeiter aus dem Gedächtnis und 
irrte sich daher. 

Bl. 4 a, Nr. 22 (14 c) (Antisthenes über Schmeichler). Quelle 
Erasmus, Apophth. Lih. 7 Antisth. No. 13 (Ausg. Lugd. 1573, S. 783) 
stammt wahrscheinlich aus Stobseus, Sei'mo 14. 

Bl. 4a, Nr. 23 (15). Schwem der grossen Herrn. Quelle 
J. Gast, Conv. Sermones S. 293 Dicta in Vefpafianum imperatorem, 
frei übersetzt. Erasmus, Apophth. S. 630 steht noch ferner. 

Bl. 4a, Nr. 24 (16). Anaximenes behielt das gegen- 
theyl seiner Bitt von Alexandro. Quelle Petrarca, De rebus 
memorandis (wahrscheinlich aber nach dem Original, nicht nach der 
Übersetzung des Vigilius) III, 29. Pauli 508 sowie Val. Max. 7, 3, 
ext. 4 stehen ferner. 

Bl. 4b, Nr. 25 (17). Harrf f enschlager mit Hoffnung 
belohnt. Quelle J. Gast, Conv. Serm. S. 46 De Citharoedo. Eras- 
mus, Rotterd. Apophth. (ed. Lugd. 1573) S. 493 weicht davon etwas ab. 

Bl. 4b, Nr. 26 (18). Von Schätzung der Vnderthanen. 
Tyberius. Quelle Erasmus, Apophth. (Lugd. 1573) S. 615 {Exactio 
moderata). 

Bl. 4 b, Nr. 27 (Darius über Besteuerung). Quelle Erasmus, 
Apophth. S. 413, 5. 

Bl. 4b, Nr. 28 (19). Domitianus Muckenstecher. Keine 

lautet bei ihm : 'das stet zu Kolmar vfF dem ratzhufs an der wand ge- 
schriben, heimlicher neid, eigner nutz, iunger rat. Troy vnd Rom vnd 
ander schlofs vnd stet zerstört der grofs Alexander darumb. Da er König 
ward etc.' Diese sinnlose Stelle mufs offenbar so verbessert werden : Das 
stat zu Kolmar . . . geschriben : Heimlicher neid ... rat Troy vnd Rom . . . 
zerstöret hat. Der grofs Alex, da er künig ward u. s. w. Ob Oesterley 
hier Druckfehler der ed. princeps wiederholte oder ein Druckversehen 
vorliegt, weifs ich im Augenblick nicht. 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. 5 



66 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

der mir vorliegenden Versionen, wie Erasmus, Apophth. 633, die 
Chroniken von Seb. Franck und Hedion, Petrarca {Rer. mem.or.) und 
Pauli, kommt in der Darstellung unserem Autor nahe genug, um 
dessen Quelle sein zu können, am meisten noch der letzte, den er 
wahrscheinlich auch, aus dem Gedächtnis niederschreibend, wiedergab. 

Bl. 5 a, Nr. 29 (Aristonymus vergleicht Schmeichler und Reich- 
tum mit Feuer und Brennholz). Letzte Quelle Stobseus, Serm. 14 
(Ausg. Basel 1549, S. 147, Zeile 12). 

Bl. 5a, Nr. 30 (20). Von eynem Hauen vnd Fuchs eyn 
fabel. Am nächsten kommt in der Fassung dieser Fabel Stein- 
höwel, Esopus fab. 83 (die dritte der sogen. Extravagantes, Oest. Ausg. 
S. 196). In ein paar Zügen ähnelt sie Camerarius {Fab. jEsopi Ausg. 
Norimb. apud G. Wachterum s. a.) Nr. 235 Vulpes et Oallus. Viel- 
leicht hatte der Herausgeber aber eine mir entgangene andere Quelle. 

Bl. 5b, Nr. 31 (21). Von Schmeychlers glück. Quelle Pauli 
326 (Oest. S. 206) wörtlich, nur sprachlich etwas verjüngt, benützt. 

Bl. 6a, Nr. 32 (22). Durch gunst/ hafs vnd neidt/ 
werden rechtschaffne leut vndertruckt/ vnnd vn- 
tüchtige herfür zogen/ Eyn Fabel von einem Löwen 
vnd Esel. Quelle Luthers 'Eine newe Fabel Esopi, neulich ver- 
deutscht gefunden, vom Lawen und Esel'. Der Bearbeiter war be- 
müht, sich textlich seine Selbständigkeit zu wahren, aber ganze Sätze 
sind wörtlich herübergenommen. 

Bl. 7a, Nr. 33 (23). Von der weit vntrew vnd vndanck- 
barkeyt/ Eyn schöne Fabel von eym Bawren/ Schlan- 
gen vnd Fuchs. Quelle wahrscheinlich Camerarius' Merces An- 
gvina {Fab. JEsopi Nr. 392). Egenolffs Sprich wörtersammlung (Ausg. 
1560) Bl. 40 (Fabel von der weit Ion), Reineke Fuchs Buch 3, Kap. 4 
und andere Versionen stehen ferner. 

Bl. 10 a, Nr. 34—43 (24—33). Von Vntrew/ Vinantz / list/ 
vnnd mancherhandt geschwindigkeyt des HofFlebens/ Eyn lüstige 
Fabel vnd Beispiel voller lere vnd weifsheit. 

Diese fast elf Blätter umfassende Prosadarstellung von Rei- 
neke Fuchs ist mit zahlreichen wörtlich beibehaltenen Stellen 
aus der bekannten ältesten hochdeutschen Bearbeitung des Volks- 
buches — das Ander Teyl etc. — (Frkf., Cyriacus Jacob, 1544^) 
ausgezogen. Die Erzählung ist auf zehn Nummern verteilt. Hier- 
von entspricht 

* In einem Auktionskatalog, in meinem Besitz, ohne Titelblatt, aus 
den vierziger Jahren, gedruckt in der Officin des Preufs. Volksfreundes 
zu Berlin, der eine sehr schöne Sammlung äufserst seltener älterer Werke 
enthält, ist S. 42 eine Ausgabe des Reineke (gedruckt bei Cyriaco Jacob, 
Frkf. 1543) angeführt, es wäre möglich, dafs eine solche existierte, doch 
glaube ich, dafs ein Versehen (XLllI für XLIIII) vorliegt. 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warhey t*. 67 

1) Nr. 34 (24) dem Kapitel 1 u. 2 des ersten Buches, 



2) 


V 


35 (25) 


11 


VI 


3 


11 


11 


11 


3) 


1' 


36 (26) 


11 


n 


4 u. 5 


11 


11 


11 


4) 


Tt 


37 (27) 


11 


V 


6 u. 7 


11 


11 


11 


5) 


11 


38 (28) 


11 


11 


8—11 


11 


11 


11 


6) 


11 


39 (29) 


11 


11 


12—21 


11 


11 


11 


7) 


11 


40 (30) 


11 


11 


22—29 


11 


v 


11 


8) 


11 


41 (31) 


11 


11 


30—37 
(38U.39 


11 
11 


11 

11 ^ 


11 
11 


9) 


11 


42 (32) 


1? 


11 


] 1—14 
( 1— 6 


11 

11 


zweiten 
dritten 
vierten 


11 
11 
11 


0) 


11 


43 (33) 


11 


11 


7—13 


11 


11 


11 



Diese Tabelle gestattet uns einen Einblick in die Arbeits- 
weise des Verfassers. Vor ihm lag ein Exeraplar des ein Jahr 
zuvor erschienenen Reiueke, und er schrieb, darin blätternd, seine 
Prosanachbildung nieder. Anfangs excerpierte er ziemlich aus- 
führlich seine Vorlage. Ein bis zwei Kapitel gaben je eine 
Nummer ab. Dann merkte er, dafs er auf diese Weise zu breit 
werden würde, und von der fünften Nummer an zog er 4 — 5, 
dann 13, dann wieder je 8 Kapitel zusammen. Bei der neunten 
Nummer angelangt und immer noch nicht aus dem ersten Buche 
heraus, vereinigte er, der Arbeit müde, mit den Schlufskapiteln 
des ersten Buches gleich das ganze zweite und dritte Buch sowie 
die Hälfte des vierten (zusammen 31 Kapitel), um in der zehnten 
Nummer mit der zweiten Hälfte des vierten Buches zu schliefsen. 
Aus dieser ungleichen Verteilung des Stoffes läfst sich erkennen, 
dafs der Verfasser sich mit seiner Arbeit nicht schwer that. Er 
schrieb, ohne viel zu überlegen, wie es ihm gerade in die Feder 
kam. Die wörtliche Übereinstimmung mit seiner Vorlage ist nur 
in den ersten Nummern, weniger in den späteren, häufig. Umge- 
kehrt verhält es sich mit den Kürzungen und Auslassungen. 

Als Belege für die wörtlichen Übereinstimmungen führe ich 
folgende kürzere Stelleu an. 

Schimpf und Erust. Eeineke. 

Bl. 10 b. Kap. 2. 

Dafs keyns keynen stich sihet. Das jrer drei kein stich nicht sahen. 

ßl. Ha. Kap. 2. 

Das sihet ewer gnad . . . noch Da sehet jr noch die frischen wun- 
dise meine bhitige wunden. den. 



68 



Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 



Bl. IIb. 
. . . das Krumpholtz, daran die 
Saw gehangen war. 

Bl. IIb. 
Sie klaget doch nichts / So ist sie 
auch nicht daran gestorben. 
Bl. 12 a. 
Zeyget sein Schepler vnnd härin 
kleydt vnder der kappen / auch 
eynen Brieff von seinem Prior. 

Bl. 13 b. 

Also Hessens den Beren für todt 
liegen, holffen den fünff weibern 
aufs. 

Bl. 14 b. 
. . . also het er eynen fallstrick 
an das loch gelegt, den Fuchs zu- 
fahen, das wist der Fuchs wol. 



Kap. 8. 
. . . das krumhöltz daran dz schwein 
hat gehange. 

Kap. 3. 
. . . Sie klagt doch selber nicht. 
Sie ist doch nicht gestorben dran. 

Kap. 4. 
Sein kapp vnd scepler zeigt er dar 
Ein brieff derzu von seim Prior 

Vnter der kappen ein kleyd von har. 

Kap. 9. 
Sie Hessen den Behren ligen für todt 
Das sie den weibern zuhülffe kamen 
Vnnd alle fünff aus dem wasser 
namen. 
Kap. 12. 
— — — vnd hat — — — 
Ein strick mit list fürs loch ge- 
hangen 
Damit meint er den Fuchfs zufangen 
Das wüste Reinicke alles wol. 



(in.) Von der Warheyt. 

Bl. 20b — 21a, Nr. 44 (34). Eynem Narren wird die war- 
heyt mit ruten erleydet. Quelle Pauli 1 (mit unbedeutenden 
Kürzungen). 

Bl. 21b, Nr. 45 (35). Ein eynäugiger Bawer kund die 
warheyt nicht leiden. Quelle Pauli 3. (Die ganze Schlufs- 
moral — ca. 12 Zeilen — ist weggeblieben, daneben sind, wie in 
der vorigen Nummer, einzelne Sätze gekürzt.) 

Bl. 22a, Nr. 46 (36). Ein Atzel hett von dem Ahl ge- 
schwetzt. Quelle Pauli 6 (einzelne Sätze gekürzt). 



(IV.) Von Lügen. 

Bl. 22 b, Nr. 47 (37) (Sattel angefroren). Quelle Beheh Facetice 
Ausg. 1514, Signatur Ee 3a NugcE cuiusdam fabri clauicularij Can- 
tharopolitani. 

Bl. 23 aj Nr. 48 (38). Lügen eynes Betten (Schneedörren). 
Quelle Bebel, Sign. Gg 5b Facetum dictum et ridiculum. 

Bl. 23a, Nr. 49 (39). Lügen von eynem Beren. Quelle 
Bebel, Sign. Ss 8 a De alio mendacio. Es ist die Lügengeschichte 
vom abgeschossenen Ferkelschwanz, an dem man ein altes blindes 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 69 

Schwein fortführt. Die Übersetzung von Ape?' durch *Ber' hat einige, 
so z. B. Goedeke (Schwanke des 16. Jahrhunderts, S. 60 Anm.) zu 
der Angabe verleitet, dafs in unserer Version ein Bär (ursus) statt 
eines Schweins gewählt sei. Indes bedeutet *Bär' jetzt noch in man- 
chen Gegenden, so z. B. bei den Bauern in der Umgegend von Nürn- 
berg, so viel wie Eber (verres). In diesem Sinne hat der Übersetzer 
der Bebeischen Anekdote offenbar das Wort 'Ber' (engl, boar) auch 
gemeint. Vgl. über das Wort Schmeller-Frommann I, 263. 

V. Von Frawen und Junckfrawen/ Bösen vnd guten. 

Bl. 23b, Nr. 50 (40). Eyner frommen frawen antwort. 
Quelle Erasmus, Apophth. (Ausg. Lugd. 1573, S. 214, Nr. 30) aus 
Plutarch entlehnt. 

Bl. 23b, Nr. 51 (41). Eyner frawen gefiel jr man vn- 
bekant mehr, dann da sie jn kennet. Quelle Mensa philos. 
S. 231. 

Bl. 23b, Nr. 52 (42). Papyri j antwort seiner mutter 
geben. Hier folgte der Bearbeiter keiner der vielen naheliegenden 
deutschen Quellen, wie z. B. Pauli 392, Agricola, Sprichwörter Nr. 192, 
Alte Römer (G. R. v. 1538, S. 82b), Ritter v. Thurn 1538, fol. 33b 
u. s. w., sondern er übersetzte direkt aus des Macrobius Sat. I, 6. 
Nachstehende Parallelen mögen dies veranschaulichen: 

Schimpf und Ernst von 1545. Macrobius.' 

Zv Eom war der brauch / dafs Mos antea senatoribus fuit, in cu- 

etwan der Ratherrn Knäblin mit riam cum prcetextatis fdiis introire. 

den Vättern in rath giengen. Vff cum in fenatu res major qv^piam 

eyn zeit het man eyn wichtige sach confultaretur, eaque in posterum diem 

für/ die Schub man auffvnbeschlos- prolata effet: placuit, ut hanc rem,, 

sen / bifs den negsten Rahtfstag/ super qua tractavissent, ne quis enun- 

doch seit es niemant eröffnen ' ehe tiaret priusqaam decreta esset. 
man darin beschlossen het. 

Bl. 24a, Nr. 53 (43). Eyn fraw vertraurt jren man 
bald. Quelle Bebel Gg 2a De quadam mulier e citissime nuhente 
post obitum primi viri. 

Bl. 24a, Nr. 54 (44). Eyn andere Histori von frawen 
trew (Witwe von Ephesus). Quelle Steinhöwels Esopus (III, 9. Gest. 
Ausg. S. 152). Sprachlich etwas verändert, aber so, dafs die Vorlage 
deutlich durchschimmert. 



* Dagegen Pauli 892 (Oest. Ausg. S. 289): 'Zu Rom was ein Gewon- 
heit das man die burgerskind von IX. oder X. iaren liefs in den rat gon, 
das sie lerten von iugent vff, vnd safs ieglicher neben seinem vatter. Vff 
ein tag hetten die Römer lenger rat dan gewonheit was, das eins herren 
fraw vbel verlangt, wan der her kern zu dem imbifs.' 



70 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

Bl. 24a, Nr. 55 (45). Frawen mey sterschaf f t. Quelle 
Bebel Ee 4b De imperio midierum in viros. 

Bl. 25a, Nr. 56 (46). Kind küfst seinen Vatter (der 
wirkliche ist ferne in Basel). Quelle Bebel Ff 2 b De partu aduliero 
cuiusdam mulieris. Die Angabe der Quelle (Philesius) unterdrückt. 

Bl. 25a, Nr. 57(47). Vnuerschampte Buler. Quelle Bebel 
G g 1 a De viro in adulterio deprehendente vxorem. Etwas abgekürzt, 
andererseits wieder durch einen Satz verlängert, der aus einem an- 
deren Schwank Bebeis (E e 5 a) entnommen ist {De alio Zelotypö). 

Bl. 25a, Nr. 58 (48). Eyner sucht sein fraw im Was- 
ser/ Widder den stram. Quelle J. Gast, Conviv. Sermones I, 
S. 309 De Viro uxorem submersam qucerente, oder — seine Vorlage — 
Poggios Mulier Demersa. Pauli 142 weicht wesentlich hiervon ab. 

Bl. 25b, Nr. 59 (49). Von eynem bösen weyb eyns Edel- 
mans. Quelle Poggio Uxor Litigiosa (Ausg. di&i: Facet, Lond. 1798, 
S. 88). 

Bl. 25b, Nr. 60 (50). Eyn böfs weib hiefs den man Klick- 
laufs. Quelle Poggio, Pertinacia muliehris (Ausg. Lond. 1798, S. 68). 
Pauli 595 weicht hiervon erheblich ab. Seine Vorlage hat der Be- 
arbeiter verkürzt wiedergegeben. 

Bl. 25b, Nr. 61 (51). Eyn fraw leret zwibeln essen. 
Quelle Pauli 317. 

Bl. 26a, Nr. 62 (52). Weibern liebet erst/ was man jnen 
verbeut. Quelle Pauli, Anhang 12. 

Bl. 27a, Nr. 63 (53). Studenten Bulschaft beweynt 
seinen mantel. Quelle Pauli 10. 

Bl. 27b, Nr. 64 (54). Von eyner frommen Nonnen/ 
die blendet sich selber. Quelle Pauli 11. 

Bl. 28a, Nr. 65 (55). Nonnen schneiden jn selber die 
nasen ab/ dafs sie fromm bleiben. Quelle Pauli 12. 

Bl. 28b, Nr. 66 (56). Dreier Schwestern / vberkümpt 
die weisest eynen mann. Quelle Pauli 14. 

Bl. 29a, Nr. 67 (57). Eyn gesell von seinem Bulen 
ledig gesprochen. Quelle Pauli 15. 

Bl. 29b, Nr. 68 (58). Fuchs läfst sein art nit in der 
Galgenf art. Quelle Pauli 29. 

Bl. 29b, Nr. 69 (59). Eyner stund für sein fraw im 
halfs eisen. Quelle Pauli 31. 

Bl. 29b, Nr. 70 (60). Von Weibern. Quelle Pauli 139. 

Bl. 30a, Nr. 71 (61). Eyner flöhe sein fraw bifs in die 
Hell. Quelle Bebel Dd 2a J/md 

Bl. 30a, Nr. 72 (62). Eheleut eynigkeyt. Quelle Pauli 
132. Verkürzt wiedergegeben. 

Bl. 30a, Nr. 73 (63). Eyn fraw solt nichts gedencken. 
Quelle Pauli 145. 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warhey f. 71 

Bl. 30b, Nr. 74(64). Frawen freud verkert sich. Quelle 
Pauli 147. Die Moral ist in unserem Buche weggeblieben. 

Bl. 31a, Nr. 75 (65). Eyn Man stirbt ehe dann sein 
weib. Quelle Pauli 148. Paulis Schlufssatz ist weggeblieben, dafür 
liest man: 'Das theten nit alle man.' 

Bl. 31a, Nr. 76 {{^6). Zwölff Kinder mütter mit zwölf f 
Vättern. Quelle Pauli 204 (etwas verkürzt wiedergegeben). 

Bl. 31b, Nr. 77(67). Gedultige Menner. Quelle Pauli 205. 

Bl. 32a, Nr. 78 (68). Keyserin verhelet den Ehbruch. 
Quelle Pauli 206 (die Moral, etwa 21 Zeilen, hat der Bearbeiter weg- 
gelassen). 

Bl. 32b, Nr. 79 (69). Ehebrecherisch Keyserin nen. 
Quelle Pauli 207. 

Bl. 33a, Nr. 80 (70). Eyn fraw emphahet vom eifs. 
Quelle Pauli 208. 

Bl. 34a, Nr. 81 (71). Das alter nimptviel freud. Quelle 
Bebel Bb 4b Fdbula de adultera. Abgekürzt wiedergegeben. 

Bl. 34a, Nr. 82(72). Buben ehe ist am stärksten. Quelle 
Pauli 213. 

Bl. 34a, Nr. 82b (72 b) (Quos deus coniunxit, nemo separet). 
Quelle Pauli 215. 

Bl. 34a, Nr. 82c (72c) (Verwandte heiraten). Quelle Pauli 217. 

Bl. 34b, Nr. 83 (73). Eyn stuin redt die warheyt. Quelle 
Pauli 219. 

Bl. 35, Nr. 84 (74). Eyn fraw kompt der nachthofie- 
rer ab. Quelle Pauli 220 (mit Ausschlufs der Moral). 

Bl. 36a, Nr. 85 (75). Wer die geschickten leutte mache. 
Quelle Bebel Cc 7 a De Mercatore et Nohili. Abgekürzt wiedergegeben. 

Bl. 36b, Nr. 86 (76). Eyn alter Buler besteht vbel. 
Quelle Pauli 221. 

Bl. 37a, Nr. 87 (77). Von Witwen standt. Quelle Pauli 222. 

Bl. 37b, Nr. 88 (78). Eyn yeder hat sein Creutz. Von 
eynem Ritter. Quelle Pauli 223 (der letzte Satz weggelassen). 

Bl. 39a, Nr. 89 (79). Ehebrecher straff. Quelle Pauli 
225 (Anfang weggeblieben). 

Bl. 39a, Nr. 90 (80). Eyn Vatter tregt halbe straff 
für den Sun (Zaleucus). Quelle Pauli 226. Statt eines unge- 
nannten 'künigs' macht der Bearbeiter, der offenbar Valerius Maxi- 
mus und Plutarch, Autoren, die er sonst kannte, im Augenblick 
nicht vor sich hatte, einen 'Römer' zum Helden der Erzählung. 

Bl. 39b, Nr. 91 (81). Ehebrecherin brent eyn kalt 
eisen. Quelle Pauli 227. 

Bl. 40, Nr. 92 (82). Mordt vnd Ehebruch strafft sich 
selbs. Von eyner Königin. Quelle Pauli 231 (aus dem 'Al- 
kinnus' der Vorlage ist hier ein 'Alkindus' geworden). 



72 über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

Bl. 40b, Nr. 93 (83). Ehebrecherisch Zauberer er- 
sehe uf st sich selbs. Quelle Pauli 232. 

Bl. 41b, Nr. 94 (84). Zwo Mägde bezalen eynem Ge- 
sellen den Magthumb. Quelle Pauli 17 (etwas gekürzt). 

(V.) Von der lere Vatter vnd Mutter/ Ehr und 
Gehorsamkey t. 

Bl. 42a, Nr. 95 (85). Vnehr gegen die Eltern. Quelle 
Erasmus, Apophth. (Ausg. Lugd. 1573) S. 922. 

Bl. 42 a, Nr. 96 (85 b) (Die halbe Decke). Es ist dies derselbe 
Stoff, der in dem mhd. Gedicht Der kozze (Gesamtabenteuer Nr. 48), 
bei Pauli 436 und aufserdem noch unzähligemal behandelt worden ist. 
Pauli steht unserem Bearbeiter ganz fern, näher kommt er dem alten 
Gedichte, das indes, ebensowenig wie die anderen älteren Versionen 
bei Oesterley, in dem Mafse damit übereinstimmt, dafs es Quelle sein 
könnte. Vielleicht entnahm er den Stoff einer verlorenen Schwank- 
sammlung. 

Bl. 42b, Nr. 97 (86). Fürsorg eynes Vatters für sei- 
nen Sun. Quelle Pauli (Strafsb. Ausg. von 1533, Nr. 351, Oester- 
leys Ausgabe Anh. 16, S. 400). Den erbaulichen Schlufs, dafs der 
Sohn zuletzt das plötzlich entdeckte Gut armen Leuten gab und 
Einsiedler wurde, ferner die elf Zeilen lange Moral hat der Bearbeiter 
weggelassen, auch hat er den Anfang etwas gekürzt. Die Nachweise 
Oesterleys zu dieser Novelle sind der Ergänzung bedürftig, die ich 
an anderer Stelle zu geben gedenke. 

Bl. 43b, Nr. 98 (87). Eyns Löwen vnderweisung an 
seinen sun. Quelle Pauli 18. 

Bl. 44a, Nr. 99 (88). Eyn anders. Quelle Pauli 20 (ein- 
zelne Ausdrücke geändert). 

Bl. 44b, Nr. 100 (89). Von vntrew der Kinder gegen 
den Eltern. Quelle Pauli 435. 

Bl. 45b, Nr. 101 (90). Zanck eyner frawen mit jrer 
magt. Quelle Pauli 365. 

Bl. 45 b, Nr. 102 (91). Von eynem faulen Jungen. Pogius. 
Quelle Poggio, Facetim (Ausg. Lond. 1798, S. 10) Excusatio Pigritice. 
Ob der Bearbeiter direkt aus Poggio schöpfte oder vielleicht Brant- 
Adelphus (Seb. Brants Fabeln, Ausg. 1535, S. 129) benutzt hat, kann 
ich nicht sagen, da mir letzteres Buch nicht zur Hand ist. 

Bl. 46 a, Nr. 103 (92). Eyn Hundt verseumbt zween imbfs. Quelle 
Pauli 24. 

(VH.) Von Eynfalt vnd Narrheyt. 

Bl. 46b, Nr. 104 (93). Von eynem närrischen Bauren- 
knecht. Quelle Bebel, De fatuo rustico (Ausg. 1514, Bb 3 a). (Ab- 
gekürzt wiedergegeben.) 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 73 

Bl. 47a, Nr. 105 (94). Eyner kaufft eyn Esel für eyn 
Rofs. Quelle Bebel (Dd 8a), De quodam asiniim emente. Frei über- 
tragen und breiter ausgeführt. 

Bl. 47b, Nr. 106 (95). Der geschickt Königs Narr. 

Bl. 48a, Nr. 107 (96). Eyn weiser Narr. Quelle Bebel 
(Tt Ib), De fattio Duds Austricc & Heluetijs. 

Bl. 48a, Nr. 108(97). Eyns Bauren eynf alt. Quelle Bebel 
(Gg 2 b), De rustico incomposito. 

Bl. 48b, Nr. 109 (98). Höflicheyt eyns Redners. Quelle 
Bebel (Gg 2b), De quodam consule Ulmensi. 

Bl. 48b, Nr. 110 (99). Eynfalt eyns Schweitzer Bau- 
ren. Quelle Bebel (Gg 3b), De alio (Suitensi sc). 

Bl. 49a, Nr. 111 (100). Vom Bocher/ Pfaltzgrauen 
Narren. Quelle Bebel (Yy 3 b), De Conrado Pocherio morione. 

BL 49 b, Nr. 112 (100 b) (Ochsen die Schwänze ab). Bebel (1. c). 
De eodem. 

Bl. 49b, Nr. 113 (100c) (Burg aushungern). Bebel (Yy 7b), De 
eodem, d. h. von Claus Narr erzählt — der indes bei Bebel nicht 
genannt wird — und hier auf Pocher übertragen. 

Bl. 49 b, Nr. 114 (lOOd) (Pocher soll einen Narren abrichten). 
Quelle unbekannt. 

Bl. 49b, Nr. 115 (101). Eyner kundt Narren weise 
machen. Von Weydwerk. Quelle Poggio, Insanus Sapiens 
(zweiter Schwank, S. 7). Abgekürzt wiedergegeben. Steinhöwels 
Übersetzung (Äsop ed. Oesterley S. 345) ist nicht benutzt. 

Bl. 50b, Nr. 116 (102). ^Eyn Narr räth zum frieden 
vorm krieg. Quelle Pauli 39. 

Bl. 50b, Nr. 117 (103). Eyn Narr verbrennet seinen 
Junckern. Quelle Pauli 44. Die Schlufsmoral ist weggeblieben. 

Bl. 51a, Nr. 118 (104). Fürsorg zum tod. Quelle Pauli 45. 

Bl. 51b, Nr. 1 1 9 (1 05). Von Claus Narr. Quelle Pauli (Strafsb. 
Ausg. 1 533, Nr. 47). Oest. Ausg. Anh. 1 (der erste Satz ist weggeblieben). 

Bl. 52a, Nr. 120 (106). Eyn ander Histori von Claus 
Narren. Quelle Pauli (Strafsb. Ausg. 1533, Nr. 48). Oesterleys 
Ausg. Anhang 2. 

Bl. 52a, Nr. 121 (107). Eyn andere (Claus und Lepisch). 
Quelle Pauli (Strafsb. 1533, Nr. 49). Oest. Anhang 3. Die Schlufs- 
moral ist weggelassen. 

Bl. 53a, Nr. 122 (108). Eyn Narr schlegt seinen Herrn. 
Quelle Pauli 49. 

Bl. 53 a, Nr. 123 (108 b) (Narr schlägt Abt, weil er den Kelch 
austrinkt). Die Quelle war mir früher bekannt, ich konnte sie aber 
nicht wieder auffinden. . 

Bl. 53b, Nr. 124(109). Der Narr verteydingt des Her- 
ren ehr. Quelle Pauli 51. 



74 



Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 



VIII. Von München vnd Pfaffen. 

Bl. 53b, Nr. 125(110). Eyn Priester begrub sein Hünd- 
lin auffs geweihete. Quelle Poggios Facetice (Lond. 1798, S. 45) 
Canis Testamentum. Pauli Nr. 72, die dieselbe Fabel enthält, steht 
in den Einzelheiten unserer Darstellung ferner. Dies zu beweisen, 
will ich den Anfang der drei Versionen hierhersetzen : 



Pauli 72. 
Vf ein mal was ein 
burger der hat ein hund, 
der was seiner f rauwen 
vnd im gar lieb, wie 
die mist bellerlin seind, 
. . . Da er nun starb, 
da kam der burger in 
dem dorff zu dem pfar- 
rer vnd bat in u. s. w. 



Seh. U.Ernst v. 1545. 
Eyn reicher Dorf 
Priester/ hett eyn seer 
liebes Hündlin / da es 
gestarb / begrub er es 
auflf den Kirchhoff/ der 
Bischoff ward es ionen 



Poggio. 
Erat sacerdos in Tus- 
cia quidam Rusticanus, 
sed opulenius admodutn. 
Hie eaniculum sibi ca- 
rum, cum mortuus esset 
sepelivit in ccemiterio. 
Sensit hoc Episcopus 
etc. 



Bl. 54a, Nr. 126 (111). Eyn süsse Predig eynes Prie- 
sters. Quelle Bebel (Aa 3 b), De sacerdote vera historia (verbietet 
in den Fasten alle menschliche Speise). 

Bl. 54a, Nr. 127 (112). Eyn Pfarrherr liset vnserera 
Hergot eyn Requiem. Quelle Bebel (Aa 4a), Fabula. 

Bl. 54b, Nr. 128(113). Geystliche gedult. Quelle Pauli 474. 

Bl. 54b, Nr. 129 (114). Eyn Münch suchte die Schlüs- 
sel zur Abtei. Quelle Pauli 500. 

Bl. 55a, Nr. 130 (115). Eyn wüster Priester. Quelle 
Bebel (Bb la). De sacerdote faceto Historia. 

Bl. 55a, Nr. 131 (116). Pfarrher sitzen gern oben an 
(Geistliche sollen am ersten rein, am letzten voll sein). Quelle Mensa 
Philosophica (Ausg. Lipsise 1603) S. 210. 

Bl. 55a, Nr. 132 (117). Eyn Pfaffen magt im Schlitten 
gefüret. Quelle Bebel (Cc Ib), De concuhina sacerdotis (stark ge- 
kürzt). 

Bl. 55b, Nr. 133 (118). Eyn Bawer war dem Pfaffen 
z u w i d d e r. Quelle Bebel (C c 6 a), Historia. 

Bl. 55b, Nr. 134 (119). Der Teuffei prediget wol. Quelle 
Pauli 448. 

Bl. 56a, Nr. 135 (120). Eyn Jud wolt gleubig werden. 
Quelle Bebel (Cc 7b), Historia de ludceo. 

Bl. 56b, Nr. 136 (121). Von eynem krancken. Quelle 
Bebel (Ff 3 a), De rustico appellante a Deo ad apostolos. Hier ist 
nur die zweite Hälfte, und diese gemildert, benutzt 

Bl. 56b, Nr. 137 (122). Von eynem getaufften Juden. 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 75 

Quelle Poggios Centuplum (Lond. 1798, S. 11) (auch in Brants Fa- 
beln; ob deren deutsche Übersetzung von Adelphus hier benutzt 
worden ist, vermag ich im Augenblick nicht zu sagen). 

Bl. 57a, Nr. 138 (123). Welcher leut zuwenig sein. 
Quelle Bebel (Ee, 5 b), De auaritia atque ambitio?ie mortalium (ähn- 
lich auch Facetim Adelphince in Mar gar. facet. Sign. O 4 a). 

Bl. 57a, Nr. 139 (124). Eyn Priester versetzt sein Seel. 
Quelle Bebel (Vv la). De sacerdote. 

Bl. 57a, Nr. 140(125). Vom Passion. Quelle Bebel (Vv 4a), 
Plura in passione Domini mentita quam vera. 

Bl. 57b, Nr. 141 (126). 'Wie viel Paffen von nöten 
seien.' Quelle Pauli 96. 

Bl. 58a, Nr. 142 (127). Etlich Priester examiniert. Quelle 
Pauli 102. 

Bl. 58a, Nr. 143 (In diebics Ulis etc. Quelle unbekannt!) (Adam 
comedit de pomo uetito). Quelle Bebel (III. Buch, Sign, a 1 a), Idem 
de fratribus illiteratis. 

Bl. 58 a, Nr. 144 {Lupi rapaces =:^ Rüben wie Wölfe). Quelle 
mir unbekannt. 

Bl. 58a, Nr. 145 (Examinand aufgefordert, 'da pfeiff auf, pfeift 
wirklich). Quelle mir unbekannt. 

Bl. 58b, Nr. 146 (128). Ein ander Histori von der Priester 
Weihe. Quelle Pauli 103. 

Bl. 59a, Nr. 147 (129). Eyn Predigt eynes Pfarrhers. 
Quelle Bebel (Cc 8 b), Sacerdotis faceta Goncio. Allerdings ist un- 
sere Erzählung breiter ausgeführt: die Personen des Pfarrers von 
Laubingen und des Pfarrers von Ringelheym fehlen bei Bebel ganz 
und ebenso der Name Kolbingen. Solche originelle Erweiterungen 
und Zusätze finden sich indes noch einigemal in unserem Buche, so 
dafs wir nicht an eine andere Quelle zu denken brauchen. 

Bl. 59b, Nr. 148(130). Eyn Doctor zu Ritter geschla- 
gen. Quelle Pauli 106. 

B. 59b, Nr. 149 (131). Ein Sewhirt wirt Apt. Quelle 
Pauli 55. 

Bl. 60a, Nr. 150 (132). Ein Münch zerteylt eyn Kap- 
paunen. Quelle Pauli 58. 

Bl. 61a, Nr. 151 (133). Von der Münch Geitzigkeyt. 
Quelle Bebel (Dd la). De Monachorum auaritia. Pauli 497, denselben 
Stoff behandelnd, steht ferner. 

Bl. 61a, Nr. 152 (134). Edelman beraubt eynen Münch. 
Quelle Bebel (Cc 7b), De nobile S monacho. 

Bl. 61b, Nr. 153 (135). Vnser Herrgot wirdt eyns bürge 
vnd löset jn. Quelle Pauli 59 (Schlufsmoral weggeblieben). 

Bl. 62a, Nr. 154 (136). Wie eyn Münch sein geraubt 
vihe wider bekam. Quelle Pauli 61. 



76 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

Bl. 62b, Nr. 155 (137). Gute lehre eynes verruchten 
Pfaffen. Quelle Pauli 68. 

Bl. 63a, Nr. 156(138). Eyns Apts Examen. Quelle Pauli 77. 

Bl. 63a, Nr. 157 (139). Pfründen Permutieren. Quelle 
Pauli 78. 

(IX.) Vom bösen Geyst. 

Bl. 63b, Nr. 158 (140). Ein Münch beleugt den Teuf- 
fei. Quelle Pauli 366. 

Bl. 64a, Nr. 159 (141). Gott vnd dem Teuffei Hecht 
brennen. Quelle Pauli 94 (Schlufsmoral weggelassen). 

Bl. 64a, Nr. 160 (142). Dem Teuffei gibt man alles 
vnglücks schuld t. Quelle Pauli 84. 

Bl. 64b, Nr. 161 (143). Der Teuffei eyns Diebs gesel. 
Quelle Pauli 87 (ein Teil der Schlufsmoral ist weggeblieben). 

Bl. 64b, Nr. 162 (144). Von eynem andern Dieb mit 
eym Mefsgewand. Quelle Pauli (Strafsb. Ausg. 1538, Nr. 511), 
Oest. Anhang Nr. 34. 

(X.) Von Müllern. 

Bl. 65b, Nr. 163 (145) (Bettelnder Müller beim Bäcker). Quelle 
Bebel (A a 2 b), Facetum Dictum in molitores. Schlufssatz weggelassen. 

Bl. 65b, Nr. 164a u. b (146). Eyn anders (Müller nicht ge- 
henkt, denn es giebt keine ehrlicheren). Quelle Bebel (A a 3 a). Contra 
eosdem, womit noch Bebel Dd 2b (unten) De eisdem vereinigt ist. 

Bl. 65b, Nr. 164c (146b) (Müllers Hemd fängt jeden Morgen 
einen Dieb). Quelle Bebel (Dd 2b), Contra molitores. 

Bl. 65 b, Nr. 165 (146 c) (Müller und hl. Maria). Quelle Bebel 
(Ff Ib), De molitoribus. Abgekürzt. 

(XL) Von Gerichts händelen vnd Personen. 

Bl. 66a, Nr. 166 (147). Vrteyl/ hinderlegt gelt be- 
treffend. Quelle Pauli 113 (Schlufs, ca. 9 Zeilen, weggelassen). 

Bl. 66b, Nr. 167 (148). Vrtheyl vmb eyn klünglin 
garns. Quelle Pauli 114. 

Bl. 67a, Nr. 168 (149). Vom Ochsen Perilli. Da hier als 
Tyrann statt Phalaris von Agrigent Dionysius von Syracus 
erscheint, so glaube ich, dafs der Bearbeiter aufser Pauli 116, den er 
offenbar verbessern wollte, keine gedruckte Quelle vor sich hatte. 
Er schrieb eben aus dem Gedächtnis nieder, was er von der Ge- 
schichte wufste, und, wenn er auch den Namen Pillus (Pauli) 
richtig verbesserte, so mifsglückte ihm doch — wie wir sahen — die 
Richtigstellung des Paulischen Falerius. Im Ausdrucke weicht er 
übrigens sehr von Pauli ab. 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 77 

Bl. 67a, Nr. 169 (150). Vrtheyl vber eynen gefunden 
Wetschger mit gelt. Quelle Pauli 115. 

Bl. 68a, Nr. 170(151). Durch eynen Segen werden sew 
ins Wasser bracht. Quelle Pauli 117, doch ist hiervon Anfang 
und Schlufs weggeblieben. 

Bl. 68a, Nr. 171 (152). Cambises vrtheyl. Quelle Pauli 
118; der Bearbeiter hat aber den Namen 'Cambises', der sich nicht 
in seiner Vorlage findet, dazu ergänzt. 

Bl. 68b, Nr. 172 (153). Eyn irrig Vrtheyl. Quelle Pauli 
119; die Namen bei letzterem, sowie den Schlufs, hat der Bearbeiter 
weggelassen. 

Bl. 68b, Nr. 173 (154). Wie eyn Wittwe eynem Richter 
die Hende schmieret. Quelle Pauli 124. 

Bl. 69a, Nr. 174 (155). Eyner schanckt eynem Richter 
eyn wagen/ sein Widerpart zwey pferde. Quelle Pauli 125 
(jedoch mit Weglassung der Schlufsmoral). 

Bl. 69a, Nr. 175 (156). Turinus erdempfft. Quelle Eras- 
mus, Apophthegmata (Lugd. 1573, S. 651). 

Bl. 69b, Nr. 176 (157). Rew eyns Procurators. Quelle 
Pauli 127. (Aus der Mitte ist die 13 Zeilen lange Betrachtung über 
die Procuratores weggeblieben.) 

Bl. 69 b, Nr. 177 (157 b) (Vergleich zwischen Wagenzunge und 
Juristenzunge). Quelle Bebel (IL Buch 1) (Ee 2 b), De lurisconsultis 
Phüesius. Es ist nur dieser eine Satz daraus genommen. 

Bl. 69b, Nr. 178(158). Von Juristen. Quelle Bebel (Hh2a), 
Facetia ex Joane Gersone. Die Scene ist von Orleans (Aurelianum) 
nach Köln verlegt. Die Übersetzung ist ziemlich frei. 

XII. Von Zauberei vnd Aberglauben. 

Bl. 70a, Nr. 179 (159). Eyn täsch lieff eyner frawen 
nach. Quelle Pauli 150. 

Bl. 70b, Nr. 180 (160). Eyns Bawren aberglaub. Quelle 
Pauli 152. 

Bl. 71a, Nr. 181 (161). Farender Schüler kunst. Quelle 
Pauli 153 (Schlufssatz fiel weg). 

Bl. 71b, Nr. 182 (162). Eynes Bauren Sun die dritt per- 
son Trinitatis. Quelle Pauli 155. 

Bl. 71b, Nr. 183(163). Eyn Bawer klagt weib vnd kind. 
Quelle Bebel (Cc 7 a), Älia de rustico. 

Bl. 71b, Nr. 184 (163 b) (Gott bewahre dich davor, dafs du 
dahin [in den Himmel sc] kommst). Quelle Bebel (Dd la), De 
simplici rustico. 

Bl. 72a, Nr. 185 (163c) (Eines Bauern Gebet wegen seines 
Heues). Quelle Bebel (Cc 7a), De eodem. 



78 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt*. 

(XIIL) Von Hoffart vnnd Bracht. 

Bl. 72a, Nr. 186 (164). Bischoff vnd Weltlicher Fürst. 
Quelle Pauli 158. 

BL 72b, Nr. 187 (165). Eyn Edelman wolt gerhümet 
sein. Quelle Pauli 164 (Schlufsbetrachtung weggeblieben). 

Bl. 72b, Nr. 188 (166). Zanck vmb eyn Wapen. Quelle 
Pauli 168 (Moral ausgelassen). 

Bl. 73 a, Nr. 189 (166b) (Leiter im Wappen). Erfindung des 
Bearbeiters ? 

Bl. 73a, Nr. 190(167). Wer gewinnen wil/ mufs an- 
legen. Quelle Pauli 169 (Schlufsmoral blieb fort). 

Bl. 73b, Nr. 191 (168). Eyner küsset sein mutter die 
Erd. Quelle Pauli 171. 

Bl. 73b, Nr. 192 (169). Vom Eychbaum vnd Ror. Quelle 
Pauli 174. 

(XIV.) Vom Geitz vnd Wucher. 

Bl. 74b, Nr. 193 (170). Ein karger hett gnug bifs auff 
eynen tag. Quelle Pauli 176 (Schlufsmoral nicht herübergenommen). 

Bl. 75a, Nr. 194(171). Von eynes geitzigen träum. Eine 
ähnliche Fabel wie des Poggio Aureum Somnium, aber aus einer 
anderen, zur Zeit mir unbekannten Quelle geschöpft. (Über den 
Stoff vergleiche meine Hans Sachs-Forschungen S. 132 ff.) 

Bl. 75a, Nr. 195 (172). Wie eyner sein würst alleyn 
wolt essen. Quelle Poggio, Porci furtum (Ausg. Lond. 1798, S. 1 5 7). 

Bl. 75b, Nr. 196 (153). Antwort eynes gedultigen. Quelle 
Pauli 478. 

Bl. 75b, Nr. 197(175). Eyn küw vmb Gotts willen geben. 
Quelle Pauli 324. 

Bl. 76 a, Nr. 198 (175). Von einem bawrenschinder. Quelle 
Pauli (Strafsb. Ausg. 1538, Nr. 502). Oest. Ausg. Anhang 27. 

Bl. 76a, Nr. 199 (176). Keyn Schnapphahn bitt für den 
anderen. Quelle Pauli (Strafsb. Ausg. 1538, Nr. 80). Oest. Ausg. 
Anhang 4. 

Bl. 76b, Nr. 200 (177). Wie sich eyn Wucherer an der 
Predig bessert. Quelle Pauli 192. 

Bl. 77a, Nr. 201 (178). Welche laster am härtsten an- 
hangen. Quelle Pauli 200 (ähnlich auch Pauli 177). 

Bl. 77a, Nr. 202 (179). Testament sein mifslich. Quelle 
Pauli 203, jedoch sind die einleitenden und Schlufsworte weggeblieben. 

(XV.) Von Meysterschafft vnd Künsten. 

Bl. 77b, Nr. 203 (180). Zwen fechten vmbs leben. Quelle 
Pauli 311 (Schlufssatz weggeblieben). 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 79 

Bl. 78a, Nr. 204(181). Goldschmid macht eyn Lautten 
klingen. Quelle Pauli (Strafsb. 1538, Nr. 504). Oest. Ausg. Anh. 29. 

Bl. 78a, Nr. 205 (182). Von eynem Esels Artzt. Quelle 
Poggios Circulator (Lond. 1798, S. 89) auch in Gasts Conv. Ser- 
mones I, 182 herübergenommen. Statt Florenz giebt der Bearbeiter 
Köln als Ort der That an. 

Bl. 78b, Nr. 206 (183). Eyn ander kunst eynes Artzts. 
Quelle Poggios Clüella (Lond. 1798, S. 113); auch in Gasts Conv. 
Senn. I, S. 180 übergegangen. 

Bl. 79a, Nr. 207 (184). Künstliche maier. Quelle Pauli 
410 (etwas verändert). 

Bl. 79b, Nr. 208 (85). Eyn anders von eynem maier. 
Quelle Pauli 411. 

Bl. 79b, Nr. 209 (186). Eyn maier macht hefsliche/ vnd 
malet hübsche kinder. Quelle Pauli 412. 

(XVI.) Von Trunckenheyt/ essen vnd trincken. 

Bl. 80a, Nr. 210 (187). Der wein Gottes trähen. Quelle 
Pauli 233. 

Bl. 80a, Nr. 211 (188). Eyn Hirsch wirt weise. Quelle 
Pauli 240. 

Bl. 80b, Nr. 212(189). Knecht weyfs des Herren wil- 
len. Pauli 370. 

Bl. 80b, Nr. 213 (190). Wein wässern der wirt. Quelle 
Pauli 374 (Schlufsbetrachtung fiel weg). 

Bl. 81a, Nr. 214 (191). Von eyner Atzel die wein aufs- 
rieff. Quelle Bebel (Ff 4b), De pica loquente (jedoch spielt die Er- 
zählung dort in Metz, bei Bebel in Augsburg). Pauli 669 enthält 
dieselbe Fabel, ist aber nicht benutzt. 

Bl. 81a, Nr. 215 (192). Alles arges kompt von Truncken- 
heyt. Quelle Pauli 243. 

Bl. 81b, Nr. 216 (193). Vilerley Trunckenheyt. Quelle 
Pauli 244 (der Anfang weggefallen). 

Bl. 81b, Nr. 217 (194). Der Geystlichen Abstinentz. 
Quelle Pauli 245 (Schlufssatz weggefallen). 

Bl. 82a, Nr. 218 (195). Kleyne fisch fragt eyner nach 
seinem vatter. Quelle Pauli (Strafsb. 1538, Nr. 221), Oest. Anh. 7. 
Der etwas breite Anfang — ungefähr 12 Zeilen — ist weggeblieben. 

(XVH.) Von dem Zorn vnd vbereilung. 

Bl. 82b, Nr. 219 (196). Edelman tödtet seinen getrewen 
hundt. Quelle Pauli 257 (Schlufsabsatz weggefallen). 

Bl. 83a, Nr. 220 (197). Eilen thut nit gut. Von S. Mar- 
tin. Quelle Pauli 255 (die letzten anderthalb Zeilen weggeblieben). 



80 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

(XVIII.) Vom Beichten. 

Bl. 83 b, Nr. 221 (198) (Mann zwingt seine Frau, ihm zu beich- 
ten). Quelle Mensa Philosophica S. 211. Unsere Fassung ähnelt der 
78. Novelle der Cent Nouuelles Nouuelles. Sie unterscheidet sich 
davon durch ihre Kürze, dann dafs darin vier Liebhaber (Edelmann, 
Kriegsmann, Thor und Pfaffe) gegen drei der französischen (Knappe, 
Ritter und Pfaffe) vorkommen. 

Bl. 83b, Nr. 222 (199). Einer Beginen ward leicht 
nach der Beicht. Quelle Pauli 203. 

Bl. 84a, Nr. 223 (200). Ein Schultheyrs hat sieben sin. 
Quelle Pauli 297. 

Bl. 84a, Nr. 224 (201). Willen für die werck nemen. 
Quelle Pauli 298. 

Bl. 84a, Nr. 225 (202). Wie eyner das Vattervnser ler- 
net. Quelle Pauli 338. 

Bl. 85a, Nr. 226 (203). Eyner beichtet seiner frawen. 
Diese Erzählung stimmt mit dem alten Gedichte bei von der Hagen 
(Gesamtabenteuer Nr. 44) 'Diu bihte' inhaltlich überein, doch dürfte 
dem Verfasser weder dieses, noch das in Kellers Erzähl, aus alt- 
deutschen Handschr. S. 383 ff. abgedruckte erweiterte Gedicht, noch 
das Volkslied des 16. Jahrhunderts 'Von einem Mülner vnd Mül- 
nerin' vorgelegen haben — die Abweichungen davon sind zu grofs — , 
sondern eher eine kurze Prosaerzählung in irgend einer verschollenen 
Schwanksammlung. 

Bl. 85a, Nr. 227 (204). Eyner wolt nit in H. Geyst glau- 
ben. Quelle Bebel (Ee 8 a), De simplici rustico (verwandt ist Pauli 
156). Etwas gekürzt. 

Bl. 85 a, Nr. 228 (205). Kind dem rechten vatter geben. Quelle 
Bebel (Ff 8 b), De calliditate mulierum historia vera. Frei nachgeahmt. 

Bl. 85b, Nr. 229 (206). Eyner kaufft vil wiegen. Quelle 
Bebel (Yy 6 a), De eo qui multas cunas emerat. Statt quoddam forum 
setzte der Bearbeiter 'Nürmberg', sonst hielt er sich so ziemlich wört- 
lich an seine Quelle. 

Bl. 85b, Nr. 230 (207). Absolution künfftiger Sund. 
Quelle Pauli 301. 

Bl. 86a, Nr. 231 (208). Warumb eyner nit in die Predig 
gieng. Quelle Bebel (Dd 3 b), De illo, qui non libenter diuinos ser- 
mones audiehat. Abgekürzt und frei behandelt. 

Bl. 86a, Nr. 232 (209). Wein verbotten in der Beicht. 
Quelle Pauli 306. 

(XIX.) Von freien reden. 

Bl. 86b, Nr. 233 (210). Eyner sähe dem Keyser gleich. 
Quelle Pauli 502, indes ist mancherlei textlich geändert, so dafs der 
Bearbeiter wahrscheinlich daneben noch eine Version benützte. 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 81 

Bl. 86b, Nr. 234 (211). Eynen frewret darnach er kleyder 
anhat. Brillenmacher müssen verderben. Quelle Pauli 513. 

Bl. 86b, Nr. 235 (211b). Quelle Pauli 514. Beide Nummern 
etwas gekürzt. 

Bl. 87a, Nr. 226 (212). Keyser nimpt geschenck für sein 
Verfs von einem Poeten. Quelle Pauli 506. 

(XX.) Von Sterben vnd Tode. 

B1.87b, Nr. 237(213). Schiffleut ertrincken gern. Quelle 
Pauli 264 (Schlufsmoral weggeblieben). 

Bl. 87b, Nr. 238 (214). Betrachtung des todts. Quelle 
Pauli 265. 

Bl. 88a, Nr. 239 (215). Warnung vnd vorbotten des 
tods. Quelle Pauli 268 (Schlufs und einige Sätze aus der Mitte 
weggeblieben). 

Fassen wir die Resultate der Untersuchung zusammen, so 
enthält ^Schimpff und Ernst' von 1545 — wenn wir die drei- 
fachen Nummern 11, 82 und 164 mitberechnen — im ganzen 
245 Erzählungen und Sinnsprüche, verteilt auf 215 Nummern. 
Hiervon stammen 133 — also weitaus die gröfsere Hälfte 
— aus Pauli und 112 aus anderen Quellen. Was die 
aus Pauli entlehnten Erzählungen betrifft, so finden sich alle^ 
in der Strafsburger Ausgabe von 1538, die also selbst oder in 
einem späteren Nachdruck die Vorlage des Sammlers war. Er- 
zählungen, die ausschliefslich in der editio prmceps des Pauli 
stehen, sind nicht in unser Buch aufgenommen worden. Sonach 
erweisen sich die oben citierten Angaben Oesterleys als irrig. 
Von den 112 (und nicht 72) neuen Nummern sind 48 aus Bebel, 
16 aus den Apophthegmata des Erasmus u. a., 10 aus Reineke, 
10 aus Poggio, 7 aus der Mensa philo sophica, je 2 aus J. Gast, 
Valerius Maximus und Steinhöwel (Asop), je 1 aus Luther, Ma- 
crobius, Camerarius (Fah. jEsopi) und Petrarca {De reb. memor.) 
entnommen, 3 sind in älteren Darstellungen (altdeutschen Dich- 
tungen), aber nicht in der direkten Vorlage bekannt, 2 (allbekannte 



* Vorausgesetzt jedoch, daTs die Angabe Oesterleys (S. 446 seiner Aus- 
gabe von Schimpff und Ernst), Pauli 215 finde sich nicht in der Strafs- 
burger Ausgabe von 1538, eine irrige ist. Ich glaube, dafs diese auch 
in unserem Buche aufgenommene Sentenz (s. oben S. 71) in der Strafs- 
burger Ausgabe vorkommt und von Oesterley vielleicht deshalb übersehen 
wurde, weil sie mit der vorausgegangenen Erzählung zusammengezogen ist. 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. 6 



82 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt*. 

Stoffe behandelnd) sind wahrscheinlich aus dem Gedächtnis nieder- 
geschrieben, und von 5 bleiben die Quellen noch zu ermitteln. 
Unter den 112 Erzählungen befinden sich 11 (4. 5. 10. 24. 52. 
58. 60. 96. 125. 151. 214), die der Bearbeiter auch aus Pauli 
hätte nehmen können, er zog aber ältere Quellen (Val. Max., 
Macrobius, Petrarca, Poggio und Bebel) vor. Für Bebel, Poggio, 
Gast, Macrobius, Camerarius und die Mensa phüos. standen dem 
Bearbeiter nur die lateinischen Originale zur Verfügung, und er 
scheint auch bei Steinhöwel und Petrarca dem lateinischen Ori- 
ginal den Vorzug gegeben zu haben. Daraus ergiebt sich, dals 
er humanistische Bildung besafs. 

Charakteristische Züge des Erzählers sind das Streben nach 
Kürze und das Weglassen der Moral. Hierdurch und durch die 
einen anderen Geist atmenden Erzählungen aus Bebel und Poggio 
entfernt sich seine Sammlung in der moralischen Absicht von 
Paulis Buch, dessen Titel sie kaum mehr zu tragen berechtigt 
ist. Sie enthält weitaus mehr Schimpf als Ernst. Sie ist fast 
eine reine Anekdotensammlung, die indes durch die aus Plutarch 
entlehnten Denksprüche, durch die Reineke-Fabeln und andere 
Fabeln und Erzählungen des lehrhaften Charakters nicht ganz 
entbehrt. Es mufs dem Kompilator nachgerühmt werden, dafs 
er aus den schmutzigen Schwänken Poggios und Bebeis noch die 
anständigsten ausgewählt hat. 

Wer der Verfasser des Buches gewesen, habe ich nicht fest- 
zustellen vermocht, ebensowenig den Drucker; doch dürfte letz- 
terer vielleicht mit Hilfe der Holzschnitte und der Typen mit 
einiger Sicherheit zu ermitteln sein. (Vgl. jedoch meine Ver- 
mutung weiter unten S. 104 ff.) 

Ziehen wir jetzt das Buch ^Schertz mit der Warheyt' 
zu einem Vergleich mit der soeben besprochenen Sammlung heran, 
so zeigt uns auch ein flüchtiger Blick, dafs diese die Grund- 
lage für jenes im eminentesten Sinne gebildet. Der Sammler 
des jüngeren Schwankbuches ging nicht auf frühere vollständigere 
Ausgaben des Pauli zurück, er begnügte sich, den Inhalt des 
^gehümpelten und gestümpelten' Buches fast in der gleichen 
Reihenfolge und beinahe unter den gleichen Rubriken abzu- 
drucken; er unterscheidet sich von seiner Vorlage nur durch 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 83 

einige Weglassungen und besonders durch zahbeiche, aus ver- 
schiedenen Quellen geschöpfte Zusätze. Um das Verhältnis in 
erschöpfender Weise klarzulegen und insbesondere um die Quellen 
der neuen Zusätze zu bestimmen, will ich in ähnhcher Weise wie 
oben die Titel der Erzählungen nebst den Quellen anführen, die 
Titel abgekürzt, falls sie mit denen der Hauptquelle — hier der 
Kürze wegen mit Seh. bezeichnet — übereinstimmen. Die Zif- 
fern haben dieselbe Bedeutung wie oben. 

Schertz mit der Warheyt. 

(I.) Von Keysern Königen vnd Herrn.* 

Bl. la, 1. Wie König Ludwig von Franckreich eiii 
einfaltigen Bauren für ein rohe Ruhen reichlich begabt. 
Quelle J. Gasts Convivales Sermones (Ausg. 1554, S. 169), De Ludo- 
uico Galliarum rege. • 

Bl. Ib, 2. König von Frankreich belont vmb ein laufs 
XL Cronen/ vnd ein Augen diener mit so vil streychen. 
Quelle J. Gasts Conv. Serm. (S. 170), De Dudouicö eodem. 

Bl. 2a, 3. Dafs die ämpter zu hofe vngleich ersucht 
vnd verrechnet werden/ Ein histori vonn Keyser Maxi- 
milian. Quelle Conv. Serm. (S. 178), De Caesar e Maximiliano. Gast 
selbst entnahm die drei vorstehenden Nummern wörtlich den Colloq. 
fam. des Desid. Erasmus, und zwar dem Convivium fabulosum. In 
der mir vorliegenden Ausgabe der Colloq. (Basel 1546, 8^) stehen sie 
auf S. 368 ff., 370 ff. und 373 ff. 

Bl. 2b, 4. Von Romulo, der kein Wein tranck rr: Seh. 1. 

Bl. 5 (4 b) (Augustus) = Seh. 2. 

BL 2b, 6 (5). Ein esel erlöst seinen Herren r= Seh. 4. 

Bl. 2b, 7(6). Küssen zeygt lieb an = Seh. 5. 

Bl. 2b, 8 (7). Juden etc. = Seh. 6. 

Bl. 2b, 9 (8). Von eines geschlecht von neun Künigen 
=r Seh. 7. 

Bl. 2b, 10 (9). Der mit schulden beladen ist, darf eins 
gutten schlafküssen = Seh. 10. 

Bl. 3 a, 11 (10). 'Democles' t= Seh. 8. Hier sind indes einige 
kleine textliche Änderungen vorgenommen, so z. B. dafs Dionysius 
König von Ägypten ist und dafs er *auffs aller köstlichest essen vnd 
trincken' auftragen liefs und dem 'Democles' selber zu Tisch 'dienet'. 

Bl. 3 a, 12 (10 b) (Alphonsus) — Seh. 9. 

Bl. 3a, 13a. 13b. 18c (11). Was Recht Adel vnd Tyran- 
nei sei =: Seh. IIa— ilc. 

Bl. 3 b, 14 (12) (Agesilaus) — Seh. 12. 



84 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

Bl. 3 b, 1 5 (] 3). Wie mann sicher Regieren sol = Seh. 13. 

Bl. 3b, 16 (14). König Agesilaus ritte mit seinen Kin- 
dern auff einem stecken = Seh. 14. Etwas textlich geändert. 

Bl. 3b, 17 (15). Von gutem rath, wie mans Saltz von 
Wurmen behalten soll := Seh. 15. 

Bl. 4a, 18 (16). Alte Räte etc. = Seh. 16. 

Bl, 4a, 19 (17). Dafs man nit bald argwonen sol. Vom 
Hanibal =r Seh. 17 (die Einleitung und einiges aus der Mitte fort- 
gelassen). 

Bl. 4a, 20 (18). Guter name behalt bei ehren r=z Seh. 18. 

(IL) Von freien Reden. 

Bl. 4 b, 21 (19). Demosthenis Schertz rede zu eim Diebe. Quelle 
Gasts Conv. Serm. (S. 71), Demosthenis dictum in furem. 

BL 4b, 22 (20). Des Philosophen Diogenis Schimf- 
liche Spruch vnd Antworten. Zuerst kurzer Bericht über ihn 
und sein 'Fafs', dann 

Bl. 4 b, 23 Alex. u. Diog. — aus der Sonne gehen. Diese bei- 
den Nummern wahrscheinlich aus dem Gedächtnis niedergeschrieben. 
In der Darstellung der letzteren Anekdote stimmt der Bearbeiter 
übrigens, abweichend von den gewöhnlichen Versionen, mit W. Bur- 
leys De Vita et Morihus Philosoph, (ed. Knust S. 196) überein: 'nim 
mir nit, was du mir nit geben kannst' (Burley rogo ne michi auferas 
quod michi dare non potes). Endlich 

Bl. 4 b, 24 — 36 Verschiedene Denksprüche des Diogenes. Quelle 
Gast, Conv. Serm. I, 77 — 79. 

Bl. 5 a, 37 (Ausspruch des Diogenes über einen Verräter). Quelle 
Gast, Conv. Serm. I, S. 233, De Proditore. 

Bl. 5a, 38(21). Wie lang mann freüd hab. Quelle Bebel 
(Vv 7 b), Proverbium apud Germanos ; findet sich auch bei Pauli 
Nr. 221 (Schlufs). Oesterley hat Bebel in seinen Nachweisen dazu 
übersehen. 

Bl. 5a, 39 (22). Welcher ding mann nit hoch achtet. 
Quelle Bebel (Kk 2 a), Quce nihili valeant. 

Bl. 5b, 40 (23). Hencker ward ein Behemischer pfaff. 
Quelle Bebel, De quodam carnifice, qui sacerdos fmtus est. 

Bl. 5b, 41 (24). Ein Dieb versetzt dem Richter, dafs 
er ihm gestolen het. Quelle Gast, Conv. Serm. II, 48, De füre. 
Abgekürzt und Kleinigkeiten geändert. 

Bl. 5b, 42 (25). Von eim Diebischen Wirt vnnd eim 
Landsknecht, ein wäre Histori. Quelle Gast, Conv. Serm. 
II, 127, De Satane et hospite. Die gleiche Erzählung aus der glei- 
chen Quelle findet sich auch in Lauterbecks Regentenbuch, Buch IV, 
Kap. 10. 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 85 

Bl. 6b, 43 (26). Ein ander solich geschieht, von eym 
meyneydigen zu Reutlingen geschehen. Quelle Gast, Conv. 
Serm. II, 131, De periurio per duos dcemones Euthlingce punito. 
Pi'cecedens historia huic fere similis. 

(m.) Von Schmeychlern. 

Bl. 6b, 44—46 (27) = Seh. 20—22 (Schmeichler). 

Bl. 6b, 47 (28) = Seh. 23 (Vespasian). 

Bl. 6b, 48 (29) = Seh. 24 (Anaximenes). 

Bl. 6 b, 49 (30) r= Seh. 25 (Dionysius und Harfner). 

Bl. 7a, 50/51 (31) = Seh. 26/27 (Schätzung). 

Bl. 52 (32) = Seh. 28 (Domitian). 

(IV.) Von List, gescheidigkeyt, lügen vnd Betrug. 

Bl. 7a, 53 (33). Wie ein Jud durch geschickte ant- 
wort dem Soldan auff ein fehrliche Frage einem fall- 
strick entgienge. Quelle Boccaccios Decam. I, 3 in einer Aus- 
gabe der (Steinhöwel längere Zeit zugeschriebenen) deutschen Über- 
setzung aus dem 15. Jahrhundert. Der Bearbeiter hat vielfach 
gekürzt und auch stilistisch geändert. 

Bl. 8a, 54 (34). Wie sich einer angenomner kranck- 
heyt zu eim heyligen tragen Hesse, der jn gesundt macht 
u. s. w. Quelle Decam. II, 1, aus der gleichen Übersetzung, aber 
auf kaum die Hälfte verkürzt. 

Bl. 9a, 55 (35). Wie ein Kauffman auff seiner frawen 
frumkeyt fünff tausend Cronen verwettet u. s. w. Quelle 
Decam. II, 9; zwar nach der gleichen Vorlage, aber sprachlich viel 
selbständiger als die beiden vorigen Nummern gehalten. Der Ver- 
fasser hat die Novelle auf die Hälfte reduziert und auch sachlich 
einiges geändert. 

Bl. IIb, 56 (36) = Seh. 30 (Hahn und Fuchs). 

Bl. 12 a, 57 (37) = Seh. 31 (Schmeichlers Glück). 

Bl. 12b, 58 (38) = Seh. 32 (Löwe und Esel). 

Bl. 14 a, 59 (39) = Seh. 33 (Bauer, Schlange und Fuchs). 

Bl. 15 b, 60—69 (40—49) = Seh. 34—43 (Reineke Fuchs). 
Hin und wieder ist ein Sätzchen oder ein Ausdruck eingeschoben 
oder weggelassen, aber sonst alles getreu wiedergegeben. 

(V.) Von der Warheyt. 

Bl. 22 a, 70 (50) = Seh. 44 (Der geschlagene Narr). 
Bl. 22 b, 71 (51) = Seh. 45 (Der Abenteurer, der die Wahrheit 
spricht). 

Bl. 23 a, 72 (52) — Seh. 46 (Atzel schwätzt vom Aal). 



86 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

(VI.) Von Lügen. 

Bl. 23 a, 73 (53) = Seh. 47 (Sattel angefroren). 
Bl. 23 b, 74 (54) = Seh. 48 (Schneedörren). 
Bl. 23b, 75 (55) == Seh. 49 (Ferkelschwanz abgeschossen). Ein 
Sätzehen am Schlüsse angefügt. 

(VII.) Vonn Frawen vnnd Jungkfrawen/ Bösen vnd guten. 

Bl. 23b, 76 (56). Von Gehorsam, Standthaf f tigkeit 
vnd Gedult Erbarer frommen Ehefrawen/ Ein schön 
Exempel etc. (Griseldis). Quelle Boccaccio X, 10. Weiter noch 
als in den früheren Erzählungen aus der gleichen Quelle gehen hier 
die Änderungen. Von diesen sind ein Teil auf Rechnung des Be- 
arbeiters zu setzen, ein Teil dürfte aber durch den Einflufs von Pe- 
trarcas Bearbeitung dieser Novelle bezw. durch deren Verdeutschung 
veranlafst sein. Auch stilistisch verfuhr der Bearbeiter viel freier, 

Bl. 27a, 77 (57) = Seh. 50 (Der Spartanerin Antwort). Die 
Bezeichnung 'Laeena' weggeblieben. 

Bl. 27a, 78 (58) — Seh. 51 (Der Frau gefällt der Mann *vn- 
bekant'). 

Bl. 27a, 79 (59) — Seh. 52 (Papirius). 

Bl. 27 b, 80 (60) — Seh. 53 (Witwe vergifst bald den Ehemann). 

Bl. 27 b, 81 (61) — Seh. 54 (Witwe von Ephesus). 

Bl. 28a, 82 (62). Von einer Frawen die ein vnehliehs 
vnder jhren Kindern, solt anzeygen aufs beueleh des 
Beiehtuatters. Quelle Gast, Gonv. Serm. I, 62, Confessor ineptus 
(aus O. Luseinius, Jod ac Sales, Augsb. 1524). Abgekürzt. 

Bl. 28b, 83 (63). Ein anders, Dafs vnehliche Kinder 
gemeldt werden sollen. Quelle Gast, Conv. Serm. I, 64, De 
Confessore (aus Luseinius). Abgekürzt und frei übertragen. Die 
gleiche Erzählung (und wahrscheinlich zugleich die Quelle für Lus- 
einius) findet sieh bei Bebel (Ff 8b), De callidate mulierum historia 
Vera, und diese Version hatte — wie wir oben sahen — Seh. unter 
Nr. 228 übersetzt. 

B1.28b, 84(64). Eine Dienstmagt beicht für ein reehen- 
pfenning. Quelle vielleicht das Sehwankbuch des O. Luseinius, 
Jod ac Sales, das mir leider nicht vorliegt.^ Nachgeahmt ist diese 
Erzählung in Lindeners Kalzipori Nr. 96 (Liehtensteinß Ausg. S. 150), 
aber in schamlose Worte gekleidet, so recht im Geiste dieses im 
Schmutze wühlenden Zotenreifsers. 

Bl. 29a, 85(65). Von Weiber meystersehafft bei dem 



* In der zweiten Ausgabe des Buches (zusammengedruckt mit der 
Mensa philos. Frkf. 1602, wiederholt Leipzig 1603), die nur eine Auswahl 
(176 Nummern statt 233) bietet, findet sie sich nicht. 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 87 

Ostergesa 11 g. Quelle Bebel (Bb 2a), Facetia de domiriatione 
mulierum, auch in Gasts Conv. Serm. I, 200, Mulierum Dominatio. 

Bl. 29 a, ^Q (66) = Seh. 55 ('Frawen meysterschafft vmb ein 
par stifeF). 

Bl. 29b, 87 (67) = Seh. 58 (Frau gegen den Strom). 

Bl. 29b, 88 (68) = Seh. 59 (Böses Weib). 

Bl. 29 b, 89 (69) ^ Seh. 60 (Klicklaufs). 

Bl. 29 b, 90 (70) = Seh. 61 (Frau ifst Zwiebel). 

Bl. 30 a, 91 (71) — Seh. 62 (Frau reitet Hund). Einige Sätze 
weggeblieben. 

Bl. 30 b, 92 (72) = Seh. 63 (Bulschafft beweint Studentenmantel). 

Bl. 30 b, 93 (73) = Seh. 64 (Nonne blendet sich). Ein paar 
Kleinigkeiten weggelassen. 

Bl. 31a, 94 (74) = Seh. 65 (Nonnen schneiden sich Nasen ab). 
Ein paar Sätzchen weggeblieben. 

Bl. 31b, 95 (75) zir Seh. 66 (Jüngste heiratet zuerst). Der An- 
fang etwas gekürzt. 

Bl. 31b, 96 (76) = Seh. 67 (Eine um ihre Ehre Klagende ab- 
gewiesen). 

Bl. 32 a, 97 (77) ::= Seh. 68 (Fuchs zum Galgen). Einzelnes geändert. 

Bl. 32a, 98 (78) — Seh. 69 (Mann für Frau im Halseisen). 

Bl. 32 a, 99 (79) = Seh. 70 (Weib handelt strikte nach Vorschrift). 

Bl. 32b, 100 (80) = Seh. 71 (Mann vorm Weib in die Hölle 
geflohen). 

Bl. 32 b, 101 (81) = Seh. 72 (Eheleute uneinig). 

Bl. 32b, 102 (82) = Seh. 73 (Frau soll nichts denken). Ein 
I)aar Ausdrücke Aveggelassen. 

Bl. 32b, 103 (83) = Seh. 77 (Frommer Mann, frommes Weib). 

Bl. 32 b, 104 (84) =^ Seh. 78 (Kaiserin Ehebruch). Einiges ist 
weggelassen. 

Bl. 33a, 105 (85). Von Falschlistigkeyt eines Weibes/ 
die einen Edelman inn gestalt, ob sie sein Schwester 
were / vmb grofs gelt vnd in angst vnd not bracht. 
Quelle Decam. II, 5 (Andreuccio). Sachlich und noch mehr sprach- 
lich geändert. 

Bl. 35b, 106 (86). Von gezwungener liebe/ Wie eines 
Doctors Tochter einen Grauen wider seinen willen 
zur ehe erwarb/ Vnd wol gerieth. Quelle Decam. 111, 9 
(Giletta v. Narb.). Ähnlich wie oben in der Griseldis ist hier das 
Verhältnis zur Quelle: viele sachliche Änderungen, und auch sprach- 
lich ein ziemlich freies Verhältnis. 

Bl. 38a, 107 (87) =: Seh. 79 (Ehebrecherische Kaiserinnen). 

Bl. 38 a, 108 (88) = Seh. 80 (Eiskind). 

Bl. 38 b, 109 (89) = Seh. 81 (Frau im Alter treu). Ein Satz 
hinzugefügt. 



88 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

Bl. 38b, 110 a.b. c (90) =i Seh. 82a.b.c (Bubenehe am stärk- 
sten). Einiges weggelassen, anderes geändert. 

Bl. 39 a, 111 (91) =z Seh. 83 (Stummer redet). 

Bl. 39 b, 112 (92) = Seh. 84 (Liebhaber verscheucht). Einzelne 
Sätze sind weggelassen. Hinzugefügt ist der Zug, dafs der erste 
Liebhaber den Toten an die Thüre des Pfarrhauses anlehnt, so dafs 
des Morgens, als der Pfarrer 'in die Metten gehen wolte', der Leich- 
nam ihm entgegenfiel. 

Bl. 40 a, 113 (93) z= Seh. 85 (Kinder der Edelleute und Bürger). 

Bl. 40b, 114 (94) = Seh. 86 (Alter Buhler). Die letzten drei- 
zehn Zeilen, die allerdings mit der Erzählung nichts zu thun haben, 
sind weggeblieben, und dies mit um so mehr Grund, als der Inhalt 
schon oben unter Nr. 38 (aus Bebel entlehnt) vorkommt. 

Bl. 40b, 115 (95) = Seh. 87 (Drei Witwen). 

Bl. 41a, 116 (96) — Seh. 88 (Fürst und Kaufmann). 

Bl. 41b, 117 (97) = Seh. 89 (Ehebr. — grauer Kock). 

Bl. 42 a, 118 (98) =r Seh. 90 (Zaleucus). 

Bl. 42a, 119 (99) — Seh. 91 (Kaltes Eisen brennt). 

Bl. 42b, 120 (100). Von thorechter lieb erbärmlichem 
aufsgang/ die Histori Guiscardi vnnd Gismondae etc. 
Quelle Decam. IV, 1. Hier schlofs sich der Bearbeiter mehr als in 
den letzten Nummern aus dieser Quelle seiner Vorlage an ; einzelnes 
ist indes geändert, und namentlich hat er sehr gekürzt. 

Bl. 45a, 121 (101). Mordt vnd Ehebruch strafft sich 
selbs. Von König Alboino vnd Rosimunda/ der Köni- 
gin n. Quelle Seh. 92. Aber der Bearbeiter von 'Schertz mit der 
Warheyt' hat mit seiner Vorlage verschiedene kleine Änderungen 
vorgenommen, wozu ihm, wie es scheint, irgend eine Chronik das 
Material geliefert. So hat er z. B. den Namen 'Alkindus' seiner 
Quelle in Alboinus verbessert, und die in seiner Vorlage fehlenden 
Namen Turisindus 'König Gepidarum' und Peredeus hinzu- 
gefügt. Der letztere Name findet sich in Hedions 'Chronick' (Strafsb. 
1543) S. 248; doch fehlt der Name Turisindus, und so wird er über- 
haupt eine andere Chronik, vielleicht die EgenolflTsche von 1535 
(mit den Figuren von S. Beham) vor sich gehabt haben. 

Bl. 45b, 122 (102) z= Seh. 93 (Wachsbild). 

Bl. 46 a, 123 (103) = Seh. 94 (Mädchen bezahlen Jünglingen 
'den Magthumb'). Anfangsworte geändert. 

(VIII.) Von der lehre Vatter vnd Mütter/ Ehr vnd 
Gehorsamkeyt. 

Bl. 46 b, 124/25(104) = Seh. 95/96 ('Vnehr gegen die Eltern'). 
Bl. 46b, 126 (105) — Seh. 97 (Verschwender, sich hängend, 
findet Schatz). 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 89 

Bl. 47a, 127 (106) = Seh. 98 (Löwe und sein Sohn). 
Bl. 47b, 128 (107) =r Seh. 99 (Löwe und zwei Söhne). 
Bl. 48 a, 129 (108) =r Seh. 100 (Kolben im Kasten). 
Bl. 48b, 130 (109) = Seh. 101 (Frau und Magd). 
Bl. 48 b, 131 (110) == Seh. 102 (Fauler im Bett). 
Bl. 48b, 132 (111) =3 Seh. 103 (Hund versäumt zwei Mahl- 
zeiten). Abgekürzt und die Schlufsmoral geändert. 

(IX.) Von Einfalt vnd Narrheyt. 

Bl. 49a, 133 (112) ::= Seh. 104 (Närrischer Bauernknecht freit). 

Bl. 49 b, 134 (113) =: Seh. 105 (Rofs aus Esel). 

Bl. 49b, 135 (114) = Seh. 106 ('Der Geschickt Königs Narr'). 
Ein paar Ausdrücke hinzugefügt. 

Bl. 50 a, 136 (115) = Seh. 107 (Narr warnt vor Schweitzern). 

Bl. 50 a, 137 (116) = Seh. 108 (Grobe Bauern). 

Bl. 50 a, 138 (117) = Seh. 109 ('Höflicheyt eynes Redners'). 

Bl. 50b, 139 (118) = Seh. 110 (Einfalt eines Schweitzers). 

Bl. 50b, 140—143 (119) = Seh. 111—114 ('Vom Pocher'). 

Bl. 51a, 144 (120) = Seh. 115 (Narrenbad). 

Bl. 51b, 145 (121) = Seh. 116 (Narr rät zum Frieden). 

Bl. 51b, 146 (122) = Seh. 117 (Narr verbrennt seinen Herrn). 

Bl. 52 a, 147 (123) = Seh. 118 (Narr mahnt an den Tod). 

Bl. 52 a, 148 (124) = Seh. 119 (Claus Narr). 

Bl. 52b, 149 (126) = Seh. 120 (desgl.). 

Bl. 52b, 150 (126) = Seh. 121 (desgl.). 

Bl. 53 a, 151 52 (127) = Seh. 122/23 (Narr schlägt Abt). 

Bl. 53 b, 153 (128) = Seh. 124 (Kaiser, kein PfafFensohn). 

Bl. 53b, 154(129). Von eim tewren Furtz eines Krancken. 
Quelle Gast, Conv. Serm. S. 67, De crepitu ventris (aus O. Liscinius). 

Bl. 53b, 155 (130). Ein fluch von hundert gülden/ vn- 
bekanter Müntz. Quelle Gast, Conv. Serm. S. 82, De Domino et 
Seruo. Kleinigkeiten geändert. 

Bl. 53b, 156b. Von eim Trunckenboltz/ der das Abc. 
hinder sich vnd für sich kundt.^ Quelle Bebel (Gg 8a), De 
quodam Ebrioso. 

Bl. 53 b, 156 a (Sohn wird durch den wüsten Anblick eines 
Trunkenen nicht von der Trunksucht geheilt). Quelle Poggios Paterni 
Moniti Sicccessus oder wahrscheinlicher J. Gasts Conv. Serm. I, 84, 
De Ebrio. Der Bearbeiter hat jene aus Bebel geborgte Erzählung 
auch auf den unverbesserlichen Trinker angewendet. 

Bl. 54a, 157 (132). Von eim falschen spiler den mann 
ertrenckt. (Quelle Behel (G g 8 sl), De quodam Blasphematore. Der 



Die der Überschrift entsprechende Erzählung bildet den zweiten Teil. 



90 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

Bearbeiter hat die Fabel erweitert. Seine Zusätze habe ich schon 
irgendwo einmal gelesen, erinnere mich aber nicht, wo. 

Bl. 54a, 158 (133). Von eines Zeuge sage. Quelle Bebel 
(Gg 8 a), Testimonium cuiusdam Tuhingensis. 

Bl. 54a, 159 (134). Von eym gelerten Studenten. Quelle 
Bebel (Gg 8b), Ridiculum factum, cuiusdam Tuhingensis. Der Be- 
arbeiter benützte nur den Anfang und Schlufs der Bebeischen Er- 
zählung. Den^ Anfang seiner eigenen Darstellung (Unwissender hat 
sein Wissen in der Beichte gelernt, 'dafs ers niemandt offenbaren 
dorffte') — ein bekannter Volkswitz — ist von ihm hinzugefügt. 

Bl. 54a, 160 (135). Von eim Koler/ der eines fürsten 
gestolen schätz wider fände. Quelle Bebel (Hh 2a), De 
quodam carbonario. Abgekürzt. 



(X.) Von Pfaffen/ München/ vnd Nunnen. 

Bl. 54b, 161 (136) = Seh. 125 (Hund 'auffs Geweihte'). 

Bl. 55 a, 162 (137) = Seh. 126 (Lächerliche Predigt). 

Bl. 55 a, 163 (138) = Seh. 127 (Christo ein Eequiem). 

Bl. 55 a, 164 (139) = Seh. 128 ('Geystl. Gedult'). 

Bl. 55 a, 165 (140) = Seh. 129 (Schlüssel zur Abtei). 

Bl. 55b, 166 (141) = Seh. 130 (Pfarrer andre Bauern). 

Bl. 55b, 167 (142) ~ Seh. 131 (Wie sollen Geistliche sein?). 

Bl. 55b, 168 (143) = Seh. 132 (Pfaffenmagd im Schlitten). 

Bl. 56a, 169 (144). Von eim falschen Beichtuatter. Wie 
ein andechtiger grosser Gleifsner/ ein Barfüsser Münch/ 
ein einfeltig hochfertigs Venediger Weiblin/ in gestalt 
eins Engels betrog u. s. w. Quelle Decam. IV, 2. Die Novelle 
ist hier auf weniger als die Hälfte gekürzt, manche Einzelheiten 
sind weggelassen, das Ganze viel züchtiger als im Original gehalten 
und sprachlich durchweg geändert. 

Bl. 57b, 170 (145) = Seh. 133 (Bauer und Pfaffe). 

Bl. 57 b, 171 (146) — Seh. 134 (Teufel predigt). 

Bl. 58 a, 172 (147) = Seh. 134 (Jude läfst sich taufen). 

Bl. 58 a, 173 (148) = Seh. 136 (Kranker und Beichtvater). 

Bl. 58 a, 174 (149) = Seh. 137 (Getaufter Jude findet Schatz). 

Bl. 58 b, 175 (150) = Seh. 138 (Pfaffen, Edelleute und Juden). 

Bl. 58b, 176 (151) = Seh. 139 (Priester versetzt Seele). 

Bl. 58b, 177 (152) = Seh. 140 (Lügen in Passion). 

Bl. 58b, 178 (153) = Seh. 141 (Wie viel Geistliche nötig). 

Bl. 59 a, 179—82 (154) — Seh. 142—45 (Priesterexamina). 

Bl. 59b, 183 (155) — Seh. 146 (Unwissender Priester). Am An- 
fang etwas gekürzt. 

Bl. 59b, 184 (156) = Seh. 147 (Komische Predigt). Ein Satz 
am Ende hinzugefügt. 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 91 

Bl. 60a, 185 (157). Der wüst gienge eira von jm selbst 
im bad ab. Quelle Bebel (Aa, 4b), Egregiuni facinus, oder Gast, 
Conv. Serm. I, 42, De Cacatore in bahieum. Der Bearbeiter hat einen 
Satz am Ende hinzugefügt. 

Bl. 60a, 186 (158). Ein Münch predigt in Lands- 
knechtskleydern/ verspeiet Sant Peter vnd S. Paul. 
Quelle Gast, Conv. Serm. I, 53, De Concionatorihus. Der Anfang ist 
weggeblieben. 

Bl. 60 b, 187 (158 b) (Derselbe in der Passion etc.). Quelle Gast, 
Conv. Serm. I, 55, De Concionatoi'ihus ineptis. Was bei Gast von 
einem anderen Prediger erzählt wird, berichtet der Bearbeiter, abge- 
kürzt, von dem obigen Mönch (Rupertus).^ Gast selbst schöpfte aus 
Erasmus, De rat. Concionandi bei beiden Nummern. 

Bl. 60b, 188(159). Eyn trewe Pfaffen magt. Quelle Bebel 
(Gg 8 b), De duobus filiis euiusdam sacerdotis. Frei übertragen. 

Bl. 60b, 189 (160). Von kurzer Predig. Quelle Gast, Conv. 
Serm. I, 52, De Concionatore astuto. Abgekürzt übertragen. 

Bl. 61a, 190 (161). Einem Wucherer sein eygen gut 
zu pfand versetzt. Von Pap Thönen. Quelle Gast, Conv. 
Serm. I, 300, De Sacerdote Antonio Louaniensi. Ziemlich getreu be- 
nützt. Die Erzählung nahm Gast wörtlich aus den Colloq. famil. 
des Erasmus (aus dem Convivium fahulosum, Ausg. der Colloq., Basel 
1546, 80, S. 375). Woher der Bearbeiter den Namen Pap Thön, der 
sich weder bei Erasmus noch bei Gast findet, nahm, weifs ich nicht. 

Bl. 61a, 191 (162). Ein anders/ Von Pap Thön/ Wel- 
ches das ehrlichst glid des menschen sei. Quelle Gast, 
(^onv. Serm. I, 301, De eodem Sacerdote Antonio, ebenfalls aus des 
Erasmus Colloq. fam. (S. 376). Jedoch fehlt in der mir vorliegenden 
Ausgabe des Gast (Basel 1554) der Schlufs der Erzählung, so dafs, 
falls die früheren Ausgaben denselben auch nicht enthalten, entweder 
Erasmus selbst oder eine andere Zwischenquelle die Vorlage war. 

Bl. 61b, 192 (163) = Seh. 148 (Doktor und Ritter). 

Bl. 61b, 193 (164) = Seh. 149 (Sauhirt Abt). 

Bl. 62 a, 1 94 (1 65) = Seh. 1 50 (Mönch zerlegt Kapaun). Gekürzt. 

Bl. 62 a, 195 (166) ^ Seh. 161 (Habgieriger Mönch). 

Bl. 62 b, 196 (167) == Seh. 152 (Mönch beraubt). 

Bl. 62b, 197 (168) =:: Seh. 153. (Die Bürgen). 

Bl. 63 a, 198 (169) = Seh. 154 ('Einfalt rieht etwan mehr aufs 
dann grosse witz'). 

Bl. 63b, 199 (170) =: Seh. 155 (Priester im Kot). 

Bl. 63b, 200 (171) = Seh. 156 (Abt vom Papst geprüft). 

Bl. 63b, 201 (172) = Seh. 157 (Tfründen Permutieren'). 

* Richtiger Robertus (Liciensis, d. i. Roberto Caracciolo aus Lecce), 
einer der beliebtesten Prediger des 15. Jahrhunderts, dessen Predigten 
schon früh gedruckt wurden. 



92 über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

(XL) Vom Bösen Geyst. 

Bl. 64 a, 202 (173) = Seh. 158 (Mönch belügt Teufel). 
Bl. 64b, 203 (174) =z Seh. 159 (Licht dem Teufel). 
Bl. 64b, 204 (175) = Seh. 160 (Teufel rät gut). 
Bl. 64b, 205 (176) = Seh. 161 (Teufel und Dieb). Schlufs ge- 
ändert. 

Bl. 64b, 206 (177) = Seh. 162 (Dieb und Mefsgewand). 

(XIL) Von Müllern. 

Bl. 65 a, 207 (178) = Seh. 163. 
Bl. 65a, 208a.b.c (179) = Seh. 164/165. 
Bl. 65b, 210 (180). Von eim armen Müller. Quelle Bebel, 
De Molitore (III. Buch, 6. Erzählung). Frei nachgebildet. 

(XIII.) Von Gerichtshändelen vnd Personen. 

Bl. 65 b, 211 (181) =r Seh. 166 (Hinterlegtes Geld). 

Bl. 66 a, 212 (182) ^ Seh. 167 (Das streitige Garn). 

Bl. 6ß a, 213 (183) = Seh. 169 i ('gefunden Wetscher'). Abgekürzt. 

Bl. 67 a, 214 (184) =: Seh. 168 (Perillus). Die Darstellung 
ist in dem jüngeren Buche etwas erweitert, der Irrtum Dionysius 
für Phalaris aber beibehalten. 

Bl. 67 a, 215 (185) = Seh. 170 (Schweine wollen nicht ins 
Wasser). Etwas gekürzt. 

Bl. 67b, 216 (186) = Seh. 171 (Cambyses — Schinden). Zwei 
Sätze hinzugefügt. 

Bl. 67 b, 217 (187) == Seh. 172 (Sophistischer Prozefs). 

Bl. 67 b, 218 (188) = Seh. 236 2 (Augustus und der Poet). Am 
Schlüsse ist die Erklärung von 100 Sestertia weggeblieben. 

Bl. 67b, 219 (189) = Seh. 173 (Kichter Hände geschmiert). 
Ein paar Sätzchen weggelassen. 

Bl. 68 a, 220 (190) = Seh. 174 (Richter, Wagen und Pferde). 

Bl. 68 a, 221 (191) — Seh. 175 (Turinus). 

Bl. 68 a, 222/3 (192) =r Seh. 176/7 (Prokurator Mönch). Gekürzt. 

Bl. 68 a, 224 (193) = Seh. 178 (Juristen ein Übel). 

Bl. 68 b, 225 (1 94) — Seh. 180 (Abergläub. Bauer). Etwas gekürzt. 

Bl. 68b, 226—228 (195) =: Seh. 183—85 (Einfältige Bauern). 

Bl. 68b, 229/30 (196) = Seh. 188/9 (Zank ums Wappen). 

* Diese Umstellung hat ihren Grund darin, dafs der Drucker auf 
Bl. 66 a nicht mehr Platz genug fand, das zu Nr. 214 gehörende Bild in 
Halbfolio (der Ochse des Perillus) anzubringen. 

^ Der Bearbeiter hat diese Anekdote wohl deshalb unter dieser Rubrik 
angeführt, weil darin vom Urteil über Verse die Rede ist. 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 98 

Bl. 69 a, 231 (197) =^ Seh. 190 (Die zwei Landsknechte). 
Bl. 69 a, 232 (198) = Seh. 191 (Mutter Erde küssen). 
Bl. 69 a, 233 (199) = Seh. 192 (Eiche und Rohr). Die acht Zeilen 
lange Moral ist weggeblieben und durch eine von einer Zeile ersetzt. 

(XIV.) Vom Geitz vnd Wucher. 

Bl. 69 b, 234 (200) (Kurze Betrachtung über den Geiz). Quelle 
Petrarca, De remediis utriusque fort., in der Übersetzung 'Von der 
Artzney beyder Glück' etc., Augsb., H. Steyner, 1532, II. B., fol. 133 a. 

Bl. 69 b, 235 (201) = Seh. 193 (Ein Opfer eigener Kargheit). 
Etwas gekürzt. 

Bl. 70 a, 236 (202) = Seh. 195 (Gestohlenes Sehwein). 

Bl. 70 a, 237 (203) = Seh. 196 ('Antwort eynes Gedultigen'). 

Bl. 70 b, 238 (204) = Seh. 197 (Zwei Kühe für eine). Ein paar 
Kleinigkeiten geändert. 

Bl. 70b, 239 (205) = Seh. 198 (Bürgermeister Bauernschinder). 

(XV.) Von Träumen. 

Bl. 71a, 240 (206) (Kurze Betrachtung über die Träume). Offen- 
bar vom Kompilator selbst. 

Bl. 71a, 241 (207). Vom träum Keysers Augusti/ der 
jms Leben erret. Quelle Petrarca, Her. Memorandarum Libri, 
nach der mir vorliegenden Übersetzung des Vigilius (zuerst gedruckt 
Augsb. 1541), B. IV, Kap. 39. Der Bearbeiter gab einen kurzen 
Auszug, wobei er in der Eile das, was in der Vorlage der Arzt des 
Augustus träumt, diesen selbst träumen läfst. 

Bl. 71b, 242 (208). Wie eim träumt/ dafs jn ein stey- 
niner Lew zutodt bisse, das geschähe. Quelle Petrarca, 
Eer. Mem. B. IV, Kap. 49. Hier weicht der Nachahmer allerdings 
sowohl sprachlich wie auch etwas sachlich von seiner Vorlage ab. 

Bl. 71b, 243 (209). Hamilearis des Hauptmans zu Car- 
thago träum. Quelle Petrarca, Ber. Mem. B. IV, Kap. 54. Kurzer 
Auszug ohne wörtlichen Anklang. 

Bl. 71b, 244 (210). Alcibiades träum wie er frawen 
kleyder an hatte. Quelle Petrarca, Ber. Mem. B. IV, Kap. 59. 
Ebenfalls ohne sprachliche Annäherung. 

Bl. 71b, 245 (211). Ein mordt ward im träum ange- 
zeygt. Quelle id. op. IV, 64. Abgekürzt und ohne sprachliche An- 
näherung. 

Bl. 72a, 246(212). Was eynem von eyern träumt. Quelle 
id. op. IV, 65. Ähnliches Verhältnis. — Die geringe Übereinstim- 
mung, welche diese sechs Nummern mit der Übersetzung des Vigilius 
im sprachliehen Ausdruck bieten, lassen mich vermuten, dafs der 
Bearbeiter nicht diese, sondern das lateinische Original vor sieh hatte. 



94 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

Bl. 72 a, 247 (213) ^ Seh. 194 i (Traum des Geizigen). 

Bl. 72a, 248 (214) = Seh. 199 (Bauer Schnapphahn). Kleinig- 
keit am Schlufs geändert. 

Bl. 72 a, 249 (215) := Seh. 200 (Wucherer in der Predigt). Die 
letzten sechs Zeilen sind weggeblieben, und mit Recht, da sie doch 
nur eine Wiederholung von Nr. 175 ojjen sind. 

Bl. 72 b, 250 (216) == Seh. 201 (Härteste Laster). 

(XVI.) Von Meysterschafft vnd Künsten. 

Bl. 72 b, 251 (217) = Seh. 203 (Fechtmeister und Schüler). Ein 
Satz ist — dem Holzschnitte zulieb — hinzugekommen und dafür 
ein anderer weggeblieben. 

Bl. 73 a, 252 (218) = Seh. 204 (Goldsch. u. Laute). Ein Satz 
geändert. 

Bl. 73 a, 253 (219) = Seh. 205 (Eselsarzt). Eine Zeile hinzu- 
gefügt. 

Bl. 73 a, 254 (220) = Seh. 206 (Sattel gegessen). 

Bl. 73b, 255 (221) = Seh. 209 (Maler, zweierlei Kinder). 

(XVH.) Von Trunckenheyt/ Essen vnd Trineken. 

Bl. 74 a, 256 (222) = Seh. 210 (Gottes Zähren). 

Bl. 74 a, 257 (223) = Seh. 211 (Hirsch, weise). Gegen den 
Schlufs gekürzt. 

Bl. 74 a, 258 (224) = Seh. 212 (Wirtsknecht). 

Bl. 74 a, 259 (225) == Seh. 213 (Weinwässern). Aus dem 'töch- 
terlin' ist ein 'kneblin' hier geworden. 

Bl. 74 a, 260 (226) = Seh. 214 (Atzel gestraft). Unbedeutend 
gekürzt. 

Bl. 74 b, 261 (227) = Seh. 215 (Trunkenheit das ärgste Laster). 

Bl. 74 b, 262 (228) = Seh. 216 (Noe und der Weinstock). 

Bl. 74b, 263 (229) = Seh. 217 ('Geystliehe Abstinentz'). Er- 
heblich gekürzt. 

Bl. 75 a, 264 (230) — Seh. 218 (Fische befragt). Etwas gekürzt. 

Bl. 75 a, 265 (231) = Seh. 220 (St. Martin und der Fuhrmann). 

(XVHL) Vom Beichten. 

Bl." 75 a, 266 (232) = Seh. 221 (Frau beichtet dem Mann). 
Bl. 75 b, 267 (233) — Seh. 222 (Leicht nach der Beichte). Ein 
paar Ausdrücke hinzugefügt. 

Bl. 75b, 268 (234) ^ Seh. 223 (Sieben Sinne). 



* Diese in der Vorlage unter der Eubrik 'Geitz vnd Wucher' ange- 
brachte Erzählung wurde hierher versetzt, weil sie einen Traum enthält. 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 95 

Bl. 75b, 269 (235) = Seh. 224 fVVillen für Werke). Die Be- 
zeichnung des Mannes als 'Gerber' ist weggeblieben. 

Bl. 75 b, 270(236) — Seh. 225 (Vaterunser erlernt). Eine kleine 
Stelle ist geändert. 

Bl. 76 a, 271 (237) =: Seh. 226 (Ehepaar beichtet einander). 

Bl. 76 a, 272 (238) = Seh. 227 (Frau der H. Geist). 

Bl. 76b, 273 (239) ^ Seh. 229 i (Viele Wiegen). 

Bl. 7Gb, 274 (240) =r Seh. 230 (Absolution künftiger Sünden). 

Bl. 76b, 275 (241) = Seh. 231 (Predigt gemieden). 

Bl. 76 b, 276 (242) = Seh. 232 (Ehepaar verkauft einander Wein- 
kaufs halber den Esel). Hier sind einige kleine Änderungen ange- 
bracht. 

(XIX.) Von Freien Reden schlechter leüt. 

Bl. 77 a, 277 (243) — Seh. 233 (Doppelgänger Octavians). 
Bl. 77 a, 278/79 (244) =z Seh. 234/35 (Bischof und Abenteurer). 
Am Ende der ersten JErzählung sind einige Zeilen hinzugefügt. 

(XX.) Vom Todt vnd Sterben vnd von Weissagungen 
vor dem letzsten ende. 

Bl. 77 b, 280 (245) (Betrachtung über das Weissagen). Quelle 
Petrarca, Rerum Memorandarum Ldbri, nach der mir vorliegenden 
Übersetzung des Vigilius (Augsb. 1541) B. IV, Kap. 72 Anfang. 

Bl. 77b, 281 (246). Weissag Keysers Augusti vom 
Tiberio da er sterben solt. Quelle Petrarca, Rer. Mem. B. IV, 
Kap. 73 (stark gekürzt). 

Bl. 77b, 282 (241). Weissagung Theramenis von Athen, 
so er sterbenn solte. Quelle Petrarca, i^r. ifem. B. IV, Kap. 75. 
Der Bearbeiter verfuhr hier sehr frei. 

Bl. 78a, 283 (248). König Alexanders todt geweissagt. 
Quelle Petrarca, Ber. Mem. B. IV, Kap. 76. — Obwohl diese vier 
Nummern in einzelnen charakteristischen Ausdrücken und Wen- 
dungen mit der Übersetzung des Vigilius übereinstimmen, so mag der 
Bearbeiter doch auch hier das lat. Original vor sich gehabt haben. 

Bl. 78 a, 284 (249) = Seh. 237 (Schiffers Antwort). 

Bl. 78 a, 285 (250) = Seh. 238 (Liebhaber an Totenbetten). 

Bl. 78 a, 286 (251) ^ Seh. 239 (Boten des Todes). 

Bl. 78b, 287 (252. Wie ein reicher man befalh/ dafs 
jhm seine Sün nach seinem todt solten zum hertzen 
schiessen. Wir haben hier die vornehmlich durch die Gesta Boma- 
norum C. 45 bekannte Fabel vor uns, welche, allem Anscheine nach 
aus dem Orient stammend, in keinem mittelalterlichen Predigt- oder 



' Nr. 228 von Seh. wurde weggelassen, weil die gleiche Erzählung 
nach anderer Quelle bereits oben unter Nr. 83 eingefügt worden war. 



96 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

Exempelbuch, von Vincent. Bellovac. an bis ins 16. Jahrhundert 
hinein, fehlt, und aufserdem in gebundener und ungebundener Rede 
über ganz Europa verbreitet war (vgl. hierüber die allerdings nicht 
erschöpfenden Nachweisungen Oesterleys zu seiner vortrefflichen Aus- 
gabe der Oesta Roman. S. 719). Welche direkte Vorlage unser Be- 
arbeiter hatte, läfst sich schwer sagen. Die Oesta Bßman. und der 
zeitlich und örtlich ihm durch den 1549 zu Frankfurt a. M. erschie- 
nenen Druck naheliegende Renner des Hugo von Trimberg sind es 
nicht; denn bei ihnen sind die Helden vier Söhne und Erben eines 
Königreichs, während es hier nur drei Söhne ^ eines reichen Mannes 
sind. Hierin nähert sich unser Autor beispielsweise der Scala eeli 
(Ausg. Argen t. 1483, fol. 87, De filiis). Irgend ein ähnliches Exempel- 
buch, wenn auch nicht gerade dieses, mag seine Quelle gewesen sein. 
Die Anregung zur Aufnahme dieser Fabel scheint übrigens ein Bild 
gegeben zu haben. Schon frühe, im 15. Jahrhundert, wurde das 
Märchen Gegenstand der darstellenden Künste. Das germanische 
Nationalmuseum besitzt einen Kupferstisch aus dem 15. Jahrhundert 
von M. Z. (= Martin Zasinger), welcher die nach ihrem toten Vater 
schiefsenden Söhne darstellt. Von Hans Baidung Grien besitzt das 
Berliner Kupferstichkabinett eine Handzeichnung über den Gegen- 
stand aus dem Jahre 1517 (reproduziert in Terey 'Die Handzeich- 
nungen von H. Baidung Grien' Bd. I). Nicht viel später fällt wohl 
die Zeichnung von Melchior Lorch (welche C. v. Lützow, Gesch. d. 
deutsch. Kupferst. u. Holzschn. S. 197, erwähnt). Und so mag das 
Thema noch öfter von Künstlerhand bearbeitet worden sein. Ein 
solches Bild ist auch in 'Schertz mit der Warheyt' vor unserer Er- 
zählung. Der Holzschnitt ist nicht eigens dafür geschnitten, denn 
er findet sich bereits in der 1532 bei Heinrich Steyner zu Augsburg 
gedruckten deutschen Übersetzung von Petrarcas De remediis utrius- 
que fortuncB (Von der Artzney beyderley Glück). Offenbar hat 
Egenolff, der Verleger von 'Schertz mit der Warheyt', welcher um 
1550 die Platten der Steynerschen Officin käuflich erwarb und die 
Holzschnitte aus Petrarca zum Teil für unser Schwankbuch ver- 
wertete, gerade an diesem Bilde Gefallen gefunden und ihm zulieb 
die Erzählung um so lieber in den letzten Teil des Schwankbuches 
aufgenommen, als sie zu dem Abschnitte ('Vom Todt vnd Sterben') 
recht wohl pafste. 

Bl. 79a (fälschlich 81), 288 (253). Zum Beschlufs/ das 
Gespräch des Schmertzen vnnd Vernunfft vom Tode. 
Aufs Francisco Petrarcha. Quelle Petrarcas De remediis 
utriusque fort, in der obenerwähnten deutschen Übersetzung (Augsb. 
1532, H. Steyner) Bd. H, S. 155 b. 



• In dem Fabliau bei Barbazan-M^on (II, S. 440 — Oesterley giebt 
fälschlich III, 140 an) Le Jugement de Salemon sind es gar nur zwei Söhne. 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 97 

Überblicken wir Dochmals das Ganze, so finden wir, dafs 
'Schertz mit der Warheyt^ 288, oder richtiger — wenn wir die 
auch hier beibehaltenen dreifachen Nummern (13 [11], 110 [82], 
208 [164]) bei der Zählung berücksichtigen — 294 Erzählungen 
und Denksprüche, verteilt auf 253 Nummern, enthält. Von seiner 
Vorlage Seh. hat der Bearbeiter 18 Erzählungen weggelassen, 
und zwar 13, die aus Pauli, 3, die aus Bebel stammen, und 2, 
die dem Schatze der Apophthegmata angehören. Welche Gründe 
ihn bei diesen Weglassungen leiteten, lälst sich schwer sagen. 
Rücksichten auf die Moral sind es nicht, das sieht man aus sei- 
nen Zusätzen. Die Geistlichkeit zu schonen, kam ihm auch nicht 
in den Sinn. Merkwürdig ist es aber, dals er die sonst ganz 
harmlose Erzählung von ^Farnder schüler kunst^ wegliefs. Sollte 
er selbst einmal einer dieser ^Fahrenden' gewesen sein? Hinzu- 
gefügt hat er 67 Nummern, wovon 30 aus J. Gast {Convivales 
Sermones), 12 aus Bebel, 8 aus dem Decamerone^ 13 aus Schriften 
des Petrarca geschöpft, 2 wahrscheinlich aus dem Gedächtnis 
niedergeschrieben sind und 2 des genaueren Quellennachweises 
noch entbehren. 

So hat sich denn in dieser Umarbeitung des 1545 erschie- 
nenen Schwankbuches — etwas anderes ist, wie ich schon oben 
betont habe, ^Schertz mit der Warheyt^ nicht — der Vorrat der 
aus Pauli stammenden Erzählungen vermindert; statt 133 enthält 
es nur noch 120. Den Schwänken des Bebel entstammen 57, 
der Sammlung des Gast 33, den Facetien des Poggio (indirekt) 10, 
dem Decamerone 8, den Schriften des Petrarca 14, dem Apo- 
phthegmenschatze 16, der Mensa 'philo s. (indirekt) 7 und E-ei- 
neke Fuchs (indirekt) 10 Nummern. Unter den noch übrigen 
19 Erzählungen sind nur 3, und zwar indirekt, dem klassischen 
Altertum entlehnt. Offenbar kam es dem Bearbeiter oder dem 
Verleger darauf an, ein Buch herzustellen, das von dem viel- 
verbreiteten des Pauli möglichst verschieden wäre. Aus diesem 
Grunde wurden auch keine Anleihen bei den umfassenden älteren 
Ausgaben von ^Schimpf und Ernst^ gemacht: nicht eine einzige 
Erzählung des Pauli findet sich in ^Schertz mit der Warheyt^, 
die nicht auch in dem anonymen 'Schimpf vnd Ernst' von 1545 
vorkäme. Nach diesen Ausführungen ist es klar, dafs die An- 
gaben Oesterleys — 'Ungefähr 50 (Erzählungen) sind unzweifel- 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. 7 



98 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

haft einer Ausgabe des Pauli . . . entuommen, ein Hundert stimmt 
mit Erzählungen desselben überein, ist aber anderen Quellen ent- 
nommen (die klassischen z. B. sind meistens aus den Originalen 
übertragen), und das andere Hundert enthält Stücke, die bei Pauli 
fehlen^ — vollkommen falsch sind. 

Was das textliche Verhältnis betrifft, so zeigt obige Zusam- 
menstellung, dafs das jüngere Buch zwar einigemal seine Haupt- 
vorlage etwas erweiterte, aber weit häufiger kürzte, hin und 
wieder daran kleine Änderungen vornahm, im grofsen und ganzen 
jedoch die Erzählungen ziemlich getreu wiedergab. Vorliebe für 
moralische Nutzanwendungen zeigt der Bearbeiter des jüngeren 
Buches ebensowenig wie sein Vorgänger, er liefs sogar hin und 
wieder die in einzelnen Nummern verbliebene Schlufsmoral weg. 
Die unter einer Überschrift zusammengezogenen Anekdoten hat 
er in ein paar Fällen getrennt und jede mit einer besonderen 
Überschrift versehen. 

Das Verhältnis des Buches zu den anderen Quellen ist ein 
ziemlich freies. Der Bearbeiter verfährt damit genau so wie sein 
Vorgänger, der Kompilator von Seh.: er kürzt und vereinfacht, 
indem er die lateinischen Originale überträgt, und kürzt, wenn 
er, wie bei Boccaccio oder Petrarca, eine deutsche Vorlage hat. 
Bei den breitgesponnenen Novellen des ersteren war dies beson- 
ders geboten. Kleine Zusätze und sprachliche und sachliche 
Änderungen sind bei lateinischen und deutschen Vorlagen oft 
genug zu verzeichnen und beweisen, dafs der Bearbeiter nicht 
mechanisch zu Werke ging. Sein Stil ist gewandt und fliefsend, 
und seine Auswahl zeugt entschieden von Geschmack. Beson- 
ders mufs ihm noch nachgerühmt werden, dals er gleich seinem 
Vorgänger unzüchtige Geschichten, an denen seine Quellen 
(Poggio, Bebel, Boccaccio, Gast u. s. w.) ja so reich sind, aus- 
geschlossen hat. 

Was die Verteilung der Erzählungen unter verschiedene 
Rubriken betrifft, so hat der jüngere Bearbeiter sich, wie bereits 
oben erwähnt, auch an Seh. angeschlossen, jedoch mit nachstehen- 
den Änderungen. Er hat weggelassen die XII. Rubrik (Von 
Zauberei vnd Aberglauben), die XIII. (Von Hoffart vnd Bracht) 
und die XVII. (Von dem Zorn vnd vbereilung) und die betref- 
fenden Erzählungen zu den vorhergehenden Rubriken gezogen; 



Seh. 


fol. 1 a. 


")) 


„ 21a. 


T) 


„ 21b. 


V 


„ 28 b. 


V 


„ 46 b. 


75 


„ 47 b. 


V 


„ 53b. 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 99 

er hat hinzugefügt (als II. Rubrik) Freie Reden, (als IV.) Von 
List gescheidigkeyt lügen, vnd betrug und (als XV.) Von Träu- 
men, so dals die gleiche Zahl von Rubriken blieb. 

Die Abhängigkeit unseres Schwankbuches von Seh. zeigt 
sich auch — und damit kommen wir noch auf einen interessanten 
Punkt zu sprechen — in seinem Bildersehmuck. Von den 
44 Holzschnitten von 'Schertz mit der Warheyt^, die an Gröfse 
sehr verschieden sind, stammen 7 aus Seh. Es entspricht 

Schertz mit der Warheyt fol. 12 a (2. Bild) = 

V 11 11 11 11 22 a = 

n 11 11 11 11 22 b = 

n 11 V 11 11 31b (Figur links) -^ 

„ „ „ „ „ 49 a (2 äufseren Fig.) =:^ 

„ n 11 „ 49b (1 Bild links) :::. 

„ y, ^^ „ „ 54 b (beide Geistliche) =r 

Was die übrigen Holzschnitte betrifft, so lassen sie sich fast alle 
in älteren Drucken, und zwar meist in solchen des Augsburger 
Buchdruckers Heinrich Steyner nachweisen, und zwar findet man 
11 davon, die von Hans Burgkmaier herrühren sollen, in Petrar- 
cas ^Von der Artzney beyder Glück' (1532), 3 in J. Pinicianus 
^Scanderbeg^ ' (1532), 15 — oder, wenn man die Doppelbilder 
einzeln rechnet, 23 — , angeblich von Hans Schäufelein dem 
Alteren geschnitten, gehörten ursprünglich zu einer, sei es wirk- 
lich bei Steyner erschienenen oder von ihm geplanten Ausgabe 
des Decamerone; Steyner hat sie nachweislich schon von 1541 
an zu anderen Büchern verwendet, so z. B. in Ch. Bruno von 
Hyrtzweil 'Etliche Historien u. Fabulen' (1541), in Piatina von 
Cremona 'Von der Erlichen Wolust des Leibes', übersetzt von 
Vigihus Paeimontanus (1542), in J. L. Vi vis 'Von der vnder- 
weisung ayner christlichen Frauwen^, übersetzt von Chr. Bruno 
(1544) u. s. w. Ein Bild (fol. la) soll einem Werke des Konrad 
Celtis entnommen sein, ein anderes (Rückseite des Titelblattes) 
soll in dem oben genannten Buche von Piatina schon vorkom- 
men, in welchem ich es jedoch nicht fand, sei es, dafs das mir 
vorliegende Exemplar unvollständig ist, sei es, dafs mein Ge- 

* Des aller streytparsten . . . Georgen Castrioten genant Scanderbeg . . . 
Ritterliche Thaten ... In Latein beschriben vnd yetz durch Joanne Pinicia- 
num Newlich verteutscht. 1532 s. 1. (das lat. Original von M. Barletius). 

7* 



100 über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

währsmann (Nagler, Monogrammisten III, 243) sich irrte. Zwei 
kleine Holzschnitte (fol. 49 b, Bild rechts, und fol. 65 b) scheinen 
aus irgend einem früheren Druck Egenolffs zu stammen. End- 
lich die vier zu Fabeln gehörigen Bilder, die durch ihre kindische 
Zeichnung und rohe Ausführung gegen die übrigen Holzschnitte 
sehr abstechen, werden noch älteren Werken, vielleicht irgend 
einer Äsop- bezw. Bidpaiübersetzungs- Ausgabe, entnommen sein.^ 



* Was ich über die einzelnen Holzschnitte des Buches zu ermitteln 
vermochte, ist folgendes. 

1) Titelbild. Eine Trauung. Von H. Schäuffelein (Monogramm). 
Platte im Museum des Fürsten Wallerstein zu Maihingen. In einem frü- 
heren Werke ist dieser Holzschnitt mir nicht bekannt. 

2) (Rückseite des Titels) Maximilian I. und Maria von Burgund im 
Garten. Von H. Burgk maier dem Älteren (Monogr.); s. oben S. 57. 

3) (Rückseite des vierten Blattes) Liebespaare im Garten. Vielleicht 
zu einer Decamerone-Ausg. geschnitten. Von H. Schäuffelein. 

4) (Fol. la) Kaiser Max I. und noch vier andere gekrönte Häupter 
sitzend, drei sitzende gekrönte Frauen, ein Autor (Celtis?) überreicht ein 
Buch (s. oben). Von Burgkmaier. 

5) (Fol. 3 a) Damocles und der Tyrann Dionysius. Findet sich schon 
in Petrarca 1532 (s. oben), I, 107 a, pafst indes nicht dazu, ist also wohl 
noch älter, jedenfalls von H. Burgkmaier. 

6) (Fol. 4 b) Diogenes und Alexander (= Petrarca II, 74 b), ebenfalls 
von H. Burgkmaier und pafst ebensowenig zu der Stelle im Petrarca. 

7 a u. 7 b, 8a u. 8 b) (Fol. 8 a u. 9 a) Kleine Holzschnitte von Schäuffe- 
lein (7 cm breit, 6,5 cm hoch) für eine Decamerone-Ausg. ursprünglich 
bestimmt. 

9a u. 9b) (Fol. Hb) Kleine Holzschnitte {Q X 6 cm), Fuchs und 
Hahn (s. oben). 

10 a u. 10 b) (Fol. 12 a) Ersteres (zwei Bettler) Quelle unbekannt, letz- 
teres (Tischgesellschaft mit Musikanten) aus Seh. (s. oben). 

11) (Fol. 12b) 12) (Fol. 13a) 13) (Fol. 15b) Rohe BUder. Einer 
Reineke- oder Bidpai-Ausg. entnommen? 

14) (Fol. 22 a) 15) (Fol. 22 b) Figuren von je zwei Männern, aus Seh. 
(s. oben). 

16) (Fol. 23 b) Edelmann auf der Jagd, an einem Garten vorbeigehend, 
um dessen Brunnen edle Frauen lagern. Von H. Burgkmaier; schon in 
Petrarca I, la, aber offenbar älter, weil es dazu nicht pafst. 

17) (Fol. 28 b), 18) (Fol. 29a), 19 a u. b) (Fol. 30 a), 20 a u. b) (Fol. 
33 a), 21au. b) (Fol. 35 b), 22) (Fol. 39 a), 23a u. b) (Fol. 39 b), 24) (Fol. 
40 b), 25 a u. b) (Fol. 42 b), 26) (Fol. 44 b) Decam.-BMer von Schäuffe- 
lein (s. oben). 

27) (Fol. 31 b) Vier Frauengestalten, wovon die beiden links aus Seh. ; 
die anderen sind ganz im gleichen Stil. 

28) (Fol. 46) Familienscene. Von H. Burgkmaier; schon in Petrarca 
I, 88 b. 

29) (Fol. 49a) Drei Figuren; die beiden äufseren (Narren) aus Seh.; 
die mittlere, offenbar vom gleichen Meister, vermag ich nicht weiter nach- 
zuweisen. 

30 a u. b) (Fol. 49 b) 1. Tanzgesellschaft, Narr im Hintergrund, aus 
Seh. ; 2. Kriegerschar vom gleichen Meister, mir sonst nicht vorgekommen. 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 101 

Man sieht, das Schwankblich trägt, wie in seinen Erzäh- 
kingen, so auch in seinem Bilderschmuck einen durchaus kom- 
pilatorischen Charakter. Aber, so wie es einmal war, verfehlte 
es nicht auf die spätere Schwanklitteratur eine bedeutende Wir- 
kung auszuüben. Neben den breit moralisierenden Pauli, der 
bisher — abgesehen vom Eulenspiegelbuche — den Prosaschwank 
in deutscher Sprache allein repräsentiert hatte, trat plötzlich mit 

31au. b) (Fol. 54b) 1. Zwei Geistliche, aus Seh.; 2. Decamerone-Bild 
von Schäuffelein (s. oben). 32 a u. b) (Fol. 56 a), 33) (Fol. 60) Desgl. 

34) (Fol. 64 a) Drei Liebespaare, bei jedem ein Teufel. Von H. Burgk- 
maier; schon in Petrarca II, 137 a. 

35) (Fol. 65 b) Gerichtsscene. Meister und früheres Vorkommen mir 
unbekannt. 

36) (Fol. 66 b) Der Ochse des Perillus. Von H. Burgkmaier; der Schnitt 
schon in Petrarca I, lila, aber offenbar älter, weil er dazu nicht pafst. 

37) (Fol. 67 a) Richter auf der Haut seines von Cambyses geschun- 
denen Vaters. Von H. Burgkmaier, bereits Petrarca II, 77 b, wozu der 
Holzschnitt aber offenbar nicht gezeichnet wurde. 

38) (Fol. 69 b) Geizhals nackt auf Dornen, ringsum Geldsäcke. Von 
H. Burgkmaier; schon in Petrarca II, 133a. 

39) (Fol. 71a) Traumbild. Schon in Pinicianus' 'Scanderbeg' Fol. 1 a. 

40) (Fol. 72 b) Zweikampf. Ebenfalls im 'Scanderbeg' Fol. 4 a. 

41) (Fol. 73 b) Tischgesellschaft, ein Mann erbricht sich. Von H. Burgk- 
maier; schon in Petrarca I, 21a. 

42) (Fol. 77b) Totenbettscene. Von H. Burgkmaier; schon in Pe- 
trarca II, 155 b. 

43) (Fol. 78 b) Schiefsen nach dem toten Vater. Von H. Burgkmaier 
=: Petrarca II, 55 b (s. oben S. 96). 

44) (Fol. 79 a) Totenbettscene — Scanderbeg Fol. 237 b. 

Ich benütze die Gelegenheit, um einige Irrtümer über die erwähnte 
Petrarca - Übersetzung und ihre Holzschnitte zu berichtigen. Nagler 
(Monogrammisten 111,253) betrachtet das 'Glücksbuch, beydes defs 
Gutten vn Bösen', Augsb. 1539, und 'Von der Artzney beyder 
Glück', Augsb. 1532, als zwei verschiedene Werke. Das erstere soll 
Vigilius übersetzt haben und die Figuren sollen nicht von dem älteren 
Burgkmaier sein; an anderen Stellen schreibt er die Holzschnitte wieder 
Burgkmaier zu (so S. 255 und 577); das letztere läfst er ohne Angabe 
des Übersetzers und sagt von den Holzschnitten, dafs Seb. Brandt sie an- 
gegeben habe. Aufserdem spricht Nagler noch (S. 253 ff.) von Petrarcas 
'Trostspiegel', so dafs man glauben mufs, dafs er dieses als ein drittes 
verschiedenes Werk betrachte. — Hingegen ist zu bemerken, dafs alle 
drei Bücher nur eines und dasselbe sind. Der Übersetzer des ersten 
Teils ist ein gewisser Peter Stahel, 'Burger zu Nürnberg, nachf olger 
der Poeterey', der 1521 bereits verstorben war, der Übersetzer des zweiten 
Teils ist Georg Spalatiuus. Die Übersetzung war September 1521 schon 
abgeschlossen, sie ward auf Veranlassung zweier Augsburger, des Arztes 
Sigmund Gry mm und des Bürgers Marx Wyrsung, unternommen. 



102 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt*. 

wesentlich anderem Inhalt ^Schertz mit der Warheyt\ Das Bei- 
spiel wirkte anregend. Es ist gewifs kein Zufall, dafs ein paar 
Jahre nachher von der Mitte des sechsten Jahrzehnts an die 
deutschen Schwankbücher allüberall emporsprofsten. Wickram, 
Frey, Montanus, Lindener, V. Schuhmann und Kirchhoff be- 
zeichnen eine Reihe von Schwankdichtern, die alle mehr oder 
minder, neben anderen Einflüssen, auch den unseres Schwank- 
buches verraten. Am wenigsten noch Wickram, der mehr in 
der Form — kurze Darstellung mit Ausschlufs der Moral — 
als stofflich unter dem Einflufs von ^Schertz mit der Warheyt^ 
steht. Auch bezüglich der Quellen geht er nur in wenigen Fällen 
auf die unseres Schwankbuches (Bebel, Poggio, Petrarca, Gast 
u. s. w.) zurück — dazu fehlte ihm die humanistische Schulung — , 
er zog französische und italienische Quellen vor. Anders Frey, 



Das erfahren wir aus dem Dedikationsschreiben des Spalatinus, das dem 
ersten Druck (1582) vorangestellt ist. Wenn der Buchdrucker Steyner in 
seiner Vorrede bemerkt, dafs die 'wunder lustparlichen figurenn . . . nach 
visierlicher angebung des Hochgelerteu Doctors Seb. Brandt seligen auf 
jeglichs Capitel gestellt sind', so wollte er damit nicht sagen, dafs 
sie von diesem herrühren, sondern nur, dafs er die bereits vorhan- 
denen Zeichnungen oder Platten auf die einzelnen passen- 
den Kapitel verteilte. Brandt starb am 10. Mai 1521, seine Thätig- 
keit wird also nur dem ersten Teile gegolten haben. Doch wie dem 
auch sei, sicher ist — was auch aus meinen Angaben über die dem 
Trostspiegel entlehnten Holzschnitte oben hervorgeht — , dafs diese zum 
grofsen Teil nicht für den Petrarca gefertigt worden, sondern schon 
vorher, also noch vor 1521 vorhanden waren. Damit fällt auch die von 
Nagler gegen Burgkmaier geltend gemachte chronologische Schwierig- 
keit — Burgkmaier f 1531, Petrarca erst 1539, bezw. 1532 gedruckt — 
in nichts zusammen. — Goedeke, der die richtigen Verfasser der Petrarca- 
Übersetzung kannte, verfällt indes in zwei Irrtümer (Grundrifs I-, 392): 
er nennt den Übersetzer Stachel und datiert 'die Vorrede' Spalatins von 
1520. Stachel ist aber ein Druckfehler im ersten Druck des Buches I, 
144 a, ein Druckfehler, den auch Nopitsch (Fortsetzung von Will VIII, 
279) wiederholte. In Spalatins Dedikationsschreiben (und nicht Vorrede), 
das vom 8. Sept. 1521 datiert ist, wird der Übersetzer Stahel genannt. 
Eine BürgerfamiUe dieses Namens existierte damals in Nürnberg. Ein 
Peter Stahel war von 1475 — 1506 Juriskonsultus und Konsulent zu Nürn- 
berg. Unser Dichter war nach Nopitsch' Vermutung sein Sohn. Dafs 
er wirklich Stahel und nicht Stachel hiefs, geht daraus hervor, dafs er 
sich in einem lateinischen Werkchen Chalybs nannte (s. Nopitsch 1. c). 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 103 

Montanas, Lindner, Schuhmann und Kirchhoff, die teilweise direkt 
Stoffe aus ^Schertz mit der Warheyt' schöpften oder sich das 
Buch noch in anderer Hinsicht zum Muster nahmen. So z. B. 
dürfte die Aufnahme von Novellen aus Boccaccio bei jenen durch 
unsere Schwanksammlung veranlafst worden sein, auch die Wahl 
der übrigen Quellen, Poggio, Bebel, Pauli u. s. w., geht vielleicht 
darauf zurück. Das Eingehen auf Einzelheiten würde mich hier 
natürlich zu weit führen, ich verzichte also darauf. Nur bei 
einem Buche, das ebenfalls von 'Schertz mit der Warheyt' be- 
einflufst wurde, will ich eine Ausnahme machen. Es ist dies 
kein anderes als Paulis ^Schimpff und Ernst' selbst. Betrachtet 
man die nach ^Schertz mit der Warheyt' erschienenen Ausgaben 
— ich habe im Augenblicke nur die von 1569 (s. 1.) vor mir, 
vermute aber, dals es sich mit allen nach 1550 erschienenen 
mehr oder weniger ähnlich verhält — , so findet man, dafs sie 
mit vielen fremden Geschichten vermehrt sind. Die erwähnte 
Ausgabe, die sich durch ein viel handlicheres Format — sie ist 
in 8^ gedruckt' — von den schwerfälligen älteren Drucken des 
Buches und von 'Schertz mit der Warheyt' vorteilhaft unter- 
scheidet, enthält z. B. — neben zahlreichen aus Wickram, Bebel, 
Brant-Adelphus u. a. entlehnten Erzählungen — etwa zwei Dutzend 
Nummern, 2 die wörtlich aus ^Schertz mit der Warheyt' entnom- 
men sind. 

Dafs Hans Sachs unsere Sammlung gekannt und benutzt 
hat, habe ich schon an anderer Stelle gezeigt, und nicht nur er, 



* Die erste Ausgabe des Pauli in 8° scheint die 1543 bei GülfFerich 
in Frankfurt erschienene zu sein (Kat. 312, Nr. 481, von J. Baer & Co. 
in Frankfurt — Bibl. Lexer). Lappenberg (Ulensp. S. 374 fF.) giebt noch 
folgende 8'^-Ausgaben an: Gülfferich 1546, 1549; Zimmermann, Augsburg 
1549; W. Han, Frkf. 1556, 1557; G. Rabe und W. Han Erben 1563, 1567; 
Basse, Frkf. 1570, 1574, s. 1. 1577; Strafsb. 1582, 1583; Frkf. 1594, s. 1. 
1597 (zweite Ausg.), 1602, 1609, 1612, 1613, 1618, 1630, 1654, 1677, 1699; 
Freyst. 1771. Die bei Lappen berg (S. 377) unter Nr. 39 angegebene Aus- 
gabe, ohne Titelblatt ist mit Nr. 29 daselbst identisch. Erschöpfend dürften 
diese Angaben nicht sein, wie wir denn noch keine genügende Bibliogra- 
phie des Buches besitzen. 

^ So sind z. B. aus 'Schertz mit der Warheyt' entlehnt Bl. 43 b, 61b, 
66, 83a, 85a, 89a, 91b, 102b, 103b, 129b, 130a, 133a, 176b, 222a, 259b, 
278 b, 283, 288 b (drei Erzählungen) und 290. 



104 Über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 

sondern auch andere Dichter und Meistersänger verschmähten es 
nicht, für ihre Spiele und gereimten Schwanke zu dem Egenolff- 
schen Buche zu greifen. In einem früheren Aufsatze habe ich 
nachgewiesen, wie dasselbe gemeinsam mit Pauli in Holland aus- 
gebeutet worden und dafs dadurch Schwanke daraus auch ihren 
Weg nach Frankreich gefunden. 

Bevor ich schliefse, habe ich noch eines zu bemerken. Die 
engen Beziehungen zwischen SSchertz mit der Warheyt^ und dem 
anonymen ^Schimpif vnd Ernst^ von 1545 legen eine Vermutung 
nahe, der ich hier noch Ausdruck verleihen will, nämlich dafs 
beide Sammlungen möglicherweise einen Bearbeiter hatten. Das 
Verfahren, das der Sammler in dem jüngeren Buche eingeschla- 
gen, entspricht vollkommen dem in dem älteren Buche beobach- 
teten: hier und dort Kürzungen, Weglassung der Moral, kleine 
Änderungen, Ausschlufs obscöner Geschichten etc. Die Quellen- 
werke für die fremden Zusätze sind in beiden Büchern mehrfach 
die gleichen, und der Stil bei den aus dem Lateinischen über- 
setzten Erzählungen ist ganz derselbe. Nimmt man hinzu, dafs 
einerseits die Hauptvorlage für das Buch von 1545 die Ege- 
nolffsche Ausgabe des Pauli von 1538 war, und dafs anderer- 
seits ^Schertz mit der Warheyt^ aus der Egenolffschen 
Druckerei selber hervorging, so wäre es sehr zu verwundern, 
wenn das dazwischenliegende' Buch von 1545 nicht in irgend 
einer Beziehung zu Egenolff stünde. Dieses Buch erschien ohne 
Angabe des Druckortes und des Druckers. Ich weifs aber kaum 
jemand zu bezeichnen, der sonst die Herausgabe bewerkstelligt 
haben könnte, als Egenolif. Wenn er sich nicht nannte, so 
mochte er gute Gründe dafür haben. Das Buch enthielt einen 
Auszug aus dem ein Jahr zuvor bei einem anderen Frankfurter 
Buchdrucker erschienenen Beutherschen Reineke, es bot eine arge 
Verstümmelung der weitverbreiteten Paulischen Sammlung und 
— Egenolff war wahrscheinlich selbst der Kompilator. Seit 
H. Grotefends Festschrift über Egenolff (Christian Egenolff der 
erste ständige Buchdrucker zu Frankfurt a. M. etc. Frkf. 1881) 
wissen wir, dafs der Begründer der Buchdruckerkunst in Frank- 
furt a. M. eine gute humanistische Bildung besafs, mit bedeu- 
tenden Gelehrten, wie z. B. mit Melanchthon, freundschaftliche 
Beziehungen unterhielt und im lateinischen Briefwechsel stand. 



über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warheyt'. 105 

Schriftstellernde Buchdrucker waren in jener Zeit keine Selten- 
heit. Man kann also wohl ohne Bedenken ihn selbst für den 
Sammler des älteren und dann natürlich auch des jüngeren 
Schwankbuches ^ halten. Ob er jenes selbst gedruckt hat oder 
bei einem anderen hat drucken lassen — ich halte auf Grund 
von Typen vergleich ungen das letztere für wahrscheinlicher — , 
ist gleichgültig, denn die Pauli-Ausgabe von 1538, die er ver- 
legte, ist ja auch nicht von ihm, sondern von B. Grüninger in 
Strafsburg gedruckt worden. Mit dieser Konjektur, die übrigens 
nichts als Konjektur sein will, würde sich das nahe Verhältnis 
der beiden Bücher am einfachsten erklären. 

Es erübrigt mir jetzt noch, einen flüchtigen Blick auf die 
zweite Ausgabe von ^Schertz mit der Warhey t^ zu werfen. Ich 
gebe zunächst eine Beschreibung derselben: 

Schertz mit der Warheyt. — Kurtzweilige Gespräche/ 
— In Schimpff vnd Ernst Reden/ Vil höf- — lieber/ 
weiser Spruch/ lieblicher Historien vnd Leren. — 
Zu vnderweisung vnd ermanung / in allem thun vnd leben der — 
Menschen / Mit vilen Figuren vnd Exempeln / in Freud vnd Schertz 
Zeiten/ — zu erfrewung des Gemüts/ fürgebildet vnd zusamen bracht. 

Jetzund von newen wiedervmb ersehen/ gemehrt vnd — in 
Truck geben. 

Mit einem zu end angehenckten Register. 
[Titelbild.] 

Cum Priuilegio Imperiali nouo. — Getruckt zu Franckfort am 
Meyn/ Bei Christian Egenolffs Erben. — Im jar M.DLXIII. 

Format; Folio. Auf der Rückseite des Titelblattes sind vier 
Sprüche Salomonis angebracht, die der ed. princeps von 'Schertz 
mit der Warheyt^ entlehnt sind. Gleich auf dem zweiten Blatte 
beginnt der Text, der von 11 bis LXXXIV foliiert ist (einmal 



' Nagler (Monogr. III, 576) vermutet, ich weifs nicht, auf welche 
Gründe hin, dafs 'Burghard Waldis' 'wahrscheinlich' der Verfasser von 
'Schertz mit der Warheyt' sei. Ich halte diese Annahme für gänzlich 
grundlos. 

^ Die Kgl. Hof- und Staatsbibliothek zu München besitzt drei Exem- 
plare dieser Ausgabe, wovon eins durch die Censur arg verstümmelt und 
ein zweites, mir vorliegend, ohne Register ist. Weitere Exemplare finden 
sich in Dresden und in Kat. 194, Nr. 1389 von K. Tb. Völcker in Frank- 
furt a. M. 



106 über das Schwankbuch 'Schertz mit der Warhey f. 

falsch 67 statt 68). An das 84. Blatt schliefst sich das Register 
an, welches drei Blätter urafafst. 

Die Abweichungen dieser Ausgabe von der ersten sind nicht 
erheblich: der Titel ist, wie man sieht, etwas geändert, es fehlen 
ferner die schönen Holzschnitte zu Anfang (Trauung und Liebes- 
paare im Garten von H. Schäuffelein, und Maximilian und 
Maria von Burgund von H. Burgkmaier), und zwei andere im 
Innern des Buches (Fol. 12 a der ed. jprinc. = 13 b, und 49 b 
der ed. princ. = 53 a) sind durch Bilder aus Petrarcas ^Trost- 
spiegeF (I, Fol. 29a, bezw. I, 141b der Ausg. von 1532) ersetzt; 
eine einzige Erzählung, nämlich Nr. 10, erscheint textlich ge- 
ändert. Sie führt hier die Aufschrift: Keyser Octauianus 
bestellt eines verdorbenen kauffmanns (sie!) bett 
zukauffen. Anstatt die — Seh. entnommene — Fassung der 
ed. princ. zu adoptieren, ist man hier auf Pauli Nr. 503 — oder, 
wenn man die Ausgabe von 1538 (Strafsburg) zu Grunde legen 
will, auf Nr. 439 daselbst — zurückgegangen und hat diese Dar- 
stellung mit unbedeutenden Änderungen an die Stelle gesetzt. 

Sonst habe ich bei einem allerdings etwas flüchtigen Ver- 
gleich — abgesehen von ganz unbedeutenden textlichen und zahl- 
reichen orthographischen Abweichungen — keinerlei Änderungen 
wahrgenommen. Namentlich sind weder Erzählungen weggeblie- 
ben, noch neue hinzugekommen. Es ist also nicht gerechtfertigt, 
wenn die Ausgabe auf dem Titelblatte als ^gemehrt' bezeichnet 
wird. Ganz unbegreiflich ist es mir aber, dafs Oesterley (S. 7 
seiner Ausgabe von Pauli) behauptet, die jüngere Ausgabe von 
'Schertz mit der Warheyt^ enthalte ^etwa sechs^ Erzählungen mehr. 

Hugo Hayn in seiner Bibliotheca Germanorum Erotica 
S. 280 versichert, ^Es giebt noch andere Ausgaben^ Man wäre 
ihm dankbar gewesen, wenn er hierüber nähere Angaben hätte 
machen wollen, bezw. hätte machen können. Ich glaube nicht 
an deren Existenz. 

Nürnberg. A. L. Stiefel. 



I 



Goethes satirisch-humoristische Dichtungen 

epischer, gemischt und rein lyrischer Gattung. 

Zwischen den beiden Hauptgruppen der satirisch-humoristi- 
schen Dichtungen Goethes, der dramatischen und der epigram- 
matischen, Hegt noch eine kleinere Zahl vereinzelter poetischer 
Produkte, die dem Gebiete des Epos, des Liedes und der epi- 
schen und dramatischen Lyrik angehören, teils politischen Cha- 
rakters in der Richtung der zeitgeschichtlichen Lustspiele, teils 
litterarischen, meist in dichterischer Ausführung von Invektiven 
der Xenien. Wir beginnen unsere Besprechung mit dem frühe- 
sten von ihnen, der Reproduktion des 

Reineke Fuchs. 

(1793.) 

Aus der tiefen Verstimmung, in die ihn der Gang der fran- 
zösischen Revolution 1792/3 versetzt hatte, suchte unser Dichter 
sich zu retten, indem er die ganze Welt, wie er sagt (Camp, in 
Frankr., Hemp. A. XXV, S. 174), für nichtswürdig erklärte, 
wobei ihm denn durch eine besondere Fügung Reineke Fuchs 
in die Hände gekommen sei. ^Hatte ich mich bisher während 
der Campagne in Frankreich^, fährt er fort, ^an Strafsen-, Markt- 
und Pöbelauftritten bis zum Abscheu übersättigen müssen, so 
war es nun wirklich erheiternd, in den Hof- und Regentenspiegel 
zu blicken; denn, wenn auch hier das Menschengeschlecht sich 
in seiner ungeheuchelten Tierheit ganz natürlich vorträgt,' so 



' Vgl. Aufs, zur Kunst, Hemp. A. XXVIII, S. 562 : 'Den verschie- 
denen Charakteren, die sich im Tierreich aussprechen, borgt die Tierfabel 



108 Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 

geht doch alles, wo nicht musterhaft, doch heiter zu, und nir- 
gends fühlt sich der gute Humor gestört/ 

So machte er sich denn Ende Januar 1793 an *eine zwischen 
Übersetzung und Umarbeitung schwebende Behandlung^ des Ge- 
dichtes, und seine dieser ^unheiligen WeltbibeF gewidmete (An- 
fang Dezember desselben Jahres vollendete) Arbeit gereichte ihm 
zu Hause und auswärts, im Lager vor Marienborn, zu Trost und 
Freude (T.- u. Jahresh. 1793). 

An die Stelle der kurzen Reimpaare des Originals setzte er 
in der antikisierenden Richtung seiner klassicistischen Periode 
die epische Versart der Alten, den daktylischen Hexameter. 
Und, unbeirrt von den der Sprache aufgedrängten Vofsschen 
Quantitätsregeln, wufste er ihm ^eine Aisance und Zierlichkeit^ 
(an Fr. H. Jacobi 18. Nov. 1793) zu geben, durch die der Na- 
tion die ihr fremd gewordene Dichtung nicht am wenigsten wieder 
zugänglich gemacht und angeeignet worden ist.^ 

Der Held des Gedichtes ist ein loser Bösewicht, voller 
Ränke, Lügen und Listen, ein Heuchler, Verleumder und Ver- 
räter von Feind und Freund, der Diebstahl, Raub, Mord und 
Landfriedensbruch zu verüben sich nicht scheut und mit Eid, 
Ehe, Religion und allem Heiligen seinen Spott treibt. Unter 
den Schelmen und Schälken der Goetheschen Dichtungen, den 
Treufreund, Grofs-Cophta, Satyros, steht, von Mephistopheles 
zunächst noch abgesehen, obenan der Erzschelm Reineke. 

Vor den Richterstuhl des Königs geladen, beichtet er Grim- 



Intelligenz, die den Menschen auszeichnet, mit allen ihren Vorteilen, dem 
Bewufstsein, dem Entschlufs, der Folge, und wir finden es wahrschein- 
lich, weil kein Tier aus seiner beschränkten, bestimmten Art hinausgeht 
und deshalb immer zweckmäfsig zu handeln scheint.' 

* Während Gervinus (Poet. Nationallitt. d. D. V, S. 401) mit Beziehung 
auf Goethes Aufserung in den Annalen das Werk für ein schlecht ge- 
ratenes Exercitium im Hexametermachen erklärt, trägt V. Hehn (Goethe- 
Jahrbuch VI, S. 192) kein Bedenken, in Übereinstimmung mit Knebel 
die Hexameter der zwölf Gesänge des Reineke Fuchs die besten zu 
nennen, die überhaupt in deutscher Sprache in einem gröfseren Zusam- 
menhange gemacht worden seien. Empfindlichere Verstöfse gegen die 
Regeln der accentuierenden deutschen Rhythmik, wie II, V. 154 : *D^r 
krummbeinige Schloppe und d^r breitnasige Ludolf, sind in der That nur 
vereinzelt und selten. 



Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 109 

hart, seinem Verwandten, vor dem er bei gleicher Veranlassung 
schon einmal sein Sündenbekenntnis abgelegt hat (III, V. 255 f.), 
zum zweitenmal und entwirft dabei ein Bild vom Lauf der Welt, 
durch den er sein sündliches Treiben für entschuldigt, ja, be- 
rechtigt erklärt (VIII, 91—238). 

Denn wie geht es von oben herab? fragt er. Der edle 
König selbst raubt so gut als einer; alles an sich zu reifsen hält 
er seiner Würde gemäfs, und ihm, scheint es, gehört das Eigen- 
tum seiner Unterthanen. Keiner, Beichtiger oder Kaplan, wagt 
ihm die Wahrheit zu sagen; sie schweigen, weil sie den Eaub 
mit geniefsen. Ganz besonders liebt er sich Leute, die bringen 
und nach der Weise, die er singt, zu tanzen verstehen. Was 
er selber nicht nimmt, läfst er Bären und Wölfe holen ; sie stehlen 
und rauben und sind am Hofe vor allen ausgezeichnet. Die 
kleinen Diebe hängt man, die grofsen verwalten das Land und 
die Schlösser (vgl. X, 314—327, 399—402). Ein jeder sieht es 
und schweigt; er denkt an die Reihe zu kommen. Was aber die 
Mächtigen einmal genommen haben, ist dahin ; einer Klage giebt 
man wenig Gehör, und sie ermüdet zuletzt. 

Allerdings verdienen auch wenige unter der Menge, gute 
und gerechte Herren zu haben; denn das Gute von diesen ver- 
schweigt sie, forscht nur nach dem Bösen und erfindet noch 
dazu. Das Schlimmste aber (und dieser Passus, V. 152 — 160, 
in dem er seinem Unmut über die demokratischen Gesinnungen 
der Zeit Ausdruck giebt, ist von Goethe eingeschoben), das 
Schlimmste ist der irrige Wahn, es könne ein jeder die Welt 
beherrschen und richten, und das Bestreben, während er sich 
selbst alles zuläfst, die anderen mit Gewalt zu beherrschen. So 
sinkt die Welt immer tiefer ins Arge. Falsche Propheten und 
Heuchler betrügen sie schändlich; jeder lebt nur so hin, treu- 
liche Ermahnungen nimmt er leicht und entschuldigt sein sünd- 
liches Thun wohl mit dem bösen Exempel, das die Pfaffen 
geben, indem er für die guten Werke der frommen Priester kein 
Auge hat. 

Denn freilich steht es um den Stand der Geistlichen gar 
schwach und gebrechlich. Um ihr Gelübde unbekümmert, treiben 
sie alles, was ihnen beliebt, vor aller Augen. Ihr Sinn ist auf 
weltliche Dinge übermäfsig gerichtet: sie kleiden sich köstlich, 



110 Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 

essen lecker, vergehen sich mit Weibern und haben Kinder, die 
sie zu versorgen und zu Ehren zu bringen wissen. Selten findet 
sich ein fürstliches Land, in dem sie nicht Zölle erheben und 
Einkünfte aus Besitztümern beziehen. Ihre Werke stimmen nicht 
zu ihren Worten : sie predigen einem jeden, dafs er für den Bau 
der Kirche steuere, ohne selbst ihr Gutes zu thun. Die Mönche 
lieben es, bei den Reichen zu schmarotzen. Wer im Kloster gut 
zu schwätzen versteht, wird im Orden erhoben und erfreut sich 
müfsigen Wohllebens, während den anderen der Dienst und 
schmale Kost zufällt. Und, was die Legaten des Papstes und 
Prälaten, die Äbte und Pröpste betrifft, heilst es überall: ^Gebt 
mir das Eure und lafst mir das Meine.' 

So vortrefflich kennt Reineke, Vie die Welt nun besteht 
und alle Dinge sich fügen', und er baut auf diese Kenntnis die 
Grundsätze seiner Lebensführung. Es sind gefährliche Zeiten, 
in denen es unmöglich ist, sich so heilig wie im Kloster zu be- 
wahren. Sieht er also das Gebaren der Grofsen im Reiche, 
nun, so spielt er halt auch sein Spiel und denkt daneben bei 
sich, es müsse ja wohl recht sein, da so viele es thun. Freilich 
regt sich dann auch das Gewissen und zeigt ihm von ferne 
Gottes Zorn und Gericht, und da fühlt er denn Reue im Herzen; 
doch währt es nicht lange. So bleibt ihm allerdings die Sünde, 
aber er trägt dafür auch den Gewinn davon. 

Denn, was ihn vor allen auszeichnet, ist sein Witz, seine 
Gewandtheit und Klugheit. Die Starken und Mächtigen sind 
ein plumpes und tölpisches Volk (XI, 263), die Menge weifs 
nicht zu denken und zu wählen, ist einfältig, stumpf und unge- 
schickt (Vin, 99—100, 170, 253). Im Bewufstsein seiner Über- 
legenheit (Vn, 189 f.) und Unentbehrlichkeit (III, 222 f., VII, 
121 f., IX, 211 f., 335 f.) triumphiert er daher über alle. In 
allen Fährlichkeiten weifs er Rat, ^aller Orten kennt er ein Loch 
und weifs sich zu helfen' (XZI, 6). Selbst seinem Könige ge- 
lingt es ihm ^einen flächsenen Bart und eine wächserne Nase zu 
drehen' (VI, 140) und ^die bunte Schellenkappe über die Ohren 
zu schieben' (ebd. 275). Er rettet sich von dem drohenden Gal- 
gen durch die unverschämtesten Lügen, mit denen er die Hab- 
gier des Herrscherpaares ködert. Alle, die ihm zu schaden ge- 
dacht, müssen zuletzt die Zeche bezahlen (VI, 208); er selbst. 



Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 111 

der am Hofe Unentbehrliche, wird in seine Ehren wieder einge- 
setzt und zum Kanzler des Reiches erhoben, dafs er an des 
Königs Stelle hinfort rede und handle und, was er thun und 
schreiben möge, gethan und geschrieben bleibe. — 

Die Satire im Reineke Fuchs trifft, wie man sieht, in erster 
Linie Zeitschäden, das im Verlaufe des Mittelalters entwickelte 
Verderbnis in Kirche und Staat, das zur Reformation führte. 
Goethe konnte sich nicht enthalten, auch verwandte Erscheinun- 
gen der Gegenwart, der ihn so tief erschütternden Revolution, in 
ihren Kreis zu ziehen, in dem oben angeführten Einschiebsel^ 
den demokratischen Schwindelgeist, der die Menschen ergreife, 
zu brandmarken und wie einst Luther (M. L. als deutscher Klas- 
siker II, S. 342 'Hausregiment^ und sonst) und er selbst schon 
in der Schlufsscene des Bürgergenerals noch einmal seine mah- 
nende Stimme zu erheben, dafs doch jeder vor allem sein Haus, 
Weib, Kind und Gesinde in Zucht und Ordnung halten möchte. 
Die Satire unseres Epos aber enthält neben bestimmten histo- 
rischen Beziehungen noch Züge allgemeineren Charakters und 
gilt zugleich Erscheinungen der moralischen Welt, die allen Zeiten 
gemeinsam sind. Sie geifselt insbesondere die blöde Einfalt und 
den blinden Nachahmungstrieb, die Schafs- und Aifennatur der 
Menge (VIH, 251, 169 f.), und Reineke selbst ist, wie Goethe 
an Frau v. Kalb schreibt (28. Juni 1794), ^der Ahnherr jenes 
Geschlechtes, das auch in unseren Zeiten an Höfen, besonders 
aber in Republiken, sehr angesehen und unentbehrlich ist.^ ^Vor 
Jahrhunderten^, sagt das Xenion des Xenienalmanachs Nr. 362, 
^hätte der Dichter dieses gesungen? Wie ist es möglich? Der 
Stoff ist ja von gestern und heut.' 

Nach der Weise also, in der Goethe das ^köstliche Werk' 
gewürdigt und sich angeeignet hat, sind wir berechtigt, auch 
die Satire desselben ihm mit der nötigen Einschränkung zu vin- 
dizieren und unter seinen einschlagenden Dichtungen zur Sprache 
zu bringen. 



' Nur in dieser Stelle, nicht 'hier und da', wie Gervinus sagt (Gesch. 
der poet. Nationallitt. V, S. 401), der unserem Dichter entschieden unrecht 
thut, wenn er ihn 'mit lächelnder Behaglichkeit die schrecklichen Übel 
der Gesellschaft beleuchten' läfst. 



112 Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 

Deutseher Parnafs, 

(1798.) 

Die verbündeten beiden Dichter, Goethe und Schiller, in 
ihren besten Bemühungen um die ästhetische Kultur der Nation 
verkannt, retardiert und gehudelt (G. an Seh. 24. Nov. 1797), 
hatten zur Bekämpfung des Gemeinen und Mittelmäfsigen, von 
dem sie die Litteratur beherrscht sahen, insbesondere zur Be- 
freiung der Poesie von der Unterordnung unter Moral und Re- 
ligion (Xen. 177, 311, Tab. vot. 97 u. a.) eine martialische Truppe 
geharnischter Epigramme aufgeboten und einen vernichtenden 
Feldzug in das Land der Philister unternommen. Ein Sturm 
sittlicher Entrüstung brach über die Duumvirn herein, die, ihrem 
erhabenen Berufe untreu, %rer hohen Würde uneingedenk' 
(v. Hennings, Sehr, der G. Ges. VIII, S. 174; Wieland, Merc. 
1797, Bd. I, S. 183; G. an Seh. 24. Nov. 1797), den gemütlichen 
Frieden des alten Regimes, des goldnen Weltalters der Litteratur 
(Seh. an G. 18. Dez. 1798, Xen. 309—318) so mutwillig und 
frevelhaft gestört hatten. Von den Gröfsen des letzteren waren 
es besonders Wieland und Gleim, die, wenn auch nur leicht ge- 
streift (Xen. 76 u. 280, 343/4), doch schwer verletzt, ihrem Un- 
mut lebhafteren Ausdruck gaben. Der erstere legte in einem 
Dialog (Merc. 1797, Bd. I, S. 181) mit diplomatischer Klugheit 
seinem Unterredner die Worte in den Mund, dafs die poetischen 
Titanen sich im Augenblick einer wilden bacchantischen Geistes- 
trunkenheit alles erlaubt hätten. Der alte invalide Grenadier 
erhob sich zu poetischer Gegenwehr und richtete gegen die 
^Schreckensmänner' (Nr. 27) und ^Mörder der Humanität^ (N. 39) 
ein Büchlein Antixenien, 'Kraft und Schnelle des alten Peleus^, 
worin er freilich nur den Beweis erbrachte, dafs ihm, was die 
Xenien ausgesprochen, von der 'Kraft und Schnelle^, die er einst 
bewährt, in der That nichts geblieben war. Er jammert darin 
über den 'schweren SündenfalF (N. 61) und den Sittenhafs der 
Xeniendichter (N. 8, 27), über den Einbruch hochborstiger Faunen 
des Thüringer Waldes ins Thal der stiUen Musen (N. 20) und 
über den Untergang der schönen Zeit, als Klopstock noch Homer 
und Uz Auakreon gerufen wurde, keine Faunen mit ihrem Wolfs- 
geheul und Tigerungestüm die Tänze der Musen störten ; Apollo 



Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. Il3 

noch, niclit Priapus, auf dem Helikon Gott war, alle Sänger noch 
ihre Lieder einander vortrugen, alle sich wie Brüder liebten (N. 26). 
Mit der Priapusverehrung zielt er natürlich auf Goethe, seine 
Römischen Elegieen und den Wilhelm Meister, ganz im Sinne 
des befreundeten Herder, der sich verstimmt immer entschiedener 
auf die Seite der Alten schlug (Von u. an Herder I, S. 244 f.) 
und in den ^Briefen zur Beförderung der Humanität' (1793/7) 
überall die alte Philisterleier durchklingen liefs, dafs die Künste 
sich dem Sittengesetz zu subordinieren hätten.' Aus diesen An- 
schauungen der älteren Dichtergeneration also heraus und in 
ihrem Geiste, aber mit der Überlegenheit des poetischen Genies 
schuf Goethe im Juni 1798 für den Musenalmanach des folgenden 
Jahres das von Schiller 'Sängerwürde' getaufte ironisierende Ge- 
dicht, worin 'der Hüter des Parnassus' (Tgb. 15. Juni 1798) das 
dem hehren Musendienst geweihte Leben der edlen Brüder und 
Schwestern in Apoll auf dem heiligen Berge, den Einbruch einer 
von gottvergessenen Parnassiern selbst geführten wilden bacchan- 
tischen Schar und die Abwehr des profanen Geschlechtes in 
lebendig monologischer Darstellung und bedeutsamem Wechsel 
der Rhythmen- schildert. 



* G. an H. Meyer 20. Juni 1796: 'Und so schnurrt denn auch wieder 
durch das Ganze die alte halbwahre Philisterleier, dafs die Künste das 
Sittengesetz anerkennen und sich ihm unterordnen sollen. Das erste 
haben sie immer gethan und müssen es thun, weil ihre Gesetze so gut 
wie das Sittengesetz aus der Vernunft entspringen; thäten sie das zweite, 
so wären sie verloren, und es wäre besser, dafs man ihnen gleich einen 
Mühlstein um den Hals hinge, als dafs man sie nach und nach ins Nützlich- 
platte absterben liefse.' Vgl. an Kayser 4. Dez. 1785: 'Der moralische 
Geschmack ist der schlimmste für den Künstler und der glücklichste für 
den Pfuscher.' D. u. W. B. 12, W. A. 28, S. 148 : 'Ein gutes Kunstwerk 
kann und wird moralische Folgen haben, aber moralische Zwecke vom 
Künstler fordern, heifst ihm sein Handwerk verderben.' 

^ Das Gedicht ist in trochäischem Metrum verfafst. Bis V. 185 kom- 
men in unregelmäfsiger Folge, abgesehen von einer Monopodie, vier- und 
zweifüfsige Trochäen, die ersteren etwa um das Doppelte überwiegend, in 
Anwendung; der Rest verläuft in lauter Tetrapodieen. Alle Verse sind 
bis auf zwanzig gereimt, an neun Stellen ist der Reim ein dreifacher. 
Vom Beginn des Gedichtes bis V. 94 sind die Verse ruhig ausklingende, 
die Reime also weiblich; mit dem Eintritt des aufregenden Momentes 
V. 95 gleichsam stockenden Atems abbrechende, katalektische, also mit 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. 8 



114 Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 

Ein Liebling Apolls ist er, in den paradiesischen Gefilden 
des Parnasses nach dem Willen des Gottes von den Musen auf- 
erzogen, die ihm das Siegel der Reinheit und Keuschheit auf die 
Lippen gedrückt haben. Die himmlischen Gesänge der Nachti- 
gallen^ lehren ihn von Liebe träumen, und es wächst in seinem 
Herzen die Fülle der edlen geselligen Triebe. Denn Apoll be- 
lebt die Stille seines Gebietes: es kommen die Edlen alle, denen 
er gewogen ist, dieser heiteren, jener ernsten Wesens, und ein an- 
derer, der, von verzehrendem Liebesleid kaum genesen, in der 
Dichtkunst den Wiedergewinn der alten Kraft und Lebensfreu- 
digkeit sucht; denn, Vas Amor ihm entwendet, kann Apoll nur 
wiedergeben,'^ Ruh und Lust und Harmonieen und ein kräftig 
rein Bestreben.^ ^ Den Diener des Gottes aber drängt es vor 
allem zu einem Mahnruf an die Brüder, die Poesie um ihrer 
sittlichen Wirkung willen hochzuhalten, einem Mahnruf, in dem 
allerdings die Begeisterung argumentiert; denn die Lieder, erklärt 
er, sind den guten Thaten gleich, da niemand dem verirrten 
Freunde besseren Rat zu geben weifs, als der Sänger, und gute 
Thaten wirken bis in Zeiten fort, in die menschliches Thun sonst 



männlichen Reimen, und diese setzen sich bis V. 126 fort. Zur Schilderung 
des bacchantischen Chores, V. 102—122, ist eine fortlaufende Reihe von 
Kretikern (katalekti sehen Dipodieen) verwendet. Von V. 127 — 185 über- 
wiegt wieder die Zahl der vollständigen Trochäen. Mit V. 186 endlich, 
allerdings an einer Stelle, wie Düntzer mit Recht bemerkt, wo es dem 
Inhalte nicht entspricht, erscheint eine in vierzeilige Strophen zerlegbare 
regelmäfsige Folge von Tetrapodieen mit gekreuzten weiblichen und männ- 
lichen Reimen und setzt sich bis zum Schlüsse fort. 

^ Vgl. Philomele (1782): Von Amor erzogen, 'Trifft mit der Liebe Ge- 
walt nun Philomele das Herz', und Die Musageten (1799): 'Die lieberfüll- 
ten Sänger — Regten zartes neues Sehnen.' 

2 Vgl. Alexis und Dora (1795) V. 157/8: 'Heilen könnt die Wunden 
ihr (Musen) nicht, die Amor geschlagen; Aber Linderung kommt einzig, 
ihr Guten, von euch.' 'Die heilenden Kräfte der edlen Dichtkunst' werden 
auch in den Wanderjahren II, 5 berührt, und schon Theokrit sagt im 
Cyklop V. 1 : 'Nicht ist gegen die Liebe gewachsen ein anderes Heilkraut 
AuTser den Musen allein.' 

^ Vgl. Goethe an Knebel 19. Jan. 1798: 'Harmonische Stimmung zu 
geben und manches anzuregen, was — so oft nur stockt, sollte von Rechts 
wegen die beste Wirkung der Poesie sein', und an Schiller 28. Febr. 1798: 
'Was ist denn an unserem ganzen bifschen Poesie, wenn es nicht belebt 
und für alles und jedes, was gethan wifd, empfänglich macht?' 



Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 115 

nicht reicht. Uod schon hört er in der Feme die Saiten voü 
gewaltigen Götterschlägen ertönen; Sänger rufen zu Recht und 
Pflichten und bewegen singend und dichtend ziu* Erfüllung der 
erhabensten Aufgabe des Menschen, der Bildung aller KräfteJ 
Auch .mit den holden Blüten der Phantasie schmücken sich 
ringsumher alle Zweige, die bald eine zauberhafte Fülle goldner 
Früchte beugt. Und wie die edlen Männer lockt es auch die 
besten Frauen in dies wonne volle Land. Beseelt vom Hauch 
der Musen, singt das zarte Mädchen schon würdige Lieder, setzt 
sich zu den Schwestern, und in immer zarteren Weisen ertönt 
alsbald ihr Wettgesang. Nur eine sucht fern von ihnen in der 
Einsamkeit der Natur- die Stille des Herzens, die Amor ihr ge- 
raubt, trägt, was die Männer nicht verdienen,^ ihre lieblichen 
Gefühle, in die Waldesschatten und verliert sich, ohne die Mit- 
tagsschwüle und Abendkühle zu achten, in die Felder. Der 
Diener Apolls heifst die Muse ihr still entgegengehen, dafs sie 
an ihrem Busen (wie der liebeskranke Mann) die verlorene Ruhe 
endlich finde. 

Plötzlich vernimmt er wüstes Geschrei und Getümmel; ein 
wilder bacchantischer Zug, Mann und Weib, wein- und liebes- 
trunken, nur mit Tigerfellen angethan, die umherschlagend die 
nackten Leiber zeigen, dringt unter den gellenden Klängen me- 
tallener Becken in den heiligen Bezirk. Die Büsche werden ge- 
knickt, die Blumen niedergetreten, alles flieht. Doch der treue 
Hüter, auf seines Gottes Hilfe trauend, ruft die Genossen zu 
gemeinsamer Abwehr auf. Und schon prasseln vom Gipfel des 
von ApoU erschütterten Berges Steine herab, um als Waffen 
gegen die fremde wilde Brut zu dienen, schon hat er die Hand 
zum Wurf erhoben, da sieht er mit Entsetzen, dafs es Brüder 
sind, die mit den Klapperblechen der wüsten Schar im Takt 
vorausziehen und ihr die Wege zeigen. Flucht scheint geboten, 
doch zuvor soll ein kräftiges Wort den Frechen begegnen, dafs 



* Herders Ideal der Humanität ist die harmonische Entwickelung 
und Bethätigung aller Kräfte, die in der menschlichen Natur liegen. 
2 Vgl. Idylle V. 37: 'Die Liebe sucht die Einsamkeit.' 
^ Vgl. G. an A. Gr. v. Stolberg 20. Mai 1776: 'Was rechte Weiber 
sind, sollten keine Männer heben', und Rom. El. G, V. 135 : 'Geh ! Ihr seid 
der Frauen nicht wert.' 

8* 



116 Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 

sie ihrer hohen Götterwürde so weit vergessen haben, den rohen 
Thyrsus zu schwingen und das abscheuliche Tier Silens im hei- 
ligen Musenquell zu tränken J Umsonst; von Scenen wüstester 
Sinnlichkeit sieht er die keuschen Schatten des Hains entweiht; 
Weiberhafs und -Verachtung triumphiert, Faunen ringen mit 
Nymphen, und Phöbus leuchtet zu ihrem frechen Treiben mit 
Verdrufs. Doch nicht lange mehr, hoift er, werde dieser es dulden. 
Schon erblickt er von weitem Wolkenzug und Rauch und ahnt 
das rächende Nahen des Gottes, der nicht nur über der Leier, 
sondern auch des Bogens Saiten gebietet.^ Und er beschwört 
die Abtrünnigen, auf seiner Liebe Bruderwort zu hören, vor dem 
Grimm Apolls zu fliehen und den Zug von dem heiligen Boden, 
wo nur das Edle Wert habe, hinwegzulenken. Doch, wenn sie, 
der Lust am schrankenlosen Spiele müde, einst zurückverlang- 
ten, möchten sie als reuige Pilger wiederkommen. Freude sei 
bei allen Göttern, wenn sich der Verirrte finde,^ und, von den 
Brüdern freudig aufgenommen, würden sie verklärt der musischen 
Gemeinde in Zukunft doppelt angehören. — 

Allerdings nun haben ^der warme und ernste Ton des Ge- 
dichtes^ (Y. Hehn, G.-J. VI, S. 324) und so manches specifisch 
Goethesche darin, das in den obigen Anmerkungen nachgewiesen 
ist, über seinen Charakter zu täuschen vermocht.^ Indessen läi'st 



» Vgl. das Bacchanal im Faust II, 3, V. 10030 f.: 'Und nun gellt 
ins Ohr der Cymbeln mit der Becken Erzgetöne; Denn — Dionysos — 
Kommt hervor mit Ziegenfüfslern, schwenkend Ziegenfüfslerinnen, Und 
dazwischen schreit unbändig grell Silenus öhrig Tier. Nichts geschont! 
Gespaltne Klauen treten alle Sitte nieder' u. s. w^. 

^ Xenie, W. A. V, 1, S. 269: 'Saiten rühret Apoll, doch er spannt 
auch den tötenden Bogen.' 

3 Der Gott und die Baj. V. 97: 'Es freut sich die Gottheit der reuigen 
Sünder.' 

^ Auch mich in dem Artikel des Arch. für Litteraturgesch. IX, S. 200 f. 
Wenn ich übrigens in der Darstellung des Gedichtes vom Wesen und 
Wirken der Poesie die eigensten Anschauungen unseres Dichters zu finden 
glaubte, so schwebten mir insbesondere die echt Goetheschen Verse 39 — 42 
und bei V. 53 Oden, wie 'Das Göttliche': 'Edel sei der Mensch, Hilfreich 
und gut !' u. s. w. vor. Nimmermehr jedoch habe ich Goethe die Philister- 
ansicht zuschreiben wollen, dafs die Poesie moralische Zwecke zu verfol- 
gen habe. Die S. 201, Anm. 3 von mir angeführten Parallelstellen aller- 
dings, durch die ich V. 46/7 des Gedankenknäuels V. 43/9 als Goethesch 



Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 117 

eine unbefangene Vergleichung der Aufserungeu Gleims und des 
Gleimschen Kreises keinen Zweifel an seiner satirischenT e ndenz, 
die schon die verschwenderische Fülle und Überschwenglichkeit 
der Attribute verrät, womit die Dichterstätte und der Dichter- 
beruf charakterisiert werden.' Mit lächelndem Humor giebt 
Goethe sich und den Freund als die abtrünnigen Brüder preis, 
die ein bacchantisch schrankenloses Unwesen in die Poesie ein- 
geführt.2 Aber, während Gleim über ihren ^SündenfalF lamen- 
tiert, läfst er zur Beschämung des unduldsamen Eiferers den 
Parnassushüter brüderlicheren Sinnes den Verirrten Umkehr pre- 
digen und das antik gewendete Bibelwort von der Freude im 
Himmel über den Sünder nachrufen, der Bufse thut. Zum Über- 
flufs endlich ist die Tendenz des Gedichtes auch urkundlich be- 
glaubigt. Schiller, dem Goethe das Gedicht zur Aufnahme in 
den Musenalmanach ohne Überschrift zurückgelassen, schreibt an 
diesen, 23. Juli 1798, er finde dafür gerade keinen passenderen 
Titel als 'Sänger würde', der die Ironie verstecke und doch die 
Satire für den Kundigen ausdrücke, und Goethe erwidert zwei 
Tage darauf, derselbe übertreffe an Yortrefflichkeit alle seine 
Hoffnungen. Später jedoch wurde er aufgegeben und zuerst durch 
'Dithyrambe', endgültig durch 'Deutscher Parnafs' ersetzt. 

Der neue Alcinous. 

(1803.) 

Ein zweites satirisches Gedicht Goethes in monologischer 
Form und lyrisch-epischen Charakters gilt dem in den Xenien 



zu erweisen suchte, sind nicht beweiskräftig, ebensowenig wie die Schlufs- 
verse des Aufsatzes für junge Dichter, durch die D. Jacoby (G.-J. VI, 
278; XIV, 206) sie als ungoethesch abgelehnt erachtet. 

' Wie der um die Erklärung des Gedichtes verdiente D. Jacoby G.-J. 
VI, 277 u. XIV, 204 mit Recht hervorgehoben hat. 

^ In dem Bacchantenchor mit seinen Faunen und Nymphen, dem die 
Brüder die Wege zeigen, sehe ich nur eine dichterische Versinnlichung 
dieses Gedankens. Wenn D. Jacoby in ihm die Jüngeren erblickt, die 
der älteren Generation unbequem wurden, G.-J. XIV, 204, so ist zu be- 
merken, dafs die Romantiker, die er im Sinne hat, bisher noch keineswegs 
in der Weise hervorgetreten waren, dafs ihnen die Rolle der rasenden Brut 
hätte zugeteilt werden können. 



118 Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 

bereits (von Schiller) gegeifselten Kotzebue. Sein berühmtes 
Ehebruchsdrama 'Menschenhafs und Keue^ fertigte das grobe Epi- 
gramm Nr. 271 ab, und ^die splitternackende Natur' in Nr. 396, 
wie ^der nasse Jammer' auf der Bühne in Nr. 400 zielte neben 
Iffland besonders auf ihn. Fortgesetzt wurden die Angriffe gegen 
seine 'Natürlichkeiten, Rührungen und Moralitäten', von den Ro- 
mantikern, von Tieck in den Schildbürgern (1796) und im Ge- 
stiefelten Kater (1797) und von A. W. Schlegel in Recensionen 
der Jenaischen Allgemeinen Litteraturzeitung. Dafür sah er sich 
von verwandten Geistern, wie von K. A. Böttiger im Neuen 
Deutschen Mercur (1800) und wie von G. Merkel in den Briefen 
an ein Frauenzimmer über die neuesten Produkte der schönen 
Litteratur (1800/3), gepriesen, ja, ein dramatisches Genie ersten 
Ranges genannt. Er selbst aber rächte sich an seinen Gegnern 
durch satirische Possen und Lustspiele. Im 'Hyperborei sehen 
EseF (1799) verhöhnte er die Romantiker, indem er, wie sein 
Gesinnungsgenosse Nicolai in den Adelheidbriefen, eine Person 
aus Sentenzen des Athenäums und der Lucinde witzlos zusammen- 
flickte (Haym, Die romant. Schule S. 732 u. 762). Mit dem 
Berliner Aufklärer teilte er auch den Hafs gegen den transscen- 
dentalen Idealismus der neuen strebenden Philosophie Kants, 
Fichtes und Schellings und machte ihm namentlich gegen den 
ersteren, ihren Urheber, in dem Lustspiel 'Der Besuch oder die 
Sucht zu glänzen' (1801) Luft. Auch die von dem Schotten 
J. Brown begründete, in Jena neben dem Professor Marcus vom 
Professor Röschlaub vertretene Erregungslehre in der Heilkunde, 
deren Anhänger auf der Seite Kants und der Naturphilosophie 
standen, verfiel seinem Spott in der Posse 'Das neue Jahrhun- 
dert' (1801). Natürlich mufste ihm bei seiner entschiedenen 
Richtung nach der alltäglichen Wirklichkeit nicht minder der 
antikisierende klassische Idealismus der Kunstanschauungen 
Goethes, insbesondere die von ihm seit 1800 eingeführte Masken- 
komödie (T.- u. Jahresh. 1800/2), ein Dorn im Auge sein. In- 
dessen wagte er sich zunächst nur gelegentlich einmal (in der 
'Sucht zu glänzen') gegen den Allmächtigen mit einem Stich auf 
die Propyläen heraus. In Weimar, wo er 1799 und 1801/2 seinen 
Wohnsitz genommen hatte, fand er bald einen ansehnlichen Kreis 
eifriger Verehrer und Parteigänger. Seine glänzende ökonomische 



Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 119 

Lage ermöglichte es ihm, ein Haus zu machen. ^Man schmauste 
behaglich an seiner wohlbesetzten Tafel und ergötzte sich an 
den mannigfachen Zeitvertreiben, die der erfindungsreiche Wirt 
zur Unterhaltung seiner Gäste ersann' (G.-J. VI, S. 65). Zugleich 
aber ward ihm, als dem geschickten Beherrscher der Bühne, auf 
dem heimatlichen Boden ein besonders reiches Mafs huldigender 
Bewunderung zu teil, in Weimar imd Umgebung, ungerechnet die 
Menge des Theaterpublikums, von dem oben genannten Böttiger, 
von Wieland ' und vom verwitweten Hofe, dessen Orakel der 
letztere war, in Jena (wo er vor dem nach Weimar führenden 
Thore einen von einem Kirchhof begrenzten Garten erworben 
hatte und das gesellschaftliche Kegelspiel pflegte, Schiller an G. 
15. Juli 1799) neben anderen von dem berühmten Anatomen 
Loder, einem Gegner der neuen medizinischen Schule. Allerdings 
sah er sich von dem Goetheschen Kreise ausgeschlossen, und es 
gelang dem eitlen Manne ungeachtet mancher anklopfenden Ver- 
suche nicht, Zutritt zu dem 'geistlichen Hofe' Weimars (Falk, 
G. S. 182) zu erhalten. Er sann daher auf Rache und bereitete 
für den 5. März 1802 zu Ehren Schillers eine grofse Exhibition 
vor in der Absicht, dem stolzen Günstling des Glückes zu zeigen, 
da/s es noch andere Götter neben ihm gebe, Schillers Wohlwollen 
zu erschleichen und ihn von Goethe abzuziehen (T. u. Jahresh. 
1802). Der Plan wurde vereitelt. Einen ausführlichen Bericht 
über den ganzen Vorfall hat die Gräfin Henriette v. Egloifstein 
(G.-J. VI, 59 f. G.s cour d'amour) hinterlassen, die, in das In- 
triguenspiel des ihr unsympathischen Kotzebue arglos verwickelt, 
in den Ruf kam, es mit ihm zu halten. Nachdem es nun diesem 
mit seinen versteckten Bemühungen, Goethes Ansehen zu schädi- 
gen, milsglückt war, beschlofs er, zu offener Fehde zu schreiten 
und eine eigene Zeitschrift zu begründen, in der er seine Angriffe 
zugleich gegen ihn und die Romantiker richten könnte. Er ver- 
band sich also mit dem seit 1800 in Berlin lebenden Merkel, 
um vom 1. Januar 1803 an 'den Freimütigen' herauszugeben, in 

* 'Wieland nannte ihn in Briefen an Böttiger einen verzärtelten Günst- 
ling der Musen, zergliederte seine Stücke als Meisterwerke und erklärte 
die Hussiten vor Naumburg für das non plus ultra dessen, was die tra- 
gische Muse über die Gemüter vermöge' (Gervinus, Gesch. der poet. Na- 
tionallitteratur der Deutschen V, 552). 



120 Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 

dem die ruhige Partei des guten Geschmacks und der gesunden 
Vernunft dem Haufen der litterarischen Renommisten entgegen- 
treten sollte und die Kritik durch keinen berühmten Namen und 
noch weniger durch eine Würde im Staat sich würde imponieren 
und verleiten lassen, ein mittelmafsiges oder gar schlechtes Pro- 
dukt zu bewundern (s. Koberstein, Gesch. der deutschen Natio- 
nallitteratur IV, S. 74 f.). 

Diese Koalition der beiden Widersacher gab Goethe die An- 
regung zu unserem Gedichte, einem in seinem ersten Teil den 
Freunden, in seinem zweiten den Feinden gewidmeten Monologe 
Kotzebues. 

Der neue Alcinous beginnt mit der Aufforderung an jene, 
sich die Herrlichkeiten des alten Phäakenkönigs aus dem Sinn 
zu schlagen und in seinen Garten zu kommen, den modernen, 
der sich zwar nicht des besten Bodens, aber der schönsten Lage, 
'recht im Mittelpunkt der Dichtung nächst an Jena gegen Weimar^, 
erfreue' und von guten fühlenden Seelen mit Bäumen ausge- 
stattet sei, unter deren Schatten er leben wolle. Gleich an der 
Mauer des Kirchhofs, an die sich der Garten 'zu ganz gewisser 
Rührung^ lehnt, hat der gute Loder der dort verwesenden Toten 
wegen Lebensbäume gepflanzt. Vom Würzburger Theaterdirektor 
Grafen v. Soden sind ihm für jedes Stück vierzehn Stämmchen 
aus dem besten Boden zugeschickt; sollten nicht alle Wurzel 
schlagen, gedenkt er neue Stücke zu schreiben. Von seinen Ver- 
legern hat ihm der Leipziger Kummer Mispeln, der dicke Ber- 
liner Sander einen Korkbaum gestiftet. Bedenklicher Natur aller- 
dings sind die Gaben der ihm befreundeten Kritiker, die unge- 
niefsbaren Schlehen ^ des scharmanten kleinen Merkel statt der 
versprochenen Pflaumen und die Hahnebutten Böttigers, die durch- 
frostet zwar leidlich schmecken, aber von häfslicher Nachwirkung 
sind. Erfreulicheres dagegen haben ihm die Verehrer und Ver- 
ehrerinnen seiner Muse aus dem Publikum gespendet: Kammer- 
kätzchen die schönsten Nelken, Wieland ein Lorbeerreischen, das 



^ Vgl. die ähnliche Wendung in den Musen und Grazien der Mark: 
'Sagt mir nichts von gutem Boden, Nichts vom Magdeburger Land, Unsre 
Samen, unsre Toten Ruhen in dem leichten Sand.' 

■^ Übrigens macht, beiläufig bemerkt, starker Frost auch die Schlehen, 
wie die Hahnebutten, geniefsbar. 



Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 121 

freilich bei ihm verwelken will, die Gräfin (Henriette v. Egloif- 
stein) ein ganzes Wäldchen Haselstauden ; so oft er Nüsse knackt, 
will er an die Freundin denken ; aus Tiefurt endlich ist ihm (von 
den Hofdamen v. Göchhausen und v. Wolfskeel) manches Reis- 
chen und, um was man ihn besonders beneidet, (von der Herzo- 
gin Amalie) ein Lilienstengel zu teil geworden. So sind gute 
Freunde aus der Nähe und Ferne beflissen gewesen, seinen Garten 
zu versorgen, und der Magistrat von Naumburg läfst es (in An- 
erkennung seiner soeben, 1803, erschienenen ^Hussiten vor Naum- 
burg') nicht an Kirschen fehlen. 

Hat er nun seine Freunde im Garten um sich versammelt, 
so geht es an das edle Kegelspiel, womit er sich die Langeweile 
zu verkürzen liebt, ein Spiel, in dem es sich seine Feinde ge- 
fallen lassen müssen, als Kegel behandelt zu werden. Einem 
jeden von diesen nämlich ist sein Name angeschrieben. Den König 
in der Mitte taufte er Vater Kant; hüben und drüben stehen 
als dessen nächste Geistesverwandte Fichte und Schelling; im 
Grunde hinten Brown, vorn Röschlaub ; die übrigen Stellen nehmen 
die Schlegel und Tiecke (L. Tieck und sein Schwager Bernhardi) 
ein. Mit geschicktem und kräftigem Arm nun schleudert er die 
Kugeln, die er nach den Namen seiner Werke genannt hat, die 
Sucht zu glänzen, das Jahrhundert, den Hyperboreer, unter sie, 
dafs sie über ihre steifen Beine stürzen und ergötzliche Purzel- 
bäume schlagen, und, weil sie ihres Frevels wegen ewige Hölle 
verdienen, setzt sie der behende Junge immer von neuem auf. 
So könnte er sich denn, wie Alcinous, behaglicher Ruhe erfreuen: 
aber das Weimarische Theater schickt ihm mit dem Westwind 
Kletten in den Garten. Das Unkraut schiefst empor, und aus 
jedem Distelkopfe starrt ihm eine behaarte Maske gräfslich ent- 
gegen. Da erscheint vor ihm ein Bote von Freund Merkel. 
Schweigend geht er, gefolgt von dem der Antwort Harrenden, 
durch den Garten und, wie jener römische König (Tarquinius 
Superbus, Liv. I, 54) sich einst die höchsten Mohnköpfe aus- 
ersehen hatte, fährt er mit der Gerte in das schnöde Distelwesen, 
dafs die frechen emporgestreckten Häupter unter seinen Hieben 
fallen oder niederducken. Der Bote sieht es mit Verwunderung, 
geht und meldet es dem Herrn, der des Freundes geheimnis- 
vollen Wink versteht und alsbald zu handeln anfängt. Und so 



122 Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 

glänzen denn die beiden Verbündeten (in dem neu gegründeten 
Journal des Freimütigen) vor allen Kritikern durch Verstand, 
Bescheidenheit und ganz besonders durch Gerechtigkeit. — 

Überaus glücklich, wie man sieht, hat Goethe den Umstand, 
dafs Kotzebue im Weimarischen einen Lustgarten besafs, im vor- 
liegenden Gedicht zu benutzen gewufst, um einen einheitiichen 
Boden für die Ausführungen der Charakteristik des Mannes, für 
die Schilderung der Gunst, in der er beim Publikum stand, seiner 
dichterischen Polemik, sowie der EröfiPnung des kritischen Feld- 
zuges gegen die Widersacher, und um die entsprechenden Mittel 
für die poetische Versinnlichung seines Gegenstandes zu gewinnen. 
Im Alcinous-Motiv das eigentliche Leitmotiv der ganzen Dich- 
tung und im Detail derselben eine durchgeführte Parodie des 
antiken Musters zu sehen, ist v. Loeper, wie mir scheint, durch 
die Überschrift verführt worden. Diese trifft allerdings eine 
charakteristische Eigenschaft Kotzebues, seinen auf behaglichen 
Lebensgenufs gestellten Phäakensinn, aber darüber hinaus geht 
die Parallele nicht; denn das Kegelspiel kann doch schwerlich 
zu den von Alcinous veranstalteten Kampfspielen in Beziehung 
gesetzt werden. Mit Recht übrigens hebt der genannte Goethe- 
forscher die Originalität der Erfindung und innere und äufsere 
Abrundung an unserer Humoreske hervor. Nur gegen die eine 
Stelle, die von den Gaben Merkels und Böttigers handelt, möchte 
ich zum Schlufs das Bedenken äufsern, ob nicht der Stich auf 
die Herolde seines Ruhmes im Munde Kotzebues befremdend 
erscheint, während Goethe natürlich ihre Spenden als unschmack- 
haft oder ungeniefsbar bezeichnen durfte. 



Musen und Grazien in der Mark. 

(1796.) 

Noch ein Opfer der Xenien hat Goethe in einem besonderen 
Gedichte, einem ihm in den Mund gelegten Liede,^ im Xenien- 
almanach selbst bedacht, den Pfarrer und Reimschmied von 
Werneuchen, einem Flecken der Mittelmark, Fr. W. A. Schmidt. 
Dieser hatte in dem für das Jahr 1796 herausgegebenen ^Kalender 



Mit Musikbegleitung von Zelter, Z. an G. 21. Mai 1829. 



Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 123 

der Musen und Grazien' die ländlich-sittlichen Freuden des dörf- 
lichen Lebens mit wenig Geschmack und vielem Behagen munter 
reimend besungen. In dem Xenion Nr. 246 spottete Goethe 
über den dem Almanach aufgestülpten pretentiösen Titel; noch 
nie hätten die Musen und Grazien sich so schrecklich verirrt 
und dem Pfarrer die Perücke selbst gebracht. In unserem Liedc 
giebt er eine lustige Charakteristik seines Inhalts, indem er 
mit ironischem Behagen und dem glücklichsten Humor das ganze 
Gesichtsfeld des Dorfpoeten durchmifst, alle hervorstechenden 
Züge der platten Natürlichkeit seiner Poesie aufnimmt und mit 
geschickten Strichen ins Komische hinüberzuspielen und doch 
dabei den Anschein des Harmlos-Naiven zu bewahren weifs. 

Der bieder^ Märker hebt damit an, seinen herzlichen Wider- 
willen gegen die Stadt mit ihren Mauern und Palästen und 
gegen die Vergnügungen ihrer Bälle und Opern kund zu geben, 
und lädt sein Liebchen ein, ihm auf das Land zu folgen, wo sie 
die lautere, nicht die in den Schilderungen (idealisierender Dich- 
ter) gefälschte Natur finden werde. Und er darf sich ihrer Na- 
türlichkeit freuen, darf ihr ohne Scheu den Düngerhaufen als 
den künftigen Spielplatz ihrer Kinder bezeichnen und mit ihr 
durch Morast und Sand am zerrenden Dorngesträuch des Angers 
vorüber nach dem Dörfchen seiner Mark promenieren, wo ihnen 
der Genufe von trockenem Brot und saurem Bier im Wirtshaus 
winkt. So rede man ihm doch nicht vom guten Boden des 
Magdeburger Landes: hier ruhen die Samen und Toten im leich- 
ten Sande; ja, die Wissenschaft selbst verliert nichts am raschen 
Lauf ihrer Entwickelung, wie denn alle Vegetation in diesem 
Erdreich schnell, wenn auch getrocknet, aufkeimt. Und welch 
ein paradiesisches Leben im Hofe mit der glucksenden Henne 
und den grauen und weifsen Gänsen, in deren Zucht sich Frau^ 
und Mutter teilen! Welch ein Glück für einen deutschen Mann, 
abends den edlen Vetter Michel bei sich zu sehen und in seiner 
Nähe bleibend zu wissen! In unseren Liedern endlich, schliefst 



^ Das Liebchen (V. 6) ist hier (V. 40) zur Frau geworden, indem 'der 
Dichter seine Personen jedesmal das reden läfst, was eben an dieser Stelle 
gehörig, wirksam u^d gut ist, ohne viel und ängstlich zu kalkulieren, ob 
diese Worte vielleicht mit einer anderen Stelle in scheinbaren Widerspruch 
geraten möchten' (G. Eckermann III, 18. April 1827). 



124 Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 

er, arbeitet mit unaufhaltsamer Triebkraft Vers und Reim^ und 
herrscht, woran es genügt, statt aller poetischen Kunst Natür- 
lichkeit und Biedersinn. — 

Man wird bekennen müssen, dafs es Goethe in den bespro- 
chenen Gedichten durch die bildende Kraft der Phantasie und 
die Meisterschaft, mit der er über die Mittel der Ironie und 
des Humors verfügt, die Satire poetisch zu machen gelungen ist, 
was der mehr kritisch und formalistisch veranlagte A. W. Schlegel 
auf gleichem Felde in den berühmten Kotzebue und Schmidt 
(neben Vofs und Matthisson) gewidmeten Dichtungen (Triumph- 
bogen für den Theaterpräsidenten K. und Weltgesang dreier 
Poeten) mit Schärfe der Charakteristik, Schneidigkeit des Witzes 
und metrischer Bravour nicht hat erreichen können (vgl. D. F. 
Straufs, Kl. Schriften S. 184 und R. Haym, Die romantische 
Schule S. 723 f. und 763). 



Hauspark. 

(1797 u. 1826?) 

Minderwertig ist das ursprünglich zu einem Gegenstück der 
Musen und Grazien bestimmte Gedicht, von dem Goethe die 
zwei letzten Strophen am 28. April 1797 an Schiller mit der 
Bemerkung schickte, es werde vielleicht nicht so gut werden, 
eben weil es ein Pendant sei. Er nannte es hier Die empfind- 
same Gärtnerin^ Zurückgelegt, erschien es, nur um die Anfangs- 
strophe vermehrt, erst 1827 in der Ausgabe letzter Hand mit 
der von Riemer vorgeschlagenen Aufschrift ^Hauspark^ 

Goethe nimmt darin ein bereits zwanzig Jahre früher im 
Triumph der Empfindsamkeit, Akt 4, angeschlagenes, auch später 
in den Aufgeregten H, 4 (1792) und in der zweiten Epistel 
V. 146 — 149 (1794) berührtes Thema wieder auf und richtet den 
Scherz gegen die Empfindsamkeit der jungen Mädchen weit, die 
dem altmodischen, in französischem Geschmack gehaltenen Zier- 

^ 'Unsere Naturpoeten', sagt Goethe, der übrigens nicht blofs alte, 
sondern auch moderne Volksdichtung zu würdigen wufste, im Vorwort 
zum deutschen Gil Blas 18'^2, Hemp. A. 29, S. 195, 'unsere Naturpoeten 
sind gewöhnlich mehr mit rhythmischen als dichterischen Fähigkeiten 
geboren.' 



( 



Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 125 

garten, der zugleich Nutzgarten ist, den Krieg erklärt und für 
die Romantik des freien englischen Parkes schwärmt. So hatte 
auch J. Moser schon (in dem ^Briefe der Frau Anglomania an 
ihre Grofsmutter^) die Anglomanie verspottet, die den ganzen 
Krautgarten in Hügel und Thäler, wodurch sich unzählige kleine 
Wege schlängeln, zu verwandeln unternimmt. 

In unserem Gedichte nun klagt ein junges Mädchen der 
Mutter, die Gespielinnen beschuldigten sie schon lange geringer 
Empfänglichkeit für das, was die Natur im Freien biete, und 
bedauerten es, sie hinter Gartenmauern, zwischen Beeteinfassun- 
gen von Buchs und schnurgrad laufenden Heckenwänden zu sehen, 
die sie nicht länger stehen lassen würden. Und mit Recht, er- 
klärt sie; nenne doch auch der liebe Vetter Asmus (Claudius in 
der ^Serenata, im Walde zu singen^) das Werk der Schere, unter 
der Blätter und Blüten fallen, den puren Schneiderscherz. Aber 
nun erst der Kohlgarten mit seinen Zwiebeln, die sich so nieder- 
trächtig neben den prächtigen Pappeln um das Gartenhaus des 
Nachbarn ausnehmen! Sie will sich ja wohl bescheiden, ihren 
Wunsch nicht erfüllt zu sehen; nur heuer wenigstens, bittet sie 
mit komischem Entsetzen, um Gottes willen keinen Kohl! 

Das Gedicht, das mit seiner sentimentalen Naturschwärmerei 
der platten und prosaischen Naturanschauung der Musen und 
Grazien hatte zur Seite treten sollen, erhielt, weil es nicht zu 
entsprechender Ausführung gelangte, einen besonderen Platz in 
der ^Lyrisches' überschriebenen Abteilung der Gedichte Goethes. 
Wegen seiner epigrammatischen Zuspitzung scheint es in späteren 
Ausgaben unter ^Epigrammatisch^ eingereiht zu sein. — 

In den Beginn der Altersperiode unseres Dichters fallen 
noch zwei ^Scherze^ lyrischer und lyrisch-dramatischer Form ohne 
schärfere satirische Würze, in denen er die Grämler und Grübler 
verlacht und unverwüstlichen Humores Lebenslust und Lebens- 
weisheit predigt. 

Gewohnt, gethan. 

(1813.) 

Es war in der Zeit der aufziehenden Kriegsgewitter des 
Jahres 1813, am 19. April, wo Goethe auf der Reise nach Teplitz 
im Gasthof zu Oschatz den obigen ^aufserzeitlichen Scherz' dich- 



126 Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 

tete, 'eine Parodie des Solbrigschen LiedesV das er in Leipzig 
hatte recitieren hören, 'des elendesten aller deutschen Lieder: 
Ich habe geliebt, nun lieb ich nicht mehr'/ (an Zelter, 3. Mai 
1813), worin ein moroser Philister in sechs Strophen mit An- 
fangs- und Schlufsversen, die dem angeführten entsprechen, allem 
Lachen und Weinen, Lieben und Schwärmen, Hassen und Hoffen 
absagt. Gegen solche trostlosen Jeremiaden legt Goethe in un- 
serem Gedichte lustigen Protest ein, indem er für das beginnende 
Alter vielmehr erst den rechten Lebensmut und -genufs in An- 
spruch nimmt. 'Ich habe geliebt, nun lieb ich erst recht !^ ruft 
der muntere Greis, dem er das Wort erteilt; zuvor hat er allen 
gehuldigt, nun sich einer einzigen scharmanten Person zu eigen 
gegeben, die ihm dafür auch alles zur Liebe thut.^ Ebensowenig 
ist sein Glaube, ob es auch wunderlich und schlecht geht, er- 
schüttert; denn er hat es zur Genüge erfahren, dafs in allen 
Nöten sich das Dunkel doch auf einmal wieder erhellt. Und 
jetzt erst weifs er die Freuden der Tafel, für die die Jugend 
kein Verständnis hat, in heiterem Behagen recht zu würdigen, 
jetzt erst des Weines sich recht zu erfreuen, ^ dessen erhöhende 
und befreiende Kraft er preist, und dessen erquickendes Nafs 
er nicht zu schonen mahnt, weil der schwindende älteste Wein 
durch den alternden jungen steten Ersatz findet. Der flotte Tänzer 
von ehemals aber darf sich, zwar nicht mehr im rasenden Walzer, 
doch immer noch in sittigem Tänzchen drehen, und, wer sein 
Leben mit Genüssen reich auszustatten gewufst hat, dem bleiben. 



* An seine Gattin, 19. April 1813. Des von Solbrig verfafsten, oder 
von ihm vorgetragenen Gedichtes? Wäre das letztere gemeint, so läge 
nach von Biedermann, Goethe in Leipzig II, S. 83, ein Irrtum Goethes 
vor, da der Deklamator Th. von Sydow es recitiert hatte. 

^ Es weht schon wie Divansluft in diesem Gedichte. Ein weifser 
Himmelsbogen zeigt sich im Nebel: 'So sollst du, muntrer Greis, dich 
nicht betrüben : Sind gleich die Haare weifs. Doch wirst du lieben,' heifst 
es im Buch des Sängers 'Phänomen' ; und im ersten Liede des Schenken- 
buches : 'Ich liebe sie (die Liebste), wie es ein Busen giebt, Der treu sich 
Einer gab und knechtisch hängt' ('Nun bin ich der Knecht, Nun 
fesselt mich diese scharmante Person, Sie kann nur allein mir ge- 
fallen,' in unserem Liede). 

3 Vgl. Zahme Xenien III, W. A. III, S. '280, V. 742: 'Bleibt doch 
dem Greise selbst Noch immer Wein.' 



Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 127 

wenn auch der eine und andere versagt, es zu verschönen ihrer 
noch immer genug. Drum heifst es: stets von neuem die Rosen 
brechen, ehe sie verblühen, nie den Kopf verzagend hängen lassen 
und immer von vorn seines Lebens geniefsen! 

Die Weisen und die Leute. 

(1814.) 

Gegenstand satirisch-humoristischer Beleuchtung bildet für 
Goethe immer von neuem und in allen Dichtungsgattungen der 
Charakter der Menge im engeren und weiteren Sinne des Wortes. 
Das Gedicht, das uns hier zuletzt noch beschäftigt, persifliert 
das Verhalten der Masse der sogenannten Gebildeten zur Philo- 
sophie. 'Einen dramatisch-lyrischen Scherz,' nennt es Goethe (in 
den T.- u. Jahresh. 1814), 'worin die verschiedenen Philosophen 
jene zudringlichen metaphysischen Fragen, womit das Volk sie 
so oft belästigt, auf heitere Weise beantworten oder vielmehr 
ablehnen.' Das Gedicht, am 7. Juni 1814 in Berka diktiert und 
anfänglich 'Das Gastmahl der Weisen' überschrieben, ist zunächst 
vom Dichter sekretiert, 'weil es, wenn es bekannt würde, gewisse 
Individuen tief verletzen müfste, und die Welt es denn doch 
nicht wert sei, dafs man sich, um ihr Spafs zu machen, mit der 
Welt überwerfe' (an Zelter, Mai 1815, Nr. 225), später jedoch, 
nachdem er die Anzüglichkeiten getilgt, unter dem Titel 'Die 
Weisen und die Leute' mit den von Riemer für die ersteren 
ausgewählten Namen alter Philosophen (an Zelter, 31. Okt. 1814) 
Oktober 1820 veröffentlicht worden. 'Nun hat es den Stachel 
verloren,' schreibt er an Zelter am 20. Okt. 1820, 'und, wie ich 
hoffe, die Anmut behalten.' Hier sein Inhalt. 

In den (akademischen) Hain, in dem die Weisen sich er- 
gehen, strömt aus allen Himmelsrichtungen das Volk herbei, um 
von den Grillenfängern, wie es sie nennt, belehrt zu werden, 
aber deutlich und klar und ohne dafs es Mühe koste. Epimenides 
ruft die Brüder, dafs sie sich sammeln und bereit halten, den 
Leuten derb den Text zu lesen. 

Der Dialog beginnt. Es wird dem Dichter das launige Ge- 
spräch der Schülerschen Xenien (Nr. 371 — 389 des Xenien- 
almanachs) zwischen dem Lehrling und den Philosophen vor- 
geschwebt haben. Die Fragen erfolgen mit Ausnahme der ersten 



128 Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 

und letzten in je einem Verse, die Antworten, mit denen die 
Leute mehr oder weniger bündig und derb abgefertigt werden, 
in zwei bis fünf, meist vier Zeilen, alles in bequemer Behand- 
lung des Metrums und namentlich der Reime. ^ 

Auf die Frage, ob die Welt von Ewigkeit bestehe, lautet 
die Antwort, das sei glaublich; denn es wäre um jede Zeit, wo 
sie nicht existiert hätte, schade gewesen. Untergang allerdings 
stehe ihr vermutlich bevor; doch würde es, bleibe Gott nur in 
Ewigkeit, nie an Welten fehlen."^ Was Unendlichkeit sei ? Dar- 
über, heifst es, brauche man nicht zu grübeln; wer sie nicht in 
sich selbst, in seinem geistigen Wesen finde, dem sei nicht zu 
helfen. Über das Wo und Wie unseres Denkens wird der Fra- 
gende bedeutet, im Denker sei, wenn er denke, die ganze volle 
Persönlichkeit Vom Hut zum Schuh' thätig, und es gerieten ihm 
die besten Gedanken im Augenblick. Wenn er weiter zu wissen 
verlangt, ob wirklich eine Seele in ihm hause, erhält er die spöt- 
tische Aufforderung, seine Gäste zu fragen, ob sie in ihm das 
artige Wesen, das seine Freude daran habe, sich selbst und an- 
dere zu beglücken, d. h. Seele zu entdecken vermöchten. Vom 
Körper unzertrennlich übrigens ruhe im Schlafe auch sie und 
werde erquicklich ruhen, wenn man jenem (^mäfsig' sagt erklärend 
der erste Entwurf, W. A. III, S. 403) wohlgethan. Eine höh- 
nische Abfertigung erfährt die Frage nach dem Wesen des ^so- 
genannten Geistes': der antworte, aber frage nicht. Was das 
Glück betrifft, wird auf das arme Kind als Beispiel hingewiesen, 
das recht gut wisse, wo die begehrenswerten Semmeln zu holen 
seien, und ohne Besinnen mit seinem Pfennig nach dem Bäcker- 
laden springe (also lehre, dafs man wissen müsse, wo man sein 
Glück zu suchen habe, und die Entschlossenheit besitzen, es dort 
aufzusuchen und sich anzueignen). Über das Problem der Un- 
sterblichkeit äufsert sich der Weise in einem echt Goetheschen 



^ Das Gedicht ist in iambischen, in der Minderzahl (meist zu Anfang, 
stets am Schlufs der Antworten) katalektischen Tetrapodieen geschrieben. 
Öfter (achtmal) reimen mehr als zwei (bis neun) Verse aufeinander, zum 
Teil mit Wiederholung desselben Wortes. An zwei Stellen (V. 39 und 61) 
bleibt der Eeim aus, einmal (V. 64/65) ist er durch Assonanz ersetzt. 

*^ Vgl. Proömium: 'Im Namen dessen, der sich selbst erschuf Von 
Ewigkeit in schaffendem Beruf.' 



Goethes satirisch-humoristische DichtuDgen. 129 

Bilde: den rechten Lebensfaden spinne einer, der, unbekümmert 
um andere, fest zu drillen und zu zwirnen beflissen sei, die Ar- 
beit aber fortzuführen, den Faden aufzuwickeln und im grofsen 
Weltgewebe zu verwenden dem lieben Gott, dem Webermeister, 
überlasse. Was den Vorzug verdiene, Thorheit oder Klugheit, 
findet der lachende Philosoph begreiflich; denn, wenn der Narr 
sich klug genug dünke und sich in seiner Narrheit gefalle, diese 
also für das Bessere halte, so gönne der Weise es ihm von Her- 
zen. Die Herrschaft des Zufalls und Augentruges zu brechen 
weifs er ein probates Mittel: man möge den ersteren nur sich 
dienstbar, d. h. zum Glücksfall machen und an der Welt des 
Scheines sich ergötzen, und werde Nutzen und Spafs von beiden 
haben. Den Beweis, dafs Willensfreiheit kein Lug sei, empfiehlt 
er mit launiger Ironie doch praktisch zu erbringen und mutig 
seinen Willen festzuhalten; gehe man darüber zu Grunde, so habe 
das nicht viel zu sagen. Dafs es eine Erbsünde gebe, beweist ihm 
der Fragende selbst, dem der unerträgliche Fehler, ungeschickt 
zu fragen, in der That angeboren sein und darum freilich wohl 
nachgesehen werden müsse. Ebenso, dafs die Welt den Trieb 
habe, sich zu verbessern und ihre Kenntnis zu vermehren, weil 
er sonst nicht fragen würde. Doch heifst er ihn, bevor er an- 
dere Leute quäle, erst versuchen, sich selbst zu erkennen und zu 
verstehen. Der Klage über die Herrschaft des Eigennutzes und 
Geldes begegnet er mit der Mahnung, der Welt ihre wertlosen 
Marken und Rechenpfennige doch nicht zu mifsgönnen. Und so 
wünschen die Leute denn, ehe sie auf immer scheiden, noch zu 
zu hören, was ihnen als wahrhaft erstrebenswert zu gelten habe, 
und werden mit der Antwort heimgeschickt, der Weisen erstes 
Gesetz sei es, den Fragern aus dem Weg zu gehen.' 



^ In gleichem Ton launiger Persiflage werden mehrere der hier ge- 
stellten Fragen auch in den Zahmen Xenien beantwortet. Vom Denken, 
V. 24, heilst es daselbst: 'Ich hab es klug gemacht. Ich habe nie über 
das Denken gedacht' (VII, V. 109 f., W. A.); vom Problem der Unsterb- 
lichkeit, V. 48 : 'Der Hauptgrund liegt darin, Dafs wir sie nicht entbehren 
können' (III, V. 714 f.); von der Thorheit, V. 53: 'Bewahre jeder die Ver- 
gunst Auf seine Weise toll zu sein' (VII, V. 147 f.), und über die Fragen 
der Leute nach dem, was sie sollen, V. 82, äufsert der Dichter: 'Sie 
machen, was sie wollen, nur sollen sie mich nicht fragen' (I, V. 135 f.). 
Archiv f. n. Sprachen. XCV. 9 



130 Goethes satirisch-humoristische Dichtungen. 

Wenn sich die Satire unseres Gedichtes direkt gegen den 
Unverstand der Menge kehrt, so trifft sie indirekt auch die 
Philosophen selbst, die ^ewige Probleme^* zu lösen unternommen 
haben, indem der Dichter ihnen die Rolle zuerteilt, entweder 
Fragen dieser Art in drastischer Weise abzulehnen, oder sie mit 
launigen Bemerkungen und ironischen Ratschlägen zu beantworten, 
oder endlich, den Knoten durchhauend, den ihnen gewidmeten 
Grübeleien Sätze einer resoluten praktischen Lebensweisheit zu 
substituieren. Worin aber in der ursprünglichen Fassung des 
Gedichtes die verletzenden Beziehungen bestanden und welchen 
der lebenden, auch hinter den antiken Masken noch kenntlichen 
Philosophen sie gegolten haben, ist eine Frage, die zu beantworten 
wir nicht im stände sind.^ 



* Siehe G. Eckermann II, 1. Sept. 1829: 'Die Natur Gottes, die Un- 
sterblichkeit, das Wesen unserer Seele und ihr Zusammenhang mit dem 
Körper (sind) ewige Probleme, worin uns die Philosophen nicht weiter 
bringen.' 

2 Zur Vervollständigung unseres Artikels sei in einer Schlufsnote 
noch an das erste satirische Gedicht Goethes erinnert, die Parodie des 
Leipziger Studenten auf den Professor Chr. A. Clodius, der in Fest- 
gedichten den bei ihm fremdartig erscheinenden majestätischen Pomp des 
ßamlerschen Odenstils nachzuahmen bemüht war. Es war das unserem 
jungen Dichter um so anstöfsiger, als jener, der ihm gelegentlich der 
Kritik eines Hochzeitskarmens den Gebrauch der mythologischen Figuren 
als eine falsche, aus pedantischen Zeiten sich herschreibende Gewohnheit 
verwiesen hatte, sich nun 'eine andere Leiter auf den Parnafs aus grie- 
chischen und römischen Wortsprossen zusammenzimmern' wollte, und zu 
lustiger Stunde, da er und seine Freunde in Hendels Garten den treff- 
lichsten Kuchen verzehrten, fiel ihm auf einmal ein, die Kraft- und 
Machtworte des gestrengen Lehrers (in dessen Prolog zur Eröffnung des 
Leipziger Theaters, 6. Okt. 1766, und in seiner poetischen, am Friedrichs- 
tage den 5. März 1767 gehaltenen Rede, einer pomphaften Apostrophe an 
den Fürsten, s. J. Minor, G.-J. VIII, S. 226 f.) in einen lächerlich bom- 
bastischen Täan' an den genannten Kuchenbäcker zu versammeln und 
die sofort hergestellten Verse an eine Wand des Hendelschen Hauses mit 
Bleistift anzuschreiben. Goethe hat sie zuerst 1812 im siebenten Buche 
von Dichtung und Wahrheit, W. A. 27, S. 140 f., veröffentlicht. 

Wernigerode. Hermann Henkel. 



Triomphe d'Argeni 



Das unten abgedruckte Gedicht entnahm ich einer Hand- 
schrift, die sich im Besitz des um die Heraldik hochverdienten, 
vor kurzem in Berlin verstorbenen Geh. Rats Friedrich Warnecke 
befand und mir von dessen Witwe zur Veröffentlichung gütigst 
zur Verfügung gestellt wurde. 

Die Handschrift in kl. 4^ (20,6 : 15,2 cm) enthält elf auf 
beiden Seiten beschriebene Pergameutblätter und ist in schwarzer, 
Dur die beiden Überschriften in roter Tinte, und mit vorzüg- 
licher Sorgfalt ausgeführt. Sechsmal ist bei gröfseren Abschnitten 
eine gröfsere Initiale, sonst noch 73 mal kleinere Initialen in Gold 
auf abwechselnd blauem und rotem Grunde verwandt. 

Vorgefügt sind der Handschrift zwei Blätter in gleicher 
Gröfse mit Miniaturen, die ich photographisch habe vervielfältigen 
lassen. Die eine bildet die Erläuterung des Inhalts des Ge- 
dichtes und stellt den Triumph des Geldes dar in einem silbernen 
Cupido auf einem von zwei Affen gezogenen Wagen, unter dem 
der besiegte Liebesgott liegt, der Flügel, des Köchers und der 
Pfeile beraubt; hinter dem Wagen die Freunde und Freundinnen 
Amors, zur Linken die Anhänger des Fürsten Argent. Oben 
auf diesem Bilde befindet sich auch der Titel des Gedichtes: 
LE TRIVPHE DARGENT. 

Die andere Miniature enthält das Lilienwappen Franz^ I. von 
Frankreich blau auf rotem Grunde, umgeben von vierundzwanzig 
verstreuten F in Gold, darüber ebenfalls in Gold: Considerate . 
lilia . agri . quomodo . crescunt . no7i . laborant . neque . 
iierit . Mat. VI.; darunter der Salamander in blau mit der Um- 



132 Triomphe d'Argent. 

Schrift Nustrico . et . extingor. Aus diesem Bücherzeichen läfst 
sich wohl mit Sicherheit schlielsen, dafs wir es hier mit dem 
Exemplar zu thun haben, das für Franz I. geschrieben war und 
ihm gehört hatte. Vgl. Les reliures d'art ä la Bihliotheque 
nationale par Henri Bouchot (Paris, 1888). W. Lübke, Gesch. 
d. Kenaissance in Frankreich, 2. Auflage, 1885, S. 424 if. 429 
(Figur 157). 434. 

Herrn Professor Emile Picot in Paris, der letzteres auch an- 
nimmt, verdanke ich die Mitteilung, dafs von diesem Gedicht, 
das gewöhnlich dem sonst wenig bekannten Dichter Almanque 
Papillon zugeschrieben wird, noch zwei Handschriften existieren, 
von denen die eine sich in der Arsenalbibliothek in Paris befindet, 
die andere von dem Kgl. Museum in Berlin unter den Hamilton- 
Handschriften im Jahre 1889 veräufsert wurde. Letztere findet 
sich in dem Catalogue of 91 Mss. on Vellum chiefly from the 
Famous Hamilton Collection^ 1889, pag. 51, Nr. 53 verzeichnet. 
Die englischen Auktionatoren fügen die Bemerkung hinzu: This 
ms. was evidently written for Francis I, King of France. 
Doch beruht diese Annahme auf Irrtum oder, was wahrschein- 
licher, auf Reklame; denn die beiden Miniaturen dieser Hand- 
schrift, von denen die eine eine Nachbildung der unserer Hand- 
schrift zu sein scheint, sind nach ihrer eigenen Angabe decorated 
witJi the arms of the Prince Francis of Bourbon, Count of 
St. Paul (f 1Ö4Ö). Die Hamilton-Handschrift enthält aulser- 
dem noch ein Gegenstück: La victoire et triomphe d'honneur 
et . d'amour contre VArgent, und einiges andere. 

Herr Picot weist ferner darauf hin, dafs unser Gedicht be- 
reits unter folgendem Titel im Druck erschienen ist: La Victoire 
et Triumphe d'Argent contre Cupido dieu d'Amours naguieres 
vaincu dedans Paris. MDXXXVIL On les vend a Lyon 
chez Frangois Juste pres nostre Dame de Confort. 16^. Sech- 
zehn 25zeilige Blätter mit Holzschnitten. 

Dazu Bl. Bij^: Response faicte a Vencontre d'un petit Hure 
intitule le Triumphe et la Victoire d'Argent contre Cwpido, 
naguieres vaincu dedans Paris. Par maistre Charles Fontaine. 

Dieser Druck befindet sich ebenfalls in Paris, und zwar in 
der Bihliotheque nationale. In Deutschland wird wohl kein 
Exemplar davon vorhanden sein, sicher nicht in Berlin, München 



Triomphe d'Argent. 133 

und Dresden; und darum erscheint mir ein Abdruck der Hand- 
schrift Franz' I. nicht überflüssig und auch von weiterem Interesse. 

Noch sei bemerkt, dafs die Handschrift in hellrotem Sammet 
gebunden ist und auf dem ersten Blatt den Namen Francois 
Duraiz 1593 als den eines späteren Besitzers trägt. 

Den Text habe ich genau nach der Handschrift wiedergegeben, 
nur die wenigen Abbreviaturen aufgelöst, jedoch durch kursiven 
Druck bezeichnet. Die Interpunktion habe ich nach modemer 
Weise eingefügt, desgleichen nur die Eigennamen grofs geschrieben, 
während in der Handschrift bei diesen willkürlich auch kleine, 
wie in anderen Fällen grofse Anfangsbuchstaben gebraucht sind. 

Die Übersetzung habe ich möghchst wortgetreu gehalten; 
doch mufste ich, um sie lesbarer zu machen, mir hin und wieder 
einige Freiheiten gestatten. 

Zum Schluls möchte ich nicht unterlassen, Herrn Professor 
Suchier sowie Herrn Picot für das Interesse, das sie meiner 
Arbeit schenkten, meinen besten Dank auszusprechen. 



i Gott Amor griff im Mai zu seinen Pfeilen, 

Zu seinen Treuen, Mann und Weib, zu eilen. 
Die in Paris und rings in allen Orten: 
Ein guter Fürst, getreu in That und Worten. 

5 Kaum ist er da, glüht er in heiFgem Grimme: 
Kein Weib erhebt für Amor seine Stimme. 
In hast'gem Fluge richtet er den Bogen 
Auf manche Maid, der ehmals er gewogen. 
Zur Sicherheit läfst er die Binde fallen 

10 Von Zorn erfüllt; doch alle Pfeile prallen 



Au moys de May Amour priwt ses sagettes 
Pour venir veoir ses subgectz et subgectes 
Dedans Paris et toute la prouince 
Ainsi que doibt et veult faire vng hon priwce. 

Luy arrive en sa collere monte, 
Car plus de luy dames ne tenoient compte. 
Dont descocha son arc dressant ses ailles 
Contre plusieurs dames et damoiselles. 

Pour mieulx tirer ses deux yeulx desbouscha 
Tout despite; mais son trect rebouscha 



8 damorselles Es. 



134 Triomphe d'Argent. 

Von jeder Brust; und Wunden schlägt er keine. 
Wenn ja einmal, so war es doch nur eine. 

Doch waren ihm die Fackeln noch zur Hand: 
Er fafst sie fest und schleudert sie gewandt. 
15 Doch, trafen sie, noch eben glühend heifs, 
Im Nu erloschen sie, so kalt wie Eis. 

Wie Amor sah, dafs ihm die Macht geschwunden. 
Ein Herz zu heilen oder zu verwunden, 
ib Da flüchtet er, gequält von bittren Schmerzen, 
20 Und klagt sein Leid dem trauten Mutterherzen. 
Und Venus sprach: Auf die Pariser Frauen 
Darfst nimmermehr in Zukunft du vertrauen. 
Zum Liebesgott und Herrn der ganzen Welt 
Erwählten einen sie, und der heifst Geld. 
25 Der feit ihr Herz durch starke Wehr und Waffen, 
Um Liebesgram Verachtung nur zu schaffen. 

Als Amor kaum die wicht' ge Mär vernommen, 
Ist auch sein Herz von Schmerz und Zorn entglommen. 
Der zarte Knabe bietet kühnlich Trotz 
30 Dem stolzen Übermut des neuen Gotts, 

Und läfst, nach manchem Streit, sich Recht zu schaffen. 
Zu blut'gem Kampf ihm frei die Wahl der Waffen. 



Contre leurs cueurs sans faire playe aucune, 

Et s'il en fist, ce fut seullement une. 
II eut recours a ses ardants flambeaux 

Et leur lanca par moyens fins et beaulx. 
15 Mais quant du cueur vindre/^t saisir la place, 

Furent estainctz quasi plus froidz que glace. 
Ce dieu voyant sa debile foiblesse, 

Qu'il ne guerist plus les cuewrs ny ne blesse, 

Se retira prins de doulleur amere 
20 Compter le cas devers Venus sa mere, 
Qui luy respond que sur Parisiennes 

Auoit perdu ses vertuz anciennes. 

Car pour leur dieu d'amours et powr regent 

Auoient receu vng que Ton nomme argent, 
25 Qui a muny leurs cueurs de fortes armes 

Pour contempner tous amoureux alarmes. 
Ce fait ouy de si grande importance, 

Precipite de dueil et d'inconstance 

Ce ieune enfant hardy vint deffier 
30 Le nouueau dieu süperbe fort et fier 

Et luy liura apres mainte querelle 

D' armes le choix auec guerre mortelle. 



Triomphe d'Argent. 135 

Jedoch was Menschenwitz kaum mag gelingen, 
Weifs in Paris jetzt Geld zu stand zu bringen. 
35 Er nimmt das Feld, wirft Amor unter Streichen 
Siegreich zur Erd': ein Wettkampf ohnegleichen! 
Doch nicht genug: von Rachedurst bewogen. 
Entreifst er ihm auch Flügel, Pfeil' und Bogen. 
IIa Nur um die Mutter nicht zu sehr zu kränken, 

40 Entschlofs er sich, das Leben ihm zu schenken. 

So hatte Geld den Amor überwunden. 
Der lag am Boden, hilflos und gebunden. 
Und es begann in übermüt'gem Ton 
Der Sieger ihn zu schmähn ; er rief mit Hohn : 

45 Wie, Knabe, sonst so listig und verschlagen, 
Im offnen Aufruhr wolltest du es wagen. 
Zu trotzen mir? Nun glaubst du doch fortan, 
Dafs ich vernichten, wie ich schaffen kann? 
Der einstmals deiner Macht die Stirnc bot, 

50 Das Herz von deinem Liebespfeil bedroht. 
War der wohl auch so freventlich vermessen, 
Was meinem Recht er schuldig, zu vergessen? 

Mais c'est argent qui a l'homme impossibles 

Rend a Paris maintes choses possibles, 
35 Gaigna le camp ruant Amour par terre 

Et le vainquit par nompareille guerre, 

Qui non content de si rüde secousse 

Luy arracha traictz, arc, aelles et trousse; 
IIa Et pour l'honneur de Venus la deesse 

40 Ne luy voulut faire plus griefue oppresse. 

Donc quant Argent eut sur Amowr victoire 

Et prins captif dedans son territoire, 

II commanca a parier fierement 

Et le blasmer fort temerairement, 
45 Disant ces motz: Garson piain de cautelle, 

As tu ose par rigueur si rebelle 

Me deffier qui monstre par effect, 

Que faire puis le fait et le deffaict. 
Cil qui iadis desploya estendardz 
50 Contre ta force et tes amoureux dardz 

Fut il si fol de voulloir tant mesprendre, 

Que sur mon droict s'efforcast d'entreprendre ? 



49 Ovid, wie V. 120. 291 ff. 



136 Triomphe d'Argent. 

Manch Mittel war's, das gegen dich er fand, 

Doch gegen mich erhob er nie die Hand. 
55 Im Unbedacht hast du dich, Kind, vergangen. 

Denn siehst du nicht in Undank dich befangen? 

Sag frei und offen mir, wie will's dir scheinen? 
nb Verstandest du zwei Herzen je zu einen, 

Dafs ich nicht selbst dabei beteiligt war, 
60 Und zwar zumeist als Hauptvermittler gar? 

Bist du's im stände, nun, so straf mich Lügen; 

Doch sicher nicht: du würdest sonst betrügen. 
Ein Ring von Gold, Rubin und Diamant 

Stets inniger die Liebenden verband, 
65 Als Pfeil und Bogen und die feinste List, 

Zumal er ja weit wirkungsvoller ist. 

Mir ist es fremd, wie armen Hirten Rosen 

Verschafften einst der Liebe süfses Kosen. 

Du kleiner Schelm, voll Ränke und vorwogen 
70 Hast du den Himmel, hast die Welt betrogen; 

Die Götter all, sogar selbst Jupiter 

Zogst du vom Himmel auf die Erde her. 



Pour t'abolir sceut remede adresser, 

Mais contre moy il n'osa l'oeil dresser. 
55 Cruel enfant, conduict par prowptitude 

Congnoys tu point ta grant ingratitude? 

Je te supply, respons ce qu'il t'en semble, 
IIb Sceuz tu iamais ioindre deux cueurs ensemble, 

Que ie ne fusse en cest accord compris 
60 Et pour raoyen le plus apparent pris? 

Mais scauroys tu de ce me desraentir? 

Certes nenny si ne voulloys mentir. 
Mes chesnes d'or, rubiz et dyamans 

Ont plus vallu pour ioyr aux amans, 
65 Que tes fins tours, tes fleches et tes arcz. 

Aussi sont ilz bien plus vertueux artz. 

Je n'entends pas du temps que pour florettes 

Humbles pastei^rs ioyssoient d'amourettes. 
Petit trompeur de finesse la bonde 
70 Qui as deceu et le ciel et le monde. 

Tu as induict Jupiter et les dieux 

Icy descendre et delaisser les cieulx, 



69 Mit la bonde ist jedenfalls l'abonde (= l'abondance, perfection) 



Triomphe d'Argent. 137 

Und zum Genüsse ird'scher Liebesfreuden 

Liefst du sie sich in Tiergestalten kleiden. 
75 Wie manchem ward durch deinen gift'gen Pfeil 

Nur Sinnenlust als schimpflich Los zu teil! 

Wie manchen Ritter zwangst du bei Turnieren 
III a In blut'gem Kampfe Lanz' und Schwert zu führen 

Und Städte, Schlösser, Türme zu beschiefsen, 
80 Nur um der Liebe Freuden zu geniefsen! 

Und schmachten liefsest du manch armen Wicht 

Oft Jahre lang in traurigem Verzicht. 

Sieh meine Macht: auch ohne blut'ge Wunden 

Gewähre ich des Lebens schönste Stunden, 
85 Und allen weifs das Glück ich zu erschliefsen, 

Ganz mühelos das Leben zu geniefsen. 

Ein Mann, der heut bei Frauen wohlgelitten. 

Erreicht dies nicht durch Adel, Tugend, Bitten. 

Nein, es genügt zu günstigem Empfang 
90 Mein Name schon, der stets von gutem Klang. 

Ein fader Geck, selbst fremd noch in der Stadt, 

Der Gönner nicht, auch nicht Verwandte hat. 

Erringt durch mich weit eh'r ein Liebchen traut, 

Als wenn Verstand auf deine Ränke baut. 



Et pour ioyr d'humaines creatures 
Prendre et vestir des bestes les figures. 

75 Par tes flabmeaulx et flesches venymeuses 
Maintz ont souffert tes ardeurs oultraigeuses, 
Les contraignant de iouxter a oultrance 
lila Dedans tournayz donwant grans coupz de lance 
Et assaillir villes, chasteaulx et tours 

80 Pour seullement ioyr de leurs amours. 

Languyr faisoys les poures amoureux 
Trois ou quatre ans tristes et langoureux. 
Mais maintenant par ma grande puissa?zce 
Sans les naurer leur donne ioyssance 

85 Et si les puis tellement dispenser, 
Qu'ilz iouyront souuent sans y penser. 
Car n'ont esgard dames aux gens honwestes, 
Ne aux vertus, prieres et requestes. 
Mais il suffist pour auoir bon recueil, 

yo Qu'on me presente ou lieu de bei accueil. 
Vng laid quinault que iamais n'auront veu 
Et qui n'aura ne parentz ne adueu 
En me liurant plustost en ioyra 
Que vng saige amant qui par tes artz yra; 



138 Triomphe d'Argent. 

95 Ein Diener wird durch mich das Glück zu minnen 
In gleichem Mafse wie sein Herr gewinnen. 
III b Du spieltest stets mit armen Weiberherzen, 

Wie Mädchen mit der Puppe spielen, scherzen; 
Du machtest schüchtern alle und verlegen, 
100 Dafs man für thöricht sie hätt' halten mögen. 
Denn, hatten einem sie ihr Herz geschenkt. 
Nichts hätte sie von diesem abgelenkt. 

Und traurig safsen Tag und Nacht sie nieder 
Und lasen stets des Liebsten Briefe wieder 
105 Und liefsen ruhen sie an ihrem Herzen, 

In ihrer Brust die sehnsuchtsvollen Schmerzen, 
Und liebten sie, die thöricht schlichten Seelen! 
Mehr noch als Prachtgewänder und Juwelen. 
Auch Trank und Speise galt für sie nicht viel: 
110 Sie setzten so ihr Leben gar aufs Spiel. 

Ins innre Mark bald ihre Schmerzen drangen. 
Und bleich und bleicher wurden ihre Wangen. 

Oft liefsen sie durch Schwachheit sich berücken, 
Den Mordstahl gegen ihre Brust zu zücken; 

95 Et vng vallet me donnant a congnoistre 
Aura la dame aussi tost que le maistre. 
III b Tu t'es iadis ioue des poures sottes 

Ainsi que fönt enfans de leurs pellottes; 
Tant les faisoys honteuses et secrettes, 
100 Qu'on dit c'estoient nyaises indiscrettes. 

Car quant auoient a vng leur cueur donne, 
Ne l'eussent onq pour riens habandonne. 

Tristes estoient et iour et nuyct pensifues 
De leurs amans relysant les missiues 
105 En les faisans coucher auecques elles 
Dardant desir entre leurs deux mamelles, 
Et les aymoient comme simples et nices 
Plus que ioyaulx et fourreures de nyces. 

Pour leurs amaws perdoiewt boyre et manger 
110 Mectant leur vie en peril et danger. 

Et enduroient tant de griefues douUeurs, 
Que pour le moins portoiewt palles coulei^rs. 

Et maintesfois par telz faictz inhumaiws 
Contre leurs cueurs ont conuerty les mains; 



108 nyces scheint unverständlich. 

118 inhumains erfordert Sinn und Versmafs statt des handschriftlicJien 
humains. 



Triomphe d'Argent. 139 

115 Und die einst schön und lieblich von Gestalt, 
Lag hingestreckt, ein Leichnam, starr und kalt. 
IV a So ward gar teuer ihnen deine Lust, 

Da grausam du durchbohrtest ihre Brust. 
Es trieb ihr Herz sie, Briefe zu verfassen, 
120 Wie sie Ovid so rührend hinterlassen, 
Und ihre Zeit mit Büchern zu vergeuden, 
Die sie beraubt der schönsten Lebensfreuden. 

Ja, ihnen galt ein Kranz von frischen Rosen 
Als reichrer Lohn, als kostbare Preziosen. 
125 Dagegen sie: durch reiche Stickereien 
Sucht eine den Geliebten zu erfreuen; 
Ein andermal schenkt eine andre Holde 
Ihr Bildnis zart, umrahmt von reinem Golde. 
Die liefsen sich durch Unkenntnis nur leiten, 
130 Nicht kannten sie den Geist der neuen Zeiten, 
Sie hatten ihre Schule nie besucht, 
Genossen nicht der weisen Lehre Frucht. 
Denn sicher ist's, ich sag's an dieser Stelle: 
Paris ist doch des wahren Wissens Quelle, 
135 Mit Recht bist du mit deiner Macht zu End': 
Ich führe jetzt mein mildes Regiment. 



115 Et qui estoient heiles et bien formees 
En viles corps ont este transformees. 
IV a Bien eher vendu leur estoit ton plaisir, 

En les faisant de teile mort gesir. 
Leur ieu estoit de composer epistres 
120 Dont on en voit en Guide les tiltres. 
Et perdre temps a lyre vng tas de liures 
Qui les rendoit de tous plaisirs deliures. 
Elles prenoient pour precieuses choses 
De leurs amys vng chappellet de roses. 
125 Mais non apres de guerdonner remyses, 
L'une donnoit mouchouers et chemises, 
L'aultre en fin or quelque riebe deuise 
La ou estoit sa pourtraicture assise. 
De teile erreur cause estoit Finscience 
130 Faulte d'auoir des miennes la science, 
Et de n'auoir frequente leur escolle 
Ou la doctrine est de fruict non friuolle. 
Pour neant n'est dit mais c'est chose certaine, 
Que Paris est de scauoir la fontaine. 
136 Donc n'ont pas tort de t'auoir depose 
Et en ton lieu moy doulx prince pose 



140 Triomphe d'Argent. 

IV b Mein mild Gesetz, nur der Natur verpflichtet, 
Hat deine Willkür jetzt mit Recht vernichtet. 
Denn dein Gesetz ist nicht zu Nutz und Frommen : 
140 Mit Recht hat man das mein'ge angenommen. 
Das wahrt weit besser frohen, freien Mut, 
Als dein Gesetz mit Pflicht und Ehe thut. 

Die Satzungen des Fürsten Geld. 

Zuerst nun hab ich streng Befehl gegeben. 
Nie Hand zu legen an das eigne Leben, 
145 Wie oft dem Tod sich deine Schönen weihten. 
Sie sollen heiter, froh zu allen Zeiten 
An Spiel und Tanz und Festen sich ergetzen 
Und nie ihr Herz durch Trübsinn je verletzen. 
Nachts will ich jeder süfsen Schlaf gewähren, 
150 Kein Kummer soll ihr je den Schlummer stören — 
So pflegt sie besser ihre zarte Haut — . 
Nicht denke sie an ihren Liebsten traut: 
Doch künde ihre Miene süfs Verlangen, 
Va Dann ist der Tropf unfehlbar schon gefangen, 

155 Und reicher Lohn wird zum Entgelt ihr winken. 

Beim Schlafengehn soll Mandelmilch sie trinken 

IV b Duquel les loix doulces et naturelles 
Ont confondu les tiennes tant cruelles 
Qui a bon droict ont este reprouuees, 
140 Et iustement les miennes approuuees 
En les gardant de bon et franc couraige 
Mieulx que ne fönt la loy de mariaige. 

Les ordonnances d'Argent. 

En premier Heu ie leur ay fait defliewce 
De ne vouloir a leurs corps faire offence 
145 Pour leurs amys comme tes amoureuses, 

Mais qu'en tout temps soient gayes et ioyeuses 
En frequentant festins, bancquetz et festes 
Et que de dueil ne tourmentent leurs testes. 
Je leur permectz dormir toutes les nuictz 
150 Les dispensant ne prendre aucuns ennuyz 
Pour mieulx traicter leur delicate chair, 
Sans point penser en amy, tant soit eher. 
Et toutesfoys luy feront bonne myne; 
Va Car c'est le poinct qui plus le chetif myne 

155 Dont payera les despens et amendes. 

A lewr coucher prendront vng laict d'amewdes 



Triomphe d'Argent. 141 

Denn das erfrischt, hält stetig unverdrossen — 

Im weichen Pfühl, vom Vorhang dicht umschlossen. 
Früh morgens dann, was rein den Teint ihr macht, 
160 Dem Färb' und Glanz benahm die lange Nacht, 

Mufs sie sofort ein weiches Ei geniefsen ; 

Den Imbifs soll dann Hühnersuppe schliefsen. 

Wohlthät'ger Schweifs wird stärkend sie erquicken, 

Versucht sie noch ein wenig einzunicken. 
165 Ich lasse dann als zweite Regel walten, 

Sich nimmermehr an einen nur zu halten. 

Und haben einem Rechte sie gewährt. 

Der andre sei desselben Rechtes wert. 

Doch freilich soll der Arme nicht des gleichen 
170 Empfanges sich erfreuen wie die Reichen : 

Gebührt mit Recht nicht Ehre wohl dem Mann, 

Der gerne giebt und reichlich geben kann? 

Dann ferner: wünschen meine stolzen Damen 
vb Verkehr mit Herrn von angesehnem Namen, 

175 Nicht dürfen sie mit Wohlgerüchen geizen: 

Das hilft gar viel zu ihren eignen Reizen. 

Sorgfältig sei die Kleidung stets gehalten. 

Wie Ordnung mufs in allen Dingen walten. 



Qui les tiendra fresches et bien disposes 
Dedans leur lict entre courtines closes. 
Sur le matin pour auoir le beau taiwct 

160 Qui se ternit la nuyct et se destainct 
Humer pourront vng petit oeuf mollet 
Ou vng bouillon cuyt auec vng poullet. 
Puis se feront suer sur l'oreiller 
En essayant vng peu de sommeiller. 

165 Je leur ay fait autre commandement 
Ne s'arrester a vng tant seullement; 
Et quant sera quelqun d'elles party, 
Qu'a l'autre apres facent vng tel party. 

Mais pas n'entends que les poures et chiches 

170 Ayent recueil si humble que les riches; 
Car c'est raison de defferer honneur 
A eil qui est le plus large donneur. 
Et si seront mes damoyselles fieres 
Vb A saliner honnestes gens fort cheres, 

175 Consequemment que soient bien parfumees; 
Car par cela en seront estimees 
De plus hault pris et tousiours bien en ordre 
D'affiquetz d'or et sans aucun desordre. 



142 Triomphe d'Argent. 

Das ist das Netz, in das die Gimpel schlupfen, 
180 Sie, wenn auch arm, nach Möglichkeit zu rupfen. 
Denn ein Geschenk, so denkt der Thor, mufs immer 
Im Einklang stehn mit solchem Glanz und Schimmer. 

Mit feinsten Wassern sollen sie sich schminken. 
Von duft'ger Salbe zart der Körper blinken; 
185 Und auch Pomade fällt mir dabei ein. 
Der Lippe Glanz und Frische zu verleihn. 

Dann sollen sie, durch Anmut zu verführen. 
Den schlanken Leib in enge Mieder schnüren; 
Stirnlöckchen kräusle lieblich zart der Wind. 
190 Das sagt genug: Wer hier nur wagt, gewinnt. 
Des Busens Pflege ihnen zu empfehlen, 
Ist unnütz wohl: und keine wird verfehlen 
Mit Züchten ihn ein wenig zu entblöfsen, 
via Der Männer Blick Verlangen einzuflöfsen. 

195 Die Kirche auch mufs ihren Zwecken dienen: 
Man kommt dorthin mit zücht'gen, heil'gen Mienen ; 
Doch unter des Gebetes frommem Schein 
Trifft man sich bald zum zarten Stelldichein. 
Noch sei dann ihnen folgendes empfohlen: 
200 Man geh mit Bitten, dreist und unverhohlen. 



Car telz gluaulx fönt duppes consommer 
180 Et bien souuent de pourete sommer 

Pour ce qu'il fault que le present consonne 
Au riche habit et luysante personne. 
A se farder auront eaux distillees 
Qu quelque vnguewt cowrae sont bien stillees. 
185 Je ne veulx pas oublier la pommade 
Pour rafreschir leur leure seiche ou fade. 

Pour apparoir gentes et sadinettes 
Leurs corps seront estrainctz de cordelettes. 
Dessus leurs yeulx yrowt cheueulx au \ent. 
190 Car cela dit: C'est icy que Ton vent. 

Les aduertir d'ordonner leurs mamelles 
Sur l'estommac s'en fault fier en elles 
Qu'elles scauront descouurir vng petit 
via Pour prouoquer des hommes l'appetit. 

195 Au temple yront voire pour mugueter 
Leurs pigeonnetz qui les vont la guecter 
Et soubz coulleur de leurs deuotions 
Entre eulx feront les assignacions. 

Bien ay voulu aussi leur Commander 
200 De non iamais se faindre a demander 



i 



Triomphe d'Argent. 143 

Den Liebsten an, auch den mit kahlem Scheitel: 

So füllen sie gar weidlich ihren Beutel, 

Mit feinsten Leckerbissen ihren Magen, 

Die bergeshoch vor ihren Blicken ragen. 
205 Wie könnten sonst die Männer solcher Frauen 

Sie ganz nach Wunsch zu halten sich getrauen ? 

Auch hab ich schon mit ihnen abgemacht, 

Dafs keiner je nach meinem Ursprung fragt. 
Denn so sind sie der Sorge überhoben 
210 Für Goldgeschmeid, Juwelen, seidne Roben, 

Wenn jederzeit und willig sie gewähren. 

Im eignen Haus die Gattin zu verehren. 

Erregt etwa der Ehmann Furcht und Zweifel: 
vib Der thut, als sieht er nichts, der arme Teufel; 

215 Und seine Frau läfst ruhig er gewähren: 

Er mufs zur Stadt, um Hab und Gut zu mehren. 

Auch steht er sich durchaus nicht schlecht dabei. 

Da er dadurch von manchen Kosten frei. 

Und trauert einst um ihren Mann die Frau, 
220 Trägt sie ein tiefbetrübtes Herz zur Schau, 

Und wirft dabei ihr Netz nach einem andern. 

In das so gern die Männer blindlings wandern; 

A leurs mignons raesmes aux testes razes; 
Car par ceulx la feront riches leurs cazes 
Et mangeront de maintz friandz morceaulx 
Qui deuant eulx sourder^t a graws monceaulx. 

205 Sans ce mariz de dames ainsi graues 
Ne les pourroiewt entretenir tant braues, 
Auec lesquelz i'ay d'accord conuenu 
Ne s'enquerir dont ie seray venu; 

Et par l'accord ne leur sera besoing 

210 Des ioyaulx d'or et robes auoir soing 

En permectant qu'en tout temps et saison 
L^on voyse veoir la dame en leur maison. 
Si du mary l'amawt a craincte ou doubte: 
vib Semblant fera ce mary ny veoir goutte 

215 En le laissant auec sa femme faire 

Faignant d'auoir en ville quelque affaire. 
Aussi apres il s'en trouuera bien, 
Car les gros fraiz ne luy cousteront rien. 
Quant porteront le dueil de leur mariz, 

220 Feront semblant auoir les cueurs marriz 
Pour en siffler d'aultres a leurs pippees 
Dont les amowrs sont par femmes pippees. 



144 Triomphe d'Argent. 

Und unbeirrt nährt sie in ihrem Herzen 
Gar schlau versteckt die Lust an Liebesscherzen. 
225 Da sieht man denn, wie in der Mütter Wegen 
Die Töchterlein getreu zu wandeln pflegen. 
Im Alter drum als ew'ge Wahrheit gilt: 
Die Tochter ist der Mutter Ebenbild. 

Mit Lesen auch soll keine sich befassen : 
230 Das würde schlecht zum Lebensfrohsinn passen. 
Schickt ihnen wer ein Briefchen, ein Gedicht, 
Wo gleich vorweg von mir die Rede nicht, 
Dann weg damit! Ich will, dafs stets mit mir 
VII a Begonnen wird, geendet erst mit dir. 

235 Ich weifs genug, die grofs sich darin zeigen; 
Doch will ich ihre Namen hier verschweigen. 

Lust an Turnieren, rauhem Kriegesspiel 
Verbiet ich streng : das hat nicht Zweck noch Ziel. 
Giebt sich für sie im Kampf der Liebste hin, 
240 Solch eitler Ruhm bringt nimmermehr Gewinn, 
Hilft nicht zum Ziel, wonach sie streben sollen, 
Wonach, ich weifs, die Meinen streben wollen. 

Gewinnsucht treibe sie zur Liebeslust, 
Und, Schüchternheit verbannend aus der Brust, 



Mais au couuert soubz ses blanches pelices 
Continueront leurs plaisirs et delices. 
225 Et si entends que les adolescentes 
Obseruent bien de leurs meres les sentes. 
Affin qu'apres en aaige plus parfaicte 
L'on dye: c'est la mere toute faicte. 
Pas ie ne vueil quWne d'elles s'amuse 
230 A lire escriptz, car cela les abuse. 

Que si quelcun leur enuoye vne epistre 
Qu vng dizain, si ie n'y suis en tiltre, 
Muttes seront. Car ie vueil que par moy 
VII a Soit Fintroite en finissant par toy. 
235 J'en scay assez qui scauent ce mestier, 
Mais les nommer il n'est point de mestier. 

D'aymer tournayz et les vertuz bellicques 
Je leur deffends comme vaines praticques. 
Car si l'ung est pour elles desconfit, 
240 C'est vaine gloire ou n'y a nul proffit, 

Qui est Ie blanc la ou ie vueil que tendent, 
Pource que say ou leurs miens cueurs pretende^^t. 

Aspres seront en entrant en besongne 
En delaissant tout honneur et vergongne, 



Triomphe d'Argent. 145 

245 Sei'n sie zu nehmen wohl mit will'gen Händen 
Stets gleich bereit, doch nimmer selbst zu spenden. 
Genügen mufs ein Sträufschen hin und wieder 
Von frischen Rosen, Veilchen oder Flieder, 
Geschenke auch von andren Kleinigkeiten, 
250 Da gröfsere stets Unheil nur bereiten. 

Gewinn nur sei's, was sie zur Liebe zwingt, 
Wie auf dem Markt nur Geld den Kauf bedingt. 
Sie dürfen nicht sich leichten Sinns ergeben, 
vub Nur ab und zu der Liebsten sehnlich Streben 
255 Befried'gen und bei festlichen Gelagen 
Bescheidne Freuden ihnen nicht versagen, 
Und wenn am Tanz die andren sich erfreun. 
In süfser Lust ein Stündchen ihnen weihn. 

Aufsicht und Schutz vertraut man einer Alten, 
260 Die solches Amt mit Würde mufs verwalten. 
An deren Ernst und Ehrbarkeit man sieht, 
Wie alles nur im besten Sinn geschieht. 

Stellt ohne mich, wenn sonst auch wohlgelitten. 
Ein Freund sich ein, taub sei man seinen Bitten: 



245 Par tous endroitz a prendre curieuses 
Et a donner lentes et paresseuses. 

Donner pourront vne foys la sepmaine 
Boucquetz de fleurs, garniz de mariolaine, 
Ou autre cas de petite valleur; 
250 Car les grans dons ne portent que malheur. 

Mais pour leur bien ie veulx qiie soiewt venalles 
En se vendant comme les bledz aux halles, 
Et qu'elles soient au baiser difficilles, 
VII b Mais au galant humaines et faciles 
255 Ne refusant es festes et festins 
A leurs oyseaulx manier les tetins. 

Et que pendant qw'a baller on se esgaye 
Es cabinetz prennent vne biscaye. 

Pour couuerture aurowt quelqwe matrosne 
260 De grauite qui conduira le throsne. 
Car de penser donra occasion, 
Que tout se fait en bonne intencion. 

Si quelque amy, tant soit de honne grace, 
Entre sans moy, qu'on destourne la face. 



258 biscaye ist mir unverständlich; bei Cotgrave, A French English 
Dictionary (London 1650), findet sich die Erklärung a vantage at Tennis. 

Arcliiv f. n. Sprachen. XCV. 10 



146 Triomphe d'Argent. 

265 So auch, wenn wer um Hab und Gut gekommen : 
Von dem hat man noch nie etwas vernommen, 
Selbst wenn mit allen, die ihm eng befreundet. 
Sich um der Liebe willen er verfeindet. 
Nachdem sein Lieb er überreich bedacht 
270 Und er ihr Heim geschmückt mit goldner Pracht. 
Trifft ihre Ehre darob etwa Schmach, 
Die räche sie durch einen Faustesschlag. 

Dein Name sei ganz aus der Welt verbannt, 
Villa Niemand durch dich zum Freunde mehr ernannt, 

275 Durch. mich, Fürst Geld, nur, wie es sich gebührt. 
Wo Habsucht nur die Herzen all regiert. 

Kein Widerspruch! Das wäre doch gewagt! 
Hab ich zu viel von dir und mir gesagt? 

Die Frauen tauschten Gutes für das Schlechte 
280 Und nahmen für Verrottetes das Echte; 
Aus Sklavinnen schuf ich sie um zu Freien, 
Nach Herzenslust des Lebens sich zu freuen. 
Sie wählten ihren Weg bequem und eben 
Und wandeln froh und sorglos durch das Leben. 
285 Wie Feuer sich und Wasser stets befehden. 
Bekämpf ich dich, gar mild in That und Reden. 



265 Et quant aucun en sera despourueu, 
Semblant feront de iamais l'auoir veu, 
Combien que tous ses parens et amys 
Pour les aymer en arriere aura mys. 
Et que dorez soient cabinetz et plains 
270 De ses presens dont apres fera plaingtz. 

Je vueil aussi que si leur howneur touche 
Pour soy venger qu'on luy baille vne touche; 
Et que ton nom hors de vsaige soit mys 
Villa Sans plus nommer par Amour leurs amys, 
275 Mais par Argent pour l'honneur d'auarice; 
Gar ce surnom conuient a leur office. 

Scauroys tu donc en rien me contredire 
Que de nous deux il n'y ayt trop a dire? 
N'ont elles pas le bien pour mal choisy 
280 En acceptant le fraiz pour le moisy. 
Donne leur ay pour seruaige franchise. 
Affin de viure a leur desir et guise. 
Bien ont esleu la plus facille voye, 
Car Sans ennuy auront toute leur ioye. 
285 Ne suis ie pas comme le feu a l'eau 

Gontraire a toy et plus doulx et plus beau? 



Triomphe d'Argent. 147 

So tritt nun schnell den Rückzug an und eile, 
Versende sonstwo deine gift'gen Pfeile. 
Hier würdest du nur weiter Unheil stiften, 
290 Der Meinen Herz durch deine List vergiften. 

Drum fort von hier! Der Orte magst du walten. 
Durch dich berühmt durch Wandel der Gestalten. 
Such Thisbe auf, des Pyramus Geliebte, 
viiib Auch Minos Kind, das Theseus tief betrübte, 
295 Und Dido, der so schweres Leid geschah. 
Als auf dem Meer sie den Äneas sah. 
Such auf Penelopes getreues Herz, 
Das lang dich hegte selbst im tiefsten Schmerz; 
Auch Portia: denn rein und unverschuldet 
;w Hat sie durch dich den herbsten Tod erduldet. 
Wo nicht, such doch am Hofe weit und breit 
Nach keuscher Sitte und nach Ehrbarkeit. 
An ihn, an ihn mufst du allein dich halten : 
Hierher führt dich ein unglückselig Walten. 
305 Vergebens schlugst hierorts du deine Zelte: 
Hier findest du bei Frau'n nur eis'ge Kälte. 
Laut klagend künd es allen unumwunden, 
Wie in Paris dein Ansehn ganz geschwunden. 



Parquoy bien tost pense te retirer 
Allant ailleurs tes dardz infectz tirer. 
Tu ne feroys icy riens que morfondre, 
290 Si par tes artz voulloys les miens confondre. 
Retire toy es lieux sans longues poses, 
Qu tu as fait tant de metamorphoses. 
Va t'en chercher Thisbee et Deyphille, 
VIII b Phillis, Phedra et de Mynos la fiUe 
295 Et ta Dido a qui feyz ce bon tour, 
Quant vit sur mer Enee de sa tour. 

Va visiter le cueur Peneloppe, 
Ou si long temps tu fuz enueloppe. 
Et Portia, ta lealle rommaine, 
300 Que mourir feyz de mort si inhumaine. 

Sinon va t'en trouuer po2^r le plus court 
Chaste vertu et honneur a la court. 
C'est la, c'est la ou tu te doys tenir; 
Malheureux sort te feist icy venir. 
305 Car tu as mal cy desploye tes tentes, 
Pour y trouuer femmes si violentes. 
Va leur former ta piteuse complaincte, 
Que ta puissance en Paris est estaincte. 

10* 



148 Triomphe d'Argent. 

Doch den Triumph will ich mir erst noch gönnen, 

310 Dafs du in mir den Sieger sollst erkennen, 

Und ich im Glanz des neuen Herrn der Erde "' 
An deiner Statt im Lied verherrlicht werde. 
Drum jung und alt, ob schön, ob häfslich ihr, 
IX a Ihr Laien all, auch ihr mit dem Brevier, 

315 Den Frau'n gefiel's, von Amor sich zu wenden 
Und mir dafür nun Ehr' und Ruhm zu spenden. 
Mir war es leicht, ihn gänzlich zu bezwingen: 
Drum eilt herbei, mir Huldigung zu bringen. 
Ich lafs euch im Genüsse freien Lauf: 

320 Pflanzt drum vor Frauen meine Fahne auf! 
Nichts hilft die Herzen der Pariserinnen 
So leicht wie sie, so mühelos gewinnen. 
Ein jeder ist von Herzen stets willkommen. 
Als bester Freund durch mich stets aufgenommen. 

325 Doch lafst ihr mich zu achten jemals nach, 
Trifflt euch sofort Vergessenheit und Schmach. 

Lafst Tugend, Ehre, Tanz als unerspriefslich : 
Das macht die Weiber krank nur und verdriefslich. 
Sobald nicht ich die erste Rolle spiele: 

330 Denn nur durch mich gelangt ihr erst zum Ziele. 

Mais en premier de toy triumpheray 

310 Et deshonneur de vaincu te feray 

Et si auray d'ung nouueau dieu la marque 
Pour en ton lieu estre mys en Petrarque. 

Donc ieunes gens et vieulx et beaulx et laidz 
IX a Sans excepter mecaniques et lays! 

315 Puis qu'il a pleu aux dames me donner 
Le lieu d'amours et de l'habandonner 
Et que sur luy i'ay eu tel aduentaige, 
Venez a moy faire foy et hommaige. 

L'art de ioyr maintena7^t vous enseigne. 

320 C'est que portez aux dames mon enseigne. 
Car point n'y a de plus helles ymaiges 
Pour conuertir parisiens couraiges. 
Chacun de vous sera le bien venu 
Et moy -present le eher amy tenu. 

325 Mais si perdez, tant soit peu, ma presence, 
Vous serez mys du tout en oublience. 

Laissez vertuz, honneurs, dances, ballades: 
Car ce les rend fascheuses et mallades, 
Si ie ne suis au premier lieu pose 

330 Et en presens et bancquetz expose. 



Triomphe d'Argent. 149 

Kommt all herbei, mich festlich zu geleiten 
Und Amor Schmach und Schande zu bereiten: 
Und SeeP und Leib, die ihm jetzt unterliegen, , 
Bald werden sie in meinem Zeichen siegen. 

IX b 335 Und siegreich zog der Held nun durch die Strafsen, 

Die all geschmückt mit Blumen ohne Mafsen, 

In vollem Pomp auf seinem Siegeswagen, 

In ganz Paris den Sieg davonzutragen. 

Der Liebesgott, erniedrigt, überwunden, 
340 Folgt seinem Feind, aufs schimpflichste gebunden. 

Dann jagt man ihn, der nichts verbrochen hat. 

Den armen Knaben, grausam aus der Stadt. 
Und in der Nacht, so hiefs es in dem Volke, 

Besuchte er, gehüllt in eine Wolke, 
345 Ein Mädchen, das, um ihn in Kümmernis, 

Am Fürsten Geld kein gutes Härchen liefs. 

Auch ich weifs eine, fast vom Schmerz vernichtet; 

Zu der hat Amor sicher sich geflüchtet: 

Denn sie verdient, den Gott bei sich zu hegen, 
350 Den, wohlgemerkt, nur Tugendsame pflegen. 



Venez trestous ma personne conduire 
Sans plus voulloir a Amo^^r vous reduyre, 
Duquel vexez membres, espritz et cueurs 
Seront sans peine en mon signe vainqueurs. 

IX b 335 Ce conquereur lors allant par les rues 
De riches draps et dorures tendues 
Pompeusement en char victorieux 
Dedans Paris triumpha en maintz lieux 
Du dieu d'amours, triste et humilie, 

340 Trop rudement garrotte et lye. 
Et cela faict comrae personne vile 
Ce poure enfant fut banny de la ville. 

Quelcun me dist, quawt la nuyct fut venue, 
Que on l'auoit veu en l'urabre d'une nue 

345 Entrer dedans le logis d'une dame 

Qui a Argent donnoit merueilleux blasme. 

Vne apperceu qui son dueil ne celloit 
Et croy qu'Amour siez eile recelloit. 
Car digne eile est d'estre d'Amour hostesse, 

350 J'entends d'Amour de vertu et saigesse. 



348 siez, gewöhnlich cies geschrieben, = chez. 



150 Triomphe d'Argent. 

Entschuldigung an die ehrbaren 

und tugendsamen Jungfrauen und Frauen 

von Paris. 

xa Von euch nicht spricht Fürst Geld, ihr edlen Frauen, 

Auf die man mit Gewifsheit kann vertrauen, 

Dafs höher als die Schätze dieser Welt 

Ihr guten Ruf und guten Namen stellt; 
355 Die in der Eh' die Treue ihr bewahrt 

Und auf verheifsnen Himmelssegen harrt. 

Mögt ihr von Gold und von Juwelen strahlen, 

In süfsdurchdufteten Gewändern prahlen: 

Herrscht nur im Herzen ehrbar zücht'ger Geist, 
360 Der nur allein den wahren Sinn beweist. 

So zeigt uns das mit grofser Sicherheit: 

Den Priester macht das Innre, nicht das Kleid. 
Wenn ihr einmal Gott Amors Pfeil erliegt, 

Ist euer Herz im Frohsinn nur besiegt. 
365 Denn ob gewappnet gegen Erdenmängel, 

Im Grunde sind wir alle keine Engel. 

Doch hat Fürst Geld nie über euch die Macht, 

Euch einzureden, was er hier gesagt. 



Excuse aux honnestes 

et lealles damoyselles et dames 

de Paris. 

Xa De vous ne parle Argent, hownestes dames, 

Desquelles sont si precieuses ames, 
Que ne vouldriez pour toute sa richesse 
Auoir le nom de femme pecheresse, 

355 Qui gardez foy en leal mariage 
En esperant le promis heritaige. 

Combien que ayez precieux aornemens, 
Riches ioyaulx, parfumez vestemens, 
Chef apparent en toute honnestete. 

360 Car cela n'est contraire a chastete; 

Et qu'il soit vray i'ay la raison ydoine, 

Que non l'habit, mais le cueur fait le raoyne; 

Que si Amour d'aucunes est vainqueur, 
Cela ne vient que de gayte de cueur: 

365 Obstant qu'a mal estes assez estranges, 
Mais pas n'auons priuileige des anges. 
Argent n'a pas sur voz cueurs ce credit 
De vous induyre a ce qu'il a predit 



Triomphe d'Argent. 151 

Ich weifs gar wohl, bei seinem ganzen Trachten, 
•Mi) Ihr werdet ihn nicht einen Deut drum achten, 
xb Da ihr dem Ehrgefühle treu geblieben, 

Wie Gott es euch in euer Herz geschrieben. 

Wenn diese Schrift euch nun vor Augen kommt, 
Ist's Nachsicht nur, was euch beim Lesen frommt. 
375 Ihr werdet dann nichts weiter daraus machen. 
Im Herzen still für euch darüber lachen 
Und werdet sagen: Ja, er hat ganz recht, 
Da er ja euch doch nichts zur Last gelegt. 

Ich möchte nicht, dafs ihr euch nach ihm richtet 
380 Und seinem Wort euch haltet für verpflichtet; 
Doch hat in manchem wohl — ich sag es offen — 
Den Nagel er grad auf den Kopf getroffen. 

Ich glaub es wohl, dafs manches räud'ge Schaf 
Nicht sehr erfreut, da es die Spitze traf; 
;^5 Und doch wird es, wie ihr, ihr frommen Seelen, 
Die nimmermehr in ihrem Wandel fehlen, 
Entschuld'gen gern: wird eine Freundin wagen 
Dem teuren Freunde Böses nachzusagen? 

Und zürnen sie im Ernst dem Fürsten Geld, 
31K) Dafs er ihr Bild so treulich hingestellt, 



Car ie scay bien qu'en quelque lieu qu'il aille 
370 Vous l'estimez moins que vng festu de paille 
Xb Ayant honneur tresbien recommande 

Ainsi que dieu le vous a commande. 

Quant cest escript de luy sera party, 
En l'excusant vous tiendrez son party, 
375 Je m'en foys fort et point n'eii rougirez, 
Mais en voz cueurs ioyeuses en rirez 
Et si direz qu'il a dit verite, 
Parquoy de vous ne sera irrite. 

Je ne dy pas que le vueillez ensuyure 
380 Et ses beaulx faicts et ordonnances suyure; 
Mais vous direz que par certaines choses 
A descouuert au vent le pot aux roses. 

Je pense bien que les brebiz rongneuses 
Ne seront pas en elles trop ioyeuses, 
385 Et toutesfois ainsi comme vous bonnes 
Qui bien monstrez voz loyalies personn es 
L'excuseront. Car vne bonne amye 
De son amy tel ne mesdira mye. 

Si d'Argent fönt iniurieuses plainctes, 
390 Quant se verront au vif ainsi bien painctes, 



152 Triomphe d' Argen t. 

XI a So werden sie im Herzen sich verklagen, 

Nach aufsen doch sich zu entschuld'gen wagen; 
Und er wird lobend aller Namen nennen, 
Die sich zu ihm und seinem Wort bekennen. 
395 Doch nun genug: die Zung' im Zaum gehalten. 
So lassen wir jetzt alles noch beim alten. 

XI a Et qu'en leurs cueurs elles s'accuseront, 
Mais par dehors tres fort s'excuseront : 
II nommera par nom et par surnom 
Celles qui ont de luy ce bon renom. 
395 Donc tenir fault les langues en arrest 
En delaissant le monstier ou il est. 

Halle a. S. G. Schmilinsky. 



Kleine Mitteilungen. 



Zum Andenken an Adelbert Hoppe. 

Adelbert Friedrich Gustav Hoppe wurde am 24, Januar 
1827 in Berlin geboren. Sein Vater hatte ein Materialgeschäft und 
brachte es zu einem gewissen Wohlstande, so dafs er Hausbesitzer 
wurde und in verhältnismäfsig frühen Jahren weiterem Erwerb ent- 
sagen und von seinen Renten leben konnte. Seine Einkünfte wür- 
den ihm erlaubt haben, dem Sohn, der seit seinem zehnten Jahre 
das Gymnasium zum Grauen Kloster besucht hatte, als er dasselbe 
zu Ostern 1846 als primus omnium verliefs, die Mittel zum Uni- 
versitätsstudium zu gewähren. Aber ihm ging das Verständnis dafür 
ab, dafs dieser sich wissenschaftlich weiter zu vervollkommnen 
wünschte, und zwischen beiden scheint es deshalb zu harten Kämpfen 
gekommen zu sein. Der junge Mann war genötigt, als Hauslehrer 
und durch Erteilen von Privatunterricht sich so viel zu verdienen, 
dafs er Kollegien besuchen konnte. Der Vater wird überhaupt nicht 
nur als ein Mann von festem Charakter, sondern von rücksichtsloser 
Härte geschildert. Seine Schroffheit nahm mit dem Alter, besonders 
seit seiner Erblindung, immer mehr zu. Die Mutter dagegen soll 
eine vortreffliche und sehr milde Frau gewesen sein. Leider starb 
sie früh, nachdem ihr Jahre lang der innige Verkehr mit ihren näch- 
sten Angehörigen durch fast völlige Taubheit erschwert worden war. 
Wir können hiernach wohl annehmen, dafs die Haupteigenschaften 
der Eltern sich vererbt hatten. Dem Vater verdankte unser Hoppe 
des Lebens ernstes Führen; seine Festigkeit und Selbständigkeit 
hatte er ja schon früh dadurch bewiesen, dafs er sich in seinem Ent- 
schlufs zum Universitätsstudium nicht wankend machen liefs. Aber 
tiefes Gemüt war ihm von der Mutter zu teil geworden, und ihr mil- 
dernder Einflufs war darin zu erkennen, dafs er, wenigstens in seinen 
besten Jahren, durch unerquickliche Verhältnisse nicht verbittert 
wurde, sondern sich stets ein freundliches Wesen bewahrte. 



154 Kleine MitteiluDgen. 

Hoppe hatte ursprünglich wohl daran gedacht, Geistlicher zu 
werden ; er ging aber von der Theologie allmählich zu der klassischen 
Philologie über. Dafs er sich als Student hauptsächlich mit den 
griechischen Dramatikern beschäftigt hat, läfst sich, abgesehen von 
einer später im Jahre 1859 veröffentlichten Programmarbeit Über 
Vergleichungen bei den Tragikern, besonders daraus 
schliefsen, dafs er.l852 in Halle auf Grund einer Dissertation De 
deorum Sophocleorum fatali potestate promovierte. 

In demselben Jahre trat er in das Lehrerkollegium der Anstalt 
ein, der er seine wissenschaftliche Vorbildung verdankte, und er 
hat sie bis kurz vor seinem Tode nie wieder verlassen. Zu Ostern 
1857 wurde er Kollaborator und rückte zwei Jahre später zu einer 
neugegründeten ordentlichen Lehrerstelle auf. Bald darauf wurde 
er durch seinen damaligen Direktor, den allseitig hochverehrten 
D. Friedrich Bellermann, zur Vertiefung seiner schon während 
der Schulzeit begonnenen englischen Studien veranlafst. Unter den 
'Wohlthätern', zu deren Ehre am Gymnasium zum Grauen Kloster 
alljährlich eine Gedächtnisfeier abgehalten wird, nimmt eine hervor- 
ragende Stellung ein vornehmer Handelsherr zu Venedig Namens 
Sigismund Streit ein, der im Jahre 1775 zu Padua gestorben 
ist. Als alter Klosteraner hatte er der Anstalt grofse Anhänglichkeit 
bewahrt und bedachte sie mit einer Stiftung, aus der der Lehrer des 
fakultativen englischen Unterrichts in den oberen Klassen besoldet 
wird. Bis dahin war ein an einer anderen Berliner Schule ange- 
stellter Philologe nach dem Kloster gekommen, um dort Englisch zu 
lehren. Bellermann wünschte aber, dafs der 'streitische Lehrer' dem 
eigentlichen Kollegium der Anstalt angehören sollte; daher drang 
er in Hoppe und brachte ihn dahin, sich zur Übernahme des Postens 
vorzubereiten. Indem dieser auf die Vorstellungen seines Direktors 
gern einging, vervollständigte er seine Kenntnis und seine Fertigkeit 
im Gebrauch der Sprache bald so weit, dafs er eine Nachprüfung 
bestehen und die ihm zugedachte Stelle antreten konnte. 

Hoppe nahm bei Solly, dem damaligen Universitätslektor des 
Englischen, Privatstunden und hörte die von ihm in seiner Mutter- 
sprache gehaltenen Vorträge über Litteratur. Dieser war von Haus 
aus Jurist und blieb den eigentlich philologischen Studien fern; aber 
er kannte die modernen englischen Schriftsteller recht genau, wufste 
auf allen möglichen Lebensgebieten Bescheid und verstand es, sich 
elegant und mit nicht unbedeutendem Redeflufs auszudrücken. Er 
unterstützte Hoppe bei seiner Lektüre, und so manches damals ganz 
Neue, was im Supplementlexikon geboten werden sollte, dürfte auf 
den Lektor zurückzuführen sein, dem der Verfasser seinen Frage- 
bogen vorlegte. 

Solly gab ihm auch Empfehlungsbriefe mit, als sich Hoppe 1860 
auf mehrere Monate nach London begab. Diese Studienreise hatte 



Kleine Mitteilungen. 155 

zum Hau})tzweck Erwerbung der Geläufigkeit im mündlichen Aus- 
druck und Bekanntmachung mit englischen Lebensverhältnissen. 
Hoppe wohnte bei einem Lehrer des Deutschen, der mit einer Eng- 
länderin verheiratet war. Der Verfasser dieser Skizze hatte die Be- 
kanntschaft vermittelt, und die Dame war während des Londoner 
Aufenthalts in zwangloser Konversation Hauptlehrerin des Philo- 
logen. 

Die englischen Studien bildeten fortan für Hoppe den Mittel- 
punkt seines Forschens, und in der Verfolgung derselben bewies er 
unglaubliche Zähigkeit und einen geradezu rührenden Eifer. Nur 
vorübergehend trat wieder klassische Philologie in den Vordergrund, 
als ihm in späteren Jahren der griechische Unterricht in Prima über- 
tragen wurde. Er sprach damals dem Unterzeichneten gegenüber aus, 
wie tief er es beklage, der Beschäftigung mit englischer Sprache und 
Litteratur auf lange Zeit entsagen zu müssen; er glaubte es nicht ver- 
antworten zu können, wenn er nicht seine ganze Kraft einsetzte, um 
dem ihm zugewiesenen Fache möglichst bald ganz gewachsen zu wer- 
den. Unbedingtes Pflichtgefühl liefs keine widerstreitende Regung in 
ihm aufkommen ; an jede wissenschaftliche oder pädagogische Auf- 
gabe trat er heran mit dem Ernst, den keine Mühe bleichet, und er 
konnte sich als Lehrer oder Gelehrter nie genug thun. Herr Direktor 
Dr. Ludwig Bei 1er mann, ein Sohn des oben genannten ver- 
dienten Schulmanns, hat von Hoppe in der bei seiner Gedächtnis- 
feier gehaltenen Rede gesagt: *Es war fast übertrieben, mit welcher 
peinlichen Gewissenhaftigkeit er sich auf seine Stunden vorbereitete, 
und dies steigerte sich später, als sein Leiden begann, geradezu ins 
Krankhafte. Einen umfangreichen Schriftsteller z. B. wie Thuky- 
dides, von dem ein kleiner Teil in der Schule gelesen werden sollte, 
glaubte er erst ganz und gar sachlich und sprachlich nochmals durch- 
arbeiten zu müssen, ehe er das Pensum begann.' Aufser den grie- 
chischen und fakultativen englischen Lehrstunden gab er Jahre lang 
deutschen Unterricht, besonders in der Obersekunda. Auch hier 
können wieder Worje aus der Gedächtnisrede angeführt werden: 'Es 
ist mir oft von seinen Schülern gerühmt worden, wie er hier die 
nicht leichte Aufgabe, zum deutschen Aufsatz anzuleiten, mit beson- 
derem Geschick gelöst habe, wie die Schüler bei ihm wirklich greif- 
bare Förderung auf den schwierigen Gebieten der Dispositionslehre, 
der Stilistik, der Rhetorik erhielten.' 

Hoppe war ein hervorragender Lehrer, besonders in den oberen 
Klassen, denn er verstand es vor allem, seine Schüler anzuregen. 
Er nahm es mit dem Gegenstande so genau, wie es der Gymnasial- 
unterricht überhaupt zuläfst, traf in Übersetzung und Schilderung 
stets einen glücklichen Ausdruck und würzte seinen Vortrag ge- 
legentlich mit gemütlichem Witz. Auch war er mit Spreewasser ge- 
tauft, war mit dem Jargon eines Berliner Kindes vertraut und erzielte 



156 Kleine Mitteilungen. 

oft schlagenden Erfolg durch Anwendung desselben. Hat er doch 
auch zu dem bekannten Sammelwerk 'Der richtige Berliner in Worten 
und Redensarten' viel beigesteuert. Wenn er sich beim Unterrichten 
durch sein cholerisches Temperament bisweilen im augenblicklichen 
Unmut zu heftigen Ausdrücken hinreifsen liefs, so machte er seine 
Übereilung durch Freundlichkeit gleich wieder gut und fesselte die 
Schüler um so mehr an sich. Nichts verzeiht man dem Lehrer 
leichter als Heftigkeit, wenn man nur weifs, dafs er gerecht ist. 
Hoppe hatte vor allem ein Herz für die Jugend, und die Jugend 
fühlte dies; darum war er so beliebt. Lebhaft beteiligte er sich, 
solange rüstige Kraft ihm zu Gebote stand, an den Sängerfahrten der 
Schule, und ich selbst habe ihn in Falkenberg in der Mark, wo ich 
damals das Viktoria-Institut leitete, wenn der Ausflug, wie so oft, 
dahin unternommen war, im Kreise seiner Kollegen wiederholt ge- 
troffen und mich über seinen ungezwungenen Verkehr mit den Schü- 
lern gefreut. 

Im Jahre 1867 verheiratete sich Hoppe, als er schon aus den 
Dreifsigen heraus war. Bald darauf begegnete ich ihm auf der 
Strafse mit der Gattin am Arme in der Nähe seiner Wohnung. Nach- 
dem er mich vorgestellt hatte, sagte er als echter Berliner : *Nun habe 
ich mir auch eine Frau angewöhnt.' Es wurden ihm drei Söhne ge- 
boren, und sein Familienleben war so glücklich als möglich, zumal 
da sich, seit er in den Räumen des Klosters wohnte, zwischen seinen 
Kindern und denen eines ihm nahen Kollegen ein sehr inniges 
Freundschaftsverhältnis entwickelte. Sein Sinn war über die Mafsen 
häuslich, und er hat einmal, wie in der Gedächtnisrede angegeben 
ist, einem guten Freunde, der sich einen Hausstand gründen wollte, 
die schönen Worte zugerufen: 

Manches draufsen wird gefunden, 
Was man sucht und greift und ehrt; 
Doch des Lebens Weihestunden 
Blühn dir nur am eignen Herd. 

Hoppes Frau bereitete ihm als tüchtige Klavierspielerin durch ihre 
Kunst viele frohe Stunden, denn er liebte die Musik über alles. 
Direktor Bellermann sagt: 'Ich erinnere mich eines Abends, als ich 
mit ihm in der Singakademie Bachs Matthäuspassion hörte, wie er 
voll war von dem Eindruck, und wie ihn insbesondere der unver- 
gleichliche Wohllaut des Chorals ergriff: Wenn ich einmal soll schei- 
den, so scheide nicht von mir. Er war kein Mann von streng kirch- 
lich gläubigem Sinn, aber der innige Ausdruck dieses tiefen Gott- 
vertrauens rührte ihn bis zu Thränen. Und wer könnte es nun ohne 
Rührung hören, was mir sein Sohn erzählt hat, dafs er dieselben 
schönen Strophen in seinen letzten schweren Tagen und Stunden 
wiederholt zu hören verlangt hat, und dafs bei ihren beschwichtigen- 



Kleine Mitteilungen. 157 

den Klängen ein friedliches Lächeln über seine kranken Züge ge- 
gangen ist?' 

Solange Hoppes Gattin lebte, war er ein glücklicher Mensch 
im vollen Sinne des Wortes ; denn er hegte keine Wünsche, die über 
das von ihm Erreichte hinausgingen. Nach grofsen Glücksgütern 
hatte er nie verlangt, und er blieb stets zufrieden mit dem beschei- 
denen Los, das ihm zu teil geworden war. Er hatte eine Lebens- 
gefährtin gefunden, die ihn verstand und mit der er durch die 
innigste Liebe verbunden war. Seine Söhne entwickelten sich normal 
und versprachen, einst tüchtige Männer zu werden. In seinem Beruf 
und in seiner schriftstellerischen Thätigkeit fand er volle Befrie- 
digung, auch fehlte ihm nicht die Anerkennung derer, welche seine 
Leistungen zu beurteilen berufen waren. Endlich besafs er auch, 
was in dem alten und bekannten, bald dem Simonides, bald dem 
Epicharmos zugeschriebenen Skolion an erster und an letzter Stelle 
gepriesen wird; er war im Genufs frischer Gesundheit und freute 
sich jugendlicher Kraft im Kreise seiner Freunde. 

Der erste Schlag, der ihn traf, war der Tod seiner Gattin im 
November 1884. Sie hatte schon lange am Krebs gelitten, war ver- 
geblich operiert worden und starb nach unsäglichen Leiden. Nach 
etwas mehr als einem Jahre verheiratete er sich wieder, und zwar 
mit der Dame, welche seine erste Frau mit rührender Aufopferung 
gepflegt hatte, und welche berufen war, auch ihm eine treue Pflegerin 
zu werden. Einige Jahre durfte er sich der neu gewonnenen Häus- 
lichkeit freuen, dann stellten sich Gebrechen ein, die von schneller 
Abnahme der Kräfte und von einer sich immer mehr steigernden 
Nervosität begleitet waren. Wohl infolge der übergrofsen Anstrengung 
bei wissenschaftlicher Arbeit war Schwerhörigkeit eingetreten, die 
allmählich zunahm, das Unterrichten erschwerte und Umgang meiden 
liefs. Hoppe war ursprünglich eine äufserst gesellige Natur gewesen ; 
aber mit zunehmendem Alter spann er sich von Jahr zu Jahr mehr 
ein, vertiefte sich ausschliefslich in seine Arbeiten und entzog sich 
seinen alten Freunden. 

Im Wintersemester 1891 — 92 liefs sich Hoppe, um sich ganz 
ungestört seiner wissenschaftlichen Thätigkeit widmen zu können, da 
er fühlte, dafs ihm nicht mehr viele Jahre würden beschieden sein, 
von allen seinen Stunden mit Ausnahme der englischen entlasten. 
Von einem ihm dringend nötigen Urlaub zur Stärkung seiner Ge- 
sundheit wollte er nichts wissen. Von Ostern 1892 ab versah er 
seinen Unterricht in der Schule wie vordem, bis die Seinigen im No- 
vember desselben Jahres, als er von einer Konsultation beim Ohren- 
arzt zurückkehrte, die Anzeichen eines leichten Schlaganfalls an ihm 
bemerkten. Das störende Gehörleiden konnte unmittelbar darauf 
durch eine geringfügige Operation gehoben werden; allein, noch ehe 
er als geheilt aus der Ohrenklinik entlassen werden konnte, befiel 



158 Kleine Mitteilungen. 

ihn eine heftige Lungenentzündung und brach seine Kräfte vollends. 
Vergeblich suchte er im Sommersemester 1893 Genesung in Südtirol, 
Italien und der Schweiz. Nach seiner Rückkehr im September wurde 
man auf Anzeichen eines Gehirnleidens aufmerksam, und er sah sich 
genötigt, den Wunsch auf völlige Entbindung von seiner amtlichen 
Thätigkeit auszusprechen. Er hat den Eintritt in den Ruhestand am 
1. April 1894 nicht mehr erlebt. Stärkung und Ruhe erhoffend sie- 
delte er im Februar nach Rostock über, wo ihn ein erneuter Schlag- 
anfall am 16. März dahinraffte. Am 18. April veranstaltete Herr 
Direktor Dr. Ludwig Bellermann in der Aula des Gymnasiums zum 
Grauen Kloster eine Gedächtnisfeier zu Ehren des Dahingeschiedenen 
und schilderte sein ganzes Wesen mit warm empfundenen und tief 
ergreifenden Worten. 

Hoppe gehört der älteren Generation der englischen Philologen 
an, die, da ihnen während ihrer Studienzeit keine Förderung in ihrem 
Fache geboten war, sich selbständig hatten bilden müssen, indem sie 
fast sämtlich von der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Latei- 
nischen und Griechischen ausgingen. Vergleichende Sprachforschung 
fand man zwar auf den Universitäten schon vertreten; sie war jedoch 
noch nicht recht eingedrungen, so dafs die meisten Studenten mit 
ihren Resultaten unbekannt blieben. In der Schule der klassischen 
Philologie lernten die modernen Sprachwissenschaftler wenigstens 
Methode, um sie hauptsächlich bei der Erklärung der Schriftsteller 
und der dadurch bedingten Kritik anzuwenden. Was Hoppe sowohl 
als Interpret, wie als Grammatiker und Lexikograph geleistet hat, 
ist auf das bei den klassischen Philologen herkömmliche Verfahren 
zurückzuführen. Dafs ihm die sprachlich historischen Studien des 
jüngeren Geschlechts, sowie die älteren Litteraturperioden ziemlich 
fremd geblieben sind, darf man ihm nicht zum Vorwurf machen. 
Konnte er doch nur durch Beschränkung das gesteckte Ziel erreichen. 

Die äufsere Veranlassung, durch welche Hoppe der modernen 
Philologie zugeführt worden ist, haben wir schon angegeben. Wei- 
tere Anregung erhielt er durch seinen Eintritt in die zu Ende des 
Jahres 1857 von Herr ig mit seinen Freunden gestiftete Gesell- 
schaft für das Studium der neueren Sprachen. In dieser habe ich 
ihn selbst im Winter 1858 kennen gelernt und bin in den nächst- 
folgenden Jahren viel mit ihm in Berührung gekommen. Georg 
Büchmann hatte es bald nach Gründung des Vereins in Bd. XXI 
des Archivs bei Gelegenheit einer Kritik der Strathmannschen Bei- 
träge als wünschenswert bezeichnet, lexikalische Nachtragssamm- 
lungen für das Englische zu veranstalten und dabei, damit eine 
Grenze zwischen dem schon Bekannten und Neuhinzugefügten fest- 
gestellt werde, das Wörterbuch von Lucas, welches damals schon 
wegen verhältnismäfsiger Vollständigkeit als tüchtigste Leistung in 
ihrer Art galt, zu Grunde zu legen. Er selbst veröffentlichte im 



Kleine Mitteilungen. 159 

Archiv Beiträge zur englischen Lexikographie, und ihm schlofs sich 
bald auch Hoppe an, von dem in den Bänden XXVIII — XXXVI, 
sowie in der neuen Folge Bd. XLIX neun derartige Artikel erschie- 
nen sind. Zu erwähnen ist auch als in dasselbe Fach einschlagend 
seine Recension von Pineas, Ergänzungsblätter zu jedem englischen 
Handwörterbuch, Hannover 1846, in Band XXXIX des Archivs. 
Er hat in diesem Blatte etwas später H. A. Werners Ausgabe 
des Cricket on the Hearth, sowie 1874 im Centralorgan für Real- 
schulen Riechelmanns Ausgabe von Christmas Carol, letztere 
mit derbem Humor, besprochen. 

Als zu Anfang der sechziger Jahre von Herrig im Auftrage des 
Vereins für neuere Sprachen Cyklen öffentlicher Vorlesungen im 
Konzertsaal des königlichen Schauspielhauses veranstaltet wurden, 
deren Ertrag zu Reisestipendien für jüngere moderne Philologen be- 
stimmt war, hielt Hoppe einen Vortrag über Slang. Den Haupt- 
inhalt desselben dürfte man wohl in dem allerdings kurzen, aber 
sehr gründlichen Artikel des Supplement-Lexikons finden. 

Wir müssen es im Interesse der englischen Sprache als ein be- 
sonderes Glück bezeichnen, dafs Hoppe für sein Hauptwerk, durch 
welches sein Name bald allgemein bekannt werden sollte, in der 
Person des Professors G. Langenscheidt einen intelligenten Ver- 
leger fand, der an der Arbeit des Verfassers das lebhafteste Inter- 
esse nahm und alles aufbot, um sie angemessen auszustatten und 
ihre schnelle Verbreitung in den weitesten Kreisen zu fördern. 1871 
erschien der nicht ganz sechzig Bogen enthaltende Band in grofsem 
Lexikonformat mit dem vollständigen Titel: Englisch-deutsches 
Supplement-Lexikon als Ergänzung zu allen bis jetzt erschie- 
nenen englisch-deutschen Wörterbüchern, insbesondere zu Lucas, mit 
teilweiser Angabe der Aussprache nach dem phonetischen System 
der Methode Toussaint- Langenscheidt, durchweg nach englischen 
Quellen bearbeitet von Dr. A. Hoppe. Als Motto war das Sprich- 
wort gewählt: All is fish that comes to net. Die Angabe, dafs das 
Werk durchweg nach englischen Quellen bearbeitet sei, leidet insofern 
eine Ausnahme, als aus dem Werke von Dr. Ed. Fischel, Die Ver- 
fassung Englands, Berlin 1864, und aus einer Reihe von Artikeln 
über englische und preufsische Gerichtsverfassung in den Sonntags- 
beilagen der Vossischen Zeitung vom Jahre 1862 viel geschöpft ist, 
abgesehen von Benutzung der lexikalischen Beiträge von Büchmann, 
Pineas und Strathmann, sowie eines Artikels von Flügel, Das eng- 
lische Lexikon in Deutschland, in Bd. VIII des Archivs. 

Grofsbritanniens Verfassungs- und Gerichtswesen war allerdings 
schon manchmal von Fachmännern besprochen worden; aber die 
Leser englischer Werke konnten sich nicht leicht in jedem einzelnen 
Fache Auskunft verschaffen, Hoppe erwarb sich ein Verdienst, 
indem er die in Betracht kommenden Ausdrücke lexikalisch zu- 



160 Kleine Mitteilungen. 

sammenstellte und genügend erklärte. Er bot aufserdem eine Menge 
anderen Stoflf*, um Land und Leute kennen zu lernen, was zu der 
Zeit, als das Supplement-Lexikon herauskam, dankenswert erschien, 
da die Sachwörterbücher des Langenscheidtschen Verlags noch nicht 
vorlagen, diejenigen also, welche sich nicht durch eigene Anschauung 
an Ort und Stelle ihre Kenntnis erworben hatten, bei der Lektüre 
oft ratlos dastanden. Um ein Beispiel anzuführen, Cricket und an- 
dere Spiele mufsten beschrieben, die dabei üblichen Ausdrücke er- 
klärt werden, was in Wörterbüchern so gut wie gar nicht geschehen 
war. Dabei traf es sich glücklich, dafs sich Hoppe von einem Eng- 
länder, dessen mir einmal mitgeteilten Namen ich vergessen habe, 
sich Auskunft zu verschaffen wufste, wie er ja auch im Vorwort an- 
giebt, dafs er Solly vielerlei Aufschlüsse verdanke. 

Der Verfasser des Supplement-Lexikons, hat manche damals bei 
uns noch wenig bekannte Werke eingehend studiert; ich nenne be- 
sonders Tom Brownes School-days. Seine zunächst aus dem eigenen 
Bedürfnis hervorgegangenen Erklärungen sind gründlich und zeich- 
nen sich durch Präzision des Ausdrucks vorteilhaft aus; dabei ist 
die Anordnung in den einzelnen Artikeln übersichtlich. Nahe lag 
die Heranziehung des bis dahin noch nicht ausgebeuteten Slang- 
Dictionary, wie überhaupt Berücksichtigung der >S'/aw^- Ausdrücke, 
die besonders seit Dickens immer mehr in die Litteratur eingedrungen 
sind und sich von Tag zu Tag ein unbestreitbares Bürgerrecht erwer- 
ben. Endlich sind auch Namen erklärt, die in volkstümlichen Wer- 
ken oft vorkommen und den Lesern Schwierigkeit bereiten. Wenn 
man dies alles zusammennimmt, so kann man sich nicht wundern, 
dafs das Supplement-Lexikon als ein unvergleichliches Werk auch 
einen durchschlagenden Erfolg hatte. 

Als Michaelis 1872 die Akademie für moderne Philologie unter 
Herrigs Leitung eröffnet wurde, übernahm Hoppe Interpretation mo- 
derner englischer Werke und las unter anderem Sheridans Rivals, 
sowie Dickens' Cricket on the Hearth und Sketches. Eine Ausgabe 
des Cricket hatte er bei Beginn seiner Vorlesungen wohl schon vor- 
bereitet; sie kam 1873 im Verlag von Langenscheidt heraus und 
hat jetzt bereits die siebente Auflage erreicht. Aus den Vorträgen 
in der Akademie ist aber jedenfalls die 1886 in zwei Bänden der 
Tauchnitzschen Students' Series erschienene Ausgabe der Sketches 
hervorgegangen, zu der der Herausgeber etwas später auf besonderen 
Wunsch des Verlegers ein kleines Specialwörterbuch hinzugefügt hat. 
Diese Hoppeschen Ausgaben können in jeder Hinsicht als Muster 
gelten ; denn sie sind durchaus zuverlässig und erschöpfend, zugleich 
aber mit Geschmack angefertigt. 

Zu der Festschrift, welche bei Gelegenheit der dritten Säkular- 
feier des Berliner Gymnasiums zum Grauen Kloster 1874 von dem 
damaligen Direktor D. Bonitz herausgegeben wurde, steuerte Hoppe 



Kleine Mitteilungen. l6l 

einen fast zwei Bogen füllenden Aufsatz bei: Über Vergleichun- 
gen in der englischen Sprache. Auffallend ist es, dafs er 
darin keine Bekanntschaft mit Rays Proverbs verrät; obgleich er 
durch einen mit Bezug auf Shak. E7t. IV, 2, 27 von ihm heran- 
gezogenen Artikel aus Nares' Olossary auf diese allerdings etwas 
trübe fliefsende und oft versiegende Quelle hingewiesen war. Seine 
Auseinandersetzungen, deren Stoff er offenbar samt und sonders aus 
der eigenen Lektüre geschöpft hat, würden durch Benutzung jenes 
Werks in manchen Fällen etwas modifiziert, namentlich aber auch 
durchgehends umfassender geworden sein. Hauptgegenstand der Be- 
sprechung sind die typischen Bilder, für deren Gebrauch die Ge- 
sichtspunkte aufgestellt sind, dafs die eigentümliche Art und Weise 
einer Handlung, oder Eigenschaft, oder ihre besondere Stärke dar- 
gestellt wird. Nach beiden Seiten, besonders aber nach der letzteren 
hin geht der Vergleich in das Formelhafte über. Der Verfasser 
macht weiterhin darauf aufmerksam und weist es an zahlreichen 
Beispielen nach, dafs Begriffe durch den blofsen Zusatz einer Ver- 
gleichung eine ganz andere Färbung erhalten, ja, dafs die betreffen- 
den Wörter dadurch ganz verschiedenen Grundbegriffen zugeteilt 
werden. In engem Zusammenhange damit steht Vertauschung der 
Bedeutungen, wodurch das gemeinschaftliche Prädikat dem Gegen- 
stande selbst in einer anderen Bedeutung zukommt als dem Bilde. 
Der Teil der Arbeit, in welchem der Gegenstand am meisten er- 
schöjift ist, behandelt die gradbezeichnenden Formeln, z. B. as sure 
as can he, as bad as bad can be. Daran schliefsen sich Ausdrücke, 
die infolge des allmählichen Verblassens der ursprünglichen Bedeu- 
tung an das Sinnlose grenzen. Hoppe hat in dem vorliegenden Auf- 
satze nicht allein willkommene Nachträge zu Angaben des Supple- 
ment-Lexikons geliefert und die einzelnen Formen der Vergleichungen 
in Zusammenhang miteinander gesetzt, sondern vor allem einen Gegen- 
stand der wissenschaftlichen Erörterung angeregt, der noch weiter 
untersucht werden mufs. Die allgemeinen Gesichtspunkte sind grund- 
legender Natur, und es sind aufserdem Winke gegeben, deren Ver- 
folgung für die englischen Studien, auch für die Litteraturgeschichte 
noch ergiebig werden kann. Es wäre sehr interessant, wenn die kurz 
skizzierte Verwendung der Vergleiche von selten verschiedener be- 
deutender Schriftsteller eine genauere Besprechung fände. 

1879 veröffentlichte Hoppe, der inzwischen den Professortitel 
erhalten hatte, im Langenscheidtschen Verlag den ersten Teil eines 
Lehrbuchs der englischen Sprache für Schulen mit 
dem ausdrücklichen Zusatz : 'Nicht für den Selbst-Unterricht.' Dieser 
erste Teil, der durch einen zweiten leider nicht vervollständigt ist, 
wird als Elementarbuch bezeichnet und führt auf dem Titel die 
Worte: 'Mit besonderer Berücksichtigung der Aussprache und An- 
gabe derselben nach dem phonetischen System der Methode Toussaint- 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. H 



162 Kleine Mitteilungen. 

Langenscheidt/ In der Vorrede hat der Verfasser das Erlernen der 
Aussprache nachdrücklich betont und hervorgehoben, dafs sie im 
elementaren Teile eines solchen Werkes schon vollständig abgethan 
werden müsse. Anzuerkennen ist vor allem, dafs auf Aussprache 
der Wörter im Zusammenhange mit richtigem Satzton gedrungen 
wird. Durch Angabe von Regeln hierfür unterscheidet sich das Werk 
vorteilhaft von den meisten ähnlichen. 

Hoppes letzte Lebensjahre sollten der Umarbeitung und Erwei- 
terung des Supplement -Lexikons gewidmet werden. Obgleich das 
Werk nicht allein den Namen des Verfassers berühmt gemacht, son- 
dern auch allen buchhändlerischen Anforderungen in vollem Mafse 
genügt hatte, konnte sich der Verleger, nachdem es vergriffen war, 
lange zu keiner Wiederveröffentlichung entschliefsen. Und doch 
wurde das Buch fortwährend gesucht, und Antiquare, die es zu lie- 
fern Gelegenheit fanden, liefsen sich oft das Doppelte des ursprüng- 
lichen Ladenpreises dafür bezahlen. Erst 1878 nahm Prof. Langen- 
scheidt eine neue Auflage in Aussicht. Lizwischen hatte die Sammel- 
arbeit des Verfassers trotz aller seiner Berufsgeschäfte und Neben- 
arbeiten nie geruht. Von den verschiedensten Seiten hatte er allerhand 
Beiträge erhalten und selbst immer neue Lektüre getrieben und 
Belagstellen gesucht, oder noch unbeachtete Wörter und Bedeutungen 
gefunden, so dafs die Zahl fast ins Endlose angewachsen war. Für 
die Neubearbeitung hatten sich etwa 40 000 Notizen zusammen- 
gefunden, mehr als ein einzelner am Abend seines Lebens noch 
überwinden konnte, zumal da das Material während der Arbeit sich 
immer noch vermehrte. Trotz des emsigsten, geradezu aufreibenden 
Fleifses hat Hoppe nur die erste 1888 erschienene Abteilung und 
die erste Hälfte der zweiten Abteilung, von Glose bis Do, im Jahre 
1893 fertigzustellen vermocht. Wenn er das Werk nicht ganz so 
umfassend und minder vollständig hätte anlegen wollen, so würde 
er sicher darin weiter gedrungen sein. Er hat aber nicht nur den 
aufzunehmenden Stoff etwas zu weit ausgedehnt, insbesondere durch 
Berücksichtigung älterer, dem jetzigen Sprachgebrauch fremd gewor- 
dener Wörter, sondern auch das schon Vorhandene bedeutend er- 
weitert. Ein Beispiel mag genügen. Über den Gebrauch von again 
zur Bezeichnung der Intensität, der wenigstens in der Ausdehnung, 
wie es im Supplement-Lexikon gefordert wird, zur Verwunderung 
des Verfassers nicht allgemeine Anerkennung gefunden hat, sind zu 
den in der ersten Auflage angeführten 15 Stellen mit verschiedener 
Nüancierung jenes Begriffs nicht weniger als 27 andere hinzugefügt 
und sämtlich ausgedruckt. Der Verfasser ist über der Vervollstän- 
digung des Werks hingestorben, und wir können uns nur mit der 
Aussicht trösten, dafs einer seiner Söhne, Herr Dr. Karl Hoppe 
in Landsberg a. W., bald die Herausgabe des Vermächtnisses unter- 
nehmen wird. 



Kleioe Mitteilungen. 163 

Alle Philologen müssen tief beklagen, dafs das Leben des streb- 
samen Gelehrten nicht in der Vollendung seiner letzten und um- 
fassendsten wissenschaftlichen Aufgabe einen würdigen Abschlufs 
gefunden hat. Wir aber, die wir das Glück genossen haben, ihm 
persönlich näher zu treten, werden dem edlen Manne, dessen ganzes 
Leben der Wissenschaft geweiht war, stets ein liebevolles Gedächtnis 
bewahren. 

Grofs-Lichterfelde. Immanuel Schmidt. 

Eine weitere mittelenglisehe Übersetzung der Distieha 
Catonis. Zu den bisher bekannten mittelenglischen Übersetzungen 
der Distieha Catonis tritt eine weitere Version, die sich in der Hs. 
Rawlinson G. 59 der Bodleiana befindet. Diese Papierhandschrift, 
die sonst nichts enthält, besteht aus dreizehn Blättern und stammt 
aus dem dritten Viertel des 15. Jahrhunderts. Voran geht eine aus 
sechs ungleich langen Abteilungen bestehende Einleitung (entsprechend 
Hauthal, Gatmiis philosophi über S. 1 — 7), von denen die erste als 
Probe folgen möge. Die aufgelösten Abkürzungen sind durch kur- 
siven Druck kenntlich gemacht. 

' [C]Vm animuduerterem . . . contingere (Hauthal S. 1). 
When I auysed me ryght hertely 
How dyuerse men eren grevously 
Departyng fro wey of vertu will 
Me semeth it nedful to fulfyll 
And teche sum thing that scholde w* resou^ 
Socowr to here opiniou?^ 

Wherthurgh her^ that gloryows her lyuyng be 
And lede here lyf in honeste. 

Auf die Einleitung folgen die Distieha selbst, die in vierzeiligen 
Strophen wiedergegeben sind. Ich teile die beiden ersten und die 
beiden letzten Strophen mit. 

1 [S]I dens est aniraw« . . . (H. I, 1). 
My fayre sone at the begynnyng 
Sythen god made erthe and celestial thing 
Worschype hym serue.hym and pryse 
With stedefaste herte and no feyntyse. 

Pins uigila . . . (H. I, 2). 

Wak the more that thou ne be 
To slep subiect for thou mayst se 
That mechyl slep and long restyng 
Maketh to vices gret noryschyng. 



Die Initiale fehlt. '■^ Unter her sind Tilgungspunkte. 



164 Kleine Mitteilungen. 

Quam }}rim\ifri . . . (H. IV, 45). 

How profitable it is and thou be wys 

To make nother preysyng ne jet despys 

The may happe desyre ful sore 

The thing the ^ of whyche thou made no störe. 

Miraris uerbis . . . (H. IV, 49). 

Dere sone merueyle noght thogh I 
Haue wryte thise wordes so nakedly 
Certis ray scherte wytt made hitt 
That I tweyn togedir knytt. 
Oxford (Headington Hill). A. S. Napier. 

Spensers 'Blatant Beast'. Das Beiwort hlatant, welches 
Spenser seinem die Verleumdung verkörpernden Ungeheuer gegeben 
hat, ist nach dem 'New English Dictionary' vor Spenser nicht belegt, 
Murray bemerkt: ApparenÜy invented hy Spenser. Ich glaube, das 
französische Vorbild bestimmen zu können, welchem der englische 
Dichter die Bezeichnung, manche Eigenschaften, vielleicht sogar die 
Anregung zur Schöpfung seines Ungeheuers verdankt. 

Unter den zahlreichen, durch die Druckerpresse weit verbreiteten 
französischen Ritterromanen des 1 6. Jahrhunderts findet sich La plai- 
sante et amoureuse hystoire du Chevalier Dore, et de la pucelle sur- 
nommee Gueur d'acier, Nouuellement imprimee. M. D. XLL ^ Über 
die Quelle des 'Chevalier Dor^' bemerkt Brunet: U'Histoire du Che- 
valier dore,' teile que la donnent les editions de 1542 et 1570, n'est 
qu'un episode du grand Roman de 'Perceforesf. Uediteur du petit 
volume, afin de deguiser son plagiat, a substitue au nom de Perce- 
forest celui du roi Peleon (Huhand, Notice d'un manuscrit appartenant 
ä la Bibliotheque de Marseille, p. 93). Diese Bemerkung entspricht 
der Wahrheit vollkommen. ^ Die 'Histoire du Chevalier Dore' ist 



^ Unter dem the sind Tilgungspunkte. 

^ Ohne Ortsangabe, doch wird der Kenner den Druckort leicht be- 
stimmen können aus folgender Notiz des Titelblattes: On les vend en la 
rue neufue nostre Dame ä l'enseigne Sainct Jehan Baptiste, pres Saincte 
Oeneuiefue des Ärdens, en la houticque de Denys Janot, imprimeur et libraire. 
Brunet, 'Manuel du Libraire' und Supplhnent, tome II, s. v. Plaisante, ver- 
zeichnet diesen zweimal die Jahreszahl 1541 tragenden Druck nicht, wohl 
aber einen Druck des Jahres 1542, der mir mit dem mir vorliegenden 
Drucke identisch zu sein scheint, und einen Druck des Jahres 1570 von 
Lyon. Altere Drucke, die vermutungsweise in die Jahre 1480 — 1490 ge- 
setzte editio princeps und eine Quarto des Jahres 1508, erwähnt Brunet 
nach den Angaben anderer Bibliographen ohne eigene Kenntnis. 

^ Vgl. auch Grsefse II, 3, 1, S. 229: 'Eine andere Episode aus Vol. II, 
eh. 143 sq. ist die Histoire du Chevalier aux ar^nes dorees et de la pucelle 
Cceur d'acier s. l. et a. (1480 — 90) fol' Die kurze Analyse der Histoire 
in der Bibliotheque Universelle des liomans, September 1785, S. 3 ff., auf 
welche Grsefse 1. c. verweist, ist sehr unvollständig. 



Kleine Mitteilungen. 165 

nur ein fast durchgehends wortgetreuer Auszug aus dem 'PerceforestV 
dessen Persönlichkeiten fortwährend genannt werden, dessen Er- 
eignisse oft als bekannt vorausgesetzt sind. Sie umfafst den gröfsten 
Teil folgender Kapitel des Romans : Second volume, chapitres CXLIII 
(Fueillet. CXLVII ff.), CXLIV; Tiers volumes, chapitres V, XXXIII 
bis XXXVIII incl., XLII, in welch letzterem sie mitten im Text 
abbricht, ohne jeden Versuch eines abrundenden Schlusses. Die- 
'Histoire' charakterisiert sich somit als eine ganz mechanische Kom- 
pilation, als eine sehr ungeschickte Zusammenstellung der im 'Perce- 
forest' oft unterbrochenen Abenteuer des Chevalier Dor6. 

Auf die Frage, ob Spenser den Stammroman oder den Auszug 
vor sich hatte, kann ich jetzt nicht eingehen. Möglicherweise haben 
unserem Dichter auch noch andere Episoden des ungeheuren Romans 
als Vorbild gedient, vielleicht ist der 'Perceforest', in welchem oft 
von Feenköniginnen die Rede ist, und dessen fünftes Buch die Be- 
schreibung eines vor la royne Faee Blanche abgehaltenen, aus zwölf 
Kämi)fen bestehenden Turniers füllt, für die Quellenfrage der 'Fairy 
Queen' von grofser Bedeutung. Heute mufs ich meine Betrachtung 
auf die Episode beschränken, in welcher ich das Urbild des Blatant 
Beast gefunden zu haben glaube. Da der Text des Terceforest' in 
den für meine Vergleichung wichtigen Stellen nur geringfügige Ab- 
weichungen zeigt, citiere ich im Folgenden den Wortlaut der mir 
vorliegenden 'Histoire du Chevalier Dore'. 

Der Chevalier Dore liebt die schöne Neronnes, genannt Cueur 
d'acier; auf seiner abenteuerreichen Fahrt, w^elche ihn schliefslich mit 
der Geliebten vereinigt, gelangt er en la forest du Glar (XXIII) : Le 
gefitil cheualier cheuaulcha tant celle inatinee, qu'a Vheure de prime il 
fut au parfond de la forest, et la trouua ung merueilleux rocher, ou 
y auoit du coste deuers Orient vne cauerne qui alloit au parfond du 
7-ocher. Quajid le Chevalier vint au pres de la cauerne, il regarda et 
veid Vune des merueilleuses bestes du monde, et la plus terrihle qu'onc- 
ques auoit veue. Celle beste auoit teste de serpent, et le col d'une beste 
que les Sarrasins nomment Dagglor. . . . Et quand celle beste veoit ces 
oyseaulx ou aultres bestes, hommes ou femmes ... eile leur couroit sus 
et les estrangloit. . . . Geste beste tant merueilleuse auoit corps de Lyon, 
piedz de cerf, cuysses et queue de Lyon . . . 



' Vgl. La Treselegante Delicieuse Melliflue et tresplaisante histoire du 
tresnoble victorieux et excellentissime Roy Perceforest, Roy de la graut Bre- 
taigne, fundateur du Franc palais, et du Temple du Souuerain dieu. . . . Nou- 
uellement Imprime a Paris. Mil. V. cens. XXXI. In dieser Folio ist der 
Koman in sechs Bücher abgeteilt, das Titelblatt des zweiten Buches trägt 
die Jahreszahl 1583, vor dem dritten Buche steht die Jahreszahl 1532 
und die Schlufsnotiz lautet: Imprime nouv£llement a Paris I et fut acheue 
ce present volume le XVIIl iour du moys de Decembre Mil einq cens. 

xxxn. 



166 Kleine Mitteilungen. 

Spensers Sir Artegall fragt den zur Verfolgung des Ungeheuers 
ausgesandten Sir Calidore: 

"What is that Blataut Beast theu?" he replied. 

"It is a monster bred of hellish race," 

Then answer'd he, "which often hath annoy'd 

Good knights and ladies true, and many eise destroy'd. 

Of Cerberus whylome he was begot 
And feil Chimsera, in her darksome den, 
Throiigh foul commixture of his filthy blot; 
Where he was fost'red long in Stygian fen, 
Till he to perfect ripeness grew . . . 

(FQu. Book VI, c. I, 7 f.) 

Der französische Romancier fährt fort : et quand eile auoit faim, 
eile cryoit comme ung chien glatissant. . . . Et pource les habitantz 
d'icelle forest qui veue et ouye Vauoient, la nommoient la beste gla- 
tissant^ — die bellende Bestie, von Spenser genau, mit einem 
nach dem Muster des französischen Epitheton neu gebildeten Worte,- 
wiedergegeben mit: the blatant beast. 

Der Chevalier Dore kämpft mit der beste glatissant, wie Sir 
Calidore mit dem Blatant Beast. Vor dem Angriffe bellt das fran- 
zösische Ungeheuer, als ob es mehr denn hundert bellende Tiere im 
Leibe hätte: puis iecta ung glatissement tant nierucilleux, qu'il setn- 
bloit qu'elle eust dedans le corps plus de cent bestes [Perceforest : 
bracques] glatissantz. Spenser sagt von dem Rachen seines von Cali- 
dore zum Kampfe gezwungenen Ungeheuers : 

And therein were a thousand tongues empight 
Of sundry kinds and sundry quality; 
Some were of dogs, that barked day and night; 
And some of cats, that wrawling still did cry ; 
And some of bears, that groyn'd continually; 
And some of tigers, that did seem to gren. . . . 

(FQu. 1. c. c. XII, 27.) 

Die ganze Stärke der beste glatissant steckt in ihren Zähnen: toute 
sa fierie et defense n'estoit tant seulement qu'en ses dens. Auch 
Spenser erwähnt vor der Schilderung des Kampfes als schrecklichste 
Waffe des Blatant Beast seine Zähne: es stürzt sich auf Calidore 

With open mouth, that seemed to contain 
A füll good peck within the utmost brim, 



* Et pource fut la forest surnommee du glat. Der Wald ist jedoch un- 
mittelbar vorher, in demselben Kapitel, la forest du Olar genannt worden, 
nach dem Namen des Zauberwaldes im 'Perceforest' (vgl. Dunlop-Lieb- 
recht S. 99). 

'^ Erleichtert wurde ihm diese mit dem Hauptwort allitterierende Neu- 
bildung wohl durch die Erinnerung an die schottische Form blaitand, 
blökend, oder an lat. blafire, plappern, vgl. Murray s. v. Blatant. Viele 
ein Geräusch angebende Verba haben denselben Anlaut: Meat, hla^-e, 
blab, bluster, bellow, bark. 



Kleine Mitteilungen. 167 

All set with iron teeth in ranges twain, 
That terrified bis foes, and armbd him, 
Appearing like the mouth of Orcus griesly grim. 

(FQii. 1. c. 26.) 

Nach dem Kampfe flieht die verwundete beste glatissant und 
wird lange verfolgt von dem Chevalier Dor6, Avelcher auf der Ver- 
folgung verschiedene Abenteuer zu bestehen, verschiedene Ritter zu 
bekämpfen hat (XXIV und XXV). Ebenso ist das Blatant Beast 
vor dem Kampfe von Calidore durch viele Länder verfolgt worden, 
und auch Sir Calidore erlebt auf dieser Verfolgung viele Abenteuer. 
In beiden Werken, in dem französischen Roman sowohl wie in dem 
englischen Epos, wird das Ungeheuer schliefslich doch nicht getötet. 
Die beste glatissant rettet sich in einen Wald und läfst sich aus 
Furcht vor dem Verfolger nie mehr sehen: II la chassa tellement, 
qtt'elle 7ie feust oncques puis mal d komme ne ä femme, ains quand 
eile sentoit qu'on rapp-ochoit eile se mettoit ä la fuite . . . toutesfoys 
apres le record du cheualier Dore, plusieurs cheualiers se misrent en 
queste pow la trouue?-, mais ce fut ptour neant (XXV). ^ Sir Calidore 
besiegt the Blatant Beast und führt es gefesselt ins Feenland, später 
ist es aber wieder entkommen und wütet, nach des Dichters Klage, 
jetzt noch in der Menschenwelt. 

Spensers Schilderung des Blatant Beast enthält, seinen neuen 
und gröfseren Zwecken entsprechend, viele neue, geistreich erfundene 
Züge. Aber auch die Beschreibung des französischen Erzählers bietet 
eine auffällige Einzelheit, welche Spenser nicht verwerten konnte: 
die beste glatissant besitzt nämlich eine gewisse Ähnlichkeit mit 
dem Panther des Physiologus. Wie der Panther durch sein schön- 
geflecktes Fell und durch seinen wohlriechenden Atem das andere 
Getier anlockt,- so bezaubert das bellende Ungeheuer Menschen 
und Tiere durch das Farbenspiel seines Halses im Sonnenlicht: Le 
col [estoit^ tant 7nerueilleux que toutes les couleurs du monde y appa- 
roissoient ordonneement assises et compasees, et vous aduertiz que la 
reuerberation des couleurs qui s'entremesloient au ray du soleil, estoit 
tant delectable d regarder que tous ceulx qui la veoient en ce poinct 
oublioient tous aultres deduictz, ne iamais d'icelle veue ne se fussent 
voulu departir. Das Merkwürdigste aber war, dafs in diesem glän- 
zenden Farbenspiel, welches manchmal das Ungeheuer selbst ver- 
deckte, jeder Mensch das zu sehen glaubte, was ihm am meisten am 
Herzen lag, den Gegenstand seiner Neigung: pucelles, dames et da- 



' Im 'Perceforest' erscheint das Ungeheuer späterhin noch einmal, 
cf. Sixiesme et dernier volume, cha. VI. Comraent le preux Marones de lestrange 
marche irouua la beste glatissant et des merueilles quil veit en son col au ray 
du soleil. Eine Wiederholung der betreffenden Episode des 'Chevalier Dore'. 

^ Vgl. Laueherts 'Geschichte des Physiologus' S. 19 und 185. Auch 
der Walfisch lockt die kleinen Fische durch wohlriechenden Atem, vgl. 
ebd. S. 19 f. 



168 Kleine Mitteilungen. 

moyselles ou cheualiers, sehn ce que les couraiges de ceulx qui la re- 
gardoient estoient affectez ; der Chevalier Dore glaubt die Geliebte zu 
erkennen : Adonc sembla au cheualier qu'il veoit pucelles en celle mer- 
ueille qui se deuisoient, et tant y affecta sa reue que par heure il cui- 
doit plainement veoir la helle Neronnes (XXIII). In dieser Verzückung 
Avurden Menschen und Tiere die Beute der beste glatissant. Eine 
freie Erfindung des Verfassers ist diese zur symbolischen Deutung 
herausfordernde Eigentümlichkeit seines Ungeheuers schwerlich, doch 
ist es mir gegenwärtig nicht möglich, auf eine genauer entsprechende 
Parallele hinzuweisen. 

München. Emil Koeppel. 



Zum Märchen vom Tanze des Mönches im Dornbusch. 

1. 
Als die jüngste poetische Gestalt, in der das Märchen vom 
Tanze des Mönches im Dornbusch auf englischem Boden erscheint, 
führt Bolte in der 'Festschrift zur Begrüfsung des fünften allgemei- 
nen deutschen Neuphilologentages' (Berlin 1892) S. 9 an die 'Um- 
formung zu dem gewöhnlichen achtzeiligen Balladenmetrum ... mit 
dem Anfange An honest man in Lancashire und dem Titel The Merry 
Piper, or the Friar and his Boy\ Das British Museum besitzt von 
dieser Bearbeitung des Stoffes eine gröfsere Anzahl von Drucken, 
und ich habe im August 1894 wenigstens drei von ihnen genauer 
anzusehen Zeit gehabt, von denen der erste auch hauptsächlich von 
John Ashton für seine Schrift Ghapbooks of the 18"' Century (London 
1882) S. 237 ff. benützt worden ist. Sie enthalten alle drei auch 
den zweiten, in keiner älteren Fassung nachweisbaren Teil: zunächst 
kümmert uns hier aber nur der erste. Wir wollen die drei Texte 
«, ß, y nennen. 

a ist nach dem Katalog ungefähr 1750 erschienen. Sein Titel 
lautet (vgl. Ashton) THE \ FRIAR and BOY; \ OR, THE \ Young 
PIPERS I Pleasant PASTIME; \ Gontaining, \ His witty FRANKS, 
in Relation to his \ Step-Mother, whom he fitted for her un-ki7id 
Treatment. \ PART the FIRST. \ [Das hier folgende Bild giebt Ash- 
ton S. 238] Printed and Sold in Aldermary Church-\Yard, Londoii. 
24 S. 12. 

ß setzt der Katalog ungefähr 1790 an. Der Titel unterscheidet 
sich von dem in «, abgesehen davon, dafs der Schlufs von Printed 
an fehlt, nur durch die Interpunktion und GONTAINING statt Gon- 
taining. Es besteht ebenfalls aus 24 S. 12, und zwar entsprechen 
sich die einzelnen Seiten von a und // durchaus. 

y wird im Katalog ungefähr 1835 angesetzt. Sein Titel lautet 
The FIRST PART of | Jack the merry Piper; \ OR, THE \ FRIAR 
AND BOY. GONTAINING, \ The witty Adventures betwixt the 



Kleine Mitteilungen. 169 

Friar and Boy, in Relatio7i to \ his Step-motlwr, whom he fairly ßtted 
for her \ umnerciful Onielty. \ [Das hier stehende Bild würde für die 
AVeiber von Weinsberg passen : unter ihm stehen die ersten acht 
Verse des Gedichts] Printed hy Wm. Fordyce, \ 48, Bemi-lStreet, New- 
castle. Ebenfalls 24 S. 12, aber die einzelnen Seiten entsprechen 
denen in aß nicht. 

Die drei Texte sind unabhängig voneinander: aß sind aber 
untereinander näher verwandt, als mit y. Keiner von ihnen fängt 
sogleich mit An honest man in Lancashire an, sondern diesem Verse 
gehen in aß 20, in y, das zum Schaden des Metrums zwei Verse 
weggelassen hat, 18 Verse vorher. Die Strophen sind nicht abge- 
setzt. Einen Grund, ein anderes Versmafs als das gewöhnliche vier- 
zeilige Ballad Metre oder Service Metre mit Keimen a b a b anzuneh- 
men, kann ich nicht finden. Der Anfang lautet (ich schliefse mich 
im allgemeinen a an): 

YOU that in pleasant tales delight 

To pass ^ the Urne away, 
Fach long and tedious winter 7iight, 

Read this small hook, I pray. 

The fandes which in this you'll fi?id 

Will make you laugh your fill, 
And- eure a melancholly mind 

Beyond a '^ Dodor's skill. 

' pass ßy] take a ^ And] They'll y ^ a ßy] the « 

Inhaltlich deckt sich der erste Teil, von gelegentlichen Erweite- 
rungen und am Schlufs auch von dem Hinweis auf den zweiten Teil 
abgesehen, mit den älteren Darstellungen. Eine Vergleichung mit 
diesen läfst keinen Zweifel darüber, dafs dem Bearbeiter ein Text 
derjenigen Gruppe vorlag, die ich aus apm kenne, d. h. dem Lon- 
doner Druck von E. A. aus dem Jahre 1617, der von Furnivall 
herausgegebenen handschriftlichen Aufzeichnung in dem Percy Folio 
MS. und dem Druck in der Bibliothek von Magdalene College in 
Cambridge (s. Archiv XC, 58 Anm.). Indem ich dies durch Anfüh- 
rung der hauptsächlichsten Belege zu erweisen suche, citiere ich ußy 
nach den Seiten von aß, apm nach Furnivalls Zählung der Verse 
in p, die älteren Fassungen nach der im Archiv XC, QQ ^. ange- 
wendeten Strophen Zählung. 

1. He had a pretty {comely y) hoy aßy 3, Which was a pretty 
sturdy lad apm 11] That {The wyche P, Which R) was a good 
{hapey C, propre RP) sttirdy (fehlt CRP) lad AWCRP II, 5. 

2. ... he put it up again Secure from any sight aßy 6, 
... put it vp (fehlt p) from sight apm 57] ... put it vp againe 
(anon CRP) AWCRP X, 3. 



170 Kleine Mitteilungen. 

3. Saying his hunger should remain Till he came 
home at night aßy 6, Saying ... that his hunger still should 
last Till he came home at night apm 58 ff,] He {And P) 
Saide he would {I will R) eate hut (hut a R) Ute TU night (evyn P) 
that he {I R) came home {home came A) AWRP X, 5. 6 (C hat ge- 
ändert). 

4. To suxih poor victuals as I have Right welcome you shall 
{shall you y) he ußy 7, To such poore victuals as I haue Right 
ivelcome shall you {you shall m) he apm 71 f.] To such vitayles {To 
s. vytayle W, Thow shalt haffe seche C, Thow shalt se su^he B.) as I 
haue Welcome shall you {ye WC) he {Thou art welcome to me P, And 
welcome shalt pou he R) AWCRP XII, 5. 6. 

5. Three things whatever thou will chuse Fll give to thee 
ußy 7, And I will giue three things to {unto m) thee What ere thou 
will intreat apm 80 f.] / shall giue thee {the gyueWP) things {gyftis 
RPC) three Thou shalt them neuer {not C) fo^^get {That shall not he 
forgete RP) AWCRP XIV, 2. 3. 

6. They shan't he dble to forhear aßy 8, Shall haue no power 
to forheare apm 101] Shall {They shall R, He s. P) not them 
s 6 //-(fehlt C) steer {astere R) AWCRP XVII, 5. 

7. The hoy then smiling answer' d aßy 9, The hoy then 
smiling ans wer made apm 106] The little (fehlt CR) hoy on him 
{on h. fehlt C, dafür ßan lowde R, stode and P) lough {low he 
lowde C) And said AWCRP XVIII, 4. 5. 

8. Whene'er she looks vpon thy {your aß) face ... Her tail 
shall wind the hörn aßy 9, When ere {that m) she lookes thy 
face vpon Her tayle shall winde the home apm 122 f.] When 
{YefWj she looketh {loke R) on thee so She shall hegin to hlowe 
AWCRP XXI, 2. 3. 

9. The Friar swore aßy 13, The Frier swore apm 196] 
Quod the frier AWC XXXIV, The frere sei de RP. 

10. Which made him skip and dance ußy 14, And feil 
{gan m) to skip and dance apm 240] Began to daunce ful soon 
AW LX, 6, And toke hes pype sone {anon C) CR, Füll lyjtly and 
füll sone P. 

11. But danc'd the hush ahout ußy 15, And leapt {Leaping m) 
the hush ahout apm 243] He lept and daunced ahout AW XLI, 3, 
He {And RP) hegan to lepe {stertyll P) and dans {a. d. fehlt RP) 
ahowth CRP. 

12. His privy rnemhers {part y) ußy 15, And did his 
priuy memhers {memher m) prick apm 251] In m>any place s 
they did him prick AW XLII, 2, And yn {eke in R) maney a 
wother plays CRP. 

13. So he had {Thus had he y) little cause to hrag aßy 16, He 
made no hrag g es {hragge p) for very sham apm 278] Of his 



Kleine MitteiluDgen. 171 

iou7'ney he made {hcmadoA, madeheBF) no («*9 W) hoste AWCRP 
XLVill, 2. 

14. A fit of mirth I (he aß) play'd (had aß) mdeed aßy 1 7, 
/ j)layd him but a fi t of mirth apm 317] / did iiought eis 
(no thyng C, ryjt noujt RP) as I you say (io hem to [pis R] day 
CRP statt as u. s. w. AWCRP LIV, 5. 

15. With very haste some broke theii' locks ... Some (White 
others aß) in their shirts some in their (and aß statt some 
in th.) smocks aßy 20, Straight foorth (out m) they (the p) start 
through doores and (door ands m) locks (kockes p) Some in their 
Shirts som in their smocks (smok m) apm 382 f.] Some stert 
in the way Truely as I (fehlt A) you say AW LXV, 4. 5, They 
ran weytley the soyt to say Yn to the strete they toke the wey C, In 
( Ynto P) pe strete as I hard saye (to the playe P statt as u. s. w.) In 
feyth (Anone P) pey toke pe ryght waye RP. 

16. The dancing Friar aßy 21, the dancing fixier apm 410] 
the frier AWC (RP haben hier und im Folgenden nichts Ent- 
sprechendes). 

17. Ca7ne flocking y (die Stelle fehlt aß 21), Flockt 
(Flock m) apm 413] gathered AW, cam C. 

18. The proctors all were (was a) busy there aßy 21, Fach 
pro der there did plead his case apm 421] Euery man put foorth 
his case AWC. 

19. He is a witch (wizard y) . . . A little Devil aßy 21, He 
is a witch ... He is a deuill apm 427. 430] He is a great 
nicromancer . . . He is a witch AWC. 

20. And stood like one stritck (quite y) dumb aßy 21, Stood 
mtite atid nere a word she spake apm 440] That no (Nat on C) 
wooi'd mo she spake AWC. 

21. Come little Jack thy cunning shew aßy 22, Pipe on 
lacke ... And let me hear thy cunning all apm 457 f.] Pipe on 
lack ... I will heare (h. now W) how thou canst jylay AW, Pype on C. 

22. So that (fehlt y) I may go (go but y) free aßy 23, Pro- 
uided I may hence goe free apm 494] If ye wil (wolde) graunt me 
(me graunte W) with hart free AW (nichts Entsprechendes C). 

2. 

Über den zweiten Teil der Ballade fand Bolte bei seinen Ge- 
währsmännern nur wenig eingehende Mitteilungen, und so hat er 
sich S. 9 auf die Bemerkung beschränkt, dafs in ihm 'Jack drei neue 
Wundergaben empfängt'. Vielleicht kommt dem einen oder anderen 
das Folgende gelegen. Viel Vergnügen kann man allerdings an der 
Fortsetzung nicht haben, da sie, was ihr an Witz fehlt, durch Un- 
flätigkeit zu ersetzen sucht. 

Von dem zweiten Teil habe ich dieselben Ausgaben eingesehen 



172 Kleine Mitteilungen. 

wie von dem ersten; doch habe ich von y hier nur den Anfang ver- 
glichen. Der Titel hat den gleichen Wortlaut, wie beim ersten Teil, 
bis Treatment bei aß und bis Cruelty bei y, nur dafs natürlich bei y 
der Anfang lautet The SECOND PART. In u heifst es dann weiter 
PART the SECOND, in ß The SECOND PART In y stehen unter 
Cruelty die ersten zwölf Verse des zweiten Teils, aß haben dasselbe 
Bild, wie auf dem Titel des ersten Teils : in y sind zwei Frauen dar- 
gestellt, die tanzen, während ein Mann bläst, a hat in der Angabe 
des Druck- und Verkaufsorts zwischen Church | Yvrd (so !) und Lon- 
don noch (in Kommata eingeschlossen) Bow Lane. ß, das bei dem 
ersten Teil nichts Derartiges zeigt, hat beim zweiten Teil Printed and 
Sold in London (aber d in London zum Teil und das zweite n ganz 
weg), y hat PRINTED AND SOLD BY W. FORDYCE und dann 
weiter wie beim ersten Teil. Die einzelnen Seiten bei aß (es sind 
ihrer auch hier 24) entsprechen sich nur ausnahijasweise 

YOU Lads and Lasses that can read, 

And you that fain would learn, 
Herein you may your fancies feed, ^ 

And pleasant tales discern.^ 

If once they are ^ but ^ understood, 

Deny it if you ^ can, 
The merry Tales of Robin Hood, 

Tom Thumb and Utile John, 

Cannot compare with this small book, 

Which I present to you, 
So^ reader slight it not but look'^ 

You read the same quite thro/ 

' fancy please (pleafe «) aß ^ der Punkt fehlt «, steht in ß; Strich- 
punkt /. Auch im zweiten Teil sind die Strophen in keinem der drei 
Texte abgesetzt ^ were «, 're y ^ fairly y ^ it tJiey that y ^ Tlien y 
' see aß 

So beginnt der zweite Teil. Nach einem kurzen Hinweis auf 
den Hauptinhalt des ersten Teils wird dann erzählt, dafs Jack beim 
Viehhüten den hermit (in dem ersten Teil ist der Mann ein palmei') 
zum zweitenmal sieht und sich bei ihm für seine Gaben bedankt. Die- 
ser bittet ihn um einen Schluck aus seiner Flasche. Jack reicht sie 
ihm hin und bietet ihm auch Butter und Käse an, was der Alte an- 
nimmt. Zum Danke fordert er den Knaben auf, drei weitere Wünsche 
zu äufsern. Dieser wünscht sich nun und erhält a stock of points ... 
Made of inchanted leather, um damit Leute zusammenbinden zu kön- 
nen ; ferner die Gabe, Frauen, die mit Bettelmönchen ein Liebesver- 
hältnis haben, und ebenso diesen selbst Schellen auf die Nase zu zau- 
bern, und endlich die, Hahnreien Hörner auf die Stirn zu pflanzen. 



< 



Kleine Mitteilungen. 173 

Nachdem Jack den Alten beim Abschied noch mit einem groat 
beschenkt, sieht er in einer Scheuer ein Liebespaar, das er bindet, 
und das nun in wenig anständiger Stellung nach seiner Pfeife tanzen 
mufs: da die Herrin des Mädchens vom Wollekämmen dazukommt, 
bindet er sie an der letzteren Kehrseite, die von ihrer Frau Krämpeln 
blutig gerissen wird, während zugleich auf der Nase der Herrin eine 
Schelle erklingt. Jack trennt die drei erst, nachdem sie sich in 
schmutzigem Wasser arg zugerichtet haben. Aber die Schelle läutet 
auf der Nase der Frau weiter : sie läuft zu ihrem Manne und fordert 
ihn auf, sie an Jack zu rächen. Der Mann bringt nahezu zwanzig 
Leute mit dem Polizisten an der Spitze zusammen, die Jack, da er 
am Abend sein Vieh nach Hause treiben will, ergreifen und vor 
einen Richter bringen. Da Jack dessen Aufforderung, sich zu ver- 
antworten, mit Frechheit begegnet, soll er ausgepeitscht werden; er 
zaubert aber sofort dem Richter und den Anklägern Hörner an den 

P • The Justice had the largest pair, 

Plac'd just above his hrow. 

Dann bläst Jack seine Pfeife, und so drehen sich denn die gehörnten 
Männer und die Frau mit der Schelle im Tanze, wobei die Hörner 
allerlei Unheil anstiften. Der Lärm bringt des Richters Frau herbei, 
die auch sofort eine Schelle auf die Nase bekommt und mittanzen 
mufs. Jack begiebt sich nun auf die Strafse, und die anderen folgen 
ihm nach und erhalten bald Zuwachs. Alle Frauen tragen Schellen 
auf der Nase, alle Männer Hörner auf dem Kopfe, und Jack bindet 
sie paarweise zusammen. Besonders schlimm geht es dem Richter: 

...he bound his copper nose 
Fast to his Lady's bum. 

His hm-ns did any cow's ^ excel, 
And her backside was bare; 
Besides upon her^ snout a bell, 

what a sight was there! 

Then in the dance ^ immediately 

1 shall! I shall! she cries, 
With that her fundament let fly, 

And blinded both his eyes. 

* cows n 2 his aß ^ chanee ß 

Endlich löst aber Jack den Zauber auf die Bitte des Richters. Er 
bringt seine Kühe heim, und sein Vater freut sich über seine Streiche, 
die bald eine Fortsetzung erfahren. 

Nach dem Abendbrote schlendert nämlich Jack durch den Ort 
und kommt so um Mitternacht in ein Kloster, in dessen Halle 



174 Kleine Mitteilungen. 

The matron he heheld 
With the old Friar sleeping fast. 

Dieser alte Mönch ist natürlich sein früherer Gegner. Da aber Jack 
das Kloster weiter durchforscht, 

he found eight and forty nuns 
With friar s twenty four. 

Between two nuns a Friar lay, 

Twijiing like ivy round 
Fach other's waist. 

Sie müssen nun alle nach seiner Pfeife tanzen die ganze Nacht und 
den ganzen folgenden Vormittag. Gegen Mittag aber führt sie Jack 
auf die Strafse: die alte Nonne hockt dabei auf dem Rücken des alten 
Mönches. Die Zuschauer nehmen natürlich an dem Tanze mit teil: 
der KSchmied verbrennt dabei den Mönch mit einer glühenden Eisen- 
stange, so dafs er die alte Nonne zur Erde wirft. Anderen geht es 
nicht besser. So kommt der Zug auf den Marktplatz, wo einige 
unter die Eier springen, 

Making caudle of the same. 

Hier mufs auch Jacks Stiefmutter mittanzen, und, da sie ihn voller 
Wut ansieht, passiert ihr natürlich wieder etwas Menschliches. Jack 
höhnt sie deshalb, und, da der alte Mönch sich ihrer annimmt, 
schmückt er dessen Kopf mit Hörnern, worauf 

The butcher's dog began to hark 
Seeing a horned beast. 

Mindestens vierzig Männer versieht er mit der gleichen Kopfzier. Da 
der Mönch nicht aufhört, Jack zu bedrohen, führt dieser den ganzen 
Zug in ein Dorngebüsch. Nun bitten ihn alle mit Einschlufs des 
alten Mönches und seiner Stiefmutter, sie freizugeben, und sichern 
ihm Straflosigkeit zu. So läfst er sie denn endlich gehen. 

3. 

Beide Teile sind mit Bildern versehen, die aber natürlich dem 
Texte gegenüber nebensächlich sind. Die Hauptrolle aber spielen 
die Bilder in einer Publikation, die Bolte unbekannt geblieben ist. 
Ich kenne sie aus einem Exemplare des British Museum. Ihr Titel 
lautet The Comical tricks of JACK the PIPER. \ London. Puhlish'd 
as the Act directs July y^ 30"! 1772 \ hy H Roberts N 56 almost oppo- 
site Great Turnstile Holborn \ and L Tomlinson N" 124 White Chapple \ 
6''f Piain P. Colour'd. Also einen halben Schilling kostete ein Exem- 
plar mit einfarbigen Bildern, einen ganzen eines mit kolorierten. Das 
Exemplar des British Museum gehört der ersteren Art an. Die Zahl 



i 



Kleine Mitteilungen. 175 

der Bilder ist zwölf. Es liegen zunächst immer zwei übereinander, 
von denen das obere in der Mitte zerschnitten ist, so dafs die Hälften 
nach oben und nach unten hin umgelegt werden können : ein drittes 
Bild ergiebt sich aber jedesmal aus der unteren Hälfte des oberen 
und der oberen Hälfte des unteren. Auf dieses Umlegen der beiden 
Teile des oberen Bildes beziehen sich die Ausdrücke turn down und 
turn up in den Erläuterungen zu den Bildern VI, 2. VHI, 6. X, 6. XI, 5. 
Die Erklärung jedes der zwölf Bilder besteht aus drei viermal 
gehobenen Reimpaaren. Bei dem Abdruck habe ich die Interpunktion 
beigefügt, die im Original vollständig fehlt, abgesehen davon, dafs 
am Ende jedes sechsten Verses ein Punkt steht (auch statt des Frage- 
zeichens V, G). Über sonstige Abweichungen geben die Fufsnoten 
Auskunft. 

1 'Twas in the north, as I've heard teil, 
A Boy jwssess'd a Magic sj)ell : 
Ä j)ipe it was which when he sounded 
People of all sorts him sutrounded, 
And, what is stränge, tho' no romance, 
They all at once hegan to dance. 
II Jack had a stepdame, not the best, 
Who hy a fryar was caressd 
And Jack, with grief of heart I teil ye, 
Went often with an empty helly, 
Which made him try, or fame's a lyar, 
To humble hoth the dame S fryar. 

III And now you see that JacJcs hegun 
With the old fryar first his fun, 

Who moves his legs with wondrous ease, 

But yet it donH his fancy please. 

A fryar thus to jump about, 

You'll 1 say 2 is mighty odd, no doubt. 

IV The amourous fryar S the dame 
Now to each other own their flame, 
White Jack conceal'd is but just by, 
Observing all with laughing eye, 
Determin'd eer His long to shew ^eni 
The pretty tricks that he can do 'em. 

V Jack by his skill in Conjuration 

Ilas wrought the couple mu^h vexation: 
A bell upon his stepdames nose 
Does her loose condu^t all expose. 
White horns adorn the fryar' s pate ; 
And who can grumble at his fate ? 

' Der Apostroph hier und XI, G nicht ganz sicher. ^ fay gedruckt. 



176 Kleine Mitteilungen. 

VI But there's more fun, the whole to crown, 
You'll see if you have turn'd it down : 
Ägain they dance it here and there; 
The bell alarms the womans ear, 
And 'tis in vain the fryar scorns 
The hranching of his new got horns. 
VII A house of Innoccnce and grace 
You'd take to he this ancient place 
Where virgin nuns & fryars dwell 
Within the dark and lonely cell. 
Perhaps you ask, 'hut is it so?' 
Have patience, presently you'll know. 
VIII Sly Jack, for mirth and frolick ripe, 
In at the window plays his pipe, 
That pipe — whoever hears its ^ strain 
Front dancing never can refrain. 
What husiness^ the next scene will shew, 
Turn down, and you shall surely know. 

IX Jack with some thongs of magic Leather 
In pairs has ty'd the folks together, 
Then dancing leads them to the mire, 
A blooming nun & bald pate fryar, 
White tinJding bells & lofty horns 
Fach nun & fryar' s head adorns. 
X But ah, poor Jack, unluxiky Made, 
Is by some accident betray'd: 
Before the Justice he must go 
With Gonstables, a mighty show. 
Yet he has got a irick in störe: 
If you turn up you will see more. 

XI His pipe young Jack will try again. 
And treat the Justice with a strain, 
Who cocks his ears as does his wife, 
Without a thought of any strife. 
But turn it down, & then, my friend, 
You'll find the tricks are at an end. 

XII Alike they all begin to prance, 

The justice, wife, and daughter dance. 
White Jack '^ proceeds as heretofore, 
And leads the dancers out of door. 
The horns of justice (mark the j est) 
Are more extensive then the rest. 



^ it. Schwerlich haben wir es hier mit einer Altertümlichkeit zu 
thun. ^ buisness. ^ jack. 



Kleine Mitteilungen. 177 

Offenbar beruhen die Comical Tricks auf der Ballade, und zwar 
vorzugsweise auf deren zweitem Teile, obwohl sie ihr nicht sklavisch 
folgen, wie schon die Vergleichung mit der Inhaltsangabe unter 
Nr. 2 ergiebt. Es mögen sich hier noch einige Bemerkungen an- 
schliefsen. I, 1 in the north) vgl. Ball. I, S. 2 in Lmicashire. — 
2 a Magic spell. Wie Jack dazu gelangt ist, sagen die Comical tricks 
nicht. — II, 2 Who hy a fryar was cai'essd (s. auch IV, 1. 2); vgl. 
Ball. I, S. 5 Thought she I can the (my y) Friar kiss, When ( White y) 
Jack is imth his cows. Die älteren Versionen haben nichts Der- 
artiges. — 5 Which made him try ... To humhle hoth the dame and 
fryar. In der Ballade, wie in den älteren Darstellungen, kommt es 
zur Bestrafung der Stiefmutter und gar des Mönches ganz zufällig. 
— III, 2 t}is old fryar; diese Bezeichnung erscheint öfter in Ball. II, 
sonst aber nicht. — V, 3 ^ bell upon his stepdames nose (vgl. VI, 3); 
hiervon sagt Ball. II, 22 nichts. — 5 White horns adorn the fryar' s 
pate; s. Ball. II, 23 Jack grafted by his cunning art (spell a) Large 
horns upon his head. — VII; vgl. Ball. II, 17 f. — VIII, 2 In at 
the mindow ; nach Ball. II, 18 befindet sich Jack in dem Kloster, 
da er auf seiner Pfeife zu spielen anfängt: Up stairs immediately 
he goes, Searching the house all o'er. — IX ist etwas, was Ball. II, 7 ff. 
von dem Liebespaar und der Herrin des Mädchens und zum Teil 
auch S. 15 von dem Richter und seinen Unglücksgenossen erzählt, 
auf die Mönche und Nonnen übertragen. — 3 leads them to the 7nire; 
vgl. Ball. II, 9 Quite thro' a dirty miry slough und Thro' all the 
stinking water. — 5 tinkling bells; vgl. Ball. II, 20 Then Jack by 
virtue of a spell, White they did skip about, Did fix a curious ringing 
bell To every woman's (s fehlt «) snout. Aber Hörner erhält Ball. II 
von den Mönchen kein anderer, als der aus dem ersten Teil; vgl. 
oben zu V, 3 und S. 174. — X, 2 by some aecident; so drückt sich 
der Verfasser der Verse wohl nur der Kürze wegen aus. In Ball. II 
schliefst sich die Anklage vor dem Richter nicht an den Streich an, 
den Jack den Nonnen und Mönchen spielt, sondern an den, dem 
das Liebespaar und die Herrin des Mädchens zum Opfer fällt. — 
4 With Constables; Ball. II, 11 ist nur von einem die Rede: The 
constable with his long staff, Did sieze (seize ß) wpon him first. — - 
XII, 2 daughter; nicht in Ball. II. — 5. 6; vgl. die oben S. 173 aus 
Ball. II angeführte Stelle. 

Berlin. J. Zupitza. 



Archiv f. n. Sprachen. XCV. \2 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Goethe. Von Richard M. Meyer. Preisgekrönte Arbeit. Berlin, 
Ernst Hofmann & Co., 1895. Geisteshelden (Führende Gei- 
ster). Eine Sammlung von Biographien. Herausgegeben von 
Dr. Anton Bettelheim. Dreizehnter bis fünfzehnter Band 
(der HI. Sammlung erster bis dritter Band). XXXI u. 
628 S. 8. M. 7,20. 

Goethes Leben und Werke. Mit besonderer Rücksicht auf Goethes 
Bedeutung für die Gegenwart. Von Eugen Wolff. Kiel u. 
Leipzig, Lipsius & Tischer, 1895. 380 S. 8. M. 5. 

Bekanntlich hatte die Verlagsbuchhandlung der 'Führenden Geister' 
einen ansehnlichen Preis für die beste Goethebiographie ausgeschrieben, 
obwohl von verschiedenen Seiten Zweifel an der Möglichkeit einer zu- 
sammenfassenden Betrachtung von Goethes Leben und Wirken gerade 
im jetzigen Augenblicke nicht unterdrückt wurden. Die Zweifler behielten 
recht; trotz einer lockenden Summe und der noch lockenderen Krönung 
in einem beachtenswerten Wettkampfe wurden nur drei Manuskripte ein- 
gereicht, von denen eines mit dem Preise bedacht, aber erst nach einer 
kürzenden Überarbeitung dem Druck übergeben wurde. Sie übertrifft 
den von der Preisausschreibung gestatteten Umfang noch immer fast um 
das Doppelte! Gleichzeitig erschien eine andere populäre Darstellung, 
von der man fast annehmen möchte, dafs sie auch um den Preis mit- 
gerungen habe. Ist diese Vermutung richtig, dann wird jeder Leser das 
Urteil des Preisrichterkollegiums billigen. Denn R. M. Meyers und Eugen 
Wolffs Arbeiten unterscheiden sich durchaus zum Vorteile Meyers. Ihn 
leitet eine klare Gesamtauffassung seines Helden und befähigt ihn, ein 
einheitliches Porträt zu entwerfen. Wolffs Goethe gleicht einem Mosaik- 
werk, das aus kleinen Steinchen von hier und dorther zusammengetragen 
wird. Könnte man Meyer mit einem Goetheschen Ausdruck einen Skiz- 
zisten nennen, Wolff ist ein Punktierer, der trocken und reizlos die wis- 
senswertesten Einzelheiten aus Goethes Leben aufzählt. Was er vorbringt, 
ist richtig, aber kurzatmig; immer von neuem setzt der Verfasser an, 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 179 

springt unruhig von einem zum anderen und läfst gerade das vermissen, 
was Goethe so hoch hielt, die schöne Abrundung und den künstlerischen 
Stil. Seine Charakteristik geht nirgendwo in die Tiefe, begnügt sich meist 
mit dem Abdruck einzelner Citate. Die Personen leben ihm nicht, man 
mufs sie schon genau kennen, um sie in seiner flüchtigen Erwähnung zu 
erkennen. Die Goetheschen Werke werden kurz, aber im ganzen ausrei- 
chend geschildert, wobei WolfF von dem Gedanken geleitet ist, aufzuzei- 
gen, was an ihnen entwickelungsfähig, zukunftsbedeutend sein dürfte. 
Hierin sehe ich den Hauptvorzug seiner Darstellung; Goethe als der 
Führer des nächsten Jahrhunderts, Goethe als der Dichter seiner Enkel, 
das ist WolfFs Thema. Freilich stimmt manches nicht ganz mit den That- 
sachen. Wenn Wolff glaubt, erst unser Geschlecht sei reif geworden für 
das Verständnis Goethes, erst am zwanzigsten Jahrhundert würden wir 
das Jahrhundert Goethes haben, und dann doch bezeugen mufs, das 
jüngste Deutschland wolle nur den jungen Goethe gelten lassen, so liegt 
darin ein Widerspruch, der nicht zu lösen ist. Bekanntlich wird von der 
jüngsten Richtung die Losung ausgegeben, es sei schade, dafs Goethe 
nicht im Jahre 1775 erschlagen worden sei. Und für dieses Geschlecht 
soll ein Goethe gedichtet haben? Dieses Geschlecht soll ihn besser ver- 
stehen als jene kleine 'stille Gemeinde', die mit so wenig Lärm und so 
viel inniger Versenkung sich an Goethe erbaute? Das will trotz Wolffs 
Ausführungen nicht einleuchten. 

Wichtig aber sind seine Andeutungen, wie klar Goethe die Fragen er- 
kannt habe, deren Lösung dem folgenden Jahrhundert übrig bleibe. Da- 
durch leistet Wolff mehr als durch das flüchtige, kaum den allgemeinsten 
Umrifs gebende neunte Kapitel: 'Goethe in der Nachwelt.' Hier kommt 
er über Zufälliges nicht hinaus, weil er zu viel geben will; er möchte 
gern als der echte 'moderne Mensch' erscheinen, fügt darum ein paar 
Worte über Moltkes und Bismarcks verschiedenes Verhältnis zu Goethe 
ein, tupft hier und tupft dort etwas an, was er zufällig aufgelesen hat, 
und hinterläfst dadurch den Eindruck des Flüchtigen und Unwissenschaft- 
lichen. Die gelegentliche Hereinzerrung des Allerneuesten verstärkt diesen 
Eindruck noch, weil sie in keinem Verhältnisse zu der Kürze der Haupt- 
sachen steht. So wirft Wolff S. 235 die Bemerkung hin: 'In Ibsens 
"Nora" könnte man ein schroffes Gegenstück zu den "Wahlverwandt- 
schaften" sehen.' Was soll das heifsen? Wem soll mit einer solchen An- 
spielung gedient sein? Und weshalb 'könnte'? Wenn man bedenkt, dafs 
in dieser Biographie von Goethes Begegnung mit Napoleon nicht die Rede 
ist, so fällt eine solche Andeutung doppelt ins Gewicht. S. 241 wird der 
angebliche 'Waffensegen' erzählt, den Goethe über das Freicorps gespro- 
chen haben soll, trotzdem berechtigte Zweifel an der Richtigkeit der Nach- 
richt vorgebracht wurden. Aus solchen Kleinigkeiten ersieht man, dafs 
Wolff sein Buch nicht wohl überlegt hat, um nun genau zu wissen, wo 
er sich fest zusammenfassen mufs, wo er dagegen breiter werden darf, 
dafs er vielmehr eilig das Ganze zusammen raff'te oder aus einem Kollegien - 
heft überarbeitete. Sein Buch ähnelt am ehesten dem Düntzerschen, von 

12* 



18Ö Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

dem es aber durch den Reichtum der Thatsachen und die übersichtliche 
chronikalische Form weit übertrofFen wird. 

R. M. Meyer dagegen sucht in seiner geschmackvollen Darstellung 
vor allem das schönste Kunstwerk zu verstehen, das Goethe hervorbrachte: 
sein Leben. Diesem Zwecke seines Werkes ordnet er alles unter, hat sich 
aber jenen Standpunkt entgehen lassen, der für Goethes Biographie die 
Gesamtübersicht erleichtert und von Meyer selbst im Anfang geahnt wird. 
Mich will bedünken, dafs bei Goethe jene Mischung, deren er in den be- 
kannten, vielcitierten Versen gedenkt : 

Vom Vater hab ich die Statur, 
Des Lebens ernstes Führen, 
Von Mütterchen die Frohnatur 
Und Lust zu fabulieren, 

im ganzen Leben zu bemerken ist; die beiden hier klar bezeichneten 
Geistesanlagen, das Streben nach Ordnung einerseits, die Lust an der 
Phantasiethätigkeit andererseits, haben es Goethe möglich gemacht, in jeder 
Epoche seines Lebens zur Harmonie durchzudringen. Ein Biograph könnte 
dies zum Faden nehmen, an dem er die Einzelheiten des reichen, in der 
Darstellung so leicht zerflatternden Lebens aufreihte. Aber Meyer ist es 
gelungen, uns einen Eindruck des Reichtums zu gewähren; er giebt in 
grofsen Umrissen, so sehr in einer breit angelegten Skizze Biographie und 
Kritik, dafs er z. B. Goethes Geburtstag und -jähr nicht einmal nennt, 
was bei einer Biographie immerhin merkwürdig ist. Man fühlt bald, dafs 
Meyer sich liebevoll in Goethes Lebenswerk versenkt, das Ganze wie das 
Einzelne wohl überlegt hat; er greift aus der Fülle des auf ihn eindrin- 
genden Stoffes meist mit Geschick und Geschmack das Wichtigste heraus, 
um ein richtiges Verhältnis der Einzelheiten untereinander und zum 
Ganzen zu gewinnen. Er hütet sich vor der Einseitigkeit und steht Goethe 
keineswegs als bedingungsloser Anbeter gegenüber. Anders als Herman 
Grimm stellt er Goethe in den Mittelpunkt, es bleibt genug Licht auch 
für die Freunde neben Goethe. Man könnte von der Malerei den Ver- 
gleich herholen, um den Unterschied zwischen dem 'Goethe' von Grimm 
und dem 'Goethe' von Meyer auszudrücken, und sagen, bei Grimm haben 
wir die künstliche Atelierbeleuchtung, bei Meyer Plein-air. Darum ist 
meinem Gefühl nach das glänzendste Kapitel Meyers seine Kontrastierung 
und Vergleichung von Goethe und Schiller, gerade jene Partie, die seiner 
Zeit in Grimms 'Vorlesungen' manchem als ungerecht gegen Schiller er- 
schienen ist. Wenn Meyer dem Zusammenleben Goethes und Schillers 
das Nicht- Verhältnis Hebbels und Grillparzers in Wien gegenüberstellt, 
so dünkt mich dies wenig glücklich angeführt, denn hier waren die Per- 
sönlichkeiten eben grundverschieden, und Grillparzer als Mensch mufs 
damals genau so ungeniefsbar wie Hebbel schwer zu behandeln gewesen 
sein. Man könnte so einzelne Kleinigkeiten herausgreifen, die vielleicht 
geändert werden sollten, einige nicht gerade glückliche Bilder (so S. 4.S) 
oder Anspielungen, z. B. die Erwähnung des Käthchens von Heilbronn 
(S. 22), kleine Widersprüche wie jenen zwischen den Seiten 122 und 152 f. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 181 

über Goethes landschaftliche Vorliebe, Übertreibungen gleich jener auf 
S. 395 über die neueren Romanschriftsteller, Erläuterungen nach Art der 
recht merkwürdigen (S. 397), die uns Mittler in den Wahlverwandtschaf- 
ten verstehen lehren will, indem sie ihn mit Gregor Werle in Ibsens 
'Wildente' vergleicht, als ob uns das Drama des Norwegers bekannter wäre 
als der Roman unseres gröfsten deutschen Dichters, hier und da einen 
gezierten Ausdruck; doch neben der Gesamtleistung sind das unbedeu- 
tende Mängel der letzten Redaktion, die bei einer neuen Auflage ver- 
schwinden werden. 

Meyer setzt die Kenntnis der Goetheschen Werke voraus, sucht ihnen 
nur den richtigen Platz in der Entwickelung des Dichters anzuweisen und 
ihr Verständnis zu fördern. Dabei gelingen ihm manche Partien ganz 
ausnehmend, ich möchte vor allem den Vergleich von Hermann und 
Dorothea mit Werthers Leiden (S. 276) hervorheben, dann S. 268 die 
Deutung des 'Märchens', auch einzelne Teile in der Analyse des Faust 
(bes. S. 344). Prächtig sind die Kapitel, die Goethes wissenschaftlicher 
Thätigkeit gewidmet sind; hier wird mancher Gebildete wohl ganz neuen 
Aufschlufs erhalten. Sie beweisen, wie das ganze Werk, dafs Meyer von 
Goethe eine 'anschauende Erkenntnis' hat, dafs er sich bemüht hat, vor 
allem die 'Persönlichkeit' Goethes zu erfassen und darzustellen. Trotz 
aller Ausführlichkeit konnte vieles nur gestreift werden ; vielleicht hätte 
noch einiger wissenschaftlicher Ballast, besonders mancherlei Erwähnun- 
gen neuerer Forscher über Bord geworfen werden können, da wir in dieser 
Biographie kein Werk für den Fachmann, sondern für die gröfsere Ge- 
meinde der Goetheverehrer besitzen sollen. Der Fachmann holt sich aus 
dem Ganzen das Neue schon heraus. So erscheint mir der Hinweis neu, 
nach dem 'ürfaust' müsse man auf Goethes Absicht schliefsen, dafs Faust 
vom Teufel geholt werde, also wie im Volksschauspiel der Hölle verfalle. 
Da dürfte jedoch Meyer das vorhandene Material zu sehr pressen und 
allzu vorschnell ein luftiges Gebäude errichten. Mancherlei noch nicht 
ganz Spruchreifes ist mit allzu grofser Sicherheit vorgetragen, doch dürfte 
dies kaum viel stören. 

Wer ein wirkliches Porträt Goethes erhalten will, der kann getrost 
zu Meyers Biographie greifen; ist sie auch noch nicht die abschliefsende 
Biographie, so hat sie es doch so weit gebracht, als dies gegenwärtig mög- 
lich ist, und verdiente darum vollauf den ausgeschriebenen Preis. 

Lemberg. R. M. Werner. 

Henri de Kleist. Sa Vie et ses CEuvres par Raymond Bonafous, 
Docteur ^s-lettres. Paris^ Librairie Hachette et C'^, 1894. 
XI, 424 S. gr. 8. 

Die Zeiten sind lange vorüber, da Heine über die geringe Kenntnis 
der deutschen Litteratur bei den Franzosen klagen konnte und ihr durch 
sein Buch über die romantische Schule entgegenzuarbeiten suchte. Aus- 
führliche, zum Teil sogar ausgezeichnete Monographien über deutsche 



182 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Dichter, wie über ganze Epochen der deutschen Litteratur haben Fran- 
zosen geschaffen, sich dabei durchaus vertraut gezeigt mit den Kesul- 
taten der deutschen Untersuchungen und befähigt, in den Geist der deut- 
schen Werke einzudringen. Diesen Arbeiten reiht sich das vorliegende 
umfangreiche Buch über Kleist an, dessen solide und elegante Ausstat- 
tung besonders hervorgehoben werden mufs. 

Sein innerer Wert besteht in einer geschickten Wiedergabe des von 
anderen Erforschten, nicht in eigener neuer Forschung. Sorgsam ist der 
Stoff zusammengetragen und in zwei Teilen verarbeitet, so dafs La Vie 
und Les CEuvres auseinandergerissen wurden, was man vielleicht aus der 
Rücksicht auf das Publikum des Verfassers erklären kann, obwohl es 
mancherlei nicht eben angenehme Wiederholungen herbeiführt. Auffallen 
mufs die überaus breite Darstellung, die zudem etwas schematisch ist; 
vor allem im zweiten Teil immer die gleiche Reihenfolge : eine allgemeine 
und eine besondere Einleitung, die ausführliche Inhaltsangabe, die Analyse 
des Stoffes und der Personen, Ästhetisches und Sprachliches, endlich eine 
abschliefsende Formel. Das Schematische geht so weit, dafs Bonafous 
die Inhaltsangabe dreimal mit denselben Worten beginnt: Au moment oit 
la toile se leve, ... (S. 180, 203 und 270). Der Verfasser folgt im wesent- 
lichen den Ansichten und Ausführungen Brahms und Zollings, nur giebt 
er für seine mit den Quellen nicht vertrauten Leser die Belegstellen und 
bemüht sich, auf diesem Wege die genauere Kenntnis des Menschen und 
des Dichters zu vermitteln. Er citiert seine Gewährsmänner, führt die 
Ansichten seiner Vorgänger an, um ihnen beizustimmen oder entgegen- 
zutreten, immer bescheiden, immer geschmackvoll; aber das Ganze ruft 
doch den Eindruck hervor, als bekäme man Variationen über ein ge- 
gebenes Thema, wie man in der Musik sagen würde. Sehr häufig sieht 
man nicht recht ein, wozu manches gesagt wird, und zumal die Kapitel- 
anfänge erregen Bedenken. 

Kommt Kleist nach Berlin, so entwirft Bonafous ein Bild der gei- 
stigen Atmosphäre in dieser Stadt, spricht von Nicolai und den alternden 
Vertretern der Aufklärung (dieses Wort immer deutsch gebraucht), von 
den jüdischen Salons, in denen die Romantik grofs wurde, er beruft sich 
auf Haym — alles ist richtig, aber wozu steht es da, wenn der Verfasser 
selbst sagen mufs, dafs bei Kleist damals noch kein Einflufs dieses milieii 
zu bemerken war. Da Kleist nach Paris zieht, angeblich um die Natur- 
wissenschaften zu studieren, orientiert uns Bonafous über den damaligen 
Stand der französischen Naturwissenschaft, trotzdem Kleist seine Absicht 
nicht ausführte und sich um die liebe Wissenschaft gar nicht kümmerte. 
Das Urteil, das Kleist über Paris und die Pariser fällt, wird Anlafs, ein 
paar Notizen über das Verhältnis anderer deutscher Schriftsteller in der 
damaligen Zeit anzubringen. Bei Kleists Eintritt in Weimar erhält der 
Leser eine Geschichte dieses Musenhofes und seiner allmählichen Bildung; 
beim Erscheinen des 'Phöbus' einige Bemerkungen über die damals neu 
erscheinenden deutschen Zeitschriften. Auch im zweiten Teil ist es nicht 
anders. Gleich zu Beginn wird recht obenhin die Situation im deutschen 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 183 

Drama dargelegt, in die Kleist mit seiner 'Familie Schroffen stein' eintrat, 
ja, der Eiuflufs Shaksperes auf das Drama des 'Sturms und Drangs' wird 
sogar zweimal ausgeführt, ohne dafs man den Nutzen einsähe. Auch die 
zweimalige Aufzählung der 'Schicksalstragödien' hat nicht viel zu bedeu- 
ten. Bei der 'Hermanusschlacht' wird die erwachende patriotische Litte- 
ratur hauptsächlich der Befreiungskriege behandelt, die viel näher liegen- 
den österreichischen Dichter, die doch vorangingen, sind dagegen nicht 
erwähnt, trotzdem Kleist mit Collin in Verbindung stand, den Erzherzog 
Karl besang und selbst in österreichische Dienste treten wollte. Der 'Zer- 
brochene Krug' giebt Bonafous Gelegenheit zu einer flüchtigen Skizze des 
damaligen deutschen Lustspiels, wobei aber 'Wallensteins Lager' gar nicht 
genannt ist. Die Bearbeitung des 'Amphitryon' wird durch einen Über- 
blick über die Bedeutung des Französischen von Opitz bis Friedrich d. Gr. 
eingeleitet. Die 'Novellen' können nicht besprochen werden, ohne dafs uns 
einiges über den deutschen Roman, über die Novellen jener Zeit, ja eine 
Erläuterung des Unterschiedes zwischen Roman und Novelle aufgetischt 
wird. Die Weisheit stammt meist aus zweiter Hand und gereicht den 
Kapiteln nur wenig zur Zierde. 

Dieser Flüchtigkeit in den allgemeinen Teilen steht dann die Gründ- 
lichkeit im eigentlichen Thema ziemlich unvermittelt gegenüber, obwohl 
man anerkennen mufs, dafs sich Bonafous eifrig um ein richtiges Ver- 
ständnis Kleists bemüht hat. Einiges überrascht durch die Objektivität 
des Verfassers. Mit offenem Auge, ja, mit innerem Anteil versteht er die 
nationale Erhebung Deutschlands gegen Napoleon und Kleists Franzosen- 
hafs. Mit Gerechtigkeit beurteilt er die Vorzüge von Kleists 'Amphitryon' 
gegenüber dem Original, den preufsischen Patriotismus im 'Prinzen von 
Homburg' und im 'Michel Kohlhaas'. Geschickt verfolgt er aus Anlafs 
der Würzburger Reise das erwachende Naturgefühl bei Kleist und legt es 
an der Hand des Briefwechsels durch gut gewählte Beispiele dar. Die 
ersten poetischen Regungen Kleists führt er, ohne sie zu besprechen, auf 
ihre Veranlassung zurück, auf das erwachte Naturgefühl und auf die ge- 
änderte Ansicht über die Liebe. Bonafous hat Sinn für den besonderen 
Reiz in Kleists 'Zerbrochenem Krug', wie in den ersten Novellen. Die 
ästhetischen Ansichten verraten Geschmack; es zeigt sich die Gabe, einem 
mit dem Gegenstande nicht vertrauten Publikum allmählich ein Bild des 
Dichters zu entwerfen und endlich in der Conclusion zusammenzufassen. 
Drei Ursachen entdeckt Bonafous für die Entwickelung Kleists: Ent- 
täuschung seines Ehrgeizes, Geldverlegenheiten und patriotisches Gefühl. 
Im dichterischen Schaffen scheint ihm Kleist nach drei Methoden zu ver- 
fahren: seine Helden habe Kleist nach seinem eigenen Bilde gestaltet, 
seine Heldinnen nach seinen Träumen, seine Nebenpersonen nach seinen 
Beobachtungen. Der Schlufssatz kommt zu dem Resultate : Doue de qua- 
lites superieures, il a reve de conquerir la pre7niere place. Cette pre?mere 
place, il ne l'a ohtenue que yarmi les genies de second ordre. 

Bonafous ist an keiner Schwierigkeit vorübergegangen, er hat mit 
grofsem Eifer die ganze Litteratur über Kleist ausgenutzt, nur ist er 



184 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

darin vielleicht oft zu weit gegangen, manches erscheint entbehrlich, 
aber der Verfasser glaubte wohl die Gründlichkeit seiner Kenntnisse er- 
weisen zu müssen. Wenn man sein Buch mit der Preisschrift Brahms 
oder mit Wilbrandts schönem Werke vergleicht, dann möchte man glau- 
ben, der Verfasser sei ein deutscher Doktorand, Brahm und Wilbrandt 
aber in die Schule der grofsen französischen Schriftsteller gegangen. Von 
Zolling unterscheidet ihn hauptsächlich, dafs er sich mehr als für das 
äufsere für das innere Wesen des Dichters und seiner Werke interessiert. 
Einzelnes ist ihm ganz besonders gelungen : wie hübsch begründet er z. B. 
die Todesfurcht des Prinzen von Homburg, wobei freilich eine leise iro- 
nische Wendung nicht fehlt: Ajoutons qu'en outre, si Kleist n'avait pas 
fait de Hombourg un malade, il aurait pu et du supprimer cette terreur de 
la mort qui s'expliqiie, nous l'avons dit, avec le caractere de Hombourg, 
mais qui risque d' am^oindrir le personnage. Les officiers prussiens de notre 
siede n'auraient pas eu ä se plaindre, et la these eüt ete plus franchement 
soutenue. Wie feinsinnig entwickelt er die Art von Kleists Amphitryon- 
bearbeitung! Dieses Kapitel halte ich neben der Gonclusion für die beste 
Partie des Werkes. 

Einzelne Wendungen kann man nicht gelten lassen; vor allem ist 
die Parallele der 'Hermannsschlacht' mit den damaligen 'aktuellen' Zu- 
ständen in Deutschland zu sehr geprefst. Wenn Bonafous S. 290 Anm. 
sagt: Nous avouons surtout ne pas com/prendre V emotion d' Hermann en 
presence de la confusion de sa femme lorsqu'il lui a revele la perßdie de 
Ventidius, so hat er sich wohl nicht vor Augen gehalten, dafs Hermann 
sein 'Thuschen' innig liebt, dafs es ihn daher schmerzen mufs, ihr Leid 
zuzufügen, dafs er aber seinen Hafs gegen die Fremden nun auch seiner 
Gattin einflöfst und darum gerührt sein mufs. * Wenn S. 99 für das Jahr 
1802 vom grand-duehe de Weimar gesprochen wird, wenn es S. 101 heifst: 
La connaissanee de Schiller avait renouveU en lui (Ooßthe) le besoin de 
produire. II avait aeheve en 1796 son roman philosophique de Wilhelm 
Meister . . ., oder wenn wir S. 140, Anm. 1 lesen : La lettre est produite 
dans L'Enfant trouve d'Hofftnann de Fallersleben, womit natürlich die 
'Findlinge' gemeint sind, so hat das nicht viel zu bedeuten, ebensowenig, 
dafs ich bei Bonafous jedesmal Kichard Maria Wagner heifse. Bedenk- 
licher ist die Parallelenjagd, die sich der Verfasser zweimal zu schulden 
kommen läfst. So vergleicht er mit den Worten Johanns zu Agnes (II, 3 
der 'Familie Schroffenstein', Hempel I, S. 38): 

icli liebe dich — 
Ach, lieben! Ich vergöttre dich! 

den Vers aus Eacines 'Britanniens' (II, 3, V. 384): J'aime (qui dis-je 
aimer?) j'idoldtre Junie, und glaubt daraus schliefsen zu dürfen, qu^ Kleist 



^ Die Phrase 'Wie rührst du mich' wird in Bonafous' Übersetzung Comme tu 
me touches abgeschwächt. Auch S. 308 ist die Stelle des 'Prinzen von Homburg': 
'Den Sieg nicht mag ich, der ein Kind des Zufalls Mir von der Bank fällt . . .' 
durch die Übertragung um ihren starken Nebensinn gekommen, wenn es heifst: 
Je na tien pas ä une victoire qui, fille du hasard, me tonibe des nues. 



Beurteiluugen und kurze Anzeigen. 185 

ne se bornait pas ä la hcturc des tragiques anglais et allemands. Wenn 
wir nicht wülsteu, dafs sich Kleist mit der französischen Litteratur be- 
schäftigt hatte, diese Wendung könnte nichts beweisen, denn eine solche 
Steigerung liegt zu nahe; so sagt z. B. Wieland im 'Agathon' (1773, II, 
S. 175): 'Das Volk, welches mich vorhin geliebt hatte, fing nun an, 
mich zu vergöttern. Der Ausdruck, den ich hier gebrauche, ist nicht 
zu stark.' S. 346 behauptet dann Bonafous : Nous avons signaU dans Les 
Schroffenstein une Imitation evidente de Racine, und führt eine andere 
im 'Amphitryon' (III, 8, Hempel I, S. 259) an: 

Wer den Vögeln 
Im Himmel Speisung reicht, wird auch, so denk ich 
Den aheu ehrlichen Sosias speisen 

soll durch den Vers der Athalie (II, 7) veranlafst sein: 

Aux petiU des oiseaux il donne leiir pdture, 
Et sa bonte s'etend sur toule la nature. 

Es liegt aber viel näher, an die Bibel zu denken, wo es bei Matth. 6, 26 
bekanntlich heifst: 'Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, 
sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himm- 
lischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr, denn sie?' 
(vgl. Luc. 12, 24). Racine und Kleist haben aus dieser gemeinsamen 
Quelle geschöpft. 

Von Einzelheiten sei noch erwähnt, dafs Bonafous die 'Familie 
Schroffenstein' ausführlich mit 'Romeo und Julie' vergleicht, um zu zei- 
gen, Kleist habe es verstanden, mit einem Stoffe, der stark an jenen Skak- 
speres erinnert, ein Original, keine Kopie, zu schaffen. Für die 'Penthe- 
silea' weist der Verfasser noch Quintus von Smyrna als wahrscheinliche 
Quelle nach und zieht Episoden aus dem Orlando, furioso und der Gerusa- 
lemme liberata zum Vergleich herbei. Im 'Käthchen von Heilbronn', das 
er gut bespricht (nur hätte sich wenigstens ein Hinweis auf das Ritter- 
schauspiel empfohlen), deckt der Verfasser (S. 247, Anm. 2) den Wider- 
spruch auf, dafs Hatto das eine Mal (III, 1, Hempel III, S. 47) Prior 
der frommen Augustinermönche heifst, während er das nächste Mal (III, 4, 
S. 52) Dominikanerprior ist. Einen anderen Widerspruch, der meiner An- 
sicht nach für Wilbrandt und gegen Zolling (I, S. 60) wie Bonafous (S. 195) 
entscheidet, finde ich im letzten Akte der 'Familie Schroffenstein'. 

Rupert hält bekanntlich den verkleideten Ottokar für Agnes und er- 
sticht ihn (V, 1). Ottokar fällt ohne Laut zusammen. 

Rupert (betrachtet starr die Leiche). 
Santing! Santing! — Ich glaube, sie ist tot. 

S a n t i n g. 
Die Schlange hat ein zähes Leben. Doch 
Beschwör' ich's fast. Das Schwert steckt ihr im Busen. 

Nach dem weiteren Gespräch findet sich die Bühnenanweisung für Rupert 
'Er zieht das Schwert aus dem Busen Ottokars' (Hempel I, S. 91). Nun 



186 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

kehrt Agnes in die Höhle zurück und ruft ihren Ottokar, der sich mit 
matter Stimme meldet; da sagt Agnes (S. P2): 

Wo bist du? — Ein Scliwert — im Busen — Heiland! 
Man könnte Schwert als Synekdoche fassen, sogar in den Worten (S. 93) 
des hinzutretenden Sylvester, der gleichfalls Ottokar für Agnes hält: 

Ein Schwert im Busen meiner Agnes! 
Nun erscheint aber der blinde Sylvius und sagt, 'indem er die Leiche 
betastet' (S. 96): 

Ein Schwert — im Busen — einer Leiche — 
80 dafs kein Zweifel übrig bleibt: das Schwert Kuperts, das er S. 91 der 
Leiche aus dem Busen gezogen hat, steckt doch noch drinnen. Kann 
man auch hier die Hast bei der Abfassung des Werkes als Erklärung 
gelten lassen, wie Bonafous bei den Anachronismen der 'Hermanns- 
schlacht' ? 

Den 'Zerbrochenen Krug' betrachtet unser Verfasser nicht als eine 
comedie, sondern nur als eine farce, was ihn an voller Schätzung nicht 
hindert. Am wenigsten befreunden kann er sich mit den späteren No- 
vellen, besonders dem 'Michel Kohlhaas'; er stöfst sich auch an der 
sprachlichen Manier in diesen Arbeiten. 

Das Urteil über die neue Kleist-Biographie läfst sich in die Worte 
zusammenfassen: solid, aber breit und trocken, verläfslich, aber reizlos 
und darum vielleicht wenig geeignet, für Kleist in Frankreich Stimmung 
zu machen, in jedem Falle der willkommene Beweis eines lebhaften Inter- 
esses für einen deutschen Dichter bei einem gelehrten Franzosen. 

Lemberg. Richard Maria Werner. 

F. Lindner, Henry Fieldings Dramatische Werke. Litterarische 
Studie. Leipzig u. Dresden, C. A. Kochs Verlagsbuchhand- 
hing, 1895. 185 S. kl. 8. 

Am ausführlichsten hat bisher Frederick Lawrence {The Mfe of Henry 
Fielding ; with Notices of his Writings, his Ti^nes, and his Contemporaries, 
London 1855) auch über die dramatischen Werke Fieldings gehandelt. 
Die Biographie Fieldings von H. F. Dobson (in English Men of Letters, 
London 1883) hat Lindner leider nicht benutzen können. Nicht unbe- 
rücksichtigt hat Lindner natürlich den Aufsatz von F. Bobertag gelassen: 
'Zur Charakteristik Henry Fieldings' (Engl. Stud. I, 317 ff.). In Deutsch- 
land waren bisher Fieldings Dramen fast unbekannt. Lindner citiert 
nach der in London 1783 in 12 Bänden erschienenen Sammlung der wich- 
tigsten Werke Fieldings, da ihm die Quartausgabe von 1762 nicht zu- 
gänglich war. Die Dramen sind in den ersten 4 Bänden enthalten, und 
zwar giebt Liudner S. 8 — 156 eine genaue Analyse und Kritik jedes ein- 
zelnen Stückes in der Reihenfolge, wie sie sich in der Ausgabe vorfinden : 
1. Love in Several Masques (1727). 2. The Temple Beau (1729). 3. The 
Author's Farce (1729). 4. The Lottery (1731). 5. T}ie Coffee-House Poli- 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 187 

tician; or The Justice Caught in his own Trap (nach Lawrence 1730). 
6. The Trafjedy of Tragedies or, the Life and Deatk of Tom Thumh the Great 
(1730). 7. The Letter -Writers : or, a New Way to keep a Wife at Home 
(1731). 8. The Grubstreet Opera (nach Lawrence 1731). 9. The Moder?? 
Hushand (1731). 10. The Mock Doctor: or, The Dumb Lady Oiir'd (1732). 
11. The Covent- Garden Tragedy (1732). 12. The DehaucJiees: or, the Jesuit 
Caught (1732). 13. The Miser (1732). 14. The Intriguing Ghambermaid 
(1733). 15. Don Quixote in England (1733). 16. An Cid Man taught Wis- 
dorn: or, the Virgin Unmasked (1734). 17. Tlie Universal Gallant: or, The 
r>ifferent Husbands (1734). 18. Pasquin, A Dramatick Satire on the Times 
(1736). 19. The Historical Register, For the Year 1736 (1737). 20. Eury- 
dice (1737). 21. Eurydice Hiss'd: or, A Word to the Wise (nach I^awrence 
1737). 22. Tumble-Domi Dick: or, Phaeton in the Suds (1744 nach der 
Ausgabe, Lawrence richtiger 1737). 23. Miss lAicy in Tovm (bald nach 
1740). 24. The Wedding Day (1742 oder 1743). 25. The Fathers: or, The 
Good-natured Man (ßrst printed in 1778). Hinzu kommt noch ein Vor- 
spiel und einige unbedeutende Farcen. Lindner nimmt in den Anmer- 
kungen immer auf die Urteile der Zeitgenossen Rücksicht; ebenso wird 
stets auf Analogien bei Moli^re und anderen französischen Lustspieldich- 
tern hingewiesen. Von vornherein bemüht sich der Verfasser mit bestem 
Erfolg, nachzuweisen, dafs wir Fieldings Lustspiele als eine Vorübung 
zu seinen Romanen betrachten müssen, und dafs sich aus seinen Komödien 
heraus die Principien entwickelten, welche er seinen Romanen zu Grunde 
legte. Die steten Hinweise auf die Romane, besonders auf Tom Jones 
und Joseph Andreivs, erleichtern das Verständnis dieses Zusammenhangs 
ungemein. Bei den wichtigeren Stücken verweilt Lindner entsprechend 
länger und giebt ausführlichere Anmerkungen. Sehr lehrreich ist die 
Analyse der Tragedy of Tragedies, eines der besten Stücke Fieldings. 
Fielding verspottet hier hauptsächlich Drydens in seinen Nachfolgern noch 
fortlebende Manier, und das Stück ist in diesem Sinne eine Art Fort- 
setzung des bekannten Rehearsal George Villiers Duke of Buckinghams, 
Butlers, Sprats, Cliffords u. a., dessen Bedeutung Döhler (Anglia X, 38 
bis 75) dargelegt hat. Lindner weist mit Recht darauf hin, dafs das 
Stück wegen der vielen erläuternden Noten, die der Verfasser hinzufügt, 
ein Lesedrama ist, bei dessen Aufführung das Beste verloren gehen 
mufste. Interessant ist der Vergleich Fieldings mit La Calpren^de, dessen 
zehn Theaterstücke bis jetzt auch noch keine eingehende Würdigung ge- 
funden haben. Beide Schriftsteller verdanken ihre Berühmtheit ihren 
Romanen. An den Werken beider kann man auf das deutlichste die 
Wechselwirkung zwischen Drama und Roman zeigen. Bei Fielding sind 
wir überdies in der glücklichen Lage, seine theoretischen Ansichten über 
die Punkte, auf die es hier ankommt, zu kennen. Er hat sie in ein- 
facher und klarer Weise im Vorworte zu Joseph Andrews niedergelegt. 
Fieldings Lustspiele unterscheiden sich vorteilhaft von denen eines Wy- 
cherley und Congreve, die das Lasterhafte aus reinem Gefallen daran 
darstellen. Fielding war ein Kind seiner Zeit und tadelte die Schwächen 



188 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

und Verirrungen, wie er sie vorfand. Die Hauptquelle für Fieldings 
Dramen war das Leben und Treiben der Mitwelt, wie es sich vor seinem 
Geiste entrollte; daher machen viele seiner Lustspiele und Farcen den 
Eindruck von Gelegenheitsdichtungen. Aber auch in den Lustspielen, 
die er direkt aus dem Französischen entlehnt hat, in den Übersetzungen 
Moli^rescher Stücke offenbart sich seine Originalität. Dies zeigt Lindner 
in eingehender Weise an der Komödie The Miser, einer Übersetzung von 
Moli^res Avare. Die Veränderungen, die Fielding in seinem Miser an 
dem französischen Original vorgenommen hat, sind zum Teil noch ein- 
schneidender als im Moek Doctor, der Übersetzung des Medecin malgre lui. 
Lindner hält die psychologische Begründung Fieldings an vielen Stellen 
für besser und tiefer als bei Moli^re. Anklänge an Boccaccio, Regnard 
und besonders an den von ihm verehrten Cervantes (vgl. Don Quixote in 
England) finden sich häufig. Wenn eben über die Quellen der Fielding- 
schen Lustspiele wenig zu sagen ist, so schliefst Lindner meines Erach- 
tens mit Recht daraus, dafs dadurch des Verfassers Originalität und Selb- 
ständigkeit um so mehr hervortritt. 

Lindners Studie ist ein wertvoller Beitrag zur englischen Litteratur- 
geschichte, insofern sie die Bedeutung von Fieldings Dramen für die 
Litteraturgeschichte im allgemeinen als auch für das Verständnis seiner 
Romane im besonderen klar legt, das Verhältnis Fieldings zu seinen Zeit- 
genossen und ihren Werken richtig stellt und auf die grofse Bedeutung 
dieser Dramen für die englische Kulturgeschichte mit grofsem Nachdruck 
hinweist. 

Wismar i. M. O. Gl öde. 

Anschauungsunterricht im Englischen mit Benutzung von Höl- 
zeis Bildern von Dr. Edmund Wilke. Leipzig, Gerhard, 
1894. Vin u. 108 S. 

Die Hölzelschen Wandbilder scheinen sich bereits einer solchen Be- 
liebtheit zu erfreuen, dafs eine Anzahl von fremdsprachlichen Schul- 
büchern ihre Methode auf ihre Benutzung basiert. Lehrer, welche es für 
zweckmäfsig halten, dieses Unterrichtsmittel zu benutzen, werden in dem 
obigen Werkchen eine brauchbare Hilfe finden; denn die Art, in der die 
Stoffe hierin behandelt sind, ist wirklich eine recht glückliche. Jeder der 
sechs den sechs Bildern gewidmeten Abschnitte enthält zuerst eine An- 
gabe der Gegenstände und kurze Beschreibungen in kleineren Sätzen; 
dann folgt eine Lesson in Grammar, die nur in Beispielen ohne jede 
Regel besteht ; diesen schliefsen sich kleine, sehr gut gewählte englische 
Lesestücke an, deren Gegenstand zu dem jeweiligen Bilde pafst. Den 
Beschlufs jedes Abschnitts bilden Aufgaben zu schriftlichen Ausarbeitun- 
gen und ein Gedicht. Man sieht hieraus, dafs das Büchlein besonders 
dort am Platze sein wird, w^o auf den grammatischen Unterricht geringer 
Wert gelegt, die Sprechfertigkeit um so mehr betont wird. Doch ist 
nicht ausgeschlossen, das Büchlein im Anschauungsunterricht neben einem 



k 



BeurteiluDgen und kurze Anzeigen. 189 

grammatischen Lehr- und Übungsbuche zugleich als Lesebuch zu ge- 
brauchen, vorausgesetzt, dafs man Schüler oder Schülerinnen in wenig 
vorgerücktem Alter vor sich hat und hinreichend Zeit zur Verfügung 
steht. Ein geschickter Lehrer wird es sehr geeignet finden, um Sprech- 
übungen daran zu knüpfen. Ich vergafs zu erwähnen, dafs auch ein al- 
phabetisches Wörterverzeichnis mit beigefügter Lautschrift dem Buche 
beigegeben ist. 

Berlin. G. Opitz. 

New Eüglish Reading-Book for the Use of Middle Forms in 
German High-Schools by Dr. Hubert H. Wingerath, Head- 
Master of St. John's High-Sehool. Cologne, Dumout-Schau- 
berg Publishers, 1894. XII u. 345 S. 8. 

Ehe ich an die Besprechung dieses Lesebuches herantrete, ist es mir 
ein Bedürfnis, auf die Geschmacklosigkeit hinzuweisen, die darin besteht, 
die Titel deutscher Schulbücher in obiger Weise abzufassen. Es ist schwer, 
einen vernünftigen Grund dafür aufzufinden; wenn schon aus Köln Co- 
logne wird, dann kommen wir auch wohl bald dahin, dafs die Verfasser 
ihre Namen gleichfalls englisch oder französisch schreiben und Herr Weifs 
sich in M. Blanc, Herr Schneider in Mr. Taylor verwandelt. 

Die Frage, ob es durchaus geboten war, nachdem im Laufe der letzten 
Jahre unzählige Lesebücher zu den älteren hinzugekommen sind, wieder 
ein neues erscheinen zu lassen, würde sich nur bejahen lassen, wenn dieses 
vor den anderen wirklich grofse Vorzüge hätte. Solches glaubt der Ver- 
fasser behaupten zu können, indem er für sein Lesebuch aus einem dop- 
pelten Grunde den Anspruch der Neuheit erhebt. Es enthalte nämlich 
zunächst nur Stücke von Schriftstellern des 19. Jahrhunderts, bezw. der 
Gegenwart; und zweitens seien die Lesestücke unter thunlichster Berück- 
sichtigung sowohl der Vorkommnisse des täglichen Lebens als auch des 
Gesichtspunktes einer wohlverstandenen und nirgends gewaltsam herbei- 
gezogenen Konzentration des Unterrichts, und zwar mit solcher Sorgfalt 
ausgewählt, dafs kein einziges Stück als zwecklos und mehr zufällig, oder 
wohl gar als bedenklich erscheinen müfste. 

Nun ist es ja ohne Frage nur zu billigen, dafs den Schülern während 
der ersten drei Jahre nur modernes Englisch geboten wird. Doch wüfste 
ich kaum ein neueres Lesebuch zu nennen, welches dieser Forderung 
nicht entspräche. Einen besonderen Vorzug aus dieser Eigenschaft könnte 
man also wohl nicht herleiten. Weniger in Übereinstimmung mit vielen 
der in den letzten Jahren erschienenen Lesebücher befindet sich der Ver- 
fasser hinsichtlich des Verfahrens bei der Auswahl und Zusammenstel- 
lung des Stoffes, indem er es vermeidet, die Schüler sogleich auf eng- 
lischen Boden und ins englische Kinderleben zu versetzen, und es vor- 
zieht, in seinen Object Lessons namentlich, die Gegenstände ihrer deut- 
schen Umgebung ihnen in englischer Sprache vorzuführen. Von päda- 
gogischem Standpunkte läfst sich dies wohl rechtfertigen; doch scheint 



190 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

es mir in metliodischer Hinsicht einen Umweg zu bedeuten. Ein ziem- 
lich breiter Raum ist sodann Fabeln, Parabeln, Fairy Tales, Legends and 
Sagas und Anecdotes und Narratives gewährt, die mit Ausnahme der 
letzten fast gar keine specifisch englischen Stoffe bringen. Dagegen ent- 
halten die Abschnitte, welche History, Qeography, Sciences, Miscellaneous 
Extracts benannt sind, durchaus brauchbares Material für die Lektüre in 
den Mittelklassen. Dafs sich darunter auch Schilderungen nichtenglischer 
Personen und Verhältnisse befinden, halte ich mit dem Verfasser für 
vollständig berechtigt; es ist sicher wünschenswert, dafs in der fremd- 
sprachlichen Lektüre auch Gegenstände berührt werden, die in anderen 
Unterrichtsstunden bereits behandelt worden sind; dieser Zusammenhang 
wird die Verarbeitung und Aneignung des Stoffes nur erleichtern helfen. 
Der 11. und 12. Abschnitt enthält eine Auswahl lyrischer und epischer 
Gedichte, unter denen sich neben vielen minderwertigen auch die besseren 
und bekannteren finden und gemeinhin den Bedürfnissen dieser Stufe 
entsprechen werden. Wenn ich noch hinzufüge, dafs der Verfasser von 
einem Wörterbuche absehen zu müssen geglaubt hat, dagegen erklärende 
Anmerkungen zu den Lesestücken für den Lehrer herauszugeben gedenkt, 
so glaube ich den Leser über das New English Reading-Book hinlänglich 
aufgeklärt zu haben. Dafs es eine Lücke auszufüllen berufen ist, scheint 
mir nicht erwiesen. Trotz der entgegengesetzten Versicherung des Ver- 
fassers im Vorwort macht es den Eindruck, als ob die unselige Bemer- 
kung in d^n 'Neuen Lehrplänen', welche einen gewissen Parallelismus der 
Unterrichts werke in beiden Fremdsprachen empfiehlt, an seinem Erschei- 
nen wie an dem vieler anderer schuld ist. 

Berlin. G. Opitz. 

On Eüglish Life and Customs. Aufsätze aus verschiedenen eng- 
lischen Schriften zusammengestellt und erläutert von Dr. Her- 
mann Conrad, Professor an der Haupt-Kadettenanstalt zu 
Grofs-Lichterfelde (Schulbibliothek französ. und engl. Prosa- 
schriften herausgegeben von L. Bahlsen und J. Hengesbach). 
Berlin, Hermann Heyfelder, 1895. 

Der Herausgeber dieser chrestomathieartigen kleinen Sammlung hat 
die Abschnitte The Structure of English Society, Popidar Ämtisements, Mo- 
dern Ghanges of Social English Life dem 18., 29. und 17. Kapitel des be- 
kannten Werkes von Escott, England: its People, Polity, and Purstiits 
entlehnt, jedoch mit Kürzung des Originals. Obgleich ich im allgemeinen 
wünsche, Schriften oder einzelne Teile derselben ohne Auslassung von 
überflüssig scheinenden Stellen herausgegeben zu sehen, so mufs ich doch 
meine Meinung dahin erklären, dafs der Auszug mit grofsem Geschick 
angefertigt ist, so dafs man keine Lücken vermutet. Bei den drei an- 
deren Schilderungen: On some Social Conventionalities, Social Pleasures, 
In the Country habe ich allerdings nicht, wie bei jenen, einen Vergleich 
mit dem unverkürzten Original angestellt; da mir die vom Herausgeber 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 191 

als Quellen angegebenen Schriften nicht zu Gebote stehen. Es sind die 
folgenden: The Glass ofFashion: Social Etiquette and Home Culture, London 
1881, The Cmmtess of Malmesbury, Village lAfe in England (in der North- 
American Review, March 1894) und G. H. Wyatt, The English Citizen, kis 
Life and Duftes, London 1893. Der Eindruck bei der Lektüre ist aber, 
dafs man etwas ganz Zusammenhängendes liest. Die erläuternden An- 
merkungen sind, wie man es von einem so berufenen Herausgeber nicht 
anders erwarten kann, mit grofser Sorgfalt angefertigt und im allgemeinen 
auch erschöpfend. Indem ich die Ausgabe als eine sehr tüchtige Lei- 
stung ausdrücklich anerkenne, will ich mir erlauben, für eine gewifs bald 
zu erwartende neue Auflage ein paar unbedeutende Nachträge und Ver- 
besserungsvorschläge mitzuteilen. 

S. 4 ist es wünschenswert, dafs dem Citat aus Macaulay hinzugesetzt 
wird I, S. 37. Tauchn., dafs ferner Angaben über die beiden Heiraten 
hinzukommen. — S. 6 wird eine Anmerkung über Blackstonc vermifst. — 
S. 9 sollte das Sternchen wohl auf die Anm. 54 zu Chapt. II verweisen. 
Über das auch sonst manchmal erwähnte alte Lokal the Cocoa Tree läfst 
sich leicht ein Nachweis geben. Der damalige Earl of Surrey ist beson- 
ders bekannt wegen seines Übertritts zum Protestantismus. Lord Mahon, 
HisL of Engl. VII, 77 f. Tauchn. — S. 12 ist für den Schüler eine An- 
gabe über Xenophon, S. 15 über Aladdin's palace wünschenswert; man 
darf nicht alles als bekannt voraussetzen. — S. 26 scheint dem Heraus- 
geber entgangen zu sein, dafs die Worte fold up their tents like the Arabs 
dem Schlufs des, Longfellowschen Gedichts The day is done entlehnt sind: 
And the night shall he ßlled with miisic. And the cares that infest the day, 
Shall fold their tents, like the Arabs, And «s silently steal away. Ich habe 
eine dunkle Erinnerung, dafs die Verse Longfellows einem deutschen Ori- 
ginal, wenn ich nicht irre, einem Gedichte Gustav Pfizers, nachgedichtet 
sind. — S. 32 vermisse ich eine Angabe über Jules Glaretie (oder La 
Claretie), S. 35 über Sir Robert Walpole. — S. 38. Der Name des Schwind- 
lers Gönnt Basset mit Anspielung auf das alte Kartenspiel basset (frz. 
bassette) ist dem Lustspiel The Provoked Husband von C. Cibber entnom- 
men. — Zu S. 41, 16 möchte ich hinzusetzen, dafs jemand, wenn er den 
rechten Handschuh nicht gleich abziehen kann, zu sagen pflegt: Please, 
exciise niy glove. — S. 43. Bei Mr. Peregrine dürfte der Schüler auf die 
Zweckmäfsigkeit des Namens (von peregrintts) für einen Reisenden, in der 
folgenden Zeile bei Mr. Apollo Jones darauf hinzuweisen sein, dafs ein 
poetischer Angehöriger der urplebejischen Familie Jones (ein so gewöhn- 
licher Name wie im Deutschen Müller, Schulze, oder Schmidt) den hoch- 
trabenden Vornamen Apollo führt. — S. 49 wünsche ich einen Nachweis 
über Aaro?i Hill; sein Stück Zara gehört dem Jahre 1735 an. — S. 60 
bedarf der Schüler einer Anmerkung über Scythian steppes, S. 74 über 
central fire, Centralzündung; Ruch, single-barrel findet sich nicht in jedem 
kleineren Wörterbuch, und bei to stalk lassen gewöhnliche Wörterbücher 
den Nachsuchenden gleichfalls im Stich. — S. 90 ist eine Angabe über 
wise wornen aus demselben Grunde erforderlich. 



19Ö Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Ich komme nun zu den Anmerkungen. S. 92 hätte ich gern etwas 
über die schon fast veraltete Bezeichnung May fair erfahren; ich selbst 
könnte nur hinzufügen, dafs dies Stadtviertel im Osten von Hyde Park 
zu suchen ist und sich wahrscheinlich bis Piccadilly erstreckt, aber die 
genauere Begrenzung ist sogar den Londonern in der Regel unbekannt. 

— S. 98. noblesse bezeichnet offenbar im Unterschied von nobility alle 
diejenigen, welche Adelsgeschlechtern angehören, selbst aber streng ge- 
nommen nur bürgerlichen Rang besitzen, — Ib. S. 6, Z. 7 schlage ich 
als genauer die Fassung vor: Trotzdem führen die ältesten Söhne etc. 

— S. 96. Die Anm. 51 scheint mir dem Texte nicht zu entsprechen. — 
S. 98, Anm. 70. Bei brotigham fehlt die Angabe: mit niedrigem Schlag 
und Tritt. — Anm. 72. dog-cart für einen von Hunden gezogenen Wagen 
läfst sich schwerlich nachweisen, obgleich die Bedeutung sich bei Muret 
findet; der gewöhnliche Gebrauch des Wortes zwingt in jenem Falle zu 
einer anderen Ausdrucksweise {a cart drawn by dogs). — S. 99, Anm. 86. 
Der scherzhafte Ausdruck impecuniosity ist nicht gesucht, sondern ganz 
gewöhnlich. — S. 100, Anm. 90 sollte aufser solicitor auch attorney ge- 
geben werden. — Ib. Anm. 92 sind Geistliche, Offiziere zu strei- 
chen. Ausdrücke wie the clerical profession, the profession of arms be- 
rechtigen nicht, sie zu den professional men zu zählen. — S. 101, Anm. 
Es liegt wohl eine Verwechselung von baronetage mit barony zu Grunde. 

— S. 102, Anm. 5. Das über sport Gesagte ist nicht umfassend genug; 
denn man hat auch indoor-sports. — Ib. Anm. 7. Bei foot-ball ist zu 
berücksichtigen, dafs das Spiel eine Saison hat, die von der des cricket 
verschieden ist. — S. 103, Anm. 11. Rounders läfst sich kaum als ein 
dem cricket ähnliches Spiel bezeichnen. Vgl. Langenscheidt, Sachwörter- 
buch. — S. 104, Anm. 25. Das bat ist kein schweres Ballholz; um 
es möglichst leicht herzustellen, nimmt man dazu Weidenholz. Ge- 
schleudert ist wohl verdruckt für geschlagen. — S. 105, Anm. 37. 
Dafs in the ascendant in der betreffenden Stelle ein sehr gesuchter Aus- 
druck sei, kann ich nicht zugeben. — Ib. Anm. 39. Chambers ist nicht 
immer eine vornehme Junggesellen wohnung ; die Zimmer im TempU pfle- 
gen äufserst primitiv zu sein, wie sie wenigstens von Thackeray in Pen- 
dennis geschildert werden. — S. 110, Anm. 3. Die ISiotes and Qiieries ver- 
dienen eine genauere Charakteristik, zumal da wir leider kein entsprechen- 
des Journal besitzen. — S. 111, Anm. 12. Morning-call, die gewöhnliche 
Zeit ist von zwölf bis zwei. Die dem Original entsprechende Bemerkung, 
der morning gehe bis zum Mittagsessen, d. h. bis ca. sieben Uhr abends, 
ist übertrieben. — S. 117, Anm. 69. Es ist ein Unterschied zu machen 
zwischen Walking - dress, Promenadenanzug, und morning - dress, Visiten- 
anzug. — Anm. 70. Der Name Araminta ist Vanbroughs Confederacy, 
1695, entlehnt. — S. 126, Anm. 65. Statt rock-dove sagt man in der Regel 
roek-pigeon; wir nennen sie gewöhnlich Feldtaube, seltener Felstaube {co- 
lumba livia). — Anm. 71. Quarry, Strecke. — S. 127, Anm. 6. Das nicht 
veredelte Mafsliebchen hat oft rotspitzige (pink-tipped) Blütenblätter; hier 
ist die Rede von der Landschaft, das Tausendschönchen gehört dem 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 103 

Garten an. — S. 130, Anm. 33. Viear ist wohl ein Versehen statt curate. 
— Anm. 35. Countrydance nennen wir 'Anglaise'. — Anm. 46. Vari-coloured 
ist verdruckt für varicoloured. 

Grofs-Lichterfelde. Immanuel Schmidt. 

WeidmaDDSche Sammlung französischer und englischer Schrift- 
steller. Baker, History of the English People, im Auszuge 
herausgegeben und erklärt von Dr. Heinrich Loewe. 

Die Geschichte des englischen Volks von Baker ist eine keineswegs 
bedeutende Nachbildung des bekannten gleichnamigen Greenschen Werkes. 
Letzteres beginnt mit den Worten : For the fatherland of the English race 
ice must look far away from England itself; der Anfang des zweiten Ka- 
pitels im ersteren lautet: For the Fatherland of the English people we must 
look aivay from this country. Der Herausgeber wollte, wie er im Vorwort 
sagt, 'unseren Schülern neuere englische Prosa zugänglich machen, ihnen 
im Gegensatz zu Hume, Dickens, Green (und auch Macaulay) 
einen modernen, leichteren historischen Lesestoff bieten'. Die Zusammen- 
stellung ist merkwürdig; denn, ganz abgesehen von Hume und Macaulay, 
die noch dazu so verschieden voneinander sind, lassen sich Dickens und 
Green schwerlich als veraltet bezeichnen, und der Greensche Stil zeichnet 
sich durch die gröfste Einfachheit aus. Für welche Klasse der Heraus- 
geber sein Buch bestimmt hat, ist mir nicht recht klar. Auf der ersten 
Seite bemerkt er zu the flesh of wild animals they Mlled und the first st&p 
these savages made etc.: 'das Relativum ist hier ausgelassen.' S. 2 steht: 
'is Said, soll; es entspricht dem lat. dieitur.' Wenn die Schüler auf der- 
gleichen noch hingewiesen werden müssen, kann man mit ihnen über- 
haupt kein zusammenhängendes Werk lesen. Ferner wird S. 1 die An- 
merkung gegeben: Ho grow ist hier transitiv, also to grow corn Getreide 
bauen.' Das steht in jedem noch so kleinen Wörterbuch, z. B. in dem 
Langenscheidtschen Notwörterbuch. Aus demselben Grunde ist überflüssig 
S. 2 most likely, höchst wahrscheinlich. Zu The poor Brilons fought like 
heroes against the invaders, but, after niuch hard fighting, the country was 
fairly conquered (S. 2) kommt die Anmerkung: 'Hier bedeutet fairly in 
ehrlichem Kampf.' Nein, es bedeutet vollständig; vgl. the Saracen fairly 
Struck off the poor Dwarf's arm. S. 6, Anm. 13. ^very much hier: ganz 
und gar'; vielmehr: ziemlich, fast. Fortfallen könnte auch S. 1, 19: 'Mit 
woad ist der Färber- Waid {Isatis tinctoHa) gemeint.' Ist gemeint ? Wood 
bedeutet nichts anderes; nur bezeichnet das Wort sowohl die Pflanze als 
den Farbestoff. Höchstens wäre eine Andeutung am Platze, dafs jene 
hier the woad plant genannt ist, während man gewöhnlich einfach woad 
sagt. Entbehrlich ist die Anmerkung S. 3 'to swoop down, herabstofsen 
auf, wird vom Raubvogel gesagt, der mit angezogenen Schwingen sich 
auf seine Beute stürzt' etc. Die Bedeutung giebt jedes Wörterbuch; das 
Anziehen der Flügel aber wird jeder von selbst finden, wenn die Auf- 
merksamkeit darauf gelenkt wird. Eigentlich erscheinen fast sämtliche 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. 13 



194 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

unter dem Texte stehende Anmerkungen zu dem ersten Kapitel, S. 1 — 3, 
unnötig, wenn man bedenkt, was später vom Schüler gefordert wird. Die 
im Anhange dazu gegebenen Anmerkungen enthalten manches Überflüs- 
sige. Gleich zu Anfang steht: 'Über die Trennung der Gelten von den 
übrigen Ariern oder Indo-Germanen, sowie über ihre Einwanderung nach 
Westeuropa besitzen wir keine sicheren Nachrichten.' Hier hätte dem 
Schüler etwas mehr gegeben werden sollen: die Worte dürften ihm sogar 
nicht recht verständlich sein ; denn die grammatischen Anmerkungen setzen 
einen Tertianer voraus. Überflüssig hingegen ist der Zusatz: 'denn die 
Gründung Milesischer Kolonien in Irland und die Wanderung der Tro- 
janer nach Wales ist in das Gebiet der Fabel zu verweisen.' Was im 
vorhergehenden Satze mit denn begründet werden soll, verstehe ich nicht; 
nach meiner Meinung hat der zweite Satz mit dem ersten gar nichts zu 
thun. Ich habe so eben angedeutet, dafs dem Verständnis des Schülers 
ziemlich viel zugemutet wird. Das in Kap. XVI, The Elizabethan Writers, 
Gebotene geht zum Teil über die Schule hinaus; selbst der Primaner 
braucht von euphuism und Arcadia nichts zu erfahren, geschweige denn 
der wohl vorauszusetzende Tertianer oder Untersekundaner. Es findet 
sich unter den Anmerkungen zu diesem Kapitel: 'Euphuismus (lat. gr. = 
von kräftigem Wüchse, beredt)' etc. Die Parenthese erklärt nicht das 
Substantiv, sondern das als Namen gebrauchte Adjektiv, von dem die 
Bezeichnung der Richtung entlehnt ist; bei seinem Euphues hat Lyly 
wohl an mehr als den Wuchs gedacht; beredt ist falsch. Zu The Faery 
Qtteen hätte doch wohl eine Bemerkung hinzugesetzt werden sollen, da 
in kleineren Wörterbüchern sich nur die Form fairy findet. In der be- 
treffenden Anmerkung heifst es: 'Ghaucers Canterbury Tales, welche in 
den erzählenden Personen zugleich ein Bild mittelalterlichen Lebens bil- 
den,' etc. Der Ausdruck dieses Relativsatzes ist höchst ungeschickt. 

Doch ich glaube aus wenigen Seiten des Buches schon genug ange- 
führt zu haben, um die Flüchtigkeit des Herausgebers zu kennzeichnen. 

Grofs-Lichterfelde. Immanuel Schmidt. 

The Old, Old Story. A Novel. By Eosa Nouchette Carey. 
Leipzig, Berühard Tauchnitz, 1895 (Coli, of Brit. Authors, 
Vols. 3041 and 3042). 344 und 336 S. kl. 8. M. 3,20. 

True woman even in her faultiness, the old, old story had sound£d 
sweeter in her ear than all Üie plaudits of an admiring audience, and Re- 
ginald Lorimer's love dearer even than the art slie had prixed so mtich : so 
erklärt die Verfasserin selbst II, 324 den Titel. Gloden Carrick, die Tochter 
eines Geistlichen, kommt nach dem Tode ihres Vaters mit ihrem jüngeren 
Bruder Harvey in das Haus eines Onkels, der Buchhändler in dem kleinen 
Orte Grantham ist. Sie macht bald zufällig die Bekanntschaft des in 
geringer Entfernung davon wohnenden Gutsbesitzers Reginald Lorimer, 
der, über Standesvorurteile erhaben, sich des Neffen des Buchhändlers 
warm annimmt und sich bald, darüber klar wird, dafs er Gloden liebt. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 195 

Aber zu einer Liebeserklärung kommt ea nicht, da es noch kein ganzes 
Jahr her ist, seit seine Frau gestorben. Gloden liebt ihn wieder, hält ihn 
aber für charakterlos, da ihr Mrs. Winter vorlügt, dafs Lorimer schon 
heimlich mit deren Tochter Violet verlobt sei. Während Lorimer einen 
kranken Vetter seiner verstorbenen Frau im Süden pflegt, geht Gloden 
auf den Vorschlag von Lorimers Schwester, Mrs. Wyndham, ein und 
bildet sich in London zur Violinvirtuosin aus, obwohl sie weifs, dafs 
Lorimer über das, was sich für Frauen ziemt, altmodische Ansichten hat. 
Ihr Entschlufs macht denn auch Lorimer ebenso unglücklich, wie sie es 
selbst ist. Aber, da Lorimer, nachdem Gloden schon in einem Concert 
unter grofsem Beifall gespielt, von ihrer Irreführung durch Mrs. Winter 
erfahren, bringt er alles bald in Ordnung. — Auch dieser neue Roman 
der Verfasserin (s. über sie zuletzt Archiv XC, 199 f.) ist lesenswert. Auf- 
gefallen sind mir einige Flüchtigkeiten. Der Vorname von Mr. Wyndham 
lautet anfangs Hartley, von I, 248 an aber Harcourt. II, 2 heifst es his 
wife died last spring statt last spring but o?ie. I, 126 führt die Verfasserin 
an Ä merry heart goes all the way (statt day), Tour sad one (dieses Wort 
ist interpoliert; vgl. Archiv XCIV, 452) iires in a mile-a. Vgl. ferner 
I, 104 lieyben lay down the toast he was spreading with marmalade; 134 Tlie 
soft grey-green tints of tJie whole was wonderfully harmoniotis and rcstful; 
160 one of those women whose mere presence diffuse an air of comfort; 
284 Garde tu, ma petite'; II, 120 looking neitlier to tlie right hancl or to 
the left; 215 tJie blessed relief of tears are denied me. J. Z. 

Mrs. Bouverie. By F. C. Philips. Leipzig, Bernhard Tauchnitz, 
1895 (Coli, of Brit. Authors, Vol. 3043). 280 S. kl. 8. 
M. 1,60. 

Die Heldin des Verfassers (s. über ihn zuletzt Archiv XCIV, 337) ist 
diesmal keine Abenteurerin, sondern eine ehrbare reiche und schöne Witwe 
im Alter von neunundzwanzig Jahren, die sich der mittellos hinterblie- 
benen drei Kinder des Rev. Dr. Heath in Threegates in der taktvollsten 
Weise annimmt. Dem Sohne Frank, der sich kurz vor dem Tode seines 
Vaters durch einen Jugendstreich die Strafe einer vorübergehenden Ent- 
fernung von der Universität Cambridge zugezogen, verschafft sie eine 
Stelle bei einem Londoner Journal, deren Ertrag ihn in den Stand setzt, 
mit seinen beiden Schwestern in bescheidenen Verhältnissen in Hamp- 
stead zu leben. Er schreibt einen Roman, der in zwei Monaten sechs 
Auflagen erlebt. Er glaubt Mrs. Bouverie zu lieben, und sein schrift- 
stellerischer Erfolg giebt ihm den Mut, um ihre Hand anzuhalten: sie 
lehnt aber seine Werbung mit dem Hinweis auf die neun Jahre, die sie 
mehr zählt, als er, ab. Franks ältere Schwester Marion wird die Frau 
des Captain Lingard, den sie im Hause der Mrs. Bouverie kennen ge- 
lernt; Christabel dagegen, die jüngere Schwester, verlobt sich mit dem 
armen Curate Stirling. An demselben Tage, da es Mrs. Bouverie gelingt, 
diesem eine ausnehmend gute Pfarre zu verschaffen, teilt ihr Frank mit, 

13* 



196 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

dafs er sich mit der Tochter seines Verlegers verlobt habe. Er merkt 
nicht, wie nahe ihr das geht. Er begiebt sich zu seiner Braut, um sich 
seines Glückes zu freuen, hut Mrs. Bouverie still sat motionless before the 
dying fire, her head sunk wpon her breast. — Mir hat diese neue Erzäh- 
liing des Verfassers weit besser gefallen, als die meisten früheren. 

J. Z. 

A Eoman of Dijon. By M. Betham-Edwards. Leipzig, Bern- 
hard Tauchnitz, 1895 (Collection of British Authors, Vol. 
3044). 287 S. kl. 8. M. 1,60. 

A Roman, of Dijon hat mir nicht so gut gefallen, wie derselben Ver- 
fasserin Curb of Honour (vgl. Archiv XCII, 112 f.) oder gar Two Aunts 
and a Nephßw (vgl. Archiv XC, 430 f.). Der Stil ist vielfach affektiert, 
und die Erzählung tritt hinter der Schilderung fast zurück, ohne dafs es 
darum der Verfasserin gelingt, dem Leser eine ganz deutliche Vorstellung 
von dem französischen Leben in Dijon während der Eevolution zu geben. 
Ferner fehlt dem Koman ein ordentlicher Abschlufs, und auch die Hand- 
lungsweise der Heldin ist nicht recht begreiflich. Pernelle Nesmond, die 
junge, schöne und reiche Besitzerin der Schnittwarenhandlung Coiffe ä 
Merveille in Dijon, trägt sich selbst ihrem protestantischen Vetter Laurent 
Nesmond, der bisher hauptsächlich von ihrer Unterstützung gelebt, als 
Gattin an. Er will zwar der armen Finette treu bleiben, allein diese will 
seinem Glücke nicht im Wege stehen und verschwindet deshalb in eine 
andere Gegend, wo sie bald heiratet. Laurent wird infolgedessen bereit, 
Pernelle die Hand zu reichen, aber nun hat sie es nicht mehr so eilig, 
da sie sich inzwischen in den armen Marquis de Velours verliebt hat, 
der in London als Lehrer des Französischen sein Brot verdient und ihr 
ein von ihm korrigiertes Schülerexercitium in die Hände zu spielen weifs, 
in dem die Sätze vorkommen : Life is but another name for Hope. The 
Word adieu is meaningless on this side of the tomb. J. Z. 

A Daughter of Judas. A Tale of New York City Fin-de-Si^cle- 
Life. By Richard Henry Savage. Leipzig, Bernhard Tauch- 
nitz, 1895 (Collection of British Authors, Vol. 3045). 336 S. 
kl. 8. M. 1,60. 

Dieser wieder mit gröfster Hast erzählte Eoman zeigt mehr Ähnlich- 
keit mit Delilah of Harlem (s. Archiv XCI, 442 f.) und The Masked Venus 
(XCI, 310), als mit dem hier (XCIII, 352) zuletzt besprochenen Anarchist. 
Der Titel bezeichnet die schöne Edith Calvert. Aus reiner Berechnung 
heiratet sie den mehrfachen Millionär Frank Van Arsdale, der aus seiner 
ersten Ehe eine Tochter Marie hat, die ihm selbst ziemlich gleichgültig 
ist, über der aber der unvermählte Bruder ihrer verstorbenen Mutter, 
Floyd Stanwix, mit zärtlichster Liebe wacht. In diesen verliebt sich 
Edith, verbirgt aber ihre Leidenschaft in der geheimsten Falte ihres Her- 
zens. Frank Van Arsdale thut ihr nach kurzer Zeit den Gefallen, sie 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 197 

mit etwa zwei Millionen als Witwe zu hinterlassen. Unbegreiflicherweise 
hofft sie nun Floyds Gegenliebe zu finden, indem sie es durch Unter- 
schlagen von Briefen und andere Mittel zuwege bringt, dafs Marie, die 
eine sehr gute Partie ist, nicht den vortrefflichen Earle Schuyler heiratet, 
sondern Ediths Bruder Harold Calvert, der ein ganz gemeiner Schurke 
ist. Freilich wird Marie nur dem Namen nach Harolds Frau ; denn Rosie 
Feiton, eines der vielen Opfer seiner Gewissenlosigkeit, entlarvt ihn un- 
mittelbar nach der Trauung. Er wird auf der Überfahrt nach Europa 
noch zum Mörder an dem von Rosie Feiton benutzten Werkzeug seiner 
Entlarvung, der von ihm entführten und dann verlassenen Griechin Diane 
Lascaris, fällt dann aber bei Paris im Duell durch ihren Bruder Cyprian, 
der einst sein bester Freund gewesen. Floyd stirbt an einer inneren Ver- 
letzung, die er sich zugezogen, da er eine in die Seine gesprungene Dirne 
rettet. Edith reicht dem Sekretär ihres ersten Mannes die Hand, Marie 
kommt schliefslich doch mit Schuyler zusammen. — Man blickt in einen 
wahren Pfuhl von Verderbtheit. Selbst der gute Onkel Floyd ist ein 
Schwerenöter. Des Verfassers Chronologie ist nicht ganz einwandfrei. 
Nach S. 10 (vgl. S. 8) fängt der Roman im Januar 1890 an : nach S. 105 
ist seitdem ein halbes Jahr vergangen, und doch ist S. 91 schon vom 
Juni 1891 die Rede. Auch möchte ich gern wissen, wie es von Edith, 
die sich in a Thuringian Castle befindet, S. 217 heifsen kann : Her delighted 
cyes ranged over the heautiful wooded valley sweeping doion totvards the Elbe 
heloiü her. Schwerlich sind auch alle Versehen in lateinischen und beson- 
ders französischen Citaten Druckfehler. So lesen wir S. 37 Eheu, fugaees 
lahunter anni: ist es ein Zufall, dafs auch im neuesten Webster diese 
Worte, wie ohne Posiwne, Postume, so mit der Form labunter erscheinen? 
Aber gegenüber Sa vages Vera incessa jmtuit dea S. 57 steht bei Webster 
richtig incessu. Höchst merkwürdig ist lietairce S. 148. Von französischen 
Wörtern führe ich an petite verre S. 13, connäit und clos vougeot S. 50, 
cachet, La Saltpetriere S. 107, d^fi S. 119, Dites-lui S. 120 und 123, dis- 
tingue S. 126. J. Z. 

Chapters from Some Memoirs. By Anne Thackeray Ritchie. 
Leipzig, Bernhard Tauchnitz, 1895 (Coli, of British Authors, 
Vol. 3046). 255 S. kl. 8. M. 1,60. 

Die Verfasserin dieser lesenswerten Erinnerungen ist die Tochter des 
berühmten Romanschriftstellers, die auch selbst auf demselben Gebiete 
einen guten Namen hat, und von der in der Tauehnitx Collection früher 
schon 15 Bände erschienen sind. Freilich tritt sie in diesen noch als 
Miss Thackeray auf, und dies ist wohl der Grund, weshalb der vorliegende 
Band gegen die Gewohnheit der Sammlung keine Hindeutung auf ihre 
früher in ihr veröffentlichten Werke enthält. Die Erinnerungen beziehen 
sich zum grofsen Teil auf die Kinder- und Backfischzeit der Verfasserin, 
und zwar vorzugsweise auf ihr Leben bei ihren Grofseltern in Frankreich 
und auf ihre Reisen mit ihrem Vater auf dem Kontinent. Sie enthalten 



198 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

viele kleine Züge zur Charakteristik des grofsen Humoristen. Hervor- 
gehoben sei der Bericht darüber, wie er seinen beiden Töchtern Weimar 
zeigte und die Erinnerungen an seinen ersten Aufenthalt dort auf- 
frischte. Seine alte Flamme Amalia von X. war verreist: er traf sie 
aber ein oder zwei Jahre später in Venedig; allein sie war so dick ge- 
worden, dafs er ausrief: ^That Amalia! That cannot be Amalia f und es 
nicht übers Herz bringen konnte, die Bekanntschaft zu erneuern. Auch 
von Carlyle und seiner Frau ist viel die Rede und von der Schau- 
spielerin Fanny Kemble. Mit viel Humor erzählt Mrs. Ritchie von der 
Gesellschaft, die ihr Vater zu Ehren von Miss Bronte gab. Die be- 
rühmte Verfasserin von Jane Eyre war so ernst und einsilbig, dafs auch 
die übrigen angesteckt wurden: als sich Miss Bronte empfohlen hatte, 
überliefs Thackeray seine anderen Gäste ihrem Schicksal und entfloh in 
seinen Klub. Endlich sei noch auf der Verfasserin flüchtige Begegnungen 
mit dem neuprovenzalischen Dichter Jasmin und mit Chopin hingewiesen 
(K. 1 und 2). J. Z. 

Abhandlungen, Herrn Prof. Dr. Adolf Tobler zur Feier seiner 
fünfundzwanzigjährigen Thätigkeit als ordentlicher Professor 
an der Universität Berlin von dankbaren Schülern in Ehr- 
erbietung dargebracht. Halle a. S., Niemeyer, 1895. 509 S. 8. 
Zwei Tafeln in Lichtdruck. 16 M. (für Abonnenten der 
Zts. für rom. Phil. 13 M.). 

Vorstehender Titel sagt hinlänglich, aus welchem Anlasse der statt- 
liche Band, der ihn trägt, mir am 31. Januar dieses Jahres überreicht 
wurde. Den einundzwanzig Fachgenossen, die sich zu so schöner Gabe 
vereinigt haben, sei auch hier mein herzlicher Dank ausgesprochen, auch 
hier bestätigt, dafs, wenn denn einmal auch öffentlich ihre Anhänglichkeit 
bezeigt werden sollte, es keine Weise gab, die meinem Sinne besser ent- 
sprochen hätte. Nun aber drängt es mich, das reiche Festgeschenk auch 
allen guten Freunden und Bekannten zu zeigen, wie ein Kind seine 
Weihnachtsbescherung, damit sie sich mit mir freuen. Sie werden sehen, 
was für Männer, die inzwischen meine und anderer Leute Lehrer gewor- 
den sind, ich einstmals meine Schüler habe nennen dürfen; sie werden 
sehen, dafs die Enge des Kreises, in dem die eigene litterarische Arbeit 
und die lehrende Thätigkeit eines einzelnen sich bewegen mögen, zum 
Glück nicht hindert, dafs die Arbeit kräftiger Schüler weit darüber hinaus 
dringe, sich neuer Gebiete bemächtige, der Vollendung zuführe, wo der 
Lehrer kaum anzufangen wagen konnte; sie werden sich überzeugen, dafs, 
wenn die Art des ehemaligen Anleiters dem, der sie kennt, hier und da 
in der Arbeit der Nachfolger spürbar wird, die freie Selbständigkeit der 
Jüngeren darunter sicher nicht gelitten hat. Jedenfalls wird eine rasche 
Hinweisung auf den Inhalt des Bandes lehren, dafs er eine grofse Zahl 
bemerkenswerter Beiträge zur Förderung verschiedenartiger Studien in 
sich schliefst, dafs er für viele eine Quelle der Belehrung und edlen Ge- 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 199 

nusses werden kann, wie er es, abgesehen von dem, was mir ihn beson- 
ders wertvoll macht, mir gewesen ist und bleiben wird. 

Stimming giebt von den zahlreichen, stark auseinandergehenden 
gereimten altfranzösischen Fassungen der Sage von Beuve de Hanstone 
sorgfältige vergleichende Analysen. Es ist erstaunlich, in wie verschieden- 
artiger Weise die einzelnen Bearbeiter um einen gemeinsamen Kern neue 
Züge angesetzt haben, hier frei und abenteuerlich erfindend, dort ander- 
wärts bereits verwendeten Stoff zu neuem Gebrauche sich aneignend. Die 
Gruppen, zu denen die Versionen sich zusammenschliefsen, zeigen auch 
nicht für den ganzen Verlauf der langen Erzählung jeweilen den nämlichen 
Bestand, sondern gewisse Fassungen schliefsen sich nur streckenweise ge- 
wissen anderen an und treten in anderen Teilen auf die Seite von solchen, 
mit denen sie im übrigen nicht verwandt erscheinen, so dafs der Verfasser 
zu der Annahme gedrängt wird, es sei zuweilen bei gleichzeitigem Vor- 
liegen auseinandergehender Bearbeitungen eklektisch verfahren worden. 
Von dem Auftreten der Sage in prosaischer Form und ihrer Verpflanzung 
in aufserfranzösische Gebiete ist hier noch nicht die Rede. 

Appel widmet dem Trobador Uc Brunenc eine sauber ausgearbeitete 
Monographie. Die alte Lebensnachricht weifs von ihm nicht viel zu 
melden, und es ist höchst fraglich, ob auch das wenige in allen Punkten 
Glauben verdient. Die sechs Lieder, die seinen Namen tragen (eins spricht 
ihm Appel mit Fug ab), gewähren über die Umstände seines Lebens auch 
nur spärliche Aufschlüsse; sie erfreuen aber durch Kraft des Ausdrucks 
und manche eigentümliche Gedanken, Vorzüge, die nach seiner Zeit immer 
seltener werden. Den Liedern, die in kritischem Texte auf Grund eines 
nahezu vollständigen Materials gegeben sind, steht das Klagelied des 
Daude de Pradas auf den Tod Ucs voran. Von hohem Interesse sind 
die in einem längeren Exkurse gegebenen Mitteilungen über Singweisen 
zu Trobadorliedern. Ist es schon eine sehr bemerkenswerte und schwer 
erklärliche Thatsache, dafs in verschiedenen Handschriften zu dem näm- 
lichen Liede völlig verschiedene Weisen überliefert sind, so giebt nicht 
minder zu denken der Umstand, dafs durchaus nicht immer, wenngleich 
oft, die Gliederung der Weise, d. h. das Auftreten und die Anordnung 
kongruenter Stücke derselben, sich mit derjenigen Gliederung deckt, die, 
der Reimanordnung, dem Mafse und dem Geschlechte der Verse nach zu 
schliefsen, der dichterischen Strophe gegeben zu sein scheint. Es ist 
dankbar zu begrüfsen, dafs hier einer wichtigen Seite der Trobadorkunst 
endlich eingehendere Beachtung geworden ist, und dringend zu wünschen, 
dafs der so wohl ausgerüstete Verfasser dem Gegenstande seine Aufmerk- 
samkeit auch weiter gönne und das Gefundene, womöglich unter Wieder- 
gabe der Singweisen in allgemein verständlicher Umschrift, den Fach- 
genossen vorlege. 

Meyer-Lübke handelt über den Infinitiv im Rumänischen, zeigt, wie 
dessen unverkürzte, heute nur als weibliches Substantivum fortbestehende 
Form in älterer Zeit noch in echt infinitiver Funktion begegnet, und 
bringt für die schon von Mussafia gegebene Deutung des Plurals des 



200 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

prohibitiven Imperativs (auf — reti) bemerkenswerte neue Beweisgründe 
bei. Die Verwendung der Infinitivform in Verbindung mit velle oder 
habere zum Ausdrucke der Künftigkeit des Geschehens, eine Redeweise, 
die übrigens vielfach derjenigen mit sa und dem Konjunktiv weicht, wird 
auf griechische und südslavische Impulse zurückgeführt. Der Verfasser 
geht sodann auf alle übrigen Arten des Auftretens des reinen Infinitivs 
ein, aus reicher Lektüre älterer und, wenn es neue sind, volkstümlicher 
Texte seine Belege schöpfend. Wir sehen, dafs auch nach Wörtern wie 
posse, seire, non habere quod der reine Infinitiv durchaus nicht mehr das 
einzig Mögliche ist, dafs er auch hier mit a verbunden begegnet, auch 
hier öfter dem sd mit Konjunktiv Platz macht. Letzteres ist in weiter 
Ausdehnung auch da der Fall, wo sonst nur der Infinitiv mit a üblich 
ist, wo er das Subjekt bilden kann zu 'notthun, scheinen', das Objekt zu 
'wollen, müssen, wagen, können, lassen' u. a. Es ist nicht möglich, die 
erörterten Punkte alle hier auch nur flüchtig zu berühren ; besonders aber 
sei noch hingewiesen auf die Entschiedenheit, mit der Meyer das Fort- 
bestehen des Supinums im Rumänischen bestreitet; er wird hier für die 
Negation sicher nur Zustimmung finden, manchem aber wohl das Ver- 
langen geweckt haben nach eingehenderer Darlegung dessen, was an die 
Stelle der irrigen Ansicht zu treten hat. 

Visin g folgt Andeutungen Gautiers, Suchiers, v. Feilitzens und 
Schuchardts, wonach it. coma und come, prov. coma und com, afz. come 
und com im Gebrauche keineswegs völlig zusammenfallen, vielmehr die 
hier jedesmal vorangestellte Form zunächst nur im verkürzten Vergleiche 
ihre Stelle habe, die andere im vollständigen Satze. Zunächst gilt es 
natürlich die Thatsächlichkeit solches Unterschiedes aufser Frage zu stellen, 
und es ist sicher, dafs die Ergebnisse mühsamer Beobachtung, die Vising 
hier vorgelegt, Eindruck machen. Weiter wird dann die Frage nach dem 
Ursprung des it. pr. a, des fz. e der im verkürzten Vergleich gebrauchten 
Formen zu entscheiden sein. Vising scheint geneigt, an ad und an et zu 
denken, von denen wenigstens letzteres begriff'lich sich wohl eignet. Be- 
denken bleiben freilich: es wäre doch seltsam, dafs ein afz. come, das 
aus quomo(do) et entstanden wäre, vor Vokal sein e fast durchaus einbüfst ; 
denn die Beispiele von Nichtelision, von denen G. Paris Rom. VIII 626 
zu Z. 528 spricht, sind jedenfalls ungemein selten; es wäre merkwürdig, 
dafs pr. coma, wenn sein a — ad ist, nicht gelegentlich vor Vokalen auch 
als comaz auftritt. Die Sache bleibe weiterer Beobachtung und Erwägung 
empfohlen. Hier bemerke ich blofs noch, dafs gerade an jener Stelle, für 
die G. Paris ein come mit hiatustragendem e annehmen will, das Wort 
nicht im verkürzten Vergleich verwendet bietet; das Gleiche gilt von 
Estoit si pris come il ere, Athis 2256, wo übrigens der Text nicht völlig 
feststeht; besser würde zu dem angenommenen Sachverhalt sich fügen 
Velu sunt comme ours, hirecie et poignant, RAlix. 331, 7; Job se prova come 
ors ßns, Rencl. C. 207, 11 (aber Come il est apres veus, eb. M. 208, 12!). 
Jedenfalls ist die Verbindung quant et (quatido et), solange sie bestanden 
hat, in ganz anderem MaTse durchsichtig, d. k- verständlich geblieben. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 201 

Wiese giebt aus einer Handschrift des Brit. Museums (Harl. 5847), 
bezüglich deren er sich in seiner Ausgabe der 'altlombardischen Mar- 
garethenlegende' 1890 S. CXVIII auf kurze Angaben beschränken mufste, 
ein Bruchstück von 341 Zeilen, die den zwischen 753 und 893 liegenden 
140 Zeilen seines Druckes entsprechen, wie denn die Londoner Handschrift 
der Wieseschen Ausgabe gegenüber ein Plus von im ganzen über 300 Versen 
aufweist. Zeigt das hier mitgeteilte Stück in einigen Einzelheiten engeren 
Anschlufs an Mombritius als die entsprechende Stelle der Ausgabe, so 
erscheinen in ihm aufserdem Zusätze anderen Ursprungs, über deren Ab- 
stammung aus verbreiteten Überlieferungen Wiese manche willkommene 
Nachweise gewährt. (Zu der Stelle HO — 132 konnte an den Fablel von 
S. Peter und dem Spielmann erinnert werden ; für die Fabel vom Blinden 
und dem Lahmen kann die Stelle des Sulpicius Severus schwerlich als 
erste Bezeugung gelten, s. Oesterley, Zu Kirchhofs Wendunmut V 124.) 

Lenz verdankt der Band bemerkenswerte Mitteilungen über die ge- 
druckte Volkspoesie in Chile. Sehr auffällig ist, was wir über die Ver- 
schiedenheit erfahren, die nach Stoffen, Formen und Begleitung zwischen 
dem Gesang der Männer und dem der Weiber besteht. Genaueres erfah- 
ren wir diesmal mehr über den ersteren, den Bau des begleitenden gui- 
tarron, die bevorzugte Dichtungsform (die Glosse in fünf Strophen aus 
je zehn siebensilbigen Versen), bevorzugte Stoffe, die Dichtung im Wider- 
streit und in Frage und Antwort, wobei ein anziehendes Musterstück zu 
teilweisem Abdrucke kommt, und die wunderliche Sitte der musikalischen 
Leichenfeier für kleine Kinder. Die vorgeführten Texte gaben zu mancher 
Bemerkung auch über die Sprache des Volkes Gelegenheit. Es ist zu 
wünschen, dafs der Verfasser recht reichlich weitere Auskunft über die 
Sammlungen gebe, die er von Erzeugnissen des chilenischen Volksgeistes 
angelegt hat. 

Goldschmidt bespricht einige Wörter sicher oder vielleicht germani- 
scher Herkunft, garou zieht er mit Kögel vor durch ahd. "^weriwulf hin- 
durch, mit got. vasjan 'kleiden' in Verbindung zu setzen statt mit got. 
vair 'Mann' (lat. vir ist doch immer nur in entfernten Zusammenhang 
mit dem frz. Worte gebracht worden). Eine germanische Zusammen- 
setzung *wariwulf mit der Bedeutung 'Wolfskleid' scheint mir nicht leicht 
annehmbar, auch die Benennung 'Wolfskleid' für den Werwolf wenig 
glücklich. — Afz. estout wird aus lat. stultus abgeleitet, dem auch deutsch 
stolx entstammt; beides scheint mir völlig sicher. Weniger einleuchtend 
ist die Gleichung it. bosco, prov. böse, woraus sp. bosque = *buxicum, die 
schon in Rom. XVII 290 durch den Verfasser hat aufgestellt werden 
sollen. Die lautliche Schwierigkeit ist durch den Hinweis auf martorio 
nicht gehoben. — Auch bei der Zurückführung von estoier, estuier auf 
stekan scheinen mir die lautgesetzlichen Verhältnisse nicht genügend er- 
wogen; für Ol aus ek ist doch wohl niemals ui eingetreten (estüer auch 
im Anglonormannischen !). — Was über it. tirare, über afz. guile und 
beider Sippen ausgesprochen wird, sei der Erwägung empfohlen; einige 
Zweifel bleiben mir auch da. 



202 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Mit überzeugendem Nachweise im einzelnen und geschmackvoll vor- 
tragend, thut Wen drin er dar, wieviel in Dovizis Calandria dessen ist, 
was er bei seiner freien Neugestaltung des MenaechmistofFes an einzelnen 
Elementen der Handlung und insbesondere an fertigen Eedestücken dem 
Dekameron entnahm. Der Gewinn, der sich aus dem anmutigen Aufsatze 
für unser Verständnis von Dovizis künstlerischem Verfahren ergiebt, wird 
ohne Zweifel künftiger Betrachtung auch anderer Litteraturwerke zu 
statten kommen. 

Oskar Schultz bemüht sich mit umsichtigem Studium der Ur- 
kunden, denen er schon so viel für die Litterargeschichte bedeutsame That- 
sachen abzugewinnen verstanden hat, und mit behutsamem Erwägen der 
Forderungen, denen der Etymologe Genüge thuu soll, um die Deutungen 
einiger wichtiger, im alten Frankreich begegnender Frauennamen. In 
Heldise, älter Helois, sieht er Heil-ivid-is; Eufiaut, was man dann meines 
Erachtens freilich Evr'iaut würde lesen müssen, ist ihm Ebur-hild; Avierna, 
das ihm Vierna gegenüber das ältere scheint, führt er auf ein direkt 
freilich nicht erweisliches Avi-gerna zurück, bei welcher Gelegenheit 
auch auf manche andere Namen neues Licht fällt; Odierne endlich, das 
prov. durch Audierna wiedergegeben ward, auf Audigerna, wobei die 
Frage der Erhaltung des intervokalen germanischen d eingehend erörtert 
wird. 

O. Hecker hat von den drei bekannten Exemplaren des Deo-Gratias- 
druckes des Dekameron dasjenige der Magliabechiana in Florenz genauer 
Untersuchung unterworfen. Ist es ihm nun gleich nicht gelungen, über 
Ort, Zeit und Veranstalter des Druckes die Ungewifsheit zu mindern, in 
der alle Bibliographen uns bisher gelassen haben, so hat er nach anderer 
Seite hin wichtige Thatsachen zum erstenmal ermittelt: wir wissen jetzt, 
dafs die Deputati (1574) diese Ausgabe meinen, wenn sie vom Secondo 
(testo) sprechen, und wissen, dafs dieser Ausgabe freilich sehr nachlässig 
gedruckter Text aus der vorzüglichen Berliner Handschrift stammt, sei 
es auf geradem oder auf einem Umwege. So ist es denn möglich, sich 
dieses alten Druckes für die Textkritik mit Nutzen zu bedienen, wo die 
Berliner Hs. um ihrer Lücken willen ihr Zeugnis versagt. Hecker giebt 
längere Reihen von Lesarten aus den in Betracht kommenden Teilen des 
Druckes, teils solche, die nur überhaupt erwägenswert sind, teils solche, 
die Mannellis Wortlaut gegenüber den Vorzug verdienen, endlich auch 
solche, die als gemeinsame Fehler der Berliner Hs. und der Mannellischen 
gelten dürfen. Möge die eifrige Arbeit, die Hecker nun schon seit längerer 
Zeit dem Texte des Dekameron widmet, zu dem Abschlüsse gelangen, den 
sie zu hoffen berechtigte Zuversicht einflöfst. 

E. Gorra giebt von der Court d'Amours des Mahiu le Poriier eine 
ausführlichere Analyse, als man sie früher durch Raynaud (Rom. X 520) 
erhalten hatte, wobei er mehrere Stellen im französischen Wortlaut (der 
übrigens der bessernden Hand noch bedarf) mitteilt. Wir sehen hier in 
einer Zeit und bei einem Autor, deren Auffassung von der Minne durch- 
aus nicht in allem mehr die des alten Minnesanges ist, die Lust am 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 203 

Diskutieren schwieriger Streitfragen aus dem Gebiete des Miuuedieustes 
noch lebendig, dazu den Brauch wetteifernder Gelübde bei festlichem 
Anlafs in ungewohnter Weise erneuert, der in dem voeu du Mron uüd dem 
du pami dichterische Verherrlichung erfahren hat (Zts. f. rom. Phil. IV 
83 ff., Kajua, Orig. 404, Jeanroy, Orig. 17). 

Cloetta untersucht, Studien fortführend, deren Ergebnisse in diesem 
Archiv bereits durch ihn niedergelegt sind, ob nicht gewisse geschichtliche 
Vorgänge der Synagon-Episode zu Grunde liegen, die eine der Besonder- 
heiten des zweiten, weiter ausgeführten Montage Ouülaume ausmacht, und 
von der er eine genaue Inhaltsangabe mitteilt. Man wird nicht in Abrede 
stellen können, dafs die ins Jahr 1016 fallende Rettung Salernos von den 
Sarazenen durch vierzig normannische Pilger, zusammen gefafst mit der 
1072 erfolgten Eroberung Palermos durch die Brüder Roger und Robert 
Guiscard und mit den 1038 und 1039 durch Guillaume Fierebrace, den 
Sohn Tancreds, über die Sarazenen auf Sizilien und 1041 über die Byzan- 
tiner in der Basilicata errungenen Erfolgen, eine Reihe von Zügen dar- 
bieten, die mit manchen bedeutsamen Einzelheiten jener Episode einige 
Verwandtschaft zeigen. Man wird aber vielleicht finden, es hätten die 
tiefgehenden Unterschiede zwischen den geschichtlich überlieferten und 
den dichterisch dargestellten Vorgängen ausdrücklicher anerkannt werden 
dürfen. Es ist doch beachtenswert, wie in der Chanson der Heidenkönig 
in Frankreich den gefährlichen Gegner aufsucht, wie Guillaume bis 
gegen das Ende fast nur in der Rolle des Gefangenen auftritt, wie dem 
französischen Könige selbst ein wesentliches Verdienst um den endlichen 
Sieg eingeräumt ist, was alles in der herangezogenen Geschichte gleich 
wenig seinen Ursprung findet, wie die im Mittelpunkte der Ereignisse 
stehende Person Landris. Sollte nicht der freien Erfindung oder auch 
der erneuten Verwendung episch bereits verarbeiteter Züge etwas gröfserer 
Anteil an der Schöpfung einzuräumen sein? 

Georg Cohn giebt von dem Verbum rever und dem daraus gewon- 
nenen Substantivum reve eine Etymologie, die nicht allein besser als alle 
bisher vorgebrachten befriedigt, sondern in der That die endgültige zu sein 
scheint. Der Annahme, rever sei ein von dem irrigerweise als Deminutiv- 
bildung empfundenen reveler aus gebildetes Simplex, scheint mir kaum 
etwas im Wege zu stehen. Der inhaltreiche, in seiner fast übertriebenen 
Gedrängtheit etwas mühsam zu lesende Aufsatz beschäftigt sich mit der 
etymologischen Deutung noch mehrerer anderer französischen Wörter, und 
mit Interesse wird man ihm auch da folgen; doch ist mir zweifelhaft, ob 
er in allen Einzelheiten Zustimmung finden wird. Dafs das afz. reder 
'faseln' zu redoter (nfz. radoter) in das gleiche Verhältnis gebracht wird 
wie rever zu reveler, beanstande ich nicht ; ' dagegen scheint mir die Zurück- 



* So ist von nfz. redingote (=r engl, riding-coai) aus ein vermeintliches Stamm- 
wort redingue in gleicher Bedeutung (bei Richej»in, Cadet 22) gewonnen, so von 
dem vermeintlichen span. Deminutiv levita 'langer Kock', chilenisch leva, s. in dem 
Aufsatz von Lenz, S. 155, A 10. 



204 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

führung von redotc auf *reductatus wenig annehmbar, auch schon, aber 
nicht allein darum, weil, entgegen Cohns Aufstellung, die sicheren Reime, 
die über die Qualität des o von redoter im Falle der Betonung Aufschlufs 
gewähren, für offenen Vokal zeugen; so der von ihm selbst angeführte 
aus der Bible Guiot, wo nicht ecouter, sondern das zu nfz. ecot gehörende 
Verbum vorliegt, ferner Besant 1411 (iriote), RAlix. 99, 11 (imote, assote, 
trote), VdlMort 36, 12 (iriote). Auch die Deutung des afz. weiblichen 
reve 'Zoll' hat mich nicht überzeugt. 

Wallensköld hat zu dem Bande einen Aufsatz 'Zur Klärung der 
Lautgesetzfrage' beigesteuert, in welchem er scharfsinnig und mit sorg- 
licher Püfung der bisherigen Aufstellungen der allgemeinen Sprachwissen- 
schaft von den Arten und der Wirkungsweise der Ursachen handelt, die 
Lautwandel herbeiführen. 

Freymond berichtet über einige Handschriftenfragmente der Berner 
Stadtbibliothek, die durch ihn mit grofser Sorgfalt den Schriftwerken 
zugeteilt werden, denen sie zugehören, und macht Mitteilungen über den 
der nämlichen Sammlung angehörenden (übrigens spät und wenig ge- 
wissenhaft geschriebenen) Text des Ovide moralise. Er verweilt nament- 
lich bei der (in Lichtdruck wiedergegebenen) Stelle, wo das berühmte 
eristiens li gois sich findet, und die ungewöhnliche Gestalt des g veranlafst 
ihn die Vermutung auszusprechen, es seien hier die dem Schreiber nicht 
recht verständlichen Züge seiner Vorlage ängstlich nachgemalt, in dieser 
selbst ein ursprüngliches tr nachträglich zu g abgeändert gewesen, im 
ursprünglichen Wortlaut habe die Zeile mit de trois geschlossen, womit 
de Troies gemeint wäre. 

Ebeling trägt zu der durch Raynaud (Romania XII) gegebenen Be- 
schreibung der Berliner (Hamilton) Fableaux-Handschrift mancherlei be- 
richtigend und ergänzend nach und teilt die Abweichungen derselben von 
den bei Montaiglon-Raynaud gegebenen Texten zu fünf sonst nur in je 
einer Handschrift erhaltenen Stücken mit. Von zweien darunter giebt 
er, da der Berliner Text ganz besonders stark von dem früher gedruckten 
sich entfernt, vollständigen diplomatischen Abdruck. Derselbe behandelt 
in einem ausgedehnte Lektüre, gute Beobachtungsgabe und unbefangenes 
Urteil zeigenden Aufsatze die von ihm 'Asymmetrie des Ausdrucks' ge- 
nannte Erscheinung. Er hat vielleicht nicht in allem einzelnen recht; ich 
glaube z. B. nicht, dafs in dem Verse N'e7i puis vive eschaper, se ne vos 
voi u seilte (S. 347) der Konjunktiv sente durch irgend eine 'Vorliebe', ein 
'Verlangen' herbeigeführt und irgend zu rechtfertigen sei, möchte lieber 
que ne vos voie u s. schreiben; ich stelle mich auch auf die Seite derer, 
die im Falle der Anreihung eines Präs. Conj. an ein mit se eingeführtes 
Präs. Ind. im Bedingungssatze jenes als unabhängig von der Konjunk- 
tion ansehen, wie denn derartige Sätze auch aufserhalb der Koordination 
vorkommen und vorkamen (Karls R. 697, Clig. 5677, Rom. u. Past. I 8, 16); 
ich kann in dem esvoille, Erec 1432, einen Konjunktiv, dessen Subjekt 
ein nirgends erwähnter 'selbstverständlicher' Knappe wäre, nicht erkennen, 
freilich auch kein Intransitivum im Indikativ, obschon im Hiob 334, 1 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 205 

evigilate mit esvoiliex übersetzt ist, sondern nehme es einfach als Indikativ 
des transitiven Verbums; endlich meine ich, es wäre bei der psychologi- 
schen Erklärung der Vorgänge noch das Moment der weiteren Trennung 
des zweiten Satzgliedes von dem regierenden ins Auge zu fassen gewesen, 
einer Trennung, die sicher die Freiheit in der Gestaltung jenes zweiten 
erweitert. Im ganzen sind aber in dankenswerter Weise nicht hinlänglich 
beachtete Erscheinungen ins Licht gerückt, und ist damit die Textbehand- 
lung vor Mifsgriffen gewarnt, die sie nicht selten sich hat zu schulden 
kommen lassen. 

Goldstaub behandelt unter dem Titel 'Zwei Beschwörungsartikel der 
Physiologus-Litteratur' die der Aspis und der Gorgo gewidmeten Kapitel, 
die miteinander gemein haben, dafs auch zur Bewältigung der beiden 
Wesen Anweisung gegeben wird, jenes zum Teil, dieses völlig dem mittel- 
griechisch-slavischen Zweige der Quellen angehörig. Welche Elemente, und 
in welcher Folge sie zur Bildung der späteren Lehren zusammengetreten 
sind, setzt der Verfasser mit bekannter Gelehrsamkeit auseinander. 

Das Schachspiel im Altfranzösischen hat Fritz Strohmeyer zum. 
Gegenstande einer fleifsigen Abhandlung gemacht, die reichliche Samm- 
lungen von Belegstellen zur Kenntnis des Sprachgebrauches und der alten 
Sitte in sich schliefst. Beiläufig sei bemerkt, dafs mit dem double?- les poinz 
de Veschaquier doch nicht gemeint ist 'etwas mit 128 multiplizieren', son- 
dern jene viel weiter gehende Vervielfältigung, die dem König des Ostens 
der Erfinder des Schachspiels vorgeschlagen haben soll. Es sei auch 
noch der Anstandsregeln für Schachspieler hier erwähnt, die Raimon 
de Cornet uns hinterlassen hat (Noulet et Chabaneau, Deux Manuscrits 
prov. S. 92). 

C.Wahl und, dessen Beteiligung an der litterarischen Festgabe mich 
um so inniger freut, je weniger ich mich rühmen darf, ihn jemals zum 
Schüler gehabt zu haben, beschäftigt sich mit Leben und Werken der 
bisher von der Litteraturgeschichte wenig beachteten Dichterin Anne 
de Graville, einer Freundin der Marguerite de Navarre. Was irgend über 
ihre Lebensumstände und die ihrer Verwandten aus den abgelegensten 
Verstecken aufzutreiben war, ist hier mit erstaunlicher Gelehrsamkeit zu- 
sammengetragen. Nicht minder willkommen aber ist, was man über ihre 
Dichtungen erfährt. Voran steht ihre trotz der Erhaltung in fünf oder 
sechs Handschriften und trotz eines Druckes von 1892 immer noch schwer 
nahbare Bearbeitung von Boccaccios Teseide, und zwar, wie Wahlund 
entgegen der ausdrücklichen Aussage des Titels glaubt und wahrscheinlich 
macht, eine durch keine ältere französische Prosaerzählung mit dem 
italienischen Gedichte verbundene, sondern von diesem selbst ausgehende 
Bearbeitung, die zwischen 1520 und 1524 ausgeführt sein mufs. Dazu 
kommt die früher als Arbeit der Anne de Graville nicht erkannte Um- 
setzung von Alain Chartiers Belle darrte sans merci in Rondelform, aus 
der ein Stück mitgeteilt wird, endlich ein Rondeau, das schon G. Tory als 
Musterstück in seinen Champ fleury (1529) aufgenommen hatte, und das 
wir hier nach einer handschriftlichen Fassung zu lesen bekommen. 



206 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Risop setzt sich mit Psichari über einige der schwer mit Sicherheit 
zu beantwortenden Fragen auseinander, die sich an den Florimont knüpfen, 
und bezüglich deren ohne Kenntnis des Textes der stark voneinander ab- 
weichenden Handschriften eine Meinung sich selbständig zu bilden so 
aufserordentlich schwierig ist. Sind die beiden Gelehrten darin glei- 
cher Ansicht, dafs sie das in dem französischen Gedichte auftretende 
Griechisch als von einem Nichtgriechen und zwar einem des Griechi- 
schen nur sehr wenig kundigen herrührend betrachten, so kann dagegen 
Risop seinem Gegner nicht zugeben, dafs ein lateinisches Bindeglied mit 
einzelnen griechischen Stellen dem Franzosen zur Quelle gedient habe. 
Er macht mit Nachdruck geltend, dafs den Hinweisungen Aimons auf 
schriftliche Quellen gleich wenig Gewicht wie vielen ähnlichen anderer 
beizulegen, viel mehr den Stellen zu trauen sei, die sich als Zeugnisse für 
mündliche Überlieferung verwerten lassen und von des Dichters tnemoire 
sprechen (welches Wort freilich auch nicht blofs 'Gedächtnis' bedeuten 
kann); er ist geneigt, auf solche mündliche Überlieferung allerdings nur 
den Kern der erzählten Sage zurückzuführen, und deutet an, dafs manche 
anderen Elemente, und zwar abendländischer Herkunft, erst durch Aimon 
mit jenem Kern zusammengefügt worden seien; sein bifschen Griechisch 
habe dieser wohl nur aus einer jener kümmerlichen Anleitungen für Rei- 
sende sich angeeignet, wie sie uns mehrfach erhalten sind, und weislich 
habe er sich begnügt, von der ihm wenig vertrauten Sprache nichts als 
die alleralltäglichsten Floskeln seiner Erzählung einzuverleiben. Wenn die 
mit ausnehmend mannigfaltiger Gelehrsamkeit und grofser Gedrängtheit 
durchgeführte Argumentation zu gunsten dieser Ansicht ihren Eindruck 
sicher nicht verfehlen wird, so weifs ich nicht, ob die schwierige Aufgabe, 
den Namen Florimont als zutreffende Übersetzung von Eleneos zu erweisen, 
gleich glücklich gelöst ist. An Gelehrsamkeit ist sicher auch hier kein 
Mangel spürbar, und die ungewöhnliche Belesenheit des Verfassers ver- 
läugnet sich hier so wenig wie anderswo ; aber damit allein ist nicht alles 
zu erreichen. Doch wäre es unbillig, zu verschweigen, dafs Risop selbst 
andeutet, wie er die Lockerheit seiner Argumentation anerkenne und all- 
fälligen Bedenken der Zweifler Berechtigung nicht versage. 

Breul lehrt zum erstenmal vollständig den Dit de Robert le diable in 
vierzeiligen Alexandrinerstrophen kennen, über dessen Verhältnis zu den 
übrigen Fassungen der rührenden Sage er schon 1886 in seinem Sir 
Gowther gehandelt hat. So nahe die Entstehungszeit des Dit dem Ende 
der altfranzösischen Zeit liegt, so ist er doch in mancher Beziehung an- 
ziehend. Der Verfasser meidet müfsige Abschweifungen, trägt in ange- 
messenem Tone vor, flicht gern von Zeit zu Zeit ein Sprichwort ein und 
handhabt die gewählte Form mit auffallender Freiheit, dergestalt, dafs sie 
ihn nicht veranlafst, seine Erzählung in lauter gleiche Stückchen zu zer- 
hacken. Auch die Vergleichung der (nur etwas wenig übersichtlich) mit- 
geteilten Varianten zweier jüngerer Handschriften ist nicht ohne Interesse, 
weil ersichtlich w4rd, wie inzwischen eingetretene Änderungen des Sprach- 
standes zu Änderungen des Wortlautes geführt haben. Ein paar kleine 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 207 

Änderungen am gedruckten Texte scheinen mir nötig; oft stellen sie die 
überlieferte Lesart her: Z. 7 \. et ü se rent, nach Z. 16 Punkt, nach 17 
Komma, weil nur im Nachsatz die Kopula fu (18) an der Spitze steht, 
G5 diex nie het, bien le voi, 71 coustast, 98 jusqu'au terme, 129 ou il fetist, 
157 Dessics, 171 ens es dens, 286 duc ne conte, 252 a resori, 302 7noult 
fu, 316 Punkt nach fois, 419 Non fais, ce dist, 526 j'irai, 547 depria, 
556 Jusques a tant, 658 kein Komma, 697 s'e7i issirent, 731 merdaille (Ge- 
sindel), 824 engingniex, 858 Em priant, 933 moult grant. 

Berlin. Adolf Tobler. 

Edmond Huguet, Etüde sur la syntaxe de Rabelais comparc^e 
ä Celle des autres prosateurs de 1450 ä 1550. Paris, Librairie 
Hachette et 0% 1894. VIII, 455 S. 

Die Sprache Rabelais' ist bereits öfter der Gegenstand mehr oder 
weniger eingehender Arbeiten gewesen. Diese behandelten aber entweder 
neben der Syntax auch die Laut- und die Formenlehre, so. dafs das Ganze 
einen mehr skizzenhaften Charakter hatte, oder aber sie beschäftigten sich 
nur mit einzelnen Abschnitten der Syntax, gaben also kein vollständiges 
Bild von den syntaktischen Erscheinungen der Sprache des Autors. Dem- 
nach war eine umfassende Untersuchung des Gegenstandes, die auf einer 
genauen Kenntnis des altfranzösischen und des neuesten Sprachgebrauches 
beruhte, sehr wohl am Platze. Leider kann ich nicht behaupten, dafs das 
vorliegende Buch trotz seines gewaltigen Umfanges die Aufgabe in befrie- 
digender Weise gelöst habe. Der Verfasser hat seinen Stoff nicht immer 
gut geordnet und wirft zuweilen verschiedenartige Fälle zusammen, wäh- 
rend er anderswo zusammengehörige auseinanderreifst; an einzelnen Stellen 
fehlt ihm das richtige Verständnis für die zu Grunde liegenden gram- 
matischen Verhältnisse, an anderen mangelt eine klare Darstellung der- 
selben, indem er sie rein äufserlich nach formellen Merkmalen bezeichnet, 
statt auf den Inhalt, auf die Bedeutung einzugehen. Das Schlimmste 
aber ist, dafs er mit dem Altfranzösischen nicht genügend vertraut ist, 
so dafs ihm die richtige Beurteilung der einzelnen Erscheinungen nicht 
immer gelungen ist. 

Nach einer Einleitung, in welcher er das ihm vorschwebende Ziel ge- 
nauer bezeichnet und seine Vorgänger auf diesem Gebiete kurz charak- 
terisiert, gruppiert er den ganzen Stoff in 13 Kapiteln. Die ersten neun 
sind im allgemeinen nach der Reihenfolge der Redeteile geordnet, d. h. 
er handelt nacheinander vom Substantivum, Adjektivum, Zahlwort, Ar- 
tikel, Fürwort, Verbum, Adverbium, von der Präposition und der Kon- 
junktion, Das zehnte Kapitel ist betitelt 'Ellipse und Pleonasmus', das 
zwölfte 'Übereinstimmung {Accord) und Syllepse', das dreizehnte 'Wort- 
stellung' und das letzte 'Satzbau' {construction de la phrase). Was zu- 
nächst die Besprechung der Vorgänger betrifft, so ist diese weder voll- 
ständig, noch auch ist sie immer gerecht. Unter den Abhandlungen, die 
sich auf Rabelais selbst beziehen, fehlt Schäffer, Grammatische Abband- 



208 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

lung über Eabelais, Archiv XXXV, 221 — 288; Schönermark, Beiträge zur 
Geschichte der frz. Sprache aus Rabelais' Werken. Breslauer Programm 
1861, 1866, 1874; Leander, Observations sur l'infinitif dans Rabelais, Diss. 
Lund 1871, und E. Platen, Syntaktische Untersuchungen zu Rabelais, 
Diss. Leipzig 1890. Noch zahlreicher sind die übersehenen Arbeiten über 
diejenigen Prosaiker, die der Verfasser zum Vergleiche heranzieht. Die 
von ihm besprochenen werden meist mit wenigen kurzen Bemerkungen 
abgethan, worauf er erklärt (S. 18), dafs er ohne Rücksicht auf sie sich 
seinen Stoff selbst gesammelt habe. Dieses Verfahren ist aber keines- 
wegs zu billigen. Zunächst hätte der Verfasser sein Buch sehr bedeutend 
entlasten und dadurch kürzen können, wenn er auf alle diejenigen Er- 
scheinungen, welche in jenen Arbeiten schon genügend klar gestellt wor- 
den waren, einfach verwiesen hätte, statt dieselben Sachen noch einmal 
zu sagen; sodann aber würde ein sorgfältiges Studium der Arbeiten ihn 
selbst vor mehreren Fehlern bewahrt haben. So aber hat er sich nicht 
einmal von solchen Mängeln frei gehalten, die er an jenen, und zwar mit 
Recht, tadelt. Er wirft z. B. Radisch vor (S. 12), dafs dieser hier und da 
auch Sätze mit aufgeführt habe, die dem heutigen Sprachgebrauche völlig 
entsprechen. Genau so aber hebt Huguet auf S. 82 hervor, dafs Rabelais 
le mien, le tien als neutrale Substantiva, also im Sinne von mon, ton 
bien verwende, was doch auch jetzt noch geschieht. Ebenso auf S. 267, 
dafs bei Rabelais in Sätzen wie la terre ne porte gens plus mechans que 
vous estes und im Heptameron in jamais femme ne fut mieux traictee 
que vou^ serex im Vergleichungssatze ne ausgelassen sei, während dies 
doch auch die heutige Sprache nach negierten Hauptsätzen thut. Auf 
S. 318 führt er sogar den Satz Mon moyne se met ä bauifrer dfun tel 
appetit comme s'il n'eust veu de trois jours pain unter denjenigen Bei- 
spielen auf, in welchen das Neufranzösische qu£ statt comme brauchen 
würde. 

Ebenso verhält es sich mit einem anderen Vorwurfe des Verfassers. 
'Eckert läfst sich sogar einfallen,' ruft er auf S. 10 spottend aus, 'Rabelais 
zu verbessern,' als jener nämlich einmal hervorgehoben, dafs manche Un- 
klarheit bei letzterem durch einfache Umstellung einzelner Worte ent- 
fernt werden könnte. Aber thut denn Huguet etwas anderes, wenn er 
auf S. 186 erklärt, in dem Satze alors que il eut mis le feu par les tentes, 
passoit legierement wäre es besser gewesen {il aurait ete m,ieux), das D^- 
fini statt des Imparfaits zu setzen, oder wenn er auf S. 187 behauptet 
il faudrait le plus-qu^-parfait, oder wenn bald darauf ein Wechsel des 
Tempus ein defaut de concordance des temps genannt wird? 

Die Einleitung enthält aber auch mehrere Stellen, welche beweisen, 
dafs des Verfassers Auffassung der sprachlichen Entwickelung teilweise 
unrichtig ist. So heifst es z. B. auf S. 3 ju^qu'ä la ßn du XIV" siech le 
plus grand desordre regne dans la syntaxe. Notre langue ne reussit 
qu'apres une longue lutte ä eliminer les restes de l'ancienne declinaison 
latine. Was hat die Nivellierung der Deklination mit der 'Unordnung* 
der Syntax zu thun, die obenein nur in der Einbildung des Verfassers 



i 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 20Ö 

existiert? Auch der Satz la langiie est encore hesitante, et hien des qtcestions 
sont posees anqiielles les grammairiens n' ont jamais fait aueune 
reponse logique verrät eine unzutreffende Anschauung von dem Ver- 
hältnis der Grammatiker zur Sprache. Das nämliche Gebrechen tritt 
aber noch mehrfach in dem Buche hervor. Die Möglichkeit, zwischen 
mehreren Konstruktionen zu wählen, d. h. einen und denselben Gedanken 
auf verschiedene Weise wiederzugeben, ist keine Unordnung, da jeder 
Konstruktion doch ein anderer Sinn entsprach, so dafs also nicht Will- 
kür bei dieser Wahl herrschte. Demgegenüber hören wir z. B. auf S. 187 
bei der Erwähnung der Thatsache, dafs Rabelais mit dem Tempus sehr 
häufig wechselte, c'est le hasard le pltcs complet qui a fait employer teile 
ou teile tournure, et il serait inutile de chercher ä decouvrir une tendance 
de la langue ou une intention de Vecrivain. Dieselbe Erscheinung wird 
auf S. 190 eine confusion genannt, und auf S. 411 wird die gröfsere Frei- 
heit der früheren Autoren einzig deren caprice zugeschrieben. Ebenso er- 
fahren wir S. 414 qu'il y a beaucoup de fantaisie ckex, Rabelais et qu'il 
s'amuse plus d'une fois ä construire bixarrement sa phrase. Er fährt dann 
fort: (Je qui nous prouve qu'il ne faut voir la qu'un caprice, c'est qu£, 
souvent atissi, il met l'adjectif apres le substantif dans les cas oii rums le 
placerions avant. Als ob Rabelais und seine Zeitgenossen (denn Rabe- 
lais unterscheidet sich in der Syntax nicht von diesen) geahnt hätten, 
welche Adjectiva im 19. Jahrhundert ihren Substantiven stets vorangehen 
würden, und diese nun aus reiner Laune vor das Substantiv gesetzt 
hätten ! 

Endlich erfahren wir in der Vorrede, dafs nur diejenigen Erschei- 
nungen hervorgehoben worden sind, welche heute nicht mehr vorkommen, 
und dafs bei ^ jeder derselben die übrigen Prosaiker zwischen 1450 und 
1550 zum Vergleich herangezogen sind. Es ist ja durchaus lobenswert, 
die Sprache Rabelais' im Zusammenhang der geschichtlichen Entwicke- 
lung zu behandeln, aber die Art, wie dies hier geschehen ist, giebt wie- 
derum zu Ausstellungen Anlafs. Die Zeit vor 1450 ist für Huguet nicht 
vorhanden, ja, als ob es gar keine Werke über altfranzösische Syntax 
gäbe, belegt er die alltäglichsten altfranzösischen Wendungen und Er- 
scheinungen durch ganze Seiten von Beispielen aus Commines, den Cent 
Nouvelles, Saintrö, Jean de Paris u. s. w., um nachzuweisen, dafs die- 
selben eine Fortsetzung des früheren Brauches enthalten, statt sich mit 
einem Hinweis auf diesen völlig bekannten Brauch zu begnügen und 
höchstens festzustellen, dafs auch die Zeitgenossen mit Rabelais überein- 
stimmen. Auf diese Weise hätte fast der vierte oder gar der dritte Teil 
des Buches ohne Schaden wegfallen können. 

Letzteres gilt aber noch von anderen Abschnitten. So das ganze 
dreizehnte Kapitel, das überhaupt nicht in die Syntax gehört, da es aus- 
schliefslich den Periodenbau, den Stil und die Ausdrucksweise, Antithesen, 
Vergleiche und anderen Redeschmuck betrifft. In das Lexikon gehört 
die Verwendung eines Adjektivs statt de mit dem Substantiv {marbrin 
statt de marbre), in die Formenlehre der Gebrauch der Formen vieil und 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. X4 



210 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

fol, wo die heutige Sprache vieux und fou wählt, die Aufzählung der 
Reste von synthetischen Komparativen und von gelehrten Superlativ- 
bildungen, der gröfste Teil des Kapitels vom Zahlwort, beim Pronomen 
die Aufführung sämtlicher jetzt verloren gegangener Formen, soweit sie 
nicht in syntaktischer Hinsicht Besonderheiten darbieten. So sind auch 
dem Adverbium volle dreifsig Seiten gewidmet, da der Verfasser sich 
nicht damit begnügt, diejenigen Erscheinungen zu erwähnen, die syntak- 
tisch bemerkenswert sind, sondern alle Adverbia, die verloren gegangen 
sind oder die sich bei Rabelais in etwas anderer als der heutigen Bedeu- 
tung finden, aufzählt und durch zahlreiche Beispiele belegt. 

Es liegt mir nunmehr ob, das oben ausgesprochene Urteil über die 
Ausführung der Arbeit zu begründen, wobei ich mich natürlich auf die 
Hervorhebung einiger charakteristischer Beispiele beschränken mufs. Was 
die Anordnung des Stoffes betrifft, so findet sich z. B. die Verwendung 
des bestimmten sowie des unbestimmten Artikels in dem Kapitel 'Ellipse'; 
ebendort der Gebrauch des blofsen Konjunktivs (ohne que) im Hauptsatze, 
ebendort der Gebrauch des reinen Infinitivs, der des beziehungslosen 
Relativums, die Verwendung von indirekten Fragesätzen, wo das Neu- 
französische den Relativsatz wählt, der Gebrauch des singularischen Ar- 
tikels vor mehreren koordinierten Substantiven, das Eintreten des per- 
sönlichen Fürwortes statt des bezüglichen im zweiten von zwei koordi- 
nierten Relativsätzen und sehr vieles andere. Im elften Kapitel {accord 
et syllepse) erhalten wir die Regeln von der Verwendung des Part. Präs. 
statt des Gerundiums, über die Veränderlichkeit des mit avoir zusammen- 
gesetzten Part. Prät., über die Bildung und Verwendung des Femininums 
von demi und tout u. s. w. 

Die Erklärung zu dieser kaum glaublichen Thatsache liegt in dem 
Umstände, dafs Huguet den heutigen Zustand der Sprache als den 'nor- 
malen' ansieht, daher, wenn beispielshalber Rabelais die Abstracta ohne 
Artikel braucht, darin eine 'Auslassung' sieht, demnach die Erscheinung 
unter 'Ellipse' behandelt. 

Der Abschnitt 'Modi', der also über den Gebrauch des Indikativs 
und des Konjunktivs in den verschiedenen Arten von Haupt- und von 
Nebensätzen Aufklärung geben sollte, enthält nur drei Sätze: 1) Im 
hypothetischen Satzgefüge findet sich zuweilen der Konjunktiv und zwar 
sowohl im Haupt- wie im Nebensatz; 2) der Konjunktiv steht zuweilen 
statt des Indikativs nach Verben des Glaubens und im indirekten Frage- 
satz; 3) der Indikativ statt des Konjunktivs findet sich oft na,ch. jitsqu'ä 
ce que, hien que und den Verben der Gemütsbewegung. Alles ist also 
bunt durcheinander geworfen und ebenfalls wieder ausschliefslich vom 
neufranzösischen Standpunkt aus beurteilt! 

Zahlreich sind die Fälle, wo die Regeln unklar ausgedrückt sind, 
was allerdings oft in einer Unklarheit über das zu Grunde liegende 
grammatische Verhältnis seinen Grund hat. Auch hierfür nur einige 
Beispiele. Rabelais hat eine grofse Vorliebe für die Relativkonstruktion. 
Statt daher zwei Sätze koordiniert aneinanderzureihen, in deren zweitem 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. Sil 

sich ein auf einen Begriff des ersten bezügliches Personalpronomen be- 
finden würde, wählt er statt des letzteren das entsprechende Relativ- 
pronomen, wodurch er also den zweiten Satz dem ersten unterordnet. 
Er thut dies sogar (in Übereinstimmung mit lateinischen Konstruktionen 
wie qy£m videns, qaeftn cum vidisset) auch dann, wenn das Personal- bezw. 
das Relativpronomen von einem Participium, einem Infinitiv oder dem 
Verbum eines Nebensatzes abhängt, z. B. les qtielx, quand Panurge apper- 
ceut . . . Über diese Erscheinung erfahren wir nun folgendes. Ohne die 
allgemeine Bemerkung von der relativen Anknüpfung vor wegzuschicken, 
bespricht er nur die zweite Art von Konstruktionen und erklärt (S. 138): 
Rabelais fait du pronom relatif un usage qui ncms rappelle tout ä fait la 
syntaxe latine. Place dans une proposition incidente, le relatif la rattache 
d'une pari ä la proposition qui precede, et dans laquelle se trouve son ante- 
cedent, d'autre pari ä une proposition pi'incipale qui suit. Niemand wird 
aus diesen Worten entnehmen können, um welche Konstruktion es sich 
handelt. Obenein ist die Behauptung, dals das Relativum sich in einem 
'eingeschobenen' {incidente) Satz befinde, unrichtig. Höchst drolligerweise 
findet sich denn auch bei der Aufzählung der einzelnen Fälle als e) la 
proposition reliee ä la precedente par le relatif peut etre non pas une 
proposition incidente, mais une proposition infinitive sujet du verbe 
principal. Als einziger Beleg erscheint der Satz: Alleguantes que les femmes 
de religion ont quelques petites imperfections secretes, les quelles honte in- 
supportable hur est decele?' aux homes confesseurs, in welchem auch jetzt 
noch die relative Konstruktion verwandt werden würde (qu'il leur est . . . 
de). Ebenso heifst es unter d) La proposition incidente peut contenir encore 
un autre relatif: Troiiveretit neuf flacons. . . . DesqueU celluy qui au milieu 
estoit couv^roit un gros livret; der zweite Relativsatz hat aber mit der in 
Rede stehenden Konstruktion nicht das Geringste zu thun. 

Auf S. 145 heilst es von dem interrogativen quel: Le pronom quel, 
que nous joignons le plus souvent ä un notn, quand il n'est pas attribut, est 
assez souvent employe par Rabelais dans des cas oii nous ne pouvons plus 
employer aujourd'hui que la forme lequel. Ohne die Beispiele würden 
wir über die Verwendung von quel bei Rabelais völlig im unklaren sein. 
Wer kann sodann auf S. 195 aus der Angabe: On trouve aussi che% 
Rabelais le subjonctif determine par certaines expressions dont les equi- 
valents laiins se construisent soit avee l'indicatif, soit avec le subjonctif 
entnehmen oder auch nur ahnen, um was für Arten von Sätzen es sich 
hier handelt? 

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen erlaube ich mir nun noch einige 
unrichtige Einzelheiten hervorzuheben, die auch zum Teil die mangel- 
hafte Kenntnis des Altfranzösischen kennzeichnen. Mehrfach erscheinen 
falsche etymologische Angaben. So wird auf S. 26 navire von dem mlat. 
navirium abgeleitet, und auf S. 233 wird die längst als unrichtig nach- 
gewiesene Herleitung des Wortes cukmcques von tunc, auf S. 246 die des 
Adv. ore von hora wiederholt. Andererseits wird auf S. 242 das Adv. mon 
in Wendungen wie ä scavoir mon als ungewisser Herkunft bezeichnet. 

14* 



212 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Kennt der Verfasser Diezens Erklärung nicht (von mundios, rein), oder, 
wenn er sie kennt, was hat er gegen sie einzuwenden? — S. 27. Der 
Wechsel des Geschlechtes von mensonge wird vermutungsweise dem Ein- 
flüsse des lat. mendaeium zugeschrieben, während er höchst wahrscheinlich 
auf songe zurückzuführen ist. — S. 65. Bei dem Gebrauche der betonten 
oder unbetonten Formen des persönlichen Fürwortes unmittelbar vor dem 
Verbum hätte unterschieden werden müssen, ob das Verb als Mittelform 
(Inf. oder Part. Präs.) oder als Verbum finitum auftritt. In ersterem 
Falle war im Afrz. bekanntlich der Gebrauch der volleren Formen des 
Pronomens obligatorisch, in letzterem fakultativ. Daher haben sie sich 
vor jenen länger und häufiger erhalten. Demnach ist es nicht richtig, 
dafs in Sätzen wie 'il estoit trop matin pour eulx lever' eulx proklitisch 
gewesen sei, und dasselbe gilt also auf S. 67 — 68 von sotj, toy vor einem 
Inf. oder einem Part. Präs. 

S. 107. Der Verfasser vergleicht die beiden Wendungen comme celui 
qui und il n'y a celui qui mit den lateinischen quippe qui und nemo est 
quin, ja, er scheint sie auch als Nachbildungen des Lateinischen aufzu- 
fassen, wenigstens hebt er hervor, dafs sie sich auch bei Commines und 
bei Monluc finden, obwohl letztere peu latinistes seien. Diese Ausdrücke 
haben aber selbstverständlich nichts mit dem Lateinischen zu thun, da 
sie, wie übrigens schon Diez, Gr. III, 78 nachgewiesen hat, von Anfang 
an dem Französischen geläufig waren. Diez hat sogar schon einen Beleg 
aus Montaigne angeführt. — S. 116. Zu dem mehrfachen Vorkommen 
von qui im Sinne von qu'il wird die Bemerkung gemacht, dafs es sich 
hier um einen phonetischen Vorgang, nämlich ein Verstummen des l 
handle, und dann hinzugefügt: Cest evidemment ce fait de prononciation 
qui a donne Heu ä la construction si repandue au XVII'^ siecle. Nous la 
trouvons dejä dans Des Periers. Die Konstruktion findet sich aber schon 
viel früher, z. B. par moi vous . . . mande Et sachiez qui le vou^ com- 
mande Que la plus grande me baillies, Fabliaux 2, 5; Nes (= ne les) 
prendroit il qui ne jeust A vous, ib. 2, 83; Dont est si lies qui baise terre 
Li prestre, ib. 2, 90 u. ö. Daher ist es zweifelhaft, ob die obige Erklärung 
der Erscheinung richtig ist. Mit Unrecht aber wird unter den Beispielen 
auch TJn des gentilz hommes de la Beausre que Von dit qui sont deux ä un 
cheval quand ih vont par pays (aus Des Periers) aufgeführt. Hier handelt 
es sich um einen Kelativsatz im Verhältnis eines lateinischen Accusativ mit 
dem Infinitiv, und die angewandte Konstruktion ist nicht nur im Afrz., 
sondern noch bis ins 18. Jahrhundert hinein gebräuchlich. Ja noch Victor 
Hugo schreibt: J'ai travaille ä cette grosse bombarde de Jean Maugue qus 
vous savez qui a creve au pont de Charenton. — S. 126. Im 15. Jahrhun- 
dert soll quoy völlig im Sinne des nfrz. lequsl gebraucht worden sein. In 
sämtlichen Beispielen, die aufgeführt werden, erscheint jedoch quoy von 
Präpositionen abhängig und auf Sachen oder abstrakte Begriffe bezogen. — 
S. 155. Der Verfasser ist durch die unrichtige Interpunktion des Heraus- 
gebers verleitet worden, den Satz Jamais en maulvaise partie ne prendront 
choses qu£lconques, ilx congnoistront sourdre de bon, franc et loyal couraige 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 213 

unter die Belege für qitelconque als unbestimmtes Fürwort aufzuneh- 
men ; das erste Komma ist zu streichen und quelconques als bezügliches 
Fürwort aufzufassen. Ebenso war die Verwendung von quel mit und 
ohne vorangehendes tel im Sinne von 'solcher, welcher' (S. 161) unter dem 
Relativpronomen zu behandeln. — S. 165. Äpprendre soll bei Rabelais die 
Bedeutung 'belehren, unterrichten, lat. docere' haben, und als Beweis wird 
angeführt: Singulierement estoit aprins ä saulter hastivement d'un cheval 
sus l'autre. Hier hat aber apris wie im Afrz. und auch heute noch die 
aktive Bedeutung 'der etwas gelernt hat, erfahren'. Im Afrz. würde es 
allerdings mit de verbunden werden, jetzt scheint es nur mit dem Adv. 
bien oder mal, nicht aber mit einer präpositionalen Bestimmung vorzu- 
kommen. — Genau ebenso verhält es sich mit der auf S. 167 angeführten 
Stelle aus Des P(5riers de peur d'estre mal disnex chex ce basse contre; 
disne erscheint auch bei Commines zweimal in der Bedeutung 'gespeist 
habend' (vgl. Ztschr. f. rom. Phil. I, 221). — S. 166. Von den Beispielen, 
welche obeir als transitiv nachweisen sollen, ist keines beweiskräftig, da 
es jedesmal mit einem transitiven Verbum verbunden erscheint, so dafs 
nach altfranzösischem Brauch die Konstruktion von diesem auf ob^ir 
übertragen sein kann. — S. 187. Dans les propositions qui exprhnent une 
comparaison nous trouvons tres souvent le verbe 4 l'imparfait du subjonctif 
quand le verbe principal est ä un temps passe et qu'il faudrait, par conse- 
quent, le plus-que-parfait : mais les Oeans estoient aises comme s'ilx feussent 
de tiopces. Diese Worte enthalten zwei Unrichtigkeiten; erstens befindet 
sich der Konjunktiv nicht in einem Vergleichungs-, sondern in einem 
irrealen Bedingungssatz, und zweitens liegt ein Konjunktiv Plusquam- 
perfecti vor, da der Konjunktiv des Imperfekts bei Rabelais, wie im Afrz., 
seinem Ursprünge gemäfs auch die Bedeutung eines Konj. Plusqu. haben 
kann. — S. 194. Unter den Objektivsätzen, in denen bei Commines der 
Konjunktiv steht, wird auch aufgeführt: Encores que aucuns congnoissoient 
qu'il le fist pour gaigner temps, si le dissimuloient ih, wo fist selbstver- 
ständlich = fecit ist. — S. 195. Es wird behauptet, dafs Rabelais in der 
indirekten Frage gewöhnlich den Konjunktiv setze. Es mufste hinzu- 
gefügt werden, wie auch aus den Beispielen erhellt, wenn der Hauptsatz 
negativen Sinn hat. — S. 198. In Et ne tarda gueres qvs luy envoya trois 
mille escux soll que die Bedeutung des nfrz. jusqu'ä ce qus haben. Es 
liegt aber einfach ein Subjektssatz vor, so dafs der Indikativ durchaus 
am Ort ist. — S. 200. Nach den Verben der Furcht und des WoUens 
soll angeblich bei Rabelais que mit dem Indikativ vorkommen, was sehr 
auffällig wäre. In dem ersten der drei Belege steht aber nach avoir peur 
im Objektssatze das Futurum, wie bekanntlich auch im Afrz.; in den 
beiden übrigen handelt es sich um einen Temporalsatz mit jusques ä ce 
que und dem gleichbedeutenden attendant qu£, nach denen bei Rabelais 
wie auch sonst in der ältesten Sprache oft der Indikativ steht (vgl. S. 197). 
Ähnlich verhält es sich mit den auf S. 201 angeführten Beispielen. Ent- 
weder haben wir es mit Konjunktionen zu thun, die den Indikativ neben 
dem Konjunktiv regieren, oder an Stelle des Konjunktivs ist das Futur 



214 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

eingetreten, oder endlich der Konjunktiv ^ird durch devoir mit dem In- 
finitiv umschrieben. Auch diese letzte Erscheinung ist im Afrz. ganz ge- 
bräuchlich, findet sich z. B. Löwenr. 5711; Erec 1798; Rom. des Eies 
138 u. ö. 

S. 219 f. In dem Abschnitt Du Participe wird kein Unterschied zwi- 
schen dem (unveränderlichen) Gerundium und dem (flektierbaren) Part. 
Präs. gemacht. Nachdem sodann nachgewiesen, dafs in Participialkon- 
struktionen das Part. Präs. zuweilen dem Worte, zu dem es gehört, voran- 
geht, erklärt der Verfasser, diese Erscheinung gehöre nicht in den Ab- 
schnitt von der Wortstellung, sondern in den vom Particip, und zwar 
sonderbarerweise aus dem Grunde, weil dans la langue moderne le parti- 
cipe ainsi place a change completement de nature; il est devenu une veri- 
tahle preposition. — Auf S. 226 versucht der Verfasser den Ursprung von 
temporalen Wendungen wie arrive qu'il fut festzustellen. In erster Linie 
hält er es für möglich, dafs diese Ausdrücke solchen wie sot que vous etes 
gleichzustellen seien, weil dans tous les exemples cites, sauf dans un eocemple 
de Rabelais, l'auxiliaire cons fruit avec le participe est Vauxiliaire etre (!). 
Diese Begründung ist ebenso unzutreffend wie die Ansicht, der sie als 
Stütze dienen soll, da in Wendungen wie sot que vous etes das que be- 
kanntlich ein beziehungsloses Relativpronomen ist, was es in den in Rede 
stehenden Sätzen nicht sein kann. In zweiter Linie weist er darauf hin, 
dafs qu£ in dem zweiten von zwei aneinander gereihten Nebensätzen an- 
dere Konjunktionen vertreten könne, und fügt hinzu, vielleicht habe que 
in jenen Sätzen den Wert einer Zeitkonjunktion, und die Stellung erkläre 
sich durch eine in der alten Sprache sehr häufige Inversion. Diesmal 
ist er der Wahrheit näher, obwohl die ganze Argumentation wiederum 
sehr schwach ist. Es scheint vielmehr nicht zweifelhaft, dafs jene Kon- 
struktion, die nur im Mfrz. und der darauf folgenden Zeit bekannt ist, 
aus dem Italienischen stammt, wo sie von jeher aufserordentlich beliebt 
war und noch ist (vgl. Blanc, Gramm, der ital. Spr. S. 597; Vockeradt, 
Lehrb. der ital. Spr. S. 471). Diez, Gr. III, 348 weist sie allerdings auch 
im Spanischen nach und führt sogar ein provenzalisches Beispiel an. 
Auch in anderen Fällen sind die Versuche des Verfassers, die von ihm 
vorgeführten 'Abweichungen' und augeblichen 'Unregelmäfsigkeiten' logisch 
zu erklären, oft sehr unglücklich; so auf S. 135 {qui = si quis), S. 358 — 9, 
S. 376 (Nr. 2), S. 377, S. 384, S. 389 u. ö. — S. 242. Tresque wird durch 
plus que übersetzt und als einziger Beleg angeführt: // nous fit tresque 
bon recu£il par la recommandation de Vhermite. Tresque heifst aber, wie 
das einfache t^-es, 'sehr'. Godefroy VIII, 45 giebt nicht nur diese Be- 
deutung, sondern bringt sogar eine zweite, unserem Verfasser entgangene 
Stelle aus Rabelais, sowie mehrere weitere aus Baif, Brantöme u. a. — 
S. 244. Petit soll in Sätzen wie Si n'estoit pour un petit, je vou^ feroys 
couper bras et Jambes adverbial gebraucht sein; in Wirklichkeit wird es 
substantivisch gebraucht. — S. 250. Das zweite si in Si n'avez tant 
d'escu% comme avoit Midas, si avex vous de luy je ne spay quoy wird als 
Adverb aufgefafst und durch du moins übersetzt. Dasselbe hat hier viel- 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 215 

mehr die Funktion einer Konjunktion und dient, wie so oft im Afrz., 
zur Einleitung des Nachsatzes. Umgekehrt werden auf S. 804 ains und 
am^ois zu den Konjunktionen statt zu den Adverbien gerechnet. — S. 254. 
Wir erfahren, dafs du tout sich bei Rabelais im Sinne von 'ganz und gar' 
findet; es mufs hinzugefügt werden, auch in affirmativen Sätzen, da es in 
negativen ja auch heute noch in dieser Bedeutung vorkommt. — S. 260. 
Die Negation non soll auch vor dem Verbum finitum verwandt worden 
sein. Die Beispiele beweisen aber, dafs dies nur vor den Hilfsverben und 
vor faire als verbum vicarium der Fall ist. — Auf S. 282 wird sus fälsch- 
lich die ältere Form von sur genannt; beide haben ganz verschiedenen 
Ursprung {susum und super). — S. 291. Bei Besprechung des aus der 
früheren Zeit wohlbekannten Gebrauches von de in Sätzen wie G'estoit 
un desordre incomparable de ce qu'ih faisoient wird die Behauptung aus- 
gesprochen, dafs statt de das Afrz. que de gesagt haben würde. Schon 
vor achtzehn Jahren hat Tobler das Verhältnis dieser beiden Konstruk- 
tionen zueinander und ihren Ursprung klargelegt (Ztschr. für rom. Phil. 
I, 3 f. und Verm. Beitr. I, 5 f.). 

S. ,322. In dem distributiv gebrauchten Interrogativpronomen (z. B. 
trente mille, que bons que mauvais) will der Verfasser die Konjunktion 
qu£ erkennen. Auf derselben Seite heifst es: Que, precedant une propo- 
sition qui exprime une cause se trouve une fois remplace par la conjonction 
plus expressive parce que, et une autre fois par car. Nach diesen Worten 
wäre es als auffällig anzusehen, wenn ein Kausalsatz durch parce que 
oder car eingeleitet wird. In Wirklichkeit verhält sich die Sache aber 
auch anders. Die betreffenden Sätze beginnen: la raison est, car und 
parce que. Die beiden Nebensätze sind also gar nicht Kausal-, sondern 
Substantiv-, und zwar Subjektssätze. Die Wahl der Konjunktion erklärt 
sich demnach durch die Einwirkung des vorangehenden Begriffes raison. 
— S. 326. Die Behauptung, dafs in le feu sainct Antoine und ähnlichen 
Ausdrücken die Präp. de, in Di&ii ne plaise die Präp. ä ausgelassen sei, 
ist nur bei einer völligen Unbekanntschaft mit den einfachsten Erschei- 
nungen der Sprachgeschichte zu erklären. Dagegen kann man in ce villain 
humeux Qrangousier (S. 328) nicht einmal vom neufranzösischen Stand- 
punkte aus die Auslassung von de vor dem Namen behaupten, da villain 
hier offenbar Adjektiv ist. — S. 333. Vor dem sogenannten Superlativ 
fehlt, wie auch die Beispiele beweisen, der Artikel vor dem nachgestellten 
Adjektiv nur dann, wenn das zu ihm gehörige Substantiv selbst den be- 
stimmten Artikel vor sich hat. Dagegen gilt von dem Beispiel aus Com- 
mines die altfranzösische Regel, dafs in einem Relativsatz der Komparativ 
ohne bestimmten Artikel Superlative Bedeutung hat. — Auf derselben 
Seite wird behauptet, dafs in imes (sont) noires, aultres fauves der be- 
stimmte Artikel fehle. Dies ist jedoch nicht richtig; un ist hier als un- 
bestimmtes Fürwort gebraucht, also 'einige, andere' (vgl. S. 135). — S. 334. 
Unter den Beispielen, in denen der bestimmte Artikel vor konkreten Sub- 
stantiven ausgelassen sein soll, fehlt er in denjenigen Fällen nach alt- 
französischem Brauche durchaus korrekt, wo das Wort im allgemeinen 



216 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Sinne gebraucht wird, wie in abeilles 'Bienen überhaupt', sang 'Blut all- 
gemein genommen'; in anderen Fällen, wie in dos et venire, jambes et 
cuisses haben wir es mit einer Aufzählung zu thun, wo ja auch heute 
noch der Artikel fehlen kann. Daher ist die auf S. 344 ausgesprochene 
Ansicht, dafs bei E-abelais le suhstantif peut parfaitement se passer d'etre 
accompagne d'un artiele in dieser Allgemeinheit falsch. — S. 335. Die 
Verwendung des bestimmten Artikels vor un ist mit der vor Kardinal- 
zahlen (S. 336) zusammen zu besprechen, da es sich in beiden Fällen 
um die gleiche Erscheinung handelt; die gröfsere Zahl, von welcher ein 
Teil abgesondert wird, kann auch eine nur gedachte sein (Diez, Gr. 
111,42). — S. 338. Die Behauptung, dafs der unbestimmte Artikel beau- 
coup moins ancien sei, als der bestimmte, ist nicht richtig; er findet 
sich mit Ausnahme der Eide bereits in den ältesten Denkmälern. Kich- 
tiger wäre der Satz gewesen, dafs er im Afrz. ziemlich selten gebraucht 
wird. — S. 340. Der Plural des unbestimmten Artikels soll nur bei sol- 
chen Substantiven vorkommen, die im Plural singulare Bedeutung haben. 
Dem widersprechen aber die Beispiele, da die betreffenden Worte, z. B. 
unes lettres, wie im Afrz., so auch bei Rabelais plurale Bedeutung aufwei- 
sen. — S. 349. Zu dem Vorkommen des Subjonctifs ohne die Konjunktion 
qtie hätte bemerkt werden müssen, dafs dies nur in Hauptsätzen und nur 
beim Konjunktiv des Wunsches sich findet. — S. 379. Quand le participe 
present se rapporte ä un nom au feminin pluriel, il lui arrive tres souvent 
de s'accorder en nombre seulement, e'est-ä-dire de prendre la forme du 
masculin pluriel. Der Verfasser weifs also nicht, dafs considerans der 
Plural auch des Femininums ist. Derselbe Fehler kehrt noch mehreremal 
wieder. — S. 387. Zu dem Verse Que mesme eeulx qui tenue Vauront 
wird die Bemerkung gemacht, er könne nicht als Beweis für die Ver- 
änderlichkeit des mit avoir verbundenen Part. Prät. auch bei folgen- 
dem Objekt gelten, denn Rabelais a peut-etre fait accorder le participe 
passe simplement ä cause de la ?nesure du vers. Als ob Rabelais 
des Metrums wegen einem Worte ein e anhängen könnte, wenn dies dem 
Sprachgebrauche widerspräche! — S. 396. Der Singular des Verbums 
wird in Sätzen wie en mourut dix ou dou%e de peste durch die Auslassung 
eines neutralen il als Subjekt erklärt; in Wirklichkeit hat er seinen 
Grund in dem Umstände, dafs das Verb dem Subjekte vorangeht, der 
Autor sich also beim Niederschreiben desselben über den Numerus des 
letzteren noch nicht klar war. — S. 399. Inversion des Subjekts soll 
dann begegnen, wenn der Satz mit einer Konjunktion beginnt. Dann 
wären also or, plusieurs fois u. a. ebenfalls Konjunktionen. — S. 407. 
Die Beispiele zu Nr. 4 und 5 sind aus Versehen miteinander vertauscht 
worden. 

Ich möchte daher mein Urteil dahin zusammenfassen, dafs das 
Buch eine recht fleifsige Sammlung von Beispielen enthält, die jedoch 
nur von einem genauen Kenner des Altfranzösischen mit Vorteil zu be- 
nutzen sind. 

Göttingen. Albert Stirn ming. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 217 

Erwin Walther, Königl. Professor am Gymnasium zu Ansbach, 
Wissenschaftliche Fortbildungsblätter für Lehrende und Ler- 
nende der französischen Sprache. Serie I. Stuttgart, Jos. 
Roth, 1895. 45 S. 8. M. 0,50. 

Noch sind die nicht völlig ausgestorben, die mit dem Berichterstatter 
der Meinung sind, die Beherrschung einer fremden lebenden Sprache 
komme man ganz besonders häufig beim Übersetzen aus der eigenen 
zu erweisen in die Lage, sei es, dafs man anderer in der Muttersprache 
vorliegende schriftliche oder mündliche Äufserungen dem Ausländer zu 
verdolmetschen habe, sei es, dafs man, was doch auch vorkommen kann, 
eigene, zunächst in der Sprache des eigenen Volkes gebildete Gedanken 
ihm mitzuteilen wünsche. Wie schwer es manchmal ist, solcher Aufgabe 
ohne langes Besinnen völlig gerecht zu werden, wissen manche von denen, 
die sich von Zeit zu Zeit damit abgeben und die Versuche von Anfängern 
in solcher Kunst beaufsichtigen; sie wissen, wie viel von dem, was die 
Wörterbücher uns als äquivalent mit deutschen Wörtern kennen gelehrt 
haben, unter gewissen Umständen es eben doch nicht ist; für wie viele 
jedem Deutschen unter demselben Namen, freilich vielleicht erst seit 
kurzem, bekannte Dinge auch die besten Wörterbücher vorderhand keine 
Benennungen in fremden Sprachen bieten; auf wie viel Wendungen, auf 
wie viel Ausdrucksmittel, die in besonderen Wortstellungen oder Be- 
tonungsweisen liegen, wir zu verzichten haben, wenn wir dem Fremden 
verständlich bleiben wollen, von ihm nicht geradezu mifsverstanden wer- 
den sollen; wie viel andererseits aus langer und achtsamer Beschäftigung 
mit der fremden Sprache vertraut Gewordenes uns, sobald Not an Mann 
kommt, ungesucht zuströmen mufs, sollen wir nicht beim Verzicht auf 
jenes Unverwendbare völlig hilflos dastehen. 

Die schwere Kunst des Übersetzens aus der Muttersprache wird auch 
in der Schule bis zu einem gewissen Grade geübt werden müssen, und 
die Lehrer werden gut thun, sie neben der leichter erlernten des Bilden« 
von Fragesätzen, mittels deren man sich nach Subjekt oder auch Objekt 
eines gegebenen fremdsprachlichen Satzes erkundigt, nicht ganz zu ver- 
nachlässigen. Das Heftchen, das obeustehenden Titel trägt, will Lehren- 
den und (vorgerückten) Lernenden Gelegenheit geben zu erkennen, wie 
weit sie es in jener Kuns.t gebracht haben, und das, was ihnen die zu- 
treffende französische Wiedergabe eines deutschen Satzes scheint, mit dem 
französischen Satze zu vergleichen, von dem jener die freie, aber treue 
Übersetzung ins Deutsche ist. Geschickte Leute werden mit Vergnügen 
und mit Nutzen ihr Können an den deutschen Sätzen prüfen und, wenn 
ihre Übersetzung mit dem hinten gegebenen Urtext nicht übereinstimmt, 
meist wohl auch erkennen, worin das Französisch des Franzosen vor 
dem selbstgemachten den Vorzug verdient. Minder Geübte werden die 
gleiche Übung mit wirklichem Gewinne freilich nur unter Beistand vor- 
nehmen. 

Die französischen Sätze sind wohl gröfstenteils Zeitungen entnommen 



218 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

und zwar vielfach Berichten über Vorgänge in Deutschland, so dafs der 
Benutzer des Büchleins lernen kann, wie er 'Haberfeld treiben', 'Sang an 
Ägir', 'Heilserum', 'Umsturzvorlage' u. dgl. wiederzugeben hat. Dafs das 
Französisch, an dem man sein eigenes messen soll, nicht immer ein be- 
sonders sorgfältiges ist, darf nicht verschwiegen werden: il a w,otive les 
raisons qui ont determine . . ., oder la nouvelle s'est repandue comme une 
tratnee de poudre, oder nous cherehons une jeune ßlle pour aider menage, 
oder mermalade ('seekrank') sind Wendungen und Ausdrücke von zweifel- 
hafter Güte; doch begegnet dergleichen selten. Hinwieder scheint der 
deutsche Ausdruck mir nicht immer tadellos: 'den Verfolgungswahn 
haben', 'lassen Sie Ihr Gepäck behandeln' (d. h. geben Sie es auf), 'auf 
Dach und Fach einquartieren', 'die geringer angelegten Steuerpflichtigen', 
'ein Mosbacher' (une Mvue), 'der Schmelz (eclat) der Gesichtsfarbe' mögen 
in bestimmten örtlichen Grenzen üblich sein, sind aber schwerlich Schrift- 
deutsch. Störender ist, dafs Übersetzung und Text sich bisweilen nicht 
decken: 'Witterungsberichte' S. 8 gieht previsions zu frei wieder; 'zwanzig 
lange Minuten' eb. und vingt bonnes minutes ist nicht dasselbe; 'ich habe 
den Migränestift angewendet' S. 9 darf man nicht erwarten mit fai ex- 
perimente le erayon contre la m. übersetzt zu bekommen; 'er verwarf die 
Politik seines Vorgängers' S. 13 sagt etwas ganz anderes als il passa con- 
damnatiofi sur la politique de son predecesseur ; 'modisch gekleidet' S. 16 
und correctement mise decken sich nicht; 'aneinander stofsende Gärten' S. 21 
sind nicht jardins mitoyens; 'er weifs durch sein Auftreten sich Ansehn 
zu verschaffen' S. 21 heifst nicht il a helle prestance; 'ein Kandelaber' 
S. 22 ist nicht un bec de gaz; man darf auch nicht cette qttestioti demeurera 
au passif de la Session actuelle übersetzen 'diese Frage wird . . . nicht be- 
rührt werden' S. 22. 

Möge der Verfasser, wenn er der ersten Keihe seiner 'Fortbildungs- 
blätter' weitere von ähnlicher Art will folgen lassen, durch gesteigerte 
Sorgfalt der Ausführung den Nutzen erhöhen, den sein Unternehmen 
manchen gewähren kann. Dazu wird auch schärferes Achten auf Druck- 
fehler gehören, deren hier zu viel begegnen: S. 14 'rücklings' für 'ritt- 
lings', S. 22 'Menton' für 'Mentone' (auch S. 43 Meuton für Menton), S. 27 
assiociation, S. 34 grison für grisou, S. 35 tacke für tacke, S. 37 correspon- 
dence, S. 39 Z. 8 von unten n'y eii aurait für n'y aurdit, dazu fortwäh- 
rend oe für oß, wie leider fast immer in deutschen Drucken französischer 
Texte. 

Berlin. Adolf Tobler. 

L. Crousl^: F^nelon et Bossuet. Teil I und II. Paris, Honor^ 
Champion, Libraire, 1894. 573 u. 695 S. 

Der Verfasser will in diesem auf umfassenden Quellenstudien be- 
ruhenden Werke, dem noch ein dritter Band folgen soll, die seit dem 
18. Jahrhundert noch vielfach herrschende Ansicht, dafs Feuelou ein Vor- 
kämpfer der Humanität und ein unschuldig verfolgter Märtyrer seiner 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 219 

religiösen Überzeugung gewesen sei, erschüttern, geht aber in vieler Hin- 
sicht nicht ohne Voreingenommenheit gegen Fenelon zu Werke. Schon 
der Überblick, den er über Fenelons Leben und Werke bis zu dem feind- 
lichen Zusammenstofse mit Bossuet giebt, läfst diese bemerkbar werden. 
So tadelt er, dafs Fenelon seinem Onkel eingesteht, er sei seinem geist- 
lichen Berater Tronson gegenüber noch offenherziger als gegen ihn, dafs 
er als junger Mensch sich mit diesem Tronson auf gleiche Stufe stelle, 
dafs er seinen Verwandten gegenüber einen Autoritätston anschlage, für 
die Mission im Orient schwärme, seinen Eintritt in das Priorat von Carenac 
humoristisch schildere u. s. w. Bei einem Jünglinge, der von früh an 
für den geistlichen Beruf erzogen wurde, der, wie Crousl^ selbst dem 
Biographen Fenelons, Bausset, nachschreibt, mit 15 Jahren' als Prediger 
gefeiert wurde, der ein lebhaftes, südfranzösisches Temperament besafs 
und im Bewufstsein seiner hohen geistigen Begabung sich fühlte, ist das 
alles nur zu begreiflich. Auch seine Bestrebungen, als Deputierter der 
Diöcese von Bordeaux im Jahre 1675 wirken zu wollen, und die dafür 
angewandten, nicht immer ein wandsfreien Mittel erklären sich aus dem 
richtigen Gefühle des Jünglings, dafs ihm eine grofse Zukunft bevorstehe. 
Ebensowenig dürfen wir ihm zum Vorwurf machen, dafs er bei der Wahl 
eines Erziehers für den Herzog von Bourgogne andere in seinem Interesse 
wirken liefs. Verständiger, als Fenelons Gegner Douen, berücksichtigt 
Crousl^ bei der Beurteilung von Fenelons Thätigkeit als superieur der 
Nonvelles Catholiques und als Protestantenmissionär den Zwang, den die 
weltliche Macht ihm in beiden Stellungen auferlegte, und giebt sogar zu, 
dafs Fenelon in dem letzteren Berufe die nach Umständen mögliche Milde 
und Schonung den Hugenotten gegenüber angewandt habe. Die Bedeu- 
tung seiner Schrift über weibliche Erziehung und der für den Herzog von 
Bourgogne verfafsten Fabeln und Totengespräche wird trotz Hervorhebung 
der grofsen pädagogischen Einseitigkeiten objektiv gewürdigt. Die Även- 
tures de Telemaque werden dagegen nur vom uationalökonomischen und 
politischen Standpunkt beurteilt, nach ihrer poetisch-litterarischen Seite 
zu wenig anerkannt. Die Meinung, dafs dieser Erziehungsroman schon 
1693/94, also vor Fenelons Ernennung zum Erzbischof von Cambray, ge- 
schrieben sei (S. 321, Anm. 1), können wir nicht für bewiesen ansehen, 
halten vielmehr an den Jahren 1695 — 97 als Abfassungszeit fest. Der 
Telemaque war eine Art Vademecum Fenelons für seinen hohen Zögling, 
der dem direkten Einflüsse des neukreierten Erzbischofs grofsenteils ent- 
zogen war, und ist deshalb wahrscheinlich erst nach Übernahme dieses 
Amtes von Fenelon geschrieben worden. 

Der mannhafte Brief an Ludwig XIV., an dessen Echtheit auch wir 
trotz Bausset und v. Sallwürk (Fenelon und die Litt, der weibl. Bildung 
in Frankreich S. 82) glauben (s. die Erörterung des Herausgebers der 
Corresp. de Fenelon Bd. II, S. 329), hätte eine offenere Anerkennung ver- 
dient. Bei dem Vergleiche von Fenelons Examen de conscience »ur les 



* Ramsay iu seinem Vie de Fenelon, Haag 1723, S. 9, giebt 19 Jahr au. 



220 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

devoirs de la royaute und von Bossuets Politiqtte tiree de VEcriture sainte 
tritt schon CrousMs parteiische Vorliebe für Bossuet hervor. Er stellt 
nämlich die letztere Schrift, trotzdem sie nur eine willkürliche, von rhe- 
torischem Prunk durchdrungene Abschätzung moderner Verhältnisse nach 
biblischen Überlieferungen ist, über Fenelons Abhandlung, die den vor- 
urteilsfreien Blick des staatsmännisch beanlagten Geistes fast überall er- 
kennen läfst. 

Eine ungerechte Herabsetzung Fenelons zu Gunsten Bossuets zeigt 
aber die sehr eingehende Behandlung der Affaire du Quietisme (I, 375 bis 
öchlufs und Bd. II). Zunächst ist gar nicht bewiesen, dafs Fenelon von 
dem persönlichen Umgange mit der visionären Schwärmerin, Mme. de 
Guyon, und von ihren phantastischen Schwärmereien irgendwie beeinflufst 
wurde, wie Crousle mehrfach in verdächtigender Form zu verstehen giebt. 
Was an Übereinstimmung zwischen seinen Ansichten über Gebet, Liebe 
zu Gott u. s. w. und denen der Guyon sich findet, hat seinen Ursprung 
in der gemeinsamen Quelle der modernen Mystik, namentlich in Fran9ois 
de Sales. Fenelon vertrat daher in seiner Schrift Maximes des Saints und 
in seinen polemischen Auseinandersetzungen mit Bossuet und dessen 
Parteigängern lediglich seine eigene Sache, konnte sich aber zu einer 
unbedingten Preisgebung der Person und Lehre der Mme. de Guyon 
nicht entschliefsen. Seine Mitunterzeichnung der bekannten Artikel von 
Issy, deren teilweise Umänderung durch ihn wir nach wie vor auf sein 
Zeugnis hin annehmen, obgleich Bossuet und Anhang nichts davon wissen 
wollen, war gleichwohl keine unaufrichtige; denn diese Artikel hatten 
eine so weitgehende Tendenz nicht. Wir geben Mme. de Guyon und ihren 
Betbruder Lacombe gern der Orthodoxie Bossuets preis, ohne darum 
dessen furchtbare Härte gegen die halb geisteskranke, an Verfolgungs- 
wahn leidende Frau billigen zu können. Um so edler ist Fenelons Be- 
nehmen, der die Person von der Sache zu trennen wufste. 

Dafs die Maintenon, anfängliche Beschützerin dieser Dame, gegen sie 
und indirekt auch gegen Fenelon eingenommen wurde, halten wir mit 
Ramsay (a. a. O. S. 33) für ein Werk ihres Beichtvaters, des Bischofs von 
Chartres, da Crousles verhüllende Beweisführung (a. a. O. S. 469 f., vgl. 
S. 457) uns nicht überzeugt. Überhaupt ist die Stellung der Maintenon 
Fenelon gegenüber weniger neutral, als Crousle, von der irrigen Voraus- 
setzung ausgehend, dafs der Bischof von Chartres ein lauterer Charakter 
und Freund Fenelons gewesen sei, annimmt. Wie hätte sie sonst Fenelons 
vertraute Briefe an sie den drei Kommissaren, welche die Guyon ver- 
urteilen sollten, ausliefern und dadurch Fenelon selbst in Verdacht der 
Gemeinschaft mit der Guyon bringen können? Die sogenannten Konfe- 
renzen von Issy waren daher ebenso gegen Fenelon selbst, wie gegen die 
Guyon gerichtet, und Fenelons Mitunterzeichnung der 30 (oder 34) Ar- 
tikel bedeutete in den Augen der drei Examinatoren (Bossuet, Noailles 
und Tronson) nur eine Art Widerruf. Kein Wunder, dafs Fenelon, so- 
bald er vom abbe zum Erzbischof von Cambray ernannt war, seiner Mifs- 
stimmung gegen Bossuet, den Haupturheber dieser Artikel, offenen Aus- 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 221 

druck gab. In der ursprünglichen Unterwürfigkeit des abbe gegen den 
hochberühmten Bischof wird man nicht mit Crousl^ blofse Heuchelei 
sehen dürfen. Die kirchliche Disciplin bedingte sie. Auch in der Ver- 
öffentlichung der Maximes des Saints Fdnelons liegt kein nachweisliches 
Unrecht. Dafs dieselbe absichtlich, gegen sein dem Erzbischofe von 
Paris gegebenes Versprechen, vor Bossuets Instruction sur les etats d'orai- 
son erfolgt sei, kann auch Crousl^ nicht erweisen. Dafs nun die drei 
Bischöfe sich über diese Maximes zu Richtern aufwarfen, Bossuet seinen 
Amtsbruder beim Könige denunzierte, was in der Hauptsache auch Crousl^ 
zugiebt, F^nelon erst später zu den Verhandlungen, die ein Ketzergericht 
gegen ihn bedeuteten, hinzugezogen werden sollte und mit Rücksicht auf 
Bossuets feindliche Stellung zu ihm ablehnte, geht auch aus Crousl^s 
etwas schönfärbender Darlegung hervor. Ebenso ist sein Versuch, F^nelon 
in dieser Streitfrage als Begünstigten der Jesuiten hinzustellen, nur bis 
zu einem gewissen Grade gelungen, denn er selbst mufs die geteilte Hal- 
tung des Ordens zugeben. F^nelons Appellation an den Papst gegen das 
willkürliche Gericht der drei Bischöfe, das Crousl^ ganz irrigerweise ein 
jugement des eveques remiis par Vordre du roi (II, 157) nennt, kann wohl 
keinen Vorwurf unnationaler Denkweise begründen, und die Verbannung 
aus Paris, welche Ludwig XIV. über ihn verhängte, nachdem er selbst 
die Zustimmung zu der Appellation gegeben, bleibt eine despotische Mafs- 
regel. Dieselbe Parteilichkeit für F^nelons Gegner, insbesondere für 
Bossuet, zeigt Crousl^ auch in der Besprechung des Flugschriften kämpf es 
der drei Bischöfe gegen F^nelon und der Verhandlungen in Rom, die zu 
einem päpstlichen Breve gegen die Maximes des Saints führten. Aller- 
dings geht F^nelon ebensowenig ehrlich zu Werke, wie seine Gegner. Er 
wirft diesen z. B. falsche Citate aus seinen Flugschriften vor, wo sie dem 
Sinne nach richtig citierten, handhabt die kirchliche Rhetorik und erbau- 
liche Phrase ebenso wie diese, wirkt in Rom für seine Sache, genau wie 
Bossuets zwei Agenten. Aber das von Crousle gezeichnete Bild wird da- 
durch einseitig, dafs er Bossuets Relation du Quietisme, Phelippeaux' Be- 
richte und des jüngeren Bossuet Hetzbriefe, in denen Bausset mit Recht 
die Hauptschuld an der zunehmenden Erbitterung des Bischofs von 
Meaux gegen Fenelon sah, über Fdnelons und seiner Partei Aussagen 
und Kundgebungen stellt. In dem Abgesandten Ludwigs XIV., dem 
Kardinal von Bouillon, sieht Crousle einen rücksichtslosen Vorkämpfer 
der Sache Fenelons, der selbst vor Gewaltthaten nicht zurückscheut. 
Wieder ist ihm das Gerede der Anhänger Bossuets mafsgebend, auf 
Bouillons Proteste gegen die Anklagen seiner Gegner (Briefe an Lud- 
wig XIV. in Corresp. de Fenelon X, 345. 387. 521) nimmt er keine Rück- 
sicht. Den Nutzen, welchen Fenelon die Jesuiten in Rom brachten, über- 
schätzt er, wogegen er den Eingriffen Ludwigs XIV. und der geschlosse- 
nen Einheit der drei Bischöfe zu wenig Wert beilegt. Willkürlich ist 
auch (II, 206) die Behauptung, Innocenz XII. habe zu Bossuet hingeneigt, 
Chanteracs Korrespondenz mit Fenelon dürfte das Gegenteil ergeben. 
Ebenso willkürlich ist die Behauptung, dafs Ludwig XIV. etait environne 



222 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

et tenu en echec par des personnes aveuglement devoues ä ce prelat (Fenelon). 
Wer waren denn diese Personen? Die Maintenon war Fenelon feindlich, 
Beauvilliers und Chevreuse mit in Ungnade, der Beichtvater La Chaise 
zu vorsichtig, um sich F^nelons wegen zu kompromittieren, der gröfste 
Teil des französischen Klerus stand, wie Crousle selbst sagt, auf seite 
Bossuets, die Sorbonne sprach sich mit 60 Stimmen gegen die Maximes 
des Saints aus u. s. w. Über den in Rom geführten Prozefs gewinnen 
wir auch aus Crousles Darstellung den Eindruck, dafs Innocenz XII. zur 
Verurteilung der Maximes des Saints oder vielmehr der aus denselben ge- 
zogenen Sätze nur auf Drängen der französischen Regierung, der Agenten 
Bossuets und der Fenelon feindlichen Partei im Kardinalkollegium schritt, 
und zwar in schärferer Form, als er ursprünglich beabsichtigte. Fenelon 
konnte nicht mehr thun, als sich rein äufserlich zu unterwerfen, da nach 
seiner Ansicht die Auszüge aus den Maximes in einem Sinne verurteilt 
waren, der nicht der seinige war, da auch auf seine Explikationen keine 
Rücksicht genommen wurde. Ihm daraus einen Vorwurf zu machen, wie 
das sein neidischer Untergebener, der Bischof von St. Omer, that, ist 
ganz unrichtig. Crousle hätte die Intriguen dieses Herrn und anderer 
zu Bossuets Partei gehöriger Geistlichen nicht beschönigen sollen. Auch 
halten wir gegen Crousle daran fest, dafs Fenelon sich von der Kanzel 
herab dem Urteile des Papstes zwar äufserlich, aber unbedingt unterwarf, 
nicht in verhüllter Form, wie das sein Gegner Phelippeaux angiebt. In 
diesem Zusammenhange müssen wir auch gegen Crousles Manier, Kritik 
an abweichenden Parteiberichten zu üben, entschieden protestieren. Wenn 
Bossuet und Fenelon sich widersprechen, wie z. B. bei der Angabe über 
die Salbung F^nelons zum Erzbischof, die nach Bossuet auf Feuelons 
Bitten geschehen sein soll, während Fenelon Bossuet sich freiwillig an- 
bieten läfst, und anderen Dingen, sagt Crousle jedesmal, wenn Bossuet 
die Unwahrheit schriebe, so müfste man ihn für einen Lügner halten, 
darum glauben wir ihm, nicht Fenelon. Aber in den Kämpfen der kirch- 
lichen Widersacher hat der Grundsatz lauterster Wahrheitsliebe nie ge- 
golten, warum sollte nur Bossuet eine Ausnahme machen? Warum soll- 
ten seine Aussagen mit einem anderen kritischen Mafsstabe gemessen 
werden, als die Fenelous? 

Wir erhalten aus Crousles sehr fleifsigem und gut geordnetem Werke 
kein anderes Bild von dem Zwiste Bossuets und Feneions, als aus frü- 
heren Darstellungen und aus Feneions Schriften und Briefwechsel. Bossuet 
ist dadurch, dafs er Fenelon in die Sache der Guyon hineinzog und das 
Ketzergericht der drei Bischöfe über die Maxiines des Saints veranlafste, 
der Angreifer, Föneion verteidigt sich nur mit guten und schlechten 
Waffen. Auf seiner Seite stehen nur wenige, auf Bossuets sehr viele, 
denn dort stand auch Ludwig XIV. Die Bischöfe von Paris (Noailles) 
und Chartres sind, das geht auch aus Crousles Darlegung hervor, ab- 
hängig von dem geistig überlegenen Bossuet, und ihr Charakter nicht 
besser, als Föneion das annahm. In der Berufung an Rom und der un- 
bedingten Unterwerfung unter die Verdammung der Maximes hat Fenelon 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 223 

den Kechten des französischen Episkopats so wenig vergeben, wie Bossuet 
und Anhang, die gleichfalls sich Rom unterwarfen. Crousl^s Verdienst 
ist es, die idealisierenden Vorstellungen, welche das 18. Jahrhundert sich 
von F^nelons Humanität und Toleranz machte, erschüttert und eine sehr 
eingehende Darlegung der verwickelten Affaire du Quietisme gegeben zu 
haben. Aber, obgleich er mehrfach zugiebt, in die theologische Seite der- 
selben nicht eingedrungen zu sein, nimmt er das Recht des Aburteilens 
über F^nelons Auffassung der modernen Heiligen in Anspruch. Wie sein 
Vorläufer Douen will er zu viel beweisen. War F^nelon auch kein Philo- 
soph im Sinne der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, so ist er darum 
doch kein Ketzerrichter, verkappter Jesuit und blinder Ultramontaner, 
wozu ihn Douen und in mafsvollerer Weise auch Crousl^ macht. — 
Beide urteilen vom Standpunkte der modernen Anschauungen. Weil 
Fenelon der Sache der Ketzerbekehrung dient, so ist er nach Douen ein 
gewissenloser hinterhaltiger Agent des Ultramontanismus. Weil er die 
Unfehlbarkeit des Papstes und die römische Omnipotenz in kirchlichen 
Dingen williger anerkannt, als Bossuet, der Schöpfer der gallikanischeu 
Freiheiten, weil er mit den Jesuiten sich freundlicher zu stellen weifs, so 
scheint er Crousle ein Feind der kirchlichen Unabhängigkeit Frankreichs, 
ein Vorkämpfer des vatikanischen Konziles und des modernen Jesuitis- 
mus zu sein. 

Dresden. R. Mahren holtz. 

Schulbibliothek französischer und englischer Prosaschriften aus 
der neuen Zeit. Herausgeg. von L. Bahlsen und J. Henges- 
bach. Abteilung I: Französische Schriften. Berlin, Gaertners 
Verlagsbuchhandlung (Hermann Heyfelder), 1894. 

5. Bändchen: La Navigation Transatiantique et les Navires ä 
Vapeur par Maurice Demoulin. Im Auszuge mit Anmerkungen zum 
Schulgebrauch herausgegeben und mit einem alphabetischen Ver- 
zeichnis aller Fachausdrücke versehen von Dr. G. van Muyden. 

7. Bändchen : Lectures sur les Principales Inventions Industrielles 
et les Principales Industries par P. Maigne. Ausgewählt, für den 
Schulgebrauch herausgegeben und erklärt von Dr. Ew. Goerlich. 

9. Bändchen: Le Th^ätre Fran^ais sous Louis XIV par Eugene 
Despois. Im Auszug und für den Schulgebrauch herausgegeben und 
mit Anmerkungen versehen von Dr. Georg Erzgraeber. 

'Wir berücksichtigen die Realien und bringen neben Werken über 
Erd- und Völkerkunde formgewandte Darstellungen aus anderen 
wissenschaftlichen (besonders naturwissenschaftlichen) Ge- 
bieten, aus dem gewerblichen und Handelsleben, Schriften, aus 
denen das moderne französische und englische Kultur-, Geistes- 
und Verkehrsleben vielgestaltig in die Erscheinung tritt' u. s. w. So 
lautet die Ankündigung der Schulbibliothek, und 'wenn man's hört, 
möcht's leidlich scheinen'. Aber, wenn man sich das Ding auch nur ein 



224 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

bif sehen genauer ansieht, dann erkennt man in jenen hochtönenden 
Worten nicht viel mehr als schöne Phrasen. Wissenschaftliche Abhand- 
lungen in solchem Umfange können nimmermehr dem Sprachunterrichte 
dienen, denn sie langweilen den Schüler einfach tot. Ja, ursprünglich 
ist ein lebhaftes Interesse für Natur und Naturwissenschaft, für Erfin- 
dungen und Entdeckungsfahrten und ähnliches bei unseren Jungen gewifs 
vorhanden, und wir thun wohl, es zu pflegen; aber dieses Interesse ist 
nur bei einzelnen so stark, dafs es den Mühen und dem langsamen Gang 
der schulmäfsigen Übersetzung gegenüber standhält — und zudem fehlt 
hier in den meisten Fällen alle Anschauung. Ich weifs wohl noch, 
mit welcher Lust wir Einzelheiten des Schiffsbaus, der Takelung, des see- 
männischen Berufs überhaupt kennen lernten, aber nie ging diese Lust 
weiter als unser Vorstellungsvermögen, das zuletzt doch der Erfahrung 
durch das Bild nie entbehren konnte. Aber was sagen unsere Jungen 
zu einer vier Seiten langen Beschreibung der Schiffsschraube, wie sie 
sich im vorliegenden 5. Bändcheu der 'Schulbibliothek' findet? Gerade 
so übertrieben ausgedehnte Schilderungen bringen auch die anderen Num- 
mern. Und, wenn nun die Herausgeber meinen, dafs sie den Bedürf- 
nissen des täglichen Lebens dadurch dienten, dafs sie den Schüler 
'mit den geläufigsten Ausdrücken und Wendungen der gewöhnlichsten 
industriellen und gewerblichen Thätigkeiten bekannt' machen, so ist das 
nach meiner Meinung ein zweiter grofser Irrtum. Denkt man sich auch, 
dafs diese Bücher hauptsächlich den künftigen Technikern vorgelegt 
werden und für deren besonderes 'tägliches Leben' sorgen wollen, so wird 
es doch bei der Verschiedenartigkeit der Stoffe und der verwirrenden 
Menge der Einzelheiten unmöglich, ihnen durch planmäfsige und bestän- 
dige Wiederholung einen wohlgegründeten Schatz von Kenntnissen zu 
vermitteln, den sie später wirklich frei bewegen könnten. Eichten sich 
diese Bemerkungen vorwiegend gegen die Navigation Transatlantiqiie und 
die Inventions industrielles, so ist das 9. Bändchen, das Le Theätre fran- 
^ais sous Louis XIV behandelt, schon deswegen als verfehlt zu bezeich- 
nen, weil hier Verhältnisse geschildert werden, die nur der Kenner der 
damaligen dramatischen Litteratur verstehen kann. Wenn ein 
Knabe an diesen Schilderungen Gefallen fände, so thäte er mir leid, 
denn für ihn wäre das nur ein Gefallen an der Phrase und am Schein- 
wissen. 

Was soll ich nun noch über die Behandlung der betreffenden 
Stoffe sagen, wenn ich sie selbst für unzweckmäfsig ausgewählt erachte? 
Tüchtige Kenntnisse, Fleifs und Sorgfalt sind bei keinem der drei Bücher 
zu vermissen; Lust und Liebe zu dem immerhin eigenartigen Unterneh- 
men zeigt sich auf Schritt und Tritt; und eine weise Beschränkung in 
den Anmerkungen ist bei van Muyden (Nr. 5) erreicht, bei Goerlich (Nr. 7) 
und Erzgraeber wenigstens erstrebt. Aber gerade darum mufs ich es 
doppelt tief bedauern, dafs ich die Benutzung der Bändchen nicht empfeh- 
len kann. 

Berlin -Zehlendorf. Fr. Speyer. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 225 

Rime antiche italiane secondo la lezioDe del codice vaticano 3214 
e del codice casanatense d. v. 5 pubblicate per cura del 
dott. Mario Pelaez. Bologna, Romagnoli — DelF Acqua, 1895. 
Xm, 390 S. 8. (CoUezione di opere inedite o rare ecc.) 

Die vatikanische Handschrift 3214, welche aufser den hier abgedruck- 
ten 201 Gedichten diesen voranstehend einen mit dem Drucke Gualte- 
ruzzis fast gleichlautenden Text des Novellino enthält, hat Fulvio Orsini 
angehört, ist in dessen Besitz aus dem Nachlasse P. Bembos übergegan- 
gen und war für letzteren 1523 nach einer heute nicht mehr bekannten, 
wahrscheinlich damals in Bologna befindlichen Vorlage ausgeführt. Sie 
ist seit ihrem Übergänge an die vatikanische Bibliothek öfter benutzt und 
ist von Luigi Manzoni in der Riv. di ßl. rom. 1872 beschrieben, woselbst 
auch die früher nicht gedruckten Stücke aus ihr veröffentlicht sind und 
man zu jedem Gedichte angegeben findet, ob und wo es in der vatikani- 
schen Handschrift 8793 oder der chigianischen Lvm, 305 und in den 
wichtigsten neueren Drucken begegnet. Der jetzt gegebene Abdruck des 
gesamten lyrischen Teiles der Handschrift ist ein rein diplomatischer, der 
auch die späteren Randbemerkungen und Besserungen kennen lehrt. Ein 
alphabetisches Verzeichnis der als Verfasser genannten Dichter und ein 
eben solches der Gedichtanfänge mit'Verweisen auf die von Pelaez den 
einzelnen Stücken nach ihrer Reihenfolge gegebenen Nummern ist hinzu- 
gefügt. 

Auch die casanatensische ist eine Papierhandschrift des sechzehnten 
Jahrhunderts. Ihre 198 Stücke sind mit viel Sorgfalt, mit malerischem 
Schmuck und bereits mit allerlei Interpunktion und, wie es nach dem 
zu Anfang angebrachten Wappen scheint, für einen Medici aus unbe- 
kannter Vorlage eingetragen. Die Handschrift ist in unserem Jahrhun- 
dert wiederholt benutzt und enthält aufser zwei Sonetten kaum mehr 
etwas, das nicht irgend einmal bereits ans Licht gezogen wäre. Der Her- 
ausgeber begnügt sich auch hier mit dem diplomatischen Verfahren. Zwei 
Indices gleicher Art wie die oben erwähnten schliefsen sich dem Texte an. 

Berlin. Adolf Tob 1er. 



Programmschau. 

Das Deutsche im altsprachlichen Unterricht. Von Prof. Dr. Becker. 
Programm des Gymnasiums zu Neu-Strelitz 1894. 28 S. 4. 

Wie in verschiedenen Aufsätzen in den Lehrproben bespricht hier der 
Verfasser die Frage, wie das Übersetzen ins Deutsche zu behandeln sei, 
um die Gefahr, dafs durch undeutsche Wendungen das Gefühl für deut- 
schen Stil verdorben werde, zu vermeiden ; hier namentlich, wie die deutsche 
Sprache auch für die sprachliche Seite des altklassischen Unterrichts be- 
nutzt werden kann ; so werde das Deutsche noch mehr als bisher in den 
Mittelpunkt des gesamten Unterrichts gerückt. Denn in der That oft sei, 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. 15 



226 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

damit der Schüler den fremden Ausdruck verstehe, das Wort der deut- 
schen Übersetzung zu klären. Der Verfasser kommt dann auf verschie- 
dene Ausdrucksweisen im Lateinischen und Griechischen, die in syntak- 
tischer Beziehung uns zum ßewufstsein kommen, wenn wir die Über- 
setzungen, wie sie uns unsere grammatischen Lehrbücher geben, ohne 
weitere Untersuchung nachsprechen; diese unverständlichen Ausnahmen 
werden uns aber durch genauere Untersuchung als der passendste Aus- 
druck erscheinen, durch die Nachbildung im Deutschen wird die fremd- 
sprachliche Erscheinung dem Gefühle und dem Verstände nahe gebracht. 
Die Art, wie öfters in den fremdsprachlichen Grammatiken die deutsche 
Sprache behandelt wird, kann und mufs den Schüler' zu einem gedanken- 
losen Gebrauch der Muttersprache verleiten; diese Gefahr zu vermeiden, 
mufs die deutsche Ausdrucks weise bis ins Einzelnste der Wortbedeutun- 
gen untersucht werden. So will also der Verfasser auch im altsprach- 
lichen Unterricht das Deutsche eine gröfsere Rolle spielen lassen, als ihm 
bisher zu teil geworden. 

Lehrplan für den deutschen Unterricht. Von Direktor Dr. Franz 
Koch. Programm des Progymnasiums zu St. Wendel 1894. 
20 S. 4. 

Die Abhandlung beschäftigt sich gröfstenteils mit den Übungen im 
mündlichen Ausdruck, behandelt diese sehr sorgfältig, auch überall eine 
reiche Litteratur pädagogischer Werke anführend, die der Lehrer zur 
Vergleichung heranziehen kann, führt eine Menge von Thematen auf, die 
zu mündlichen Vorträgen passend sind, aus Schillers Teil, dem Lied von 
der Glocke, Hermann und Dorothea u. s. w., und knüpft daran Bemer- 
kungen über die Anfänge im schriftlichen Gebrauche der Sprache. Der 
angehende Lehrer wird die Abhandlung mit Nutzen lesen können. 

Deutsche Aufsätze in Unter-Sekunda. Von Dir. Dr. H. &etsch- 
mann. Programm des Gymnasiums zu Danzig 1894. 25 S. 4. 

Aus dem unzweifelhaft richtigen Gedanken, dafs es besonders förder- 
lich für die Schüler sei, wenn durch eigene Bearbeitung der Lehrer zeige, 
wie die Arbeit anzulegen und auszuführen sei, sind auch diese Aufsätze 
entstanden; mögen sie von jedem Sekundalehrer wohl beachtet werden. 
Es darf der Lehrer keine Arbeit scheuen; die Meinung des Verfassers, 
dafs das heute selbstverständlich sei, als unerläfslich gelte, kann selbst 
nicht einmal auf allgemeine Anerkennung Anspruch machen; kommt es 
ja noch vor, dafs der Lehrer seinen Schülern die Aufgabe zum deutschen 
Aufsatz aus dem Stegreif stellt, ohne darüber nachgedacht zu haben, wie 
er sie sich selbst disponieren würde. Die hier vorgelegten und ausge- 
führten Themata schliefsen sich gröfstenteils an die Lektüre, griechische, 
lateinische, französische. Ihrer Zweckmäfsigkeit wegen seien sie hier ge- 
nannt: 1) Cyrus der Jüngere. 2) Warum gelang den Römern die Unter- 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 227 

werfung Galliens in so kurzer Zeit? 3) Warum feiern wir den 2. Sep- 
tember? (Rechtfertigung nach der Festrede). 4) Vom goldenen Zeitalter. 
5) Das Hirtenleben, wie es in der Phantasie des Dichters erscheint, wie 
es in dem frühesten Altertum war, wie es in der Neuzeit ist. 6) Frank- 
reich das Taradies der Länder' (Jungfrau von Orleans, Prolog). 7) Pom- 
peji (Schiller). 8) Das Seeräuberunwesen im Mittelmeer 70 v. Chr. 
0) Welche Erwägungen bestimmten Napoleon zum Zuge nach Ägypten? 
10) Polyphems Gebet eine Voraussage von Odysseus' Schicksal. 11) Über 
die Berechtigung der homerischen Beiwörter aU atoi'ysrog und itörros 
ansiQiToe. IIb) Betrachtung über einige homerische Beiwörter (Od. 10 f.). 
12) Wodurch erhielt sich den Hellenen bei aller Zersplitterung das Be- 
wufstsein ihrer Einheit? — Nur bei Nr. 6 erhebt sich bei einem Punkte 
ein schweres Bedenken, da es von Frankreich heifst: 'Der unglückliche 
Zwist religiöser Bekenntnisse, der Deutschland zerrüttete und noch spaltet, 
ist längst überwunden'; hier ist mit keinem Worte des Segens der deut- 
schen Reformation gedacht, noch der entsetzlichen Erzwingung der kon- 
fessionellen Einheit in Frankreich, noch des unseligen Einflusses der Unter- 
drückung des Evangeliums in religiöser und sittlicher Beziehung. 

Das Verhältnis Walthers von der Vogelweide zu Kaiser Fried- 
rich II. Von Prof. Richard Fischer. Programm des Gym- 
nasimns zu Hamm 1894. 36 S. 4. 

Über die chronologische Bestimmung mehrerer Sprüche der früheren 
Zeit weicht der Verfasser bald von Simrock, bald von Wilmauns ab. Erst 
als Otto IV. Walther trotz seines treuen Aushaltens an den Rechten des 
Reiches schnöde behandelte, ging er zu Friedrich II. über, noch vor der 
Schlacht von Bouvines 1214, wie der Verfasser annimmt, und erhielt 
dann sein Lehen wohl bald nach der Schlacht und wahrscheinlich in 
Würzburg; er betrachtet es aber nur als Zufluchtsort für den Fall der 
Not. Schon 1217 ist er wieder am österreichischen Hofe; 1219 begrüfste 
er den von dem erfolglosen Kreuzzuge heimkehrenden Leopold. Der von 
Friedrich IL versprochene Kreuzzug verzögerte sich; auf dem von ihm 
1220 berufenen Reichstag zu Frankfurt erschien auch Herzog Leopold 
und wahrscheinlich auch Walther. Friedrich setzte die Königs wähl seines 
Sohnes Heinrich durch und zog dann nach Italien zur Kaiserkrönung. 
Heinrich blieb zurück unter der Vormundschaft des Erzbischofs Engel- 
bert, des Reichs Verwesers. Der Verfasser stimmt der Vermutung zu, dafs 
Walther von Friedrich zum unmittelbaren Lehrmeister, also Miterzieher 
des Knaben bestellt sei (Spruch 101, 23, gegen Wilmanns gedeutet), also 
Mitarbeiter Engelberts wurde. Auf die Zeit des Erzieheramtes bezieht 
der Verfasser mehrere Sprüche des Dichters mit freilich nicht sicheren, 
aber wahrscheinlichen Erklärungen. Schon vor dem Würzburger Reichs- 
tage 1229 läfst er den Dichter, der wenig Freude aus seinem Erzieher- 
amte gewonnen hatte, nicht mehr dem Hofe angehören. Nach Engelberts 
Ermordung 1225 lebte Walther still auf seinem Lehen, sich vom Hofe 

15* 



228 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Heinrichs fern haltend. Als der Kaiser sich ernstlich zum Kreuzzuge 
rüstete, war in Deutschland Walther für ihn thätig und suchte auf den 
Landgrafen Ludwig von Thüringen einzuwirken. Bei dem wachsenden 
Gegensatz zwischen der kaiserlichen und weltlichen Macht bleibt der 
Dichter dem Kaiser treu; seine Lieder aber haben von jetzt an nicht 
mehr den altkräftigen, sondern einen elegischen Klang; bei dem viel- 
besprochenen alten Klausner verwirft der Verfasser jede Vermutung einer 
bestimmten geschichtlichen Persönlichkeit. Er hält fest an der Teilnahme 
Walthers an dem Kreuzzuge und an der Annahme, dafs er mit Friedrich 
nach Jerusalem gekommen sei. Die Reihenfolge der nach dem Tode 
Engelberts bis dahin verfafsten Gedichte ist nach ihm folgende: 85, 9; 
85, 17; 10, 33; 10, 25; 10, 17; 78, 24; 13, 5; 124, 1 bis 125, 10; 76, 22; 
14, 38; 10, 9. — Im Gefolge des Kaisers, nimmt weiter der Verfasser an, 
kehrte der Dichter aus Palästina zurück und ging wohl weiter nach 
Deutschland. Aus dem Jahre 1230 lassen sich die letzten Lebenszeichen 
Walthers nachweisen ; in diese letzte Zeit setzt der Verfasser (und sieht 
in ihnen Beziehungen auf die deutschen Verhältnisse, sich an Rieger an- 
schliefsend) die Sprüche 83, 14; 83, 27; 102, 15; 85, 25. — Für die Zeit- 
bestimmung und Einzelerklärung zahlreicher Gedichte ist die Abhand- 
lung, die auf fast alle Arbeiten ähnlicher Art über Walther mit Aus- 
nahme von Schulprogrammen Bezug nimmt, nicht zu übersehen. 

Der Spruchdichter Boppe. Versuch einer kritischen Ausgabe 
seiner Dichtungen. Programm der Eealschule zu Sonders- 
hausen 1894. 31 S. 4. 

So geringen künstlerischen Wert auch Boppes Gedichte haben, ist er 
doch mit Vorliebe gehört und nachgeahmt. Dieser Gedanke ist für den 
Verfasser Veranlassung seiner Arbeit geworden. Da Boppe nachweislich 
in den Jahren 1275 bis 1287 lebte, ist er nicht identisch mit dem vor 
1270 gestorbenen sog. starken Boppe. Nach Ausscheidung einiger un- 
echten Sprüche und kurzen Bemerkungen über die Metrik giebt der Ver- 
fasser nach den besten Handschriften eine Probe einer Ausgabe der Dich- 
tungen. 

Über Sebastian Francks Sprichwörtersammlung vom Jahre 1541. 
Programm des Gymnasiums zu Hildburghausen 1894. 42 S. 4. 

Eine Untersuchung über die Quellen der Franckschen Sprichwörter- 
sammlung vom Jahre 1541. Der Verfasser hat sämtliche Sprichwörter 
Seb. Francks ausgeschrieben; hier kam es ihm darauf an, die Benutzung 
der Sprichwörtersammlungen von Eberhard Tappius und Antonius Tun- 
nicius nachzuweisen. Des Tappius Geburtsort ist die Stadt Lünen in 
Westfalen, nicht Lüne bei Lüneburg (Goedeke); er lebte in Köln oder 
unweit Köln. Von seiner lateinischen 1539 gedruckten Sammlung giebt 
der Verfasser eine genaue Beschreibung und stellt neben die 527 Sprich- 



BeurteiluDgen und kurze Anzeigen. 229 

Wörter Francks entsprechende von Tannins, führt dann die von Franck 
nicht aufgenommenen Sprichwörter desselben auf, eine ziemliche Anzahl. 
Danach bespricht er die erste Sammlung deutscher Sprichwörter, nämlich 
die von Antonius Tunnicius, die in erster Ausgabe 1514 erschienen, wo- 
nach Franck sie in 161 Fällen sicher, in 30 wahrscheinlich benutzte. Dies 
das Resultat der ausführlichen Abhandlung. 

Lessings Abhandlung 'Wie die Alten den Tod gebildet^ analy- 
siert und erweitert. Ein Beitrag zum deutsehen Unterricht 
im Obergymnasium. Von Prof. Alfred von Senden. Pro- 
gramm des Friedrich- Wilhelms-Gymnasiums zu Posen 1894. 
28 S. 4. 

Das Programm ist für die Schüler bestimmt. Es will dem Primaner 
zu einer tieferen Auffassung des Gedankens der Arbeit Lessings verhelfen; 
es giebt zuerst eine kurze Übersicht über den Klotzschen Streit und dar- 
auf eine ausführliche gejiaue Disposition der Abhandlung, wodurch der 
beabsichtigte Zweck vollkommen erreicht wird. Daran schliefsen sich 
Herders Bemerkungen, die, von Herder in zwölf Briefen vorgetragen, hier 
in systematischer Ordnung genau wiedergegeben sind; der Verfasser weist 
selbst hier und da darauf hin, wie wenig glücklich Herders Polemik war, 
doch bleibt sie für den Schüler fesselnd. Die Klage Herders, es sei von 
den Darstellungen des Todes bei den Griechen fast nichts übrig geblie- 
ben, ist nach den glücklichen Funden der letzten Zeit nicht mehr berech- 
tigt ; diese schliefsen sich meist an die Erzählung vom Tode des Sarpedon 
im 16. Buche der Ilias an, als Darstellung der Überführung seiner Leiche 
durch die Zwillingsbrüder Schlaf und Tod in die lykische Heimat; die 
Bilder zeigen, dafs in den Vorstellungen des Altertums immer mehr die 
furchtbare Seite des Todes zurücktritt. Endlich beantwortet der Verfasser 
kurz die dem Schüler naheliegende Frage nach der Vorstellung der Alten 
vom Leben nach dem Tode; es erscheint als ein Leben der Ruhe, teils 
als Ende aller Mühen und Sorgen, teils als Fortdauer des Genusses der 
sinnlichen Freuden. 

Dramaturgische Propädeutik im Anschlüsse an Lessings Ham- 
burgische Dramaturgie für den Unterricht der Gymnasial- 
Prima bearbeitet. 1. Teil. Von Prof. Dr. Georg Schilling. 
Programm des Pädagogiums zu ZüUichau 1894. 42 S. 4. 

Die höchst sorgfältige Abhandlung ist nicht blofs für die Schule von 
grofser Bedeutung; sie bietet alles, was man in den Kommentaren ver- 
gebens sucht, eine Anleitung zur Auswahl der für den Unterricht pas- 
senden Stücke und zu ihrer schulmäfsigen Behandlung; durch die ein- 
gehende Besprechung der hier erläuterten dramatischen Grundsätze kommt 
der Schüler zur richtigen Würdigung anderer dramatischen Gedichte. 
Ausgewählt ist St. 10, 11, Anfang von 12: Voltaires Semiramis, Berech- 



230 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

tigung des dramatischen Dichters, Geister der Verstorbenen auf die Bühne 
zu bringen; St. 15 u. 16: Zaire; St. 20—32: Corneilles Rodogune, Ver- 
gleichung der Exposition im Julius Cäsar, Maria Stuart, Aias; Aufbau 
der Tragödie, Vergleichung der Rodogune und der Maria Stuart; St. 36 
bis 50, mit vielen Kürzungen, Besprechung der Forderung der drei Ein- 
heiten. — Der Verfasser giebt darauf eine Übersicht des Inhaltes der 
dramaturgischen Propädeutik, d. h. nicht nur des ersten Teiles, der hier 
vorliegt, sondern auch des noch ausstehenden zweiten, bei dem auch die 
verschiedenen Deutungen der Aristotelischen Katharsis zur Sprache kom- 
men müssen. — Nun folgt die ausführliche Besprechung, und zwar nament- 
lich in der Einleitung von Lessings früheren dramaturgischen Arbeiten, 
so den Litteraturbriefen, für das Verständnis der folgenden Kämpfe Auf- 
klärung über die dramatische Theorie und Praxis der Franzosen und ihrer 
Anhänger, deshalb Bekanntschaft mit den ersten Definitionen der Ari- 
stotelischen Poetik, der Begriffe des onovSalov und cpnvlov, des Erhabenen 
und Kleinlichen, des Erhabenen im modernen Drama, wonach der tra- 
gische Held kein guter Mensch im gewöhnlichen Sinne des Wortes zu 
sein braucht, aber ein ganzer Mann sein mufs von unbedingter Hingabe 
an das einmal gewählte Ziel; danach wird die Erhabenheit auch in Be- 
zug auf die Mittel bestimmt, sowie umgekehrt die Kleinlichkeit in der 
Komödie. Nach weiterer Besprechung der Aristotelischen Begriffe in der 
Poetik der tzqu^ls xslsia und noa^is fisysß'og s'xovaa gewinnt der Verfasser 
bis jetzt die Definition: die Tragödie ein Drama mit erhabener einheit- 
licher und mäfsig grofser Handlung. 

Danach gehen wir nun zur Hamburgischen Dramaturgie selbst über. 
Die Besprechung von Voltaires Semiramis führt auf die drei Punkte, auf 
die die französische Tragödie den ersten Wert legte, und durch die sie 
sich ihren Vorrang erobert hatte: 1) die geschicktere Exposition; 2) die 
Kunst die Auftritte so untereinander zu verbinden, dafs die Bühne nie- 
mals leer bleibt; 3) die witzigen Antithesen und die Menge erhabener und 
blendender Gedanken. Lessing weist nun nach, wie diese Punkte teils 
unwesentlich seien, teils von der Erkenntnis des eigentlichen Wesens des 
Dramas abführen. Voltaires Semiramis führt aber auch auf die Unter- 
suchung der Berechtigung des dramatischen Dichters, eine übernatürliche 
Erscheinung auf die Bühne zu bringen. Hier zeigt nun Lessing die Vor- 
trefflichkeit der Kunst Shaksperes im Hamlet, im Macbeth, im Julius 
Cäsar, die ganze Lächerlichkeit des Verfahrens Voltaires. Durch die Er- 
weiterung der Frage nach dem Wesen der dramatischen Illusion über- 
haupt wird die Berechtigung der Geistervorführung tiefer begründet dahin, 
dafs der Strom der Handlung uns so fortreifst, dafs wir alles, was für 
sie förderlich ist, nur von diesem Gesichtspunkte der Förderung der Hand- 
lung aus betrachten; wir glauben die Geister Shakesperes und wir sehen 
sie, wir sehen sie und wir glauben an sie. — Im 15. und 16. Stück kom- 
men wir zu Voltaires Zaire, in der Shaksperes Othello Zug für Zug nach- 
geahmt ist; die bis ins einzelne gehende Zergliederung zeigt den schärf- 
sten Gegensatz zwischen Natur und Manier, und selbst das, worauf Vol- 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 231 

taire hier besonders Gewicht legt, die Sprache mit ihren glänzenden und 
erhabenen Gedanken, bringt nur triviale Sätze; mit Recht sagt der Ver- 
fasser: 'An Gedanken voll tiefer Weisheit oder auch nur feiner Beobach- 
tung, an wirklichen Sentenzen, die Neues bieten, enthalten sämtliche 
Tragödien von Corneille, Racine und Voltaire zusammen weit weniger als 
der eine Goethesche Tasso. Nicht erhabene und glänzende Gedanken 
sind der Sprache der Tragödie in erster Linie eigentümlich, aber innere 
Leidenschaft und Gröfse, wie sie fast jede Scene einer Shakspereschen 
Tragödie atmet, und wie wir sie bei Schiller wiederfinden.' — Im Anhang 
der trefflichen Arbeit teilt der Verfasser mehr als zwanzig Themata zu 
Vorträgen und Aufsätzen in Anlehnung an diese Besprechungen mit, die 
in der Unterprima behandelt sind. 

Nochmals die 'Geschichte in Sessenheim\ Von Prof. Lic. Adolf 
Metz. Programm der Gelehrtenschiüe des Johanneums in 
Hamburg 1894. 32 S. 4. 

Nach diesem Programm erschien von A. G. Müller: Urkundliche For- 
schungen zu Goethes Sesenheimer Idylle und Friedrikens Jugendgeschichte. 
Auf Grund des Sesenheimer Gemeinde-Archivs, Mit Porträt und Bei- 
lagen. Bühl 1894. Hier heifst also der Ort Sesenheim, und das ist jetzt 
der officielle Name, wie auch Goethe in W. und D., während er in Briefen 
Sessenheim schreibt; es ist doch noch zweifelhaft, ob darum die Schrei- 
bung Sessenheim als richtig bezeichnet werden darf. Die beiden neuesten 
Arbeiten sind also unabhängig voneinander erschienen und berühren sich 
auch nicht weiter. Die vorliegende treffliche Abhandlung geht von dem 
Geständnis Goethes aus, dafs in der Darstellung in W. und D. kein Strich 
der Sesenheimer Geschichte enthalten sei, der nicht richtig sei, aber kein 
Strich so, wie er erlebt worden. Aus wirklicher Geschichte hat Goethe 
also einen Roman gemacht; es gilt demnach aus seiner Darstellung den 
wirklichen Gang herauszufinden. Dies geschieht an der Hand der Briefe 
und der Gedichte; in deren Erläuterung und chronologischen Bestimmung 
bietet die vorliegende Abhandlung viel Wertvolles. Der geschichtliche 
Stoff ist innerlich belebt durch zwei fremde Motive, durch die Parallele 
zwischen der Sesenheimer Pfarrerfamilie und der Familie Primrose in 
dem Herbst 1770 Goethe bekannt gewordenen Vicar of Wakefield und 
durch das Hereinragen des Fluches der Strafsburger Tanzmeistertochter. 
Aufserlich ist in W. und D. alle chronologische Bestimmung so sehr 
aufser acht gelassen, dafs das ganze Sesenheimer Drama danach im Früh- 
jahr und Sommer 1771 sich abgespielt haben müfste. Nun aber fällt 
Goethes erster Besuch 13. und 14. Oktober 1770, seine Promotion 6. August 
1771; das also sind die Endpunkte. In die zweite Hälfte des Oktober 
1770 setzt der Verfasser (gegen Düntzer) das Gedicht 'Ein grauer trüber 
Morgen', in den Winter 1770 'Ich komme bald, ihr goldnen Kinder' und 
'Nun sitzt der Ritter an dem Ort'. — Dann folgt 'Mir schlug das Herz, 
geschwind zu Pferde' u. s. w. Ende Februar oder Anfang März 1771 



232 Beurteilimgen und kurze Anzeigen. 

von da an galt Goethe als Friedrikens Verlobter (irrig Goedeke, Archiv 
für Litteraturgeschichte VI, 223). Daran schliefst sich im Frühjahr 1771 
das Gedicht 'Jetzt fühlt der Engel, was ich fühle'. Ins Frühjahr 1771 
fällt ferner 'Kleine Blumen, kleine Blätter' (Goedeke auch hier irrig). 
Daran schliefst sich das Lied 'Bald seh ich Eiekchen wieder'. In dem 
Mai vor Pfingsten ist in Sesenheim gedichtet das Lied 'Wie herrlich leuchtet 
mir die Natur' (Goedeke irrig). Auf diese ganze Liebeszeit von Ende 
Februar bis Anfang Mai beziehen sich die fünf Briefe von Salzmann, 
welche der Verfasser so ordnet: 5, 3, 4, 1, 2, wahrscheinlich 17., 22., 
29. Mai, 12., 19. Juni; der Besuch in Sesenheim dauerte fünf Wochen. 
Die Zeit der Ernüchterung Goethes hat begonnen. Was aber die Erzäh- 
lung von dem Besuche Strafsburgs durch die Frau Brion und ihre zwei 
älteren Töchter betrifft, so kommt der Verfasser zu dem Ergebnis, dafs 
die ganze Besuchsgeschichte vom Dichter frei erfunden ist, also gar nicht 
stattgefunden hat. Ohne Erklärung reiste Goethe ab; erst von Frankfurt 
aus nahm er Abschied. Als letztes Lied der Friedrike-Zeit sieht der 
Verfasser das Lied an : 'Ach, wie sehn ich mich nach dir, kleiner Engel' 
u. s. w., welches seine Eeue über sein bisheriges Verhalten ausdrückt. 
Die Lösung aber wurde herbeigeführt durch Goethes Erkenntnis von der 
Gefährlichkeit überhaupt frühzeitiger Neigungen, von der Unvereinbarkeit 
enger Verhältnisse, in die er eingetreten sein würde, mit dem in ilim 
immer stärker wachsenden Drange ins Weite und Universelle, der ihn 
denn auch bewog, rasch sich von allen Frankfurter Verbindungen loszu- 
reifsen. Schuldig ist Goethe dadurch geworden, nicht dafs er Friedrike 
verliefs, sondern dafs er sich zu tief in diese Liebe einliefs, und doch ist 
gerade dadurch der dichterische Genius zu seiner Entfaltung gekommen. 

Der historische Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand 
und Goethes Schauspiel über ihn. Von Prof. Dr. Reinhold 
Pallmann. Programm der Luisenstädtischen Realschule zu 
Berlin 1894. 44 S. 4. 

Die streng geschichtliche Darstellung, ein Bild der damaligen Zu- 
stände in Süd Westdeutschland bietend, beweist das ungesetzliche Verfahren 
des schwäbischen Bundes und stellt die sog. Raubritter in ein ganz an- 
deres Licht, als die landläufige Meinung ihnen giebt. Die Fehden des 
Götz von Berlichingen der früheren Zeit ergeben sich als wohlberechtigt, 
die späteren ebenfalls als nicht verdam mens wert und mindestens entschuld- 
bar. Seiner Selbstbiographie ist der Charakter der Wahrheit beizulegen; 
zum Beweise geht sie der Verfasser von Anfang bis zu Ende durch. Wo 
Goethe von der Geschichte abgewichen ist, wissen wir; das religiöse Ele- 
ment in ihr hat er nicht erwähnt, der historische Götz ist nicht nur ein 
Märtyrer seiner Freiheitsliebe, sondern auch seines protestantischen Glau- 
bens geworden. Der Drang nach Freiheit, welcher den Götz von Berli- 
chingen bis in sein Greisenalter beseelt hat, war berechtigt, Goethe hat 
in seiner Vorführung kein Phantasiebild hingestellt. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 233 

Zur Geschichte der deutschen Idyllendichtung. Von Dr. Gustav 
Eskuche. Programm des Realgymnasiums zu Siegen 1894. 

27 S. 8. 

Aus den Dichtungen dieser Gattung bringt die Abhandlung nur eine 
kürzere Vergleichung von Vofs' Luise und Goethes Hermann und Doro- 
thea, und zwar hauptsächlich der bei beiden vorkommenden Personen 
untereinander, nicht der Ortlichkeiten und, was sich sonst vergleichen 
läfst; sie genügt ihrem Zweck, einen weiteren Leserkreis, besonders die 
Jugend, anzuregen. 

Die Heilung des Orest in Goethes Iphigenie auf Tauris. Von 
Prof. Dr. Primer. Programm des Kaiser-Friedrich-Gymna- 
siuma in Frankfurt a. M. 1894. 20 S. 4. 

Der Verfasser gehört ebenfalls zu denjenigen, die der bekannten Auf- 
fassung F. Kerns nicht zustimmen. Einen wesentlichen Anteil an Orests 
Heilung, findet der Verfasser, hat Pylades. Pylades erinnert Orest an 
die Wahrhaftigkeit des Gottes, der ihre Rettung zugesagt, an die Milde 
der Priesterin; Iphigeniens Nähe wirkt wunderbar stärkend auf ihn. In 
seiner tiefen Reue zeigt sich die erste Spur seiner Heilung. Dann kommt 
die tiefe Erregung, die ihn in den Traum der Unterwelt führt; auch hier 
findet er im Traume die Liebe wieder, die er soeben von Iphigenie er- 
fahren hat. Als er erwacht, die Schwester und den Freund vor sich 
sieht, ist er geheilt. So sieht der Verfasser den ganzen Heilungsprozess 
psychologisch wohl motiviert an. Der Verfasser geht dann daran, die 
Einwürfe Kerns der Reihe nach zu widerlegen ; er hebt namentlich her- 
vor, daß Orests That von allen unreinen Beweggründen frei war, und 
dafs sie aus dem Befehle des Gottes hervorging, dafs seine Heilung nicht 
blofse Gnaden Wirkung einer Gottheit ohne eigene thatkräftige Sühneleistung 
des Frevlers, also kein Wunder ist. 

Goethes Faust als weltliche Bibel betrachtet. Von Dr. H. Lahnor. 
Programm des Gymnasiums zu Wolfenbüttel 1894. 85 S. 4. 

Eine weltliche Bibel nennt der Verfasser den Faust; eine Bibel im 
christlichen Sinne ist er nicht, denn er steht den tiefsten Gedanken des 
geoffenbarten Christentums gegenüber; aber, wie die Bibel über Gott und 
göttliche Dinge belehrt, so ist der Faust eine Offenbarung über alle Ver- 
hältnisse des Menschenlebens und eine Fundgrube der Lebensweisheit; er 
darf als eine weltliche Bibel betrachtet werden, er beruht auf einem 
reichen, echt volkstümlichen Stoff und ist die gewaltigste Geistesäufserung 
der Zeit, welche der geistigen Wiedergeburt unseres Volkes vorausging. 
Er behandelt den rein menschlichen und ergreifenden Gedanken von des 
Menschen Sünde und Läuterung. Er ist der treueste Lebensspiegel des 
gröfsten Dichters. Eine Fülle von Gestalten, eine Fülle der treuesten 
Bilder aus allen Verhältnissen des Lebens wird vorgeführt. Besonders ist 



234 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

das Gedicht dem Volke näher gebracht durch die Annäherung an die 
Sprache der Bibel und den volkstümlichen Sprachschatz, worüber zahl- 
reiche Beispiele beigebracht werden. 

Von Goethes Sprache und Stil im Alter. Von Dr. Paul Knauth. 
Programm des Gymnasiums zu Freiberg 1894. 37 S. 4. 

Fast alle Litterarhistoriker sind dem harten Urteile des jugendlichen 
Fr. Theod. Vischer über den Altersstil Goethes gefolgt, dafs dieser in 
seinen Eigenheiten von der geschwundenen Dichterkraft zeuge und durch 
die Altersschwäche zu erklären sei. Und, wenn derselbe Vischer im Alter 
ganz anders urteilt und in Goethes späteren Dichtungen die Natur des 
Dichters fand in alter Kraft, aber milde und sanft, so ist ihm die Mehr- 
zahl der Tadler nicht gefolgt. Aber es ist das letzte Urteil Vischers 
richtig; Goethe hat sich neue Wege geschaffen, aber iu seinen späteren 
Schöpfungen zeigt sich ebenfalls Einheit des Stils in allen Gattungen, 
in Poesie und Prosa. Wie ist diese Wandlung zu erklären, und wie zeigt 
sich dieser neue Stil? Diese Frage beantwortet die vorliegende Abhand- 
lung, bei weitem über die früheren Arbeiten über dies Gebiet hervor- 
ragend, von dem ausgebreitetsten und sorgfältigsten Studium zeugend, 
von hoher Wichtigkeit selbst für die Einzelkritik der Schriften Goethes. 
Wer etwas noch vermifst, könnte höchstens sagen, es hätte aus der Prosa 
noch die Sprache in den Briefen mehr berücksichtigt werden können. Es 
mag hier nur der Gang der Untersuchung angedeutet werden. 

Auf den alternden Goethe wirkten die neuen Erscheinungen in Welt 
und Litteratur mächtig ein, das Erwachen des historischen Sinnes, er be- 
gann sich selbst als eine historische Erscheinung zu betrachten, die ver- 
gleichende Sprachwissenschaft, nach deren Resultaten sich ihm neue Ana- 
logien auch für die Sprachgebilde ergaben, die Stellung der deutschen 
Sprache und Litteratur in der Weltlitteratur, das vertiefte Studium des 
Griechischen, die neue Bekanntschaft mit dem Orient. Dazu kam die im 
Alter gesteigerte Reflexion und das gesteigerte Naturgefühl. So haben 
nun einen anderen Charakter die Gleichnisse der späteren Zeit; mehr als 
in der früheren Zeit zeigt sich in ihnen eine höhere Einheit, mehr in 
einem Zuge sind die Werke der späteren Periode niedergeschrieben. Der 
neue Stil zeigt sich zuerst in den Liedern des Jahres 1814. 

Von den Erscheinungsformen des neuen Stils betrachtet der Verfasser, 
überall eine Fülle von Beispielen beibringend, in Kap. 2 die Wortform: 
Altertümliches, Mundartliches (Thüringisch, Frankfurtisch, z. B. beschwätzen 
■= besprechen), ungewöhnliche Apokope, ungewöhnliche Abkürzung bei 
der Zusammenziehung. — 3) Wortbildung in Substantiven (Allspielende, 
Allbuntbesternte, AUherzerweiternde — Jünglingsknaben — Mifsblickende, 
Mifsredende), in Adjektiven (treusam, zweighaft), iu Adverbien, in Verben 
(bedünkeln, entmanteln, begüten, begeisten; in Zusammensetzungen, wie: 
uns auszudauern). — 4) Auflösung der Composita, Hendiadyoiu, Gemi- 
nation, immer mit der Absicht zu charakterisieren oder den Ausdruck zu 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 235 

veredeln. — 5) Kürze des Ausdrucks: Hinwerfen der Begriffe, Unterlassung 
jeder ausführlichen Beschreibung, in der Naturschilderung (z. B. weifs 
wie Lilien, reine Kerzen, Sternen gleich, bescheidner Beugung leuchtet 
aus dem Mittelherzen rot gesäumt die Glut der Neigung — Spiegel hüben, 
Spiegel drüben, Doppelstellung auserlesen), in der Charakterschilderung 
(z. B. Jungfrau, rein im schönsten Sinn, Mutter, Ehren würdig, uns er- 
wählte Königin, Göttern ebenbürtig); der ungewöhnliche neue Ausdruck ist 
oft plastischer, konkreter, sinnlicher. — Ferner Anakoluthien (so Faust II.: 
Euphorion, welche dies Land gebar aus Gefahr in Gefahr, frei, unbe- 
gränzten Muts, verschwendrisch eignen Bluts, dem nicht zu dämpfenden 
heiligen Sinn, alle den Kämpfenden bring' es Gewinn). — Auslassung von 
Fürwörtern (z. B. der persönlichen : Viele Frauen hast und Kuh im Haus. 

— Und so lang es schneit hier oben, beugen wir den Türken nicht, 
sc. uns). — Auch Auslassung der demonstrativen und relativen Fürwörter. 

— Ferner des Artikels, besonders zur Verallgemeinerung (z. B. von jeher 
hat gewonnen Künstler kunstreich seine Macht) und als Personifikation 
(z. B. Ohr ist eins mit deiner Brust). — Auslassung von Verben, sowie 
von Konjunktionen. — Auslassung von Vorsilben und Vorwörtern, also 
Simplicia für Composita, so selbst Entstehung ganz neuer Wörter (z. B. 
Borner statt Geborner). — Vermeidung der Hilfszeitwörter. — Prägnanter 
Gebrauch der Adverbien (z. B. dann sei bestimmt [sc. durch Rechtsbestim- 
mungen] vergönnt zu üben ungestört, was von Gerechtsamen euch Landes- 
herrn gehört). — 6) Freier Gebrauch des Genitivs und Dativs (z. B. werfen 
sich anmutiger Gebärde — sie zu befeuern kühnster That). Hiermit 
schliefst die an beweisenden Beispielen überreiche Abhandlung; die noch 
fehlenden Kapitel: Freiheiten im Gebrauche der Adjektive besonders in 
der Komparation, Gebrauch des Verbalsubstantivs, Wortstellung, sind in 
der im Buchhandel erschienenen Dissertation des Verfassers hinzugefügt. 

Der GedankenzusammenhaDg in Schillers Lied von der Glocke. 
Von Dr. Karl Wenzig. Programm des König -Wilhelms- 
Gymnasiums zu Breslau 1894. 19 S. 4. 

Der Verfasser weicht in der Auffassung der Gedanken von seinen 
Vorgängern ab, nach denen das Lied ein Kranz herrlicher Schilderungen 
sei, aber noch kein Kunstwerk. Die erste Betrachtung von V. 49 — 79 
enthalte eine Schilderung der ersten, jungen Liebe, dies sei die Aufse- 
rung eines Naturtriebes, des Familientriebes, der in der Liebe seine Aufse- 
rung, in der Schaffung des Familienbundes seine Erfüllung findet, und 
dieser Familienbund beruht in seinem realen Bestände als Familienleben 
auf dem Besitz; aber dieser reale Bestand kann wohl durch eine Zer- 
störung aufgehoben werden, der Familienbund aber bleibt bestehen in 
seiner idealen Form als Gefühl der Zusammengehörigkeit von Eltern und 
Kindern, erst der Mutter Tod hebt die Verbindung auf. Die Schilderung 
des Feierabends führt auf den den Menschen gleichfalls innewohnenden 
Gesellschaftstrieb, es ist der Trieb nach dem sichereo Xiechtszustande in 



236 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

der Freiheit, nach dem Zusammenwirken der Menschen in gemeinsamer 
Arbeit. Diese Vereinigung ist der Staat. In der dritten Betrachtung ist 
die Taufhandlung des Meisters an der Glocke nur eine sinnbildliche Aus- 
drucksweise, die Gemeinde nicht die Kirchengemeinde, das Ewige und 
Ernste, das die Glocke verkündet, ist das ewige Gesetz, das Schicksal 
gegenüber der Flucht irdischer Erscheinungen. So erhalten wir die ver- 
schiedenen Formen des menschlichen Zusammenlebens, den Familienbund, 
die staatliche Organisation und die Gesellschaftsform der Zukunft, die 
Vereinigung der Menschen zu einer liebenden Gemeinde ; die beiden ersten 
Formen sind unvollkommene Entwickelungsgebilde, und deshalb sind sie 
stets zerfallend, die dritte einzig und unveränderlich. Die ganze Ent- 
stehung der Glocke von ihren Anfängen bis zu ihrer Vollendung ist ein 
Symbol der Entwickelung der gesellschaftlichen Vereinigung der Men- 
schen, und es steht nicht, wie man gewöhnlich sagt, jede Betrachtung zu 
dem vorausgehenden technischen Meisterspruch in sinnbildlicher Beziehung. 
Nur nach dieser Erklärungsweise findet der Verfasser in dem Gedichte 
das Muster einer didaktischen Dichtung, nur so verschwinden die schein- 
baren Lücken und unerklärlichen Gedankenverbindungen. 

Brutus in Shaksperes Julius Cäsar. Von P. Kreutzberg. Pro- 
gramm des Realgymnasiums zu Neifse 1894. 16 S. 4. 

Weil der Held des Dramas keine blofse Idee sein könne, sondern 
eine handelnde Persönlichkeit sein müsse, hält der Verfasser nicht den 
Cäsar, sondern Brutus für den eigentlichen Helden des Dramas (dazu 
vgl. ßötticher, Programm von Graudenz 1889). Brutus erscheint von dem 
Dichter mit allen edlen Eigenschaften ausgestattet; nur durch einen Ge- 
danken kann Cassius für die Teilnahme an der Verschwörung ihn ge- 
winnen, durch die Erinnerung an den Ahnen, das ewige Vorbild des 
Republikaners; dies Träumen von der Vergangenheit Koms trübt seine 
Einsicht in die Verhältnisse der Gegenwart, in dem Morde sieht er nichts 
Unsittliches. Aber, als das Mifsgeschick kommt, da ist es vorbei mit 
seiner Seelenruhe, der Geist des von ihm ermordeten Freundes wird sein 
unerbittlicher Feind. So, fafst der Verfasser seine Auseinandersetzung 
zusammen, wird der Kampf zwischen dem in seiner Art ideal gesinnten 
und dem in der Wirklichkeit dastehenden Brutus dargestellt ; seine Schuld 
liegt darin, dafs er sich und seine Zeit verkennt, ihn zermalmt das rol- 
lende Rad der Zeit, dem er sich vergebens entgegenstemmte. 

Herford. L. Hölscher. 



Verzeichnis 

der vom 20. April bis zum 15; Juli 1895 bei der Redaktion 
eingelaufenen Druckschriften. 



Modern Language Notes edd. A. Marshall Elliott, James W. Bright, 
Hans C. G. von Jage mann, Henry Alfred Todd. X, 4 [A. Lodeman, 
Victor Hugo in the Estimation of his Countrymen. H. R. Lang, The 
Kelations of the earliest Portuguese Lyric School with the Troubadours 
and Trouvferes. A. F. Chamberlain, Mutation of Gender in the Canadien- 
French Dialect of Quebec. Mary Bowen, Some New Notes on Siduey's 
Poems. — Reviews: Editions of 'Maria Stuart' (J. T. Hatfield); C. Al- 
phonso Smith, Repetition and Parallelisme in English Verse (Charles 
Hunter Ross). — Correspondence]. 5 [T. Dieckhoff, 'Vergeben' in Goethe's 
Tasso II, 8, 1. 1404. F. A. Blackburn, Note on the Phoenix, Verse 151. 
George Shipley, Arrangement of the Canterbury Tales. Reviews: Ruy 
Blas . . . edited by Samuel Garner (Matzke) ; On the History of the Eng- 
lish Language, Illustrations of how it is taught in a Much-Advertised 
Book (Albert E. Egge) etc. — Correspondence: The Authorship of Fla- 
menca (Theodore Henckels hält für möglich, dafs Peire Rogier der Ver- 
fasser sei)]. 

Publications of the Modern Language Association of America, edited 
by James W. Bright, Baltimore 1895. X (New Series III), 2 [Frede- 
rick Tupper, Jr., Anglo-Saxon Daeg-Msel. Oliver Farrar Emerson, A Par- 
allel between the Middle - English Poem 'Patience' and an Early Latin 
Poem Attributed to Tertullian. Mary Augusta Scott, Elizabethan Trans- 
lations from the Italian : the Titles of Such Works now First Collected 
and Arranged, with Annotations]. 

Die neueren Sprachen. Herausgegeben von Wilhelm Victor. 111,1 
[R. Krön, Die Methode Gouin I. R. Wähmer, Der französische Ferien- 
kurs zu Frankfurt a. M. im Januar 1895. Anzeige von J. Storm, Eng- 
lische Philologie I'" (R. J. Lloyd)]. 2 [R. Krön, Die Methode Gouin IL 
Abeck, 32. Versammlung rheinischer Schulmänner in Köln. Fortsetzung 
der Anzeige von Storm. Besprechungen von Schulausgaben französischer 
Schriften und von Wendts Encyklopädie des engl. Unterrichts (Krum- 
macher)]. 

Neuphilologisches Centralblatt. Herausgegeben von Dr. W. Kasten. 
IX, 4. 5. 6. 

Romania, recueil trimestriel ... publ. par Paul Meyer et Gaston 
Paris. T. XXIV, No. 94 [P. Meyer, Anciennes gloses fran9aises. H. Morf, 
Notes pour servir ä l'histoire de la legende de Troie en Italic (suite et 
fin). P. Meyer et N. Valois, Po^me en quatrains sur le grand schisme 
(1381). R. J. Cuervo, Los casos encllticos y procliticos del pronombre 



238 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 

de tercera persona en castellano. — Melanges: A. Thomas, Etymologies 
frangaises. G. F., fr. d6me. Paget Toynbee, Jean de Meun's account of 
the 8pots on the Moon. Comptes Rendus. Periodiques. Chronique], 

La Poesie du moyen äge, le§ons et lectures par Gas ton Paris. 
Deuxieme s^.rie. Paris, Haehette, 1895. XV, 267 S. 8. fr. 3,50 [Preface; 
La littörature frangaise au XII^ si^cle; L'esprit normand en Angleterre; 
Les contes orientaux dans la litterature frangaise au moyen äge; La le- 
gende du mari aux deux femmes; La parabole des trois anneaux; Siger 
de Brabant; La litterature franyaise au XI V'' siecle; La poesie frangaise 
au XV^.siMe; Notes]. 

Van Hamel, A. G., Gaston Paris en zijne leerlingen. Abgedruckt 
aus 'de Gids' No. 6, 1895. 42 S. 8. 

Tap polet, Ernst, Die romanischen Verwandtschaftsnamen mit be- 
sonderer Berücksichtigung der französischen und italienischen Mundarten. 
Ein Beitrag zur vergleichenden Lexikologie. Dissertation aus Zürich. 
Strafsburg, Trübner, 1895. 178 S. 8. 



Revue de philologie frangaise et provenyale. IX, 1 [L. Cledat, La 
conjugaison morte (suite). E. Roy, Les lettres de noblesse (1503) du poete 
Jean Molinet. E. Roy, Le blason d'un roi des Ribauds bourguignon et 
le roman du duc Jean sans Peur. Leon Vernier, Observations sur la 
phonetique du latin vulgaire. Henri Diez, Chanson en patois ä l'occasion 
de la fete de S. M. Louis XVIII. L. Cledat, Les lois de la derivation 
des sens appliquees au fraugais. L. Cledat, Le superlatif relatif en fran- 
§ais. Nouvelles traductions dialectales d'un passage de Mireille. Compte 
rendu : Etüde sur la syntaxe de Rabelais . . . par M. E. Huguet (J. Buche)]. 
IX, 2 [A. Jeanroy et H. Teulie, L'Ascension, mystfere proveugal inedit 
du XV® siecle. L. Cledat, Etudes de grammaire frangaise: les mots in- 
variables. Chronique. Comptes rendus: Wahlund, Über Anne Malet de 
Graville (J. Texte); Mellerio, Lexique de Ronsard (J. T.)]. 

Zeitschrift für französische Sprache und Litteratur . . . herausgegeben 
von D. Behrens. Berlin, Gronau, 1895. XVII, H. 2 (Referate und Re- 
censionen). 

Encyklopädie des französischen Unterrichts. Methodik und Hilfs- 
mittel für Studierende und Lehrer der franz. Sprache mit Rücksicht auf 
die Anforderungen der Praxis bearbeitet von Otto Wen dt. Zweite Auf- 
lage. Zweiter Teil (Schlufs). Hannover, Meyer, 1895. S. 209—356. M. 2. 

Die Anschauung im neusprachlichen Unterricht. Von Dr. K. A. Martin 
Hart mann. Vortrag gehalten am 16. April 1895 auf der Jahresver- 
sammlung des Sächsischen Gymnasiallehrervereins zu Chemnitz. Wien, 
Hölzel, 1895. 34 S. 8. 

Didaktik und Methodik des französischen und englischen Unterrichts 
von Dr. Wilhelm Münch, Provinzialschulrat in Koblenz, und Dr. Fried- 
rich Glauning, Professor und Stadtschulrat in Nürnberg (Sonderausgabe 
aus Dr. A. Baumeisters 'Handbuch der Erziehungs- und Unterrichtslehre 
für höhere Schulen'). München, Beck, 1895. 107, 88 S. 8. M. 4,50. 



Praktisches Elementarbuch zur Erlernung der französischen Sprache 
für Fortbildungs- und Fachschulen wie zum Selbststudium, mit Unter- 
stützung von A. Sohier bearbeitet von Dr. John Koch. Berlin, Gold- 
schmidt, 1895. VIII, 196 S. 8. Geb. M. 1,80. 

Französisches Lese- und Übungsbuch von Th. de Beaux. IL Stufe. 
I— IV. Konjugation. Halle, Gesenius, 1894. VIII, 189 S. 8. M. 1,80. 

Lese- und Lehrbuch der französischen Sprache für höhere Mädchen- 
schulen. Nach den Bestimmungen vom 31. Mai 1894 bearbeitet von 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 239 

Arnold 0hl er t. Zweite Auflage. Hannover, Meyer, 1895. VIII, 245 S. 8. 
M. 2 ; geb. M. 2,40. 

Banner, Dr. Max, Französische Satzlehre. Bielefeld und Leipzig, 
Velhagen & Klasing, 1895. IV, 82 S. 8 (dazu: Begleitwort, Ü S. 8). 

Übungen für die französische Konversationsstunde nach Hölzeis 
Bildertafeln ... bearbeitet von L. Durand. Giefsen, Roth [o. J.]. 4. 
5. Die Stadt, 36 S. Ö. Der Wald, 26 S. 7. Das Hochgebirge, 27 S. 
8. Der Bauernhof, 24 S. Jedes Heft M. 0,40. 

Französische Aufsatz- und Brief schule. Eine Sammlung von Muster- 
aufsätzen, Briefen und Entwürfen. Mit Einleitungen und Fräparationen. 
Für die Oberklassen höherer Schulen und zum Privatstudium von Dr. H. Th. 
Traut. 2. Auflage. Dresden, Kühtmann, 1895. VIII, 170 S. 8. M. 1,80; 
geb. M. 2. 

Traitd de correspondance commerciale par P. Bree. lO"**' ed. revue 
par F. H. Schneitier. I^"^*^ partie : Correspondance, 11^ partie: Diction- 
naire et annotations. Dresde, Kühtmann, 1895. XXIII, 304, 181 S. 8. 
M. 3,60; geb. M. 4,40. 

Schmagersche Textausgaben französischer und englischer Schrift- 
steller für den Schulgebrauch. 23: Histoire de trois ouvriers fran§ais: 
Palissy, Jacquard, Richard -Lenoir. Ausgewählt und bearbeitet von Prof. 
Dr. F. J. Wershoven. VI, 109 S. M. 1. 24: Contes choisis d'auteurs 
suisses. Premiere partie. Combe, Les bonnes gens du Croset. Trolliet, 
Dans la montagne. Herausgegeben von Prof. Dr. K. Sachs. IV, 135 S. 
M. 1. 25: Deuxie^me partie. Combe, Le secret d'Hercule. C^r^sole, Les 
deux coqs. Chatelain, Les lunettes de mon grand-p^re. Combe, Le Vara. 
IV, 108 S. M. 1. (Zu jedem Bändchen ein kleines Wörterbuch erhält- 
lich [40, 25, 20 Pf.].) 

Bibliothfeque Elsevirienne. Collection d'auteurs frau§ais. Amsterdam, 
Uitgevers - Maatschappy 'Elsevier' 1894, 1895 [zehn Bändchen von je 30 
bis 50 S., jedes mit ganz kurzer Einleitung, die Texte von Anmerkuugen 
in französischer Sprache von L. P. J. Vermeulen begleitet; dafs die 
Stücke nur in Auszügen gegeben sind, lassen die Titel nicht erraten; bis 
jetzt erschienen Cid, Horace, Andromaque, Athalie, Femmes savantes, 
Avare, Merope, Zaire, Hernani, Gendre de M. Poirier]. 

Littre, Emile, Comment j'ai fait mon Dictionnaire de la langue fran- 
gaise. Für den Schulgebrauch erklärt von J. Imelmann. Leipzig, 
Renger, 1895. II, 55 S. 8. M. 0,80. 



Wechfsler, Eduard, Über die verschiedenen Redaktionen des Robert 
von Borron zugeschriebenen Graal - Lancelot - Cvklus. Halle a. S., Nie- 
meyer, 1895. 64 S. 8. 

Robert von Blois' sämtliche Werke. Zum erstenmal herausgegeben 
von Dr. Jacob Ulrich. Bd. III. Berlin, Mayer & Müller, 1895. XXXIII, 
129 S. 8. M. 3. 

Altfranzösische Prosalegenden aus der Hs. der Pariser Nationalbiblio- 
thek Fr. 818. Herausgeg. von Adolf Mussafia und Theodor Gärtner. 
Mit Unterstützung der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien. 
I. Teil. Wien und Leipzig, Braumüller, 1895. IV, 232, XXVI S. 8. 

Simon, Philipp, Jacques d'Amiens. Berlin, Vogt, 1895. 72 S. 8. 
(Berliner Beiträge IX. Roman. Abteilung 3). 

Le livre et mistere du glorieux seigneur et martir Saint Adrien publik 
d'apres un manuscrit de Chantilly aux frais de S. A. R. Mgr le duc 
d' Anmale, avec introduction, table et glossaire par Emile Picot. Imprim^ 



240 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 

pour le Eoxburghe Club. Mäcon, imprimerie Protat frbres. MDCCCXCV. 
XXXIV, 206 S. 4. 

Illing, Ernst, Über die Sprache der altfranzösischen Handschrift 
fran9. 1070 der Nationalbibliothek zu Paris. Dissertation aus Halle, 1895. 
34 S. 8. 

Giornale storico della letteratura italiana. Vol. XXV, fasc. 2. 3 
(fasc. 74. 75) [Antonio Medin, Le rime di ßruscaccio da Rovezzano. 
Francesco Foffano, L"Amadigi di Gaula' di Bernardo Tasso. — Varietä: 
Rodolfo Renier, Sui brani in lingua d'oc del 'Dittamondo' e della 'Lean- 
dreide'. Francesco Cipolla, la concubina di Titone nel canto IX del 
'Purgatorio'. Leon Dorez, Lettres inedites de Jean Pic de la Mirandole. 
G. Battista Marchesi, Le polemiche sul sesso femminile ne' sec. XVI 
e XVII. — Rassegna bibliografica : Benedetto Croce, La critica letteraria 
(Camillo Trivero). Joseph Bedier, Les fabliaux (Giuseppe Rua). Studi 
SU Matteo Maria Boiardo — M. M. Boiardo, le poesie volgari e latine 
p. da A. Solerti (Vittorio Rossi). — Bollettino bibliografico. — Annunzi 
analitici. Pubblicazioni nuziali. • Comunicazioni ed Appunti. Cronaca]. 

Raccolta di prose e poesie italiane annotate ad uso dei Tedeschi da 
E. Madd'alena. Wien und Leipzig, Braumüller, 1894. XI, 281 S. 8. 

Zumbini, B., Studi sul Petrarca. Firenze, Successori Le Monnier, 
1895. VII, 393 S. 8. 1. 4. 

C nervo, R. J., Disquisiciones sobre antigua ortografia y pronuncia- 
ci6n castellanas (Extrait de la Revue Hispanique T. II, Paris 1895). 68 S. 8. 

Haussen, Federico, Sobre la conjugacion de Gouzalo de Berceo 
(publ. en los 'Anales de la Universidad'). Santiago de Chile 1895. 50 S. 8. 

Haussen, Federico, Sobre la pronunciaciön del diptongo ie en la 
epoca de Gonzalo de Berceo (publ. en los 'Anales de la Universidad'). 
Santiago de Chile 1895. 7 S. 8. 



Schipper, J., Grundrifs der englischen Metrik. Wien und Leipzig, 
Braumüller, 1895. XXIV, 404 S. 8 (Wiener Beiträge zur englischen Philo- 
logie II). 



[Das Verzeichnis ist nicht ganz vollständig; das Fehlende soll in dei* Fortsetzung 
nachgetragen werden.] 




Julius Zupitza 



'Die Menschen sind nicht nur zusammen, 
wenn sie beisammen sind ; auch der Ent- 
fernte, der Abgeschiedene lebt uns.' 

Goethe, Egmont V. 

Durch den in der Nacht vom 5. auf den 6. Juli erfolgten, 
gänzlich unerwarteten Tod von Julius Zupitza hat das Studium 
der englischen Philologie einen unersetzlichen Verlust erlitten. 
Noch vor wenigen Wochen durfte man hoifen, dafs ihm noch 
viele Jahre segensreichen Wirkens beschieden sein würden. Es 
hat nicht sein sollen — ebenso wie vor drei Jahren ten Brink, 
ist uns jetzt auch Zupitza in der Fülle seiner Manneskraft und 
Schaifensf reudigkeit mitten aus seiner Arbeit heraus plötzlich 
entrissen worden. 

Geboren am 4. Januar 1844 zu Kerpen bei Oberglogau in 
Preulsisch-Schlesien, besuchte Zupitza zuerst die Elementarschule 

Archiv f. n, Sprachen. XCV. \ß 



242 Julius Zupitza. 

seines Heimatdorfes, dann von Michaelis 1854 an acht Jahre 
hindurch das Gymnasium zu Oppeln. Während seiner Studenten- 
jahre beschäftigte er sich in erster Linie mit der deutschen Philo- 
logie und den alten Sprachen. In Breslau, wo er von Michaelis 
1862 bis Ostern 1864 studierte, waren namentlich Rückert, Fried- 
rich Pfeiffer, Stenzler, Haase und Hertz seine Lehrer; in seiner 
Berliner Studienzeit, von Ostern 1864 bis Ostern 1866, hörte er 
besonders Müllenhoff, Haupt und Weber. Im Jahre 1865 erwarb 
er sich den Doktorgrad bei der philosophischen Fakultät der Uni- 
versität Berlin auf Grund seiner Dissertation Prolegomena ad 
Alberti de Kemenaten Eckium. In dem am 26. und 27. Fe- 
bruar 1866 abgelegten examen pro facultate docendi wurde 
ihm die Berechtigung zuerkannt, in der lateinischen, der grie- 
chischen und der deutschen Sprache in allen Klassen eines Gym- 
nasiums zu unterrichten. Von Ostern 1866 bis 1867 leistete er 
sein Probejahr am Gymnasium zu Oppeln ab; darauf war er bis 
Michaelis 1868 Hilfslehrer am katholischen Gymnasium zu Bres- 
lau und zugleich Mitglied des pädagogischen Seminars. 

Neben seiner vielseitigen wissenschaftlichen Ausbildung in 
den klassischen wie in den germanischen Sprachen besals er 
jedoch, sclion als er sich im Wintersemester 1868 — 69 in Bres- 
lau habilitierte, eine gründliche Kenntnis des Englischen. Bereits 
im Winter 1869 — 70 las er über die Anfangsgründe der eng- 
lischen Sprache, und in dem folgenden Semester hielt er sein 
erstes Shakspere-KoUeg über Hamlet. Aufserdem behandelte er 
während seines Breslauer Aufenthalts den Beowulf und Shak- 
speres Henry lY. in seinen Vorlesungen. Im Frühjahr 1872 
zum Professor extraord. für die nordgermanischen Sprachen (be- 
sonders Englisch und Nordisch) an der Universität Wien ernannt, 
erbat er sich sofort einen sechsmonatlichen Urlaub, den er zu 
seiner ersten Reise nach England benutzte. Er reiste bereits im 
April ab und kehrte erst im September nach Wien zurück. Am 
7. Dezember 1872 vollendete er seine erste englische Arbeit: Zu 
dem altenglischen Spiel ^The Harrowing of HelF' 

' Es siud im folgenden nur die Arbeiten auf dem Gebiete der eng- 
lischen Sprache und Litteratur berücksichtigt worden; Zupitzas sonstige 
Leistungen sollen von anderer, berufenerer Seite die gebührende Behand- 
lung erfahren. 



Julius Zupitza. 243 

(in Wagners Archiv für die Geschichte deutscher 
Sprache und Dichtung, Wien 1873, I, S. 190). 

Schon während seines ersten enghschen Aufenthalts begann 
Zupitza das Material für seine Ausgabe der verschiedenen Ver- 
sionen der mittelenglischen Romanze von Guy of Warwick 
zu sammeln, und im Laufe des folgenden Jahres, 1873, erschien 
seine Abhandlung Zur Litteraturgeschichte des Guy of 
Warwick, die eingehend von den mittelenglischen Bearbeitungen 
des Stoffes und deren gegenseitigem Verhältnis handelt. Neben 
diesen Arbeiten und seinen Vorlesungen fand der unermüdlich 
thätige Gelehrte auch noch Zeit, im Oktober desselben Jahres die 
erste Auflage seines bekannten 'Alt- und mittelenglischen 
Übungsbuches' fertig zu stellen. Durch zweckmäfsige Aus- 
wahl des Stoffes, bei welcher Knappheit neben grolser Vielseitig- 
keit besonders zu rühmen ist, durch Zuverlässigkeit in der Wieder- 
gabe der Texte, sowie durch gewissenhafteste Benutzung aller 
neueren eiuschlägigen Arbeiten gleich ausgezeichnet, hat dieses 
Werk in kurzer Zeit bereits vier Auflagen erlebt und ist noch 
dazu in englischer Übersetzung in Amerika zu einem vielbenutzten 
Einführungsbuch geworden, ein deutlicher Beweis, dafs es sich 
als Hilfsmittel bei akademischen Übungen vorzüglich bewährt hat. 
Gleichzeitig mit dieseji verschiedenartigen Arbeiten hatte Zu- 
pitza seine Guy-Studien immer fortgesetzt: die spätmittelenglische 
Version aus der Cambridger Hs. Ff. 2. 38 erschien 1875 — 76, 
und die zahlreichen und wertvollen dem Texte beigefügten An- 
merkungen legen ein beredtes Zeugnis von der aufserordentlichen 
Belesenheit des Herausgebers auf dem Gebiete des Mitteleng- 
lischen ab. Vermutlich giebt es keine einzige innerhalb der 
letzten 10 bis 15 Jahre erschienene Ausgabe eines mittelenglischen 
Textes, in welcher sich nicht zahlreiche Hinweise auf 'Zupitzas 
Anmerkungen zu Guy' befänden. Erst nach einer Unterbrechung 
von mehreren Jahren nahm er seine Guy-Studien wieder auf, 
indem er 1883 — 91 die in der Auchinleck (Edinb.) und der Caius 
Coli. (Cambr.) Hs. enthaltenen Fassungen veröffentlichte; leider 
aber fehlen dieser Ausgabe Anmerkungen und Einleitung: in 
Zupitzas Nachlasse fand sich für diese keine Vorarbeit, sondern 
nur noch eine Abschrift des Coplandschen Druckes, den er auch 
herauszugeben gedachte. Inzwischen war Zupitza im Jahre 1876 

16* 



244 Julius Zupitza. 

nach Berlin übergesiedelt, um die an der dortigen Hochschule 
eben neugegründete Professur für englische Philologie zu über- 
nehmen. Obgleich er sowohl in Breslau wie in Wien über Beo- 
wulf gelesen hatte, so that er dies während der ersten zehn 
Jahre in Berlin nicht. Wie er mir selbst erzählte, hatte Müllen- 
hoiF den Wunsch geäufsert, dieses Kolleg noch beizubehalten, 
und aus diesem Grunde hat Zupitza in Pietät gegen den alten 
Lehrer erst im Sommer 1886 seine Beowulf- Vorlesungen wieder 
aufgenommen. Um aber eine Grundlage zu seinen altenglischen 
Vorlesungen zu haben, für welche das Übungsbuch nicht ge- 
nügend Stoif bot, plante er eine handliche Ausgabe der zu die- 
sem Zwecke vortrefflich geeigneten Elene, die denn auch be- 
reits im Jahre 1877 erschien und seitdem wohl den meisten 
Anglisten als Einführung ins Altenglische gedient hat. Mit 
knappem, aber hinreichendem Glossar versehen, bildet der sorg- 
fältig bearbeitete Text ein ganz vorzügliches Hilfsmittel für aka- 
demische Vorlesungen. Ebenso wie bei dem Übungsbuch, wur- 
den in den späteren Auflagen — es sind deren bisher drei er- 
schienen — die weiteren Ergebnisse der neuesten Forschung in 
vollem Mafse verwertet und auch zur bequemeren Übersicht der 
Text der lateinischen Quelle beigefügt. 

Im Jahre 1878 unterwarf Zupitza den zweiten, die Satzlehre 
behandelnden Band von Fr. Kochs englischer Grammatik 
einer gründlichen Umarbeitung. Das viele neue Material, wel- 
ches sich fast auf jeder Seite findet, zeugte aufs neue von seiner 
aufserordentlichen Belesenheit in Schriftstellern der verschieden- 
sten Perioden. 

In den nächsten Jahren beschäftigte er sich namentlich mit 
altenglischen Studien. Im Jahre 1880 erschien seine kritische 
Ausgabe der ^Ifricschen Grammatik mit vollständigem Va- 
riantenapparat, und zwei Jahre später veröffentlichte er seine 
Faksimileausgabe des Beowulf. Beide Werke sind Muster- 
leistungen gewissenhafter Arbeit, und sollte einmal die Beowulf- 
handschrift zu Grunde gehen, so würde dies, wie ein Recensent 
damals richtig bemerkte, für die Wissenschaft keinen Verlust 
mehr bedeuten. Ich habe, als er den Beowulf kollationierte, 
wochenlang neben* Zupitza im Britischen Museum gesessen und 
hinlänglich Gelegenheit gehabt, die aufserordentliche Sorgfalt und 



i 



Julius Zupitza. 245 

Gewissenhaftigkeit zu beobachten und zu bewundern, mit welcher 
er jeden Strich untersuchte: nichts, kein verblafster Buchstabe, 
keine Rasur entging seinem wachsamen Auge. Da er die beiden 
Thorkelinschen Abschriften, von denen bekanntlich nur die eine 
von Thorkelin selbst herrührt, sowie die früheren Ausgaben be- 
nutzte, so gewährt uns Zupitzas Transskription ein treues Bild 
von dem Beowulf-Codex, wie er vor beinahe hundert •Jahren 
aussah, als noch mancher Buchstabe, der seitdem abgebröckelt, 
erhalten war. Von beiden Werken ist leider nur je der erste Teil 
erschienen; auch finden sich, abgesehen von einem handschrift- 
lichen Glossar zu ^l^]lfrics Grammatik, in seinem Nachlafs 
keine Vorarbeiten dafür. 

In dieselbe Zeit fällt Avohl seine Beschäftigung mit der alt- 
englischen Fassung der Dialoge des Gregorius, von der 
Zupitza eine Ausgabe plante. Er hatte sich schon zu diesem 
Zweck Abschriften der drei vorhandenen Hss. gemacht und die 
Arbeit wohl auch bereits im Kopfe zurecht gelegt, als ein junger 
Amerikaner, Herr Henry Johnson, welcher von Zupitzas Vor- 
haben nichts wufste, auf den Gedanken kam, diesen Text heraus- 
zugeben. Mit der ihm eigenen Gutmütigkeit verzichtete der 
grofse Gelehrte auf die alleinige Ausgabe, und die Dialoge 
sollten nun von beiden gemeinsam veröffentlicht werden. Ver- 
schiedene Umstände führten allerdings eine Verzögerung herbei, 
jedoch liegt der Text nebst Varianten fertig vor und wird hoffent- 
lich in nicht allzu ferner Zeit erscheinen. Weiter beabsichtigte 
Zupitza den altenglischen Apollonius von Tyrus aufs neue 
lierauszugeben : der Text ist, offenbar seit Jahren, vollständig 
druckfertig, indessen verzögerte sich die Veröffentlichung, weil 
Zupitza auch die lateinische Vorlage in der Gestalt, in welcher 
sie der altenglischen Bearbeitung zu Grunde gelegen haben mufs, 
daneben herausgeben wollte ^ und zu diesem Zweck noch ver- 
schiedene Hss. vergleichen mufste. Sein altenglischer Text wird 
jedenfalls erscheinen. 

Seine späteren selbständigen Publikationen gehören dem 
mittelenglischen Gebiete an : die zweite Version des Guy wurde 
bereits erwähnt. Es verdienen aufserdem hier noch besonders 



' Vgl. Romanische Forschungen III, 279. 



246 Julius Zupitza. 

genannt zu werden seine Ausgabe der Romanze von Athelston 
(Engl. Stud. XIII, 331 und XIV, 321) und die der Gedichte 
Jacob Rymans (Archiv LXXXIX — XCV), wenngleich beide 
nicht als selbständige Werke erschienen. Beiden nach den Hand- 
schriften gedruckten Texten sind reichhaltige, wertvolle Anmer- 
kungen nach Art derer zum Guy beigegeben. 

Vftn jeher hatte sich Zupitza gern mit C haue er beschäf- 
tigt, und seine handliche und billige Ausgabe des Prologs auf 
Grund der Six Text Edition (1882) hat sich für Universitäts- 
vorlesungen als sehr nützlich erwiesen. Auf Furnivalls Wunsch 
unternahm er es, die Pardoner^s Tale nach sämtlichen zu- 
gänglichen Hss. zu edieren, 1 um deren gegenseitiges Verhältnis 
festzustellen, eine unumgänglich notwendige Vorarbeit zu einer 
wirklich kritischen Chaucer-Ausgabe. Hiervon sind bisher zwei 
Hefte erschienen, die übrigen Texte befinden sich in der Druckerei, 
nur fehlt zu diesen leider wieder die Einleitung, welche un- 
zweifelhaft aus seiner Feder von gröfster Wichtigkeit für die 
Chaucer-Forschung geworden sein würde. 

Eine Ausgabe des Lyd gateschen Gedichtes ^Von den 
beiden Kaufleuten^ liegt zum grofsen Teil schon druckreif vor. ^ 
Mit der mittelengl. Romanze von Sir Isumbras hat sich Zu- 
pitza auch vielfach beschäftigt, indem er sämtliche Hss. abschrieb 
und auch sonst zu einer Ausgabe mancherlei Vorarbeiten machte.-^ 
Vor Jahren legte er diesen Text seinen textkritischen Übungen 
im Seminar zu Grunde. Andere Publikationen, die Zupitza 
plante und zu denen er die nötigen Abschriften selbst gemacht 
oder sich verschafft hatte, sind : die mittelenglischen Bearbeitungen 
von Boccaccios Ghismonda und Guiscardo, das mittel- 
englische Gedicht De spiritu Guidonis, die Gedichte in der 
Hs. Rawlinson C. 813^ und andere. Seinen letzten Aufenthalt in 
Oxford im Sommer 1894 hat er dazu benutzt, die reiche Sanmi- 
lung von Shelley-Hss. auf der Bodleiana zu kollationieren, und 
einen Teil dieses Materials hat er bereits verarbeitet und im 
Archiv veröffentlicht. Die allerletzte Arbeit, an die er Hand ge- 

' Vgl. auch Archiv LXXXVII, 77. XCII, 168. 

2 Vgl. auch Archiv LXXXIV, 130. LXXXV, 57. LXXXVI, 291. 

3 Vgl. Anglia I, 393; Archiv LXXXVI, 291. LXXXVIII, 72. XC, 148. 
^ Vgl. Archiv LXXXII, 201. LXXXV, 429. LXXXVII, 433. 



Julius Zupitza. 247 

legt und (leren Ergebnis zur Zeit seines Todes unvollendet auf 
seinem Pult lag, war die Besprechung einer von H. Richter ver- 
fafsten Übersetzung des entfesselten Prometheus. 

Ein wichtiges Gebiet der englischen Grammatik, dem er seit 
Jahren besondere Aufmerksamkeit gewidmet, war die Klarlegung 
und historische Entwickelung des Gebrauchs der neu englischen 
Präpositionen. Diesen Gegenstand hat er auch mehrfach in 
seinen Vorlesungen behandelt, zum erstenmal im Winter 1883 — 84 
und zum letztenmal in den Übungen, welche er im Mai dieses 
Jahres mit Lehrern veranstaltete. Die Sichtung und Verarbei- 
tung seines bedeutenden Belegmaterials zum Zweck baldiger Ver- 
öffentlichung scheint eine der Arbeiten gewesen zu sein, an deren 
Vollendung er zunächst zu gehen gedachte. Im Februar dieses 
Jahres schrieb er mir: ^Ich dachte vor einiger Zeit daran, zu 
Ostern auf vier Wochen nach England zu gehen, allein ich werde 
den Plan wohl nicht ausführen, sondern hier arbeiten. Ich will 
einmal sehen, wie weit ich meine Sammlungen über die engl. 
Präpositionen ausnützen kann.' Hoffentlich wird das von ihm 
im Laufe der Jahre gesammelte, umfangreiche und wertvolle 
Material wenigstens zum Teil verarbeitet werden können. 

Wollte man sich bei einer Würdigung von Zupitzas Arbeiten 
auf englischem Gebiet auf seine selbständig erschienenen Werke 
beschränken, so würde man ihm sehr unrecht thun. Es würde 
sich hieraus ein sehr unvollkommenes, der ganzen Wahrheit 
durchaus nicht entsprechendes Bild seiner Leistungen ergeben. 
Um auch nur annähernd die aufserordentliche Förderung, die ihm 
unsere Wissenschaft verdankt, zu würdigen, mufs man seine sehr 
zahlreichen kleineren Arbeiten mit in Betracht ziehen, die, in ver- 
schiedenen Zeitschriften verstreut, das ganze Gebiet der englischen 
Philologie von den ersten erhaltenen Anfängen der Litteratur bis 
auf den heutigen Tag umfassen, und die sich alle durch dieselbe 
peinlich gewissenhafte Genauigkeit und Gründlichkeit der Be- 
handlung auszeichnen wie seine gröfseren Werke. Die verhältnis- 
mäfsig geringe Zahl seiner selbständigen Publikationen erklärt sich 
eben dadurch, dafs er es vorzog, die Ergebnisse seiner vielseitigen 
Forschungen in der Form von kleineren Abhandlungen zu ver- 
öffentlichen; diese bilden daher einen sehr wichtigen Teil seiner 
wissenschaftlichen Thätigkeit und eine wertvolle Ergänzung seiner 



248 Julius Zupitza. 

gröfseren Arbeiten. Folgende nach den Gegenständen geordnete 
Aufzählung seiner Aufsätze möge dazu dienen, zu zeigen, wie 
vollständig er jeden Zweig der englischen Philologie beherrschte.* 

a) Altenglisch. 

Englisches aus Prudentiushss. Z.f. d. A. XX, 36. Ken- 
tische Glossen des 9. Jahrhunderts a. a. O. XXI, 1 und XXII, 
,'•■23. Über den Hymnus Cädmons Z. f. d. A. XXII, 210. Ein 
verkannter engl. Bienensegen Anglia I, 189. Lateinisch- 
englische Sprüche a. a. O. S. 285. Verbesserungen und 
Erklärungen (zu Apollonius) a. a. O. S. 463. Kritische Bei- 
träge zu den Bückling Homilies Z. f. d. A. XXVI, 211. 
Kleine Bemerkungen (zu Andreas) Anglia III, 369. Kollation 
von Salomon und Saturn a. a. O. S. 527. Stücke aus den 
altenglischen Evangelien (als Ms. gedruckt, 1882). Welcher 
Text liegt der altengl. Bearbeitung der Erzählung von 
Apollonius von Tyrus zu Grunde? Romanische Forschungen 
III, 269. Bemerkungen zu ^Ifrics Lives of Saints Z. f. 
d. A. XXIX, 269 und 372. Entstehung des Beowulf Archiv 
LXXV, 450. Zur Frage nach der Quelle von Cynewulfs 
Andreas Z. f. d. A. XXX, 175. Drei alte Excerpte aus Al- 
freds Beda a. a. O. S. 185. Altengl. Glossen zu Abbos 
Clericorum Decus XXXI, S. 1. Altengl. Glossen zu Beda 
a. a. O. S. 28. Eine verschollene Handschrift (die Ruben- 
schen Glossen) Archiv LXXIX, 88. Mercisches aus der Hs. 
Royal 2. A 20 Z. f. d. A. XXXIII, 47. Altenglische Glossen 
a. a. O. S. 237. Ein weiteres Bruchstück der Regularis 
concordia in altengl. Sprache Archiv LXXXIV, 1 (vgl. Archiv 
LXXXVIII, 67). Zu Beowulf 8 50 a. a. O. LXXXIV, 124. 
Eine weitere Aufzeichnung der Oratio pro peccatis 
a. a.O.S. 327. Zu Wanderer 31 a. a. O. LXXXVI, 279. Kreuz- 
andacht a. a. O. LXXXVIII, 361. Kreuzzauber a. a. O. S. 364. 
Zu Seele und Leib a. a. O. XCI, 369. Hier sei auch erwähnt; 
Die ursprüngliche Gestalt von ^Ifrics Colloquium Z. f. 
d. A. XXXI, 32. 

b) Frühmittelenglisch. 

Zum Poema Morale Anglia I, 5; III, 32; IV, 406. Frag- 
ment einer englischen Chronik von 1113 — 4 a.a.O. 1,195; 
III, 32. Das nicäische Symbolum in englischer Auf- 



* Einige kleinere Sachen sind in dieses nur- anglistische Arbeiten um- 
fassende Verzeichnis nicht aufgenommen worden. Eine rein chronologisch 
geordnete Übersicht, zu welcher auch ich das ganze Material bereits ge- 
sammelt hatte, ist jetzt von E. Kölbing in den Englischen Studien 
XXI gegeben. 



Julius Zupitzii. 249 

Zeichnung des 12. Jahrhunderts a. a. O. I, 286 und III, 32. 
Eine unbekannte Hs. der Ancren Riwle a. a. O. III, 34. 
Ein Zauberspruch Z. f. d. A. XXXI, 45. Cantus Beati Go- 
drici Englische Studien XI, 401; vgl. Archiv XC, 142. 

c) Mittelenglisch. 

Zu dem altenglischen Spiel: The Harrowing of Hell 
Wagners Archiv I, 190. Erklärungen und Verbesserungen 
zum mittelenglischen Havelok Z. f. d. A. XIX, 124. Ein 
Zeugnis für die Wielandsage a. a. O. S. 129. Zwei mittel- 
englische Legendenhss. Anglia I, 392. Zu Morris, An Old 
English Miscellany a. a. O. S. 410. Verbesserungen und 
Erklärungen (zu Havelok, Floriz, Chaucer u. s. w.) a. a. O. S. 468. 
Varianten zu Chaucer ed. Morris IL (als Ms. gedruckt, 1880). 
Kleine Bemerkungen (zu Chaucer u. s. w.) Anglia III, 369. Zur 
Biographie Lydgates a. a. O. III, 532. Chaucer, Prolog 
(als Ms. gedruckt, 1882). Zum Havelok a. a. O. VII, 145. Die 
mittelenglischen Bearbeitungen der Erzählung Boc- 
caccios von Ghismonda und Guiscardo Vierteljahrschrift 
für Litt, und Kultur der Renaiss. I, 63; vgl. auch Archiv LXX, 81. 
Bemerkungen zum 'Lob der Frauen' Engl. Studien VIII, 394. 
Bemerkungen zu *A peniworth of witte' a. a. O. S. 496. Zum 
Lay le Freine a. a. O. X, 41. Zur Meditacio Ricardi Here- 
mite de Hampole de passione domini a.a.O. XII, 463. Zu 
dem Anfang des Speculum vitse a. a. O. S. 468. Beiträge 
zur mittelengl. Litteraturgeschichte Archiv LXXXII, 465. 
Über die 'Fabula duorum mercatorum' a. a. O. LXXXIV, 
130. LXXXV, 57 und LXXXVI, 291. Zu Lydgates Isopus 
a. a. O. LXXXV, 1. Die zehn Gebote in mittelengl. Versen 
a. a. O. S. 44. Handschriftliche Bruchstücke von Skeltons 
'Why come ye nat to court' a. a. O. S. 429. Zu Torrent of 
Portugal Engl. Studien XV, 1. Die neun Eigenschaften des 
Weins Archiv LXXXVI, 89. Kleine Mitteilungen zur me. 
Litteraturgeschichte a. a. O. S. 290. Rettungen und Kon- 
jekturen a. a. O. S. 405. Under the Greenwood-Tree a. a. O. 
LXXXVII, 433. Über die mittelenglische Bearbeitung 
von Boccaccios 'De claris mulieribus' Festschrift zur Be- 
grüfsung des Neuphilologentages, Berlin 1892, S. 93. Zum Sir 
Launfal Archiv LXXXVI, 291. LXXXVIII, 68. Zum Sir 
Isumbras a. a. O. S. 72. LXXXVI, 291. XC, 148. Jak and 
his Stepdame nach derHs. RawlinsonC. 86 a. a. O. XC, 57. 
Die Sprüche Alfreds a.a.0.S.141. Zu Dunbar a.a.0.S.151. 
TheProverbis of Wysdom a. a. O. S. 241. Zu Burghs Über- 
setzung der Disticha Catonis a. a. O. S. 296. Was jeder- 
mann wissen und andere lehren mufs a. a. O. S. 297. Das 
Leben der heiligen Maria Magdalena in mittelenglischer 



250 Julius Zupitza. 

Prosa a. a. O. XCI, 207. Zu Seele und Leib a. a. O. S. 381. 
Chaucer's Dream or Isle of Ladies a. a. O. XCII, 68. Zum 
Märchen vom Tanze des Mönches im Dornbusch a. a. O. 
XCV, 168. In den nächsten Heften des Archivs werden ferner er- 
scheinen: eine kritische Ausgabe des kleinen raittelengl. Gedichtes 
Erthe opon erthe, sowie eine Ausgabe der Hy stör ie of lacob 
and his twelue sones. 

d) Shakspere. 

Shakspere über Bildung, Schulen, Schüler und 
Schulmeister Shaksp.-Jahrb. 1883, S. 1. Die mittelenglische 
Vorstufe von Shaksperes 'As y ou like it' a. a. O. 1886, S. 69. 
Shakspere-Miscellen Archiv LXX VII, 404. Über die Fabel 
in Shaksperes 'Beiden Veronesern' Shaksp.-Jahrb. 1888, S. 1. 
Zu Shaksperes Julius Caesar I, 1,24 Archiv LXXXIV, 126. 

e) Spätere Litteratur. 

Goldsmiths 'She stoops to conquer' als Quelle von 
Winterfelds 'Der Elephant' Archiv LXXXV, 39. ZuC.Lambs 
Dissertation upon roast pig a. a. O. LXXXVII, 437. Zu 
einigen kleineren Gedichten Shelleys a.a.O. XCIV, 1. Zu 
einer Stelle in Shelleys Übersetzung der Walpurgis- 
nacht a. a. O. S. 161. 

f) Grammatisches. 

Mittelenglisches k für d Anglia III, 375. Zur Lehre 
vom Gebrauch des neuengl. Konditionals Anglia Anz. VII, 
149. Der accusativus qualitatis im heutigen Englisch 
a. a. O. S. 156. Unbestimmter Artikel im Englischen Archiv 
LXXV, 454. Ein kleiner Beitrag zur vergleichenden Syn- 
tax des Englischen und Deutschen a. a. O. LXXVII, 103. 
Die vermutende Bedeutung des sogenannten Konditio- 
nals in der heutigen engl. Sprache a. a. O. S. 463. Zu § 272 
oder § 27 3 von I. Schmidts Grammatik a. a. O. LXXXI, 195. 
Die Lehre vom engl. Infinitiv a. a. O. LXXXIV, 117. Kar- 
dinalzahlen als Multiplicativa im Mittelenglischen 
a. a! O. S. 329. Zu § 38 6 von I. Schmidts Grammatik 
a. a. O. LXXXVI, 277. Zum Gebrauch von neuengl. 'all' 
a. a. O. S. 409. Bemerkungen über neuengl. 'like' a. a. O. 
LXXXVII, 64. 'How' als Relativum a.a.O. S. 66. Zur 
Lehre vom Fragesatz a. a. O. S. 67. 'Only for =: but for' 
a. a. O. S. 68. 

g) Lexikographisches und Etymologisches. 

English Etymology in 1881 — 2 Transactions of the 
Cambridge Philol. Soc. II, S. 243. Etymologie von /oose Anglia 



k 



Julius Zupitza. 251 

Anz. VII, 152. Zur Etymologie von merry Engl. Stud. VIII, 
465. Etymologie von bad Archiv LXXIII, 423. Kleine 
Bemerkungen zu Skeats Etymological Dictionary 
a.a.O. LXXVI, 205. Zur Geschichte von 'perhaps', 'trade' 
a. a. O. LXXXIV, 122. Zur Bedeutung von me. schire a.a.O. 
S. 123. Ein Un wort (altengl. ricen) a. a. O. S. 125. Meaning 
of 'astel' Academy 1881 (Mai). Spelling of 'whole' a. a. O. 
1881 (Oktober), 'end' or *and a. a. O. 1882 (Januar). Wyn- 
browes' a. a. O. 1882 (Januar) und Archiv LXVIII, 83. Wülcker's 
Edition of Wright's Vocabularies Academy 1884 (Mai). 
The Epinal Glossary a. a. O. 1884 (Mai). Etymology of 
'Nowcin' a. a. O. 1884 (Juli). Etymology of 'CatchpolT 
a. a. O. 1885 (November), 1886 (Februar). A curious prono- 
minal form (altengl. heoman) a. a. O. 1885 (November). Ety- 
mology of 'shire' a. a. O. 1887 (April). German words in 
Middle English a. a. O. 1888 (März). Two Glosses in Sweet's 
Oldest Texts a. a. O. 1888 (Juli). 



Zupitzas sehr zahlreiche Besprechungen und kurze Anzeigen * 
sind in dieser Aufzählung nicht berücksichtigt worden, um die- 
selbe nicht zu sehr anzuschwellen, doch auch in diesen ist viel 
wertvolles Material, das Ergebnis .mancher sorglichen Forschung 
oft in sehr anspruchsloser Form zu finden; wie mir ein englischer 
Fachgenosse neulich bemerkte: 'they are füll of learning.' Die 
ueuenglische Litteratur ist hier stärker vertreten als bei den Ab- 
handlungen, und die vielen Anzeigen neuenghscher Romane und 
anderer Erzeugnisse der neuesten englischen Litteratur, die er 
veröffentlicht hat, seitdem er im Jahre 1889 die Redaktion des 
Archivs übernahm, beweisen, dafs er auch die allerjüngsten 
Strömungen der englischen Litteratur mit scharfem Blicke und 
verständnisvollem Interesse verfolgte. Die Redaktion dieser Zeit- 



^ Dieselben sind in den folgenden Zeitschriften erschienen: Zs. für 
österr. Gymn. XXIV— XXVII (1873—76). Jenaer Litt.-Ztg. 1875—79. 
Anz. f. d. A. I— IX (1876—83). Anglia II (1879). Zs. f. d. Gymnasial- 
wesen XXXIV (1880). Deutsche Litt.-Ztg. 1880—90. Litteraturbl. f. germ. 
u. rem. Fhil. XI (1890). Archiv LXVI und LXXXIV-XCV (1890—95). 
Besonders ausführlich und umfangreich sind namentlich die im Anz. f. d. A. 
erschienenen: z. B. I, 116 (Publikationen der Early Engl. Text See); 
II, 1 (Engl. Dialect See); III, 95 (Schulz, Die engl. Gregorlegende); IV, 
149 und IX, 181 (Wifsmann, King Hern); IV, 217 (Engl. Studien); VI, 1 
(Böddeker, Ae. Dichtungen); VI, 39 u. s. w. Ein vollständiges Verzeich- 
nis findet sich bei Kölbing, Engl. Studien XXI. 



252 Julius Zupitza. 

Schrift bildete in seinen letzten Lebensjahren seine Hauptarbeit, 
fast seine ganze Kraft hat er, abgesehen von seiner Lehrthätig- 
keit, ihr gewidmet, und infolgedessen war es ihm nicht möglich, 
in dieser Zeit noch viele gröfsere Arbeiten zu vollenden, ja man 
mufs sich eher wundern, da/s er trotzdem noch zu so vielen treff- 
lichen Leistungen Zeit und Kraft gefunden hat. 

Auch als Lehrer nahm Zupitza eine hohe Stellung ein. 
Schon die Anerkennung, die seinen Lehrbüchern, seiner Ein- 
führung in das Mittelhochdeutsche, seinem alt- und 
mittel engl. Übungsbuch u. s. w. zu teil geworden, zeugt 
von seiner hohen pädagogischen Begabung; aber nur diejenigen, 
denen es vergönnt war, seine Schüler zu sein, vor allem an 
seinen Seminarübungen teilzunehmen und damit unter seiner 
persönlichen Leitung zu arbeiten, können ihn in dieser Bezie- 
hung gebührend würdigen. Sein Vortrag war schlicht und an- 
spruchslos, die Gabe, schw^ungvoll und hinreifsend zu Jüngeren 
zu sprechen, war ihm versagt, doch verstand er es meisterhaft, 
alles klar und durchsichtig darzustellen. Noglit o ivord spak 
he moore, than ^vas neede, und dennoch schienen bei seiner ein- 
fachen, einleuchtenden Behandlung auch die schwierigsten Pro- 
bleme leicht und ihre Lösung selbstverständHch. Seine Ein- 
führungen in das Altenglische und in Chaucer, seine knappen 
grammatischen Einleitungen waren meisterhaft entworfen und für 
Anfänger besonders ungemein brauchbar. Seine sehr eingehenden 
Vorlesungen über historische englische Grammatik gehören zu 
dem Wertvollsten, was Vorgeschritteneren geboten werden kann. 

In seinen nach wohlüberdachtem Plane entworfenen Kursen 
von Vorlesungen wurde er allen Perioden der Sprache und Litte- 
ratur gerecht,^ und in den seminaristischen Übungen hatten seine 

^ Seine wichtigsten Berliner Vorlesungen waren folgende: 1) Histo- 
rische Grammatik (Laut- und Flexion sichre. Zwei Semester). 2) Altengl. 
Litteratur und Erklärung von Cyuewulfs Elene. 3) Alt- und mittelengl. 
Sprachproben (nach dem Übungsbuch. Zwei Semester). 4) Beowulf. 
5) Mittelengl. Litteratur. 6) Chaucers Leben, Werke und Sprache nebst 
Erklärung ausgewählter Gedichte. 7) Shaksperes Leben und Werke. 
8) Shaksperes Henry IV., erster Teil. 9) Shaksperes Hamlet. 10) Neuengl. 
Litteratur. 11) Über den Gebrauch der englischen Präpositionen (zwei 
Semester). 12) Erklärung ausgewählter Dichtungen Byrons. 13) Erklä- 
rung ausgewählter Dichtungen Tennysons. Dazu kamen auch seine semi- 
naristischen und anderen Übungen. 



Julius Zupitza. 253 

Schüler Gelegenheit, sich auf allen Gebieten der Anglistik zu 
üben. Kam in einem Semester der Beowulf an die Reihe, so 
folgten wohl im nächsten textkritische Übungen an irgend einem 
mittelenglischen Denkmal (Chaucer, Sir Isumbras, Poema Morale 
u. s. w.), während im dritten Shakspere, Tennyson, Burns, Dickens 
oder irgend ein neuerer Schriftsteller behandelt wurde. Er be- 
absichtigte auch ein besonderes, bei seiner sachkundigen und 
klaren Lehrweise gewiis aufserordentlich nützliches Kolleg über 
'Englische Realia' zu lesen, ist aber nicht mehr zur Abhaltung 
desselben gekommen. Während er stets auf eine streng philo- 
logische Schulung drang, legte er doch nicht weniger Gewicht 
auf eine eingehende Beschäftigung mit den Meisterwerken spä- 
terer Zeit und verlangte von allen Teilnehmern an seinem eigenen 
Seminar regelmäfsigen Besuch der neuenglischen Übungen des 
Lektors. Allen seinen Schülern riet er dringend, wenn irgend 
thunlich, sich eine Zeit lang in England aufzuhalten, um Land 
und Leute aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Ja, so 
weit ging seine liebenswürdige Sorge für seine Schüler, dafs er 
mehrmals Mitglieder seines Seminars aufforderte, ihn auf einer 
Ferienreise nach England zu begleiten, und, wenn es dazu kam, 
während der ganzen Reise ihnen in der freundschaftlichsten 
Weise zur Seite stand. 

Für den praktischen Erfolg von Zupitzas Lehrthätigkeit 
fehlt es nicht an Beweisen: man braucht nur auf die vielen 
tüchtigen Dissertationen hinzuweisen, zu denen er die Anregung 
gegeben hat. In diesem Zusammenhange ist auch auf die von 
ihm begründete und eröffnete 'Sammlung englischer Denkmäler 
in kritischen Ausgaben^ hinzuweisen, welche es leider nur auf 
fünf Bände gebracht hat, zu denen freihch noch Breuls Gowther 
und Schleichs Ywain hinzugerechnet werden müssen. Die sechs 
nicht von Zupitza selbst verfafsten Arbeiten sind sämtlich von 
Schülern auf Grund seiner persönlichen Anregung geschrieben 
worden. Die häufige Anwesenheit englischer und amerikanischer 
Studenten in seinem Hörsaale zeigt, dafs sein Ansehen als Lehrer 
sich weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus erstreckte. 
Viele Anglisten, die jetzt akademische Lehrstühle innehaben, 
nicht nur in Deutschland, sondern auch im Auslande, sind stolz 
darauf, ihre Studien auf dem Gebiete der englischen Sprache und 
Litteratur unter Zupitzas Leitung begonnen zu haben. 



254 Julius Zupitza. 

Von der aufserordentlichen Vielseitigkeit und Gründlichkeit 
seines Wissens kann ich selbst Zeugnis ablegen. Wie oft habe 
ich während unserer langen Freundschaft staunen müssen über 
seine wunderbar umfassende und tiefdringende Kenntnis der eng- 
lischen Sprache und Litteratur aller Perioden — und mehr noch: 
wollte ich mir Aufklärung über irgend eine Frage aus dem Ge- 
biet der romanischen Philologie holen, ^ oder eine Stelle aus dem 
Sanskrit oder dem Littauischen übersetzen lassen, so konnte ich 
stets mit Sicherheit auf seine sachkundige Hilfe rechnen. 

Es gewährt seinen Freunden einen Trost, zu wissen, dafs 
seine Verdienste schon zu seinen Lebzeiten gebührende Anerken- 
nung gefunden haben. Er war erster Vicepräsident der deut- 
schen Shakspere-Gesellschaft und seit Herrigs Tode Vorsitzender 
der Berliner Gesellschaft für neuere Sprachen. Im Juni 1893 
ernannte ihn der Senat der Universität Cambridge in Anerken- 
nung seiner hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete der 
englischen Philologie zum Ehrendoktor der Universität, und noch 
in demselben Jahre ernannte ihn die Modern Language Asso- 
ciation of America zu ihrem Ehrenmitglied. 

^Last but not least^ haben wir an Zupitza nicht nur den 
hervorragenden Gelehrten verloren, der die anglistischen Studien 
in Deutschland hat mitbegründen und in fünfundzwanzig jähriger 
fruchtbarster Thätigkeit ausbauen helfen, den unübertroiFenen 
Lehrer, dessen Schüler in allen Weltteilen seiner mit Liebe ge- 
denken, sondern auch einen edlen, warmherzigen und treufesten 
Menschen. Was er seiner Familie gewesen, das kann nur seine 
nächste Umgebung wissen, aber seine Kollegen, seine Schüler, 
seine zahlreichen Freunde in Deutschland, Österreich, England — 
alle überhaupt, die das Glück hatten, irgendwie zu ihm in nähere 
Beziehung zu treten, sind um einen trefflichen Mann ärmer ge- 
worden. Seinem ehrlichen, geraden Wesen war alle Schwächlich- 
keit fremd. Hatte er einmal etwas als richtig erkannt, so hielt 
er daran fest, bereit, sollte es nötig sein, seine ganze Kraft dafür 
einzusetzen. Nichts kränkte ihn tiefer, als Hinterlistigkeit, wo er 
Aufrichtigkeit erwartete und gab. Selbst ein unermüdlicher, selbst- 

* In Breslau hat Zupitza über romanische Philologie gelesen und sich 
auch auf diesem Gebiet litterarisch bethätigt: vgl. seine Abhandlung über 
'Die nordwestromanischen Auslautsgesetze', Jahrb. f. rom. u. 
engl. Litt. XII, 187. 



Julius Zupitza. 255 

loser Forscher, hatte er für Oberflächlichkeit weder Verständnis 
noch Geduld. Von anderen verlangte er unnachsichtig dieselbe 
gewissenhafte, keiner Schwierigkeit ausweichende Arbeit, die bei 
ihm selbstverständlich war. Dies war seinen Schülern wohlbekannt 
und wurde im Seminar unermüdlich streng an den verschieden- 
sten Stoffen geübt, und dennoch hat es wohl selten einen Lehrer 
gegeben, der bei seinen Studenten persönlich so beliebt war wie 
er. Sein herzliches und schlichtes Wesen zog unfehlbar jeden 
an, der mit ihm in Berührung kam. Keiner wandte sich an ihn 
umsonst um Hilfe: selbst mitten in der Arbeit war er stets be- 
reit, das, was ihn gerade beschäftigte, beiseite zu legen, um an- 
deren mit Rat und That beizuspringen. Sein vielseitiges, reiches 
Wissen stand jederzeit allen zur Verfügung, die bei ihm Beleh- 
rung suchten. Mehr als ein Fall ist mir bekannt, wo Zupitza 
auf eine Arbeit, die er begonnen hatte, zu gunsten eines anderen, 
der dieselbe Arbeit inzwischen in Angriff genommen, nicht nur 
verzichtet, sondern dem anderen auch sein ganzes Material zur 
Verfügung gestellt hat.^ Und darum haben unterschiedslos alle, 
auch die, welchen die ihm eigene schmucklose Behandlung der 
Litteraturgeschichte weniger anziehend war, mit Liebe und Be- 
wunderung auf ihn geblickt, von seiner Selbstlosigkeit und Auf- 
opferungsfähigkeit im Dienste der Wissenschaft einen unauslösch- 
lichen Eindruck ins Leben mitgenommen. Auf Zupitza dürfen 
die Worte seines gemütvollen Lieblingsdichters Chaucer Anwen- 
dung finden: 

A trewe swynkere and a good was he 

Lyvynge in pees and parfit charitee. 

Arthur Napier. 



Julius Zupitzas wissenschaftliche Anfänge liegen auf dem 
Gebiete der deutschen Philologie. Friedrich Pfeiffer und Hein- 
rich Rückert waren in Breslau, Mafsmann und MüUenhoff in 
Berlin seine Lehrer. Rückert widmete er *in dankbarer Gesin- 
nung^ seine Habilitationsschrift. Bei Mafsmann hörte er nur eine 
Vorlesung, und zwar über das Nibelungenlied. Es war Ma(s- 
manns Ziel, seine Zuhörer von der Haltlosigkeit der Lachmann- 



* Vgl. z. ß. Zielke in dem Vorwort zu seinem Sir Orfeo, Breslau 
1880, und Anglia I, 39:5. 



256 Julius Zupitza. 

sehen Aufstellungen zu überzeugen ; als er aber am Schluls des 
Semesters die Studenten fragte, welche Ansicht ihnen denn nun 
am wahrscheinlichsten vorkomme, da bekannte sich Zupitza zum 
grofsen Mifsvergnügen des Lehrers zu Lachmann. Denn in- 
zwischen war durch Müllenhoif in ihm erst die volle Liebe zur 
deutschen Philologie geweckt, die klare Einsicht in ihre Auf- 
gaben eröffnet und der rechte Weg zur Lösung der Probleme 
gewiesen worden. Als Müllenhoffs Schüler hat Zupitza sich alle 
Zeit bekannt. In seiner ihm gewidmeten Doktordissertation 
rühmt er, dafs er ihn raira semper ac prope incredihili henigni- 
tate in seinen Studien unterstützt habe; zum 25jährigen Doktor- 
jubiläum widmet er ihm eine Schrift, in der er mit Dankes- 
worteu, die von Herzen kommen, bekennt, dafs alles, was er zu 
leisten vermöge, auf Müllenhoif zurückgehe; und zwei Jahre 
später preist er seine aufopfernde Unterstützung bei der Heraus- 
gabe der Yirginal, wodurch er seinen Verdiensten um des Schü- 
lers wissenschaftliche Förderung die Krone aufgesetzt habe. Wie 
nahe sie einander standen, lehren die freudigen Erinnerungen, 
die Zupitza in jener Festschrift den Einzelheiten ihres persön- 
lichen Verkehrs widmet, und es kann kein Zweifel bestehen, 
dafs Müllenhoif ihn damals schon als Helfer an der Bearbeitung 
des Deutschen Heldenbuches ins Auge gefafst hatte. Denn Zu- 
pitzas Dissertation, womit er sich am 8. Dezember 1865 in Berlin 
den Doktortitel erwarb, Prolegomena ad Alberti de Kemenaten 
Eckium, weist auf die Ausgabe des Eckenliedes, die einen Teil 
seiner Beisteuer zum Heldenbuch bildet. Wilmanns hat später 
die Entstehungsgeschichte des Liedes weiter hinauf verfolgt, und 
man kann in der Deutung des hineinverwebten Mythus in einigen 
Punkten anderer Meinung sein: im übrigen hatte Zupitza recht, 
dafs er in der Einleitung zu seiner Ausgabe an den Ergebnissen 
der älteren Untersuchung nicht rüttelte. 

Die erwähnte Gratulationsschrift zum 7. April 1867 zeugt 
für seine Beschäftigung mit der mittelhochdeutschen Lyrik. Er 
gab die Gedichte Rubins heraus (Oppeln 1867), eines Tirolers 
ritterlicher Abkunft, der freilich die herkömmlichen Geleise der 
unerhörten, trübseligen Liebessänger kaum je verläfst und nur 
insofern von Bedeutung ist, als er die Stärke von Walthers Ein- 
flufs beweist. Mit jener Umsicht und Sauberkeit, die er von 



Julius Zupitza. 25? 

Lachraann und Haupt erlernt hatte, reinigte Zupitza den durch 
V. d. Hagen gelieferten Text und wies die Anklänge an Wal- 
ther nach, die später von Müllenhoff in einer neuen Auflage von 
Lachmanns Ausgabe verwertet wurden. 

In demselben Jahre griff er auch in den Nibelungenstreit 
ein, in einer Schrift, die er im Verein mit etlichen Kollegen vom 
Oppelner Gymnasium dessen Direktor August Stinner weihte, 
der früher sein Lehrer gewesen war. Er bekämpfte Franz 
Pfeiffers Versuch, den Kürenberger als den Dichter der Nibe- 
lungen zu erweisen, glücklich genug, um Bartsch zu dem aus- 
führlichen Versuch einer Widerlegung in der Germania 13, 241 ff. 
zu veranlassen. Diese Gegnerschaft gegen Pfeiffer hielt Zupitza 
aber nicht ab, seine Verdienste um die Popularisierung der mhd. 
Dichtungen anzuerkennen, wenngleich er über das mechanische 
Verstehen, das Pfeiffer und seine Genossen anbahnten, hinaus 
eine gründlichere Kenntnis des Mhd. zu verbreiten suchte und 
den Unterricht darin der Schule zuwies. Bereits in seiner ersten 
Doktorthese hatte er gefordert, es müsse der Gymnasialabiturient 
die Dichter des ausgehenden 12. und des 13. Jahrhunderts be- 
quem lesen können. Die ^Einführung in das Studium des Mittel- 
hochdeutschen. Zum Selbstunterricht für jeden Gebildeten. Oppeln 
1868^ kann in der That den Lehrer ersetzen. Sie knüpft an das 
vierte Lied der Nibelungen an und gewährt durch allseitige Er- 
läuterungen jedes Wortes, die sich an passenden Stellen zu zu- 
sammenfassenden Exkursen erweitern, allmählich einen Einblick 
in die mhd. Grammatik und Wortbedeutung, der weit genug geht, 
um eine gute Unterlage für genauere Studien zu bilden. Die 
Brauchbarkeit des Buches beweisen seine vier Auflagen, denen 
es bis zur letzten (1891) nicht an der nachbessernden Hand des 
Verfassers gefehlt hat. 

Seine Habilitationsschrift aus dem Jahr 1869 zeigt uns Zu- 
pitza wieder für das Heldenbuch thätig. Sie enthält ^Verbesse- 
rungen zu den Drachenkämpfen\ Einige übertraf Bartsch in der 
Germania 15, 249 f., die meisten waren schlagend. Wir finden 
sie im fünften Teil des Deutschen Heldenbuchs wieder, worin 
Zupitza unter dem Titel ^Dietrichs Abenteuer^ die Drachenkämpfe 
oder, wie Müllenhoff sie passender benannte, die Virginal, den 
Goldemar, Sigenot, das Eckenlied, d. h. alle die Dichtungen 

Archiv f. n. Sprachen. XCV, 17 



258 Julius Zupitza. 

vereinte, die er Albrecht von Kemenaten zuschrieb, die Bruch- 
stücke von Dietrich und Wenezlan hinzufügend. Auch hier ist 
er in der Textgestaltung wesentlich über v. d. Hagen hinaus- 
gelangt, erörterte in der Einleitung die mit diesen Epen zusam- 
menhängenden Fragen und ihre Besonderheiten und gab erklä- 
rende Anmerkungen bei. Dals er die Frage nach dem Ver- 
fasser nicht in einer alle befriedigenden Weise beantwortete — es 
ist das bis heute noch nicht gelungen — , liegt an den Schwierig- 
keiten der Überlieferung, die auch in Bezug auf die jüngeren 
Texte noch späteren Forschern zu thun gab. 

Mit der Herausgabe dieser mit allen Vorzügen und Mängeln 
der Spielmannsdichtung, ihrer Frische und ihrer Nachlässigkeit 
ausgestatteten Epen schlofs Zupitza im wesentlichen seine Thätig- 
keit für die deutsche Philologie im engeren Sinne ab. Zwar ist 
er ihr nie untreu geworden, hat noch in Wien umfängliche Reste 
mittelhochdeutscher Kunstepen teils im Wortlaut, teils in Kol- 
lationen bekannt gemacht und ihre Stelle in der handschriftlichen 
Überlieferung bestimmt (vgl. Zs. f. d. Altertum 17. 18); hat, wie 
erwähnt, seine Einführung ins Mhd. zu wiederholten Malen ver- 
bessert; aber er gelangte doch nicht mehr dazu, sein in Zetteln 
vorhandenes Glossar zur Liederedda in Druck zu geben und den 
Weg ins Nordische weiter zu verfolgen, den er mit einer glück- 
lichen Besserung zur HI. Gudrünarkvida bereits als Doctorandus 
betreten hatte. Geläufig sind ihm alle diese Dinge jederzeit ge- 
blieben, wie er denn ohne seine tüchtigen Kenntnisse im Deut- 
schen, Gotischen und Nordischen, des Romanischen zu geschwei- 
gen, nicht der sichere Beherrscher der englischen Grammatik 
hätte sein können, der er war. Wie er die Entwickelung der 
Sprachvergleichung, auch in ihr wohlausgerüstet, mit voller Auf- 
merksamkeit begleitete, so verlor er auch die deutsche Philologie 
nicht aus den Augen. Die förderliche Aussprache mit diesem 
wissenden und teilnehmenden Freunde hat der Schreiber dieser 
Worte oft genossen und mufs sie nun aufs schmerzlichste ent- 
behren. 

Max Roediger. 



Anmerkungen zu Jakob Rymans Gedichten. 

V. Teil. 



LXI. 

Heilige drei Könige und Kindermord. 

Vgl zu LIX. 

Ü. F. 1 A sterre shone bright ; s. zu XXXII, 2, 2. — on xij day 
(=: 1, 1); s. zu XXXII, 8, 1. 

Str. 1. F. 1 this sterre so clere; s. zu XII, 3, 1. — F. 3 Vnto 
that king, that hath no pere; 5. zu IV, 2, 3. — F. 4 where he did 
rest; vgl. XCVII, 14, 4 The fende his body shall possede Therin fco 
resfc and make a pawse ; s. aueh zu VIII, 3 a, 3. — F. 5. 6 Kehr- 
reim. Wegen swete place vgl. zu XI, 2, 3. 

Sir. 2. V. 1 Bothe golde, encense and swete myrre tho; vgl. zu 
XXXII, 8, 2. — F. 2 Alle thre ist natürlich Nominativ; vgl. unten 
5, 1 Whenne theire offring alle thre had made To Crist; LVIII, 1, 2 
The kingis went theire way alle three ; LIX, 2, 1 They went alle thre 
that chielde to se. — F. 3 god and man; s. zu IV, 1, 3. — F. 4 
Borne of a virgyne vndefielde; s. zu II, 3, 3. 

Str. 3. F. 1 For he was king of mageste — LIX, 3, 1. — F. 2 
They gave hym golde with grete reuerence ; vgl. XXXIX, 5, 1 ff. Golde 
and myrre and swete encense Thise kingis gave with gret reuerence 
To this king. — F. 3 Per he was god = LIX, 3, 3. — god in per- 
sones thre; s. zu III, 3, 3. 

Str. 4. F. 1 Por he was man, they gave hym than = LIX, 4, 1. 
F. 3 buried; s. zu XLIII, 3, 1. — synfull man; s. zu LIII Ü. — 
F. 4 And arise ayene and to blis stye; s. zu LIII, 3, 2. 3. 

Str. 5. F. 2 king and lorde of alle — LXV, 8, 1; s. zu IV, 9, 1. 
Aufserdem findet sich lorde of alle noch XC, 5, 2. CVIII, 4, 1. 

17* 



260 Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXI, 5 — 12. 

CX, 6, 6. CXIV, 7, 1. CXVIII, 2, 3. CLXV, 1, 3; ferner lord of 
alle thynge CXXV, 1, 3. CXXIX, 1, 3. — V. 3 Right sone; s. zu 
XXXVIII, 7, 2. — fade; s. z«^ XXXIV, 3, 1. — F. 4 brightly shone; 
s. %u XXXII, 2. 2. — halle braucht Ryman aufserdem LXX, 15, 3. 
LXXXVI, 4, 4. CXI, 6, 1, halle dore CXI, 5, 1, heuen halle 
CLVII, 5, 3. 

iSifr. 6. F. 1—4; s. zu XXXIII, 6. — F. 1 in theire way; s. %u 
LX, 2, 1. — F. 4 And come by hym; s. %u LIX, 6, 1. 

Str. 7. F. 1—4; 5. ;?;w LIX, 5, 1—4. — F. 1 fayne; vgl. 
LXXXIV, 6, 2 we shulde be fayne. — F. 3 by hym; s. zu LIX, 
6, 1. — F. 4 By an aungell bothe faire and bright; vgl. CXIII, 1, 1 
An angelle, thatte was fayre and bryght; CXLI, 14, 2 Thatt angelle 
fayre and bryght; s. zu\ \\, \. 

Str. 8. F. 1 They wäre füll glad; vgl. XXXI, 7, 3 beyng füll 
glad. — F. 2 They be gone home another way; s. zu LIX, 6, 1 — 4. 

— F. 3 And king Herode was wrothe and sedde ; vgl. zu XXXIX, 8, 1 . 

— F. 4 That he of them had lost his pray cv) 10, 2 Seyng of them 
his purpose lorne. 

Str. 9. S. zu XXXIX, 6. — F. 3 Where they abode, tili he 
was dedde; s. zu LIX, 7, 2, 3. 

Str. 10. Vgl. zu XXXIX, 8. — F. 2 Seyng of them his pur- 
pose lorne; vgl. LX, 6, 1 und LXI, 8, 4. — F. 3 put to deth; vgl. 
LXXX V, 1 4, 3. 4 And to conflicte thyne enemye He wil put ; wegen 
put to flight s. zu LXXI, 7, 1. 

Str. 11. Vgl. Matth. II, 11 f. Tunc adimpletum est, quod dictum 
est per leremiam prophetam dicentem : 'Vox in Rama audita est, plo- 
ratus et ubulatus multus.' Die Stelle steht hei Jerem. XXXI, 1 5 Vox 
in excelso audita est lamentationis, luctus et fletus. — Fl Ysay. 
Es sollte dafür natürlich Iheremy (XXXVII, 2, 1) oder leramye 
(C, 3, 1) stehen: aber das Versehen kann sehr wohl von Ryman selbst, 
nicht erst vom Schreiber, gemacht sein. — F. 2 Had prophesied long 
tyme before; s. zu XL, 4, 1. — F. 3 A voice was hurde in blisse an 
hye CSD LXVIII, 5, 2 A voice was hurde in blis aboue {aber in ganz, 
anderem Zusammenhange). Wegen an hye s. zu XXVII, 4, 3. — 
F. 4 Of grete weping; vgl. CXXXVIII, 1, 3 With grete wepyng to 
the we call. 

Str. 12. F. 2 As prophecy had saide before r= LXXXIII, 5, 5; 
s. zu XL, 4, 1. — F. 3 To save mankyende, that was forlorne =: 



Anmerkimgen zu J. Rymaiis Gedichten LXI, 12 — LXII, 1. 261 

XXVII, 3, 4. XXXVI, 1, 4. LXXXIII, 5, 2. CXVIII, 6, 4; vgl. 
zu V, 7, 1 und VII, 4, 1. — F. 4 And to his Wisse for to restore; 
s. zu XL, 4, 3. 

LXII. 

Ob Christus sterben soll. 

Den gleichen Gegenstand behandeln die fünf zunächst folgenden 
Gedichte, und zwar ist LXIII, wie das vorliegende, ein Selbstgespräch 
Christi, während wir es in den übrigen mit einem Zwiegespräch zwi- 
solien ihm und der Jungfrau Maria zu thun haben. Sie fangen alle 
mit Shall I an. Zu vergleichen sind aber aufserdem Nr. XC (Zwie- 
gespräch) und CXLVI {Erzählung und Ziviegespräch). S. au^h zu CIV. 

Str. 1. r. 1 that heuen and erth did make; s. zu VII, 6, 3 und 
IV, 7, 1. — V.2 Dere moder, shaU I soo? — LXIV, 1, 2. LXV, 1, 2. 
LXVII, 1, 2, also immer der zweite Vers; ähnlich auch LXIII, 1, 2 
My dere spowse, shalle I soo? und LXVI, 1, 2 Moder, shalle I doo 
soo? Wegen dere moder s. auch zu XXXIV, 7, 2. — F. 3. 4 Shall 
I die for mannes sake And suflfre payne and woo? (>o LXIII, 1, 3. 4 
Shall I for mankyende yelde my lyfe And sufFre payne and woo ? cx) 
LXIV, 1, 3. 4 Shal I dye for synfull man And suffre payne and 
woo? c\) LXV, 1, 3. 4 Shalle I take deth for man so ille And suffre 
payne and woo? cv LXVI, 1, 3. 4 Shalle I take dethe for man alone 
And suffre payne and woo? oo LXVII, 1, 2. 3 Shal I for man, that 
I haue wrought, Take dethe with payne and woo ? — F. 3 ; vgl. au^h 
unten 2, 3 f. Shall I die and shede my blöde For man, that is so 
ylle? — F. 4 ist auch noch — LXIII, 2, 4. 3, 4. 5, 4. 9, 4. 10, 4. 
LXV, 8, 4. LXVI, 2, 4. 3, 4. 5, 4. 7, 4. 8, 4 ex. LXV, 3, 4 To 
suffre payne and woo — LXVII, 7, 4 c^j XC, 5, 4 And suffre alle 
this payne and woo. Wegen payne and woo vgl. auch zu VII, 3, 3. 
X, 5, 3. XIII, 3, 1. XVIII, 4, 3; ferner LXIII, 12, 4 Tokyns of 
payne and woo; LXIV, 10, 4 And with a worde thou maist now 
take Mankyende fro payne and woo; ebenda 12, 4 With thy grace 
kepe me and defende Fro endeles payne and woo; LXVII, 1, 4 
Take dethe with payne and woo; ebenda 3, 4 To bringe mankyende 
out of doloure I wille take payne and woo = 5, 4; XCV, 1, 7 Out 
of this bitter payne and woo; CI, 3, 4 Where is bothe peyne and 
endeles woo = CLVII, 2, 2; CVI, 6, 1 As greuous payne to her 
and woo It was to see her sone die soo, As vnto hym, that died thoo 



262 Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXII, 1 — 5. 

To save mankyende alone; CXXXIV, 3, 2 The bitternes of dethe 
alsoo Thatte lorde hath take with peyn and woo ; CLXIV, 8, 2 Lete 
not the f ende . . . Brynge us to payn and endles woo ; LXVI, 1 0, 4 
Not vttirly thou me forsake In langoure, payne and woo; LXVII, 

4, 4 Why shuldest thou leve me in doloure, In langoure, payne and 
woo ? CXLVIII, 6, 1 In derknes, payn, dolowre and woo Olde f aders 
made grete mone. 

Str. 2. F. 1 Shall I honge vppon the roode = LXIII, 2, l. Ryman 
selbst schreibt hange: CXXII, 4, 1 Aman alsoo, the fende, oure foo, 
Thou hast hangyd vppon a tre. — V. 1. 3 vppon the roode : bloode; 
s. zu IV, 4, 3. — F. 2 Like as it is my wille; vgl. X, 5, 2 Fourme 
of mankyende, like as we be. — F. 3 Shall I die and shede my bloode 
CO LXIII, 2, 3 I shall dey and shede my bloode. — F. 4 For man, 
that is so ylle; vgl. LXIII, 3, 3 I shall die for man so ille c\i LXIV, 

5, 3 That I schall die for man so ille; LXV, 2, 1 Why shuldest 
thou die for man so ille? ebenda 1, 3 Shalle I take deth for man so 
ille? ebenda 3, 3 For man so ille it is but skille To suffre payne 
and woo := LVII, 7, 3. Wegen ylle s. auch zu X, 3, 3. 

Str. 3. F. 1 Mankyende to save (s. zu V, 7, 3), that I have wrought 
oj LXXXII, 2, 4 To save mankyende, that he hath wrought; s. zu 
XXV, 2, 4. — F. 2 And scripture to fulflUe; vgl. LXIV, 7, 1 Moder, 
scripture I must fulfille; LXVI, 7, 3 Therfore I wille scripture ful- 
fille ; XC, 7, 1 Scripture, moder, I must fulfille ; auch CXLII, 4, 3 f. 
Normam euangelicam In itte forto fulfylle. — F. 3 My dere moder; 
vgl. zu XXXIV, 7, 2. — (Mankyende to save ...) it is my thought; 
vgl. LXIII, 4, 3 To save mankyende is alle my thought = LXIV, 
3, 3. — F. 4 Por why {s. zu V, 7, 2) it is but skille; vgl. LXV, 3, 3 
For man so ille it is but skille To sufl^re payne and woo = LXVII, 
7, 3; LXV, 2, 3 Dere sonne, me semeth, it is no skille, That thou 
shuldest suffre woo. Wegen by skille s. zu'K^ 3, 1. Aufserdem braucht 
Ryman skille nur noch'LX.'K, 13, 2 For on thy fare no skille he can. 

;S'^r. 4 ; .«?. zu XXiVI, 4. F. 1 Whenne I am xxx« winter olde = 
LXIII, 5, 3. — F. 2 ludas shall me betray c\^ LXIII, 6, 1 Shall 
ludas Scariot me betray? — F. 3 the Ines bolde; s. zu XLVI, 4, 3. 

Str. 5 With my disciples, or I be dedde, My souper I shall make, 
And vnto them in fourme of brede My body I shall take cv; LXIII, 
7, 8 Shall I, moder, or I be dedde, ... Leve my body in fourme of 
brede . . . ? With my disciples my soper make — Moder, I wille doo 



i 



Anmerkungen zu J. Rymaus Gedichten LXII, 5 — LXIII, 1. 263 

soo And vnto them my body take, Or I shall suffre woo. — F. 1 
or I be dedde; s. zu XXVII, 1, 3. LXIII, 7, 1. — F. 3 in fourme 
of brede; s. zu LIII, 7, 1. 

Str. 6. F. 1 croft braucht Ryman aufserdem CXI, 1, 1 The fals 
fox came vnto oure croft. — Gesseman; s. Matth.'K.XNl, 36//*. Marc. 
XIV, 32 if.; vgl auch Luc. XXII, 39 ff. Joh. XVIII, 1 ;/: _ F. 3 
And bringe me to Caiphas and An c\i LXIII, 9, 3 To bringe me to 
Caiphas and Anne; vgl. auch CIV, 2, 1 When he came to Cayphas 
and An To be iuged f or synfuU man {c^ LXII, 6, 4 ; s. zu LIII Ü.), 

Str. 7. FIX shall be iuged vnto dethe ex; LXIII, 10, 1 Shall 
I be iuged vnto deth; vgl. auxih CIV, 2, 2 {zu Str. 6 citiert). — F. 2 
And lewes shall me scome oo LXIII, 11, 3 The wikked Ines me shall 
scorne; CIV, 3, 3 And, how the lewes hym did shorn; CLXVI a', 

2, 3 And hou the luys did me schorn. Vgl. au/ih with grete scorne 
XL VI, 5, 2 = XCVIII, 4, 2. ~ F. 3 And in theire malice, ire and 
wreth oj LXIII, 10, 3 In theire grete malice, ire and wreth. — F. 4 
They shall crowne me with thorne; s. zu XL VI, 5, 1 — 3. 

Str. 8. F. 1. 2 To a pillonre I shall be bounde Scourged with 
scourgis kene; ä. zu LIII, 6, 1. 2 und zu XL VI, 5, 1 — 3. — F. 3 
many a wounde; s. zu LIII, 5, 2. — F. 4 sene; s. zu XIXXII, 6, 3. 

Str. 9. F. 1 Than I shall bere my crosse, iwys; vgl. LXIII, 
13, 1 Shall I bere my crosse after this. Wegen iwys s. zu XVI, 8, 2. 
— F. 3 And suffre dethe for mannes mys ; s. zu XLIV, 6, 2. — F. 4 
And so shall make hym free; s. zu VII, 2, 3. 

Str. 10. Fl Thanne I shall ryse on the iijde day; s. zu XIII, 

3, 2. — F. 2 And stey to heven blisse ; s. zu XLIII, 3, 3. — F. 3 
And bringe man to that blis for ay — LXIII, 14:, Z\ s. zu IV, 7, 3 
und wegen for ay ^wXIX, 6, 3. — F. 4 Where ioye shall neuir mys; 
s. zu XLVIII, 1, 2. 

LXIII. 

Oh Christus sterben soll. 
S. zu LXII. 

Str. 1. Fl moder, mayden and wyfe; s. zu III, 10, 3. — F. 2 
My dere spowse, shalle I soo; vgl. zu LXII, 1, 2. Wegen der Anrede 
s. zu Y, 6, 1. — F. 3 f. Shall I for mankyende yelde my lyfe And 
suffre payne and woo {der letzte Vers = 2, 4. 3, 4. 5, 4. 9, 4. 1 0, 4) ? 
s. zu LXII, 1, 3. 4. Mit yelde my lyfe vgl. CXLVU, 5, 1 When we 
shall dye and yelde our gost. 



264 Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXIII, 2—12. 

Str. 2. r. 1 Shall I honge vpon the roode = LXII, 2, 1. — 
F. 2 Moder, it shall be soo — 3, 2. 4, 2. 5, 2. 6, 2. 7, 2. 9, 2. 10, 2. 
11, 2. 12, 2. 13, 2. 14, 2. LXV, 9, 2. 11, 2 cnd LXIV, 7, 2 Moder, 
it must be soo cv LXIII, -8, 2 Moder, I wille doo soo. — F. 3 
I shall die and shede my hloode c\j LXII, 2, 3. 

Str. 3. F. 1 Shall I do my fadres wUle? Vgl. LXXVII, 1, 4 In 
erthe be done the wille of the; LXXXVII, 3, 3 The wille of god be 
done in me ; CHI, 4, 4 His wille be done alone ; ferner LXVII, 7, 1 
My faders wille I must fulfiUe und die Änm. zu X, 3, 2. — F. 3 
I shall die for man so ille; s. zu LXII, 2, 4. 

Str. 4. F. 1 Shall I save man, that I haue wrought ? s. zu LXII, 

3, 1. — F. 3. 4 To save mankyende is alle my thought And bringe it 
out of woo = LXIV, 3, 3. 4. — F. 3 auch oo LXII, 3, 3. — F. 4; 
s. zu VI, 3, 3. 

Str. 5 und 6; s. zu XL VI, 4. 

Str. 6. F. 4 And bringe me into woo; vgl. XC, 1, 3 Thou bringest 
my hert in care and woo; LXXXV, 13, 2 yf oure goostely enemye 
In f antasy bringe the ; XCI, 5, 4 O lorde, that . . . hast brought vs 
out of that lake, That oure parent had brought vs in ; XCIX, 3, 4 
And so . . . he . . . hath brought vs oute of that lake, That oure parent 
had brought vs in. 

Str. 7. 8 ; 5. zu LXII, 5. 

Str. 7. F. 4 To the and many moo; s. zu XXXI, 5, 1. 

Str. 8. F. 1. 2; s. zu LXIV, 9, 1. 2. — F. 3 wrothe; s. zu 
XX, 1, 1. — sadde; s. zu XIII, 6, 2. — F. 4 Or {s. zu XXVII, 
1, 3) I shall suffre woo; vgl. LXIV, 2, 4 Why shuldest thou suffre 
woo = 6, 2. LXVI, 6, 4; LXV, 6, 4 Why shulde I suffre woo 
== LXVII, 6, 4; LXV, 2, 4 That thou shuldest suffre woo; ebenda 

4, 4 Yf thou shalt suffre woo; LXVII, 2, 4 Yf thou shuldest 
suffre woo. 

Str. 9; vgl. zu LXII, 6. — F. 1 suffre; s. zu XXVI, 2, 2. 

Str. 10. 11; vgl. zu LXII, 7. 

Str. 11. F. 3 The wikked Ines; s. zu XL VI, 4, 3. 

Str. 12. Fl Shall I be bette with scourgis kene? cv3 LXII, 8, 2 
Scourged with scourgis kene; vgl. zu XL VI, 5, 3. — F. 3. 4 On my 
body there shall be sene Tokyns of payne and woo cvj LXII, 8, 3. 4 
Withoute nombre many a wounde On me there shall be sene. — 
F. 4 Tokyns of payne and woo; vgl. zu LXII, 1, 4. 



Aumerkungen zu J. Rymans Gedichtcu LXIII, 13 — LXIV, 4. 265 

Str. 13; vgl. LXII, 9. — V. 4 And bringe hym out of woo = 
LXIV, 5, 4. 9, 4 ; s. zu VII, 3, 3. 

Str. 14; vgl. LXII, 10. — F. 4 Where neuir shall be woo = 
LXIV, 13, 4 c\; LXV, 11, 4 We ij. in fere in blisse so clere Wille 
be, where is noo woo. 

LXIV. 

Ob Christus sterben soll. 

S. zu LXIL 

Str. 1; s. zu LXII, 1. — F. 1 I, by whome alle thing began; 
vgl. LXXI, 4, 1 By whom althing, lorde, did begyniie; LXXIV, 3, 
1.2 O high fader, by whome althing Onely hathe take a begynnyng. 
S. zu IV, 7, 1. 

Str. 2; vgl. LXV, 2. LXVI, 2. LXVII, 2. — F. 1 My dere sone; 
s. zu XII, 12, 1. — mys; s. zu VII, 2, 2. — F. 2 Wherfor shuldest 
thou do soo? = LXVI, 6, 2. LXVII, 2, 2 cvs LXV, 2, 2 Why shuldest 
thou, sonne, doo soo?; vgl. auch XC, 1, 1 why doest thou soo? — 
F. 3 Sith thou art king of heven blis — XC, 5, 1 c\^ CXXX, 1, 2 
Thatte thou art kyng of heuen blis cv^ XLIII, 4, 4 He king, she 
quene of heven blis = LXXXII, 3, 4. S. atcch zu IV, 3, 1. — 
F. 4 i^ 6, 2. LXVI, 6, 4 ; vgl. zu LXIII, 8, 4. 

Str. 3. F. 1 Mankyende, nieder, sith I haue wrought ; s. zu XXV, 
2, 4. — F. 2 And take mankyende also; s. zu VIII, 5, 1. — F. 3. 4 
To save mankyende is alle my thought And bringe it out of woo = 
LXIII, 4, 3. 4. 

Str. 4. FIX am thy moder vndeflelde; s. zu II, 3, 3. — F. 3. 4 
To se the die, mjne owne dere chielde, To me it were grete woo; vgl. 
LXV, 5, 3, 4 To see me dey for man alone Thou shalt be in grete 
woo; LXVI, 2, 3. 4 How shulde I see the dye alone And suffre 
payne and woo ? ebenda 4, 3. 4 Yf thou shuldest die and me forsake, 
To me it were grete woo ; LXIV, 8, 1 ff. Dere sonne, yf thou shuldest 
rae forsake And thus departe me froo, ... Thou shuldest make me füll 
woo; LXVII, 2, 2. 3 To me it shold be grete doloure, Yf thou 
shuldest suffre woo ; LXXVIII, 3, 1 /". O quene of blisse, that wofull 
were To see thy sonne cruelly slayne; LXXXII, 6, 1 ff. the swerde 
shulde Into her hert of doloure synke Her sonne to see on the roode 
tre And on his paynes smert to thinke; XC, l, ^ ff. Thou bringest 
my hert in care and woo Without offence to se the slayne, To see 



266 Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXIV, 4—8. 

the blede at euery vayne And to beholde thy louely syde With a 
sharpe spere wounded so wyde. To se thy hede crowned with thorne 
The blöde rennyng vppon thy face, Thy flesshe also with scourgis 
torne Thus cruelly in euery place, This is to me a woofull case, Sith 
that thou art myne owne dere chielde And L thy moder vndefiled; 
ebenda 6, 1 ff. Myne owne dere sonne; it greveth me For to beholde 
thy woundes smert, To se the nayled on a tree Thy blöde bleding 
oute of thyn hert. Vgl auch LXXVIII, 3, 2. LXXXII, 6, 3. CIV, 
3. 4. CVI, 3. 4, 2. 5, 3. 6, 2 und zu XIII, 4. — Wegen myne owne 
dere chielde s. %u XXXIV, 5, 2. — F. 4 :r^ LXVI, 4, 4. 

Str. 5. F. 1. 2 Moder, it is my faders wille, And it is myne alsoo 
=; LXVI, 7, 1. 2 oo XC, 7, 3. 5 For why it is my faders wille. ... 
It is the wille also of me c\5 CXLVI, 9, 1. 2 Moder ..., my faders 
will And myn, they be butte one. — F. 3 That I shall die for man 
so ille =r LXIII, 3, 3 {nur dafs hier That fehlt). — F. 4 And brynge 
hym oute of woo = 9, 4. LXIII, 13, 4 cv) 3, 4; 5. ;?;w VII, 3, 3. 

Str. 6. F. 1 Myne owne dere son [s. zu XII, 12, 1), why shuldest 
thou dy? r= LXVI, 6, 1. — why shuldest thou dy auch = LXV, 

2, 1. LXVI, 8, 3. XC, 5, 3. CXLVI, 6, 4. 8, 4. — F. 2 = 2, 4. 
— F. 3. 4 Why shuldest thou suffre velony For hym, that is thy foo ? 
c\3 LXVI, 6, 3. 4 For man, that is thyne enemye, Why shuldest 
thou suffre woo? XC, 5, 3 ff. Why shuldest thou die for mannes 
mys And suffre alle this payne and woo, Sith that he is thy mortall 
foo Thus with scourgis forto scourge the And thus to nayle the on 
a tre ? Vgl. auch LXV, 1 0, 2 Whenne thou on roode hast shed thy 
bloode For man, that is thy foo und unten 7, 3. 4 Mankyende, 
moder, I wille not spille, Though that it be my foo. — Wegen velony 
s. zu XIX, 2, 3. 

Str. 7. F. 1 Moder, scripture I must fulfille cx^ XC, 7, 1 Scripture, 
moder, I must fulfille. — Wegen scripture . . . fulfille s. zu LXII, 

3, 2. — must auch in der nächsten Zeile, LXXVII, 7, 1 . XC, 7, 1 : 
Ryman selbst schreibt most CXLVI, 11, 1. Die Bedeutung von must 
und most ist 'müssen^ dagegen von mote, mot, mott, motte wohl immer 
'mögen' (s. zu XXIII, 4, 4). — F. 2 Moder, it must be soo; vgl. zu 
LXIII, 2, 2. — F. 3 spille; s. zu X, 3, 3. — F. 4; s. zu 6, 3. 4. 

Str. 8; vgl zu 4, 3. 4. — F. 1 Dere sonne (= 10, 1. 12, 1. 2; 
s. zu 2, 1), yf thou shuldest me forsake cn) LXVI, 4, 2. 3 Dere sonne, 
. . . Yf thou shuldest die and me forsake ; vgl. ebenda 1 0, 3 Xot vttirly 



AumerkuDgen zu J. Ryinaus Gedichten LXIV, 8—12. 267 

thou me forsake In langoure, payne and woo; CXLVI, 10, 3 /". 
YfT it may be, me nott forsake In eare and woo alone; s. auch 
zu VIII, 5, 3. — F. 2 And thus depart me froo ; s. zu XX, 6, 6. — 
F. 3 Sith thou of me mankynde hast take ■=:■ LXVI, 4, 1; s. zu 
VIII, 5, 1. 

Str. 9. F. 1. 2 Dere moder, to be borne of the — Dere moder 
{zu XXXIV, 7, 2), I did soo; vgl LXIII, 8, 1. 2 With my disciples 
Souper make — Moder, I will doo soo. — F. 3 To suffre deth; s. zu 
XIjIII, 5, 3. — and make man free ; s. zu VII, 2, 3. — F. 4 =r 5, 4. 

Str. 10. Fl U7id 3 with a werde; s. zu XXV, 4, 4. — F. 2 
Henen and erthe; s. zu VII, 6, 3. — F. 3. 4 thou maist now take 
Mankyende fro payne and woo (s. zu LXII, 1, 4); vgl. CXXIII, 3, 3 
Ihesus ... Hath take us fro derknes and woo; CXXXIV, 3, 3 To 
take US fro the fende, oure foo ; CXLIX, 2, 1 Thou hast take us alle 
fro oure foo ; CXXXIV, 4, 2 f. His sowie went downe tho into helle 
And toke oute man, thatte there did dwelle, Fro the fowle fende, 
thatt is so feile; CXX, 6, 1 Thatte Eve hath take a wey fro us, 
Thou yeldist; LVIII, 3, 4 The synnes ... He toke fro vs, that we 
had wrought; endlich auch LIV, 1, 1 O man, whiche art the erthe 
take froo. 

Str. 11. Fl But I slinlde dy, mankyend were lost (s. zu VII, 
4, 1) oo LXV, 7, 1 No man, but I, may save mankyende. — F. 2 
Moder, sith it is soo = LXV, 3, 2. 7, 2. LXVI, 3, 2. 9, 2. LXVII, 
7, 2 oo LXIV, 12, 2 Dere sonne, sith it is soo = LXVI, 4, 2. 8, 2. 
LXVII, 4, 2. 8, 2 CS3 LXV, 8, 2 Dere sonne, sith thou art soo c\3 
LXVII, 6, 2 Dere sonne, sith I was soo ^ LXVI, 2, 2 Dere sonne, 
sith thou diddest soo, oo CX, 3, 6 O swete lady, sith it is soo oo 
CXLIX, 1, 3 Therfore, goode lorde, sith it is soo. — F. 3 Sith I am 
lorde of myghtis moost; s. zu X, 4, 2. — F. 4 I wille bringe it fro 
woo; s. zu X, 5, 3. 

Str. 12. Fl Dere sonne, fro me sith thou shalt wende; vgl. 
LXXXTV, 8, 3 Out of this worlde when we shall wende = XCII, 
7, 3; XCII, 6, 7 Withouten delay ye shall hense wende; CIX, 6 
Out of this lyfe when we shull wende ; CLII, 4, 2 or we hense wende 
= CLIV, 3, 2 {vgl. au^h zu LXXXV, 10, 7). Häufiger erscheint 
natürlich went. — F. 2; s. zu 11, 2. — F. 3 With thy grace; vgl. 
zu XXIX, 4, 3. — F. 3. 4 kepe me and defende Fro endeles payne 
and woo {vgl. zu LXXXIII, 6, 6); vgl. LXXXI, 1, 7 Thy myelde 



268 Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXIV, 12 — LXV, 1. 

seruauntis in euery place ... Kepe and defende fro alle doloure. — 
Wegen payne and woo s. zu LXII, 1, 4. 

Str. 13. F. 1. 2; s. zu XLIII, 3, 2. 3. — F. 1. Wegen aryse . . . 
ag-ayne s. auch zu XIII, 3, 2. — F. 2. Mit to blis I wille goo vgl. 
aufser LXV, 9, 4 noch CXXX, 7, 9 Into thi blisse thatte we may 
goo und die am Anfang der Anm. zu 1,11,1 angeführten Stellen. — 
. F. 3 Wherin with me ay thou shalt rayne. Die Schreibung rayne er- 
scheint nur hier: einmal finden wir raigne XCVII, 9, 3, sonst immer 
reigne (I, 6, 2. II, 5, 2. III, 4, 3. LXVII, 8, 1. LXXI, 3, 1. LXXXVI, 
4, 4. CXII, 6, 2. CXIII, 7, 2. CXL, 3, 2. 3, 4). — F 4 =r LXIII, 
14, 4. 

LXV. 

Oh Christus sterben soll. 

S. zu LXII. 

Str. 1. F. 2; s. zu LXII, 1, 2. — F. 3 Shalle I take deth for 
man so ille {s. zu LXII, 2, 4); vgl. LXVI, 1, 3 Shalle I take dethe 
for man alone; LXVII, 1, 3. 4 Shal I for man, that I haue wrought, 
Take dethe withe payne and woo ? XCI, 2, 4 How I toke deth onely 
for the; LXVI, 10, 1. 2 For man, dere sonne, sith thou wilte take 
Bothe payne and deth also; XC, 4, 1. 2 This wofull payne now will 
I take And bitter dethe, moder, also; LXVII, 3, 4 I wille take payne 
and woo = ebenda 5, 4. — F. 4; s. zu LXII, 1, 4. 

Str. 2. F. 1 Why shuldest thou die for man so ille? s.zuIjKIW, 
6, 1 und LXII, 2, 4. — F. 2; s. zu LXIV, 2, 2. — F. 3 it is no 
skille; s. zu LXII, 3, 4. — F. 4; s. zu LXIII, 8, 4. 

Str. 3. F. 1 Moder, sith alle is at my wille ; vgl. CXL VI, 4, 3 
For alle thyng is atte thyn own will In heuen and erthe alone; 
LXXXIV, 5, 3 What preuayleth it a man vntill, Yf that his sowie 
in daungere dwell, Tho.w he alle this worlde haue at wille ; XCI, 4, 2 
O god and man, the whiche hast wrought Me and alliß thing at thyne 
owne wille ; CXI V, 11,4 This dede in the now do shalle he Atte 
his wylle with a thought. — V. 2; s. ;^2^ LXIV, 11, 2. ~ F. 3 For 
man so ille; s. zu LXII, 1, 2. — skille; s. zu LXII, 3, 4. — F. 4 
To suffre payne and woo =:; LXVII, 7, 4 ; s. zu LXII, 1, 4. 

Str. 4. F. 3 harde is my happe; vgl. XCV, 2, 1. 2 Füll harde 
it is forto departe. And harde it is this payne to abyde. Aufserdem 
hat Ryman nur noch XXX, 4, 1 myendes harde -^:z^ sensuum. — 
F. 4; s. zu LXIII, 8, 4. 



Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXV, 5 — 9. 269 

Str. 5. F. 1. 2 Moder, tlie swerde of Symeon Thorugh thyne hart 
shall goo; vgl. LXXXII, 6, 1 Symeon tolde, that the swerde shulde 
Into her hert of doloure synke Her sonne to see on the roode tre 
And on his paynes smert to thinke; CVI, 3, 1 Symeon seide, the 
swerde shulde goo Thurgh hirmyelde hert of care and woo. S. Luc. 
II, 34 f. Et benedixit illis Simeon et dixit ad Mariam, raatrem eius: 
'... Et tuam ipsius animam pertransibit gladius.' — swerde braucht 
Eyman sonst nur noch CXXII, 3, 2. — F. 3. 4 oo LXIV, 4 {s. die 
Anm. dazu). 

Str. 6. F. 1 Haue, withoute woo füll of all grace cv^ LXXXVI, 

2, 5 Haile, füll of grace withouten woo — CHI, 1, 2; s. %u I, 1 und 
XVIII, 4, 3. — F. 2 The anngell grette me soo; vgl. LXXX, 5, 3 
For so the aungell did the grete. Wegen grete an unserer Stelle 
statt grette s. zu XIII, 5, 3. — F. 3 In myende, in wombe and enery 
place c\^ CXVIII, 2, 4 Haile, Mary fülle of grace: The lord of alle 
now is with the In hert, in wombe and euery place. Wegen in enery 
place s. zu XII, 1, 3. — F. 4 — LXVII, 6, 5; s. zu LXIII, 8, 4. 

Str. 7. V.\ CS, LXIV, il, 1. — F. 2; s. zu LXIV, 11, 2. — 
F. 3. 4 Of his bonde I wille it {d. h. mankyende) vnbyende And bringe 
it oute of woo ; vgl. LXVI, 9, 3. 4 Moder, mankyende I wille vn- 
bynde And bringe it oute of woo; CLXIV, 2, 1. 2 Pray thy sone 
to vnbynde oure bonde And brynge us owte of care and woo. — 
Wegen F. 4 s. auch zu VII, 3, 4. 

Str. 8. Fl king and lorde of alle =z LXI, 5, 2; s. zu IV, 9, 1. 
— F. 2; s. zu LXIV, 11, 2. — F. 3 To man wherfor shuldest thou 
be thralle? Äufser in den zu VII, 2, 3 {gegen Ende) angeführten 
Stellen braucht Eyman thralle noch LXXVII, 2, 4 And suffre not the 
fende, oure foo, To ouircome and make vs thralle ; CX, 6, 7 So that 
mankyende be not made thralle; CLI, 3, 2 No sclepe, that is vile, 
on US mote falle Ne the fende begile and make us thralle; CXLVI, 
8, 3 For man therfore, thatt is so thrall, Why shuldist thou dye 
alone ? CL, 5, 4 thi seruantis alle Bought with thi bloode, thatte were 
most thralle; CLXIV, 4, 4 Chyldryn of Eve, exyles most thralle. 
Rynian braucht thralle durchweg als Adjectivum {vgl. bonde zu LIII, 
1, 3). Wegen thraldom s. zu XLI, 7, 4. — F. 4 — 1, 4. 

Str. ^', s.zu XLIII, 3, 2. 3. — F. 1 I will be slayne; vgl LXVI, 

3, 3 For it, moder, I wille be slayne; CXLVI, 3, 1 Moder, ... I schall be 
sclayn. — rise agayne; s. zu XIII, 3, 2. — F. 2; s. zu LXIII, 2, 2. 



270 Anmerkungen zu J. Kymans Gedichten LXV, 9 — LXVI, 8. 

— F. 3 bothe goä and man; 5. zu IV, 1, 3. — F. 4 To blisse endeles 
Wille goo; s. zu'Xl, 2, 2. 

Str. 10. Fl Whenne thou on roode hast shed thy bloode; s. zu 
IV, 4, 3. — F. 2 Tor man, that is thy f oo ; s. zu LXIV, 6, 4. — 
F. 3 endeles foode ; s. zu XIX, 5, 2. — sonne so goode ; vgl. CVII, 
5, 1 thy son so god. — F. 4 Thenne bringe me oute of woo oo LXVII, 
8, 4 And bringe me oute of woo ; vgl. zu VII, 3, 3. 

Str. 11. F. 1 My moder dere; s. zu XXXIV, 7, 2. — be of good 
chere; s. zu XII, 12, 1. — F. 2; s. zu LXIII, 2, 2. — F. 3 in fere; 
s. zu VII, 8, 3. — in blisse so clere ; s. zu IV, 2, 3. — F. 4 where is 
noo woo; s. zu LXJII, 14, 3. 

LXVI. 

Oh Christus sterben soll. 

S. zu LXII. 

Str. 1. FIX, that am so high in trone; vgl. LXXXIX, 4, 2 
Of Criste, that is so high in trone — XCIX, 6, 2 ; CXLVI, 6, 2 the 
kyng of blisse, Thatt is so highe in trone; CXLVII, 1, 2 the kyng 
of grace, Thatt sittith so highe in trone; CLXVIII, 3, 3 To Crist, 
thy sone, sittyng in trone; CXLVI, 8, 2 To god, thatt ys in trone; 
ebenda Ü. The sonne of god in trone := CHI Ü. und CXLVIII Ü. 
Wegen in heven trone s. zu LIX, 4, 3. — F. 2 ; s. zu LXII, 1, 2. 

— F. 3. 4 cv^ LXV, 1, 3. 4. — F 4 = 2, 4. 3, 4. 5, 4. 7, 4. 8, 4. 

Str. 2. F. 1 Of me thou hast take flesshe and bon; s.zu^, 1, 1. 

— F. 2; s. zu LXIV, 11, 2. — F. 3. 4; s. zu LXIV, 4, 3. 4. 

Äifr. 3. F. 2 — 9, 2 ; 5. zu LXIV, 1 1, 2. — F. 3 ; s. zu LXV, 9, 1. 

Str. 4. F. 1 Sith thou of me mankyende hast take = LXIV, 
8, 3; s. zu VIII, 5, 1. — F 2 =r 8, 2; s. zu LXIV, 11, 2. ~ F. 3 
Yf thou shuldest . . . me forsake; s. zu LXIV, 8, 1. — F. 4 = 
LXIV, 4, 4. 

Str. 5. F. 1 the prophetes alle and sume oo XLII, 6, 2. LXXXVII, 

4, 2. XCIX, 1, 2; s. zu XLI, 1, 4. 

.S/r. 6. F. 1 = LXIV, 6, 1. — F. 2; s. zu LXIV, 2, 2. — 
F. 3. 4; s. a;w LXIV, 6, 3. 4. 

/SiJr. 7. F. 1. 2 = LXIV, 5, i. 2. — F. 3; s. zu LXII, 3, 2. 

Str. 8. F. 1. 3. 4 Dere sonne, sith thou art king of blis ..., Why 
shuldest thou die for mannys mys And suffre payne and woo? cS) XC, 

5, 1. 3. 4 Sith thou art king of heven blis ..., dere sonne, ... Why 
shuldest thou die for mannes mys And suffre alle this payne and 



AümerkuDgen zu J. Eymans Gedichten LXVI, 8 — LXVII, 8. 271 

woo? — F. 1 king of blis; s. zu IV, 3, 1. — F. 2 =r 4, 2. — F. 3; 
s. zu VII, 2, 2. 

;S^r. 9. F. 1 CND 4, 1 (5. Anm). — F. 2 = 3, 2. — F. 3. 4; 5. zu 
LXV, 1, 3. 4. 

iS^^r. 10. V.l. 2-, s. zu LXV, 1, 3. — F. 3 Not vttirly thou me 
forsake c\i CX, 4, 6 And vttirly thou not forsake Mankynde. — 
Wegen vttirly s. zu XXIII, 4, 1, wegen forsake zu LXIV, 8, 1. — 
F. 4 In langoure, payne and woo = LXVII, 4, 4 ; wegen langoure vgl. 
zu XVII, 6, 4, wegen payne and woo zu LXII, 1, 4. 

LXVII. 

Oh Christus sterben soll. 

S. LXII. 

Str. 1. F. 1 I, that wronght althing of nonght; s. zu IV, 7, 1. 
— V. 2; s. zu LXII, 1, 2. — F. 3. 4 ex:) LXII, 3. 4. — F. 3 man, 
that I haue wrought; s. zu XXV, 2, 4. — F. 4 Take dethe with 
payne and woo; vgl zu LXV, 1, 3 und LXII, 1, 3. 4. 

Str. 2. F. 1 Myne owne dere sonne (= 4, 1; s. zu XII, 12, 1) 
and paramour; s. zu Y, 6, 1. — V. 2; s. zu LXIV, 2, 2. — F. 3 
dolonre; s. zu XXXV, 2, 2. — F. 4; s. zu LXIII, 8, 4. 

Str. 3. F. 1. 2 thy paramoure, Thy sonne, moder, also; ä. zu V, 
6, 1. — F. 3. 4 To bringe mankyende out of doloure I wille take 
payne and woo =: 5, 3. 4. — F. 3; s. zu VII, 3, 3. — F. 4; s. zu 
LXV, 1, 3 und LXII, 1, 4. 

Sti\ 4. F. 1 I was thy bowre {vgl. 5, 1); s. zu XVI, 7, 1. — 
F. 2 := 6, 2. 8, 2; 5. zw LXIV, 11, 2. ~ F. 4 — LXVI, 10, 4. 

Str. 5. Fl; s. zu XVI, 7, 1. — F. 2 My spowse moost dere; 
s. zu V, 6, 1. — F. 3. 4 =: 3, 3. 4. 

/S'^?'. 6. F. 1. 3 Keplete with alle diuinite ... And triclyn of the 
trinite c\^ XII, 9, 2. 3 Replete with alle diuinite, O triclyne of the 
trinitie cv; CLVI, 1, 1. 2 O tryclyn of the trinite Replete with alle 
diuinite. Vgl. zu XII, 9. — F. 2 =: 4, 2. — F. 3 ; s. zu VIII, 
3a, 3. — F. 4 Why shnlde I suflfre woo? =: LXV, 6, 4; s. zu 
LXIII, 8, 4. 

Str. 7. F. 1 My faders wille I must fulfille ; vgl. zu X, 3, 2. — 
F. .2. 3. 4 =r LXV, 3, 2. 3. 4. 

Str. 8. F. 3 To me in peyne c\j XXXV, 3, 1 we in payne. — 
V. 4 ^ LXV, 10, 4; s. zu VII, 3, 3. 



272 Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXVIII. LXIX, 1. 

LXVIII. 

xijH'® daye {Heilige drei Könige, Hochzeit %u Kana, 
Taufe im Jordan). 

Berührt sich besonders mit Nr. XXXII {s. zu Nr. 2) und mit 
Nr. LVIII {vgl. zu Str. 2. 3. 4). 

Ü. The sonne of goA and king of hlis = K; s. zu XXXII, 4, 4. 

Str. 1. V. 2 Is man hicome for lone of vs — CXXXII, 1, 2 ^ 
LXXII, 11, 2 Now man become for loue of vs; s. zu XXXI, 1, 5. 
— F. 3 And his name is called Ihesus = CXXVIII, 4, 3; s. zu 
I, 12, 3. 

Str. 2 -s:^ XXXII, 8 und fast — LX, 1; F. 1. 2 aiwh = 
XXXIII, 5, 1. 2. Vgl. inhaltlich auch LVIII, 2. 

Str. 3 ; vgl. inhaltlich LVIII, 4. — F. 1 by grace dyvyne ; s. zu 
LVIII, 4, 3. — F. 3 Crist turned water into wyne; s. zu XX, 4, 2. 

Str. 4; vgl. inhaltlich LVIII, 3. — Fl in Jordan floode; vgl. 
LVIII, 3, 2 of lordan floode. — F. 2. 3 baptist . . . baptized ; s. zu 
XXVIII, 1, 3. — with a myoide moode . . . that lorde so goode (%i IV, 
4, 1 {s. Anm. dazu). 

Str. 5. Vgl. Matth. III, 16/1 Baptizatus autera lesus con- 
festim ascendit de aqua, et, ecce, aperti sunt ei cceli, et vidit spiri- 
tum dei descendentem, sicut columbam, et venientem super se. 
Et ecce vox de cselis dicens: 'Hie est filius meus dilectus, in quo 
mihi complacui' c\: Marc. I, 10 f. Luc. III, 22; auxih Jes. I, 32. — 
Fla dove; vgl. zu XVI, 2, 1. — F 2 A voice was hurde in blis 
aboue cx^ LXI, 11, 3 A voice was hurde in blisse an hye. 

Str. 6. F. 1 Bothe god and man; s. zu IV, 1, 3. — in oure 
nature; s. zu LIII, 2, 1. — F. 2 sanctified; Byman braucht dieses 
Verbum nur noch LXXVII, 1, 2 Sanctified thy name mote be. — 
F. 3 Of henen blisse to make vs sure — LXXVI, 6, 3 {die Reim- 
wörter sind, wie an unserer Stelle, nature und pure) ; vgl. zu XXI, 4, 4. 

LXIX. 

Letabundus Francisco decantet clerus alleluia. 

Daniel II, 193. Mone III, 306. Vgl zu XXXIV; ferner, CIX. 
CXLIL GXLIIL 

Str. 1. F. 2 Frannceys; ebenso schreibt der Sch7'eiber den Namen 



Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXIX, 1 — 8. 273 

CIX Ü.; dagegen der Dichter selbst schreibt ihn CXLII, 1, 6. 3, 2. 
CXLIII, 4, 1 Fraunces und reimt darauf an der ersten Stelle encres. 
— this heuenly thinge; s. zu XXXVIII, 4, 2. 

Str. 2. Vgl. Quem confixit novis (nobis Daniel) Clavis amor 
verus, Res miranda. — V. 1 fixte; fix hat hier die für das Me. in 
den Wörtei'büchern nicht angeführte und im älteren Neuenglisch seltene 
Bedeutung ^durchbohren'. — that loner true (vgl. zu XLIII, 1, 1) ist 
nach meiner Ansicht Apposition zu Criste. — V. 2 Hart, hande and 
foote transfourmed new; vgl. LXXXIX, 2, 2 Beholde and se his 
woundes fyve In his handes, his fete and hert. Von den stigmatischen 
Wunden des heil. Franz (vgl. 12, 1) spricht Ryman aufserdem CXLII, 
10, 4. CXLIII, 1, 3. 4. 

Str. 3. Vgl. Mens in carne patuit. Novo modo splenduit, Sol de 
Stella. — F. 2 in new wyse; s. zu II, 2, 2. — shone füll clere; ge- 
wöhnlich sagt Ryman shyne bright; s. zu XIXXII, 2, 2. 

Str. 4. Vgl. Vir, qui sie refloruit, Aves voce monuit Semper 
clara. — V. 1 this wyse; s. zu II, 2, 2. — flowre braucht Ryman 
als Verb aufserdem nur CLVEEI, 4, 1 O lesse yerde, the whiche didde 
flowre. — V.2 hononre; s. zu XVI, 7, 3. Wegen der Sache vgl Acta 
Sanctorum Oct. Bd. II (Abdruck von 1866), S. 622. 

Str. 5. Vgl Sicut Christus docuit, paupertatem tenuit Pari 
forma. — F. 2 In wille, dede and thought; s. zu XVII, 7, 3. — 
Mit pouerte . . . kepe did he vgl XCVII, 2, 3 Blessed be they, that 
truly kepe My wayes true bothe farre and nere And my doctrine 
profunde and depe ; 5, 4 My wordes be füll iuste and true . . . ; Ther- 
fore them kepe, it is my wille; 6, 4 For lyf is keping of my lawe; 
16, 1 Also youre scilence, loke, ye kepe. 

Str. 6. Vgl Hie prolem, quam (quam fehlt Daniel) genuit, Possi- 
dere noluit Hsec (Nee Daniel) corrupta. — Fl nouther in wille nor 
dede ; s. zu XVII, 7, 3. — F. 2 his doughter dere ist natürlich, wie 
proles, von dem Orden des Heiligen zu verstehen. 

Str. 7. Vgl lam in coelis iubilat, Signis novis (Novis signis 
Daniel) rutilat Valle nostra. — F. 1 ioieth; s. zu XXXVI, 4, 2. — 
aboue in Wisse; s. zu XXIX, 4, 3. — F. 3 Valle nostra; s. zu 
LXXXIX, 3, 3. 

Str. 8. Vgl. Renovantur oculi, Lingua crevit parvuli Carne 
sumpta. — Fl. Die Schreibung len hat die Handschrift nur hier, 
eyen XXIX, 4, 1. CXXXVIII, 5, 2. CL, 4, 1. CLI, 4, 1; eye XII, 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. 18 



274 Anmerkimgen zu J. Rymans Gedichten LXIX, 8 — LXX, 1. 

11, 3. LXXX, 3, 3; ey XXIV, 3, 4. CV, 4, 3. — renewed scheint 
hier ^erneuerten sich' zu bedeuten; transitiv steht das Verbum CLVI, 
6, 3 Thatte he with grace may us renu. 

Str. 9. Vgl. Os mutorum solvitur, Multis (Trinis Daniel) vita 
redditur, Hseresis convincitur Esse cseca. — V. 2 playne — playnly 
XXXVII, 2, 4. 

Str. 10. Vgl. Lepra cedit (fugit Daniel), saliunt Claudi, febres 
fugiunt, Multa regna sentiunt Hsec prsedicta. Also lepra und febres 
sind nicht berücksichtigt, dafür dume mit Rücksicht auf V. 9 und 
blynde mit Rücksicht auf V. 8. — V. 2 diuers; s. zu XXJV, 2, 2. 
— knowing reporte ^erfahren und berichten'; reporte : conforte auch 
VIII, 1, 1. 2. 

Str. 11. Vgl. Soldani prospera Sprevit et (ut Daniel) aspera, 
Sed hunc non Isesit Gens misera. — V. 1 fraude (s. zu XIX, 4, 3) 
beruht auf Mifsverständnis des Originals; zur Sache vgl. Acta Sanc- 
torum a. a. 0. ^)12 f. — F. 2 in no wise; s. zu II, 2, 2. 

Str. 12. Vgl. Ostendunt vulnera Novaque munera Dat, quem 
genuit Puerpera. S. auch zu Str. 1, 2. 



LXX. 

Verabschiedung des Advents. 

Ähnlich das nur aus einer Strophe bestehende Gedicht XCVIII. 

Ü. cristemas is cum = 1 6, 1. — F. 2 = iT. — both aUe and sume; 
s. zu XLI, 1, 3. 

Str. 1. Fl With paciens thou hast vs fedde 'du hast uns Ge- 
duld zu essen gegeben'. — F. 2 And made vs go hungrie to bedde; 
vgl. XXVIII, 4, 3 Delicte of synne make thou declyne; CLXVIb' 
2, 2 Derknes of nyght makist appere. Aber Ryman braucht hinter 
make auch den Infinitiv mit to: CXI, 7, 2 The fals fox came vnto 
oure cowpe. And there he made oure gese to stowpe; 17, 2 He toke 
a goose fast by the nek And made her to sey wheccumquek ; CXV, 
6, 2 f. The holigost of myghtys most Lid make thatte meyde in dede 
To conceyue than bothe god and man Wythowten mannys sede; 
CXXX, 6, 1. 2 Make us, goode lorde Ihesu most fre, Withe endles 
ioye rewardid to be. — F. 3 For lak of mete we were nyghe dedde; 
vgl. 8, 3 For lak of mete thou woldest vs spille; CXLII, 3, 4 For 
lacke of helpe and grace. — Wegen nyghe s. zu XXII, 3, \. 



I 



1 

Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXX, 2—15. 275 

Str. 2. F. 2 fisshe; vgl. 3, 1 f. 

Str. 3. V. 1 ferre ne nere; s. zu XV, 5, 3. — F. 3 hevy chere; 
s. zu XII, 12, 1. Aufserdem braucht Ryman hevy nur noch CLI, 6, 2 
So heuy thatt be and frayll of kynde. 

. Str. 5. F. 1 With muskillis gaping afture the mone; liegt darin 
eine Bezeichnung der Minderwertigkeit ? — F. 3 But ones a wyke and 
that to sone lieifst das : 'obwohl die Muscheln nur einmal in der Woclie 
kamen, kamen sie doch zu rasch wieder'? 

Str. 6. F. 3 or; s. zu XLIX, 3, 1. 

Str. 7. F. 1 ingratitude, 'da unr dich doch aufgenommen }iaben\ 

Str. 8. F. 1 Thou dwellest with vs ayenst owrewille; vgl. 11, 1 
Thou maist not dwelle with none eastate; 12, 1 Thou niaist not dwell 
with knyght nor squier; 13, 1 Thou maist not dwell with labouring 
man; 14, 1 Though thou shalt dwell with monke and frere. — F. 2 
fille; s. zu LIV, 3, 2. — V. Z\ s. zu l, ^. — spille; s. zu X, 3, 3. 

Str. 9. F. 1 Aboue alle thynge ; vgl LXXXIX, 2, 7 Aboue alle 
thinge hym for to love; s. zu VI, 7, 2. — F. 3 at Boughton Bleane; 
auch Boughton under (the) Blean, bei Chau^er CT. (r 556 Boghton 
under Blee genannt, an dem Wege von London nach Canterbury, von 
dem letzteren etwa sechs engl. Meilen entfernt; vgl. Edw. Hasted, The 
History and Topographical Survey of Kent III (1890), S. 2 und die 
der Ausgabe der Tale of Beryn für die Chaucer Society beigegeben^ 
Karte. 

Str. 10. F. 2 shent; s. zu VII, 4, 1. — F. 3 lent; auch 12, 3. 

Str. 11. F. 3 or ist hier = ne. or, nicht = ne. ere {s. zu 
XXVII, 1, 3). 

Str. 12. F. 1 knyght nor squier cvj XCVIII, 1 knyght and 
squier. — F. 2 For them thou maiste lye in the myre ; vgl. XCVIII, 3 
Gaste oute aduent in to the myere. 

Str. 13. F. 2 skille; s. zu LXII, 3, 4. 

Str. 14. F. 3 hetter chere; s. zu XII, 12, 1. 

Str. 15. F. 2 We will be mery; s. XXXVIII Ü. — grete and 
small; vgl. LXXII, 1, 3 Bothe grete and small, to the we call ; XCVII, 
1, 7 Therfore take hede bothe some and alle To his preceptis, bothe 
grete and small; CV, 6, 1 In tyme of nede, bothe grete and small, 
For subsidie we calle to the; CX, 5, 5 For thy comfort we crie and 
calle, Bothe olde and yonge, both gret and small; CXI, 6, 2 The 
fals fox came into oure halle And assoyled oure gese both grete and 

13* 



276 Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXX, 15 — LXXI, 2. 

small; CXIV, 3, 3 Of women alle bothe grete and smalle Ay blessyd 
motte thou be; CXXXVIII, 1, 1 Childryn of Eve bothe grete and 
small, ... to the we call; CXXXIX, 3, 4 Confort thou us, bothe 
grete and small ; CLVI, 7, 3 Thatt thy sweete sone Ihesus may calle 
Vs vnto hym, bothe grete and smalle; CLVII, 5, 2 Thatte we may 
dwelle, both gret and smalle, With Crist and the in heuen halle. — 
F. 3 halle; s. zu LXII, 5, 3. 

Sti\ 16. V. 1 cristemas is cume ; s. Ü. — V. 2 Be we mery ; s. zu 
XXXVIII Ü. — alle and sume; s. zu XLI, 1, 4. — F. 3 He is not 
wise; vgl. LXXXIV, 7 Truly, he is not wyse, but madde. — dume 
In ortu regis omnium; vgl. LXXXVII, 4, 5 ff. To hym therfore be 
we not dume, But lete vs singe and make alle myrthe In honowre 
nowe of bis swete birth. 

LXXI. 

Te deum laudamus. 

Ähnlich LXXII—LXXVI und CXXIV— CXXXVII. 

Ü. Te patrem nostrum inuocamus, Te deum verumque laudamus 
= F. 2 und 4 jeder Strophe. — F. 1 oo CXXV Ü. Te patrem rite 
vocamus = ebenda 1, 2 cv) CXXXIV Te patrem inuocamus cn^ 
LXXXII Ü. Alphl et quem vocamus = LXXIV Ü. CXXVII Ü. 
und 1, 1. _. F. 2 = LXXII Ü. und K. ex. LXXXIV Ü. und K. 
Te deum verum laudamus =z CXXVII Ü. und K. QXXXNll K. ^ 
CXXV Ü. und K. Te deum uite laudamus cvd CXXXIV Ü. Te 
deumque laudamus c\i LXXIII Ü. und K. Te deum laudamus = 
LXXV Ü. u. K. LXXVI Ü. u. K. CXXIV Ü. u. K. CXXVI Ü. u. K. 
CXXVIII Ü. u. K. CX3QX Ü. u. K. CXXX Ü. u, K. CXXXI Ü. 

u. K. cxxxii ü. u. K. cxxsiii ü. u. k. cxx:xiv k. cxxxv 

Ü. u. K. CXXXVI Ü. u. K. CXXXVII Ü. 1. 7. 

Str. 1. Fl creatures;^. zu LIII, 2, 1. — terrestriall ; s. zu 
VI, 8, 2 und LXXVI, 2, 1. — F. 3 With the high courte celestiall; 
s. zu XXVI, 3, 1. 

Str.. 2. F. 1 By daye and night, as it is right = LXXJV, 2, 3. 
CXXIV, 2, 3. CXXVI, 3, 3. CXXVII, 4, 1; vgl. zu XIX, 6, 1 und 
XXII, 4, 1. — F. 3 With aungellis bright; s. zu 1,11,1. Die Engel 
als Lobpreiser Gottes auch {abgesehen von den Stellen zu LXXV, 3 
und 5) LXXII, 3, 2. LXXIII, 5, 1. CXXIX, 2, 2. CXXXVI, 2, 1. 
CXXXVII, 2, 2. — with alle eure myght; s. zu XIII, 1, 3. 



Anmerkungen zu J. Kymans Gedichten XXI, 3— XXII U. 277 

Str. 3. F. 1 heuenly king; s. zu XLI, 7, 2. — that aye shall 
reigne; vgl. zu I, 6, 2; fernet LXIV, 13, 3. — F. 3 With potestatis 
of myght and mayn; vgl. CXXIX, 2, 2 And potestatis so füll of myght; 
LXXII, 5, 1 The potestates vniuersall = CXXXV, 4, 1; CXXV, 

5, 2 Apostles, potestatis vniuersall ; CXXXIII, 3, 2 Tronis, potestatis 
and many moo. — Wegen of myght and mayn s. zu XXXV, 3, 3. 

Str. 4. F. 1 By whome althing, lorde, did begynne ; s. zu LXIV, 
1, 1 und IV, 7, 1. — F. 3 cherubyn and seraphyn = LXXII, 6, 1. 
LXXIII, 5, 3. LXXV, 4, 1. CXXIX, 3, 1. CXXXIU, 3, I. CXXXV, 
5, 1. CXXXVI, 3, 1. 

Str. 5. F. 1. 3 lorde moost dere, that hast no pere, ... With 
the swete quere of apostles dere = CXXXV, 3, 1. 2. — Wegen 
lorde moost deere s. zu IV, 8, 1, wegen pere zu IV, 2, 3, wegen quere 
of apostles dere zu IV, 8, 1. — apostles erwähnt Ryman außerdem 
LXXIII, 5, 2. LXIXXV, 4, 2. 

Str. 6. F. 1 endeles god and man so fre; s. zu IV, 1, 3 und 
zu XXVin, 4, 1. — F. 3 With thy prophetes in theire degree; vgl. 
LXXII, 8, 1 The prophetes alle in theire degree; CXXXV, 6, 2 Thi 
prophetis alle in ther degre. Von den Propheten als Lobp7'eisern 
Gottes spricht aufserdem Ryman LXXV, 4, 2. CXXIX, 6, 1. CXXXVI, 

6, 1. — in theire degree; vgl. zu XVIII, 6, 2. 

Str. 7. F. 1 prince, that put eure foo to flight; vgl. CXXI, 
1, 3 For thou hast putte oure foo to flyght; CLVIII, 2, 3 Thatte we 
may putte the fende to flight. -^ Wegen foo s. zu LVII, 6, 2, wegen 
put to zu LXI, 10, 3. — F. 3 With thy hoost of martres so bright; 
vgl. CXXIX, 7, 1 The hoste of martirs bright and clere = CXXXVI, 

7, 1; ferner LXXII, 9, 3 Thy martirs singe victorius = CXXXV, 
7, 3 ; LXXV, 4, 2 The appostles, the prophetis and martirs in fere. 

Str. 8. F. 1 Pader and sonne and holy goost ; s. zu XXI, 8, 2. — 
F. 3 Bothe iij. and one, of myghtis moost; s. zu X, 4, 2. 



LXXII. 
Te deum laudamus. 

S. zu Nr. LXXI. Berührt sich am nächsten mit Nr. CXXXV 
{s. die Anm. zu Str. 5. 6. 8. 9). 

Ü. Alpha et quem vocamus = LXXIV Ü. CXXVII Ü. und 
1, 2 oo CXXIV, 5, 2 Alpha et .oo. quem credimus; vgl. CXXIX, 



278 Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXXII Ü. — 6. 

6, 3 alpha et .oo. = CXXXVI, 6, 3 und s. Apok. I, 8 Ego sum a 
et CO — ebenda XXI, 6 und XXII, 13; vgl. zu LXXI Z7. — F. 2; 
s. %u LXXI tl, 2. 

Str. 1. F. 1 god and man sempiternall cx^ LXXVII, 3, 4 The 
sonne of god sempiternall; vgl. zu IV, 1, 3 und XXVI, 3, 2. — 
F. 2 That hast made vs free, that were thrall; s. zu VII, 2, 3 und 
LXV, 8, 3. — F. 3 Bothe grete and small to the we call (= CXXXVIII, 
1, 1. 3); s. zu LXX, 15, 2 und XII, 1, 3. 

Str. 2. F. 1 oure fader celestiall; s. zu VI, 8, 3. — F. 2 
Oure foo {s. zu LVII, 6, 2) committe so bestiall; im New Engl. Dict 
ist kein so frühes Beispiel für einfaches commit im Sinne von commit 
to prison. Ryman braucht das Verb aufserdem nur noch XCI, 4, 6 
Therefore, good lorde, I commytte me Body and sowie onely to the. 
— bestiall; vgl. LXXXV, 10, 2 And dedes bestiall; CLVI, 8, 2 
Thatte we, whiche be terrestrialle, May leve this lyff so bestialle And 
come to blysse celestialle {also dieselben JReimwÖrter, wie an unserer 
Stelle). — F. 3 We, thy children terrestriall; s. zu VI, 8, 2. 

Str. 3. F. 1 so füll of myght; s. zu XXI, 3, 1. — F. 2 Aun- 
gellis alle of heuen so bright; vgl. CXXIX, 2, 1 Angeliis of heuen, 
that be so bryght; s. zu 1,11,1 und LXXI, 3, 2. — F. 3 Be assistent; 
vgl. CXLIII, 7, 3 To the confort assistent be Ouium tuarum und 
LXXV, 5, 1. 2 = CXXIII, 3, 1. 2. — bothe day and nyght; s. zu 
XIX, 6, 1. 

Str. 4. F. 1 The hevens; s. zuYU, 5, 1. — so bright and clere; 
s. zu XII, 3, 1. — F. 2 the heuen empere; Bradley s. v. empyre be- 
legt die Form empere nicht. — F. 3 laude ; s. zu IV, 8, 3. — o lorde 
so dere; s. zu IV, 8, 1, 

Str. 5. F. 1 — 3 The potestates vniuersall In thy high courte 
imperiall Geveth the honoure perpetuall = CXXXV, 4, 1 — 3. — Fl; 
s. zu LXXI, 3, 3. — F. 2; vgl. zu XXVI, 3, 1. — F. 3; vgl 
CXXXVI, 6, 2 The number of thy prophetis alsoo Geuyth the hon- 
owre with many moo; LXXII, 7, 3 Of the apostles the glorious 
quere . . . Geveth the laude and honoure in f ere ; CXXXV, 6, 3 Laude 
and honowre they geue to |)e; LXXXIII, 1, 4 We geve the lawde, 
thanke and praysing; LXXII, 8, 3 Thanke and preysing they geve 
to the. — Wegen perpetuall s. zu VI, 8, 1. 

Str. 6. F. 1 — 3 Cherubyn and seraphyn with loue ardent Euir- 
more crie with one assent: '0 lorde god Sabaoth omnipotent' co 



Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXXII, 6—9. 279 

CXXXV, 5, 1 — 3 Cherubyn and seraphin with loue ardent Euer- 
more crie with on assent, O lorde of vertu omnipotent co CXXIX, 
3, 1 — 3 Cherubyn and seraphyn with loue ardent Sey vnto the with 
on assent, Lorde of vertu omnipotent ^=: CXXXVI, 3, 1 — 3. — 
F. 1 Cherubyn and seraphyn; s. zu LXXI, 4, 3. — ardent erscheint 
sonst bei Ryman nur noch als Epitheton von busshe; s. %u V, 3. — 
F. 2 Euirmore; vgl. außerdem LXXV, 4, 3. LXXXIV, 6, 7. LXXXV, 
11, 1 und zu XX, 5, 6. — crie; vgl. CX, 5, 4 For thy comfort we 
crie and calle. — with one assent kommt aufser an den oben ange- 
führten Stellen noch vor CXXVI, 1, 3 Mekely therfore with on assent 
Te deum laudamus; CXXXVII, 2, 3 The ordres .ix. of angellis 
bright With on voice and with on assent Sey: 'Sanctus, sanctus, 
sanctus' to the of right. — F. 3 lord god; s. zu LXXXVI, 2, 6. — 
omnipotent; vgl. aufser den oben angeführten Stellen noch LXXXVI, 
6, 4 By grace of god omnipotent — XCVI, 2, 4 ; CXXVI, 1, 1 Fadere 
of blisse omnipotent; CXXXVII, 2, 1 For thou art god omnipotent. 
Str. 7. F. 1 Of the appostles the glorious quere; s. zu IV, 2, 3 
und LXXI, 5, 3; wegen glorious ^w I, 12, 1. — F. 2 king and 
prince and lorde moost dere; vgl. CI, 5, 4 To whom althing obeyeth 
by skille, As to theire prince, theire lorde and king; XCIV, 1, 1. 2 
O prince of peas and king of grace, O endeles lorde and moost of 
myght; CLX, 1, 2 Sith thou hast borne the kyng of grace, The lorde, 
the prynce of euery place; LVII, 5, 1 O prince of peas, o heven 
king; LXXVI, 4, 2 O lorde and prince of euery londe. S. auch zu 
IV, 9, 1. — lorde moost dere; s. zu IV, 8, 1. — F. 3 Geueth; s. zu 

5, 3. — laude and honoure; 5. zu XXII, 6, 1. — in fere; s. zu 
IV, 8, 3. 

Str. 8. F. 1 — 3 The prophetes alle in theire degre, endeles 
god in persones thre, Thank and preysing they geve to the cv) CXXXV, 

6, 1 — 3 O endles god in persons thre, Thi prophetis alle in ther 
degre Laude and honowre they geve to {)e. — Fl; s.zu LXXI, 6, 3. 

— F. 2 endeles god; s. zu XXVIII, 4, 1. — in persones thre; 
s. zu I, 3, 3. — F. 3 ; s. zu 5, 3. 

Str. 9. F. 1 — 3 heuenly prince moost glorious, The tryumphe 
Wonne laborious Thy martirs singe victorious = CXXXV, 7, 1 — 3. 

— F. 1 glorious; s. zu 1,U,\. — V. 2 wonne; vgl. LXXXV, 15, 8 
And so gostely the victorie Of thy foo thou shalt wynne. — F. 3 
martirs; s. zu LXXTI, 7, 3. 



280 Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXVII, 10— LXXIII, 1. 

Str. 10. F. 1 endeles god, fader of light cv^ CXXXVI, 1, 1 
Eternall god, fader of light; vgl zu XXVIII, 4, 1. — V. 2 AUe holy 
churche, as it is right = LXXXIII, 2, 3 cv3 LXXV, 6, 1—3 Alle 
holy churche with melodie, As it is right, dothe magnifie His holy 
name and glorifie = CXXVIII, 5, 1—3. Vgl. auch CXXVI, 5, 2 
As höfy chyrche so techith us. Der Schreiber braucht die Form 
churche, Ryman selbst chirche und chyrche. — as it is right; s. zu 
XXII, 4, 1. ^ — F. 3 Lawde and preyse; s. zu IV, 8, 3. — bothe day 
and-nyght; s. zu XIX, 6, 1. 

Str. 11. F. 2 Now man become for loue of vs; vgl. zu LXVIII, 
1, 2. — F. 3 We laude and honoure; s. zu IV, 8, 3. 

Str. 12. F. 1. 2 The holygoost, that dothe procede Of you both ij.; 
s. zu XLVII, 4, 3. — F. 2 as seith our crede — CXXXI, 3, 3. 
CXXXVI, 10, 3 c\3 LXXIV, 5, 3 this is oure crede {auch an diesen 
drei Stellen sind die Reimwörter procede und dede). — F. 3 We laude 
and preyse; s. zu IV, 8, 3. 

Str. 13. Fl Bothe iij. and one we knowleche the -.^- LXXIII, 
1, 3; wegen Bothe iij. and one s. zu XI, 6, 2, wegen knowleche zu 
XXII, 4, 4, — F. 2 One in godhede, in persones thre = XLIV, 1. 2. 
CXXIX, 1, 2; vgl. zu XLII, 3 f. und I, 3, 3. — F. 3 That euir 
were and ay shall be — LXXXIII, 2, 2; s. zu XXI, 8, 3. 

Str. 14. F. 1 swete Ihesu = CXXX, 1, 1. CXXXVII Ü. 
CLXII, 1, 1. — V. 2 f. that on the roode Hast redemed vs with thy 
hert bloode ; s. zu IV, 4, 3 und IV, 7, 3. — F. 3 With contrite hert ; 
s. zu L, 4, 2. — with myoide moode; s. zu IV, 4, 1. 

LXXIII. 

Te deuni laudamus. 

S. zu LXXI. 

Ü. Dulciter pangamus: 'Te deum laudamus' = LXXVI Ü. CXXIX 
Ü. CXXXIII Ü. CXXXV Ü. CXXXVII Ü. 5. 7 cv LXXV Ü. Singe 
we alle this tyme thus : 'Te deum laudamus' = CXXVI Ü. CXXVIII 
Ü. CXXX Ü. CXXXI Ü. CN. CXXIX Nowe synge we thys tyme 
thus: 'Te deum laudamus' ^- CXXXII Ü. — V.2', s. zuJJXXl Ü. 2. 

Str. 1. F. 1. 2 fader of high maieste, The sonne and holigoost 
with the oo CXIXXVI, 8, 1. 2 O highe fader of mageste, Thy sonne 
and holigost with the. — F. 1 = CXXXI, 1, 1. — F. 2; s. zuIjVII, 
1, 2. — F. 3 Bothe iij. and one the knowlege we = LXXII, 13, 1. 



I 



Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXXIII, 2— LXXIV, 2. 281 

Str. 2. V. 1 heuen king; s. zu LVII, 5, 1. — F. 2 On his right- 
side in blisse sitting ; s. -zu XLIV, 9, 2. — F. 3 Oure iuge to be ; 
s. zu XXII, 5, 2. 

Str. 3. V. 1 — 3 holy goost ay proceding Of the fader ... And 
of the sonne; 5. zu XL VII, 4, 3. — F. 2 Of the fader euirlasting; 
vgl.JjXXXV, 9, 8 To euirlasting lyfe. — F. 3 withoute ending; s. zu 
XX, 6, 5. 

Str. 4. F. 1 — 3 iij. persones in one vnite Beyng but one god 
and one light, One in substaunce, essens and myght = XL VII, 6, 
1—3 cN^ LVn, 2, 1—3. 

Str. 5. F. 1 Incessantly ; s. zu XL VIII, 7, 3. — aungellis ; s. zu 
LXXI, 3, 2. — F. 2 Apostles; s. zu LXXI, 5, 3. — potestatis uni- 
uersall; s. zu LXXI, 3, 3. — F. 3 Cherubyn and seraphyn; s. zu 
LXXI, 4, 3. — to the doth call; s. zu XII, 1, 3. 

Str. 6. F. 1 Pro day to day, lorde, we blosse the; vgl XCVII, 
3, 2 Blessed be they, the whiche do wake Atte my gates fro day to 
daye. — F. 2 withoute ende ; s. zu LVI, 4, 3. — thy name preyse we ; 
vgl. CXXX, 8, 3 We ... blisse thy name; LXXV, 6, 2. 3 Alle holy 
churche . . . dothe magnifie His holy name and glorifie =: CXX VIII 
5, 3. — F. 3 Of whose kingdome noon ende shall be ; s. zu I, 6, 3. 



LXXIV. 
Te deum laudamus. 

S. zu LXXI. 

Ü. = CXXVII ü. — V. 1; s. zu LXXII Ü.l. — V. 2; s. zu 
LXXI Ü. 2. 

Str. 1. V. 1 — 3 Fader and sonne and holigoost, We knowlege 
the in euery coost Bothe iij and one, of myghtis moost cv) CXXIX, 8 
1 — 3 Fadere and sonne and holigost, Bothe .iij. and .i., of myghtis 
most, We knowlege the in euery cost. F. 1. 3 auch = XXI, 8, 2. 4. 
LXXI, 8, 1. 3. CXXIV, 5, 1. 3. CXXV, 4, 1. 3. CXXVI, 5, 1. 3. 
CXXVII, 3, 1. 3 cxi XL VII, 7, 1. 2 O fader, o sonne, o holigoost, 
O iij and one, of myghtis raoost — LXXVI, 7, 1. 2 c\) CLXI, 4, 1. 2 
O .iij. and .j., of myghtys most. Fader and sone and holygost. — 
F. 1; vgl. zu XXI, 8, 1. — F. 2 knowlege; s. zu XXII, 4, 4. — 
in euery coost ; s. zu X, 4, 1 . — V. S; s. zu X, 4, 2. 

Str. 2. F. 1. 2 Thre persones, one god, one light, One in sub- 



282 Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXXIV, 2 — LXXV. 

staunce, essence and myght; s. zu XL VII, 6, 1 — 3. — F. 3 By day 
and nyght, as it is right; s. zu LXXI, 2, 1. 

Str. 3. F. 1. 2 high fader, hy whome althing Onely hathe take 
a begynnyng; s. zu LXIV, 1, 1 und IV, 7, 1. — F. 1. Mit high fader 
vgl LXXV, 1, 1 The high fader of blisse aboue — LXXXVI, 1, 1; 
CXXXVI, 8, 1 O highe fader of mageste; CLXI, 1, 1 highe fader 
of heuen blys. — F. 3 Of whosekingdomeisnone ending = CXXXIV, 
1, 2; s. zu I, 6, 3. 

Str. 4. Fl — 3 sonne of the fader of myght Onely bigote of 
hym by right, As god of god and light of light ^ CXXXI, 2, 1—3 
O sonne of the fader of myght Ay procedyng of hym by right, As 
god of god and lyght of lyght = CXXXVI, 9, 1—3. — F. 1 the 
fader of myght; s. zu XXVII, 2, 1. — F. 2 by right; s. zu X, 3, 1. 

— F. 3 light of light; vgl aufserdem CXXIV, 2, 1 O kyng of myght 
and lyght of lyjt =z CXXVI, 3, 1; CLXVI, b^ 1, 4 Var. O kyng of 
myght, we beleve the The lyght of lyght ever to be; CLXIII, 3, 2 
Qui lux est veri luminis; s. auch zu LVIII, 2, 3. 

Str. 5. F. 1 — 3 holygoost, that doost procede of the fader and 
sonne in dede Onely by loue (this is onre crede) cx^ CXXXI, 3, 1 — 3 
{nur V. 3 as seyeth statt this is) — CXXXVI, 10, 1—3. — F. 1; 
vgl auch zu XLVII, 4, 3. — F. 2 aufserdem = CXXIV, 4, 1. 
CXXVI, 4, 1. CLXI, 3, 2 {wo auch V. 1 = V. 1 an unserer Stelle). 

— in dede; s. zu LVIII, -4, 1. — F. 3 this is eure crede; vgl auch 
zu LXXII, 12, 2. 

Str. 6. F. 1 endeles god of myghtis moost; 5. zuXXVlII, 4, 1 
und X, 1, 4. — F. 2 That thou hast made, lete not be lost; vgl zu 
XXV, 2, 4; ferner LXXXV, 14, 7 He will not lete thy soule be 
lost, For the whiche he did dye. — F. 3. 4 Sith, thy sernauntis, in 
euery cost Te deum verum laudamus cx^ LXXVI, 7, 3. 4 Thy myelde 
seruantis, in euery coost Te deum laudamus; vgl. auch CLXIV, 1, 4 
Helpe thy seruauntys in euery londe. — Wegen in euery cost s. zu 
X, 4, 1. 

LXXV. 

Te deum laudamus. 

S. zu LXXI. Zeigt mehrfache Übereinstimmung mit Nr. CXXVIII 
{s. Anm. zu Str. 2, 1 f 5. 6). Str. 3 kehrt in CXXXIII und CXXXV 
wieder. 



Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXXVÜ. — 5. 283 

Ü.; s. zu LXXIII Ü. 

Str. 1. F. 1. 2 The high fader of blisse aboue Sent his owne 
sonne oo LXXXVI, 1, 1. 2 The high fader of blisse aboue Hathe 
sent his sonne. — Wegen high fader s. auch zu LXXIV, 3, 1, wegen 
of blisse aboue au^h zu XXIX, 4, 3. — V. 2 to eure behoue; vgl. 
LXXXIX, 1, 5 that myelde dove Borne for thy loue and thy be- 
hove. — F. 3 bounde; s. zu XXXV, 4, 1. 

Str. 2. Vgl zu LXXVI, 1. — F. 1. 2 To become man he lothed 
nought Of a pure mayde in dede and thought cx> CXXVIII, 1, 2. 3 To 
take nature he lothyd nought Of a pure meyde in dede and thought. 

— F. 2; s. zu XVII, 1, 2 und XVII, 7, 3. — F. 3 To make man 
fre, that he had wrought; s. zu VII, 2, 3 und XXV, 2, 4. 

Str. 3 Whenne he was borne, that lorde and king, Oute of thral- 
dome mankyende to bringe, With one accorde aungellis did singe: *Te 
deum laudamus' =^ CXXXIII, 2 und CXXXV, 2 cvd XCIX, 7, 1—3 
When he was borne, that lorde and king. Oute of thraldome to 
bringe mankyende, *Ioye be to god,' aungellis did synge. Vgl. auch 
zu XXXVIII, 5. — Fl Whenne he was borne; vgl. zu XXXII, 
1, 1. — that lorde and king; s. zu IV, 9, 1. — F. 2 auch = XLI, 
7, 4 ; s. die Änm. — F. 3 auch — CXVII, 3, 4. 

Str. 4. F. 1 Cherubyn and seraphyn; s. zu LXXI, 4, 3. — with 
voices clere ; s. zu IV, 8, 3. — F. 2 The appostles ; s. zu LXXI, 5, 3. 

— the prophetis; s. zu LXXI, 6, 3. — martirs; s. zu LXXI, 7, 3. 

— in fere; s. zu IV, 8, 3. — F. 4 Euirmore; s. zu LXXII, 6, 2. — 
laudeth; s. zu IV, 8, 3. — that lorde so dere; s. zu IV, 8, 1. 

Str. 5 The ierarchies with ordres nyne To hym assiste and aye 
incline And honoure hym with laude diuine: 'Te deum laudamus' oo 
CXXVIII, 3 The ierarchies with ordrys nyne To hym assiste and 
ay inclyne ; Therf ore syng we with laude dyuyne : 'Te deum laudamus' 
oo CXXVI, 2 The ierarchies of Orders nyne, They sey: 'Sanctus, 
sanctus, sanctus'. Lorde of vertu, with laude diuine Te deum lau- 
damus oo CXX, 7 The ierarchies with ordres nyne, For cause that 
Crist is born of the, They honowre the with laude dyuyne, Mater mi- 
sericordie. — Fl; vgl. auch CXXXVII, 2, 2 The ordres .ix. of angellis 
bright. — F. 2 To hym assiste; vgl. LXXII, 3, 1 /f*. To the ... Aun- 
gellis ... Be assistent. — incline; s. zu XXIV, 1, 4. — F. 3 honoure; 
s. zu XVI, 7, 3. — with laude diuine aux^h noch XL, 5, 3; vgl. zu 
XX, 6, 1. 



284 Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXX V, 6 — LXXVI, 4. 

Str. 6 Alle holy churche with melodie, As it is right, dothe magnifie 
His holy name and glorifie: 'Te deum laudamus' == CXXVIII, 3; vgl 
zu LXXII, 10, 2. — F. 1 with melodie; s. zu XXXVI, 4, 4. — F. 2 
magnifie; s. zu II, 9, 1. — F. 3 His holy name; s. zu XXI, 3, 3. 



LXXVI. 

Te deumlaudamus. 

S. zu LXXI. 

Ü.; s. LXXIII Ü. 

Str. 1 Of a mayde Criste did not forsake Mankyende to take man 
fre to make And into blisse with hym to take. Te deum laudamus cx) 
CXXX, 2 The virgyns wombe thou hast not forsake, Butte thou 
of itte mankynd hast take Man, thatte was bonde, fre forto make: 
Te deum laudamus c\) CXXXIV, 2 Thatt blessid lorde didde not 
forsake To his godhede mankynde to take Man, thatte was bonde, 
most fre to make. Te deum laudamus cv LXXV, 2 To become man 
he lothed nought Of a pure mayde in dede and thought To make 
man fre, that he had wrought. Te deum laudamus oo CXXVIII, 1, 
2 — 4 To take nature he lothyd nought Of a pure meyde in dede 
and thought. Te deum laudamus. — V. 2; s. zu VIII, 5, 1 und 
VII, 2, 3. — F. 3; s. zu XLIV, 10, 2. 

Str. 2. F. 1 erthily creatures c\3 creatures terrestriall LXXI, 
1, 1. — Wegen erthily s. zu XXII, 4, 3, wegen creature zu XL VII, 
3, 3. — F. 2 Mote ; s. zu XXIII, 4, 4. — laude and preyse ; s. zu TV, 
8, 3. — that lorde so fre; vgl. CL, 2, 2 O lorde most fre = CLI, 
6, 1. — F. 3 With hert and myende; s. zu XVII, 7, 3. 

Str. 3. F. 1 perfecte god, o perfecte man cv) XX:XI, 6, 3 The 
whiche is perfecte god and man {vgl. die Änm.). — F. 2 That for vs 
hast take woundis wan c\3 CXXXIX, 2, 5 Thatt for oure sake hadde 
woundis wan. — Wegen woundis vgl. zu LIII, 5, 2. — wan braucht 
Ryman aufserdem nur noch XCII, 2, 3 His nose sharpe and his lippes 
wan. — F. 3 With hert, wille and thought; s. zu XVII, 7, 3. — 
as we can; s. zu XIII, 7, 2. 

Str. 4. F. 1 shaper of heuen, erthe, se and sende oo CLXJV, 
1, 2 Perles prynces of euery place, Of heuen, of erthe, of see, of 
sonde. Nur hier braucht Ryman shaper, dagegen maker dreimal 
{s. zu XXII, 1, 1); vgl. auch zu IV, 7, 2 und zu VII,- 6, 3.. — 



Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXXVI, 4 — LXXVII, 1 285 

F. 2 lorde and prince; s. zu LXXII, 7, 2. — of euery londe; vgl. 
CXVIII, 7, 4 A meyden pure . . . Hath born the lord of euery 
londe; CX^XX, 4, 4 The iuge to be of euery lond; ferner in euery 
londe CL, 5, 4. CLXIV, 1, 4; to euery londe XCVII, 1, 3. — 
V. 3 That hast made vs fre, that were bonde; s. zu VII, 2, 3 und 
Lin, 1, 3. 

Str. 5. V. 1 manyfolde; s. zu II, 9, 1. — V. 2 yonge and olde; 
s. zu XVin, 1, 1. — F. 3 The whiche thou hast create of molde ; 
vgl. CXIX, 5, 2 The whiche hath made and create the =i CXLV, 
3, 2 ; CXXVI, 1, 2 For thou hast made and create us ; ferner 
XCII, 2, 7 And returne hym ayene to molde; CXV, 1, 1 O man 
of molde, mekely beholde, Hou god mankynd hath t%ke (s. auch zu 
LIV, 1, 1). 

Str. 6. F. 1. 2 Criste, that thus hast take natura Of myelde 
Marie; s. zu V, 3, 2. 3. — hast take nature Of myelde Marie, that 
virgyne pure cv» CXXXV, 1, 1. 2 hath take nature Of mylde Mary, 
thatt uirgyn pure oo LXXXVI, 1, 2. 4 to take nature ... Of Marie 
myelde, that virgyne pure. Wegen myelde Marie s. zu V Ü., wegen 
virgyne pure zu VI, 3, 3. — F. 3 Of heuen blis to make vs sure ^= 
LXVIII, 6, 3; vgl. zu XXI, 4, 4. 

St7\ 7. Fl — 3 fader, o sonne, o holigoost, thre and one, 
of myghtis moost, ... in euery coost = XL VII, 7, 1 — 3 {vgl. Änm.). 
— F. 3. 4 Thy myelde seruantis {s. zu XXVII, 2, 3), in euery coost 
Te deum laudamus cvj LXXIV, 6, 3. 4. 



LXXVII. 

Vater unser und Ave Maria. 

Es schien mir passend, die drei Strophen zusammenzufassen. 
In der Hs. folgen sie ohne Zwischenraum auf Nr. LXXVI und sind 
unter sich ebensowenig durch eine leere Zeile getrennt, als von LXXVIII. 
Die ersten drei Wörter von Str. 1 und die ersten vier von Str. 3 sind 
gröfser und dicker. 

Str. 1. F. 1 eure fader, that art in blisse = Matth. VI, 9 Pater 
noster, qui es in cselis. — F. 2 Sanctified (vgl. zu LXVIII, 6, 2) thy 
name mote {s. zu XXIII, 4, 4) be — Matth. VI, 9 sanctificetur nomen 
tuum. — F. 3 Of thy kingdome lete vs not mysse {s. zu I, 12, 2) = 
Matth. VI, 10 Adveniat regnum tuum. — F. 4. 5 In erthe be done 



286 Anmerkungen zu J. Eymans Gedichten LXXVII, 1 — LXXVIII, 1. 

the Wille of the, As in heuen, in eche degre = Matth. VI, 9 Fiat vo- 
luntas tua, sicut in cselo, et in terra. — F. 6. 7 Oure dayly {vgl. zu 
LXXXI, 1, 6) brede graunt vs this day Vnto oure foode = Matth. 
VI, 10 Panem nostrum supersubstantialem da nobis hodie. — good 
lorde; s. zu XXV, 5, 1. — we pray; s. zu XXVIII, 3, 2. 

Str. 2. F. 1. 2 And forgeue vs oure dette alsoo, As we forgeue 
oure dettours alle == Matth. VI, 12 Et dimitte nobis debita nostra, 
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris. — F. 3 — 6 And suffre (vgl. 
zu XXVI, 2, 2) not the fende, oure foo {vgl zu XXII, 5, 4) To ouir- 
come {vgl CXXIII, 4, 3. CXXX, 3, 1) and make vs thralle {;vgl zu 
LXV, 8, 3), But defende vs, that we not falle Into no synne in de de 
nor Wille {vgl zu XVII, 7, 3) eine sehr freie Wiedergabe von Matth. 
VI, 13 Et ne nos inducas in tentationem. Mit falle Into no synne 
vgl CLIX, 3, 3 Into no syn that we notte sclyde. — F. 7 And deliuer 
vs fro alle ille {vgl zu LH, 2, 1) = Matth. VI, 13 Sed libera nos 
a malo. 

Str. 3. F. 1. 2 Hayle, füll of grace: Crist is with the; Blessed 
thou be of women alle =r Luc. 1, 2^-, s. %ul, l. — F. 3 The frute 
of the blessed mote {s. zu XXIII, 4, 4) be = LXXX, 6, 2 = Lue. 
I, 42 benedictus fructus ventris tui; s. auch zu XIV, 1, 3. — F. 4 
The sonne of god sempiternall {vgl zu LXXII, 1, 1) entspricht dem 
der eben citierten Lu^asstelle angefügten lesus des Ave Maria. — V. h ff. 
With seintis {s. zu XVI, 7, 3) alle to whome thou calle {s. zu XII, 

1, 3), Marie myoide {s. zu V Ü.), meke {s. zu IV, 6, 1), chast and 
pure {s. zu XXV, 4, 1), So that of blisse we may be sure (= LXXXIV, 

2, 8. CLX, 5, 2 ; s. zu XXI, 4, 4) läfst sich vergleichen mit der Schlufs- 
bitte Sancta Maria, dei genitrix, ora pro nobis peccatoribus nunc et 
in hora mortis, amen, die nach Herzogs Realencyklopädie XIII-, 62 
^erst im 16. Jahrhundert allmählich entstanden' ist und 'noch vor dem 
Konzile zu Besan^on 1571 als ein zwar überflüssiger, aber frommer 
Gebrauch erwälmf wird. 

LXXVIII. 

Marienlied. 

Str. 1. Fl Hayle, quene of blisse of grete honour == XV, 1, 3 
{vgl Anm.). — V. 2 Moder of Crist = CXLVII Ü. und 4, 3. 6, 4; 
vgl CLVI, 6, 1 Holy moder of Crist Ihesu; CXIV, 9, 3. 4 of Crist 
Ihesu The moder thou shalt be. — that kyng of myght; s. zu 1, 11, 3. 



Anmerkungen zu J. Kymans Gedichten LXXVIII, 1 — 3. 287 

— F. 3. 4 Mary, of alle virgynes floure, As roose or lilye of floures 
bright; s. zu XI, 3, 1 und zu XII, 11, 1, 3. — F. 5 Yelde thou 
prayers; s. zu XX, 5, 4. — by day and nyght; s. zu XIX, 6, 1. — 
F. 6 Por helthe of man; s. zu XXI, 5, 2. — F. 7 Moder and mayden 
vndefielde — XVI, 3, 3 ; 5. zu II, 3, 3. 

Str. 2. F. 1 Haue, quene of mercy and of grace; s. zu VI, 4, 3. 

— F. 2. 3. 5 Halle, eure swetnes, eure hope and lyfe. Exyles here in 
this wofull place, ... Children of Eve c\) CLXIV, 4, 1. 4 Oure lyffe, 
oure sweetnes, oure truste alsoo. ... Chyldryn of Eve, exyles most 
thralle. — F. 2. Mit oure swetnes, oure hope and lyfe von der Jung- 
frau Maria vgl. CLXIV Ü. Vita, dulcedo et spes Nostra {bis hierher 
aus dem Salve, regina; s. Daniel II, 321); ferner mit hope and lyfe 
CLV, 3, 3 Vita et spes nostra cum sis; CX, 5, 2 O hope and trust 
of synners alle =z CXXXIX, 3, 2; CXXXVIII Ü. u. K. Maria, spes 
nostra, salue ; CLIX Ü. Cum sola sis spes hominum. Vgl. von Christus 
XXVII, 2, 2 O eternall hope of euery wight = XXXVI, 2, 2. ~ 
F. 3 here; s. zu XLIX, 4, 1. — in this wofull place; vgl. XC, 7, 6 
And fro that woofull place of helle; s. zu XI, 2, 3. — F. 4 We sigh, 
sobbe and wepe; vgl. CIV, 4, 3 She sobbed and wept watre and 
bloode; CLXVI, 5, 3 I haue more cause to sobbe and wepe. — 
man and wyfe ; s. zu XLII Ü. — F. 5 Children of Eve ; vgl. aufser 
der bereits oben angeführten Stelle noch CXX, 2, 2 Childryn of Eve, 
we call to the Here in this vale terrestriall =z CXLV, 2, 2; 
CXXXVIII, 1, 1 Childryn of Eve bothe grete and small, Here in this 
vale of wrechidnesse With grete wepyng to the we call. — Eve, cause? 
of stryfe; im Gegensatz hierzu wird Maria CLIX, 1, 2 seaser of 
stryffe genannt. — V. Q Crist Ihesus; s. zu VI, 3, 3. — F. 7 Into 
his blisse for to take vs; s. zu XLIV, 10, 2. 

Str. 3. F. 1 quene of blisse; s. zul, 12, 1. — F. 2 that wo- 
full were To see thy sonne cruelly slayne; vgl. CIV, 1, 1. 2 When 
fals ludas her son had solde ..., She was wofull alone; ebenda 2, 3 
When he came to Cayphas and An . . ., In her hert she was woofull 
than For hir dere son alone; ebenda When that she saw his flessh 
totorn And on his hede a crowne of thorn And, how the lewes hym 
did shorn, She was wofull alone; vgl. au^h with woofull moode zu 
XIX 5, 1. 2 und XC, 2, 5 This is to me a woofull case {s. auch zu 
LXIV, 4, 3. 4). — Wegen cruelly vgl. XC, 2, 4 Thy flesshe also 
with scourgis torne Thus cruelly in euery place. — F. 3 worthy to 



288 Aiir(]l<rrg(i] 211 J. Ejitpff GcdidilcD I 5X\]]T, P- I XX3X, ?. 

bere; s. zu V, 4, 2. — V. 4 Withont synne; s. zu XVII, 7, 3. — 
maternall payne; s. zu XVIII, 4, 3. — V. loye; s. zu XXXVI, 
4, 2. — for why; s. zu V, 7, 2. — rise agayne; 5. zu XIII, 3, 2. — 
V. 7 To heuen Wisse that we come may; s. zu VI, 8, 3. 



LXXIX. 

Marienlied. 

Ich bin flicht sicher, ob ich mit der Zusammenfassung der Stro- 
phen der Handschrift zu Nr. LXXIX. LXXX. LXXXI das Richtige 
getroffen habe. Der Schreiber hat nirgends angedeutet, wo ein neues 
Lied anfängt. 

. Sir. 1 The heuenly sterre so bright and clere; s. zu XIII, 1, 1 
und XII, 3, 1. — F. 2 That fedde the lorde of indulgence; s. zu 
XVI, 8, 2 und zu Jj, 1, i. — F. 3 Hath put away; s. zu XXIV, 
2, 4. — bothe ferre and nere; s. zu XV, 5, 3. — F. 4 Of gostely 
deth the pestilence; vgl. zu XXI, 3, 4. — F. 5 That eure parent 
wrought by offence. Bei parent ist wohl nicht an Eva, sondern an 
Adam zu denken, der XL VIII, 2, 1 und CLXIV, 3, 1 oure first 
parent genannt wird; ebenso XC, 5, 4 And hast brought vs out of 
that lake, That oure parent had brought vs in cv) XCIX, 3, 4 {nur 
hath statt hast). — Wegen offence vgl. zu IX, 6, 1. — V. ^ cease; 
s. zu XVII, 6, 4. — the sterre s =. Ijucifers ; vgl. Is. XIV, 12 Quo- 
modo cecidisti de cselo, lucifer, qui mane oriebaris? — werre; vgl. 
CVII, 9, 3 Oure goostly werre by the doth seace; CLIX, 1, 2 seaser 
of stryfFe. — wreth braucht Ryman aufserdem LXI, 10, 1. LXII, 
7, 3. LXIII, 10, 3. 

Str. 2. F. 1 spowse of Crist; s. zuY,Q^l. — moder of grace; 
s. zu V, 2, 3. — V. 2 benigne quene of heuen blisse; vgl. XCVI, 
5, 1 A prince thou were meke and benigne; CXXI, 3, 1 O benigne 
meyde, modere and wyfF =z CXLV, 5, 1; CXXXVIII, 5, 1 Sweete 
and benigne mediatrise. Das Ädv. benignely steht XIII, 8, 2. — 
Wegen quene of heuen blisse s. zu 1, 12, 1. — F. 3 Cause vs in 
blisse to haue a place co CXXII, 8, 3 In blysse cause us to haue 
a place; vgl. zu XII, 5, 3 und XI, 2, 3. — F. 4 Wherof the ioy shall 
neuir mysse =rr XCV, 2, 7. CII, 6, 2 cv. CXXXVIII, 6, 4 Wheroff 
the ioye shall neuer cease; vgl. zu XXVIII, 2, 4 und XL VIII, 1, 2. 
— F. 5 Where next vnto god thy trone is; s. zu VIII, 4, 2. — F. 6 



Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXXIX,2 — LXXX,4. 289 

And for onre synne and oure mysdede; s. zu XXIII, 2, 4. — V. 7 
Lete not Sathan ay vs possede; vgl. IX, 1, 3 That vs possede not 
fals Sathan; s. auch zu VI, 5, 3. 



LXXX. 

Marienlied. 

Berührt sich teilweise besonders nahe mit Nr. XII {vgl. zu 1, 1. 
3. 4. 5; 2, 7; 3, 1—3). 

Str. 1. F. 1. 3 flos campi of swete odonre, ... moder of oure 
savioure = XII, 7, 1. 3 c\3 XIV, 3, 1. 2 (Halle statt O beidemal). 
V. 2 Moost faire of hue = XV, 3, 3. — moost of vertue ; vgl. CLVII, 

1, 2 O spowsesse of Crist and paramour Most of vertu, most of 
honowre; LXXXII, 1, 5 Moost of vertue and of honoure. — V. 4. 5 
virgyne pure, on vs thou rue And for oure synne vs not eschue = 
XII, 8, 1. 2 CN5 XIV, 2, 2. 3 (Halle statt O). — F. 6 swete lady; 
s. zu Vin, 4, 3. — of vs haue myende; s. zu XXI, 7, 1. — F. 7 
So that we may som conforte fynde; vgl. 7, 7 At nede lete vs thy 
comfort fynde. 

Str. 2. F. 1 strenge Judith; s. zuY,b,l. — quene of confort; 
s. zu VIH, 1, 1. — F. 2 meke Bester; s. zu VI, 4, 1. — F. 3 
Mekely to the sith we resort co CXXXIX, 3, 5 Mekely to the slth 
we do call co VIII, 1, 3 At nede to the slth we resorte {vgl. Änm). — 
F. 4 In tyme of nede rr= XCVI, 4, 4. CV, 6, 1. CLX, 3, 2 ; s. auch zu 
VII, 7, 3 U7id LXXXV, 14, 1. — our comfort be; vgl. zu XH, 1, 2. 

— F. 5 chastite; s. zu XL VI, 3, 4. — V. ^ onely alone; vgl. zu 
XXVII, 4, 4. — F. 7 Wherfore, good lady, here our mone =z VIII, 

2, 4. XH, 4, 3. 

Str. 3. Fl — 3 fragrant rose, o lily chast, violet of puritee, 
Thyne eye of grace vpon vs cast =: CV, 4, 1 — 3; F. 1 und 3 au/ih 
= XII, 11, 1. 3 {s. die Änm. hierzu). — F. 2 puritee; 5. %^l XV, 2, 1. 

— F. 4 helth; 5. zu XXI, 5, 2. — F 6 lanterne of eternall light; 
s. zu N,h,l. — F. 7 Cause thou; s. zu XII, 5, 3. — clere, pure and 
bright; s. zu XII, 3, 1 und 5, 2. 

Str. 4. F. 1. 3 perfecte trone of Salamon, ... floore and 
flese of Gedeon; s. zu\, 2, 1. 2. — F. 2 plentevous mounte of Daniell; 
s. zu\, l, 2. — F. 3 moder of Emanuell = VI, 1, 3 {vgl. Änm.). 

— V. 5 closed gate of Ezechiell; s. zu Y, 1, 1. — F. 6 welle 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. 19 



290 Anmerkungen zu J. Rymans Gedichten LXXX, 5 — 7. 

of grace ; s. zu Y, 5, 3. — o gate of lyfe ; s. zu V, 4, 3. — V. 7 
Marie, mayde, moder and wyfe; s. zu III, 10, 3. 

Str. 5. F. 1 lady swete; s. zu 1, 6. — with grace replete; vgl. 
LXXXV, 8, 2 Criste, with whoice grete mercy and grace Heuen and 
erthe be replete. — F. 2 floure of alle virginitee; s. zu XII, 9, 1. — 
F. 3 grete; s. zu XIII, 5, 3 und greting zu I, 2. — F. 4 That was 
sent fro the trinitee {dahinter ist im Texte ein Komma zu setzen)', vgl. 
LXXXVI, 2, 2 Gabriell of so high degre Was sent fro god; CXLI, 
1, 1 Misit deus angelum fro heuen blysse; um eine andere Engels- 
sendung handelt es sich LXXXVIII, 2, 6 god . . . Sent an aungell . . . 
Vnto loseph. — F. 6. 7 Halle, füll of grace: Crist is with thee; Of 
alle women blessed thou }iQ; s. zu 1, 1. 

Str. 6. F. 1 Elizabeth tho thns seid also; vgl. zu I, 9. — F. 2 
The frute of the blessed mote be = LXXVII, 3, 2. — F. 3. 4 Quando 
puer in vtero loyed for hym, that was in the; vgl. XXVI, 1, 3. 4 
a childe ..., The whiche lohn perceyved ioying Within his moders 
wombe beyng. — F. 4 loyed; s. zu XXXIV, 4, 2. — V. o For canse 
that he shnlde make man fre; vgl. CXX, 7, 2 For cause that Crist is 
born of the. Aber that kann auch fehlen: LXXXVIII, 1, 6 The mysterie 
for cause he knew; XCVII, 1, 1 For cause alle men shall vnderstonde; 
CXXII, 2, 2 For cause oure helthe is wonne by |)e. Nur einmal 
braucht Ryman bicause : CX, 7, 4 Bicause of thy virginitee. — Wegen 
make man fre s. zu VII, 2, 3. — V. Q And bringe hym oute of payne 
and wo co XCI, 2, 6 And bringe the out of payne and woo oo XC, 
4, 4 To bringe hym out of payne and woo c\: CXXIV, 3, 3 To 
bryng us owte of payn and woo; s. zu VII, 3, 3 und LXJI, 1, 4. 

Str. 7. F. 1 henenly sterre so bright and clere; s. zu XII, 

3, 1 und XIII, 1, 1. — F. 2 myrroure of humylitee = CX, 7, 2; 
vgl. zu XV, 2, 2. — F. 3 spowse of Criste louely and dere cxj (Hayle 
statt O) XV, 5, 1. CV, 1, 3; s. zu V, 6, 1. — F. 4 temple of the 
trinitee co CV, 2, 3 Hayle, temple of the trinitee ; s. auch zu XXV, 

4, 2. Vgl. Klemming II, 119 In trinitatis templum; ebenda 160 Salue, 
templum trinitatis. — F. 6 comfortatyf fehlt bei Stratmann und 
Mätzner; doch s. Murray II, 663 c. — of alle mankyende; s. zu VI, 
4, 3. — F. 7 At nede; s. zu VII, 7, 3 und oben zu 1, 7. 

Berlin. Julius Zupitza. 



Die 

Abfassungszeit des ^Sommernaehtstraums\ 



Aufser H. Conrad (= H. Isaac) dürfte wohl kaum ein Shak- 
spere-Forscher noch an der alten, von Herrn. Kurz und K. Elze 
inaugiu'ierten Hypothese festhalten, dafs das geniale Märchen- 
drama im Jahre 1590 zur Vermählung des Grafen Robert Essex 
gedichtet worden sei. Die meisten haben sich wohl von der Un- 
haltbarkeit dieser ganz vagen Vermutung überzeugt. 

Dafs Shakspere, zumal in jener frühen Zeit, zu Robert Essex 
in irgendwelchen persönlichen Beziehungen gestanden, ist nicht 
nur ganz unerwiesen, sondern sogar im höchsten Grade unwahr- 
scheinlich. Denn wenn ein solches Verhältnis bestanden hätte, 
so hätte der Dichter doch wenigstens eins seiner erzählenden Ge- 
dichte dem berühmteren Gönner, statt dem Grafen Southampton, 
gewidmet. Aufserdem fand Robert Essex^ Hochzeit heimlich 
statt; und, da der Vater der Braut kurz vorher gestorben war, 
so hätte man schon aus diesem Grunde von einem glänzenden 
Feste und Theateraufführungen Abstand genommen. Nun geht 
aber aus dem Versbau und Stil, sowie aus der Darstellungsweise 
des Lustspiels allein schon mit ziemlicher Sicherheit hervor, dafs 
es nicht zu den Erstlingswerken des Dichters gerechnet werden 
darf. Es ist jedenfalls reifer als die Komödie der Irrungen, 
auch als Verlorene Liebesmühe. Es scheint auch nach Romeo 
und Julia und dem Lustspiel von den beiden Veronesern ge- 
dichtet zu sein (vgL AI. Brandl, Shakspere S. 51; Shakespeare- 
Jahrbuch XXIX, 96 ff.), da Motive aus diesen Dramen im 
Sommeniachts träum benutzt sind. Schon aus diesen Gründen 
dürfte man unser Lustspiel jedenfalls nicht vor 1592 ansetzen. 

19* 



292 Die Abfassungszeit des 'Sommernachtstraums'. 

Auch die offenbare Anspielung {Mids. V, 1, 52) auf Spensers 
Tears of the Muses spricht gegen eine sehr frühe Datierung; 
denn, wenn auch vielleicht erheblich früher verfafst, so erschien 
diese Dichtung doch erst 1591 im Druck. 

Andererseits wird wohl allgemein zugegeben werden, dafs 
der Sommernachtstraum spätestens 1595 — 96 verfafst sein mufs, 
wenngleich erst 1600 die erste Ausgabe erschien. Fr. Meres 
führt das Lustspiel in seiner im Jahre 1598 erschienenen Schrift 
Pallad is Tamia als ein bekanntes Stück Shaksperes an. Aus 
metrischen und stilistischen Gründen ist Mids. jedenfalls vor 
Henry IV. (1596/7), wohl auch vor dem Kaufmann von Venedig 
(1595/6) anzusetzen. 

Litterarische Beziehungen scheinen einen Anhalt für eine 
'genauere Datierung zu bieten. Wie aus Henslowes Rechnungen 
zu ersehen (Fleay, History of the Stage S. 96), wurde im Winter 
1593 4 ein Stück Huon of Bordeaux in London aufgeführt, 
welches leider nicht mehr erhalten, dessen Lihalt aber aus dem 
Titel ungefähr zu erraten ist: eine Dramatisierung des alten 
Ritterromans, welchen Lord Berners in englischer Sprache wieder- 
erzählt hatte. Die Vermutung liegt wenigstens sehr nahe, dais 
die Idee, den Feenkönig (dessen Heimat in dem Ritterroman ja 
auch nach dem Orient verlegt ist) als Beschützer der Liebenden 
auftreten zu lassen, diesem Drama entlehnt ist. Von dem Oboram^ 
King of Fairies, der in Green es James IV. auftritt, konnte 
Shakspere, schon wegen der ganz rohen und skurrilen Auffassung, 
nichts gebrauchen. 

Im Sommer 1593 gab der bekannte Litterat Thomas Nash 
in London eine Schrift in Druck, welche höchst wahrscheinlich 
Anfang 1594 erschien und von vielen gewifs mit Interesse ge- 
lesen wurde. Sie war betitelt Terrors of the Night; heutzutage 
würde sie etwa als eine populärwissenschaftliche Plauderei über 
die Entstehung der Träume bezeichnet werden. Naiv-abergläu- 
bische Vorstellungen sind darin verquickt mit rationalistischen, 
physiologisch-psychologischen Erklärungsversuchen. Die Träume 
werden einerseits als Nachwirkungen der Gedanken des Tages, 
oder als phantastische Deutungen der Sinneseindrücke während 
des Schlafs, auch als Erzeugnisse der ^Humore^ erklärt; anderer- 
seits werden sie auf die Einwirkung von Dämonen, Geistern, 



Die Abfassungszeit des 'Sommernachtstraums'. 293 

Elfen, Feen, Kobolden zurückgeführt. So stofsen wir denn bei 
Nash auf Sätze wie: Ä dreame is nothing eis but a bubling 
scum or froath of fancie^ (Nash, Works edd. Grosart III, 234), 
— on thpse Images of memorie whereon we buyld in the daye, 
comes some superfluous humour of ours lyke a Jackanapes in 
the night and erects a puppet-stage, or some such ridiculous 
idle childish inuention. . . . A dreame is nothing eis but the 
Eccho of our conceipts in the day (S. 236). — Äs for example, 
if in the dead of the night there be ante rumbling, knocking, 
or disturbance neere us, we straight dream of warres, or of 
thunder (S. 237). 

Die eigentlichen Urheber der Träume sind aber nach Nash 
die Elfen und Kobolde: The Robbin -good-felloioes, Elf es , 
FairieSf Hobgoblins of our latter age . . . did most of their 
merry prankes in the Night. Then ground they malt and 
had hempen shirts for their labours, daunst in rounds in 
greene meadowes, pincht maids in their sleep that swept not 
their houses cleane, and led poore Trauellers out of their way 
notoriously (S. 222). 

Den vier Temperamenten (huinours) und vier Elementen 
entsprechend werden vier Arten von Elementargeistern unter- 
schieden, die ihrer Natur gemäfs verschiedenartige Träume er- 
regen. So heifst es von den Luftgeistern: As for the spirits 
of the aire . . . they are in truth all show and no substance, 
deluders of our imagination^ & nought eis ... Politique states- 
men they priuily incite, to bleare the world's eyes with clowdes 
of common wealth pretences, to broach any enmitie or ambi- 
tious humour of their owne, under a title of their cuntries 
preseruation. . . . Women they vnder-hand instruct . .. to sticke 
their gums round with Comfets ... (S. 230 f.). 

Dem Shakspere-Kenner werden hier sofort Stellen aus dem 
Sommernachtstraum und Romeo und Julia {Queen Mabl) ein- 
fallen: Mids. n, 1, 32 

Either I mistake your shape and making quite, 
Or eise you are that shrewd and knavish sprite 



* Vgl. Shaksperes Rieh. HI. IV, 4, 88 Ä dream of what thou wert, 
a hreath, a huhhle. Lucrece 2\2 A dream, a breath, a froth of fleeting joy. 



294 Die Abfassungszeit des 'Sommernachtstrauras'. 

CalVd Rohin Goodfellow : are not you he 

That [rights the maidens of the villagcry ; 

Skim milk, and sometimes Idbour in the quem, 

And hootless make the hreathless housewife ehurn; 

And sometime make the drink to bear no ba7'm: 

Mislead night-wanderers, laughing at their härm? 

Those that Hohgohlin call you and sweet Puck, 

You do their work, and they shall have good lu^k. 

Rom. I, 4, 96 

— — True, I talk of dreams , 
Which are the children of an idle hrain, 
Begot of nothing hut vain fantasy, 
Which is as thin of suhstance as the air — 

In den beiden eben erwähnten Dramen ist überhaupt auf- 
fallend viel von der Macht der Phantasie und von Träumen die 
Rede, und in merkwürdiger Übereinstimmung mit Nash werden 
die Träume einerseits rationalistisch erklärt/ andererseits auf 
Elfenzauber zurückgeführt. Durch die Annahme, dafs beide 
Schriftsteller aus der gemeinsamen Quelle des Volksaberglaubens 
schöpften, wird die letztere Übereinstimmung nicht genügend er- 
klärt. So recht lebendig waren ja die Vorstellungen von Elfen 
und Kobolden schon damals nicht mehr, wenigstens nicht im 
südlichen und mittleren England, wie aus den Worten von Nash 
(of our latter age), wie auch aus den bekannten Aufserungen 
in Reginald Scots Discoverie of Witchcraft (1584) hervorgeht. 
Die Elfen und Kobolde waren durch den Hexenaberglauben in 
den Hintergrund gedrängt worden. Schon aus der Seltenheit 
der Anspielungen in den Schriften jener Zeit ist zu entnehmen, 
dafs dem gebildeten Engländer im 16. Jahrhundert Robin Good- 
fellow und Königin Mab ungefähr ebenso fern lagen, wie dem 
gebildeten Deutschen von heute Rübezahl oder Frau HoUe. Das 
Interesse wurde durch die Dichter, wie Spenser, Lyly, Shak- 
spere, Ben Jonson erst künstlich wieder belebt und aufgefrischt. 

Die Vorstellung aber, welche Shakspere und Nash gemein- 
sam haben, dafs Träume und Phantasien von den Elfen hervor- 
gerufen werden, ist niemals eigentlich volkstümlich gewesen, son- 
dern beruht wohl auf Verwechselung mit der Nightmare. Es 



Mids. V, 1, 18; III, 2, 177. 



Die Abfassungszeit des 'Sommernachtstraums'. 295 

ist, soviel ich weifs, bisher nicht gekmgen, eine andere Quelle 
oder Anregung für die Schilderung der Königin Mab nachzu- 
weisen. Aber auch die Illusionen, welche von Oberon und Puck 
erzeugt werden, entsprechen mehr der dämonologischen Theorie 
von Nash als volkstümlichen Vorstellungen. 

Auch sonst werden wir beim Lesen von Nashs Schrift zu- 
weilen an Sätze erinnert, die uns aus Shaksperes Dichtungen 
vertraut sind, z. B. : 

Nash (a. a. O. S. 268) a superfluous mirth is to the sence, 
as a surfet of Jionnie to a mans stomacke, than the which 
there is nothing more dangerous. 

Mids. n, 2, 138 

For as a swrfeit of the sweetest things 

The deepest loathing to the stomach hrings — 

Rom. n, 4, 11 ^J^ sweetest honey 

Is loathsome in his own deliciousness 
And in the taste confounds the appetite. 

Dafs Nash etwa durch Shaksperes Dramen in seiner Dar- 
stellung beeinflufst sein sollte, ist nicht sehr wahrscheinlich, be- 
sonders da der Sommernachtstraum sich offenbar erst allmählich 
auf der öffentlichen Bühne einbürgerte. Eher könnte man denken, 
dafs Shakspere Nashs Schrift gelesen hatte und dadurch poetisch 
angeregt wurde. Nash bewarb sich in dieser Zeit um die Gunst 
des Grafen Southampton, war also gewissermafsen Shaksperes 
Nebenbuhler. Aufserdem stand er zu der Famihe des Lord- 
Kämmerers Hunsdon, zu dessen Truppe Shakspere ja gehörte, 
in engen Beziehungen, war also gewLTs auch mit Shakspere be- 
kannt. 

Im Sommer (Juni) 1594 wurde, wie aus Henslowes Rech- 
nungen hervorgeht, das alte Lustspiel Taming of a Shrew auf- 
geführt und erschien im selben Jahre im Druck; Shakspere ar- 
beitete es höchst wahrscheinlich um diese Zeit zu seiner Komödie 
Taming of the Shrelo um. Motive aus dem Vorspiel dieses 
alten Stückes müssen dem Dichter aber bei der Abfassung des 
Sommer nachtstraums schon vorgeschwebt haben : Auftreten des 
Lords mit Jagdgefolge — Theseus mit Jagdgefolge; der schla- 
fende Kesselflicker — der schlafende Weber Zettel, plebejische 



296 Die Abfassungszeit des 'Sommernachtstraums'. 

NatureD, die durch Possenstreiche gleichsam im Traum in eine 
schönere, prächtigere, poetische Welt versetzt werden, sich dabei 
aber gleich plump und ungeschickt benehmen. Vielleicht ist auch 
das Motiv, ein Schauspiel im Schauspiel aufzuführen, der älteren 
Komödie entlehnt. Jedenfalls bietet der Sommernachtstraum in 
der ersten Scene des vierten Aktes ganz ähnliche Bilder oder 
Situationen, wie das Vorspiel zu Taming of a Slirew, nur in 
umgekehrter Reihenfolge. — Bekanntlich legt gerade der Sommer- 
nachtstraum Zeugnis dafür ab, dafs Shakspere mit Chaucers Dich- 
tungen sich vertraut gemacht hatte. Nicht blofs durch die ^Er- 
zählung des Ritters^ in den Canterhury Tales wurde er angeregt, 
sondern auch ein Motiv aus der Erzählung des Kaufmanns (Streit 
zwischen Pluto, dem ^Feenkönig^, und seiner Gemahlin Proserpina) 
scheint benutzt zu sein; auch hat der grofse Dichter wohl in 
Chaucers Legenden von den guten Frauen die Geschichte von 
Pyramus und Thisbe gelesen und so seine Schulerinnerungen an 
Ovids Metamorphosen aufgefrischt. 

Die erste Dichtung Shaksperes nun, welche sicher den Ein- 
flufs Chaucers verrät, ist ^Die Schändung der Lucretia' (1593), 
ebenfalls wohl durch eine der Legenden von den guten Frauen 
zunächst angeregt, im Versmafs und stellenweise auch in der 
Darstellung Chaucers Troüus and Creseide nachgeahmt. Ein 
Gleichnis aus Lucr. verrät auch deutlich, dafs dem Dichter da- 
mals die C'awfer5 i^r?/-Geschichten lebhaft vorschwebten. Lucr. 790: 

And fellowship in woe doth woe assuage, 

As palmers' chat makes short their pügrimage. 

Chaucer-Reminiscenzen kann man noch in einem anderen 
Drama (von Troilus und Cressida abgesehen) deutlich erkennen: 
in dem Zwiegespräch zwischen Lorenzo und Jessica im fünften 
Akt des Kaufmanns von Venedig. Dort wird nacheinander auf 
die Geschichte von Troilus und Cressida, von Thisbe, Dido und 
Medea angespielt. In Chaucers Legende von den guten Frauen 
sind die Geschichten von Thisbe, Dido, Medea gleich nachein- 
ander und genau in derselben Reihenfolge erzählt. 

Shaksperes Chaucer-Studium oder Chaucer-Lektüre scheint 
also in die Jahre 1593 — 95 zu fallen, hauptsächlich wohl in den 
Sommer 1593, wo er am meisten Mufse dazu hatte. 



I 



Die Abfassungszeit des 'Sommernachtstraums'. 297 

Endlich ist bemerkenswert, dafs ein Stück Palainon and 
Arclte, welches doch wohl die Grundlage des bekannten Pseudo- 
Shakspereschen Dramas Two Noble Kinsmen bildet (Delius, Sh.- 
Jahrb. 1878), ebenfalls gerade im Jahre 1594 aufgeführt wurde. 
Es mufs ebenso, wie Shaksperes Sommernachtstraum, auf Chau- 
cers Erzählung des Ritters als Quelle zurückgeführt werden. 

Der Sommernachtstraum scheint also besonders gut in die 
litterarische Atmosphäre des Jahres 1594 hineinzupassen. 

Einen noch deutlicheren Fingerzeig giebt, wie schon vielfach 
hervorgehoben, die bekannte Stelle, in welcher das Miisgeschick 
eines aulsergewöhnlich regnerischen Sommers drastisch ausgemalt 
ist {Mids. II, 1, 88 ff.). Dafs hier eine Anspielung auf Zeit- 
ereignisse vorliegt, ist doch nicht zu bezweifeln. Gewifs ist das 
Wetter in England öfters regnerisch, aber nur auf abnorme Natur- 
ereignisse konnte in dieser Weise hingewiesen werden, und solche 
fanden, wie Chronisten (Simon Forman und Stow) berichten, 
gerade im Frühjahr und Sommer 1594 statt: schon im April und 
Mai Regengüsse und Überschwemmungen, die sich im Juni und 
Juli, ja bis in den September hinein fortsetzten. Ahnliches war 
seit dem ebenfalls sehr regnerischen Sommer 1587 nicht vor- 
gekommen. Der Sommer 1592 war sehr heifs und dürr, so dafs 
die Themse fast ausgetrocknet war; aus den Jahren 1593 und 

1595 wird nichts Aufserge wohnliches über die Witterung berich- 
tet; erst der Sommer 1596 wird wieder als besonders regnerisch 
bezeichnet, doch nicht in dem Mafse, wie der Sommer 1594 
(Fleay, History of the Stage S. 163, nach Stow). Wir können 
also eigentlich nur zwischen 1594 und 1596 schwanken, aber 

1596 wird den meisten als eine zu späte Datierung erscheinen. 
Nun kommt aber noch ein bisher nicht beachteter Umstand 

hinzu, um die Datierung Sommer 1594 zu bestätigen. 

Nach ziemlich allgemeiner Annahme mufs der Sommernachts- 
traum ursprünglich ein Festspiel für eine vornehme Hochzeit ge- 
wesen sein. Der Charakter des Stückes weist sehr deutlich 
darauf hin. Allerdings wird schon in der Einleitung zu Chaucers 
Erzählung des Ritters kurz berichtet, dafs Theseus sich mit der 
Amazonenkönigin vermählte, aber diese Hochzeitsfeier steht dort 
in keiner Verl^indung mit dem eigentlichen Inhalt der Erzählung. 
Vielmehr sind dort Theseus und Hippolyta längst vermählt, wie 



298 Die Abfassungszeit des 'Sommernachtstraums'. 

Palamon und Arcite um die schöne Emilia streiten. Im Sommer- 
nachtstraum aber klingt das Hochzeitsmotiv von Anfang bis zu 
Ende durch, ja die ganze Handlung scheint gleichsam auf die 
Hochzeitsfeier zugespitzt. Das Spiel der Handwerker nimmt sich 
ganz aus wie eine Selbstpersiflage der Schauspieler; der Elfen- 
reigen und Segenswunsch zum Schlufs hat offenbar persönliche 
Beziehung und aktuelle Bedeutung, ähnlich wie in den ent- 
sprechenden Scenen der Lustigen Weiber von Windsor. 

Es ist auch gewifs nicht ohne Bedeutung, dafs die Hochzeit 
in den Anfang Mai, und zwar genau berechnet auf den 2. Mai 
verlegt wird (bei Chaucer ist gar nichts über die Zeit der Ver- 
mählung von Theseus und Hippolyta angegeben). Das Lustspiel 
umfafst die Zeit von vier Tagen. In der ersten Scene, am 
vierten Tage vor der Hochzeit, verabreden Lysander und Hermia, 
am nächsten Abend {to-morrow night) zu entfliehen. Da die 
Flucht, wie aus dem Folgenden hervorgeht, in der Walpurgis- 
nacht erfolgt, so müssen wir uns die erste Scene am 29. April 
denken und kommen so auf den 2. Mai als Hochzeitstag. Dazu 
stimmt auch, dafs Theseus und Hippolyta (im vierten Akt) am 
Morgen des 1. Mai, einen Tag vor der Hochzeit, noch zu einer 
Jagd ausziehen, und dafs am selben Morgen Oberon zu Titania 
sagt (IV, 1, 92): 

Now thou and I are new in amity 
And will to-morrow midnight solemnly 
Dance in Duke Theseus hause triumphantly 
And hless it to all fair prosperity. 

In keinem anderen Drama hat der Dichter eine so genaue Chrono- 
logie innegehalten. Dabei wird aber die Zeit niemals ausdrück- 
lich angegeben, sondern, man möchte sagen, als selbstverständ- 
lich vorausgesetzt. Dafs der neue Mond, von dem Theseus in 
der ersten Scene spricht, der Maimond ist, erfahren wir erst im 
vierten Akt durch eine nebensächliche Bemerkung. Von der ersten 
Scene an aber durchweht Frühlingsluft das ganze Lustspiel, und 
der Zauberspuk der Elfen hat die Walpurgisnacht zur Voraus- 
setzung. 

Wenn nun diese Fixierung der Zeit der Handlung eine 
aktuelle Bedeutung hat, wie doch wohl anzunehmen, so würde 
aus der Kombination mit der vorher erwähnten Anspielung her- 



A 



Die Abfassiingszeit des 'Sommernachtstraums', 299 

vorgehen, dafs der Sommernachtstraum ursprünglich 
gedichtet wurde für eine vornehme Hochzeitsfeier, 
die am 2. Mai 15 94 stattfand. 

Dazu stimmt es nun wunderbar genau, dafs am 2. Mai 
1594 Sir Thomas Heneage mit der verwitweten Lady 
Southampton, der Mutter des bekannten Gönners von Shak- 
spere, sich vermählte {Diction. of National Biography , s.v. 
Th. Heneage). Wenn wir bedenken, dafs die Hochzeit gerade 
in die Zeit fiel, in welcher, nach der Widmung zu Rape of Lii- 
crece (Sommer 1594) zu schliefsen, das Verhältnis des Dichters 
zu seinem Patron ein besonders intimes war, so werden wir es 
nicht nur begreiflich, sondern fast selbstverständlich finden, dafs 
Shakspere zu diesem Feste einen poetischen Tribut brachte. Sir 
Thomas Heneage war als Schatzmeister der Königin {Treasurer 
of tlie Chamber) eine sehr angesehene und für die Schauspieler 
besonders wichtige Persönlichkeit. Bei seinem Reichtum wird 
die Hochzeit gewifs mit grofsem Pomp gefeiert worden sein. Er 
war schon ein Mann in reiferem Alter, wie ja auch Theseus dar- 
gestellt wird. Auch Hippolyta ist mehr wie eine vornehme Dame 
in gesetzten Jahren gezeichnet; das Würdevolle mehr als das 
Jugendlich-Anmutige hervorgehoben. 

Das Festspiel wurde bald danach vom Dichter gewifs für 
die öffentliche Bühne umgearbeitet oder zugestutzt; bei dieser 
Umarbeitung wurde wohl der Epilog Pucks hinzugefügt, vielleicht 
auch die Stelle über den regnerischen Sommer. Jetzt mag das 
Stück auch erst den Namen Midsummernight' s Dream erhalten 
haben, vermutlich mit Bezug auf die erste öffentliche Aufführung. 

Einem Einwand gegen die obige Hypothese, der vielleicht 
von subtilen Kritikern gemacht werden könnte, föchte ich zuvor- 
kommen. Gleich die ersten Worte des Theseus vergleichen den 
alten Mond, der so langsam abnimmt und des Bräutigams Seh- 
nen hinhält, mit ^einer Witwe, deren dürres Alter von ihres 
Sohnes Renten lange zehrt^ (like to a stepdame or a dowager, 
long tuithering out a yoimg mans revenue). Wäre dieser Ver- 
gleich, wenn auch sehr naheliegend, in einem solchen Fall, wie 
bei der Wiedervermählung der Lady Southampton, einer Witwe, 
die einen schon erwachsenen Sohn hatte, nicht sehr unzart und 
taktlos gewesen? Ich glaube nicht. Im 16. Jahrhundert war in 



300 Die AbfassuDgszeit des 'Sommernachtstraums'. 

vielen Beziehungen das Empfinden und der Ausdruck des Empfin- 
dens noch nicht so verfeinert wie in unserer Zeit; in England 
spricht man noch jetzt über Vermögens Verhältnisse und Geld- 
fragen ungenierter als z. B. in Deutschland. Zudem, mit dem 
alten Monat ging ja in der That der Witwenstand der Lady zu 
Ende; sie hörte, sowie sie Lady Heneäge wurde, auf, dowager 
zu sein und mufste gewifs wenigstens auf einen Teil der bisher 
bezogenen Kenten verzichten.^ Sie konnte daher den schalk- 
haften Vergleich ruhig lächelnd anhören. 

Mcht ohne Absicht scheint mir das Ruhige, Sichere, Beson- 
nene im Wesen des Theseus und der Hippolyta, in ihrer Liebe 
zueinander, kontrastiert zu sein mit dem Wankelmut, den Ein- 
bildungen, der Unbesonnenheit der jugendlichen Liebhaber. Hat 
der Dichter etwa auf Liebesabenteuer des jungen Southampton 
angespielt? Die Situation von Demetrius und Helena im zweiten 
Akt erinnert an die von Adonis und Venus in dem ersten dem 
Grafen Southampton gewidmeten Gedicht. 

Vielleicht würde auch auf den Sommernachtstraum mehr 
Licht fallen, wenn die wirklichen Verhältnisse, die den Freund- 
schafts- und Liebessonetten zu Grunde liegen, deutlicher erkenn- 
bar wären. 



1 Auf eine Witwe mit grofsen Renten wird übrigens in derselben 
Scene noch einmal angespielt (Z. 157). 

Kiel. G. Sarrazin. 



Joli. Haselberg aus Reichenaii und Jakob Schenk aus Speier. 

Ein Beitrag 
zur Volks- und Übersetzungslitteratur des IG. Jahrhunderts. 



Johann Haselberg. 

Johann Haselberg stammte nach dessen eigener Angabe aus 
der Reichenau bei Konstanz. Er heifst in dem Druckprivileg 
Kaiser Max' I. vom 10. November 1514 für den Druck der 
Schriften des Abts Trithemius nach C. Peutingers Auswahl Ma- 
gister, besals demnach wissenschaftliche Bildung. Dafür spricht 
auch sein Wirken als Übersetzer aus dem Lateinischen. Hasel- 
berg war von Beruf Verleger und Buchführer. Er führte ein 
unstätes Leben und zog ohne festen Wohnsitz von Stadt zu 
Stadt auf die Messen, dort seine gedruckten Erzeugnisse los- 
zuwerden. Diese Thätigkeit als Buchhändler gehört nicht hier- 
her. Die Verlagsartikel für seinen Buchhandel schrieb er teil- 
weise selbst. Tragen dieselben auch nicht die Urheberschaft 
Haselbergs an der Stirne, so läfst sich dieses voraussetzen, zumal 
andere Verfasser derselben nicht bekannt und genannt sind. 
Haselberg stand zu den Kaisem Max I. und Karl V. in Be- 
ziehungen, der Abt Trithemius vertraute ihm den Druck seiner 
Schriften an, und weiter sind aus dem Kreise seiner Bekannten 
zu nennen Konrad Peutinger, Martin MyUius und Ulrich Krafft, 
Pfarrer zu Ulm. Haselberg verlegte in den Jahren 1515 bis 
1522 eine Anzahl Schriften Trithemius' in ersten Ausgaben, nebst- 
dem liefs er deutsche Übersetzungen von Volksbüchern, unter 
anderen von Aneas Sylvius (Pius H.) ' und dem Würzburger 
Sekretär Johann Pfeifelmann als Übertragung von Stellen aus 

' Panzer, Annalen I, S. 395 und 857. 



302 Job. Haselberg aus Eeichenau und Jakob Schenk aus Speier. 

Eusebius und Plutarch^ erscheinen. Von den genannten Martin 
Myllius und Ulrich Kraift verlegte er volkstümliche Schriften. ^ 
Hat Haselberg durch diese Thätigkeit schon Anspruch auf eine 
Stelle in der deutschen Litteratur, so steigert sich dessen Wirken 
noch durch dessen eigene litterarische Erzeugnisse in deutscher 
Sprache sowie einige Übersetzungen ins Deutsche. Die jeden- 
falls Haselberg angehörigen Schriften folgen hier unter Verwei- 
sung auf bibliographische Hilfsmittel in abgekürzter Form der 
Titel. Es sind dieses als deutsche Schriften: 

1) Ein Hübsche history von eines reichen burgers sun vfs 
der schönen inseln Cippern etc. Strafsburg, J. Grüninger, 1516.^ 

2) Die Stend des hailigen Römischen Reichs, mit sampt allen 
Churfürsten vnd Fürsten etc., so zu Augspurg in der Kayser- 
lichen Reichstat, auif dem yetzvergangen loblichen Reichstag er- 
schinen etc. Augsburg 1518.* 

3) Dis biechlin wurt genant das gülden schleslin des hymels 
etc. Basel, N. Lamparter, 1519.^ 

4) Ain wunderliche Prophecey oder Weyssagung, gemacht, 
practiciert, vnnd aufsgeschriben durch den Hochgelerten mayster 
Alofresant etc. München, H. Schobfser, 1519.^ 

5) Von der Chur vnnd Wal des grofsmächtigisten Königs 
Karolum, wie Er yetz zu Franckfurt verschinen, zu römischen 
König vnd künftigen Kaiser erwölt ist worden etc. München, 
H. Schobfser, 1519. ^ 

6) Warhafftige neüwe Zeitung. Von dem krieg zwischen 
keyserlicher Maiestat, dem Haufs von Burgundi, Stiift Vtricht, 
vnd Hertzog Karol von Gellern etc. O. O. 1528. 

7) Das new Bockspiel nach gestalt der weit. Anno MDXXXI. 
O. O. (Köln).» 

1 Eoth, Buchdruckerfamilie Schöffer S. 186, Nr. 12. 

2 Panzer, Annalen I, 402, Nr. 870. — Goedeke, Grundrifs II, Aufl. II, 
S. 149, Nr. 8. — Panzer, Annalen I, 869. — Weller, Repert. Nr. 1058. 

3 Weller, Eepert. Nr. 1000. 

^ Panzer, Annalen I, Nr. 915. — Annalen des histor. Vereins für den 
Niederrhein XLIV, S. 141. 
5 Weller, Repert. Nr. 1171. 
^ Weller, Repert. Nr. 1160. 
' Panzer, Annalen, Zusätze Nr. 947. 
» Weller, Annalen I, S. 27, Nr. 118. — Schorr, Kunstblatt, 1838, 



Joh. Haselberg aus Eeichenau und Jakob Schenk aus Speier. 303 

8) Eyn lobspruch der Keyserlichen freygstath Coellen, Auch 
wie die heyligen treyg Küüing, Anno LXII ersthlich dahin käm- 
men etc. Köln, Melchior von Neufs, 1531.* 

9) Von den welschen Pnrppeln. Wie die ritterbrüder des 
purpelschen ordens mit grol'sen schlachten und stürmen ir ritter- 
schaift erhaltent etc. Mainz, Ivo Schöffer, 1532. ^ 

10) Newe Zeitung, nach gestalt der Welt vil Nation betref- 
fende. Auch von der handlung des Tyrannischen Türekens, die 
er newlich begangen etc. O. O. u. J. (1536 oder anfangs 1537 
gedruckt). ^ 

11) Die Offenbarung des wunderbarlichen Gesichtes Gama- 
lions, ein gotzfärchtiger diener Gottes etc. O. O., 1538.'* Teil- 
weise Übersetzung des Lateinischen durch Haselberg. 

Ob die beiden von Weiler'^ dem Haselberg zugeschriebe- 
nen Schriften Todagra^ und ^Aureum seculum diesem wirklich 
angehören, bedarf noch näherer, namentlich sprachlicher Unter- 
suchung. Die Urheberschaft Haselbergs liegt aber auch hier 
sehr nahe. 

Von Übersetzungen Haselbergs aus dem Lateinischen sind 
bis jetzt bekannt: 

1) Von den syben Geysten oder Engeln, den Got die hymel 
zu füren von anfang der weit bevolhen hat etc. Nürnberg, 
H. Höltzel, 1522.^ Eine Übertragung der im gleichen Jahre in 
Haselbergs Verlag zu Nürnberg erschienenen Schrift des Abts 
Trithemius von Sponheim : De Septem secundadeis (!) i. e. intelli- 



Nr. 55. — Merlo, Kölner Künstler, 1850, Nr. 533. — Goedeke, Grundrifs, 
2. Aufl., II, S. 280. — Bibliothek des litt. Vereins CXIX, S. 94 Anm. 

' Goedeke, Grundrifs, 2. Aufl., II, S. 280. — Annalen des bist. Ver- 
eins für den Niederrhein XLIV, Köln 1885, S. 139 (mit Abdruck). — 
Mone, Anzeiger VII (1838), S. 387. — Weller, Annalen II, S. 354, Nr. 28. 

2 Bibliothek des litt. Vereins CXIX, S. 94—105 (Abdruck). — Roth, 
Buchdruckerfamilie Scböffer S. 184, Nr. 8 a. — Goedeke, Grundr., 2. Aufl., 
II, S. 280. — Weller, Annalen II, S. 460. 

3 Centralblatt f. Bibliothekwesen IX (1892), S. 227—228. 

'* Annalen des bist. Vereins für den Niederrhein XLIV, S. 141. — 
Weller, Annalen II, S. 398. 

" Annalen II, 461, Nr. 896 und 898. 

^ Weller, Repert. Nr. 2283. — Andere Auflagen Speier 1529 und 
Nürnberg 1701. Vgl. Silbernagel, Joh. Trithemius, 2. Aufl., S. 241. 



304 Joh. Haselberg aus Reichenau und Jakob Schenk aus Speier. 

gentiis sive spiritibus moventibus orbes libellus.'^ Wie die 
lateinische Ausgabe, ist auch die deutsche Übersetzung erste 
Auflage. 

2) Der Adler wider den Hauen. Eyn schöner lüschbarlicher 
Dialogus vnd bedüttnus, Römischer Keyserlicher Maiestat vnd 
des Künigs von Franckenreich etc. O. O., 1536, 4. Juli.^ Die 
Schrift ist eine Übersetzung der Schrift des Wormser Dichters 
Johann Bockenrhod: Colloquium metricum aquilce cum gallo. 
Joanne Bockenrhodio Wormaciensi Authore. O. O., 1536. ^ 

Der Hauptwert der Schriften Haselbergs, namentlich seiner 
Dichtungen, besteht in der frischen, unmittelbaren Darstellung 
der Sitten und Kulturerscheinungen seiner Zeit. Als vielgewan- 
derter Mann hatte Haselberg vieles beobachtet und konnte ver- 
gleichende Schilderungen liefern, wodurch seine Schriften an Viel- 
seitigkeit gewinnen. Zu dieser Kategorie gehören namentlich das 
Bockspiel, der Lobspruch auf Köln, die beiden Zeitungen und 
die welschen Purppeln. Das volkstümliche Element in Hasel- 
berg hinderte denselben nicht, vielfach, wie namentlich in den 
welschen PurppelUj wo er die galanten Absteigequartiere der 
Kaufmannswelt beschreibt und sich selbst als deren Besucher 
hinstellt, derb und obscön zu werden. Bei poetisch anmutenden 
Schilderungen der Natur und des Volkes, wie namentlich in dem 
Lobspruch auf Köln, findet sich Mangel an poetischem Talent, 
Härte der Diktion, Gezwungenheit der Reime und des Vers- 
mafses. Man sieht, Haselberg ist begabt, aber kein wahrer 
Dichter. Bei den Stücken in Prosa ist vor allem die glückliche 
Wahl der Themata hervorzuheben. Haselberg ist ein politisch 
angelegter Kopf, der die Lesebedürfnisse der Zeitgenossen kannte 
und ausbeutete. Er war Katholik, Anhänger des Hauses Habs- 
burg, schrieb im Sinne dieser Kreise und hielt sich von kirchlich 
polemischer Litteratur fern. Mit anderen Volksschriftstellern 
verdient er eine achtbare Stelle in der Litteratur. Wann und 
wo Haselberg starb, ist unbekannt. Nach 1538 verschwindet 
sein Wirken. 



1 Annalen des histor. Vereins für den Niederrhein XLIV, S. 141. 
^ Weller, Annalen I, S. 30, Nr. 135. — Eoth, Buchdruekereien zu 
Worms S. 67. 

^ Roth, Buchdruckereien zu Worms S. 67, Nr. 6. 



Joh. Haselberg aus Reichenau und Jakob Schenk aus Speier. 305 

Jakob Schenk. 

Jakob Schenk gehört zu den beinahe vergessenen Personen 
des 16. Jahrhunderts, welche der Strömung der Volkslitteratur 
durch Übersetzungen gerecht wurden. Wann und wo er ge- 
boren, ist unbekannt. Mit dem Verfasser einiger theologischen 
Streitschriften, dem Jakob Schenk aus Stauffenberg^ und dem 
gleichnamigen Theologen und Pfarrer zu Freiberg in Sachsen, ^ 
ist er keineswegs eine Person, wenn er auch häufig mit ihnen 
verwechselt worden ist. Des Übersetzers Schenk Schriften tra- 
gen stets die Bezeichnung Doktor der Rechte und kennzeichnen 
sich durch ihren Charakter als Übersetzungen, unterscheiden sich 
mithin leicht von den polemisch-theologischen Erzeugnissen des 
J. Schenk von Stauffenberg. Jakob Schenk scheint sich bereits 
1522 zu Speier aufgehalten zu haben. Die Herausgabe seiner 
Trithemius-Übersetzung läfst dieses vermuten. Er war Rechts- 
gelehrter und wurde 1525 Bürger der Stadt Speier. Das Bürger- 
buch Speiers sagt hierüber: Item doctor Jacob Schenck emit et 
iuravit civilitatem in forma consueta Sampstags nach jpenthe- 
costen^ Anno x. XXV (1525).* Er ward 1526 Advokat am 
Reichskammergericht zu _ Speier, ^ dabei aber als Protestant er- 
mahnt, sich der Religion halber dem Augsburger Religionsabschied 
geraäfs zu halten.^ Im Jahre 1531 war Schenk als Advokat bei 
der Visitation des Reichskammergerichts thätig,^ was auch im 
Jahre 1533 noch der Fall war. Letzterer Eintrag hat aber den 
Vermerk *Ist nit hie\^ Damit hören die Nachrichten über Schenk 
auf. Wo er fortan lebte, wann und wo er starb, ist unbekannt. 

Schenk verlegte sich auf die Übersetzung lateinischer und 
griechischer Schriften ins Deutsche. Obgleich Protestant, be- 

* Weller, Repert. Nr. 3155, 3156, 3968 und 3969. — Panzer, Annalen 
II, S. 406, Nr. 2891. 

^ Über ihn Allg. d. Biographie unter J. Schenk. 
3 9. Juni 1525. 

* Hs. Folio, Stadtarchiv Speier. 

^ Harpprecht, Staatsarchiv des H. Rom. Reichs-Cammergerichts. Ulm 
1757—1768, V, S. 83. 
« Ebenda V, S. 83. 
' Ebenda V, S. 247. 
« Ebenda V, S. 326. 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. 20 



306 Job. Haselberg aus Reichenan und Jakob Schenk aus Speier. 

gann er mit der ÜbertraguDg einer Schrift des Abts Johann 
Trithemius, dem Compendium sive hreviarium primi voluminis 
annalium sive historiarum de origine regum et gentis Franco- 
rum etc., wovon Joh. Haselberg im Jahre 1515 zu Mainz bei 
Johann Schoeifer die erste Auflage hatte erscheinen lassen. Die 
Übersetzung Schenks hat den Titel: Eyn schone . Cronica von 
Erstem vrsprunck vnd vfwachsen der Francken wie sie in 
Deutsch Landt komen. Auch von dhenen Kunig, Hertzogen, 
gemeyns Adels vnd volcks berümlichsten Kriegs vnd andern 
Tugentlichen vbungen, Da durch sie beynach gantze Europam 
bestritten vnnd erobert. Von dem Erwirdigen vatter Hern 
Johansen weylant Abbt zu Sponheim, aufs vil seltzamen wenig 
gehörten Historien, beim kürtzsten verfast, Ne wuchst durch den 
Hochgelerten Hern Jacoben Schenck der rechten Doctor aufs 
Latin in Deutsch transferiert vnd gezogen. Seite CXX unten: 
Gedruckt vnd volendt zu Speyer, durch den Ersamen Johans 
Eckharten, dinstags nach vnser frawen Lichtmefs, nach Christ 
geburt dausent funff hundert zwentzig vnd zwey jar. Folio, 
8 Blätter und 120 Seiten. Exemplare befinden sich zu Speier im 
Kreismuseum, zu Strafsburg, Universitätsbibliothek, und zu Nürn- 
berg, Germanisches Museum. Eine bibliographische Beschreibung 
in Roth, Geschichte der Buchdruckereien zu Speier. ^ Das Buch 
erhielt sich auf dem Büchermarkt, da noch eine Auflage davon 
erschien. ^ 

Eine zweite Übersetzungsprobe lieferte Schenk in der Schrift: 
Zwen Christenlich tröstliche Sendbrieff, eyns hochberümpten Wel- 
schen Grauen zu gedult vnnd erkündigung Götliches worttes ver- 
manende. Zwölff Regell oder lere, sampt XH. geystlicher waffen, 
zu erhaltung Christlichens lebens, streyt, vnd ritterschaiFt vast 
nützlich. Anno M. D. XXVI. Aufs lateyn inn deützsch durch 
Jacoben schenck Doctor transferirt vnnd gezogen. Hiebey wirdt 
mann vernemmen was New oder Alt sy. O. O. (Strafsburg). 
Quarto, 12 Blätter. ^ 



' II, S. 57—59. — Hummel, Neue Bibliothek I, S. 18. 

^ Frankfurt, Sigmund Feyerabend, 15G3. Duodez. Silbernagel, Johann 
Trithemius, 2. Aufl., S. 243, erwähnt noch Auflage Frankfurt 15(i8, welche 
obige sein dürfte. 

3 Weller, Repert. Nr. 3950. 



Joh. Haselberg aus Reichenau und Jakob Schenk aus Speier. 307 

Später wagte sich Schenk auch an Übertragungen aus dem 
Griechischen. Wenn wir auch nicht wissen, ob er direkt aus 
dieser Sprache oder durch Vermittelung des Lateinischen über- 
setzte, bleibt die Sache für Schenks Litteraturkenntnisse doch 
merkwürdig. Vorerst heferte er eine Übersetzung der Calumnice 
des Lukian mit dem Titel: Von falschem angeben vnd ver- 
schwetzen. Ein nützlich büchlin, durch den berümpten Hey- 
denischen redner Lucianum in kriechischer sprach beschrieben, 
Neülichst durch den Ernhafftenn, Hochgelerten Doctor Jacob 
Schencken aufs Latein in Deützsch sprach transferiert vnd ge- 
zogenn. Anno M. D. XXVm. Dem Philipp zu Stettin und 
Pommern gewidmet. Die Widmung ist unterschrieben: 17. De- 
cember 1528 ^Jacob Schenck Doctor, Keyserlichs Camergerichts 
Aduocat.^ O. O. (Speier). Quarto, 18 Blätter. Ein Exemplar 
zu Darmstadt, Hof bibhothek. ^ Auch den Timon des Lukian 
übersetzte Schenk. Die Schrift erschien in Quarto auf 28 Blät- 
tern bei Hans Meiel zu Worms 1530.- Damit schliefst Schenks 
litterarische Thätigkeit, soweit bekannt, ab. 



* Roth, Geschichte der Buchdruckereien zu Speier II, S. 103. 

^ Goedeke, Grundrifs, 2. Aufl., II, S. 319. — Hoffmann, Lexicon hiblio- 
graphicum III, S. 55. — Graesse, Tresor IV, 282. — Roth, Buchdrucke- 
reien zu Worms S. 31, Nr. 2. 

Wiesbaden. F. W. E. Roth. 



20' 



Kleine Mitteilungen. 



Bruchstücke eines alten Druckes des Eglamour of Artois. 
Die folgenden Fragmente sind von Blättern und Teilen von Blättern 
im Besitze des Herrn Francis Jenkinson, Bibliothekar der Cam- 
bridger Universitätsbibliothek, abgedruckt. 

Bankes' Ausgabe des Romans ist sonst nicht bekannt. Herr 
E. Gordon Duff sagt mir, dafs Bankes im Jahre 1523 The IX Drunk- 
ards, in 1525 The Herhai, in 1526 The Herhai und wahrscheinlich 
Book of Medicines und Seeing of Uryns, in 1528 The Butter of the 
Sea, Ät the longe Shop druckte. 

Im Jahre 1539 ist sein Druckort In Fletestrete at the sygne of 
the White Hart. Wenn wir seine Ausgabe von Eglamour in das 
Jahr 1530 setzen, werden wir nicht mehr als zehn Jahre irren. 

Der Text ist dem Eglamore, Percy Folio HS. Bd. II, S. 338 
sehr ähnlich. Die entsprechende Stanze in Halliwell, The Thornton 
Romances S. 121 wird durch die ersten Nummern in den Klammern 
am Anfange jedes Fragments bezeichnet, wie auch die entsprechen- 
den Stanzen in Eglamore durch P. 

I (79. P. 74). 

Speke woman in goddes name f. ir. 

Agaynst hym she rose 
The lady that was so meke and mylde 
She had so sore bewepte her chylde 

II (82. P. 77). 

Now is Eglamoure hole and sounde f. \v. 
And well heled of his wounde 
Homewarde than wolde he fare 
Of the Emperoure toke he leue ywys 
Of 



Kleine Mitteilungen. 309 

III (84, 85, 86. P. 79, 80, 81). 

And thou erle of Artayes f. 2r. 

Take he sayd the dragons heed 

All is myne that here is leued 

What doest thou in my place 

Great dole it was to here 

Wh an he called Crystabell his fere 

What arte thou drowned in the see 

God that dyed vpon the rode bytterly 

On thy soule haue mercy 

And on that yonge chylde so free 

The erle was so aferde of Eglamoure 

That he was fayne to take the toure 

That euer more wo hym be 

Eglamoure sayd so god nie saue 

All that the ordre of knyghthode wyll haue 

Ryse vp and go with me 

They were füll fayne to do his wyll 

Up they rose and came hym tyll 

He gaue them order soone 

The whyle that he in the hall abode 

Two and thyrty knyghtes he made 

Fro morne tyll it was noone 

Tho that lyuynge had none 

He gaue them lyuynge to lyue vpon 

For Crystabell to praye soone 

Than anone I vnderstonde 

He take the waye to the holy londe 

Where god on the ... was done 

IV (87, 88, 89, 90. P. 82, 83, 84). 

Where ony dedes of armes were f. 2 t;. 

Agayne them that lyued wronge 

In batayle nor in torneymente 

There myght no man withstonde his dynte 

But downe ryght he them thronge 

By that fyftene yere were gone 

His sone that the gryifon had tane 

Was waxen bothe styffe and stronge 

Now is Degrabell waxen wyght 

The kynge of Israeli dubbed hym knyght 

And prynce with his honde 

Lysten lordynges great and small 

Of what maner of armes that he bare 

And ye wyll vnderstonde 



SIÖ Kleine Mitteilungen. 

He bereth in asure a gryffon stronge 

Kycliely portured on the molde 

On his clawes hangynge 

A man chylde in a mantell wounde 

And with a gyrdell of golde bounde 

Without ony lesynge 

The kynge of Israeli' is wexen olde 

To Degrabel his sone he tolde 

I wolde thou had a wyfe 

Whyle that I leue my sone dere 

Whan I am deed thou hast no fere 

Rychesse is so ryfe 

A messenger stode by the kynge 

In Egypt is a s ete ge 

V (112, 113, 114. P. 106, 107, 108, 109). 

Thou shalte haue my doughter Ardnada f. 3r. 

The kynge of satyn sayd also 

I remembre syns thou her wan 

Eglamoure prayed the kynges thre 

At his weddynge for to be 

If that they wolde wouche saue 

All g..nted hym that were thore 

Yonge o..e lesse and more 

Lorde Jesus chryst hym haue 

Kynges and erles I vnderstonde 

And worthy dukes of many a londe 

With Joye and myrthe ynoughe 

The trompettes in the shyp blowes 

That euery man to shyp goes 

The wynde them ouer blewe 

Thoroughe goddes myght all his meyne 

In good lyke passed the see 

In Artayes they dyd aryue 

The erle than in a toure stode 

He sawe men passe the salte flode 

And fast to his horse gan dryue 

Whan he harde of Eglamoure 

He feil out of his toure 

And brake his necke belyue 

The messangers wente agayne to teil 

Of that case how it befell 

With god may no man stryue 

Thus in Artayes the lordes were lente 

After the Emperoure sone they sente 



Kleine Mitteilungen. 811 

VI (115, 116. P. 109, 110). 

Ryght welcome shall they be f. 3«. 

Syr Eglamoure to the chyrche is gone 
Degrabell and Ardnada they haue tane 
And his lady bryght of ble 
The kynge of Israeli sayd I the gyue 
Hälfe my londe whyle I lyue 
Broke well all after my daye 
With mykyll myrthe the feest was made 
Fourty dayes it abode 
Amonge all lordes hende 
And than forsothe as I you saye 
Euery man toke his waye 
Where hym lyked to dwell 
Mynstrelles had good great plente 
That euer the better raaye they be 
And bolder for to spende 
In Romayn this cronycle is 
Dere Jesus brynge vs to thy blys 
That lasteth without ende 
AMEN 

TT Thus endeth syr Eglamoure of Artayes 

Emprynted at London by Rycharde 

Bankys dwellynge in the pultry 

at the Stockes at the löge shop 

by saynt Myldredes 

churche 

Manchester. J. Hall. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Die vier Jahreszeiten für die englische Konversationsstunde, nach 
Hölzeis Bildertafeln bearbeitet von E. Towers-Clark. Zweite, 
vermehrte und verbesserte Auflage. Giefsen, Roth. 4 Hefte 
ä M. 0,40. 

Übungen für die englische Konversationsstunde, nach Hölzeis 
Büdertafeln bearbeitet von E. Towers-Clark. Heft 5 Die 
Stadt, 6 Der Wald, 7 Das Hochgebirge, 8 Der Bauernhof. 
Giefsen, Roth. M. 0,40 das Heft. 

Die vier Heftchen, die Besprechungen über Hölzelsche Bildertafeln 
der Jahreszeiten enthalten, liegen hier in einer zweiten Auflage vor. Dem 
ersten ist ein längerer Abschnitt Elementary Questions vorangesetzt, die 
der Lehrer bei den anderen selber nach Belieben hinzufügen kann, wie 
der Herausgeber in der Vorrede sagt. An einigen Stellen sind neue 
Fragen eingeschaltet oder längere Fragen in zwei zerlegt. Warum aber 
auf S. 18 statt der in der ersten Ausgabe gestellten Frage What are they 
called? in der zweiten die Fassung lautet How are tJiey called?, ist mir 
nicht ersichtlich. Die meisten gebildeten Engländer halten hoiv darin für 
unrichtig. Die zweite Eeihe enthält Fragen über die Bilder, welche eine 
Stadt, einen Wald, ein Hochgebirge und einen Bauernhof darstellen. Sie 
sind geschickt gearbeitet, aber ich kann über ihre Verwendung nur das 
Urteil wiederholen, das ich im Archiv Bd. XCII ausgesprochen habe. 

Berlin. Ad. Müller. 

L. Bahlsen und J. Hengesbach, Schulbibliothek französischer und 
englischer Prosaschriften aus der neueren Zeit. Abteilung II: 
Englische Schriften. Berlin, Gaertner, 1894/5. 

15. Bändchen: The Prince and the Pauper by Mark Twain. 
Herausgegeben von Dr. E. Lobedanz. Nebst einer Karte von Alt- 
London. VI, 166 S. 8. 

Die reizende Geschichte von Mark Twain ist hier um mehr als die 
Hälfte gekürzt, damit ihre Lektüre in einem Halbjahre bewältigt werden 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 313 

kann. Es bleibt zwar immer noch manches Interessante übrig, aber es 
ist doch zu bedauern, dafs so viel fortgeschnitten ist. Der Herausgeber 
hat einen Anhang von 13 Seiten hinzugefügt, worin er die in dem Buche 
'vorkommenden altertümlichen, dialektischen oder seltenen Formen, Wör- 
ter, Redensarten und Konstruktionen den gebräuchlichen neu-englischen 
Ausdrücken' gegenüberstellt. Die Mehrzahl dieser Bemerkungen ist durch- 
aus überflüssig. Soll man nicht Formen wie thy, thou, dar' st thou, thou'st, 
'tis als bekannt voraussetzen? Genügt es nicht einmal darauf hinzuwei- 
sen, dafs hath u. s. w. die mittelenglische Form ist, anstatt immerfort 
diese Formen zu wiederholen? Ebenso genügt eine einmalige Bemerkung 
über die Auslassung von to do. She shall hie her ist gar nicht she shall 
he hurriedy sondern her ist statt des Reflexivums herseif gesetzt. Warum 
soll gloomy mien wohl altertümlicher sein als appearance, oder antie als 
funnyt doff und don sind auch heute noch ganz gewöhnliche Ausdrücke. 
Solche Bemerkungen, von denen ich nur einige angeführt habe, erwecken 
in dem Schüler ganz falsche Vorstellungen und müssen fortbleiben. In 
dem Anhange ist zu den Seiten 13 und 14 des Textes eine ganz falsche 
Zeilenzählung eingetreten, so dafs sämtliche Nummern um 1 oder 2 zu 
hoch angegeben sind. Der Stoff ist zu einer Schullektüre und zu Sprech- 
übungen, die daran anzuknüpfen sind, sehr geeignet. 

Berlin. Ad. Müller. 

F. W. Gesenius, Englische Sprachlehre. Völlig neu bearbeitet 
von Dr. Ernst Regel. II. Teil. Lese- und Übungsbuch nebst 
kurzer Synonymik. Mit einem Plan von London und 
Umgebung. Halle a. S., Hermann Gesenius, 1895. VIII, 
235 S. 8. 

Der zweite Teil der englischen Sprachlehre soll ein Lese- und Übungs- 
buch für die oberen Klassen höherer Schulen sein und das Material zu 
freien Arbeiten bieten, denen, nach des Verfassers Ansicht, sicherlich die 
Zukunft gehört (?). Trotzdem sieht er auf der Oberstufe die Übersetzung 
aus der Muttersprache in die fremde als eine gute Übung an und giebt 
deshalb einen grofsen Vorrat an deutschen Übersetzungsstücken. Die 
Fähigkeit, einen deutschen Text gewandt in die fremde Sprache zu über- 
setzen, ist meiner Meinung nach das höchste Ziel des Unterrichts, und 
jeder soll danach streben, es zu erreichen. Um die Schüler mit Land 
und Leuten bekannt zu machen, sind Stücke aus Dickens, Irving, Escott, 
Farrar, Collier, White u. s. w. zusammengestellt, die über das Familien-, 
Schul- und Universitätsleben handeln und uns in das Treiben von London 
einführen. Es sind mit Geschick teils unveränderte Stellen des englischen 
Originaltextes abgedruckt, teils wörtlich, teils freier ins Deutsche über- 
setzt oder bearbeitet, so dafs dadurch ein recht brauchbares Buch ent- 
standen ist. Mir scheint es indessen unnötig, in einem Lesebuch für 
obere Klassen durch gröfseren Druck die Aufmerksamkeit der Schüler 
z. B. auf so bekannte Formen wie eome, work im Plural, die Infinitive 



314 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

live, lie down, oder auf lives, lilces, driving u. s. w. hinzulenken, oder gar 

in dem Stück über die Präpositionen jede darin vorkommende Präposition 
durch grofsen Druck auszuzeichnen. 

Berlin. Ad. Müller. 

German Classics edited with Introduction, Notes and Index by 
C. A. Buchheim. Vol. XII. Goethe's Dichtung und Wahr- 
heit (The First Four Books). Oxford, Clarendon Press, 
1894. XX, 317 S. 8. 

Die vier ersten Bücher von Goethes Selbstbiographie sind hier für 
Engländer herausgegeben, damit sie teils als Einleitung zum ganzen Werke 
dienen, teils den Leser dazu anreizen, das ganze Werk zu studieren. Der 
Herausgeber spricht deshalb, nachdem er in seiner Vorrede eine kurze 
Wertschätzung des Werkes gegeben und seine Grundsätze über die Art 
der Anmerkungen u. s. w. auseinandergesetzt hat, in dem ersten Teile 
seiner Einleitung von dem Anlafs und der Geschichte des Werkes, wäh- 
rend ein zweiter Teil eine kurze Übersicht über den Inhalt des gesamten 
Werkes enthält, dem sich eine Genealogie Goethes anschliefst, soweit sie 
für die vier Bücher nötig ist. Der Text ist nach der grofsen Weimarer 
Ausgabe gegeben, doch ist die neue Orthographie eingeführt. Warum 
aber in den Anmerkungen zu S. 10, 10 'Prospeckt' und zu 54, 5 'Tech- 
nick' gedruckt ist, während der Text nur k hat, kann ich nicht einsehen. 
Der Plural von Stock (story) S. 12, 4 ist gewöhnlich jetzt Stockwerke 
und nicht Stocke. Selbst wenn dieser dialektisch irgendwo noch vor- 
kommt, hätte der Herausgeber doch aufmerksam machen sollen, dafs 
der gewöhnliche Sprachgebrauch heute nicht mehr die Goethesche Form 
hat. Etwas Ähnliches gilt von den Wörtern Wachstum (S. 40, 26) und 
Pult (S. 47, 4), die von Goethe wohl als Masculina gebraucht sind, von 
denen man aber heute Engländer nicht mehr lehren kann : used hoth 7nasc. 
and neuter. Ebensowenig richtig scheint mir die Anmerkung zu S. 54,12: 
The form Pappenarbeiten ... is like that of Pappendeckel the correct one; 
but in colloquial speech the syllable en is generally dropped. Die kürzere 
Form ist heute nicht nur colloquial. Die Aussprachebezeichnung von 
'Serge' durch ^Sxersche' ist für einen Deutschen unrichtig, für einen Eng- 
länder ganz unverständlich. Zu der Form 'gleiteten' auf S. 58, 19 sollte 
wohl eine Anmerkung gemacht werden. Die Anmerkung zu S. 40, 27: 
Diintxer recommends the reading verwandter Gewächsen, making this ex- 
pression dependent on von ; but Loeper adopts the reading verwandter Ge- 
wächse. The Weimar edition has verwandten Gewächsen, explaining it 
OS an intentional ehange of the eases ist mir unverständlich. 'Verwandten 
Gewächsen' hängt von von ab, während 'verwandter Gewächsen' gar 
keine richtige Form ist. Die Anmerkungen enthalten viel Belehrendes 
für Ausländer, und das Buch ist ein gutes Hilfsmittel für das Studium 
des Deutschen. 

Berlin. Ad. Müller. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 315 

Adolf Tobler, Vermischte Beiträge zur französischen Grammatik. 
Zweite Eeihe. Leipzig, S. Hirzel, 1894. Vm, 250 S. 

Mit Befriedigung wird mancher der Thatsache gewahr werden, dafs 
Tobler in den hier zu einem stattlichen Bande vereinigten neuen Bei- 
trägen zur französischen Grammatik in weit höherem Mafse, als man dies 
sonst aus seinen Arbeiten gewöhnt war, die neuere und neueste Sprache 
in den Kreis seiner Betrachtungen gezogen hat. Dafs bei diesem Ver- 
fahren für den Verfasser keine anderen als dem Bedürfnis nach im höch- 
sten Sinne des Wortes wissenschaftlicher Erforschung der sprachlichen 
Erscheinungswelt entstammende Motive mafsgebend waren, sollte beson- 
derer Bekräftigung nicht benötigen, und so werden die Fachgenossen nicht 
ohne Beschämung hinnehmen, dafs Tobler selbst sich gedrängt gefühlt 
hat, jeder etwaigen Verkennung seines durch keinerlei sekundäre Rück- 
sichten zu beeinflussenden wissenschaftlichen Standpunktes in .scharfen 
Wendungen vorzubeugen. Erfreulich ist jedenfalls die gerechtfertigte Er- 
wartung, dafs die neuen Beiträge infolge ihrer soeben gekennzeichneten 
Eigenart die Teilnahme auch aller derer finden werden; denen, ohne dafs 
sie eigentlich romanistische Studien treiben, an einer vertieften Erkennt- 
nis der sich in der modernen Sprache darbietenden Erscheinungen ge- 
legen ist, die sich an den in den landläufigen Schulgrammatiken aus 
pädagogischen Gründen oftmals absichtlich nur oberflächlich und kritik- 
los versuchten Deutungen nicht genügen lassen wollen, kurz, denen es 
um das Wesen der Dinge zu thun ist, um die Wirklichkeit, nicht um 
den Schein. Und die so denken, werden den Verfasser auch gern in die 
Vergangenheit der Sprache begleiten und die gelegentlichen fruchtbaren 
Ausblicke auf nahe verwandte oder entlegenere Sprachgebiete mit Genug- 
thuung begrüfsen, froh des Gefühles der stetig wachsenden, allmählich zu 
voller Erkenntnis reifenden Einsicht in das eigentliche Wesen romanischer 
Sprachbethätigung. 

Abgesehen von den unter 11, 12 und 21 vorgeführten Abschnitten, 
die nunmehr zum erstenmal im Druck erscheinen, sind die hier zusammen- 
gestellten Aufsätze den Romanisten aus den Bänden 11, 12, 13 der Gröber- 
schen Zeitschrift, den Sitzungsberichten der Berliner Akademie vom Jahre 
1891 und den in demselben Jahre Heinrich Schweizer- Sidler gewidmeten 
Thilologischen Abhandlungen' bereits bekannt geworden. Es genügt 
daher, an dieser Stelle in eine kurze Kennzeichnung des neu Dargebotenen 
einzutreten ; was ich, angeregt durch einige auch innerhalb der älteren Auf- 
sätze gethane Aufserungen, aus eigener Beobachtung beizutragen habe, ist 
zwar äufserst bescheiden, verdient aber doch vielleicht einige Beachtung. 

In dem Abschnitte Nr. 11 beschäftigt sich Tobler mit dem bereits 
durch Diez III^, 74 aus dem Südwesten des romanischen Sprachgebietes 
nachgewiesenen pleon astischen Auftreten eines possessiven Adjektivs dritter 
Person in Verbindung mit einem Substantiv, 'das eine den Besitzer an- 
gebende Bestimmung, bestehend aus de und einem Casus ohliqims, bereits 
bei sich hat'. Die auch deutscher volkstümlicher Ausdrucksweise geläu- 



316 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

fige Erscheinung, für die Tobler in Ergänzung von anderen gelieferter 
Beiträge weitere Stellen aus provenzalischen, katalanischen und italieni- 
schen Denkmälern gesammelt hat, scheint im Altfranzösischen nur selten 
zu begegnen, wenn auch häufiger, als man nach Diez glauben sollte. 
Aufser der nicht ganz zuverlässigen Stelle Rou 1073, auf die schon Diez 
aufmerksam machte, kennt Tobler nur fünf Belege, von denen der erste 
aus Bari. Jos. wiederum nicht ganz sicher ist. In dem folgenden Auf- 
satze (Nr. 12) wird der Diez II 3, 87 nur aus dem Spanischen und Portu- 
giesischen bekannt gewordene, aber auch im Alt- und Neuitalienischen 
nicht unerhörte Gebrauch von suus an Stelle von illorum aus einer statt- 
lichen Anzahl nur zum kleinsten Teile auf lateinischen Vorlagen be- 
ruhender Denkmäler auch für das Altfranzösische nachgewiesen. 

Der die unscheinbare Überschrift 'Adjektiv in Substantivfunktion' 
tragende Aufsatz Nr. 21 geht aus von den einfach liegenden Fällen, in 
denen ein Adjektiv selbständig entweder so auftritt, dafs ein von dem- 
selben determinierter substantivischer Oberbegriff in der Sprache zwar 
unterdrückt erscheint, aber doch jedesmal von dem Bewufstsein mühelos 
und unmittelbar reproduziert wird {une droite, sc. ligne), oder so, dafs 
mit dem Adjektiv ohne weiteres die Vorstellung eines zuweilen in seinem 
Geschlechte gekennzeichneten menschlichen Wesens verknüpft ist {le riche, 
une vieille). Im Anschlufs daran werden alle die Fälle entwickelt, in 
denen bei gleicher Verwendung des Adjektivs das Vorhandensein eines 
bestimmten Seienden im Bewufstsein des Redenden ausgeschlossen er- 
scheinen mufs. Jeder Versuch, die in sauberster Gliederung und feinster 
Begründung mit Hilfe umfassendster Kenntnis vorzugsweise der neuesten 
Litteratur durchgeführte Untersuchung hier kurz wiederzugeben, könnte 
derselben nur Eintrag thun. Deshalb sei jedem, der Wert darauf legt, 
ein Stück echt Toblerscher Geistesarbeit kennen zu lernen, das Studium 
des Aufsatzes, der durch die Heranziehung im Lateinischen, Griechischen, 
Deutschen, Spanischen und Portugiesischen anzutreffender gleicher oder 
ähnlicher Erscheinungen ein allgemein sprachwissenschaftliches Gepräge 
gewinnt, ganz besonders dringend anempfohlen. 

Zu S. 37. Zu der Konstruktion non sono potuta venire anstatt non 
ho potuto venire, an die aufser den bereits von Tobler beigebrachten Ana- 
logien auch die auffallende Stellung des Präfixes re in Revolex vos a Troie 
aler? Eneas 5684, Dont refu fais Elidur rois Si com il ot este anqois, Brut 
3638 erinnert, verweise ich auf E. Kades Ausführungen in der Zs. f. rom. 
Phil. VII, 576 ff. Ältere französische Beispiele sind: Li maresehaux n'estoit 
voulu venir a lui, Livre de la Conqueste S. 412; Vous estes volue apparoir, 
Mir. N. D. I, S. 19, 460; Sur Vasnesse est volu monier, Greban 16135; 
Devers vous suys voullu venir, Gring. II, 107; oder bei reflexiven Zeit- 
wörtern : Et le duG Loys, son frere, qui de Qrenoble ne se estoit voulu partir 
tant que sa seur fust contente, remercia les seigneurs, Chron. Loys Bourb. 
S. 261; s'il ne s'en fust voulu abstenir, C. d'Artois S. 142; les troys estatx 
ne s'etoient voulu (ohne s) condescendre, Arch. cur. 1® serie, t. II, 349, was 
auch für die Sprache unserer Zeit noch möglich ist, da man noch heute 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 317 

findet: La pauvre fille se voulait bt'iser la Ute, Ars^ne Houssaye, La P^- 
cheresse S. 142. Gegenüber einem Satze wie Cuens Äymeris s'est ja fet 
(lies fez) herbergier, Aym. Narb. 1186 ist zu betonen, dals auch er siph 
von der ursprünglich einzig denkbaren Fassung s'a fet, wie sie vorliegt 
in ear nuns ne puet En grant pris par armes monter, S'afi^ois ne s'a fait 
adouher^ Biausdous 488, infolge derselben Irreleitung der Vorstellungen 
entfernt hat. 

S. 61. Das Hilfszeitwort avoir in Verbindung mit den zusammen- 
gesetzten Zeiten reflexiver Verba wird von modernen Schriftstellern ge- 
legentlich verwendet, um volkstümliche Kedeweise zu kennzeichnen: Je 
m'ai dit alors: Venfant a bon cceur, Edm. de Goncourt, Fille Elisa 234; 
Je m'en ai aper^u souvent sans rien dire, Maupassant, Bei- Ami 175, oder: 
C'est tout ä l'heure en voulant s'accrocher pour monier ä bord, qu'elle s'a 
enleve ses ongles, Loti, Matelot 251. So auch in Malm^dy: apre s'avcer 
rvmetu pn. miet' dv loex estumakety = ajjres s' avoir (s'etre) remis une 
miette de leur surprise, Z^liqson, Aus der Wallonie, Progr. Metz 1898, 
S. 10. Damit ist aber die Beliebtheit und Lebensfähigkeit dieses Ge- 
brauches gerade in der ungekünstelten Sprache des Volkes genugsam er- 
wiesen (s. auch Archiv XCII, 465, wo zuletzt ältere und neuere Beispiele 
zusammengestellt wurden). 

S. 88, Anm. 1. Die nach dem Muster von envoler, enfuir, emmener 
u. dergl. heutzutage sich vollziehende, von Tobler aus hochangesehenen 
Autoren der Neuzeit belegte enge Verschmelzung des Adverbiums en mit 
aller in s'en aller, die sich in Fügungen wie il s'est en alle äufsert (ein 
Beispiel aus Zola, Pot-Bouille 296, gab ich im Archiv XCII, 448), ist 
schon in der alten Sprache anzutreffen ; ich finde Et lors ycelui suppliant 
se fust parti et s'en alle oudit chastel in einer Urkunde vom Jahre 1391, 
S. d'Angl. LXX. Die Wiederholung von se vor en darf nicht wunder 
nehmen, da die Sprache vor en das Reflexivpronomen erklingen zu hören 
von altersher gewöhnt war. Die Neuschöpfung des Kompositums s'enaller 
(vgl. pikard. dale aus end aler, Meyer-Lübke II, 629) scheint übrigens in- 
folge der Nähe der aus en (> in) -f- Simplex gebildeten Komposita eine 
Verkennung des eigentlichen Wesens des Adverbiums en nach sich ziehen 
zu sollen. So erkläre ich mir wenigstens die von Littr^ s. v. aller tadelnd 
gekennzeichnete, aus Schriftwerken jedoch bisher nicht nachgewiesene 
doppelte Setzung von en, wie sie vorliegt in Vous me direz, quand ils 
s'en seront tous en alles, Catulle Mend^s, Maison de la Vieille 370, oder 
bedeutet die hier angerichtete Verwirrung nur den verunglückten Versuch, 
eine zunächst auf Abwege geratene Vorstellung nachträglich wieder in 
die rechte Bahn zu lenken? Bei anderen Zeitwörtern ist übrigens die 
doppelte Setzung von en schon in älterer Zeit nachzuweisen. So wendet 
sich Th. Corneille gegen mifsbräuchliches ils s'en sont enfuis, zu Vaugelas 
II, 182, und schon lange vor ihm findet sich Dont il s'en enssuit ung 
grant mal bei Gring II, 182. 

S. 160. Die von Tobler an seine Erörterungen über die neufranzö- 
sischer Rede eigene Ausdrucksweise ä des dettx heures, ä des trois heures 



S18 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

u. s. w. = oft schon um zwei, drei Uhr geknüpfte, aber offen gelassene 
Frage nach der Zulässigkeit von ä des une heure in der gleichen Bedeu- 
tung giebt dem Zweifel Ausdruck, ob die Funktion, die der pluraiische 
Teilungsartikel des, soweit nachgewiesen, ausschliefslich bei einer Mehr- 
zahl gewisser Zeiteinheiten auszuüben berufen scheint, auch da noch mög- 
lich bleibt, wo nur eine einzige Einheit von demselben Umfange in Be- 
tracht kommt. Beispiele für ä des une heure vermag auch ich nicht bei- 
zubringen, doch möchte ich deswegen die Möglichkeit dieser Wendung 
nicht in Abrede stellen, zumal verwandte Erscheinungen im Leben der 
Sprache nicht eben selten begegnen. Um auszudrücken, dafs der Eintritt 
eines Ereignisses nicht genau mit dem Ablauf einer zahlenmäfsig be- 
stimmten Tagesstunde zusammenfällt, bedient sich das Französische der 
Präpositionen sur oder vers in Verbindung mit der Stundenzahl, die dann 
häufig den bestimmten Artikel vor sich nimmt, und zwar wird, da es sich 
öfter um eine Mehrzahl von Stunden, die seit zwölf Uhr verflossen sind, 
handeln wird, der Plural des Artikels häufiger zur Verwendung gelangen, 
als der bei une heure, midi und minuit zu erwartende und auch wirklich 
begegnende Singular {sur le midi, sur le minuit, vers la 7ni-nuit, SchefFer, 
Misere Eoyale 39). Das Sprachgefühl wird also, irregeleitet durch die 
häufigen Fälle, in denen die Verbindung vers les, sur les erscheint, mit 
dem Pluralis leicht die Vorstellung einer nicht mit voller Sicherheit an- 
zugebenden Tagesstunde verknüpfen und ihn dann auch da setzen, wo 
sein Gebrauch sonst nicht zu rechtfertigen wäre. Daher: La princesse 
est rentree sur les une heure du matin, E. Sue, Martin (ed. Kollmann) 
VII, 96 ; Les invites de Mlle Juliette quitterent l'hdtel vers les une heure du 
matin, eb. VII, 35; ähnlich E. Sue, Myst^res de Paris, ed. Bruxelles 1843, 
II, 103, und aus dem Departement de la Charente: Quand il arrive sur 
les minuit Queu pauv' Renaud l'äme rendit, Rolland, Eecueil de Chans, 
pop., Paris 1887, III, 37. Ein solcher Wandel wird überall da leicht ein- 
treten können, wo, wie dies bei den schon besprochenen Erscheinungen 
der Fall ist, aus einer Eeihenfolge gleichartiger, dieselben Funktionen 
ausübender Wortgestaltungen oder syntaktischer Fügungen eine oder meh- 
rere infolge ihrer grammatischen Eigenart heraustreten und daher ur- 
sprünglich einer anderen Behandlung teilhaftig werden, als die sonstigen 
Angehörigen derselben Reihe. Die auch von Tobler (Versbau^ 54 und 
Sitzungsber. der Berl. Akad. 1893, S.-A. S. 6) geteilte Anschauung der 
Acad. fran§., dafs onxe, welches übrigens noch heute nicht nur bei Dich- 
tern, sondern auch in familiärer Rede Elision des tonlosen e vor sich 
duldet {je crois qu'il n'est pas hin d'onze heures, Pierre Mael, Derni^re 
Pens^e 56), aspiriertes h erhalten habe und daher in jedem Falle dem- 
entsprechend behandelt werde (Gram. d. Gram. I, 31), scheint mir un- 
haltbar. Ich glaube vielmehr mit Vaugelas I, 156, dafs on%e allmählich, 
vereinzelt schon im Altfrz.: Le onxiesme jour du moix de Mars (a. 1390), 
Hist. de Metz, Nancy 1781, IV, 398, mit gröfserer Entschiedenheit seit 
dem 16. Jahrhundert, durch das Vorbild seiner konsonantisch anlautenden 
Nachbarn zu dem heute üblich gewordenen Verhalten veranlafst wurde. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 319 

Man vergleiche dazu den Wandel von deutschem elf zu ölf nach dem 
Muster von xwölf, s. Wallensköld, Abhandl. z. E. Toblers 299, wo auf 
Nyrop, Adj. Könsb. 44 verwiesen wird. Wie mit onxe, wird auch mit un, 
une verfahren, wenn es so gebraucht ist, dafs zu gleicher Zeit eine oder 
mehrere andere Glieder der Zahlenreihe im Bewufstsein des Redenden 
lebendig werden, De ime heure ä deux du matin, Figaro, 11. Juni 1893, 
Spalte 3; le toit du petit hangar eleve du sol de un metre quatre-vingts 
centimetres seulement, Petit-Parisien, 30. Juli 1895, S. 2, Z. 5; Mais, made- 
moiselle, vous avex gagne. Vous avex Vas. — Mais non; je n'ai que le un 
et le sept. — Eh hieti! le un, c'est l'as . . . en style noble, Henry Kabusson, 
Bon Garyon S. 10. Ob auch huit, altfrz. uit > octo hierher zu stellen ist, 
bleibt zweifelhaft, da nach G. Paris die Aspiration durch die Eigenart des 
Diphthongen ui herbeigeführt zu sein scheint, daher auch die vulgäre Aus- 
sprache vuit, wie voui für oui, Revue Critique, 2® sem. 1867, 295; immer- 
hin könnte sich dieser Prozefs erst im Neufranzösischen vollzogen haben. 
An den aus dem Provenzalischen, Altfranzösischen, Catalanischen und 
Spanischen bekannten Übertritt des s von Martis dies, Jovis dies, Veneris 
dies in Lunce, Mercurii dies und dies Dominica (Diez, E. W. svv.) erinnert 
der Mittwoch, dessen alte Form die Mittwoch durch den Einflufs der Namen 
der übrigen Wochentage verdrängt wurde (Grimm, D. W. s. v.). Wie 
anderthalb für anderhalb sein t aus dritthalb, vierthalb u. s. w. herüber- 
genommen hat (Grimm, D. W. s. v.), so kann volkstümliches dettsse, troisse, 
Cat. Mend^s, Maison de la Vieille 360, sein tonloses s, wenn es nicht ur- 
sprünglich ist, einer Einwirkung von six, dix, cinq, sept, huit, neuf ver- 
danken, und die Verwendung von mil für milie, mille in XX. mil Che- 
valiers, Rol. 548 ; sept mil, Mort Garin S. 40 ; deux mil et quatre mil mors, 
Chron. Loys Bourb. 169; quatre vingtx mil, Jean Lemaire, 111. Gaule liv. 
III, fol. XIX V. erhält durch die Einheitlichkeit von cent den Schein der 
Berechtigung. Von einer Beeinflussung des Vokalismus von viginti durch 
sekundäres treginta neben tr.iginta ist bei Meyer-Lübke I, 495 die Rede. 
Findet man nun vinte dous, Rois 299 (und öfter), und sichtbar mit syl- 
labischer Geltung des e in Nes se il fussent vinte quatre, Flor. Ms. F 
fol. 87 a; La vinte tißrce herbe est creue sur les autres, Adgar (Neuhaus) 
S. 31 ; Des serjanx aus noires gonneles Ot la, ce croi, cele semaine Navrex 
une vinte-cinquaine, GGuiart VIII, 8979, so könnte, wie schon Alfred 
Schulze, Predigten d. Heiligen Bernhard S. 396 für vinte quatre eb. IV, 22 
annahm, in der That ebenfalls Anbildung an trente, quAirante etc. vor- 
liegen, stünde nicht die Möglichkeit entgegen, das e als die Darstellung 
der in der alten Sprache an dieser Stelle bevorzugten Konjunktion et auf- 
zufassen. Diesen Wert hat doch das e wohl ohne Zweifel in diseseptime, 
Peros de Nesle bei Fr. Michel, Chron. Anglo-norm. III, S. XXVII, dise- 
nwußsmes, eb. S. XXXIII, dixeneuf, Jean Lemaire, lUustr. Gaule liv. III, 
fol. XIII V. Wie dem auch sei, die heute gültige Aussprache von vingt- 
deiix, vingt-trois, vingt-quatre u. s. w. mit lautem t, die noch immer stark 
an trente erinnert, sowie die von dix-neuf mit tönendem s, bleibt derselben 
doppelten Deutung fähig. Auch minuit sonnerent, Zola, CEuvre 302, neben 



320 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

midi sonnait, Bourget, Terre Promise 95, midi venait de sonner, Cat. Men- 
d^s, Maison de la Vieille 401, une heure sonna, Zola, CEuvre 148, wird nicht 
ohne weiteres aus onxe heures, dix heures sonnerent u. s. w. hervorgegangen 
sein, da hier minuit von der ungeduldig des Gatten harrenden Christine 
nicht als ein Ganzes, sondern als eine langsam sich vollziehende Addition 
von zwölf einzelnen Schlägen empfunden wird. Wohl aber gehört mit 
Sicherheit in diesen Zusammenhang die an septembre, novembre, decembre 
angelehnte Neubildung octembre, Villeh. (P. Paris) 165; Stavelot 76, 139; 
: septembre, Bouteiller, Guerre de Metz en 1324, 176, 141, und auch neu- 
poitevinisches Janvre für janvier, Favraud, CEuvres en pat. poit. (1884) 
S. 9 dürfte sein r aus fevrier bezogen haben, um so eher, als chanvre > 
cannabim auf diesem Gebiete charbe lautet, s. Favraud a. a. 0. S. 14 und 
Jaubert, Gloss. C. Fr. I, 230, und umgekehrt wird die Metathesis des r 
in frevier (a. 1444), Chron. M, S. Michel II, 166 unter dem Einflufs von 
janvier vor sich gegangen sein. In weiterem Sinne rechne ich hierher 
rovTos, ravTT] für ovros, avTTj; tuites et tuit, Mir. N. D. IV, 184, 980, für 
toutes et tuit, Claris 21403; dieux et dieuesses, Prosa-Cliges 296, 34; beneir 
und maleir (s. meine Studien z. frz. Konj. auf ir S. 30, Anm. 2), benis- 
sons und maudissons, Rom. 15, 437; sui, sue > sutu, Hilarii Versus et 
Ludi S. 27 — 28, je seus, Jaubert, Gloss. C. Fr. I, 412, und nous suymes 
für sommes, G. Paris, Chans, pop. XV^ sifecle, XX, 26 ; Mist. V. Test. impr. 
G III, 59; Oresme, Ethique bei God. III, 644, Sp. 1, oder siiemes, Mont. 
Fabl. II, 121 ; das in deutscher Kindersprache gelegentlich erklingende 
wir binnen neben ich bin, Nord und Süd Bd. 72, 402; Nepturnus und 
Saturnus, E. Desch. (Anc. T.) I, 80; I, 268—9. 

Der zuerst in den Sitzungsberichten 1882 veröffentlichte Aufsatz 'Ver- 
blümter Ausdruck und Wortspiel in altfranzösischer ßede', der hier im 
Anhang wieder erscheint, wird auch in seiner neuen, bedeutend umfang- 
reicheren Fassung von den Fachgenossen mit dankbarer Freude entgegen- 
genommen werden. 

Potsdam. A. Eisop. 

Georg Schlaeger, Studien über das Tagelied. Jenenser Disser- 
tation. Jena 1895. 89 S. 8. 

Die anregende, über dem Durchschnittsniveau stehende Dissertation 
Schlaegers zerfällt in drei Abschnitte. Den ersten bildet eine Besprechung 
der mit den Worten Oaite de la tor beginnenden altfrz. Aube, die schon 
wiederholt in gar verschiedener Weise interpretiert worden ist. Das noch- 
mals nach dem Faksimile^ abgedruckte Gedicht wird mit einigen Kon- 
jekturen versehen, von denen mir die V. 37 tor (Hs. flor) besonders bemer- 
kenswert erscheint. Schlaeger fafst die Situation dieser unechten Aube 
folgendermafsen auf: Der Liebhaber, der bei seiner Ankunft durch eine 

^ Le Chansonnier fran^ais de St. Germain des Prfes (Bibl. Nat. fr. 20 050). 
Reproduction phototypique avec transcription par P. Meyer et G. Raynaud t. I, 
fol. 83. Paris 1892 (Soc. d. a. t. f.). 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 321 

verdächtige Gestalt erschreckt worden war, ermahnt den Wächter zur 
Achtsamkeit (Strophe 1) und würde der geliebten Dame das Liebeslied von 
Blancheflor vorsingen, wenn er nicht den Verräter fürchtete (Str. 2). Die 
drei folgenden Strophen sollen den zum Teil neckischen Dialog zwischen 
den Liebenden enthalten. Die beiden letzten Strophen, in denen der 
Eitter dem Wächter gegenüber sein eben genossenes Glück schildert und 
den Tag verwünscht, bedürfen keiner besonderen Erklärung. Das bal- 
ladenartige Gedicht zerfällt somit in drei Scenen, und diese Dreiteilung 
erscheint in der That durch die jeweilige Gleichmäfsigkeit des Eefrains 
begründet. Durchaus einleuchtend ist Schlaegers, übrigens, wie es scheint, 
bereits von Leroux de Lincy angenommene Auffassung des roheor in der 
vierten Strophe: der einzige Räuber ist der Liebhaber. Allein die ganze 
vorgeschlagene Erklärung, so geistreich und bestechend sie auch ist, hebt 
gleichfalls nicht alle Schwierigkeiten auf. Ein so feiger Ritter, wie ihn 
Schlaeger annimmt, erscheint von vornherein fraglich; dafs er, kaum mit 
der Dame vereint, zuerst den Lai von Blancheflor singen will, mag man 
noch hingehen lassen, dafs er aber gleich darauf aus Angst den Wunsch 
äufsert, in diesem Augenblick lieber in friedlichem Schlaf zu liegen, er- 
scheint mir denn doch gar zu gezwungen. Wenn der Dichter eine solche 
Angst des Ritters hätte schildern wollen, so hätte er für dormiroie ver- 
mutlich eher hin seroie oder m'en iroie gesetzt. Dies Wort dormiroie ist 
im Munde eines Wächters entschieden besser angebracht, und ich bin 
noch keineswegs davon überzeugt, dafs der ganze zweite Teil des Ge- 
dichtes (Str. 3 — 5) nicht ein Dialog zwischen zwei Wächtern sein könne. 
Freilich dürften alsdann jeweilen die beiden letzten Verse des Eefrains 
nicht zu diesem Dialog gehören; sie sind vielmehr den Liebenden oder 
einem derselben zuzusprechen und sind etwa als spöttische Nachahmung 
des gehörten Hornstofses aufzufassen. Denn für völlig verfehlt halte ich 
Schlaegers Erklärung des Hu et hu. wonach diese Laute durchweg als 
Ausruf des jeweilen Redenden zur Bezeichnung der verschiedensten Stim- 
mungen anzusehen sind. Es ist durchaus nicht nötig, dafs der Hornstofs, 
wie der Verfasser meint, nur einmal erfolgt sein müsse. 

Der zweite Abschnitt enthält zunächst allgemeinere Erörterungen 
über die Gattung der Alba, Aube oder Tagelied, und Schlaeger scheidet, 
wie mir scheinen will, gar zu schroff zwei Gruppen, von denen er nur 
der einen, derjenigen nämlich, welche eine fingierte Situation mit kon- 
ventionell ritterlichen Zügen darstellt, die Bezeichnung Alba, Aube, Tage- 
lied zusprechen will. Die andere Gruppe wird dadurch gekennzeichnet, 
dafs sich in der Erfassung der Situation nichts Gemachtes, nichts 
Unwahres, nichts Fernliegendes findet, dafs ferner darin alles 
persönlicher Entwickelte zu Gunsten des allgemein Empfundenen zurück- 
tritt. Gedichte dieser Art, aus dem Vollen geschöpfte Erzeugnisse un- 
reflektierter Poesie können in den verschiedensten Ländern ganz unab- 
hängig voneinander erwachsen; das gelte dagegen nicht für die ritterlich 
konventionelle Alba, bezw. für die Aube und das Tagelied. 

Um nun den Grundtypus der so auf höfische Gedichte begrenzten 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. 21 



322 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Gattung zu erhalten, untersucht Schlaeger die echten provenzalischen 
Albas, und er bringt zu deren Erklärung mancherlei Beachtenswertes bei. 
Als das wesentlichste Merkmal des Tageliedes wird der Wächter bezeich- 
net. Diese fast allgemein geteilte Auffassung — Giske (Zs. f. d. Ph. XXI. 
244) gebraucht fast dieselben Worte — ist gewifs ganz richtig. Da aber 
Schlaeger selbst (S. 80) zugiebt, dals das Wächtermotiv im Tageliede zu- 
nächst nicht die Hauptsache ist, sondern dafs es, ursprünglich neben- 
sächlich, sich immer weiter entwickelte, so brauchte er meines Erachtens 
die von Bartsch, Levy und eigentlich doch auch von Jeanroy und G. Paris 
angenommene Entwickelung : 1) Wächter lediglich als Tagesverkündiger, 
2) Wächter als vertrauter Warner, nicht als gewagt zu bezeichnen. In 
der altertümlichsten und poetischsten Alba En un vergier sotx folha d'al- 
bespi läfst sich über die Stellung des Wächters zu den Liebenden gar nichts 
ersehen. Er kann mit gleichem Eecht als blofser Tagesverkündiger wie 
als Warner aufgefafst werden ; mir erscheint das erstere wahrscheinlicher. 

Schlaeger geht dann zu den Abarten der provenzalischen Alba über, 
die durch drei weltliche und vier geistliche Lieder repräsentiert werden; 
er zeigt dabei, dafs sich in ihnen die Einflüsse der echten Alba auf 
ganz äufserliche, belanglose Einzelheiten beschränken, und dafs vielmehr 
diese Gedichte ihrer Grundsituation nach auf biblischer, bezw. kirchlich 
traditioneller Grundlage beruhen. Durch die interessanten Ausführungen 
Eoethes ^ angeregt, setzt der Verfasser den Einflufs alter kirchlicher Sym- 
bolik gut auseinander; in der Auffindung von Parallelstellen aus der 
Bibel scheint er mir etwas zu weit zu gehen. 

Nach alledem kehrt Schlaeger zu der altfrz. Aube zurück, von wel- 
cher er ausgegangen war. Dies in der Champagne oder in Lothringen 
entstandene Gedicht weist einige wesentliche Züge der echten Alba auf, 
doch es entfernt sich durch seinen bailaden artigen Gesamtcharakter w^eit 
von dem provenzalischen Typus. Ob die meisten und besten originellen 
Züge dieser Aube, wie Verfasser meint, unbedenklich dem Dichter zu 
gute zu schreiben sind, läfst sich mit solcher Bestimmtheit nicht sagen. — 
Weit geringer noch als in dieser Aube sind die Spuren der höfischen 
Alba in anderen französischen Gedichten, die von Jeanroy und anderen 
zu der besagten Gattung gerechnet worden sind. Dadurch erhält die 
übrigens keines Beweises mehr bedürftige Ansicht eine Stütze, dafs das 
Tagelied in Nordfrankreich bei weitem nicht so gepflegt und verbreitet 
war wie etwa in Deutschland. 

Um nun im dritten Abschnitt der Abhandlung dem Ursprung der 
Alba nachzugehen, wird zunächst die bekannte älteste lat.-prov. Alba 
einer Betrachtung unterzogen. Schlaeger nimmt die Interpretation Suchiers 
an, nur mit der Änderung, dafs umet mar als das 'feuchte Nebelmeer' 
anzusehen sei. Eine völlig befriedigende Erklärung der rätselhaften Worte 
wird dadurch nicht erreicht. Auch Schlaeger weist die Vermutung, dafs 
man es bei diesem Gedicht mit einem Tagelied zu thun habe, zurück, 

* Vgl. Anzeiger für deutsches Altertum und deutsche Litteratur XVI, 8G ff. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 323 

und zwar weil das Liebespaar eine zu untergeordnete Rolle spielen und 
weil auf den Trennungsmoment nicht hingewiesen würde. Laistners und 
Roethes Spuren folgend, erklärt Schlaeger das ganze lat.-prov. Gedicht 
für einen Hymnus. — Im Gegensatz zu Roethe wird darauf die Ent- 
wickelung der Alba aus der Hymnenpoesie zurückgewiesen, desgleichen 
die durch Gedanken Schacks hervorgerufene Vermutung Ottos,' dafs sich 
die in Frage stehende Gattung aus der arabischen Dichtung entwickelt 
habe. — Schlaeger wendet sich schliefslich an das klassische Altertum ; 
er führt eine Reihe von Stellen bei Ovid an, die, weil wenig beweisend, 
nach dem Verfasser selbst als direkte Quellen des Tageliedes nicht in 
Betracht kommen können; endlich macht er auf den pseudo- 
ovidischen Brief Leanders an Hero (Ep. XVII) V. 105 ff. auf- 
merksam, in welchem sich allerdings wesentliche Merk- 
male der Alba vorfinden. Die Rolle des in das Geheimnis gezoge- 
nen Vertrauten spielt hier die Amme, welche die Säumenden an die 
Notwendigkeit des Scheidens erinnert. Schlaeger hält es für wahrschein- 
lich, dafs diese pseudo-ovidische Stelle den Ausgangspunkt für die Alba 
gebildet habe; es lasse sich nicht bestimmen, ob das Albamotiv unter 
Verwertung anderer ähnlicher Stellen zunächst in lateinischen Vaganten- 
liedern Verwendung fand oder in die Volkssprache zuerst durch einen 
gelehrten Troubadour eingeführt wurde; die letztere Annahme habe eher 
Anspruch auf Wahrscheinlichkeit, weil die anonyme prov. Alba: En un 
vergier sotx folha d'albespi in ihrem Refrain Ähnlichkeit mit den altfrz. 
Chansons de toile verrate. Die Heranziehung dieser pseudo-ovidischen 
Stelle ist entschieden sehr beachtenswert; sie direkt für den Ausgangs- 
punkt des Albamotivs zu halten, erseheint mir immerhin gewagt. Meiner 
Überzeugung nach werden vielmehr verschiedene Elemente zu der Ent- 
wickelung der ganzen Gattung beigetragen haben; die Erforschung der 
dabei möglichen Faktoren ist einstweilen noch nicht abgeschlossen. 

Wenn man nach alledem den Resultaten, zu denen der Verfasser 
gelangt, nicht durchweg beistimmen kann, so ist seine fleifsige Arbeit 
dennoch als dankenswerter Beitrag zur Geschichte der mittelalterlichen 
Lyrik Frankreichs zu bezeichnen; denn Schlaeger besitzt eine grofse Be- 
lesenheit, er entwickelt eine Reihe neuer anregender Gedanken und er 
verfügt über eine flotte, ansprechende Darstellung. 

Bern. E. Freymond. 

Über die Chronologie von Jean Rotrous dramatischen Werken 
von A. L. Stiefel. Berlin, W. Gronau, 1893. 49 S. 8. 
Sonderabdruck aus ^Zeitschrift für französische Sprache und 
Litteratur' Bd. XVI. 

Es ist dem Verfasser gelungen, für eine Reihe von Theaterstücken 
Rotrous entschieden glaubwürdigere Daten zu gewinnen, als diejenigen 



S. Zs. f. rom. Phil. XII, 519 f. 

2r 



324 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

sind, welche die Brüder Parfaict und die ältesten Biographen des Dra- 
matikers angeben. Die Originaldrueke mit ihren Dedikationen, Druck- 
erlaubnis- und Druckabschlufs-Daten, Vergleichung cler Stücke unter- 
einander, Berücksichtigung der Quellen, sowie Heranziehung von drama- 
tischen Erzeugnissen gleichzeitiger französischer Autoren liefern in der 
Hauptsache die äuTseren und inneren Gründe, mit denen Stiefel erfolg- 
reich operiert. Er kommt, teils in Übereinstimmung mit den Brüdern 
Parfaict, oft abweichend von ihnen, zu folgender Chronologie der Rotrou- 
schen Stücke, wobei denn einiges, wie es in der Natur der Sache liegt, 
nur auf mehr oder minder gut gestützter Vermutung beruht: L'Ypocon- 
driaque 1G28, La Bague de l'Oubly 1628, Les Menechmes 1631 (Parfaict 
1632), Diane 1632/33 (P. 1630), Celiane 1632/33 (P. 1634), Celim^ne 1633, 
Les Occasions perdues 1633 (P. 1631), L'Heureux Naufrage 1633 (P. 1634), 
Filandre 1633/34 (P. 1635), La Pelerine amoureuse 1633/34 (P. 1634), Her- 
cule mourant 1634 (P. 1632), Cleagenor et Doristee 1634 (P. 1630), L'Inno- 
cente Infidelit^ 1634 (P. 1635), L'Heureuse Constance 1635 (P. 1631), Flori- 
monde 1635 (P. 1649), Clorinde 1635 (P. 1636), Amelie 1636, Ag^silan de 
Colchos 1636 (P. 1635), La Belle Alphrede 1636 (P. 1634), Crisante 1636 
(P. 1639), Les deux Pucelles 1636, Les Sosies 1636, Antigene 1638, Laure 
persecut^e 1638 (P. 1637), Les Captifs 1638, Iphygenie 1640, Ciarice 1641, 
Belissaire 1642—44 (P. 1643), Celle 1644/45 (P. 1645), La Sceur 1645, Le 
v^ritable St. Genest 1645 (P. 1646), Dom Bernard de Cabr^re 1646 (P. 
1647), Venceslas 1647, Cosroes 1648, Dom Lope de Cardone 1646/47?, 
1649? (P. 1649). 

Nicht ganz überzeugend dürfte die Beweisführung für Clorinde sein. 
Es heifst S. 29: 'dafs Clorinde so spät (d. h. 1636) nicht verfafst sein 
kann, ergiebt sich daraus, dafs Amelie, die unbedingt einige Zeit nach 
ihr entstanden sein mufs, selbst erst Anfang 1636 fällt.' Dafs einige 
Zeit zwischen Clorinde und Amelie liege, ist durch die voraufgehende 
Erörterung nur wahrscheinlich gemacht, nicht gewifs, und ein Gleiches 
gilt selbst davon, dafs Amelie kurz vor den 11. März 1636 falle (S. 28). — 
Dafs die Erwähnung der Waffenthaten Richelieus (1629 — 1631) in der Ode 
Rotrous an den Kardinal dazu berechtige, die letztere nicht später als 
1633 anzusetzen (S. 23), erscheint mir zweifelhaft; für das zu Beweisende 
war es überhaupt nicht nötig, die Ode heranzuziehen. — Warum 'läfst 
sich vermuten, dafs Laure grofsen Beifall gefunden'? (S. 42), und warum 
'dürfte Cosroes schwerlich vor 1648 entstanden sein'? (S. 47). — Auf S. 47, 
Z. 4 lies 'ihnen' statt 'ihm'; auf S. 28 Mitte 1. 'vor den' st. 'vor dem'. 

Berlin. Oscar Schultz. 

Über die provenzalischen Feliber und ihre Vorgänger. Rektorats- 
rede gehalten von Eduard Koschwitz. Berlin, W. Gronau, 
1894. 38 S. 8. 

Diese kleine Schrift ist recht geeignet, in Deutschland Teilnahme für 
die Bestrebungen der Feliber zu erregen, oder solche, soweit sie schon 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 825 

vorhanden war,, zu verstärken. Es wird zunächst in kurzen, aber an- 
schaulichen Zügen geschildert, wie es nach dem Verfalle der höfischen 
Trobadordichtung zur Gründung einer heute noch bestehenden Akademie 
in Toulouse kam (1P>24), welche ein poetisches Gesetzbuch ausarbeiten 
liefs (1356), und welche für Dichtungen in der heimischen Sprache, seit 
dem 16. Jahrhundert auch für französische Gedichte Preise in Gestalt 
von goldenen und silbernen Blumen verteilte (daher 'Blumenspiele'), wie 
daneben auch in anderen Teilen Südfrankreichs trotz der Herrschaft des 
Französischen als Schrift- und Litteratursprache Dichter und Schrift- 
steller nicht aufhörten, sich des Provenzalischen zu bedienen, d. h. jeder 
seines Dialektes, und im 16. Jahrhundert Bellaud de la Bellaudi^re und 
Goudouli, im 17. und 18. Jahrhundert Fran9ois de Cors^te, Claude Brueys, 
Saboly, Favre u. a. sich hervorthaten, bis in der ersten Hälfte dieses 
Jahrhunderts Jansemin (franz. Jasmin) auch in Nordfrankreich Anerken- 
nung fand, und zugleich die ersten neuprovenzalischen Zeitungen und 
Zeitschriften gegründet wurden. 

Mit Aubanel, Roumanille und Mistral beginnt dann die neuproven- 
zalische Renaissance. Von diesen dreien, deren bedeutendster Mistral ist 
(geb. 18?)0), wurde im Verein mit anderen Mundartdichtern im Jahre 1854 
der Feliberbund (Felibrige) begründet, der in vier Mantenen^ zerfällt 
(Provence, Languedoc, Aquitanien, Catalonieri), alle sieben Jahre eine 
Hauptversammlung mit Verteilung von Preisen veranstaltet, und deren 
führende Organe jetzt die Revue Felibreenne (seit 1885) und der Aiöli 
(seit 1891) sind. In ihrem Bemühen, das Provenzalische wieder zu einer 
anerkannten Litteratursprache zu erheben, haben sie freilich mit einer 
nicht geringen Schwierigkeit zu kämpfen, nämlich Einigkeit darüber zu 
erzielen, welche Mundart den begründetsten Anspruch darauf habe, zur 
ausschliefslichen Verwendung zu gelangen. Während die eine und wohl 
stärkste Richtung sich für das Rhonische erklärt, die Mundart von 
Avignon, in der Mistral geschrieben hat, will die Gruppe der sogenannten 
lateinischen Feliber, welche sich unter Roque-Ferrier im Jahre 1890 von 
dem Gesamtverbande losgelöst hat, der Mundart von Montpellier diesen 
Vorrang gesichert wissen. Andere kämpfen für das Neulimousinische, 
während noch andere der Meinung sind, dafs jeder nur in seiner eigenen 
Mundart mit rechtem Erfolge dichten könne (S. 22—34). — Weniger 
haben sich die religiösen und politischen Gegensätze unter den Felibern 
bemerkbar gemacht. Was sie alle einigt, ist das Ringen nach einer ge- 
wissen Selbständigkeit des Südens gegenüber der Pariser Centralgewalt, 
und, solange sie dabei nicht eine politische, sondern nur eine gröfsere 
administrative Unabhängigkeit im Auge haben, wird man ihre Decentrali- 
sationsbestrebungen, namentlich wenn man die erhebliche Verschiedenheit 
der Süd- und Nordfranzosen in Temperament und Charakter berücksich- 
tigt, als berechtigt und nützlich anerkennen müssen. 

Ein paar Bemerkungen im einzelnen. Dafs die Trobadordichtung 
aus schlichten volkstümlichen Tanzliedern und aus einigen anderen alten 
volkstümlichen Liedergattungen hervorgegangen sei (S. 6), läfst sich 



326 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

höchstens vermuten, ist aber durch nichts bewiesen und auch nicht 
durch neuere Forschungen, wenigstens meines Ermessens nicht, wahr- 
scheinlich gemacht worden, — S. 12, Anm. 1 wäre E. Engel, Geschichte 
der französischen Litteratur, insofern zu erwähnen gewesen, als er schon 
vor Lintilhacs Freds de la litterature fran^aise auf S. 54—56 wenig- 
stens über Mistral spricht; ingleichen hätte sich vielleicht den auf S. 5, 
Anm. 1 angeführten Schriften auch Max Nordaus 'Vom Kreml zur Al- 
hambra' (1881) anreihen lassen, wo ebenfalls von der neuprovenzalischen 
Dichtung die Eede ist, sowie ferner 'Die litterarische Wiedergeburt in der 
Provence' von Gustav Dorieux, vorgedruckt der Übersetzung von Mireio 
von Frau Dorieux - Brotbeck (S. XXXI— LXVIII). — Wenn Koschwitz 
auf S. 26 bemerkt, dafs Mistral die heimische Litteratur auf die Höhe 
einer Weltlitteratur brachte, so heifst das denn doch zu viel sagen. — 
Über die Herkunft des Wortes ßlibre (S. 29) s. jetzt Jeanroy in der 
Komania XXIII, 463 fF., vgl. Tobler in Zs. f. rom. Phil. XIX, 144. — 
S. 35, Anm. 1 werden Mistrals Isclo d'or als 1890 erschienen angegeben, 
auf S. 27 steht aber 1870, und in Zs. f. französ. Spr. u. Litt. XV-, 267, 
Anm. 1 nennt Koschwitz das Jahr 1889; es scheint sich um erneute und 
vermehrte Ausgaben zu handeln, aber die erste Sammlung von Mistrals 
lyrischen, zeitlich schon weiter zurück liegenden Gedichten unter dem Titel 
Lis isclo d'or stammt meines Wissens, wie auch Böhmer in der Einleitung 
zu Bertuchs Übersetzung von Mireio S. IX angiebt, vom Jahre 1876. 
Berlin. Oscar Schultz. 

Grammaire historique de la Langue des F^libres par Edouard 
Koschwitz. Greifswald-Avignon-Paris, 1894. VI, 181 S. 8. 

Man kann Koschwitz nur aufrichtig dankbar sein dafür, dafs er 
uns zuerst eine Grammatik des Ehonischen (der Sprache von Avignon), 
also desjenigen Dialektes gegeben hat, in dem die Werke des bedeutend- 
sten südfranzösischen Dichters geschrieben sind. Es ist damit wirklich 
einem praktischen Bedürfnisse abgeholfen, indem allen denen, welche 
Mistrals Dichtungen im Original lesen wollen, das Verständnis auf Grund 
des Studiums dieser Grammatik sehr erleichtert wird. Was die Anlage 
der letzteren, an der von vornherein die Übersichtlichkeit zu rühmen ist, 
anlangt, so war es gewifs nicht leicht, es Franzosen und Deutschen zu- 
gleich recht zu machen; die Nr. 3 jedes Paragraphen sind ein Zugeständ- 
nis an die ersteren, und wir Deutschen werden dafür vielleicht etwas 
mehr Berücksichtigung des Altprovenzalischen und der historischen Ent- 
wickelung vermissen. So möchte man z. B. wenigstens ausgesprochen 
finden, dafs c vor a bald e geblieben (canta), bald ch geworden ist {cha- 
mineio), oder dafs altprovenzalisches auslautendes r in der grofsen Mehr- 
zahl der Fälle geschwunden ist (vgl. die beiläufige Bemerkung auf S. 102), 
was dazu beiträgt, dem Neuprovenzalischen ein fremdartiges Aussehen 
zu geben, also jougne {jüngere), paisse (pascere), ama {amare), aber mar 
{mare), ßour (florem), er (aerem). — Unter den in Parenthese angegebenen 



Beurteiliingeu und kurze Anzeigen. 327 

lateinischen Etymeu sieht man nicht gern *caxinum. für chaine 'Eiche' 
figurieren (S. 38), obwohl diese Etymologie von Meyer-Lübke herrührt; 
mir scheint die Annahme einer Kreuzung von *castanum und fraisne 
(Suchier, Altfrz. Gramm. S. 37) noch am meisten für sich zu haben. S. 13 
ist für cuja ein *eügitare angesetzt, während S. 37 für dasselbe cuja cogi- 
tarc angegeben wird. S. 47 wäre es besser gewesen, anstatt *parabolare 
schon die weitere Stufe *paraulare als zu Grunde liegend anzunehmen. 
Das Streben nach Kürze scheint zur Unklarheit geführt zu haben S. 12 
bei H {ülos, illas), mi {m[e]os, mfejas) und ebenso S. 85. S. 15 ist der 
Ausdruck irregidierement schief, desgleichen das S. 51 bezüglich ä-%-Ais 
u. s. w. Gesagte, während S. 47 das Korrekte steht. Lou manjadou und 
la manjadouiro (S. 61) gehören nicht unter den betreffenden Abschnitt. 
Den Ausdruck c dur {— k) und c doux (= scharfes s) (S. 30), den frei- 
lich auch Chabaneau in seiner Qrammaire limousine anwendet, sollte man 
lieber nicht gebrauchen. 

Berlin. Oscar Schultz. 

Emile Littr^, Comment j'ai fait mon dictionnaire de la langue 
fran9aise. Causerie. Für den Sehulgebrauch erklärt von 
J. Imelmaun. Leipzig, Renger, 1895 (Schulbibliothek von 
Dickmann, Bd. XCI). VHI, 55 S. 8. M. 0,80. 

Littre nimmt als Schriftsteller unter seinen Volks- und Zeit- 
genossen keineswegs eine der ersten Stellen ein. Dem, was er als wahr 
und wissenswert vortragen wollte, durch Kunst der Darstellung die Auf- 
nahme in die Gedanken seiner Leser zu erleichtern, hat er sich nicht oft 
bemüht; auf wohlthuende Schönheit, vollendete Sauberkeit des Ausdrucks 
Sorge zu verwenden, hat der rastlos von der Stelle strebende Mann keine 
Zeit gefunden ; und von selbst kommt es doch nur wenigen. Aber er hat 
auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaft sich grofse Verdienste er- 
worben, er hat auch in seinen kleineren Schriften richtige, zu seiner Zeit 
neue Gedanken mit ernstem Eifer in weiteren Kreisen verbreitet, und 
überall erkennt man in seinen Arbeiten eine der Wahrheit und der Frei- 
heit selbstlos dienende Persönlichkeit, der man aufrichtige Verehrung um 
so lieber zollt, je weniger merklich sie sich um solchen Tribut bewirbt. 
Gewifs werden ältere Gymnasiasten mit Anteilnahme, mit Nutzen für 
ihren Einblick in den Betrieb wissenschaftlicher Arbeit grofsen Stils und 
namentlich mit Gewinn für die Bildung des eigenen Charakters die kleine 
Schrift lesen, in der der treffliche Mann, aufatmend am Schlüsse lang- 
jähriger Mühen, Aufschlufs darüber giebt, wie das gröliste und bekann- 
teste seiner Werke, die Frucht einer Hingebung seltener Art, zu stände 
gekommen ist. Professor Imelmann hat dem Texte anhangsweise eine 
Reihe dem jugendlichen Leser unentbehrlicher und sicher auch manchem 
älteren willkommener sachlicher Anmerkungen beigegeben und unter dem 
Texte Schwierigkeiten gehoben, die dem Verständnis des Ausdrucks oder 
der treffenden deutschen Wiedergabe im Wege stehen konnten. Unter 



828 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

den Anmerkungen der ersten Art, in denen der feine Sinn und die Sach- 
kenntnis des Erklärers sich nirgends verläugnen, vermisse ich höchstens 
eine zu S. 7, Z. 16 über die Bewegung von 1848. Von den sprachlichen 
Erläuterungen halte ich die zu taillahle 11, 1 für irrtümlich; sicher un- 
zutreffend ist die zu Z. 26 der nämlichen Seite, wo au faire et au 
jprendre in dem Sinne gebraucht ist, den sonst au fait et au prendre hat 
(s. Littre unter fait 1), und die zu S. 28, Z. 34, wo aucun jpredicateur ne 
nous (Accusativ) vaut heifst 'kein Prediger kommt uns selbst an Wirksam- 
keit gleich'. Auch gegenüber der Deutung von predestine 16, 31 bleibt mir 
ein Zweifel und halte ich mich lieber an den Sinn 'vorausbestimmt' (näm- 
lich 'der Druckerei und den Korrektoren viel Mühe und Sorge zu brin- 
gen'). Für die Erklärung der Redensart joindre les deux houts 21, 24 
scheint mir das Wörterbuch von Darmesteter, Hatzfeld, Thomas Rich- 
tigeres zu geben als Littre; und was den coup de collier 22, 14 betrifft, 
so ist dabei sicher nie an das Stachelhalsband des Hundes, wohl aber an 
das Kummet des Zugpferdes gedacht worden, das sich 'ins Geschirr legt'. 
Endlich mufs ich noch mein Bedauern aussprechen, dafs eine etwas grofse 
Zahl von Druckfehlern stehen geblieben ist; ich erwähne blofs manuscripts 
1, 14, College 2, 37, anci-enne 5, 37, consomme 19, 31, ces 22, 30, lavQLis 
27, 16, Conversation 32, 13. Das Adverbium zu complet wird seit 1877 
completement geschrieben, und da Littre in seinen Müdes et glanures selbst 
so schreibt und in seinem Wörterbuch die Schreibung completement aus- 
drücklich mifsbilligt, so brauchte man zu dieser älteren der Akademie 
nicht zurückzukehren. An ein paar Stellen hätte der Herausgeber auf 
Nachlässigkeiten in Littr^s Ausdruck hinzuweisen ein Recht gehabt, und 
wenn er es nicht gethan hat, so liegt das sicher nicht daran, dafs sie ihm 
entgangen wären. Aber bei sorgsamer Lektüre in der Schule wird wenig- 
stens eine mündliche Bemerkung des Lehrers zu 18, 14, zu 19, 34, zu 
32, 1 und 10 wohl gestattet sein. Haben wir im allgemeinen alle Ur- 
sache, uns die Franzosen im sorgsamen Gebrauch der Muttersprache zum 
Muster zu nehmen, so ist doch nicht jeder unter ihnen gleich geeignet, 
uns zum Vorbilde zu dienen, und auch unsere Schüler dürfen erfahren, 
dafs jenseit der Vogesen so gut wie diesseit die Vollendung oft unerreicht 
bleibt, wo man sich eine nachsichtslos prüfende Rückkehr auf das Er- 
gebnis des ersten Wurfes erläfst. 

Berlin. Adolf Tobler. 

Didaktik und Methodik des französischen und englischen Unter- 
richts von Dr. Wilhelm Münch, Provinzialschulrat in Koblenz, 
und Dr. Friedrich Glauning, Professor und Stadtschulrat in 
Nürnberg (Sonderausgabe aus Dr. A. Baumeisters ^Handbuch 
der Erziehungs- und Unterrichtslehre für höhere Schulen^). 
München, Beck, 1895. 107 und 88 S. 8. M. 4,50. 

Der erste, mit dem Unterricht im Französischen sich beschäftigende 
Teil der unter vorstehendem Titel erschienenen Sonderausgabe, also der 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 329 

von Münch herrührende Teil — und nur von diesem zu reden nehme ich 
mir vor — ist eine lebhaftester Anerkennung würdige Schrift, deren auf- 
merksames Studium und dauernde Beherzigung man den Lehrern des 
Französischen (und deren Vorgesetzten!) dringend empfehlen mufs. Wer 
bisher mehr auf den älteren Bahnen des Französisch-Unterrichts gewan- 
delt ist, wird daraus vielleicht lernen, dafs er dies und jenes mit Nutzen 
in sein Unterrichtsverfahren aufnehmen kann, woran er noch nicht ge- 
dacht hat, und das zur Anwendung zu bringen ihm nicht schwer fallen 
wird, wofern er über das unter allen Umständen erforderliche Wissen 
und Können verfügt. Wer 'Reform' zu seinem Feldgeschrei gemacht hat 
— Wissen und Können sind auch für ihn kaum zu entbehren und durch 
Geschrei allein noch nicht verbürgt — , wird sich überzeugen, dafs er ge- 
wisse überlaut angepriesene Unterrichtsmittel neuester Erfindung fallen 
lassen darf, ohne darum der Mifsbilligung eines Mannes zu verfallen, der 
in allgemeiner, verdienter Hochschätzung steht, der zweckmäfsigen Neue- 
rungen gegenüber nicht zaghaft ist, und dessen Urteile nicht minder auf 
Beobachtung und eigene Erfahrung als auf theoretische Erwägung sich 
gründen. Die einen wie die anderen werden sich vergegenwärtigt finden, 
wie vieles und wie Schweres von ihnen gefordert werden mufs, aber auch 
wie mannigfaltig und wie wertvoll die Förderung ist, die ein gewissen- 
haft und weise erteilter Unterricht den Schülern gewähren wird. 

'Einleitende Betrachtungen' belehren überzeugend über den Wert und 
die Ziele des Unterrichts im Französischen. Wichtig wäre mir hier der 
Hinweis auch darauf erschienen, dafs nicht leicht anderswo als am Fran- 
zösischen in seinem Verhältnis zum Latein den Zöglingen unserer höheren 
Schulen ein erster Einblick in das Werden und die Entwickelung einer 
Kultursprache sich eröffnen läfst, ein Einblick von hoher Bedeutung für 
das Verhalten des gebildeten Mannes auch zu seiner Muttersprache. Zahl- 
reiche Fragen, die diese angehen, nicht blofs in Bezug auf ihre Schrei- 
bung, sondern auch etwa auf die Wünschbarkeit einer Bestimmung all- 
gemein anzustrebender Aussprache, auf die Berechtigung des Gebrauches 
gewisser Formen oder Konstruktionen, auf die Zulassung des Mund- 
artlichen u. dgl. treten an jeden Gebildeten heran und heischen seine 
Stellungnahme; und vor viel thörichten Antworten, vor viel albernem 
Schulmeistern und ebenso albernem Sichschulmeisternlassen bleibt be- 
wahrt, wer einmal gelernt hat, die Sprache als das ehrwürdige Erzeugnis 
mannigfacher, unbewufst wirkender Triebe und tief eingreifender geschicht- 
licher Vorgänge zu erfassen, als ein langsam Gewordenes und immer noch 
Werdendes, heilig durch seinen Ursprung wie durch seine Bestimmung. 
Noch in einem anderen Punkte bin ich mit dem Verfasser nicht völlig 
einer Meinung: er unterschätzt das Wissen von der lebenden Sprache, 
den Wert der vielgeschmähten 'Regel'. Auch ich schwärme nicht für 
alles, was sich Regel nennt, besonders wenig für Regeln, die infolge ganz 
verfehlter Fassung die Kennzeichnung eines unter bestimmten Umständen 
stetigen Sprachgebrauches gar nicht sind, die sie sein sollten; nicht für 
solche, die durchaus überflüssig sind ; und halte den für wenig beneidens- 



380 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

wert, der im Besitze der schönsten Regeln aus Mangel an Wörterkenntnis 
— oder gar an Gedanken doch nichts zu sagen weifs. Ein Irrtum aber 
ist es, zu glauben, ein Handeln, beziehungsweise Sprechen nach bewufsten 
Normen erfolge minder sicher und richtig, als eines, das blofs durch 
vielleicht nicht scharfe, vielleicht mifs verständliche Einzelbeobachtung 
fremden Thuns bestimmt ist. Eine bedauerliche Lücke ergiebt sich im 
Sprachunterricht, wenn man auf die Versuche verzichtet, die Schüler das 
allgemeine Ergebnis aus der Beobachtung gleichartiger Fälle in möglichst 
genaue Fassung bringen zu lassen, auch sie prüfen zu lassen, ob die ge- 
druckte 'Regel' ihrer Grammatik nicht mehr und nicht weniger sagt, als 
sie sagen soll und darf, und wenn man die mühsam gefundene 'Regel' 
nicht immer wieder in Erinnerung bringt. Die vielgepriesene induktive 
Methode besteht doch wohl nicht blofs darin, dafs man aus den Büchern 
der 'deduktiven' Vorgänger zuerst die Beispiele und erst dann die Regeln 
abschreibt, um diese letzteren aber sich weiter nicht mehr kümmert. 

In dem Abschnitte, der dem Lehren der Aussprache gewidmet ist, er- 
freut die weise Mäfsigung beim Festsetzen des Ziels, dem zuzustreben sei. 
Das Unerreichbare wird von vornherein preisgegeben, dafür um so nach- 
sichtsloser auf das Wesentliche gedrungen, dessen Elemente mit Sach- 
kunde vorgeführt sind. Der Verfasser ist frei von rechthaberischem Ein- 
treten für irgend ein alleinseligmachendes Verfahren bei diesem Teile des 
Unterrichts und erkennt an, dafs auf mehr als einem Wege zum Ziele zu 
gelangen möglich sei. 

Nicht minder enthält sich im Kapitel von den Sprechübungen der 
Verfasser jedes Versuches, dem Lehrer die unschätzbare Freiheit der Be- 
wegung zu beschränken, und stellt verschiedene Weisen des Vorgehens 
zur Verfügung, zwischen denen man wählen oder die man miteinander 
wechseln lassen möge. Die Art, wie die Frage nach der Verwendung des 
Französischen als Unterrichtssprache beantwortet ist, zeigt den erfahrenen 
Schulmann. Nicht recht verständlich ist mir, warum Münch die An- 
knüpfung der Sprechübungen an ein systematisches Vokabular ablehnt. 
Nicht alle Abschnitte eines solchen werden sich dazu gleichermafsen, nicht 
alle für die gleiche Stufe eignen ; aber in Fülle findet sich darin Stoff 
zu fruchtbaren Unterredungen. Ich möchte hier auch noch die Bemer- 
kung mir erlauben, dafs es nicht richtig ist, wenn man Sprechübungen, 
wie sie heute billig verlangt werden, als eine Erfindung allerjüngster 
Lärmer ansieht; für banausisch haben solche Übungen wohl immer nur 
die ausgegeben, die sie zu veranstalten nicht vermochten, und (von älte- 
ren zu Unterrichtszwecken verfafsten fertigen Gesprächen abzusehen) 
Schmitz' Anleitung zu Sprechübungen ist schon im Jahre 1856 erschienen. 

Es folgt ein Abschnitt über die Grammatik, der abermals viel Gutes 
enthält und dabei ein billiges Verständnis für das Verfahren einer älteren 
Zeit zeigt, welche strebsamer und fachmännisch leidlich gebildeter Männer 
auch nicht völlig ermangelte, sowenig sie es mit der Gegenwart in Bezug 
auf Selbstverherrlichung und auf öde Buchmacherei aufnehmen kann. 

Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit der Lektüre. Mit einsich- 



i 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. S31 

tigern Urteil und feiner Empfindung für das zur Bildung deutscher 
Jugend Verwendbare stellt der Verfasser eine schöne Fülle von Lesestoff 
zur Auswahl, weist er andererseits mit gutem Fug manches von der 
Hand, was nur Unverstand hat der deutschen Schule anbieten können. 
Es ist eben blofs zu beklagen, dafs von den zahlreichen durch Münch 
empfohlenen Schriften dem einzelnen Schüler oder der einzelnen Klasse 
doch nur sehr wenig wird nahe gebracht werden können, dafs bei der 
unübersehbaren Menge kleiner Werke, unter denen die deutschen Schulen 
umherirren, der Dinge, die allgemein bekannt würden, worüber der Schü- 
ler vom Joachimsthal mit dem vom Grauen Kloster seine Gedanken aus- 
tauschen könnte, deren bessere Auffassung von selten eines Lehrers 
auch anderen zu statten kommen möchte, so ungeheuer wenig sind. Man 
möchte wünschen, ein tüchtiges Lesebuch, das in nicht winzigen Portionen 
Proben vom Besten gäbe, was die Litteratur an Verwendbarem bietet, 
schlüge all den kleinen Kram in die Flucht, mit dem wir zur Zeit über- 
schwemmt sind. Dafs nur 'Ganzes' gegeben werden solle, ist ja doch eine 
Forderung, mit der es kaum jemand ernst nimmt. Aber freilich, was 
würde dann aus der blühenden Schulabdruck-Industrie, die weniger zur 
Ehre des Lehrerstandes oder zum Heile der Schulen als zu leichter Be- 
friedigung der Eitelkeit und um eines beinahe nicht mehr ehrlichen Er- 
werbes willen so viele Pressen in Thätigkeit erhält? Der Verfasser, der 
vorher verständigerweise die Übersetzung aus der Muttersprache gegen 
ihre unbedachten Gegner in Schutz genommen hat, legt wie billig grofses 
Gewicht auch auf die Übersetzung aus der fremden Sprache. Wird man 
ihm gern beistimmen, wenn er dabei alle Vergewaltigung der eigenen 
durchaus verwirft und volle Natürlichkeit des deutschen Ausdrucks an- 
gestrebt wissen will, so wird doch vielleicht mancher finden, die gegebenen 
Proben freier Übertragung entfernen sich öfter ohne Not von der Vor- 
lage, undjes gehe von dem Texte manchmal etwas verloren, dessen Be- 
deutsamkeit dem Schüler nicht entgehen dürfe und für das er ein Äqui- 
valent gleichfalls zu finden müsse angehalten werden. 

Es folgen Abschnitte über die Einführung in den Wortschatz und 
über die Pflege der 'Neben gebiete', der Synonymik, der Stilistik (wobei 
mehr an das Idiomatische der französischen Ausdrucks weise im allgemei- 
nen als an persönliche Eigenart der Darstellung gedacht ist), Verslehre, 
Litteraturgeschichte und Sprachgeschichte. Was die Litteraturgeschichte 
betrifft, so empfiehlt der Verfasser mit Recht ein verständiges Sich- 
bescheiden bei dem Wichtigsten und warnt vor einer nicht ganz seltenen 
Scheingelehrsamkeit, die einen wertlosen Ballast an die wenigen wissens- 
würdigen, zum Verständnis eines Autors wirklich wesentlichen Thatsachen 
hängt. Warum die Chrestomathie in litterarhistorischer Ordnung so un- 
bedingt verworfen wird, ist nicht gesagt. Was Münch an sprachgeschicht- 
lichem Wissen mitgeteilt zu sehen wünscht, mag manchem knapp zuge- 
messen vorkommen; die Worte seines § 81 lassen aber erkennen, wie hoch 
doch auch er das anschlägt, was durch Kenntnisse dieser Art gewonnen 
wird. 



882 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Nachdem so die einzelnen Gebiete behandelt sind, auf denen der 
Unterricht sich zu bewegen hat, bespricht der Verfasser die Organisation 
desselben. Wiederum begegnet man vielen beherzigenswerten Urteilen 
und Räten ; ich rechne dahin die Abweisung des Beginnens mit gröfseren 
zusammenhängenden Lesestücken, des Irrtums derer, die beim Einführen 
in den fremden Sprachschatz durch Fernhalten der Muttersprache Gott 
weifs was zu gewinnen meinen. Die Änderungen in Ziel und Inhalt des 
Unterrichts, die sich aus dem Wesen verschiedener Schularten ergeben, 
kommen darauf zur Sprache. Die Forderungen, die ans Gymnasium zu 
stellen seien, scheinen mir allzu bescheiden bemessen. Soll es wirklich 
dabei bleiben, und wird zudem auch dem Gymnasium ein solider gram- 
matischer Unterricht selbst in den alten Sprachen immer mehr unmög- 
lich gemacht, dann freilich werden künftig die an ihm und die am Real- 
gymnasium vorgebildeten jungen Leute für das wissenschaftliche Studium 
der neueren fremden Sprachen an Universitäten ungefähr gleich schlecht 
vorbereitet sein. 

Die Übersicht der vorhandenen Fachlitteratur leitet der Verfasser 
mit der wohlberechtigten Klage über die Überproduktion an Hilfsmitteln 
für den Unterricht ein, die auch dem Fachmanne den Verzicht auf ein- 
gehende Kenntnisnahme zur Notwendigkeit mache. Sollte nicht in der 
That dem mafslosen Anwachsen der Litteratur der Elementarbücher, 
Grammatiken und Lesebücher, einer Litteratur, in der neue wissenschaft- 
liche Erkenntnis, neue methodische Gedanken eine so bescheidene Rolle 
spielen, die zu so grofsem Teile nur vom Hunger, so selten von der Liebe 
ins Dasein gerufen erscheint, sollte nicht ihrem Anwachsen, das geradezu 
eine Schädigung des Nationalvermögens, eine ganz ungerechtfertigte Be- 
steuerung der Eltern bedeutet und dem lehrenden Stande zur Unehre 
gereicht, seitens der Behörden durch Versagen der Einführung, wo nicht 
durchschlagende Gründe sie rechtfertigen, Schranken gezogen werden ? — 
Durchaus zu billigen scheint mir die Forderung, dafs eine einzige Gram- 
matik, nach Erledigung des Elementarbuchs, für alle folgenden Klassen 
zu verwenden sei. Aber, ist wirklich von ihr alles auszuschliefsen, was 
in der Schule zu behandeln nicht durchaus unerläfslich ist? Ich meine, 
es wäre gut, den Schüler an den Gebrauch eines Buches zu gewöhnen, 
das er in der Schule nicht bis in seine hintersten Winkel kennen zu 
lernen brauchte, das aber auch für seine späteren Bedürfnisse ausreichte, 
auf das er verwiesen werden könnte, wann die Lektüre ihn seltener auf- 
tretende Erscheinungen kennen lehrt, das ihm ebenso sehr durch Reich- 
tum des Beobachteten, wie durch Schärfe der Fassung und Klarheit der 
Ordnung Respekt einflöfste. 

Die schliefsliche Zusammenstellung dessen, was vom Lehrer des Fran- 
zösischen gefordert werden mufs, könnte entmutigen, wird aber auch 
wieder das Selbstgefühl dessen zu heben vermögen, der mit Ernst daran 
arbeitet, seinem Amte nichts schuldig zu bleiben, der bei voller Klarheit 
über die Gröfse der übernommenen Aufgabe und über den Wert der von 
ihm geforderten Leistung sein Wirken gerechtfertigt weifs durch eine 



Beurteilungen und kurze Anzeigen, 333 

allseitige und gründliche Vorbereitung auf sein Amt und eine nie nach- 
lassende Strenge gegen sich. Dafs es dem Lehrer gelingen möge, seiner 
schweren Aufgabe zu genügen, ohne vorzeitig verbraucht zusammen- 
zubrechen, wer wollte das nicht mit dem Verfasser wünschen? Gewifs 
kann und soll der Lehrer selbst einen Teil der Sorge dafür tragen, dafs 
er nicht erliege; aber möchten auch Direktoren und Schulräte sich das 
angelegen sein lassen ! 

Ich trenne mich von Dr. Münchs Schrift mit der erfreuenden Gewifs- 
heit, dafs darin viel gesagt ist, was der Hebung eines mir am Herzen 
liegenden Unterrichtszweiges förderlich sein wird, und mit der nicht minder 
tröstlichen, dafs an einer amtlichen Stelle, von der aus viel Heilsames 
gewirkt werden kann, ein Mann von Sachkenntnis, edlem Wollen und 
weiser Bedachtsamkeit steht. 

Berlin. Adolf Tobler. 

E. Maddalena, Racc9lta di pr9se e poesie italiane annotate ad 
uso dei Tedeschi. Wien und Leipzig, Braumüller, 1894. 
XI, 281 S. 8. 

Das Lesebuch des Herrn Maddalena ist nicht wie manche andere 
bestimmt, einer ersten Einführung in die Geschichte der italienischen 
Litteratur zu dienen; es entnimmt seinen Inhalt fast ausscliliefslich den 
Autoren des neunzehnten Jahrhunderts und hält sich vorherrschend an 
die unterhaltenden Erzähler, neben deren meist kurz gewählten Erzeug- 
nissen nur in bescheidenem Umfange Gespräche aus dem täglichen Leben 
oder Auftritte aus Lustspielen, sowie hübsche kürzere Gedichte Aufnahme 
gefunden haben. Die Gattungen der Beschreibung, des Briefes, der Ge- 
schichtschreibung, der öffentlichen Rede sind kaum oder gar nicht ver- 
treten. Was geboten wird, ist meist ansprechend, ganz Unbedeutendes 
begegnet selten. Frische, lebendige toskanische Redeweise findet man in 
reichlicher Fülle, unbeholfene Sprache nicht oft. Ein alphabetisches Ver- 
zeichnis der Verfasser giebt Auskunft über ihre Herkunft und Geburts- 
zeit und lehrt die Titel der Bücher kennen, nach deren genauerer Kennt- 
nis die daraus mitgeteilten Stücke etwa Verlangen wecken möchten. 

Die Texte sind durchgängig mit Accenten und diakritischen Zeichen 
ausgestattet, die über die Tonsilbe sowie über die Qualität der e, o, ^ 
keinen Zweifel lassen; von einer Unterscheidung des stimmhaften und 
des stimmlosen s ist dagegen seltsamerweise gänzlich abgesehen, sowie 
auch die Verdoppelung des anlautenden Konsonanten nach betontem Vokal 
unangedeutet bleibt, die doch für richtige Aussprache ganz unerläfslich 
ist. JVIir scheint, es sei, wenn die beiden eben bezeichneten Versäumnisse 
empfindliche Lücken bedeuten, andererseits darin eher zuviel getban, dafs 
die in der gewöhnlichen Schrift fehlenden Zeichen hier das ganze Buch 
hindurch festgehalten werden. Da der Schüler einmal doch lernen mufs, 
auch ohne Beistand richtig zu lesen, wäre es wohl richtiger gewesen, nach 
einiger Zeit, vielleicht etwa nach dem ersten Viertel des Buches, ihm die 



334 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Stützen im Texte zu entziehen und dafür in einem Glossar die nötige 
Belehrung zu gewähren (bei den Verben natürlich nicht blofs für den 
Infinitiv). Ein Glossar sollte überhaupt nicht fehlen ; die sehr reichlichen, 
über dreifsig Seiten engen Druckes füllenden Anmerkungen, die fast nur 
zwar bequeme, aber wenig fördernde Anweisungen zum Übersetzen geben, 
dagegen ein wahres Verständnis des Ausdrucks nicht vermitteln, sind 
dafür kein ausreichender Ersatz. 

Wenn das Buch, wie zu wünschen ist, ein zweites Mal gedruckt wird, 
sollte auch auf Beseitigung aller Druckfehler noch mehr Sorgfalt ver- 
wendet werden. Gerade auch die diakritischen Zeichen sind nicht selten 
unrichtig gesetzt oder fehlen, wo sie nach dem einmal gewählten Ver- 
fahren nicht fehlen durften : 8, 6 steht mediocre für mediocre, 8, 15 spegnere 
für spegnere (wie 26, 6 v. u. geschrieben ist), 25, 4 v. u. custodi für ctisfodi, 
87, 20 cheti für cketi, 50, 17 inseguono für inseguono, 52, 7 v. u. spavento 
für spavento, 54, 3 quei für quei, 55, 19 poi für poi, 105, 3 v. u. capelli 
für capelli. Andere Druckfehler sind 12, 8 v. u. olfato, 37, 1 v. u. ajfa- 
eiasi u. a., vielleicht auch eleggersi 36, 2. 

Das Lesebuch des Herrn Maddalena ist mit Liebe und mit gutem 
Urteil ausgeführt und wird ohne Zweifel dem Unterricht im Italienischen 
an manchen Orten willkommene Dienste leisten. Voraussetzungen und 
Zweck dieses Unterrichts sind ja aufserordentlich verschieden; wo aber 
es besonders darauf ankommt, mit der heute im Verkehr lebenden Sprache 
vertraut zu machen, wird man gern zu der neuen Raecolta greifen. 
Berlin. Adolf Tobler. 

Suchier und Wagner, Ratschläge für die Studierenden des Fran- 
zösischen und des Englischen an der Universität Halle. 
Halle a. S., Niemeyer, 1894. 

Die auf elf Druckseiten niedergelegten 'Eatschläge' wollen den jungen 
Philologen in den Betrieb des Englischen und des Französischen einführen, 
wie er in Halle gehandhabt wird, sind aber so gehalten, dafs sie von 
Studierenden auch anderer deutscher Universitäten benutzt werden kön- 
nen, da ja die Verhältnisse im wesentlichen gleich liegen. Die Art und 
Weise, wie die Verfasser das Studium der neueren Philologie behandelt 
zu sehen wünschen, bietet eigentlich Neues nicht. Eine Vergleichung der 
'Ratschläge' mit den 'Bemerkungen über das akademische Studium', die 
für das französische Gebiet Körting seiner Encyklopädie (I, 192 ff.) an- 
gefügt hat, ergiebt, dafs die Verfasser nichts bringen, was nicht auch 
schon Körting erwähnt; dieser Umstand spricht natürlich durchaus nicht 
gegen die Güte der 'Ratschläge'. Es zeigt sich jedoch, dafs sie reichlich 
allgemein gehalten sind und ebensoviel Interpretationen zulassen, wie die 
betreffenden Bestimmungen der Prüfungsordnung. Ein Vollbild des Stu- 
diums, wie es Körting giebt, wird durch diese kurzen Bemerkungen nicht 
geschaffen, und ich glaube deshalb nicht, dafs das Heftchen erreichen 
wird, was es erreichen soll. Eine revidierte Sonderausgabe der in den 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 335 

beiden Körtingschen Encyklopädien enthaltenen Bemerkungen würde einen 
ganz anderen Nutzen hervorbringen, als es diese 'Ratschläge' vermögen, 
deren gute Absicht darum nicht verkannt werden soll. — In manchen 
Punkten wird man den Ansichten der Verfasser nicht zustimmen können. 
Auf S. 4 wird beispielsweise dem Studierenden geraten, wenn es die Ver- 
hältnisse gestatten, eine Vorlesung über Metrik vor einer solchen über 
Litteraturgeschichte zu hören. Jeder Praktiker wird, denke ich, anders 
entscheiden. Zwei Drittel der Namen der im Metrikkolleg citierten Litte- 
raturdenkmäler werden dem jungen Philologen unbekannt sein, sobald er 
vorher noch keine Litteraturvorlesung gehört hat, und der ohnehin trockene 
Stoff eines Metrikkollegs wird ihn dann nicht nur langweilen, sondern 
sein Interesse für sein Studium bedeutend abschwächen, da er im Glau- 
ben ist, die übrigen Vorlesungen seien für ihn ebenso uninteressant und 
unverständlich. — Auf S. 8 heifst es ferner: 'Von den übrigen roma- 
nischen Sprachen liegt uns Deutschen das Italienische, nicht nur räum- 
lich, am nächsten. Das Studium des Provenzalischen ist dem zu empfeh- 
len, der sich mit dem Altfranzösischen eingehender beschäftigen will.' 
Ich glaube, dafs es für den Studierenden, der ein Bild der alten gesamt- 
französischen Sprache gewinnen will,' richtiger ist, neben dem Altfranzö- 
sischen zunächst das Altprovenzalische zu betreiben. Der gröfsere prak- 
tische Nutzen, der mit der Beschäftigung mit dem Italienischen ver- 
bunden ist, fällt doch da fort, wo es sich um ein wissenschaftliches 
Sprachstudium handelt. 

Göttingen. Carl Friesland. 



Programmschau. 

Aufsatzstoffe und Aufsatzproben für die Mittelstufe des huma- 
nistischen Gymnasiums. Von Dr. Job. Schmaus. Programm 
des alten Gymnasiums zu Bamberg 1894. 84 S. 8. 

Durchweg ist die Arbeit als eine ganz verständige zu bezeichnen und 
jüngeren Lehrern zur Vermeidung mancher Fehler bei Stellung deutscher 
Aufgaben zu empfehlen. Der Verfasser warnt einerseits vor aller Ver- 
stiegenheit, andererseits vor Nüchternheit; das Thema mufs fesselnd, selbst 
poetisch sein; nichts verkehrter, als bei Naturschilderungen den Aufsatz 
nach dem Schema des naturgeschichtlichen Unterrichts zu behandeln. 
Der Verfasser giebt überall da gute Winke; auffällig ist, dafs da, wo er 
vor der Reproduktion von Aufsätzen wie 'Ein Tag unter dem Äquator' 
warnt, er nicht die unvergleichlichen Naturstudien von Masius erwähnt; 
sie geben das herrlichste Vorbild, wie der Schüler liebevoll die Tiere seiner 
Umgebung betrachten und uns im deutschen Aufsatz vorführen soll; jeder 
Lehrer wird einräumen, dafs solche Schilderungen seinen Quartanern und 
Tertianern grofse Lust bereitet haben. Über Erzählungen spricht sich 
der Verfasser ebenfalls richtig aus, über die Stoffe aus der historischen 
Lektüre (z. B. Biographie des Dumnorix mit guter Disposition), aus Dich- 



336 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

tungen; auch die Behandlung von Sprichwörtern und Sentenzen ist zu 
loben. Die Aufsatzproben gehen teilweise über die Mittelstufe hinaus, 
verdienen aber auch Beachtung. 

Zur Poetik der Ballade. Von Direktor Dr. Ludwig Chevalier. 
III. Programm des Staats-Obergymuasiums in Prag-Neustadt 
1894. 39 S. gr. 8. 

Bei der ungewöhnlichen Weitläufigkeit seines Planes ist der Verfasser 
nach den drei langen Aufsätzen auch jetzt noch nicht beim Schlüsse an- 
gelangt; ein viertes Heft ist in Aussicht gestellt. Was der Verfasser ge- 
legentlich an erzählenden Gedichten von bedeutenderen und unbekannten 
Dichtern beigebracht hat, das zählt nach vielen Hunderten; es ist aber 
eben nur nebenbei erwähnt inmitten einer Besprechung psychologischer 
und ästhetischer Begrifie; und eben hier den Gang zu verfolgen, ist un- 
endlich mühsam, da den gröfsten Teil der Arbeit lange Citate aus Büchern, 
Zeitschriften, Programmen von allen möglichen Schriftstellern einnehmen, 
und zwar unvermittelt nebeneinander solche, die einander geradezu wider- 
sprechen. Das alles zeugt von einer staunenswerten Belesenheit oder 
vielmehr von rastlosem Sammeleifer, von dem nur zu wünschen wäre, 
dafs er das wirklich Unbedeutende, und dessen ist recht viel, vorher aus- 
geschieden hätte. Möge es dem unermüdlichen Verfasser gelingen, im 
Schlufsheft das Ergebnis seiner Untersuchungen in kurzen Begriffsbestim- 
mungen mit Abweisung abweichender Ansichten bestimmt uns vorzulegen. 

Friedrich von Hausen und der ältere deutsche Minnesang. Von 
Julius Weichardt. Programm des Realgymnasiums zu Duis- 
burg 1894. 24 S. 8, 

Es ist dem Verfasser zuzugeben, dafs der deutsche Minnesang seinem 
Ursprünge nach nicht volkstümlich war, dafs er erst um die Mitte des 
12. Jahrhunderts entstand und sich auf den Ritterstand beschränkte; das 
ist der von der Liebeslyrik des Ostens verschiedene Minnesang des Westens, 
der unter dem Einflufs der Komanen sich entwickelte, zuerst vertreten 
von Friedrich von Hausen, dem Vorbilde aller Lyriker bis auf Walther 
von der Vogelweide. Friedrich stammt vom Ehein; die Mundart seiner 
Gedichte und Folgerungen aus geschichtlichen Notizen machen es wahr- 
scheinlich, dafs seine Heimat das heutige St. Goarshausen gewesen sei. 
Er wird aufgeführt in der Umgebung des Erzbischofs Christian I. von 
Mainz und des Königs Heinrich; auf dem Kreuzzuge mit Kaiser Fried- 
rich I. ist er am 6. Mai 1190 im Treffen bei Philomelium durch einen 
Sturz mit dem Pferde umgekommen. Die meisten seiner Liebeslieder 
sind Liebesklagen; eigentümlich ist ihnen die starke Vorliebe für Selbst- 
betrachtungen. Die vielfachen Versuche, eine chronologische Reihenfolge 
der Lieder festzustellen, weist der Verfasser zurück; nur dafs diejenigen, 
welche sich auf den Kreuzzug beziehen, als die letzten anzusehen sind. 
Hausens dichterische Thätigkeit setzt der Verfasser zwischen 1175 und 1189. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 337 

Zur Geschichte des Minnesingers Gotfried von Neifen und seines 
Geschlechtes. Von Fr. Grimme. Programm des Lyceums 
zu Metz 1894. 23 S. 4. 

Die Arbeit sucht das Leben des Dichters mit der grofsen Zeitgeschichte 
und den Verhältnissen seiner engeren Heimat in Verbindung zu setzen. 
Sie sucht auch überhaupt alles, was sich über das Geschlecht finden läfst, 
zusammenzustellen. Die Stammburg liegt über der Stadt Nürtingen, das 
Geschlecht erwarb auch die Grafschaft Achalm, die Propstei Ursperch und 
noch andere Besitzungen. Im Anfang des 12. Jahrhunderts kommen sie 
zuerst vor als Grafen von Sulmetingen, ein Graf Mangolf wird zuerst 
erwähnt. Nach dem Aussterben der Grafen von Sulmetingen kam eine 
Seitenlinie empor, aus der die Herren von Neifen zu stammen scheinen. 
Sie erscheinen als Anhänger der Staufen, wie die Urkunden beweisen. 
Zwei Brüder, Heinrich II. und Albert, machen Friedrichs II. Kreuzzug 
mit, kehren mit ihm nach Italien zurück, sind 1230 in Deutschland und 
seitdem Freunde Heinrichs VII., bleiben ihm auch im Unglück treu, 
mit ihnen Gotfried, der Sohn Heinrichs II., doch erhalten sie später die 
Gnade des Kaisers wieder, wie mit Recht der Verfasser aus verschiedenen 
Zeugen Urkunden schliefst. Doch blieb innerlich die Entfremdung be- 
stehen, wir finden daher die Familie später auf der päpstlichen Seite. 
Gotfried kommt 1240 und 1241 in Schenkungsurkunden vor, 1245 in 
einer Fehde mit dem Bischof von Konstanz unterlagen er und seine Ge- 
nossen; in einer Schenkungsurkunde von 1255 wird er zuletzt erwähnt. 
Verwandt war das Geschlecht mit dem Geschlechte von Winterstetten ; 
der Verfasser macht wahrscheinlich, dafs der Dichter Ulrich von Winter- 
stetten Neffe Gotfrieds gewesen sei. Das angestammte reiche Erbe Got- 
frieds von Neifen war wohl die Ursache, dafs er sefshaft blieb und nicht 
die Milde der Höfe als wandernder Sänger aufzusuchen brauchte, deshalb 
auch keine Schule bildete; nur vom Taler und Friedrich von Sunenburg 
wird er erwähnt und später von Hugo von Trimberg. 

Goethes Faust im Gymnasialunterricht. Von Prof. Karl Haehnel. 
Programm des Gymnasiums zu Leitmeritz 1894. 31 S. gr. 8. 

Die schwierige Frage, was der Schüler von Goethes Faust kennen 
lernen soll und auf welche Weise, beantwortet der Verfasser dahin, dafs 
er ihn in der Schule lesen läfst. Wie er sich das denkt, das läfst sich 
wohl hören, es ist hier dazu eine ausführliche Anleitung gegeben. Aber 
wenn man danach verfahren wollte, so ist es schwer begreiflich, wie die 
dazu nötige Zeit gewonnen werden könnte. Es sollen erst in einer Einlei- 
tung der Teufelsglaube des Mittelalters, dann die Entstehung und Ent- 
wickelung der Faustsage, die Dramatisierungen von Marlowe an, die Ent- 
stehungsgeschichte des Goetheschen Dramas besprochen werden; dann 
erst wird übergegangen auf die Besprechung der einzelnen Scenen, von 
der Zueignung an, die genau zergliedert wird; das Vorspiel wird ebenso 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. 22 



888 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

in verschiedenen Fragen durchkatechisiert, und so geht es weiter. Alles 
zeigt, dafs der Verfasser sich mit dem Faust gründlich beschäftigt, dafs 
er ein genaues Schema, die innere Eutwickelung erläuternd, angefertigt 
hat, und somit ist das Ganze als Inhalt eines akademischen Vortrags, 
der ein Semester füllen könnte, oder auch immerhin eines populären Vor- 
trags in einem Lyceum anzusehen ; aber wie soll das alles im Gymnasial- 
unterricht, so wie er heute verstanden wird, durchgenommen werden? 

Schillers Vergilstudien. I. Von Dr. Paul von Boltenstern. Pro- 
gramm des Gymnasiums zu Köslin 1894. 23 S. 4. 

Der Verfasser hat alles, was sich über Schillers Beschäftigung mit 
Vergil hat finden lassen, fleifsig zusammengestellt; es bezieht sich das 
natürlich hauptsächlich auf die Übersetzung der zwei Gesänge aus der 
Äneide, doch treten auch in eigenen Gedichten Schillers im Einzelaus- 
druck Erinnerungen an die lateinische Ausdrucksweise Vergils hervor, 
wie das auch schon in manchen Erläuterungsschriften zu Vergil und zu 
Schiller hervorgehoben ist. Von einem bedeutenden Einflufs Vergils auf 
die dichterische Eutwickelung Schillers kann freilich nicht die Eede sein. 

Klingers Zwillinge, Leisewitz^ Julius von Tarent und Schillers 
Braut von Messina. Eine vergleichende Betrachtung mit 
besonderer Rücksicht auf ihre Verwertung beim Unterrichte. 
Von Oberlehrer Gustav Kraft. Programm des Gymnasiums 
zu Altenburg 1894. 20 S. 4. 

Alle drei Dramen behandeln den Brudermord. Der Verfasser giebt 
erst kurz den Gang der Handlung bei Kliuger an (der Ort ist nicht an 
der Tiber, sondern am Arno, der Einflufs Grimaldis nicht beachtet, die 
Antwort der Mutter auf Guelfos Frage kann nicht eine ausweichende 
genannt werden), bei Leisewitz, bei Schiller. Bei Klinger ist die Auf- 
merksamkeit fortwährend auf Guelfo gerichtet, die Eutwickelung einfach ; 
bei Leisewitz wird die leidenschaftliche Liebe des Julius neben der Hef- 
tigkeit Guidos ein zweites Hauptmoment der Eutwickelung genannt. Bei 
Schiller fehlt zunächst der principielle Gegensatz zwischen den Brüdern, 
nach der Versöhnung erst tritt der tragische Konflikt ein mit dem Ge- 
bote der Mutter hinsichtlich Beatricens, die tragischen Momente bestehen 
in den Enthüllungen der Irrungen. Bei Klinger ist in dem unveränder- 
lichen Charakter Guelfos, von dem allein die dramatische Handlung aus- 
geht, der Schlüssel des psychologischen Verständnisses gegeben ; bei Leise- 
witz wird der tragische Konflikt durch die schwärmerische Liebe des 
älteren Bruders mit bedingt, und Guidos Mord ist Folge augenblicklicher 
Aufwallung, nicht eines vorbedachten Planes. Bei Schiller aber fehlt der 
schrofie Charaktergegensatz der beiden Brüder, beide zeigen zu Anfang 
schroffe Gehässigkeit, dann entgegenkommende Nachgiebigkeit, Cäsars 
That ist zu betrachten als alleiniges Ergebnis der Verkennung des waTiren 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 339 

Sachverhalts, zur Verzweiflung treibt ihn erst die Erkenntnis, dafs sein 
Bruder unschuldig gelitten hat, für sich aber beansprucht er noch Mitleid 
wegen seines harten Loses; den Sühnetod vollzieht er willig, nicht als 
Sühne böser Gesinnung, sondern als Opfer der feindlichen Schicksals- 
fügungen. Aus diesem Grunde ist bei Schiller die Charakteristik der 
Personen zurückgetreten. Das ist alles richtig, auch der Vorzug des Leise- 
witzschen Dramas vor Klinger ist ersichtlich, noch mehr erhebt sich über 
beide der Grundgedanke Schillers von der Erkenntnis der Nutzlosigkeit 
eigensinnigen Widerstandes gegen das Schicksal. Für das tiefere Ein- 
dringen in jedes der drei Dramen ist die hier gegebene Vergleichung ge- 
wifs wertvoll. Wie stellt sich aber die Schule dazu? Der Verfasser denkt 
nicht daran, dafs die beiden ersten Dramen in der Schule gelesen werden, 
sondern das überläfst er der Privatlektüre. Ein anderes ist nicht mög- 
lich, aber es erhebt sich das Bedenken: sind Neigung und Vermögen zu 
ästhetischer Kritik bei der Jugend schon so stark ausgebildet, um sie zu 
bestimmen, sich durch das Klingersche Drama, welches so wenig unserem 
Geschmack entspricht, hindurchzuarbeiten? 

Der falsche Demetrius in der Dichtung (Forts.). Von Prof. Anton 
Popek. Programm des Staatsgymnasiums zu Linz 1894. 

26 S. 8. 

In dieser Fortsetzung bespricht der Verfasser die Bearbeitung der 
Demetriusdramen, die sich mehr oder weniger an Schiller anschliefsen, 
von Gruppe, Laube, Sievers, von Zimmermann (1883) und Grimm (1854); 
die Beurteilungen dringen nicht tief ein. 

Schillers Demetrius-Fragment und seine Fortsetzungen (Schlufs). 
Von Dr. A. Stein. Programm der Oberrealschule zu Mül- 
hausen (E.) 1894. 26 S. 4. 

Noch immer ist Schillers Demetrius so, wie er dem Dichter vor- 
schwebte, nicht auf der deutschen Bühne erschienen. Mit sorgfältigster 
Benutzung jedes Punktes, der in den Entwürfen enthalten ist, ist weiter 
zu bauen. Hier setzt sich der Verfasser zunächst mit Franz, dem um- 
sichtigsten Untersucher der Fragmente, auseinander über die wichtige 
Frage des Höhepunktes des Dramas. Während nämlich Franz den Gipfel 
der Handlung auf die Huldigungsscene zu Tula verlegt, so bezeichnet 
der Verfasser erst den Einzug in Moskau als die Hauptscene des Stückes 
in Bezug auf stoffliches Interesse, und auf dieses kommt es in einer 
historischen Tragödie an. Wie haben nun die Fortsetzer sich dem Stoff 
gegenüber verhalten? F. v. Maltitz zuerst (1817), ausgehend von dem 
Irrtum, die Schillers Fragment beigefügte Prosaskizze Körners rühre von 
Schiller her, machte einen ganz mifslungenen Versuch. Die darauf er- 
schienenen Demetriustragödien von Grimm und Bodenstedt sind ganz selb- 
ständige Dichtungen, haben mit Schiller nichts zu thun. 1860 erschien 

22* 



340 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

G. Kühnes Arbeit, der ebenfalls nur der Körnersche Prosaentwurf vorlag ; 
er bat sich bedeutende Änderungen in der Charakteristik erlaubt, aber 
seine Diktion ist schwungvoll. Auf demselben Grunde baute Otto Fr. 
Gruppe 1864, in der Diktion steht er Kühne nach. Am populärsten 
wurde die Demetriusfortsetzung von H. Laube 1872, der ebenfalls mit 
dem vollständigen Nachlafs Schillers unbekannt war; bei Laube sind der 
Hauptheld und die Haupthandlung völlig verschoben. Nach Herausgabe 
des gesamten Schillerschen Nachlasses erschien der Demetrius von H. von 
Zimmermann 1885, sich selbst als freie Bearbeitung bezeichnend, der mit 
seinen Abweichungen von dem vorgezeichneten Plan nicht glücklich war, 
der Titelheld ist völlig verzeichnet, dagegen sind einige Hauptfiguren 
glücklich behandelt und die Arbeit hat scenische Vorzüge. Der Demetrius 
von Otto Sievers (1888) ist die beste der bisher erschienenen Demetrius- 
fortsetzungen, der Hauptcharakter kraftvoll gezeichnet, die Handlung 
knapp gehalten, die Sprache flüssig, aber allerdings ist es nicht mehr der 
von Schiller geplante Demetrius. Der jüngste Demetrius von A. von 
Weimar (1893) geht den Weg Kühnes, der Stil ist lobenswert. Den uns 
jetzt genau bekannten Plan Schillers hat bisher kein Fortsetzer zur Aus- 
führung gebracht. 

Bemerkungen zu Heinrich von Kleists Hermannsschlacht. Ein 
Beitrag zum Kapitel der Schullektüre von Dr. Heinr. Ortner. 
Programm des neuen Gymnasiums zu Regensburg 1894. 
32 S. 8. 

Entgegen der Empfehlung, die das Gedicht Kleists in neueren Schul- 
ausgaben erfahren hat, verwirft die vorliegende Abhandlung, die die ge- 
samte Litteratur über das Gedicht, alle Ausgaben, aber auch alle auf 
Kleist überhaupt bezüglichen Schriften berücksichtigt, die Hermanns- 
schlacht, vorzugsweise für die Benutzung in der Schule, aber auch über- 
haupt ihrem dichterischen Werte nach. Sie betont mit Recht, dafs der 
Stoff geeignet sei für ein Epos, aber durchaus nicht für ein Drama. Dazu 
kommen zahlreiche Mängel in der Charakteristik der Personen, so des 
Helden Hermann, dessen Gebaren öfters unsittlich, verletzend und darum 
unpoetisch ist, ebenso der Thusnelda, kommt die Unbestimmtheit und Ver- 
schwommenheit der Charaktere des Varus und Marbod; es wimmelt das 
Gedicht von Irrtümern in mythologischer, geographischer, ja in sprach- 
licher Hinsicht, alles Beweise, mit welcher Leichtfertigkeit der Dichter 
an seine Arbeit ging, wie ungenügend überhaupt seine wissenschaftliche 
Bildung war. Die patriotische Tendenz, welche ihm vorschwebte, machte 
ihn noch nicht geeignet, auf seine Zeit und sein Volk einzuwirken, dazu 
war er zu wenig Mann, nichts war in ihm beständig als die Unbeständig- 
keit. Trotz des unzweifelhaften dichterischen Talents, das sich auch in 
unserem Gedichte in manchen schönen Stellen offenbart, trotz der patrio- 
tischen Gesinnung fehlte dem Dichter die Kraft, an sich selbst zu ar- 
beiten. Da die Schule bei jedem Kunstwerk, das sie mit den Schülern 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 341 

behandelt, den ästhetischen Mafsstab anzulegen hat, so mufs man dem 
Verfasser wohl beistimmen, dafs die [Hermannsschlacht für die Schul- 
lektüre ungeeignet ist. 

Studien zur Syotax in Grillparzers Prosa. Von weil. Prof. Dr. 
Karl Tomanetz. Programm des Gymnasiums im VIII. Be- 
zirke Wiens. Wien 1894. 29 S. gr. 8. 

Der früh im Alter von 37{ Jahren verstorbene Prof. Tomanetz, ein 
ungemein fleifsiger Germanist, hatte sieh zur Lebensaufgabe die Abfassung 
einer wissenschaftlichen deutschen Syntax gemacht. Aus seinem Nach- 
lafs ist dieser höchst dankenswerte gründliche Aufsatz veröffentlicht. 
Grillparzers Prosa enthält eine Menge syntaktischer Eigentümlichkeiten, 
von denen manche grammatisch unhaltbar sind. Aber über die meisten 
ist nicht so schlechthin abzuurteilen, es gilt ihre Quelle zu ergründen. 
Da finden sich zwei, nämlich einmal der Einflufs der Umgangssprache 
auf den schriftlichen Ausdruck, zum anderen die Neigung, den Gedanken 
die möglichst kurze Form zu geben, zu verkürzen, auch auf die Gefahr, 
die Regeln der Syntax zu verletzen. Hierbei ergab sich aber, dafs Grill- 
parzers Fügungen ihm nicht allein angehören, sondern auch bei den an- 
erkannt besten deutschen Schriftstellern, und dafs sie sich in früheren 
Sprachperioden finden. So erweitert sich bei dem vielbelesenen und 
scharf untersuchenden Verfasser ^die Arbeit weit über Grillparzer hinaus 
und kann als ein sehr wertvoller Beitrag zu der Forschung über die 
deutsche Syntax bezeichnet werden, vielleicht besonders als ein Beitrag 
zu Erdmanns Syntax. Er beginnt mit der Ersparung in den sogenannten 
zusammengezogenen Sätzen, z. B. 'bei Schriftstellern, die früher als ich 
geschrieben, ich aber viel später gelesen habe'; 'alle diese Stücke mufs 
man nach den ersten Akten beurteilen, die sehr sorgfältig geschrieben, ja 
sogar die Charaktere gut gehalten sind'; 'welche Hilfe der König ihm 
zusagt und ein Heer sammelt' u. s. w. Dazu kommen die mannigfachen 
Satzverkürzungen durch Participialkonstruktionen u. ä., von denen zahl- 
reiche Belege gegeben werden, verschiedene Ellipsen u. ä. 

Herford. L. Hölscher. 



Verzeichnis 

der vom 16. Juli bis zum 21. September 1895 bei der Redaktion 
eingelaufenen Druckschriften. 



Publications of tlie Modern Language Association of America. Edited 
by James W. Bright, Secretary of the Association. Vol. X (New Series III), 
No. 2. Baltimore 1895 [Frederick Tupper, Jr., Anglo-Saxon Dseg-Msel. 
Oliver Farrar Emerson, A Parallel between the Middle English Poem 
Patience and an Early Latin Poem Attributed to Tertullian. Mary Augusta 
Scott, Elizabethan Translations from the Italian : the Titles of such Works 
now first Collected and Arranged, with Annotations]. 

Modern Language Notes edd. A. Marshall EUiott. X, 6, June 1895 
[Lentzner, Historical Outline of the Danish Language. E. Leser, Modern 
French *gene' = Old French 'gehine'. A. B. Simonds, Two Unedited 
Chansons of Eobert la Chi^vre de Eeins. L. Oscar Kuhns, Some Verbal 
Resemblances in Orlando Furioso and the Divina Commedia. Francis 
A. Wood, Apparent Absence of Umlaut in 0. E. E. C. Armstrong, The 
Position of the Secondary Accent in French Etymons having more than 
two Protonic Syllables. I. Eeviews. Correspondence]. 

Die neueren Sprachen. Herausgegeben von Wilhelm Victor. III, 8 
[J. Hengesbach, Der französische Unterricht am preufsischen Gymnasium 
nach der neuen Lehrmethode. R. Krön, Die Methode Gouin III. M. Tissot, 
De l'enseignement secondaire en France. L. P. Eykman, Gouin's System 
in Holland. Besprechungen von Hilfsmitteln für den französischen Unter- 
richt. Vermischtes]. 4 [R. Krön, Die Methode Gouin IV. Ph. Aron- 
stein, England um die Mitte des 18. Jahrhunderts, ein Beitrag zur Kultur- 
geschichte. Tissot, De l'enseignement sec. en France (fin). Fortsetzung 
der Anzeige von Storms Engl, Philologie (R. J. Lloyd). Besprechungen 
von Orell Füfslis Bildersaal für den Sprachunterricht (F. D.) und von 
J. d'Escolaux, A travers mes manuscrits (Lohmann). Vermischtes]. 

Neuphilologisches Centralblatt. Herausgegeben von Dr. W. Kasten. 
IX, 7. 8. 9. 

Internationale Litteraturberichte. Organ des Deutschen Schriftsteller- 
Verbandes. 2. Jahrg., Nr. 29. Leipzig, C. F. Müller. 16 S. 4 [erscheint 
vierzehntägig. Quartal 1 M.]. 

Mitteilungen aus der Litteratur des 19. Jahrhunderts und ihrer Ge- 
schichte. Ergänzungsheft zu Euphorion, Zeitschrift für Litteraturgeschichte 
herausgegeben von A. Sauer. Band 2. Bamberg, C. C. Buchner (Rudolf 
Koch), 1895. 2 Bl., 192.. S. 8. M. 4 [Jakob Schipper, Charles Wolfe. 
Spiridion Wukadinovi6, Über Kleists 'Kätchen von Heilbronn'. Alfred 
Christlieb Kalischer, Clemens Brentanos Beziehungen zu Beethoven (mit 
einer Beilage von August Sauer). Reinhold Steig, Zu Theodor Körners 
Leben und Dichten. Anton Reichl, Grabbes und Grillparzers 'Hannibal'. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 343 

Eudolf Kraufs, Studien zu Eduard Mörikes Gedichten. Wilhelm Buchner, 
Unbekanntes und Ungedrucktes von Ferdinand Freilig;rath. Jakob Baech- 
told, Der Apotheker von Chamouny oder der kleine Eomanzero von 
Gottfried Keller, in älterer Fassung mitgeteilt. L. G., Friedrich Ast an 
Kreuzer. Emil Fromm, Ein Sprachdenkmal aus den Befreiungskriegen]. 

Zeitschrift für vergleichende Litteraturgeschichte. Herausgegeben von 
Max Koch. N. F. Vfll, 3 [Ludwig Chr. Stern, Die ossianischen Helden- 
lieder. III. Marcus Landau, Die Dramen von Herodes und Mariamne. I. 
Veit Valentin, Dichterisch und Poetisch. Emil Sulger-Gebing, Dante in 
der deutschen Litteratur bis zum Erscheinen der ersten vollständigen 
Übersetzung der Divina Comedia (1767/69). .1. A. Ludwig Stiefel, Zwei 
Schwanke des Hans Sachs und ihre Quellen ; Über die Quelle der Turandot- 
Dichtung Heinz des Kellners]. 4. 5 [Ernst Müller, Schillers Alpenjäger 
und Kalidasas Sakuntala. Marcus Landau, Die Dramen von Herodes 
und Mariamne. IL Artur Farinelli, Deutschlands und Spaniens littera- 
rische Beziehungen. — Th. Distel, Die erste Verdeutschung des 12. Lukia- 
nischen Totengesprächs. Eudolf Schlösser, Gotter und die Karschin. 
Albert Zipper, Das Manuskript von Kraszewskis Dante-Übersetzung. Be- 
sprechungen]. 

Literaturblatt für germanische und romanische Philologie. Heraus- 
gegeben von 0. Behaghel und F. Neumann. XVI, 4. 5. 6. 7. 8. 9. 

Sainenu, Lazär, Basmele romäne in comparatiune cu legendele an- 
tice dasice si in legäturä cu basmele popörelorü invecinate si ale tuturorit 
popöreloru romanice, studiu comparativn. Opera premiata si tipäritä de 
academia romänä. Bucuresci, Göbl, 1895. XIV, 1114 S. 8. 10 1. 

Paris, Gaston, Saint Josaphat in Eevue de Paris. 2^ ann^e, No. 11 
(l^juin 1895). S. 529—550. 

Kohl er, J., Der Ursprung der Melusinensage. Eine ethnologische 
Untersuchung. Leipzig, Eduard Pfeiffer, 1895. 3 Bl., 66 S. 8. 



Alemannia. Zeitschrift für Sprache, Kunst und Altertum besonders 
des alemannisch-schwäbischen Gebietes, begründet von f Anton Birlinger, 
fortgeführt von Friedrich Pf äff. XXIII, 1 [J. J. Hoffmann, Schapbach 
und seine Bewohner. Ludwig Wilser, Schwaben und Alemannen. Karl 
Amersbach, Zur Tannhäusersage. Fr. Pf äff. Die Künstlerinschrift zu 
Engen. Alte Sprüche]. 

Binz, G., Zeugnisse zur germanischen Sage in England. Ausschnitt 
aus den Beiträgen zur Geschichte der deutschen Sprache XX, 142 — 223. 

[Biltz, C] Neuer Deutscher Bücherschatz. Verzeichnis einer an 
Seltenheiten ersten Eanges reichen Sammlung von Werken der deutschen 
Litteratur des 15. bis 19. Jahrhunderts. Mit bibliographischen Bemer- 
kungen [und einem Anhange: 'Das neuaufgefundene Wittenberger Ge- 
sangbüchlein vom Jahre 1526']. Berlin, Imberg & Lefson, 1895. 4 Bl., 
264 S. 8. 

*«?* Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache. 
XXIX. Heft (Band HL Bogen 79—88). Bearbeitet von Fr. Staub, 
L.Tobler, E. Schoch, A.Bachmann und H. Bruppacher. Frauen- 
feld, Huber, 1895. M. 2. 

Wörterbuch der Strafsburger Mundart aus dem Nachlasse von Charles 
Schmidt (1812—1895). Mit einem Porträt des Verfassers, seiner Bio- 
graphie und einem Verzeichnisse seiner Werke. Strafsburg, Heitz, 1895. 
I. Lieferung, S. 1—48. 

Allgäuer, K., Vergleichendes Vor- und Taufnamenbüchlein. Eied- 
lingen, Ulrichsche Buchhdlg. [o. J.l. 45 S. 8. 

Sehen ck, Ottilie, Elementarbuch der deutschen Sprache für Aus- 
länder. Mit einem Wörterbuche. Marburg, Elwert, 1895. 50 S. 8. 



844 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 

Bornscheuer, Gustav, Deutsch, eine Sammlung von falschen Aus- 
drücken, die in der deutschen Sprache vorkommen, nebst der Berichtigung 
und Erklärung dieser Fehler. Bonn, Hanstein, 1895. XV, 194 S. 8. M. 2. 

Kaeding, F. W., Über die Häufigkeitsuntersuchungen der deutschen 
Sprache. Vortrag. Sonderabdruck aus dem Magazin für Stenographie. 
Jahrgang 1895. 38 S. 8. 

Die deutschen Klassiker erläutert und gewürdigt für höhere Lehr- 
anstalten sowie zum Selbststudium von E. Kuenen, Prof. am Kgl. Gym- 
nasium zu Düsseldorf, M. Evers, Prof. und Direktor des Gymnasiums 
zu Barmen, und einigen Mitarbeitern. Leipzig, Heinrich Bredt, 1895. 8. 

I. Bändchen: Schillers Wilhelm Teil von Eduard Kuenen. Vierte 

Auflage. Mit einer Karte der Örtlichkeit. 116 S. M. 1. 

II. Bändchen: Goethes Egmont von Dr. Friedrich Vollmer. 113 S. 

M. 1. 

German Classics, edited with English Notes, etc. by C. A. Buch- 
heim, Ph. D., F. C. P., Professor of the German Language and Litera- 
ture in King's College, London, etc. Vol. XIII. Schiller's Maria Stuart, 
with an Historical and Critical Introduction, a Complete Commentary, 
etc. Oxford, Clarendon Press, 1895. LVI, 262 S. 8. 

Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann (Geistreiche Sinn- 
und Schlufsreime). Abdruck der ersten Ausgabe von 1657. Mit Hinzu- 
fügung des sechsten Buches nach der zweiten Ausgabe von 1675. Her- 
ausgegeben von Georg Ellinger. Halle a. S., Max Niemeyer, 1895 (Neu- 
drucke deutscher Litteraturwerke des 16. und 17. Jahrh. Nr. 135 — 138). 
1 Bl., LXXX u. 174 S. 8. M. 2,40. 

Lessings Hamburgische Dramaturgie. Ausgabe für Schule und Haus 
von Friedrich Schröter und Richard Thiele. Halle, Buchhandlung 
des Waisenhauses, 1895. VIII, 535 S. 8. M. 4. 

Om undersOgelsen og tolkningen af vore runemindesmserker. Af 
Ludv. F. A. Wimmer. Indbydelsesskrift til Kjobenhavns Universitets 
aarfest i anledning of hans majestset kongens f(/}dselsdag den 8'^® april 
1895. 2 Bl., 134 S. 4. 

Englische Studien. Herausgegeben von Eugen Kölbing, XXI, 1 
[F. Graz, Beiträge zur Textkritik der sogenannten Ctedmonschen Dich- 
tungen. Ph. Aronstein, John Marston als Dramatiker (Schlufs). E. Nader, 
Das VI. Sommer-Meeting der Oxford University Extension. E. Kölbing, 
Textkritische Bemerkungen zu William von Shoreham. E. Kölbing, Kleine 
Beiträge zur Erklärung und Textkritik vor-Shaksperescher Dramen. I; 
Bemerkungen zu Byrons Childe Harold. L. Fränkel, Nochmals zur Le- 
gende vom Einsiedler und Engel. J. G. Wülfing, Orond =■ krächzen? 
. R. Gnerlich, Zur Abstammung des Wortes pedigree. H. Gruber, Der äl- 
teste, neu aufgefundene Druck der dramatischen Werke des Sir Richard 
Steele. J. Ellinger, Zu dem Gebrauche des Infinitivs nach to dare. 
A. Schröer, Laura Soames f]. 2 [J. Hall, Short pieces from Ms. Cotton 
Galba E. IX. J. Hoops, Keats' Jugend und Jugendgedichte. A. Pakscher, 
Die Berlitz-Methode. Miscellen]. 

Anglia. Herausgegeben von Eugen Einenkel. XVII, 4 [Benno 
Leonhardt, Bischof Fletcher. Ferd. Holthausen, Zu alt- und mittelengl. 
Dichtungen. VII. 47. Zum Havelok. 48. Zu den Signa ante Judicium. 
49. Englische Weihnachtslieder. Emil Hausknecht, Vier Gedichte von 
Charles D'Orl^ans. L. Schipper, 'Der Papist Shakspere im Hamlet' von 
J. Spanier. M. Kolkwitz, Zum Erfurter Glossar. Ph. Aronstein, Ben 
Jonsons Theorie des Lustspiels. A. E. H. Swaen, To shrink, to sing, etc. 
Einenkel, Die Wortstellung im englischen Nebensatze]. Beiblatt, heraus- 
gegeben von M. F. Mann. VI, 1. 2. 3. 4 [Trautmaun, Der Andreas doch 
von Cynewulf (die hier von Trautmann begründete Ansicht, dals die 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckscliriften. 345 

Fata apostolonim nur der Schlufs des Andreas seien, hat Israel Gollancz 
schon 1892 in seiner Ausgabe von Cynewulfs Crist S. 178 ausgesprochen]. 

Murray, Dr. James A. H., The Oxford English Dictionary. A New 
English Dictionary on Historical Principles. Dejeci — Depravation (Vol. III). 
Oxford, Clarendon Press, 1895. S. 158—216 gr. 4. 2 s. 6 d. 

Muret, Encyklopädisches Wörterbuch der englischen und deutschen 
Sprache. Mit Angabe der Aussprache nach dem phonetischen System 
der Methode Toussaint-Langenscheidt. Berlin, Langenscheidt [1895]. Teil I 
(Englisch-Deutsch). Lieferung 16 [painting—pled], 17 [pledge—qtieer']. 
S. 1529—1720. Je M. 1,50. _____ 

Barnstorff, E. H., Kurzgefafste Schulgrammatik der englischen 
Sprache. Flensburg, Westphalen, 1895. IV, 112 S. 8. M. 1. 

Dickhuth, Oberlehrer Dr. W., Übungsstoff und Grammatik für den 
englischen Anfangsunterricht. Osnabrück, G. E. Lückerdtsche Buchhand- 
lung (S. Bühling), 1895. 4 Bl., 119 S. 8. 

Methode Gaspey - Otto - Sauer. Englische Konversations- Grammatik 
zum Schul- und Privatunterricht. Von Dr. Thomas Gaspey. Neu be- 
arbeitet von H. Eunge, Gvmnasial-Oberlehrer in Eisen berg. 22. ver- 
besserte Auflage. Heidelberg, Julius Groos, 1895. XII, 424 S. 8. Geb. 
M. 8,60. 

Wingerath, Dr. Hubert H., The Intuitive English Keader for Be- 
ginners in German Schools being a Selection of Keadings in Prose and 
Poetry with Spelling and Pronunciation Lessons. Cologne, Dumont- 
Schauberg, 1895. XXVIII, 144 S. 

Victor, Wilhelm, und Dörr, Franz, Englisches Lesebuch, Unter- 
stufe. Vierte Auflage. Leipzig, Teubner, 1895. 

Pünjer, J., und Hodgkin son, F. F., Lehr- und Lesebuch der 
englischen Sprache. Dritte Auflage. Hannover, Carl Meyer (Gustav Prior), 
1895. XII, 286 S. 8. M. 2,25; geb. M. 2,65. 

Traut, Dr. H. Th., Englische Aufsatz- und Brief schule. Eine Samm- 
lung von Musteraufsätzen, Briefen und Entwürfen. Mit Einleitungen und 
Präparationen. Für die Oberklassen höherer Schulen und zum Privat- 
studium. 2. Auflage. Dresden, Gerhard Kühtmann, 1895. VIII, 164 S. 8. 
M. 1,80; geb. M. 2. 

Wingerath, Dr. Hubert H., A Short English Vocabulary Arranged 
according to the Intuitive Method. Cologne, "Dumont-Schauberg, 1895. 
VIII, 84 S. 

Cook, Albert S., Professor of the English Language and Literature 
in Yale University, Exercises in Old English, based upon the Prose Texts 
of the Author's 'First Book in Old English'. Boston, U. S. A., Ginn & 
Company, 1895. IV, 68 S. 8. 

Collection of British Authors. Leipzig, Bernhard Tauchnitz, 1895. 
kl. 8. Band M. 1,60. 

Vol. 3049. A Victim of Good Luck. A Novel. By W. E. Norris. 
287 S 

Vol. 8050." Beside the Bonnie Brier Bush. By lan Maclaren. 286 S. 

Vols. 3051 and 3052. Highland Cousins. A Novel. By William Black. 
302 und 302 S. 

Vol. 3053. The God in the Car. By Anthony Hope. 288 S. 

Vol. 3054. The Honour of Savelli. A Komance. By S. Levett Yeats. 
335 S. 

Vol. 3055. The Woman who did. By Grant Allan. 269 S. 

Vol. 3056. A'Question of Colour and other Stories. By F. C. Phi- 
lips. 270 S. 



346 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 

Vol. 3057. Kensington Palace in the Days of Queen Mary II. A Story 

by Emma Marshall. 286 S. 
Vol. 3058. A Study in Prejudices. By George Pas ton. 272 S. 
Vol. 3059. Tales of Mean Streets. By Arthur Morrison. 27P S. 
Vols. 3060 and 3061. Colonel Norton. A Novel. By Florence Mont- 

gomery. 288 und 279 S. 
Vol. 3062. The Impregnable City. A Roman ce. By Max Pemberton. 

287 S. 

Vol. 3063. The Beautiful Soul. By Florence Marryat. 279 S. 
Vol. 3064. The Man who was Good. A Novel. By Leonard Merrick. 

268 S. 
Vol. 3065. The three Graces. By the Author of 'Molly Bawn'. 287 S. 
Vols. 3066 and 3067. My Lady Nobody. By Maarten Maartens. 

279 und 279 S. 
Vol. 3068. Celibates. By George Moore. 336 S. 
Vol. 3069. The Gods, some Mortals and Lord Wickenham. By John 

Oliver Hob bes. 287 S. 
Vols. 3070 and 3071. Beyond the Dreams of Avarice. By Sir Walter 

Besant. 294 und 272 S. 
Vol. 3072. Too late repented. By Mrs. Forrester. 248 S. 
Vol. 3073. In the Old Chateau. By Richard Henry Sa vage. 375 S. 
Vol. 3074 and 3075. They call it Love. By Frank Frankfort Moore. 

288 und 280 S. 

Vol. 3076. The Story of Bessie Costrell. By Mrs. Humphry Ward. 222 S. 
Vols. 3077 and 3078. Lord Ormont and his Aminta. By George Mere- 

dith. 278 und 270 S. 
Vol. 3079. A Tug of War. By the Author of 'Molly Bawn'. 287 S. 
Anthologie englischer Gedichte bis auf die neueste Zeit. M. C. Wil- 
liams' Pearls of Poesy zum Schulgebrauch und Privatstudium. Vierte 
Auflage. Mit einer Ergänzung von Dr. Ernst Groth. Leipzig, Hans 
Licht, 1895. XVI, 310 S. kl. 8. Kart. M. 1,80. 

Of Royal Education. A Fragmentary Treatise by Daniel Defoe. 
Edited for the First Time, with Introduction, Notes, and Index by Karl 
D. Bülbring, M. A., Ph. D., Professor of the English Language and 
Literature in the University of Groningen, Netherlands. London, David 
Nutt, 1895. XIX, 72 S. 8. 

Schmagersche Textausgaben (französischer und) englischer Schrift- 
steller für den Schulgebrauch. Dresden, Gerhard Kühtmann, 1895. kl. 8. 
22. Sketches of English Culture aus: A History of English Culture 
from the Earliest Known Periods to the Modern Times. By Thomas 
Wright. Zum Schulgebrauch ausgewählt von Dr. C. Klöpper, 
I. Lehrer der neueren Sprachen am Gymnasium zu Rostock. XIV, 
69 S. M. 0,80. Kommentar 48 S. M. 0,60. 
26. The Beauties of Nature, and the Wonders of the World we live in. 
By Sir John Lubbock. In gekürzter Fassung zum Schulgebrauch 
herausgeg. von Oberlehrer G. Opitz. IV, 116 S. M. 1. Wörter- 
buch 44 S. M. 0,30. Anmerkungen für den Lehrer 19 S. gratis. 
Library of Early English Writers edited by C. Horstman. Vol. I. 
Yorkshire Writers. Richard Roll of Hampole an English Father of the 
Church and his Followers edited by C. Horstman. London, Swan 
Sonnenschein and Co., 1895. XIV, 442 S. 8. 



Breit inger, H., Grundzüge der englischen Litteratur- und Sprach- 
geschichte. Mit Anmerkungen zum Übersetzen ins Englische. Dritte 
Auflage besorgt von Dr. Theodor Vetter. Zürich, Schulthefs, 1896. 
122 S. 8. M. 1,60. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 847 

Scherillo, Michele, Ossian, conferenza tenuta ai soci il 24 febbraio 
1895 (Associazione Magistrale Milanese). Milano, Vallardi, 1895. 76 S. 8. 1 1. 

P. J. Cosijn, Anglosaxonica II. Ausschnitt aus den Beiträgen zur 
Geschichte der deutschen Sprache XX, 98 — 116 [zu Genesis, Exodus, 
Daniel und Azarias]. 

Seyferth, Dr. Paul, Sprache und Metrik des mittelenglischen stro- 
phischen Gedichtes 'Le Morte Arthur' und sein Verhältnis zu 'The Lyfe 
of Ipomydon'. Berlin, C. Vogts Verlag, 1805 (Berliner Beiträge zur ger- 
manischen und romanischen Philologie, veröffentlicht von Dr. Emil Ehe- 
ring. VIII. Germanische Abteilung Nr. 6). 79 S. 8 [der erste Teil bis 
S. 43 ist als Berliner Dissertation erschienen; vgl. Archiv XCIV, 365]. 

Koeppel, Emil, Quellen-Studien zu den Dramen Ben Jensons, John 
Marstons und Beaumont und Fletchers. Erlangen und Leipzig, Deichert, 
1895. VIII, 159 S. 8. M. 3,60 (Münchener Beiträge ... herausgegeben 
von Breymann und Koeppel, XI). 

Adler, Fritz, Das Verhältnis von Shaksperes Antony and Cleopatra 
zu Plutarchs Biographie des Antonius. Hallische Dissertation (1. Mai 
1895). Separatabdruck aus dem Jb. d. d. Sh.-Gesellschaft, Bd. XXXI. 
4 Bl., 55 S. 8. 

Westenholz, Dr. Friedrich von. Die Tragik in Shaksperes Corio- 
lanus. Eine Studie. Stuttgart, Frommann, 1895. 31 S. 8. 

Schreyer, Hermann, William Shakspere. Schauspiel in fünf Auf- 
zügen. Nebst einem Anhang: Zur Shakspere-Frage. Leipzig, Otto Schmidt, 
1895. 2 BL, 170 S. 8. 

Schipper, Prof. Dr. J., Der Bacon-Bacillus. Feuilleton der Wiener 
Neuen Freien Presse im Morgenblatt vom 18. und 30. April 1895.- 

Wukadinovi6, Dr. Spiridion, Prior in Deutschland. Graz, K. K. 
Universitäts - Buchdruckerei und Verlagsbuchhdlg. 'Styria', 1895 (Grazer 
Studien zur deutschen Philologie. Herausgeg. von Anton E. Schönbach 
und Bernhard Seuffert. IV. Heft). X, 72 S. gr. 8. M. 1,70. 

Schipper, Jakob, Charles Wolfe. Sonderabdruck aus der Zeitschr. 
f. Litteraturgesch. 'Euphorien'. Zweiter Band. Ergänzungsheft. 13 S. 8. 

Streuli, Wilhelm, Thomas Carlvle als Vermittler deutscher Litte- 
ratur und deutschen Geistes. Zürich, Schulthefs, 1895. VII, 146 S. 8. M._2. 

Opitz, Gustav, Oberlehrer, Sommerfahrten in England. Berlin, 
R. Gaertners Verlagsbuchhdlg. (Hermann Heyfelder), 1895. Beilage zum 
Jahresbericht der VIII. Realschule zu Berlin. Programm Nr. 124. 28 S. 4. 



Romania, recueil trimestriel ... publ. par Paul Meyer et Gaston 
Paris. T. XXIV, No. 95 [F. Lot, Celtica. A. Thomas, Les noms com- 
pos^s et la derivation en fran§ais et en proven9al. P. Meyer, La descente 
de Saint Paul en enfer, pofeme franyais compos^ en Angleterre. Paget 
Toynbee, Dante's references to Pythagoras; Dante's obligations to Oro- 
sius; some unacknowledged obligations of Dante to Albertus Magnus; 
Dante's obligations to Alfraganus in the Vita Nuova and Convivio. — 
M^langes : A. Mussafia, Francese vals, valt, valent; sals, sali; ehielt, ehalt. 
E. Langlois, Interpolations du Jeu de Robin et Marion. G. Raynaud, 
Le dit^ du'. Cheval ä vendre, publik d'apr^s un ms. du chäteau de Ohan- 
tilly. — Comptes Rendus. Periodiques. Chronique]. 

Revue des Langues romanes. XXXVIII, 5 [Jules Camus, Un MS. 
namurois du XV*^ Si^cle (suite et fin). Ch. Barbier, Le Libre de Memorias 
de Jacme Mascaro (suite). Ch. R^villout, La lögende de Boileau (dixi^me 
article). William Paillet, Un Rapprochement entre La Fontaine et Victor 
Hugo. Maurice Rivifere, Rigaudons chantes autrefois ä Saint-Maurice- 
de-l'Exil (Is^re). D'apr^s le Temps, Deux Carnavals beiges. Mistral, Per 
Na Clareto, fiho de moun ami Messino, sendi de la Manten^ngo de Leu- 



348 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 

gado]. 6 [Eugene Eigal, Corneille et l'evolution de la tragedie en France 
(deuxi^me article). Ch. R^villout, La legende de Boileau (onzi^me ar- 
ticle). Joseph Buche, Lettres inidites de Jean de Boyssone et de ses 
amis (deuxi^me article). George-C. Keidel, Note sur le ms. 205 de Berne 
(Bibliotheca Bongarsiana). Maurice Rivi^re, Chansons patoises qui se 
chantaient ä Saint-Maurice, autrefois: La fenna de mätre Piäre; L'avi- 
giöusa de mariajou. Chronique]. 7 [F. Gabotto, Un po^me inedit de 
Cesar de Nostredame et quelques autres documents litt^raires sur l'histoire 
de France au XVI*^ si^cle. Ch. Revillout, La legende de Boileau (dernier 
article), Bibliographie. Chronique]. Statt der ausstehenden Hefte 8 — 12 
des Jahrganges soll der erste Teil eines von C. Chabaneau bearbeiteten 
Cartulaire du Consulat de Limoges ausgegeben werden. 

Densusianu, Ov., Aliteratianea in limbile romanice. Jasi 1895. 
96 S. 8. ' J 

Zeitschrift für französische Sprache und Litteratur . . . herausgegeben 
von D. Behrens. XVII, 4 (Referate und Recensionen 2). 5. 7 (Abhand- 
lungen 3. 4) [D. Behrens, Mitteilungen aus Carl Ebenaus Tagebuch 
(Schlufs). G. Körting, Die Entwickelung des Suffixes -arius im Franzö- 
sischen. W. Foerster, Friedrich Diez]. 

Revue de philologie frangaise et proven§ale p. p. Löon Cl^dat. 
T. IX, f. 1 [L. Cledat, La conjugaison morte (suite). E. Roy, Les lettres 
de noblesse (1503) du poMe Jean Molinet. E. Roy, Le blason d'un roi 
des Ribauds bourguignon et le roman du duc Jean sans Peur. L^on 
Vernier, Observation s sur la phon^tique du latin vulgaire. Henri Viez, 
Chanson en patois ä l'occasion de la fete de S. M. Louis XVIII. L. ClMat, 
Le superlatif relatif en franjais. Nouvelles traductions dialectales d'un 
passage de Mireille. Compte rendu: Etüde sur la syntaxe de Rabelais 
p. E. Huguet (Joseph Buche)]. 

Dictionnaire de la langue toulousaine par Jean Doujat, ajoute par 
G. Visner, Fun des ^crivains de 'M Gril'. I*'^ fascicule: lettre A. Avec 
la pröface de M. A. Jeanroy. Toulouse, Bureaux de '1^ Gril', 1895. 
30 S. 8 (das 1637 — 8 gedruckte Glossar Doujats ist seitdem den Ausgaben 
von Goudelin beigefügt; es erscheint hier sehr bedeutend erweitert durch 
die Bemühungen des lebenden Schriftstellers Visner. Wie grofs der Um- 
fang des einzelnen Bandes zu 5 fr. und die Zahl der Bände werden soll, 
ist nicht zu ersehen). 

Weitzenböck, Georg, Professor an der Landes-Oberrealschule in 
Graz, Lehrbuch der französ. Sprache. Prag- Wien-Leipzig, F. Tempsky — 
G. Freytag. I. Teil 1893. 2 Bl., 140 S. 4. Geb. M. 1,80. IL Teil 1895. 
VI, 259 S. 4. Geb. M. 3; geh. M. 2,50. 

Rehrmann, Dr., Prof. am Kgl. Kadetten-Corps, Französische Schul- 
grammatik nebst grammatischen Übungen für die Oberstufe höherer Lehr- 
anstalten. Auf Veranlassung der General-Inspektion des Militär-Erzie- 
hungs- und Bildungswesens bearbeitet (Lehrgang der französ. Sprache von 
Dr. Püttmann und Dr. Rehrmann. Dritter Teil). Berlin, Ernst Siegfried 
Mittler und Sohn, 1895. XV, 351 S. 8. M. 3,50. 

Stier, Georg, Lehrbuch der französischen Sprache für höhere Mäd- 
chenschulen. Nach den Bestimmungen des Kgl. Preufs. Unterrichts-Mini- 
steriums vom 31. Mai 1894 bearbeitet. Leipzig, Brockhaus, 1895. VIII, 
136 S. 8. M. 1,50. 

Oster, J., pasteur de l'^glise r^form^e de Dresde, membre de la com- 
mission d'examen du Minist^re de l'Instruction publique, Cours sup^rieur 
de Grammaire fran9aise ä l'usage des ecoles allemandes. Dresde, Ger- 
hard Kühtmann, 1895. VII, 265 S. 8. Brosch. M. 4,50; geb. M. 5. 

Sehn eitler, F. H., Lehrgang der französischen Sprache für Kauf- 
leute und Vorschule zur französischen Handelskorrespondenz. Dritte ver- 



Verzeichnis der eiDgelaufenen Druckschriften. 349 

besserte Auflage. Dresden, Gerhard Kühtmann, 1895. VIII, 313 S. 8. 
M. 2,20; geb. M. 2,60. 

Frings, M. J., Leichte Gespräche für das tägliche Leben junger 
Mädchen. Zum Gebrauche in Töchterschulen. Durchgesehen und ver- 
bessert von Dr. Max Kuttner. Neunte Auflage. Berlin, Hayns Erben, 
1895. VIII, 108 S. 8. 

Traut, Dr. H. Th., Französische Aufsatz- und Brief schule. Eine 
Sammlung von Musteraufsätzen, Briefen und Entwürfen. Mit Einlei- 
tungen und Präparationen. Für die Oberklassen höherer Schulen und 
zum Privatstudium. 2. Auflage. Dresden, Gerhard Kühtmann, 1895. VIII, 
170 S. 8. M. 1,80; geb. M. 2. 

Französische Konjugationstafeln nach Kennformen und Ableitungen 
zusammengestellt. Passau, Abt, 1895. 56 S. 4. 

Fleischhauer, Dr. W., Methodisches französisches Lese- und Übungs- 
buch. Nach den neuen Lehrpläuen bearbeitet. I. Teil. Leipzig, Renger, 
1895. X, 195 S. 8. 

Wolter, Dr. E., Frankreich. Geschichte, Land und Leute. Ein 
Lese- und Realienbuch für den französischen Unterricht. Zweiter Teil: 
La France et les Franyais. Lectures pratiques. Correspondance. Mit 
7 Plänen und 1 Karte. Berlin, Gaertner, 1895. V, 206 S. 8. 

Walther, Erwin, Wissenschaftliche Fortbildungsblätter für Lehrende 
und Lernende der französischen Sprache. Serie IL Stuttgart, Roth, 1895. 
46 S. 8. 

Französische Übungsbibliothek Nr. 7. Zopf und Schwert . . . von Karl 
Gutzkow. Zum Übersetzen aus dem Deutschen in das Französische neu 
bearbeitet von Dr. Julius Sahr. Zweite Auflage. Dresden, Ehlermann, 
1895. 152 S. 8. M. 1. 

Le Maitre fran§ais. — The English Teacher. Französisch-englisches 
Lern- und Übungsblatt insbesondere für alle, welche in der Schule Fran- 
zösisch und Englisch gelernt haben. Herausgegeben von Dr. phil. H. P. 
Junker. 3. Jahrgang, 1895. Englischer Teil. Nr. 19. Französischer 
Teil. Nr. 20. Leipzig, Renger [jährlich 24 französische und 24 englische 
Nummern von je 8 Seiten 8; M. 6; die 24 Nummern für eine einzelne 
Sprache M. 4.]. 

Hosch, Siegfried, Oberlehrer, Französische Flickwörter. Ein Bei- 
trag zur französischen Lexikographie. Teil I. Berlin, R. Gaertners Ver- 
lagsbuchhandlung (Hermann Heyfelder), 1895. Wissenschaftliche Beilage 
zum Jahresberichte der Luisenstädtischen Oberrealschule zu Berlin. Pro- 
gramm Nr. 116. 32 S. 4. 

Söderhjelm, Werner, Über Accentverschiebung in der dritten Per- 
son Pluralis im Altfranzösischen. Separatabdruck aus: 'Öf versigt af 
Finsku Vet.-Soc. Förhandlingar Haft. XXXVIL' 31 S. 8. 

The Evangile aux Femmes, an old-french Satire on Women. Edited 
with Introduction and Notes, by George C. Keidel, Ph. D., Assistant in 
Romance Languages in the Johns Hopkins University. Dissertation pre- 
sented to the Board of University Studies of the Johns Hopkins University. 
June 1895 (Also issued as Number One of Romance and Other Studies 
by George C. Keidel). Baltimore, Frieden wald Company, 1895. 100 S. 8. 

Le Pelerinage de vie humaine de Guillaume de Deguileville. Edited 
by J. J. Stürzinger, Ph. D., professor in the University of Würzburg. 
Printed for the Roxburghe Club. London, 1893. X, 444 S. 4. 

L'ystoire et la vie de Saint Genis nach der einzigen bekannten Hand- 
schrift zum erstenmal veröffentlicht von W. Mostert und E. Stengel. 
Marburg, Elwert, 1895. IV, 124 S. 8 (Ausgaben u. Abhandlungen XCIII). 

Biblioth^que frangaise. Dresden, Gerhard Kühtmann, 1895. 
7. Adfele ou la petite Fermi^re par Mlle S. UUiac Tremadeure. Mit 
Anmerkungen und Fragen nebst einem Wörterbuch. Für den Schul- 



350 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 

gebrauch neu herausgegeben von Oberl. Dr. Eahn. 8. Auflage. 
IV, 23 u. (Wörterbuch) 26 S. M. 1. 
63, Histoire d'un petit homme par Marie Eobert Halt. In Auszügen 
mit Anmerkungen, Fragen und einem Wörterbuch zum Schul- 
gebrauch herausgegeben von Prof. Dr. C. Th. Lion. VI, 206 u. 
(Wörterbuch) 83 S. M. 1,50. 
Franyois Copp^e, Ausgewählte Novellen mit Einleitung und Anmer- 
kungen herausgegeben von Gerhard Franz. Leipzig, Dr. P. Stolte, 1895 
(Martin Hartmanns Schulausgaben, Nr. 17). XVI, 80 S. nebst 38 S. Anm. 
Geb. M. 1. 

Paris, Gaston, La Poesie du moyen äge, legons et lectures. Deuxi^me 
s^rie (la litt^rature frangaise au XII** si^cle; l'esprit normand en Angle- 
terre; les contes orientaux daus la litterature frangaise au moyen äge; la 
legende du mari aux deux femmes; la parabole des trois anneaux; Siger 
de Brabant; la litterature franyaise au XIV si^cle; la poesie frangaise 
au XV« si^cle), Paris, Hachette, 1895. 267 S. 8. 3,50 fr. 

Paris, Gaston, Le roman de Renard. Extrait du Journal des Sa- 
vants (Septembre, Octobre et Decembre 1894, Fevrier 1895). Paris, Im- 
primerie Nationale, 1895. 72 S. 4. 

Meyer, Paul, Guillaume Anelier de Toulouse, Matfre Ermengau de 
B^ziers, Troubadours de la fin du XIII® si^cle et du commencement du 
XIV®, Legendes pieuses en provengal (Extrait de l'Histoire litteraire, 
tome XXXII). 108 S. 4. 

Paris, Gaston, Besprechung von Tietro Toldo, Contributo allo studio 
della novella francese del XV e XVI secolo, considerata specialmente 
nelle sue attinenze con la letteratura italiana. Eoma, Loescher, 1895'. 
Extrait du Journal des Savants, mai et juin 1895. 34 S. 4. 

Texte, Joseph, De Antonio Saxano (Antoine du Saix) 1505 — 1579 
francogallico carminum scriptore thesim facultati litterarüm Parisiensi 
proponebat. Paris, Hachette, 1895. 125 S. 8. 

Rosenbauer, A., Über P. Ronsards kunsttheoretische Ansichten. 
Dissertation von München 1895. 32 S. 8 (Anfang einer Arbeit, die in 
Breymanns und Koeppels Münchener Beiträgen erscheinen soll). 

Werner, Moritz, Zwei Threnoi Alfred de Mussets. Berliner Disser- 
tation (27. Mai 1895). VII, 33—104 S. 8 [nur ein Teil der bei der Fa- 
kultät eingereichten Arbeit, die vollständig unter dem Titel 'Kleine Bei- 
träge zur Würdigung Alfred de Mussets' in den 'Berliner Beiträgen zur 
germanischen und romanischen Philologie' als Nr. 4 der rom. Abteilung 
erscheinen soll]. 

Giornale storico della letteratura italiana. Vol. XXVI, fasc. 1. 2 
(fasc. 76. 77) [V. Rossi, II canzoniere inedito di Andrea Michieli detto 
Squarzöla o Strazzöla. G. Rosalba, Un poeta coniugale del sec. XVI 
(Bernardino Rota). E. Bertana, Un precursore del romanticismo (Giulio 
Cesare Becelli). — Varietä: E. Rostagno, Frammenti di un cod. di rime 
volgari affine al Vat. 3793. Paget Toynbee, Le teorie dantesche sulle 
macchie della luna. 0. Hecker, Della parentela esistente fra il mano- 
scritto berlinese del Decameron ed il cod. Mannelli. G. Sanesi, Un libello 
e una pasquinata di P. Aretino. — Rassegna bibliografica : G. Salvadori, 
La poesia giovanile e la canzone d'amore di Guido Cavalcanti (Fl. Pelle- 
grini). Le rime di Bartolomeo Cavassico a cura di V. Cian e C. Sal- 
vioni (V. Rossi). C. Simiani, La vita e le opere di Nicolö Franco (E. Si- 
cardi). F. Gabotto, Per la storia della letteratura civile dei tempi di Carlo 
Emanuele I (G. Rua). V. Alemanni, Un filosofo delle lettere, Melchior 
Cesarotti (E. Bertana). — Bollettino bibliografico. — Annunzi analitici. — 
Pubblicazioni nuziali. — Communicazioni ed Appunti. — Cronaca]. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 851 

Neues italienisch-deutsches und deutsch-italienisches Wörterbuch von 
Giuseppe Rigutini und Oskar Bulle. Leipzig, Tauchnitz, 1895. 1. und 
2. Lieferung zu je 6 Bogen gröfsten Lexikon-Oktavs. Preis der Lieferung 
M. 1. Das Werk soll in 17 bis 18 monatlich erscheinenden Lieferungen 
vollständig sein. 

Rime antiche italiane secondo la lezione del codice vaticano 3214 
e del codice casanatense d. v. 5 pubblicate per cura del dott. Mario 
Pelaez. Bologna, Romagnoli- Dali' Aqua, 1895. XXIII, 390 S. 8 (Col- 
lezione di opere inedite o rare ecc). 

L'Urban cortese (Nozze Crivellucci-Brunst). Pisa 1895. 12 S. 8. Das 
anglonormannische Gedicht, von dessen Existenz man zuerst durch Paul 
Meyer (Bulletin de la Soc. des anc. textes 1880, S. 73) erfahren hat und 
von dem dieser Gelehrte vier weitere Handschriften nachweist, darunter 
die später (Romania XV, 263) von ihm beschriebene, wird hier durch 
L. Biädene nach einer Abschrift gedrucht, die Meyer nach einer Hand- 
schrift der Cambridger Universitätsbibliothek genommen hat. Der Text 
ist bisweilen mit Hilfe zweier gleichfalls von Meyer abgeschriebener an- 
derer Codices oder durch Konjektur verbessert. Es sind 184 paarweise 
gereimte, ungefähr achtsilbige Verse, Anstandsregeln. 

Varnhagen, Hermann, Italienische Kleinigkeiten. Herrn Professor 
Adolf Tobler zu seinem sechzigsten Geburtstage am 23. Mai 1895 dar- 
gebracht. Halle, Niemeyer, 1895. IV, 42 S. 4 (I. Zur Erzählung vom 
verbrannten Mantel. II. La Novella della Figliuola del Mercatante. 
III. Über einige alte italienische Drucke. IV. Ein Marsch Georgs von 
Frundsberg über die Alpen nach Mailand im Februar 1522). 

Poema italicum de Lautreco Marescallo et de hello in Italia superiori 
a. d. 1522 gesto edidit Hermannus Varnhagen. Einladung zur Feier- 
lichkeit der Übergabe des Prorektorats der Universität Erlangen 1894. 

XII, 38 S. 4. 

Lenz, Rodolfo, Apuntaciones para un testo de ortologia i ortografia 
de la lengua castellaua (publicado en los 'Anales de la Universidad'). 
Santiago de Chile, 1894. 32 S. 8. 

Lope de Vega's Comedia 'Sin secreto no ay amor' edited from the 
autograph manuscript by Hugo A. Rennert, Ph. D. Baltimore, The 
Modern Language Association of America, 1894 (Reprinted from the Publi- 
cations of the Mod. Lang. Ass. of Am. Vol. IX, No. 2). 132 S. 8. 

Revista critica de historia y literatura espanolas. Afio I, num. 1. 
Madrid 1895 (monatlich ein Heft von 32 S. gr. 4, im Postverein jährlich 
25 Fr.). ______ 

Breymann, Hermann, Die neusprachliche Reform - Litteratur von 
1876—1893. Eine bibliographisch-kritische Übersicht. Leipzig, Deichert, 
1895. 155 S. 8. M. 3. 

Cutting, Starr Willard, 'Should the Elementary Study of Grammar 
be chiefly Inductive?' A Paper read before the Modern Language Asso- 
ciation of America, at Washington, December 27, 1893. Reprinted from 
the Proceedings. 8 S. 8. 

Bahrs, Prof. Dr., Die gegenwärtigen Ziele im neusprachlichen Unter- 
richt auf dem Realgymnasium und ihre Erreichbarkeit. Beilage zum 

XIII. Jahresbericht des Herzogl. Friedrichs-Realgymnasiums . . . für das 
Schuljahr 1894—1895. Dessau 1895. 19 S. 4. 

Seeger, Direktor, I. Bemerkungen zur Organisation des französischen 
Unterrichts. IL Bemerkungen zu einzelnen Lehren der neufranzösischeu 
Syntax. Wissenschaftliche Beilage zum Programm des Realgymnasiums 
zu Güstrow. 1895. 32 S. 4. 

Groth, Dr. Ernst, Studienreisen und Reisestipendien der Neuphilo- 



352 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften. 

logen. Vortrag auf dem ersten sächsischen Neuphilologentage am 16. Juni 
1895 gehalten. Leipzig, Fock, 1895. 16 S. 8 (Separatabdruck aus dem 
Anglia-Beiheft VI). 

Methode Gaspey - Otto - Sauer. Neugriechische Kon versations - Gram- 
matik zum Schul- und Privatunterricht von K. Petraris. Heidelberg, 
Julius Groos, 1895. IX, 476 S. 8. 

Das Lied von der Heerschaar Igorj's. Abdruck der editio princeps 
nebst altslovenischer Transskription und Commentar von Dr. Rudolf 
Abi cht, Senior an der Pfarrkirche zu Elftausend Jungfrauen, Lector 
der polnischen und russischen Sprache an der Universität Breslau. Leip- 
zig, Eaimund Gerhard, 1895. 52 S. 8. M. 1,80. 

Methode Gaspey - Otto - Sauer. Türkische Kon versations - Grammatik 
von Henry Jehlitschka. Mit einem Anhang von Schrifttafeln in tür- 
kischer Kursivschrift nebst Anleitung. Heidelberg, Julius Groos, 1895. 
VIII, 420 S. 8. 

Linguae Guarani grammatica Hispanice a reverendo patre Jesuita 
Paulo Restivo secundum libros Antonii Ruiz de Montoya, Simonis Ban- 
dini aliorumque adjecto particularum lexico anno MDCCXXIV in civi- 
tate Sanctse Marise Majoris edita et 'Arte de la lengua Guarani' inscripta 
sub auspiciis et impensis illustrissimi domini Petri, principis Saxo-Cobur- 
gensis Gothensis ex unico, quod in Europa noscitur, eiusdem serenissimi 
principis exemplari redimpressa necnon prsefatione notisque instructa opera 
et studiis Christian! Frederici Seybold, doctoris philosophise. Stuttgardise, 
in «dibus Guilelmi Kohlhammer, MDCCCXCII. XIV, 331 S. 8. 

Lexicon Hispano-Guaranicum 'Vocabulario de la lengua Guarani' in- 
scriptum a reverendo patre Jesuita Paulo Restivo secundum vocabularium 
Antonii Ruiz de Montoya anno MDCCXXII in civitate S. Marise Majoris 
denuo editum et adauctum sub auspiciis augustissimi domini Petri Se- 
cundi, Brasilese imperatoris, posthac curantibus illustrissimis eiusdem hse- 
redibus ex unico, qui (!) noscitur, imperatoris beatissimi exemplari redim- 
pressum necnon praefatione notisque instructum opera et studiis Christiani 
Frederici Seybold, doctoris philosophi£E. Stuttgardise, in sedibus Guilelmi 
Kohlhammer, MDCCCXCIII. XI, 545 S. 8. 

The University of Minnesota. Catalogue for the Year 1894 — '95 and 
Announcements for the Year 1895— '96. By the University, Minneapolis, 
1895. 245 S. 8. 



Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie 

aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. 



Das Meisterblich der Frankfurter Goldschmiede-Iiiniin 



Im Besitze des Herrn Baron Wilhelm von Erlanger zu 
Niederingelheim bei Mainz befindet sich das Meisterbuch der 
Goldschmiede-Innung von Frankfurt a. M., ein Kleinod des deut- 
schen Kunsthandwerkes früherer Jahrhunderte. Als in den sech- 
ziger Jahren die Frankfurter Zünfte sich auflösten und ihren 
Innungsbesitz veräulserten, erstand die Familie von Erlanger die 
dabei zum Verkauf gelangenden Gegenstände von künstlerischem 
Werte und erwarb damit eine Sammlung von höchst bemerkens- 
werter Schönheit und Kostbarkeit. Während von den übrigen 
Innungen eine Reihe von prachtvollen Pokalen und Tafelaufsätzen 
stammten, unter denen ein silbernes Schiff von der Schifferzunft 
besondere Bewunderung verdiente, steuerte die Goldschmiedezunft 
vor allem jenes herrliche Stammbuch ihrer Innungsmeister bei. 
Jahrelang bildete infolge der Liberalität der nunmehrigen Be- 
sitzer der gesamte Schatz das gröfste Schaustück des Frankfurter 
Kunstgewerbemuseums und die Freude aller Kenner. Nachdem 
er dann in den Erlangerschen Landsitz zu Niederingelheim über- 
gesiedelt war, erreichte ihn wenige Wochen später sein Verhäng- 
nis. Eine Bande verwegener Einbrecher drang in der Nacht 
vom 8. zum 9. Februar 1886 in die Villa ein, plünderte das Erd- 
geschofs derselben aus und raubte als Hauptbeute den Innungs- 
schatz, der seitdem spurlos verschwunden ist, trotz sorgfältigster 
krimineller Nachforschung in allen Erdteilen; wahrscheinlich sind 
die herrlichen Kunstwerke von den Räubern sofort eingeschmol- 
zen und als Rohmaterial roh verwendet worden. Ein glücklicher 
Zufall hat es gewollt, dafs allein das Meisterbuch durch eine 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. 23 



354 Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 

Portiere gedeckt den räuberischen Blicken entging und so vor 
dem gleichen Schicksale der Vernichtung bewahrt blieb. Habent 
sua fata libelli! 

Hätten die Einbrecher es entdeckt, sie hätten es sicher nicht 
liegen gelassen. Denn der Einband ist ein Mosaik von getrie- 
benen, mit Wappen und Figuren geschmückten Gold- und Silber- 
platten von solcher Pracht, wie man sie auf dem Gebiete der 
Buchbinderkunst so leicht nicht zum zweitenmal findet. Ist so 
schon die Schale, die im Laufe von Jahrhunderten durch stück- 
weise Widmung der verschiedenen Meister zusammengewachsen 
ist, ein bedeutsames Zeugnis für die Kunstfertigkeit ihrer Stifter, 
so ist doch für unsere Zwecke der Inhalt des Buches inter- 
essanter. Es ist seiner Anlage nach eine Stammbuchchronik der 
Innung, indem ein jeder, der den Meistergrad erlangt hatte, der 
Ehrenpflicht unterworfen war, seinen Namen zugleich mit seinen 
Hauptlebensdaten einzutragen. Aber mit diesen nüchternen No- 
tizen begnügten sich die kunstsinnigen und nachdenklichen Mei- 
ster nicht: sie fügten einerseits Malerei, andererseits Poesie 
hinzu. Immer zwei Gegenseiten sind von einem Meister aus- 
gefüllt: auf der rechten prangen Malereien, hauptsächlich Wappen 
mit eingelegten Wahlsprüchen, aber auch reicher komponierte 
symbohsche Darstellungen und sogar Porträts; darunter steht der 
Name des Stifters und meist das Jahr seiner Meisterschaft, auch 
wohl noch andere Daten aus seinem Leben; die linke Seite ent- 
hält den weiteren dazugehörigen Text. 

Die Geschichte des Buches läfst sich aus seinem Inhalte mit 
Sicherheit feststellen. Die erste Eintragung stammt vom Jahre 
1534; im Jahre 1624 ist es vom Goldschmied Johannes von den 
Popeliere renoviert, in den Jahren 1650, 1741 und 1755 von 
den Geschworenen der Zunft ebenfalls wieder hergestellt und 
durch Einlagen von weifsem Papiere zu weiterer Benutzung ver- 
gröfsert. Die jüngste nachweisbare Jahreszahl der Eintragung ist 
1863, womit zugleich das Auflösungsjahr der Goldschmiedezunft 
gegeben ist. So erstreckt sich das Buch über mehr als 300 Jahre 
und ist 630 Seiten stark. Um die Verfasser selbst zu Worte 
kommen zu lassen über Zweck und Bedeutung des Werkes, so 
seien zwei der Gedichte, die eine neue Epoche des Buches er- 
öffneten, zum Abdruck gebracht: 



i 



Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. S55 



Auf der rechten Seite ein Bild mit den symbolischen: Eigurcn der Fax und 

Justitia, an den vier Ecken die Namen der Geschworenen, auf der lipken folgende 

Vcrs6 • ' ' ' *^ 

Als Ferdinand der dritt das Römisch Reich Regirt 

unnd eine lange Zeit ein schweren Krieg geführt, 

hat, nächst des höchsten hülff, der wilden ivaffen gfahr, 

als mann von Christi gehurt Sechsxehn hundert Jahr 

unnd funffxig (sie!) xehlete, Dass endt erwünscht genammen 

unnd ist iin Vatterlandt der Friede wiederkommen, 

Nachdem der blutig Mars alles im grimm verhert 

unfid Nahrung undt gewerb in boden umbgekehrt. 

Es wäre diesses buch damals gantx vollgeschrieben 

mit nahmen und gemähld, das wenig platx verblieben. 

Darumb es dann die Oeschwome renovirt 

Ergrössert unnd xugleich mit einem stück gexiert, 

Darinn Gerechtigkeit unndt friedt beysammen stehen, 

auff den vier Ecken icird mann ihre nahmen sehen. 

Der Ehrbarn Oolttschnidts Zunft ist es xu Ehrn gemacht, 

wie es von alters her ist auch auff uns gebracht. 

Weil dann der Friedenfürst vor Unfridt friedt gegeben, 

So wollen sie hierinit der guten hoffnung leben. 

Es werd bey ihro auch mit solcher newen ruh 

kunst Nahrung Ehr unnd lieb von newen nehmen xu. 

II. 

Drei schön gemalte Wappen mit Namensunterschriften, auf dem nächsten 
Blatte die Verse: 

Nachdem in diesem Buch kein Platx, mehr übrig blieben 
JJnd schon von langem her der Brauch auf uns gebracht, 
Dass, wann ein Goldschmidt hat sein Meister- Stück gemacht. 
Er seinen Nahmen hat xum Denkmal drein geschrieben, 
Nebst einem Beygemähl, so ihm es wolt belieben. 
Wie solches noch mit Lust von vielen wird betracht. 
Damit nun fernerhin dergleichen! möcht geschehn. 
Hat mann das Buch auffs Neu mit weis Papier .versehn. 
Mann hat die Wappen auch derjenigen beygeTnahlt, 
Die uns geraume Zeit mit Lieb und Gunst bestrahlt. 
Sie wollen fernerhin uns hochgeneigt verbleiben, 
Wogegen wir uns stäts xu dero Dienst verschreiben. 
20 August 1741 

Folgen vier Namen der Geschworenen. 

Seine Hauptbedeutung findet das Werk als wichtige Quelle 
zur Geschichte des Kuusthand Werkes, speciell der Gold- 
schmiedekunst, sowohl nach ihrer Leistungsfähigkeit, wie Organi- 

23* 



356 Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 

sation, wie persöolichen Zusammensetzung, und in dieser Rich- 
tung ist es, wie ich von den jetzigen Besitzern des Buches er- 
fahre, auch schon eingesehen worden von Herrn Dr. Rosenberg 
und Herrn Professor Lorsch, ohne dals mir die Art ihrer Ver- 
wertung bekannt geworden wäre. 

Aber auch nach der litterarhistorischen Seite be- 
ansprucht das Werk zweifellos Beachtung. Da nämlich der Text 
zu allermeist aus Versen besteht, so stellt es einen interessanten 
Beitrag zur Handwerkerpoesie der letzten Jahrhunderte dar. 
Damit ist schon umschrieben, was für Poesie sein Inhalt erwarten 
läfst: keine echte, frische, tiefe Dichtung, sondern biedere Reim- 
drechseleien der ehrsamen Meister, oft von kurioser UnbehilfHch- 
keit und nüchternster Prosa, hier und da aber auch origineller 
und gelungener in Form und Inhalt, und im ganzen genommen 
charakteristisch für Bildung, Geist und Gesinnung des Hand- 
werkerstandes, aus dem sie hervorgegangen sind. Die Gesamt- 
heit dieser Verse bildet einen Nebenzweig und Ausläufer der 
mittelalterlichen Meisterschulen, die ja auch fast diese ganze 
Periode über noch bestanden. Schon die Freude an reimmäfsiger 
Behandlung auch der prosaischsten Themata gemahnt an die 
handwerksmäfsige Übung im Versemachen, welche durch die 
Meisterschulen unterhalten wurde und mit ihrem Untergange 
auch verschwand. Wer von unseren heutigen Handwerkermeistern 
hätte noch Lust und Fertigkeit, sich in Versen zu ergehen! 

Wenn wir uns somit einerseits in dem Bereich der her- 
gebrachten Handwerkerpoeterei befinden, so ist doch andererseits 
interessant zu beobachten, wie die Strömungen und Wandlungen 
der gesamten deutschen Litteratur bis in diesen Winkel hinein 
wirken und Form und Stil und auch Inhalt beeinflussen und 
wandeln. Während anfangs die Reimpaare ausschliefslich herr- 
schen, stellt sich im Jahre 1627 zum erstenmal der überschla- 
gende Reim ein; um 1650, also cirka 25 Jahre nach dem Er- 
scheinen von Martin Opitz^ 'Büchlein von der deutschen Poeterei^, 
setzt der Alexandriner ein, der in seinem gemachten Schwulst- 
stile auch hier ein Jahrhundert lang dominiert; die kürzeren 
Versmafse und Strophenformen, die seit 1760 begegnen, und ihr 
flotterer Stil sind ein Widerklang der anakreontischen Richtung 
in unserer Litteratur; und die pathetische Unterschrift unter dem 



Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 357 

Bilde eiües deutschen Ritters im Panzer, dem ein Bürschchen in 
höfischer Tracht gegenübersteht: 'O Alter-Teutscher was dein 
Handschlag? was deine Waffen? Gehe hin nach Gallien und 
lerne deinen Bruder teuschen!' aus den Jahren 1790 — 95 atmet 
etwas vom Geiste Klopstocks. Schliefslich hat ein Gedichtchen 
vom Jahre 1806, in dem der Biedermann mit seiner Tugend 
über den König mit seiner Königswürde rangiert wird, einen 
Stich in die republikanische Gesinnung, die durch das Zeitalter 
der Humanität und Revolution großgezogen ist. 

Über die sprachliche Form ist folgendes bemerkenswert: die 
Wahlsprüche sind, wie es ja auch heute noch Brauch ist, aus 
fremden Sprachen genommen; interessant dabei ist aber wiederum, 
dafs es Handwerker sind, die sich des fremden Idioms bedienen. 
Der häufige Gebrauch des Französischen erklärt sich freilich 
ohne weiteres aus den Namen der betreffenden Meister, die fran- 
zösische Abstammung bezeugen, z. B. Jacques de Mons, Pierre 
de Mond, Louis de Bary, Peter de Reynier. Dafs aber oft das 
Lateinische und einmal sogar das Griechische verwendet wird, 
nämlich in dem 1613 geschriebenen Spruche: y^alov t6 jurider eig 
ffilovg u/iiuQTuyeiy^ ist ein Beweis davon, wie auch der strebsame 
Handwerkerstand seinen Anteil an gelehrter Renaissancebildung 
beanspruchte und nahm. 

Unter den Gedichten sind einige der frühesten in nieder- 
ländischer, eins in englischer Sprache verfafst. Namen und Her- 
kunft der Verfasser lösen auch hier das Rätsel. Um die Wende 
des 16. und 17. Jahrhunderts erfuhr Frankfurt a. M. eine förder- 
liche Einwanderung von tüchtigen und geschickten Niederländern, 
die ihrer evangelischen Glaubenstreue wegen aus der Heimat ver- 
trieben wurden. Dieser Zuschufs von frischen Kräften kam zum 
beträchtlichen Teile gerade der Goldschmiedezunft zu gute; eine 
ganze Reihe von Meistern ist in Anttorf geboren. Einer stammt 
sogar aus England: 

Jacob Allmann hyn ich genannt, 
geboren tot Londen yn Enghelant. 

Während einige der Ausländer sich also ihrer Mutterlaute be- 
dienten, haben andere von ihnen die angelernte deutsche Sprache 
bei der Einzeichnung vorgezogen, aber die wüste, systemlose 
Orthographie und mancher offenbare Fehler in Form und Syntax 



358 Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 

zeugt von der MaDgelhaftigkeit ihrer deutschen Sprachkenntnisse. 
Die in ihren Versen vorkommenden sprachHchen Eigenheiten 
haben daher keinerlei wissenschaftliche Bedeutung. 

Die Gedichte von wirklich deutschen Verfassern sind im 
ganzen in einem Hochdeutsch geschrieben, das dem normalen 
Sprach zustande ihrer Entstehungszeit entspricht. Indem ich alles 
für den Kenner unserer Sprachentwickelung ohne weiteres Selbst- 
verständliche übergehe, hebe ich im Folgenden nur die Erschei- 
nungen heraus, die entweder wirklich auffällig sind oder doch 
wenigstens brauchbares Material für die historische Betrachtung 
unserer Sprache bieten. 

Um 1610: wurdt und wurd als 1. und 3. Pers. Sing. Ind. 
Prät. von werden; daneben findet sich aus gleicher Zeit war dt, 
ein Beweis, dafs das schon im 13. Jahrhundert einsetzende, auf 
Vereinheitlichung der präteritalen Ablautsvokale abzielende 
Schwanken zwischen a und u im Sing. Prät. dieses Verbums 
noch unentschieden fortdauert. Die jüngere schwache Form 
lüurde ist mir nirgends im Meisterbuche begegnet. 

Vom Jahre 1743: Wie lechzende der Hirsch na ch frischem 
Wasser strebet .... Hier haben wir ein verhältnismäfsig spätes 
Beispiel der alten Participialendung : ahd. anti, mhd. ende. 

Vom Jahre 1619: verratheten, Präteritum zu verraten, 
ein weiteres Beispiel aus hochdeutschem Gebiete für das beson- 
ders im Mnd. aufkommende Schwanken dieses Verbums zwischen 
starker und schwacher Flexion. 

Um 1610: der frid, den fridt, in fride (Dat. Sing.), 
Formen der alten starken Flexion von diesem Substantiv. 

Um 1610: und in die Theutsche schulen ging. Da schtde 
ahd. und mhd. nur stark flektiert, so ist der hier erscheinende 
schwache Acc. Sing, bemerkenswert. 

Vom Jahre 1664: doch wollen sie für gute freundt ge- 
halte sein. Der Plural von freund findet sich noch öfters in 
der alten konsonantischen Flexion. 

Vom Jahre 1664: wer kan alle falsche Hertze erkennen? 
Hier bietet sich ein später Beleg für die auch im Ahd. und Mhd. 
vorkommende starke Deklination von herz, besonders im Nom. 
und Acc. Plur. 

Vom Jahre 1632: die gedechtnus. Der dumpf e Vokal in 



Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 359 

der Ableitungssilbe nis kommt auch sonst noch vereinzelt im 
17. Jahrhundert vor. Das Geschlecht der Substantiva auf nis 
schwankt bis ins 18. Jahrhundert hinein zwischen Neutrum und 
Femininum. 

Vom Jahre 1695: Das leich car hey der iviegen steht .... 
(Ins leich = Leichnam, Leiche, ein beachtungswürdiges nhd. Bei- 
spiel für das in ältester Zeit überall begründete neutrale Ge- 
schlecht dieses Wortes. Danach ist die Bemerkung in Grimms 
Wörterbuche VI, S. 612: das Neutrum, im Ahd. selten, scheine 
im Mhd. ganz untergegangen zu sein, zu berichtigen. (? Redaktion.) 

Vom Jahre 1738: Schand bringt der pr acht . . ., ein 
verhältnismäfsig spätes Beispiel für das maskuline Geschlecht 
dieses Wortes. 

Vom Jahre 1749: aS'o verlach ich deinen wuth. Dies 
Beispiel für das maskuline Geschlecht von Wut, das auch mhd. 
ganz vereinzelt vorkommt, ist darum nicht zweifellos, weil das 
Nomen im Verlauf des Satzes als Femininum behandelt wird. 

Vom Jahre 1639: Wohl dem, der entflieht die Welt, 
ein weiteres Beispiel für den transitiven Gebrauch von entfliehen, 
wofür Grimms Wb. III, 520 nur einen Beleg beizubringen weifs. 

Vom Jahre 1603: mit mein Hausfraiv (Verfasser stammt 
aus Aachen); 1744: rnit falsch und hoese Tücke. An diesen 
und noch anderen Stellen findet sich der Accusativ bei mit, ein 
Sprachgebrauch, der aus dem Nd. stammt, vereinzelt im Mhd. 
vorkommt und auch jetzt noch in einigen Dialekten zu be- 
obachten ist. In litterarischer Verwendung ist besonders das 
letztere, verhältnismäfsig junge Beispiel bemerkenswert. 

Um das Jahr 1650: hat nächst des höchsten hülff der 
wilden waffen gfahr . . . das endt erwünscht genommen, nächst 
in der Bedeutung 'infolge der Nähe, mit' kennt Grimms Wb. nicht. 

Um 1650: die Grub ist tief, der Steg ist schmal und un- 
gewifs der Schritt: Christ bewahr uns für Verfall und 
festige unsern Tritt! Verfall in der genauen Bedeutung von 
,Fair ist mir sonst unbekannt. Die beiden Beispiele in Grimms 
Wb. XII, 295 sind andersartig. 

Vom Jahre 1680: und wil darin keiner fast dein Freund 
und Kenner sein. Kenner in der Bedeutung ^Bekannter' habe 
ich sonst nicht belegt gefimden. 



360 Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 

Um das Jahr 1610: da hey ich dan hab bewogen^ das 
golty perleUj edel gestern von gott selber geschaffen seyn. be- 
wegen =: ^erwägen' ist ebenfalls in Grimms Wb. ohne Beleg. 

Um 1610: darnach ich . . . mich annahm mit der Hand- 
arbeit zu ernehrn. Für sich annehmen = ^sich vornehmen, sich 
daran machen^ finden sich in Grimms Wb. nur zwei entsprechende 
Beispiele aus Logau; aber nicht glücklich wird es dort inter- 
pretiert als ^sich unterfangend 

Um 1700: Ein wahrer glaub ... bewirbt durch Christum 
die Ewige Seeligkeit. bewerben = ^erwerben^ Grimm I, 1782 
bringt aus neuhochdeutscher Zeit keinen Beleg für diese Be- 
deutung. 

Von den zahlreichen Gedichten und Sprüchen bietet das 
Folgende eine Auswahl von charakteristischen Proben, möglichst 
geordnet nach bestimmten formalen und inhaltlichen Gesichts- 
punkten. 

Am tiefsten stehen, aber zugleich am bezeichnendsten für 
den handwerksmäfsigen Mifsbrauch der poetischen Form sind 
die versifizierten Lebensabrisse, die wegen ihrer typisch wieder- 
kehrenden Züge ziemlich einförmig verlaufen. Als Beispiel sei 
einerseits die älteste der vorhandenen Biographien genommen, 
andererseits eine, die durch etwas reicheren Inhalt ein deutliches 
Bild von dem gewöhnlichen Lebensgange eines damaligen Hand- 
werkermeisters gewährt. 

I. 
Wilhelmus Leeuwaerts. 

Zu anttorff hin ich ehlich geborren, 1562 

Und hab das golttsmitt Handtwerk ercorren, 
bey mein bruder gelernt, sechs gantser jar, 15 73 

Wie ers selbst hir hatt bezeuget zwar. 
Neun Jar hab ich in frembde Landt 1579 

gewandertt und gearbaitt gesellen standt. 
darnach bin ich hir zu frankfort kommen 1588 

ward von mein Herrn zum, Burger angenommen, 1589 
und bin auch ordentlich maister worden, 
darnach tradt ich in den Ehstandt ordten 
mit ein eheliche fromb burgers tochter eben: 
gott lass uns mitt ruhe in fride leben! 
anno 1609 bin ich schauwmaister wordenn 

und halt gar steiff auff unser orden. 



Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 861 

II. 
Johannes Bauch Goltschmit allhie inn frankfurt. 
Als man xalt fiinfxehn hundert Jahr, 
Achtzig darxu, difs nennet war, 
Nach des Herren Christi gebührt: 
Anno X580 Ich Johannes Bauch ghoren wurdt, 

Im Herhstmon: den Acht und xivänfsgsten Jag 
Daruff man mich xu Tauffen Pflag. 
1585 Fünfjährig, darnach anfing, 

Unnd inn die TheidscJie schulen ging, 
Damach ich von der Schule kam 
Vierzehn järig und mich annahm 
1594 Mit der hend arbeit zu ernehm, 
24 Febr. Die Kumt des Ooldschmits mich thet lehrn 
Jeremias Qoltger drithalb Jahr 
Und Bemhart Lengrich, vollents gar. 
Daran lehrnt ich fünf gantzer Jahr. 
Als mein Lehrzeit vollendet war. 
Da thet ich dieser Kunst nachwandern. 
Von einer Stadt wol zu der Andern, 

1606 Nach sieben Jahrn zog ich mit Oliick 
Widrum hieher, Machts Meister Stück, 
Demnach durch einen weysen Rath 
Der Bürgerschaft bestelligt wart. 

1607 Nach dem wurd mir vermählt hirinn 
Mein Weib: Elisabeth Schweitxerin, 
TJf fabian Sebastian Tag 

Den 20 Jenner ich Hochzeit pflog, 
Unnd hat mein Hochzeit schlecht und still 
Mit der leb ich, so lang Oott will. 
1609 Uf Elogius ich wurdt erwehlt. 

Zu eim Schaw-Meister : vne bestell, 
Oott geb, dafs ich mich Immerdar 
Drinnen halt: Unverweifslich gar. 

Einige der interessantesten Lebensläufe, in denen sich das 
Zeitalter mit seinen Schicksalen und Fährlichkeiten spiegelt, kom- 
men hier darum aufser Betracht, weil sie in Prosa abgefafst sind. 

An diese gereimten Biographien reihen sich die Gedichte, 
die insofern noch einen persönlichen Charakter tragen, als in 
ihnen die Namen der Verfasser eine Rolle spielen. Es wird 
nämlich entweder der Name durch Akrostichon verewigt, wie 
vom Goldmeister J. M. Keil vom Jahre 1716: 



362 Beiträge zur deutscheil Handwerkerpoesie. 

Kommt Kunsterfahrne her und lernt den Weg xu leben: 
Ein jeder fürchte Gott und thue allzeit recht, 
Ta scheue auch niemand, so wird ihm Jesus gehen 
Lauter gewünschte Freud als seinem treuen Knecht. 

Oder mit der Bedeutung des Namens — sei es des Vornamens 
oder des Zunamens — wird in symbolischer Auslegung gespielt, 
wobei Beziehungen auf die Bibel und biblische Personen beliebt 
sind. Gewöhnlich ist dann auch Zusammenhang mit dem gegen- 
überstehenden Bilde vorhanden, indem die Verse den paraphra- 
sierenden Text dazu bilden. Solcher Art sind die folgenden 

Proben: 

I. 

Franz Nicolaus Zigeler, Meister 1659. 

Was sind Ziegel? rothte Erden! 
Was ist aller Blumen Kleid? 
Heu! : das mufs gemehet werden 
und verdorren mit der Zeit. 
Aller Zeiten Lust und Tracht 
Ist das, was der Tod nit acht. 

II. 
Hans Jacob Birkenholtz, Meister 1664. 

Der Birkenbaum von sich ein Heilsam wasser giebt; 

Doch wird er sehr gehafst, weil jedem nicht beliebt, 

was man sonst von ihm schneidt; doch ist die schuld nicht sein. 

So gehts her in der tvelt: Ob einer schon allein 

Sich ,, ehrlich nehren will und, sonst sich redlich hält, 

So wird er doch gehafst und ihm sehr nachgestellt. 

III. 
Henrich Wagner Meister 1672. 

[Den Mittelpunkt des Wappens bildet ein Glücksrad.] 

Wag nichts auffs Glück: Glück geht wies Rad. 
Stell all dein Thun auff Gottes gnad. 
Forcht gott: sey fromm und thu das dein, 
So kanst du allxeit frölich 



IV. 

Johannes Willems Silbermeister 1699. 

[Das Bild stellt die Taufe Jesu durch Johannes dar.] 
Ein wahrer glaub, lieb, hoffnung und die Beständigkeit 
Betvirbt durch Christum die Ewige Seeligkeit. 
Wer wie ein Bohr, so jedes Windgen beugt, sich auf der Welt bexettgt, • 



Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 363 

Kann nicht Johannes heifsen, Johannes mufs in dieser Zeitlichkeit ". 
Den Nahmen mit der That beweisen, denn kombt er nach dem Todt 
Zum Leben sonder leidt. 

V. 

Cornelius Pilgram Oold-Meister 1771. 

[Das Bild bezeichnet einen auf einer Bank sitzenden Pilger.] 
Cornelius, wie wir Actorum xehen lesen, 
Ist Hauptmann, doch dabey ein frommer Mann gewesen; 
Ein Pilgram trachtet nicht nach Würden dieser Zeit; 
Die Z/ween freuen sich auf jene Ewigkeit. 

VI. 
Georg Wolf gang May Silber- Meister 1779. 

Du schönster von xwölf Welt-Regenten 
Prangst stol% in grüner Majestät! 
Denn die Natur, durch dich erhöht 
Kann ihre volle Kraft vollenden. 

Sie duft durch balsamische Kräuter 
Uns Menschen neue Lebenskraft. 
Setxt Florens Blumen-Bett in Saft 
Und macht die Creaturen heiter. 

Die Vögel luftig auf den Zweigen 
Verehren dich, o sanfter May, 
Mit ihrem süfsen Feldgeschrey. 
Wie kann der Mensch hier schweigen! 

Endlich findet sich auch eine Vereinigung von Akrostichon 
und auf den Namen bezüghchera Inhalt wie von 

Thobias Custodes geschrieben um 1600: 

Thobias war ein frommer man 
Hatt arme leuht viel guts gethan; -. 
Ob er selbst schon war gefangen, 
ß lieb er doch an gotts wortt hangen. 
Ins creutz gerieht er und ward blindt, 
A Is Job, geduldich er sieh findt; 
Sterbentt leuht begrub er bey nacht. 
Custodes ist auf Deutsch gesaght: gefencknis. 
Wie wol ich frey bin nach dem fleisch, 
So gib ich doch Vernunft und geist 
Txum gehorsam gotts und seiner wortt — 
Oder man geht in ihrthumb fortt. 
Denn was man weifs, ist kein glaub 
E s ist nur ein blofs wissen sieht (?) : 
Solch thomas-glaub gott wiederspricht. 



364 Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 

und ferner von 

Enoch Oheldorff geschrieben 1603: 

Enoeh Oheldorff hin ich genantt, 
Nicht der Patriarch wie bekantt, 
Oder der gehn Himmel gefahren. 
Christus der Herr der Her scharen 
Hatt mir da auch ein platz bereitt. 
G eltdorfftig ist man wol alxeit 
Hir auff er dt. — aber dort oben 
Es nicht bedarff, ist auff g' hoben! 
Lob derhalben, mein gott und Herr, 
Der mich geoffenbart der lehr. 
O b alles xeitlich lieb ieh gott, 
Jßeichthumb der Welt acht ich for kott; 
Fromb und ehrlich ist mein reichthumb! 
För gottes seegen Danck ihm drumb. 

Das gröfste Kunststück leistete sich aber 

Ehrhard Christian Hundertstund 

mit seinem Wort- Akrostichon vom Jahre 1749: 

[das Bild stellt die Kreuzigung Christi dar] 
Efir und Preifs sey dem Erlöser, welcher willig vor mich starb! 
Hart verklagte man den Frommen, der doch lauter Heil erwarb. 
Christi Leiden bringt den Trost, dafs wir selig sterben können; 
An ihm hat der Sünder Theil, den man kann bufs fertig tiennen. 
Hundert, ja viel tausend Striemen litt er für uns mit Geduld, 
Stund verschmähet an dem Kreutxe und erwarb des Höchsten Huld. 
Silber, Oold und Edelstein soll daher mich nicht erfreuen; 
Arbeit, Mühe und Gefahr will ieh als ein Christ nicht scheuen; 
Er allein sey m,eine Freude und was meinen Wunsch erfüllt! 
Zu der Seiten will ich fliehen, woraus Blut und Wasser quillt. — 
Franliftirt wird dem Leibe hier Aufenthalt und Schutz vergönnen; 
An der Seelen werd ich stets Gottes lÄeb und Gnad erkennen. 
Dem sey ewig alle Ehre, dessen Macht den Feind besiegt. 
Mein Gott hat den Todt bezwungen, drum bin ieh in ihm vergnügt. 

Solche äufserlichen und kalten Formkünsteleien — echte 
Handwerkerstücke — sind natürlich das Gegenteil von wahrer 
Poesie, deren eigentliche Seele schlichte und natürlich redende 
Empfindung ist. 

Wir gehen nun zu den Versen über, die sich nicht mehr 
auf die eigene Person, wohl aber auf den eigenen Beruf beziehen. 
Wenn es überhaupt dem Menschen naturgemäfs ist, dafs er seine 



Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 365 

eigene Arbeit und Thätigkeit schätzt und im Vergleich und 
Widerstreit mit anderen in rechte Beleuchtung zu rücken weifs 
— ein social gesunder Standpunkt, da aus ihm Berufsfreudigkeit 
und Lebenszufriedenheit quillt — , kann man es da den Gold- 
schmiedemeistern verdenken, dafs sie ihre Kunst, welche den 
kostbarsten StoiF zu dem edelsten Schmucke für die freude- und 
weihevollsten Zwecke des Lebens zu formen hat, mit besonders 
hohem Stolze betrachten und würdigen? So findet denn dieser 
Stolz auch in unserem Buche mannigfaltigen Ausdruck, und die 
Art, wie es geschieht, gereicht den biederen und frommen Mei- 
stern durchaus zur Ehre. Denn die Goldschmiede, besonders der 
älteren Zeit, sehen die eigentliche Berechtigung ihres Standes 
und Berufes und seine höchste Würde nicht in der Kostbarkeit 
seiner Erzeugnisse, sondern darin, dals er schon in der Bibel 
begründet und nach seinem Werte anerkannt wird: die religiöse 
Weihe geht ihnen also über die weltliche Schätzung, die bibel- 
festen Meister kennen nämlich die Stellen aus der Heiligen 
Schrift, in denen Gold und Silber als die wertvollsten und ge- 
diegensten materiellen Stoffe in Vergleich und Beziehung zu den 
höchsten geistigen und religiösen Gütern gesetzt werden. So wird 
von einem Meister, ungefähr im Jahre 1600, aus der Vulgata, 
Sprüche 17, V. 3 wörtlich citiert: Sicut igne probatur argentum 
et aurum carnino, ita corda probat dominus. Dazu kommen 
Psalm 12, V. 7: ^Die Rede des Herrn ist lauter wie durchläutert 
Silber im erdenen Tiegel, bewähret siebenmal.^ Maleachi 3, V. 2. 3: 
*Er (der Engel des Herrn) ist wie das Feuer eines Goldschmiedes 
und wie die Seife der Wäscher. Er wird sitzen und schmelzen 
und das Silber reinigen; er wird die Kinder Levi reinigen und 
läutern wie Gold und Silber.^ Eine Hauptstelle ist 1 Kor. c. 3, 
V. 10—15, wo die gottgefälligen, auch im Feuer des jüngsten 
Gerichts unvergänglichen Werke mit Gold, Silber und Edelsteinen 
verglichen werden, das wertlose Thun der Menschen aber mit 
Holz, Heu und Stoppeln, die im Feuer vergehen. Ja, sie wissen 
zu berichten, dafs Gott selbst die Goldschmiedekunst eingesetzt 
und die beiden ersten Goldschmiede in Gestalt von Bezaleel und 
Ahaliab berufen habe (2 Mos. c. 31, V. 2—6), und dafs die Er- 
zeugnisse des Goldhandwerkes schon in ältester biblischer Zeit 
zum Schmuck des Heiligsten und als Abzeichen priesterlicher 



366 Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 

und königlicher Würde gedient haben (2 Mos. c. 25 — 31). Auf 
solcher Grundlage der Heiligen Schrift beruhen die folgenden 
Verse, die zum Teil in Lebensbeschreibungen eingeflochten sind. 

I (vom Jahre 1589). 
Das golttsmüt Hantwerk sol man billich ehren: 
dan es ist geordnett von gott dem Herrn, 
Wie Moyses das bezeugen thut, 
und auch ist kein Mettäll so gutt, 
als goltt und silber, wie Davidt schreibett, 
dan es im feur bestendich bleibett, 
wan es schönn (?) siebefimäll probirrtt 
gleichwol lautter erfonden wirrtt. 
Sanet Paulus schreibt auch davon recht, 
sagt, er hab ein gutt fondament gelecht : 
Wan man drauff Holtz, Huy und stoppten bautt, 
Es vergeht im rauch, wie gras und kraut. 
Aber golt, silber und edelgestein 
das golt drin (?) stich im feur allein. 
So thutt der glaub von ein rechtten Christ, 
Wan er auff de^n ecJcstein Christi gebauwet ist. 

II (um das Jahr 1600). 
Ich zu Anttorf geboren bin, 
nam das goltsmitts hantwerk in sinn, 
Hab mich damit redlich ernehrt, 
Bis mich gott durch sein seegen wehrt 
und mich im Handel hatt gezogen. 
Da bey ich dan hab bewogen, 
Das goltt, perlen, edelgestein 
von gott selber geschaffen sein. 
Die stand dadurch zu underscheiden. 
Aaron hatt sich müssen kleiden 
, Anders als den gemeinen man, 
Zwelff edelgestein angethan. 
Salomon war köstlich geziert. ... 
[Der Schlufs fehlt durch Verstümmelung des Blattes.] 

III (vom Jahre 1603). 
Zu Aach ward ich ehelich geboren 
Und hab die goltsmitz kunst erkoren 
gelehrnt und mich damit ernehrtt. 
Dan die wirtt selbst von gott geehrt : 
Bezaleel und Ahaliab, 
Den gott den geist der konste gab, 



Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 



mi 



Die sindt auch goltsmitt gewesen, 
So wir in exode lesen. 

IV (um 1603). 
Derren goldtschmidt Kunst höchst op allen 
Hadt Oodt selbst woll gevallen. 
In Maleachy man liest, 
Wie er wir dt schmilsen gewis 
Und machen lauter sein Kinder 
Wie goldt und silber . . . f* ?? 
Durgs feur seins wordts er sie bewerdt 
Und im glauben xu godtt bekerdf. 
Die seinen nahmen anruffen 
Äu^g seiner Ehren sie hoffen, 
Wen Christus xu seinem preis 
Kompt xu rigten den werelt Kreis. ' 



' Eine interessante Parallele zu dieser auf die Bibel zurückgehenden 
Kechtfertigung des Berufes habe ich vom Handwerk der Zimmerleute bei 
einem Richtfest auf dem Eichsfelde kennen gelernt. Dort hiels das Mittel- 
stück des vom Polier vorgetragenen Gredichtes folgendermafsen : 



Ich ging einst zum Spazieren aus 

Und wollte eine Sache forschen aus. 

Als ich hinawi kam vor das Thor, 

sah ich einen schönen Wald davor; 

darin (hit mit Lust ich sehen 

so manche schöne Bäume stehen: 

Buchen, Tannen, Espen, Eichen, 

Die mit ihren grünen Zweiyen 

Des Sommers Wunder klar anzeigen. 

Indem sah ich von ungefähr 

einen Mann im Waid spazieren gehn. 

Er still vor manchen Bäumen stand 

und schlug daran mit seinem Stab, 

da/s es den und Jenen Schall gab, 

woraus er etwas mochl erspähn. 

Endlich hat er auch mich gesehn. 

Ich redt ihn an mit höflichem Wort 

und sprach: Mein Freund, was macht ihr 

dort? 
Er sprach : die ich anschlug, will ich be- 
stellen, 
tceil sie jetzund sind gut zum Fällen. 
Denn weil ich bin ein Zimmermann, 
schöne Häuser daraus ich bauen kann. 
Ich sprach: Mein Freund, thut mir Be- 
scheid, 
woher die Kunst gediehen so weit. 
Er sprach: Ja gar herzlich gerne. 
Ich will Euch aus der Zeiten Ferne 
Erzi'ihlen vom ersten Zimmermann, 
wer es gewesen ist auf seinem Plan: 



Adam stand einst elend und trostlos, 

bedeckt mit Feigenblättern bloß; 

An vier Orten thät er Zwiebelbaum stecken, 

leget Riegel darein und thuts bedecken 

mit Erde, Lehm und Kalk vermischt, 

damit hinein kein Regen fliefst; 

darum mit Fug man sagen kann: 

Schon Adam war ein Zimmermann. 

Wieder meldt Moses ganz getreu: 

Eh die Sündflut kam herbei, 

Redt Gott den frommen Noah an 

lind sprach: das Menschengeschlecht mvfs 

dran. 
Drum baue, ohne lang zu rasten, 
von Tannenholz dir einen Kasten, 
hoch dreifsig Ellen, fünfzig breit, 
dreihundert Ellen lang zur Sicherheit, 
von innen und außen mit Pech verpicht, 
damit hinein kein Regen fliefst. 
Auch mufs von allen Erdtieren grofs und klein 
auch ein Männlein und Fräulein hinein. 
Da er dieses nun hat vollendf, 
so wird er Zimmermann genennt. 
Nun safs der König Salomon 
Auf seines Vaters Davids Thron; 
Denn er hatte auf dem Libanon 
■80 000 Zimmerleut, der Salomon: 
Die zimmerten das Holz durchaus 
Zum Tempel wie zum Könighaus. 
So hoch, wie Jetzt ihr habt gehört, 
hat Gott das Zimmerhandwerk geehrt. 



868 Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 

Gewährte somit die Bibel die Berechtigung zu einem wohl- 
begründeten und würdigen Standesgefühle, so liefsen sich anderer- 
seits aus ihr auch Warnungen schöpfen, das Gold, das kostbarste 
materielle Gut, nicht vor den geistigen und himmlischen Gütern 
zu schätzen. So giebt (im Jahre 1729) ein Meister dem Bilde, 
auf welchem ein älterer Mann Gold und Silber wiegt, als Unter- 
schrift die Stelle aus Sirach 28, 29: ^Du wägest dein Gold und 
Silber ein; warum wägest du nicht auch deine Worte auf der 
Goldwage?' Ein anderer schreibt im Jahre 1603 die gedrungenen 

Verse : 

Wer goltt über gott thut Heben, 

Der hatt mitt geits gotts geist verdrieben 
Und ist ihm gott noch goltt nit blieben, 

und nicht minder kernig drückt den gleichen Gedanken ungefähr 
zu derselben Zeit ein aus den Niederlanden gebürtiger Zunft- 
genosse aus: 

Das beste Kleinott drag ins Herz, 

Das ist: christi Leiden und smerx; 
Das auff die Kleider ist nur Schertx! 

Aber neben dieser religiösen Betrachtungsweise kommt bald auch 
der rein weltliche Stolz auf die Vorzüge und den irdischen Wert 
der Goldschmiedekunst in harmloser Form zum Ausdruck. 

I (ungefähr vom Jahre 1632). 
Ooltt und Silber zu vermüntzen, ist ein feine Kunst, 
Die arbeit daran ist nicht umbsonst. 
So fressen die wahr auch nicht die schaben; 
mann darff auch nicht lang feil dran hohen: 
wanns fertig ist, so ists baar geltt, 
das andern künsten noch weit fehlt. 

II (vom Jahre 1774). 
Mein schliefender Oedanke 
Sey unserer Kunst geweiht; 
Dafs nie der Staat erkranke. 
Der Sie mit Geld erfreut! 

Viele Köpfe, viele Sinn&n, 
Das ist nun einerley : 
Ein jeder mufs gewinnen, 
Dafs er zufrieden sey. 

Uns liefert Holland Steine, 
Die edler sind als Ooldf 



Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 369 

Wir fassen grofs und kleine, 
So wie das Geldgen rollt/ 

Wir schmücken Frauenzimmer 
Hand, Hals und Kopfe aus, 
Und selbst der Kronen Schimmer, 
So mancher edler Straufs 
Sind unserer Künste Früchte, 
Sie leben stets in Flor! — 
Hier ziehet mein Gedichte 
Den Abschieds Vorhang vor. 

III (vom Jahre 1777). 

[Das Bild zeigt den Eingang zu einem Bergwerke mit mannigfach arbeitenden 

Männern.] 

Wa^ ist des Menschen Wunsch, was ihre Lust auf Erden? 
An Schätzen reich xu seyn, die hier gegraben werden. 
Doch würden Menschen sie wohl je so heftig lieben, 
Wenn sie so rohen Stofs, so unpolieret blieben? 
Der Bergmann macht sie schon von viel&n Schlaken rein; 
Doch können sie noch nicht der Menschen Zierde seyn. 
Nur unsere Kunst allein kan sie zum Glanz erheben, 
Dafs sie ein strahlend Licht und Schmuck und Reize geben. 
Drum lebe unsere Kunst! bis zu der fernsten 2!eit 
Sey ihr des Kenners Lob und Beyfall stets geweyht! 

Den Hauptstock der Sammlung bilden die Gedichte, in 
denen nicht der Berufsmensch, sondern der Mensch an sich zu 
Worte kommt; und in ihnen finden wir den Niederschlag dessen, 
was die in Mühe und Arbeit, in Handel und Wandel gereiften 
Meister an Lebensweisheit gewonnen haben. Manche von den 
Versen, welche sprichwörtlichen Charakter tragen, sind sicher 
aus dem geistigen Besitz des Volkes übernommen; aber auch 
bei ihnen ist, wenn auch nicht die Entstehung, so doch die Ver- 
wendung bezeichnend für die Gesinnung der Meister. 

Ernst ist das Leben, und von ernster Gediegenheit ist auch 
diese Handwerkerweisheit; nur spärlich wagen sich die Stellen 
heraus, die einen leichteren, launigen Ton anschlagen. Dafs der 
Mensch auf den Menschen angewiesen ist zu gegenseitigem Tra- 
gen und Erleichtern des Daseins, das lehrte die Zunftgenossen 
Tag für Tag das Leben; und so werden denn die geselligen 
Tugenden, die einen einträchtigen und förderlichen Verkehr her- 
stellen, in erster Linie empfohlen: Einigkeit, VersöhnUchkeit, 

Archiv f. n. Sprachen. XCV. 24 



870 Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 

Nachgiebigkeit, Treue und Freundschaft, Barmherzigkeit werden 
zur Pflicht gemacht; der vorsichtige Gebrauch der Zunge wird 
dringend angeraten, die Schweigsamkeit als Hauptvorzug geprie- 
sen, andererseits Verleumdung des Nächsten gebrandmarkt. Mit 
erfahrener Weltklugheit entwickelt ein Meister ein ganzes Pro- 
gramm für den Umgang mit Menschen. Aber mit dieser Zeich- 
nung des Ideales im Verkehr untereinander verbindet sich die 
nüchterne Erkenntnis von der unvollkommenen Wirklichkeit. Über 
die Fährlichkeiten des Lebens, über die Mängel des Weltgetriebes, 
über die Unzuverlässigkeit der Menschen wird nachdrücklich ge- 
klagt; vor falschen Freunden wird gewarnt, und mit männlicher 
Resignation bemerkt einer der Dichter, da man den bösen Mäu- 
lern der Menschen doch nicht entgehen könne, so solle man sich 
im Thun und Handeln mit dem Beifall des eigenen Gewissens 
und vor allem Gottes genügen lassen. 

Diesen Beifall verdient man sich nach den Aussprüchen 
des Meisterbuches aber nur, wenn man die eigene Lebensaufgabe 
mutig und tüchtig erfafst und durchführt. Ordnungsliebe und 
Gewissenhaftigkeit, Vorbedachtsamkeit und Geduld, Ehrlichkeit 
und Sparsamkeit werden als die notwendigen Eigenschaften 
wackerer Berufserfüllung betont. Die sittliche und geistige Be- 
deutung der Arbeit wird begründet. Dem Hinweis auf die 
Flüchtigkeit der Zeit steht die Mahnung zu tüchtiger Ausnutzung 
derselben zur Seite; und die Hauptdevise der frommen und flei- 
fsigen Meister bildet recht angemessen der lateinische Spruch 
Ora et labora^ der bald wörtlich citiert, bald in deutschen Versen 
ansprechend variiert wird. 

Damit gelangen wir zu der Grundlage der Lebensphilosophie 
unserer Meister, zu ihrer innigen und ergebenen Frömmigkeit. 
Durchdrungen von der Vergänglichkeit des Lebens, der Nichtig- 
keit aller irdischen Güter, sehen die Wackeren ihren Halt und 
ihren sicheren Port allein in dem allmächtigen, in Lohn und 
Strafe allgerechten Gott und seinem göttlichen Vermittler Jesus 
Christus. Dieser Glaube, der in mannigfachster Form zum Aus- 
druck gelangt, leitet die Meister hoffnungsvoll und erhebend 
durchs Leben. Er verleiht ihnen die Fähigkeit, unter den Gütern 
der Welt zwischen dauernden und vergänglichen zu unterscheiden; 
er giebt ihrem ganzen Thun die Richtung auf das Gute; er be- 



Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. "STl 

wahrt sie im Glück vor ÜberhebuDg, im Unglück vor Verzweif- 
lung; er verleiht Kraft und Geduld im Leiden der Erde und 
eröffnet überall mahnend und tröstend die Aussicht auf das 
bessere Jenseits. So klingen denn auch die Sprüche, die als eine 
Art von Vademekum die Hauptsumme der Lebensweisheit ziehen, 
meist aus mit dem Hinweis nach Oben. 

Die nachfolgenden Belege mögen diese kurze Inhalts-Cha- 
rakteristik der in dem Stammbuche vorherrschenden Poesie recht- 
fertigen. 

Um das Jahr 1630. 
[Das Bild stellt vier sich kreuzweise fassende Hände dar.] 
Die Umschrift lautet: 

Lieber, nim dis woll in acht: 
Die Einigkeit bringt grofse macht. 

1661. 

[Auf dem Bilde sieht man einen alten, auf einem Lager ruhenden König, der 

einen Pfeil entzwei gebrochen hat, während seine Söhne vergeblich ein Bündel 

Pfeile zu zerbrechen versuchen] 

Schaw trewe Vatters lehr. Ein Pfeil ist leicht xu schwächen; 
Doch kan das gantx gebund der Söhne keiner brechen. 
Wo also freundschafft ist, die fest bey sammen hell. 
So treibt sie ihren feind gar leichtlich atis dem feld. 

1748. 
[Das Bild bezieht sich auf das Freundespaar David und Jonathan.] 

Wie dorten Jonatan und David sich verbunden, 

So wirds gar selten mehr In dieser Welt gefunden. 

Doch stell difs Gleichnis uns das schönste Muster dar, 

Wie doch die Einigkeit Das beste Kleinod war. 

Difs sey auch stets mein Wunsch; Drum lafs ich Oott mir walten, 

Der woll xu jederxeit das Friedensband erhalten. 

Um 1650. 
[Auf dem Bilde wird der Triumph der Eintracht, Treue und des Friedens über die 
Laster des Neides, des Geizes, des Zornes und der HoflFart allegorisch dargestellt] 

Welcher will sein ein Christ genandt, 
Dem soll difs Bildt sein woll bekandt. 
So er sein leben rieht darnach, 
wirdt im gewifslich hie kein schmach 
In diesem lebenn widerfahm, 
sunder wirdt mit xeit unnd Jahrn 
Oruenen wie ein Balmxweig hoch 
mit gesundheit und freudenn doch. 

24* 



372 Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 

Das merk also inn disem Bildt, 
Darmit du nit seist also wildt: 
Die wäre treu durchs Herx wol gieb 
mit einigkeit unnd rechter lieb. 
Sunder Neid, Hafs vnder den fufs drit, 
Den Qeitx und Hoffart auch hiemit. 
Frit herschen lafs inn deinem sinn, 
so hastu gewifs ein reichen gwinn 
Und lüirst auch hie ein Helt genandt, 
darxu hey Gott ganz woll bekandt. 
Der dir wirdt geben denn %u lohn 
Die ewig freud und Himlisch Krön. 
Das wöln wir alle Reich und arm 
Oott bittenn, der sich doch erbarm 
Und geb uns ein solch Herz unnd mut, 
Dafs wir allhie mit leib unnd gut 
Einander dienern in der nodt, 
wie frommen Christen wol anstodt. 
Das geb uns Oott durch Jesum Christ, 
der aller Herxenn kenner ist, 
Wöll uns gebenn sein heiigen geist 
nach im %u wandten allermeist. 
Amenn. 

1614. 

[Das Bild zeigt zwei Ziegenböcke auf schmaler Brücke, die sich nicht ausweichen 

wollen.] 

Wen einer dem andern in gut dhet weichen, 
Dü/rfft man wenig Streit vergleichen. 

Wer seines Nechsten Unglückh lacht. 
Dem Blut das seinig über Nacht. 

1733. 
[Auf dem Bilde giebt ein Mädchen am Brunnen einem armen Reisenden zu trinkeii 
Die Überschrift lautet: 

Liebe vergröfsert es 
die Unterschrift: 

Es ist barmherzig seyn das beste Wucherleben: 
Indem m,an Armen gibt, wird uns von Oott gegeben. 

1777. 
Tausend Thaler sichre Renten 
Alle Jahre zum Oenufs, 
Und das Göttliche Vermögen, 
Wohl zu thun vom Überflufs: 



Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. - 873 

Dies ist meiner Wünsche Summe, 
Dies ist meines Strebens Ziel; 
Alles scheint mir aufser diesem 
Thorheit oder Kinderspiel. 

1630. 

Auf Erden höh ich nichts edeleres funden, 
Dan treuw von Hertxen undt still von munde. 

1729. 

Hil/f, dafs ich rede stets, womit ich kan bestehen! 
Lafs kein unniitxes Wort aus meinem Munde gehen; 
Und wenn in meinem Amt ich reden sol und muß. 
So gieb den Worten Kr äfft und Nachdruck ohn Verdrufs! 

1712. 

Es ist auff Erden kein besser List, 
Wer seiner Zungen ein Meister ist. 
Viel toissen und wenig sagen. 
Nicht antwortten auff alle Fragen. 
Lafs ein Jeden sein, wer er ist, 
So bleibstu auch, wer du bist! 

1666. 

Falsche Zung ist nicht xu meiden. 
Was Oott schickt, das mufs man leiden. 
Bleibe ehrlich bis ins Orab. 
Seine Ehr schneid Keinem ah! 

1664. 

Distlen stechen und Nesslen brennen, 

Wer kan alle falsche Hertxe erkennen! 

Doch wil ich lieber durch Distlen und Dornen baden, 

alls mit falschen Zungen sein beladen. 

1773. 

Im Unglück nicht bestürzt, im Glück 

nicht übermüthig; 
Bey Kleinen niemahls stoltz, bey 

Hohen ehrerbietig; 
Bey Freunden niemahls falsch, bey 

Feinden unverzagt; 
Bey Gönnern voller Dank, bey 

Neidern nie geklafft; 



874 Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 

Im Leben xwar nicht frech, doch 

auch nicht niederträgtig : 
So thut man nach Vernunft, so 

handelt nian bedächtig. 

1664. 

Oute wordt under dem falschen Schein 

Geben etliche xum- offtern ein, 

Doch wollen Sie für gute freundt gehalte sein. 

1680. 

Solange dir das Olück in alle Segel wehet. 

Solange hast du Freund; im fall es sich verdrehet. 

Und Trübes Wetter wird, so sitzest du allein. 

Und wil dann keiner fast dein Freund und Kenner sein. 

Drum weil die Welt so falsch und Jedem nicht %u Trauwen, 

So ist die beste Kunst auff Gottes Hülffe bauwen. 

1642. 

Wenn der Neidt thet brennen tvie Feuer, 
So were das Holtx nicht so theusr, 
Unnd waren der Neider noch so viel, 
So geschieht doch, was Gott haben will. 
Thu recht, schew niemandt. 
An Gottes Segen is alles gelegen. 
Gedult überwindet alles! 

1630. 

Niemand auff erden ist, der Jean 
Zu gefallen leben Jederman 

Und thun, was einen Jeden gefeit. 

Weil es den so steht in der Welt, 
So sol man billich alxeit recht thun. 
Damit man kan fü/r Gott bestan. 
Auch alle Sachen so fangen an, 
Das frome leut ihr lust dran han. 

1614. 

Wan wir hatten all einen glauben, 
Gott und gemeinen Nutx vor äugen. 
Eine volle Maafs und Rechts gewicht. 
Den güldenen Fried und Recht gericht, 
Daxu gutt Freund und gut gelt: 
So stund es wohl in aller Welt. 



Beiträge zur deutschen Haudwerkerpoesie. 375 

1762. 
Es führet mich das falsche Olück 
fÄtis Dresden nach Frankfurt xuriick, 
Und xwar durch Schrecken, Krieg und Brand 
Zum Meister-Recht im Vate7'land. 
Der dieses liest, gedenk dabei, 
Das er nie frey vom Unglück sey! 

175B. 
Es leiden Ungemach die Bäume, Feld und Wiefsen, 
Wenn Hagel, Kalt und Schnee, auch Regen überfliefsen ; 
Noch mehr erduldet der, der fremhde Land durchzieht. 
Doch wer den Herren furcht, den schützet seine Oütf 

1748. 

[Auf dem Bilde eine Sonnengöttin, im Wagen durch die Wolken fahrend, der 

durch zwölf Engel knaben gezogen und^ geschoben wird.] 

Die Zeit, der Sonne Lauf ist Königin der Welt, 

Zwölff Kinder hat Sie sich xu ihrem Lauf bestellt, 

So Tagesstunden sind, die ohne xu verweilen, 

Mit schneller Flügeln Schwung nach Ewigkeiten eilen. 

Die Thorheit, Müfsiggang, der Laster Zauberey, 

Der Mißbrauch machen sich von Ihren Pflichten frey. 

Der Stunden gröfster Theil wird wollüstig verschwendet, 

Und der geringre kaum xur Arbeit angewendet. 

Wie klein ist nicht der Theil, den man Oott eingeweiht! 

Wie frech, wie faul, tvie blind misbrau^ht man nicht die Zeit! 

Um 1630. 
Der mensch ist drumb vernünftig, weis, 
Das er trag sorg, hob muhe unt fleis. 
Den wer onh sorg ist, der thut eben 
Wie unvernunfftich vieh hinleben. 
Wen wir noch weren im paradis, 
So het es vil eyn andere weis; 
Jetx aber für das teglich brodt 
Mus jeder sorgen fru und spat. 
Schauw an die omais unt gib a^ht, 
Wie sie nach ihrer notdurft tracht. 
Ja schem dich, das dies thirlein klein 
Soll hierin dein schulmaister sein. 
Darum wer nach ehr und fromkeit strebt, 
Wert seines berufs, der ist ernert. 

1763. 
Geduld, Vernunft und Zeit 
macht möglich die Unmöglichkeit. 



876 Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 

1689. 
In deynem Beruff sey geflissen; 
Thue alles mit reinem Gewissen! 
Wirstu nach dieser Regullen leben, 
Das wird dir dann viel gutes gehen. 
Halt dich schlecht und recht nach deinem staht, 
Setxe die Zehrung nach der Nahrung und folg meinem Bathf 

1695. 
Thu alles mit bedacht und Scheu, 
Dafs dich dein Thun hernach nicht reu. 
Sihe vor dich und thu nichts ohne Rath, 
Äuff dafs dichs nicht Reu nach der That. 
^ Den es wird nichts so fein gesponnen, 
Dafs endlich nicht kompt an die Sonnen. 
Halt dich nur als ein frommer Mann, 
Der nichts unEhrliches gethan: 
Wirstu als dann gefochten an 
Von Bösen Mäulern, was ligt dran? 
Denk, es wird bald kommen der Tag, 
Der alles offenbahren mag. 
Denn es wird doch allhier auff Erden 
Nicht besser, sondern ärger werden. 

Um 1770. 
Wie seelig lebt ein Mann Der seine Pflichten kent 
Und seine Pflicht xu thun Aus Menschenliebe brent. 
Der, wenn ihn auch kein Eyd xum Dinst der Welt verbindet, 
Beruff und Eyd und Amt schon in sich selber findet! 

1739. 

[Auf dem Bilde sehen wir eine Wasserlandschaft mit beladenen Schiffen, Mühle 
und thätigen Menschen.] 

Zwey Hände hat mir Gott gesund und frisch gegeben. 
Die will ich Lebenslang nicht lassen müfsig ruhn: 
Erst will ich sie xu Gott gen Himmel hoch erheben. 
Drauf sollen sie ihr Werk und Amt mit Freuden thun : 
Das heist, ich will xusrst das Ora wohl ermessen 
Und das Labora auch daneben nicht vergessen. 

1701. 
[Das Bild stellt eine Familie: Vater, Frau, Knabe, vor, die alle drei fleifsig arbeiten.) 
Darüber: Ora et labora 

Darunter: Hab Gott vor Augen, fleifsig beth! 

Ohn dieses sonst kein Ding gereth. 



Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 877 

Thu auch darhey alxeit das Dein: 
Wirstu hier reich, dort seelig sein. 

1736. 
[Im Wappen befinden sich die Symbole der Zeit, wie Stundenglas, Sense u. s. w.] 

So flüehtig wie der Wind eilt unsre Zeit vorhey; 

Der Ein- und Ausgang ist bey allen einerley. 

Bald spielt, bald schertxt und lacht der Mensch bey guien Tagen, 

Bald sieht man weinend ihn die Eitelkeit beklagen. 

Oft läfst sein Glücke sich wie Rosen- Stöcke sehen, 

Davon die Blätter doch bald zur Verwelkung gehen. 

Und endlich nimmt der Tod die Sense in die Hände, 

Das Stunden- Olafs lauft aus, das Leben eilt Mim Ende. 

1695. 

Heute leben wir. Morgen sind wir Todt: 
Es ist mit uns nur Jammer und Noth. 

1626. 

Gleich wie verwelkt ein Blumenstrauß, 
ein liecht verlescht, ein uhr lauft aus, 
eine blas xerfährt, ein knaul lauft ab, 
also der mensch stirbt, mus ins grab. 

1744. 

[Der Mittelpunkt des Bildes ist eine Flufslandschaft mit Brücke, Häusern, Schwä- 
nen etc. An der einen Seite ist ein Kartenblatt mit König David, daneben eine 
halbe Karte mit der Karo-Zehn, zwischen beiden ein vergilbtes Tapetenmuster 
gezeichnet. In die Landschaft hinein ragt der Fetzen eines Kalenderblattes, am 
Rande sitzt eine Fliege.] 

Geneigter Leser/ schau hier dieses Bildniss an. 

Das die Vergänglichkeit sehr wohl vorstellen kann: 

Die Fliege zeiget dir, wie unsre Lebens-Zeit 

In einem Huy verfliegt in die Vergänglichkeit. 

Was hilffts? dafs mancher Narr thut stets Calender machen, 

Er sorgt und quälet sich mit Kummervollen Sachen, 

Denckt nicht in seinem Sinn, dafs alles eitel sey. 

Und alles in der Welt in kurzer Zeit vorbey. 

Schau diesen König an, sucht mancher nicht sein Glücke 

In seinem Königreich mit falsch und böse Tücke? 

Offt kommt der Zehender und seine Spiefs- Gesellen 

Und thut den König ganz zu Grund und Boden fällen. 

Drum ist des Menschen Thun, wie jener Weise spricht. 

Mit Eitelkeit erfüllt. Und glaubst du dieses nicht, 



378 Beiträge zur deutschen Handwerkerpoesie. 

So schaue dies Papier, so schiyn von Anfang war, 

Mit Farh und Qold geziert, nun auf der Toden-Bahr 

Erblast, verbleicht, auch nicht so schöne sich mehr zeiget, 

Weil die Vergänglichkeit sich auch zu ihm geneiget. 

J)ru7n wer in dieser Welt will Ehr und Ruhm erhalten, 

Der lasse seinen Gott in allen Stücken walten! 

Der tveifs, wenns nöthig ist und wenn Ers geben soll. *'^ 

Offt ist der mifsvergnügt, der beyde Hände voll. 

Ein gut Gewissen ist in allem Thun das best. 

Wer dies zur Richtschnur nim